{"id":647,"date":"2015-08-09T12:04:41","date_gmt":"2015-08-09T10:04:41","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=647"},"modified":"2016-10-13T11:56:12","modified_gmt":"2016-10-13T09:56:12","slug":"schweiz-die-netten-nazis-von-nebenan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=647","title":{"rendered":"Schweiz: Die netten Nazis von nebenan"},"content":{"rendered":"<p><strong>Am Samstag, 1. August versammelten sich \u00fcber 100 Neonazis in Sch\u00f6nenberg zu einem Rechtsrockkonzert. \u201eAufger\u00e4umt\u201c, \u201eruhig\u201c, \u201enicht st\u00f6rend\u201c sei das gr\u00f6sste Nazitreffen der Schweiz seit Jahren im Z\u00fcrcherischen Sch\u00f6nenberg gewesen. Die b\u00fcrgerliche Presse \u00fcbersieht dabei die eigentliche Bedeutung des Treffens.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>von antifaschistischen AktivistInnen aus dem Raum Z\u00fcrich<\/p>\n<p><strong>Faschistische Vernetzung und ihre Folgen<\/strong><\/p>\n<p>Medien und Politik verkennen die Dimension dieses neuerlichen Nazi-Treffens in der Schweiz. Tele Z\u00fcri und 20 Minuten berichten haupts\u00e4chlich von den Bestrebungen der Nazis, das Festgel\u00e4nde im guten Zustand zu hinterlassen. Die Szene werde zu Unrecht verteufelt, meint ein anonymer Teilnehmer. In den Kommentarspalten \u00e4ussern zahlreiche User Verwunderung \u00fcber die vielen ausl\u00e4ndischen BesucherInnen aus \u00d6sterreich und Deutschland, welche das Fest offenbar anlockte. Nazis w\u00fcrden doch andere Nationen, ausser die eigene, verachten, fragten sich die User. Diese Annahme verkennt die Bedeutung der \u00fcberstaatlichen Vernetzung der Neonaziszene (sowohl im deutschsprachigen Raum, als auch oftmals dar\u00fcber hinaus). Es ist kein Zufall, dass die Waffe, welche f\u00fcr die mindestens neun Morde des NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) benutzt wurde, \u00fcber einen Schweizer Mittelsmann nach Deutschland kam. [1] Ausserdem: Der Mord an einem Rabbi am 7. Juni 2001 in Z\u00fcrich ist nach wie vor nicht aufgekl\u00e4rt. Eine Verbindung zur NSU-Terrororganisation wurde vermutet, konnte aber bis heute nicht bewiesen werden. [2]<a name=\"_ednref2\"><\/a> Immer wieder werden transnationale Verwicklungen von Nazigruppen im Zusammenhang mit Gewaltakten aufgedeckt. Das sogenannte Blood and Honour Netzwerk, welches das Treffen in Sch\u00f6nenberg organisierte, ist in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, vor allem in England, Deutschland und Skandinavien aktiv. Blood and Honour versteht sich selbst als elit\u00e4re Vorreiterorganisation um faschistisches Gedankengut zu verbreiten. Bewusst wird Rockmusik ben\u00fctzt um \u00fcber dieses Medium die eigene Vernichtungsideologie zu transportieren. Deshalb kommt es immer wieder zu Nazikonzerten wie letzten Samstag in Sch\u00f6nenberg oder am 21. September 2013 in Ebnat-Kappel (SG).[3]<a name=\"_ednref3\"><\/a> In den meisten L\u00e4ndern ist das Netzwerk verboten. Da dies hierzulande nicht der Fall ist, gilt die Schweiz unter Neonazis aus ganz Europa als \u201eKonzertparadies\u201c. Ein internationaler Event, wie dieses Wochenende in der Abgeschiedenheit von Sch\u00f6nenberg, ist der perfekte Ort f\u00fcr die Vernetzung unter den verschiedenen Nazifraktionen. Der \u201ekorrekte\u201c Ablauf des Treffens darf dabei nicht \u00fcber die politischen Antriebe hinwegt\u00e4uschen.<\/p>\n<p><strong>Holocaustleugnung als Pflichtprogramm unter Nazis<\/strong><\/p>\n<p>Einige Medien scheinen zudem ein sehr naives Bild der Naziszene zu haben. So war in einem Bericht von Tele Z\u00fcri zu h\u00f6ren, dass unter den Anwesenden auch \u201eeinige Holocaustleugner\u201c zugegen gewesen seien. Um in der Neonaziszene aber \u00fcberhaupt Fuss zu fassen, ist eine Holocaustleugnung absolute Voraussetzung.<\/p>\n<p>Auch darf man sich das Treffen in Sch\u00f6nenberg nicht als gem\u00fctliches Grillieren vorstellen: Sofern die Nazis nicht von der Polizei oder den Medien \u201egest\u00f6rt\u201c werden (in Sch\u00f6nenberg liess die Polizei das Treffen nach eigenen Angaben unbeobachtet), geh\u00f6ren \u201eSieg-Heil-Rufe\u201c, \u201eHitler-Gr\u00fcsse\u201c und verbotene Nazilieder zum Standardrepertoire einer solchen Veranstaltung.[4]<a name=\"_ednref4\"><\/a> Der S\u00e4nger der Band \u201eDie Lunikow Verschw\u00f6rung\u201c war fr\u00fcher Frontmann bei der in Deutschland mehrfach verurteilten Band \u201eLandser\u201c, die Textpassagen wie \u201eDoch wir glauben nicht an des F\u00fchrers Selbstmord \/ in unseren Herzen lebt er ewig fort. \/Adolf Hitler \u2013 unser F\u00fchrer, Adolf Hitler \u2013 unser Held\u201c von sich geben. Gut m\u00f6glich, dass \u201eDie Lunikow Verschw\u00f6rung\u201c in der Sicherheit von Sch\u00f6nenberg die alten Landser-Klassiker spielte.<\/p>\n<p><strong>Die Band Amok: Morddrohung und gewalt\u00e4tige \u00dcbergriffe<\/strong><\/p>\n<p>Viel geschrieben wurde im Vorfeld des Konzerts \u00fcber die Attacke auf einen orthodoxen Juden im Stadtz\u00fcrcher Kreis 3 am 4. Juli 2015. Angef\u00fchrt wurde der dutzende Personen umfassende Faschistenmob vom S\u00e4nger der Neonazi-Band Amok aus dem Z\u00fcrcher Oberland, Kevin Gutmann. Er bespuckte den Juden, schrie ihn an, er solle nach Ausschwitz gehen. Einzelne Bandmitglieder wurden schon vor einigen Jahren wegen Schl\u00e4gereien verurteilt. 2007 bedrohten sie in einem Lied den antifaschistischen Journalisten Hans Stutz mit dem Tode. Dieser erstattete Strafanzeige, was zum Verbot des Amok-Tontr\u00e4gers f\u00fchrte. Um einer weiteren juristischen Verfolgung zu entgehen, behauptete Amok in den darauffolgenden Jahren lediglich \u201eSoldatenlieder\u201c zu singen. Die neuerliche Attacke und das Konzert zeigen: Solche Neonazis m\u00f6gen sich zur\u00fcckziehen, wenn sie unter Druck geraten. Doch sie k\u00f6nnen jederzeit wieder in Aktion treten. Ebenfalls in den Schlagzeilen, zumindest in Deutschland, war vor kurzer Zeit Alexander Gorges, der teilweise \u2013 die Besetzung der Band \u00e4ndert von Zeit zu Zeit \u2013 auch bei Amok spielte. Ein geplanter Waffendeal in Kassel, bei dem Gorges zwei halbautomatische Pistolen vom Kaliber 9\u00a0mm samt zugeh\u00f6riger Munition kaufen wollte, konnte Ende Juli dank Recherchen von aktiven AntifaschistInnen aus Freiburg i. B. verhindert werden. [5]<a name=\"_ednref5\"><\/a> L\u00e4sst man Nazis sich also ungest\u00f6rt vernetzen, muss man mit Konsequenzen rechnen. Dieses Wochenende fand in Sch\u00f6nenberg eine der gr\u00f6ssten Netzwerkveranstaltungen der deutschsprachigen Naziszene der letzten Jahre statt.<\/p>\n<p><strong>Die rassistische Hetze der Mitte- und Rechtsparteien bilden das Klima f\u00fcr die Nazis<\/strong><\/p>\n<p>Deutschland zeigt exemplarisch, wie jahrelange Hetze der etablierten Parteien CDU\/CSU, aber auch von Vertretern der Sozialdemokratie (genannt sei u.a. Thilo Sarazzin), ein Klima des Hasses und der Gewalt gegen\u00fcber der ausl\u00e4ndischen Bev\u00f6lkerung erzeugen. Diese, auch in der Schweiz bemerkbare, \u201esalonf\u00e4hige\u201c Fremdenfeindlichkeit, die Hetze gegen angeblichen Asylmissbrauch, aber auch die Legitimierung von Stammtischparolen im Sinne von \u201edas wird man wohl mal noch sagen d\u00fcrfen\u201c bilden den N\u00e4hrboden f\u00fcr Neonazi-Strukturen, welche wiederum bereit sind physische Gewalt gegen die \u00e4rmsten und schw\u00e4chsten unserer Gesellschaft anzuwenden. In Deutschland kommt das beispielsweise dann zum Ausdruck, wenn rechtsextreme T\u00e4ter Asylheime anz\u00fcnden, getragen, befl\u00fcgelt und legitimiert durch sogenannte \u201eB\u00fcrgerproteste\u201c sowie durch eine Politik, die in der Zuwanderung ein \u201eernstes Problem\u201c sieht. In der Schweiz halten sich Gewaltakte von rechts, wie der oben angesprochene \u00dcbergriff in Z\u00fcrich, momentan gl\u00fccklicherweise in Grenzen. Das ist nicht zuletzt auch einer kontinuierlichen antifaschistischen Arbeit verschiedener linker Gruppierungen zu verdanken. Wenn aber die Hetze von rechts weiter zunimmt, neben der SVP nun auch die CVP beispielsweise Fronarbeit f\u00fcr AsylbewerberInnen fordert und man gleichzeitig die intensive europ\u00e4ische Vernetzung der Neonaziszene zul\u00e4sst, dann wird es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch in der Schweiz wieder Notunterk\u00fcnfte brennen und Menschen auf offener Strasse verpr\u00fcgelt werden. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass es soweit kommt. Wehret den Anf\u00e4ngen! Es liegt an uns.<\/p>\n<p><strong>Kein Terrain den Neonazis \u2013 weder in Sch\u00f6nenberg noch sonst wo!<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Sie als BewohnerInnen von Sch\u00f6nenberg sollte die Veranstaltung vom 1. August ein Weckruf sein. Scheinbar gibt es Personen in ihrem Dorf, die einen solchen Anlass nicht nur tolerierten, sondern ihn wohl auch logistisch und mit der Bereitstellung eines Lokals erm\u00f6glichten, und das Gedankengut teilen.<\/p>\n<p>Anstatt wegzuschauen, stehen wir gemeinsam ein f\u00fcr eine solidarische und offene Gesellschaft. Machen wir den Mund auf, wenn wir ZeugIn rassistischer oder antisemitischer Vorf\u00e4lle werden. Sagen wir Nein, wenn der menschenverachtende Faschismus versucht sich breit zu machen! Nie wieder Faschismus, nie wieder!<\/p>\n<p>\u2014\u2014-<\/p>\n<p>[1] http:\/\/www.suedostschweiz.ch\/politik\/die-schweizer-waffen-connection-am-nsu-prozess<\/p>\n<p>[2] Der selbsternannte Nationalsozialistische Untergrund ermordete zwischen 2000 und 2007 in Deutschland mindestens 9 Menschen, ver\u00fcbte mehrere Bombenanschl\u00e4ge und beging \u00fcber ein Dutzend Raub\u00fcberf\u00e4lle. Zudem gibt es einige Verbindungen der NSU-Zelle in die Schweiz: Die Tatwaffe der meisten NSU-Morde, eine Ceska-Pistole, hatte Anfang der neunziger Jahre in der Schweiz den Besitzer gewechselt. Zudem soll ein Mitglied der Terrorzelle laut der \u201cBerliner Zeitung\u201d 1998 oder 1999 aus einer Telefonkabine in der Schweiz telefoniert haben. Der Mann sei dabei abgeh\u00f6rt worden. Im Urlaub auf Fehmarn sollen sie sp\u00e4ter in einem Auto mit Schweizer Kennzeichen unterwegs gewesen sein.<\/p>\n<p>[3] http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/panorama\/vermischtes\/300-Neonazis-an-Konzert-in-EbnatKappel-\/story\/15185870<\/p>\n<p>[4] Wie etwa 2005 im Wallis: http:\/\/www.tagesanzeiger.ch\/schweiz\/standard\/Blut-muss-fliessen-knueppelhageldick\/story\/13915032?print=yes&amp;cache=9efAwefu \u201eLasst die Messer flutschen in den Judenleib\u201c, gr\u00f6lte das Publikum damals zu einem beliebten Neo-Nazi Song.<\/p>\n<p>[5] https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/149533 und http:\/\/www.hna.de\/kassel\/waffendeal-unter-neonazis-staatsanwaltschaft-kassel-ermittelt-5301962.html<\/p>\n<p><em>Quelle: sozialismus.ch vom 7. August 2015<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Samstag, 1. August versammelten sich \u00fcber 100 Neonazis in Sch\u00f6nenberg zu einem Rechtsrockkonzert. \u201eAufger\u00e4umt\u201c, \u201eruhig\u201c, \u201enicht st\u00f6rend\u201c sei das gr\u00f6sste Nazitreffen der Schweiz seit Jahren im Z\u00fcrcherischen Sch\u00f6nenberg gewesen. 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