{"id":6473,"date":"2019-11-22T11:10:24","date_gmt":"2019-11-22T09:10:24","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6473"},"modified":"2019-11-22T11:10:25","modified_gmt":"2019-11-22T09:10:25","slug":"der-putsch-in-bolivien-und-die-debatte-ueber-wirtschaftliche-motive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6473","title":{"rendered":"Der Putsch in Bolivien und die Debatte \u00fcber wirtschaftliche Motive"},"content":{"rendered":"<p><em>Gaston Remy. <\/em><strong>W\u00e4hrend die Putsch-Regierung zusammen mit den Streitkr\u00e4ften Arbeiterklasse und die Bauernschaft, die sich weiterhin wehren, unterdr\u00fcckt und die MAS [die Partei von Evo Morales] zusammen mit F\u00fchrungen<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> der Gewerkschafts- und Sozialbewegungen mit den Putschisten verhandelt, ergeben sich in Argentinien unterschiedliche Interpretationen \u00fcber die wirtschaftlichen Motive des Putsches.<\/strong><\/p>\n<p>Die in Bolivien nach dem Putsch entstandene Lage erregt allgemeine Aufmerksamkeit, auch in der argentinischen Provinz Jujuy. Die Bilder vom Massaker an der Landbev\u00f6lkerung der Kleinstadt Sacaba in Cochabamba oder von der Repression in der Kohlenwasserstofffabrik Senkata in der Stadt El Alto lassen keinen Zweifel aufkommen. Es handelt sich um einen Putsch.<\/p>\n<p>Innerhalb des breiten Spektrums der Argentinier, die sich gegen die Putschisten stellen, kursieren unterschiedliche Interpretationen \u00fcber die wirtschaftlichen Motive, die hinter dem Putsch stehen. Im Gro\u00dfen und Ganzen k\u00f6nnten wir sie in zwei Visionen zusammenfassen. Eine von ihnen spricht von einer \u00abneoliberalen Rache\u00bb, die die Beseitigung der wirtschaftlichen Verbesserungen betont, die durch die Arbeiter-, Bauern- und Volksmehrheiten w\u00e4hrend der MAS-Regierungszeit in Bezug auf Besch\u00e4ftigung und Zugang zum Konsum erzielt wurden, Einkommenssteigerungen, die die Armut reduzierten und ihre Lebensbedingungen verbesserten. Mit dem \u00f6konomischen Motiv verbunden steht die Entwicklung des Rassenhasses gegen die Mehrheit einer indigenen Bev\u00f6lkerung als Mechanismus der sozialen Disziplinierung zu entwickeln. Dieser k\u00f6nnte bei einer allf\u00e4lligen Konsolidierung des putschistischen Regimes eine st\u00e4rkere Ausbeutung der Arbeitskr\u00e4fte erm\u00f6glichen. Aus diesem Grund ert\u00f6nt in den Stra\u00dfen der Schrei, &#8222;die Pollera wird respektiert, Carajo&#8220; [Die Pollera ist der traditionelle \u00dcberwurf bei den Indigenen Lateinamerikas].<\/p>\n<p>Ein zweites Motiv sind die imperialistischen Interessen an den Bodensch\u00e4tzen des Landes, die in seiner Geschichte eine Konstante waren. W\u00e4hrend der Regierungen von Evo Morales erhob der Staat bestimmte Einw\u00e4nde, und verband sich \u00fcber eine Aktienmehrheit mit dem ausl\u00e4ndischen Kapital wie beispielsweise bei der Gewinnung von Gas und Kohlenwasserstoffen. Eine der Ressourcen, die am meisten im Fokus stehen w\u00fcrden, ist das im Salar de Uyuni enthaltene Lithium, das zusammen mit den Salinen im Norden Chiles und dem NOA in Argentinien 70% der weltweiten Vorr\u00e4te dieses Minerals umfasst. Nach dem Scheitern einer Partnerschaft zwischen der staatlichen Yacimientos de Litio de Bolivia (YLB) und einem deutschen Unternehmen (ACI Systems) zur Herstellung von Lithium-Batterien aufgrund des Druckes von B\u00fcrgerinitiativen in Potos\u00ed stellt sich die Frage nach dem weiteren Vorgehen bez\u00fcglich dieser strategischen Ressource. Dar\u00fcber ist zu einem Konflikt zwischen Unternehmen in den Vereinigten Staaten, Deutschland und China gekommen, in dem sich die Regierung Morales mit einem unter ihnen verb\u00fcnden wollte.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"701\" height=\"393\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Bolivien-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6474\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Bolivien-2.jpg 701w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Bolivien-2-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 701px) 100vw, 701px\" \/><\/figure>\n<p>Es besteht kein Zweifel daran, dass das ausl\u00e4ndische und lokale Kapital hinter dem Putsch steht. Diesen Ans\u00e4tzen fehlt jedoch sozusagen eine Integration in die weitere Dynamik der bolivianischen Wirtschaft. Obwohl sie nach wie vor das h\u00f6chste Wachstum in der Region aufweist, erlebt sie gleichzeitig eine anhaltende Ersch\u00f6pfung durch die Umkehrung der Faktoren, die ihr seit 2005 Impulse gegeben haben. Darunter der Preis f\u00fcr Mineralien, vor allem aber f\u00fcr Gas und die geringere Produktion von Kohlenwasserstoffen, was eine der Hauptfinanzierungsquellen f\u00fcr den Staat schw\u00e4cht. Infolge der niedrigeren Steuereinnahmen besteht seit 2014 ein anhaltendes Defizit, das sich aus der grunds\u00e4tzlichen Aufrechterhaltung der \u00f6ffentlichen Investitionen und der Umverteilungspolitik ergibt, was zu allen m\u00f6glichen Spannungen bei der Finanzierung f\u00fchrt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Zentralbank dieses Defizit weitgehend durch Kredite an den \u00f6ffentlichen Sektor und vor allem durch Verschuldung im Ausland gedeckt hat, haben beide Faktoren die Reserven aufgebraucht; dazu kommen die negativen Auswirkungen des Widerstandes gegen die \u00abRoten\u00bb im Au\u00dfenhandel und im Kapitalverkehr, die zu einem noch st\u00e4rkeren Druck auf die dauerhaft sinkenden Reserven f\u00fchren (36% zwischen 2015 und dem Juni 2019). Die Regierung von Evo Morales hatte diese potenzielle Krise mit einer noch h\u00e4rteren Strukturanpassung (in diesem Jahr mit der Nichtzahlung des Doppelbonus im \u00f6ffentlichen und privaten Sektor) verwaltet. Dahinter stand und zwar mit dem Wunsch, eine allm\u00e4hliche Verbesserung mit den Interessen des Imperialismus und der Gro\u00dfbourgeoisie in Einklang zu bringen. In diesem Sinne gab er ihren dominanten Unternehmerinteressen nach, insbesondere der Agroindustrie und den Viehz\u00fcchtern im Osten, indem er die Ausweitung Agrargrenze beschloss. Dies ist die Quadratur des Kreises, der die materiellen Grundlagen der Macht der Sektoren sicherte, die nun zum Putsch ansetzten. Im aktuellen noch unbestimmten Stadium wollen sie den Putsch nutzen, um die Drecksarbeit zugunsten der grossen Kapitale zu verrichten.<\/p>\n<p>Als erste Schlussfolgerung, wenn wir den eisernen Griff betrachten, den \u00abdie Oligarchien und der Imperialismus\u00bb den linkspopulistischen Regierungen aufzwingen \u2013 wie der Journalist Claudio Scaletta behauptet \u2013 m\u00fcssen wir die Grenzen hervorheben, die diese Regierungen gerade der Massenbewegung auferlegen, indem sie versuchen, die kapitalistischen und imperialistischen Unternehmen ausgewogen zu verwalten, w\u00e4hrend sie den Mehrheiten bestimmte Zugest\u00e4ndnisse machen, ohne jedoch die grundlegenden Interessen der Ersteren zu beeintr\u00e4chtigen. Wenn die Wirtschaft zu kriseln beginnt, kann nur der Klassenkampf entscheiden, wer f\u00fcr die Krise bezahlt. Es ist derselbe Klassenkampf mit der sozialen Kraft der Bergleute und Arbeiter in strategischen Sektoren wie Gas und Transport, der es erm\u00f6glicht, gemeinsam mit den Bauern, Jugendlichen und Studenten die Putschisten und ihren Plan f\u00fcr den grossen Ausverkauf des Landes zu besiegen. Dar\u00fcber nachzudenken ist unumg\u00e4nglich, wollen wir dieses historische Dilemma siegreich \u00fcberwinden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.laizquierdadiario.com.bo\/El-golpe-en-Bolivia-y-el-debate-sobre-los-motivos-economicos\"><em>laizquierdadiario.com.bo&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. November 2019; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gaston Remy. 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