{"id":6476,"date":"2019-11-22T17:06:09","date_gmt":"2019-11-22T15:06:09","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6476"},"modified":"2019-11-22T17:06:11","modified_gmt":"2019-11-22T15:06:11","slug":"die-sncf-am-rande-einer-explosion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6476","title":{"rendered":"Die SNCF am Rande einer Explosion"},"content":{"rendered":"<p>Mit dieser \u00dcberschrift macht das Nachrichtenportal Mediapart (ehemalige Journalisten von Le Monde) vom 30. 10. 2019 auf Entwicklungen innerhalb der franz\u00f6sischen Eisenbahn aufmerksam. Schon zum zweiten Mal innerhalb eines Monats<!--more-->haben sich innerhalb der SNCF Arbeitsniederlegungen ereignet, die nicht von den zust\u00e4ndigen Gewerkschaften gest\u00fctzt wurden. \u201eSchon der kleinste Funke kann ein Feuer entfachen\u201c, bemerkt ein leitender Angestellter.<\/p>\n<p>Es begann damit, dass am 18. Oktober viele Z\u00fcge still standen. In Folge eines Ungl\u00fccks in den Ardennen, machten viele Zugf\u00fchrer von dem Recht Gebrauch, von einer \u201egef\u00e4hrlichen\u201c Arbeit zur\u00fcckzutreten. Obwohl Direktion und Regierung mit juristischen Sanktionen drohten, verbreiterte sich die Bewegung wie ein Lauffeuer.<\/p>\n<p>Die Leitung der SNCF verd\u00e4chtigte erst die CGT, sich mit dieser Aktion f\u00fcr den Generalstreik ab 5. Dezember (Ende offen) in Szene setzen zu wollen. Doch was anschlie\u00dfend im Technikzentrum von Chatillon (Hauts-de-Seine) passierte, zeigte, dass die Situation offensichtlich komplizierter ist.<\/p>\n<p>Ab dem 21. Oktober legten Besch\u00e4ftigte dieses Technikzentrum, zust\u00e4ndig f\u00fcr die Wartung des TGV am Atlantik (Bretagne, West und S\u00fcdwest) die Arbeit nieder. Zweihundert der siebenhundert Besch\u00e4ftigten beteiligten sich, ohne ihre Gewerkschaften zu fragen.<\/p>\n<p>Alles begann damit, dass die Direktion von einer lokalen Sozialvereinbarung abr\u00fccken wollte. \u201eWir haben schon 250 lokale Vereinbarungen einer Revision unterzogen\u201c, erkl\u00e4rte die SNCF. Zw\u00f6lf Erholungstage f\u00fcr Nacht- und Wochenendarbeit im Jahr sollten der Revision zum Opfer fallen.<\/p>\n<p>Einen Tag sp\u00e4ter nach Beginn der Arbeitsniederlegung nahm die Direktion diese \u201eAnpassung der Arbeitsbedingungen\u201c zur\u00fcck. Doch die Streikenden wollten so schnell nicht aufgeben. So wurde ihr Streik als \u201eillegal\u201c denunziert, der dazu f\u00fchre, dass 70 Prozent des Verkehrs auf der Atlantikstrecke seit Sonntag leide. Nicht vor dem n\u00e4chsten Wochenende k\u00f6nne sich der Verkehr normalisieren.<\/p>\n<p>Gewerkschaftsfunktion\u00e4re wie Bruno Poncet (Sud Rail) und Didier Aubert (CFDT Cheminots) verurteilen das Vorgehen der Direktion ohne die Gewerkschaften zu konsultieren. Sie machen darauf aufmerksam, dass die Besch\u00e4ftigen knapp 1200 bis 1300 Euro im Monat verdienen, ihr Lohn seit f\u00fcnf Jahren eingefroren sei und sich die Arbeitsbedingungen st\u00e4ndig verschlechterten.Die Arbeit sei so wenig attraktiv, dass sogar die RATP (Pariser Nahverkehr) Arbeitskr\u00e4fte hier abwerbe.<\/p>\n<p>Sud Rail hat das Unternehmen in drei Technikzentren (zust\u00e4ndig f\u00fcr die Instandhaltung der TGVs in Nord-, Ost-, S\u00fcdfrankreich und f\u00fcr Eurostar und Thalys) zu Verhandlungen aufgefordert, die in Streiks enden k\u00f6nnten. Alle Besch\u00e4ftigten fordern eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, das Ende der Unterbesetzungen, das Ende der st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen der Arbeits- und Bereitschaftszeiten, um Ausf\u00e4lle und M\u00e4ngel auszugleichen. \u201eWir sch\u00e4men uns, wenn wir sehen, wie die SNCF mit der Sicherheit oder dem Komfort der Reisenden spielt aus Gr\u00fcnden der Flexibilit\u00e4t oder Rentabilit\u00e4t\u201c, schreiben die Streikenden von Chatillon.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus fordern sie die Bezahlung der Streiktage, keine Sanktionen und eine Pr\u00e4mie von 3000 Euro. \u201eMan k\u00f6nne \u00fcber alles verhandeln, die Arbeitsbedingungen, die Arbeit. Aber die Forderung, die Streiktage zu bezahlen, die sei nicht zu erf\u00fcllen\u201c, antwortete der Pr\u00e4sident der SNCF, Guillaume Pepy, der in drei Tagen seinen Hut nimmt.<\/p>\n<p>Mit diesen alten Tricks riskiert das Management, die Warnungen der Basis zu \u00fcbersehen. Es handelt sich um einen tiefgreifenden Bruch. Nie zuvor hatte ein Streik ohne Vorank\u00fcndigung begonnen, nie zuvor waren die Streikenden so entschlossen, sich von den Gewerkschaften abzuheben, als ob sich die Gewerkschaften disqualifiziert h\u00e4tten.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/anti-priv-sncf.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6477\" width=\"374\" height=\"505\"\/><\/figure>\n<p>Der gro\u00dfe Streik in 2018, der l\u00e4ngste in der Geschichte der SNCF, hat Spuren im gesamten Unternehmen hinterlassen. \u201eEr hat ihnen nichts gebracht\u201c, sagt ein Seniormanager der SNCF. Und dieses Scheitern zeigt verz\u00f6gert Wirkung. Ohne es offen zu sagen, stellen viele Besch\u00e4ftigte die Strategie der Gewerkschaften vom Fr\u00fchjahr 2018 in Frage.<\/p>\n<p>\u201eBisher waren die Verpflichtungen zur Streikank\u00fcndigung nur dem fahrenden Personal und den Kontrolleuren auferlegt, um den Service aufrecht zu erhalten. Diese Verpflichtungen wurden jedoch auf fast das ganze Personal ausgedehnt. Dies erm\u00f6glicht es dem Management, sich besser zu organisieren, Streiks nicht sichtbar werden zu lassen, indem man die Wirkungen begrenzt. Deshalb gingen die Besch\u00e4ftigten in einen wilden Streik, zogen es vor, Sanktionen in Kauf zu nehmen, statt einen nutzlosen Streik zu f\u00fchren\u201c, r\u00e4umt Berenger Cernon, CGT-Generalsekret\u00e4r in Paris, Gare de Lyon, ein. \u201eUnd \u00e4hnlich wie bei der Bewegung der Gelbwesten haben wir Schwierigkeiten, unseren Platz zu finden\u201c, f\u00fcgt er hinzu.<\/p>\n<p>Viele Eisenbahner f\u00fchlen sich der Bewegung der Gelbwesten sehr nah. Zumal die gewerkschaftlichen Organisationen nur noch in der Lage zu sein scheinen, auf die Punkte und Kommas in Verhandlungsprotokollen Einfluss zu nehmen. Das Management der SNCF hat ebenfalls erhebliche Anstrengungen unternommen, gewerkschaftlichen Einfluss zu reduzieren. Eine der ersten Entscheidungen nach der Reform war es, die Zahl der lokalen Gewerkschaftsdelegationen zu reduzieren, \u201ewas die Besch\u00e4ftigten noch mehr isoliert und ihnen Organisationsm\u00f6glichkeiten raubt\u201c, so Bruno Poncet.<\/p>\n<p>Laurent Brun, Generalsekret\u00e4r der CGT-Cheminots klagt, dass die Gewerkschaft vom Management nicht mehr ernst genommen wird und der Ex-UNSA-Chef Roger Dillenseger meint, dass die Besch\u00e4ftigten nicht mehr zu sehr auf die Gewerkschaft z\u00e4hlen k\u00f6nnen. So musste man wilde Streiks schon bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Der Artikel beschreibt dann noch, in welch rasanten Tempo die SNCF seit mehreren Jahren reorganisiert wird. Im Folgenden nur wenige Stichworte: 2015 wird SNCF Netz gegr\u00fcndet, 2016 Reform des Arbeitsgesetzes, zum 1. Januar wird SNCF zur Aktiengesellschaft, was Ver\u00e4nderungen im Beruf, der Organisation und den Aufgaben der Besch\u00e4ftigten nach sich zieht.<\/p>\n<p>Bahnh\u00f6fe und Dienste werden geschlossen, Z\u00fcge \u00fcber Nacht gewechselt oder gecancelt, das Bahnpersonal auf den Bahnsteigen verschwindet, die Zugf\u00fchrer m\u00fcssen allein abfahren, alle Schalter auf der Ile-de-France wurden abgeschafft, die Kunden werden aufs Internet verwiesen.<\/p>\n<p>In zwei Jahrzehnten ist das Personal von 220 000 Besch\u00e4ftigten auf 155 000 abgebaut, dabei werden heute mehr Reisende in weniger Z\u00fcgen transportiert. Die Steigerung der Produktivit\u00e4t soll dazu f\u00fchren, dass die SNCF in 2024 wieder einen positiven cash flow aufweist. Alle werden zu Einsparungen aufgefordert. In den letzten zehn Jahren wurden mehr als 2000 Arbeitspl\u00e4tze pro Jahr abgebaut.<\/p>\n<p>J\u00fcngere Arbeitskr\u00e4fte, die ihre Karrierechancen schwinden sehen, verlassen das Unternehmen. Schon wird die franz\u00f6sische Eisenbahn mit dem Schicksal von France Telecom nach 2004 verglichen, dessen Management gerade vor Gericht steht. Die alte Welt des Eisenbahners geht unter und das Management verk\u00fcndet den Besch\u00e4ftigten, die nicht mehr wissen, wo sie hingeh\u00f6ren, die neue Welt der vernetzten Mobilit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong><em>Zusammenfassende \u00dcbersetzung von G.B. vom November 2019 im Vorabdruck aus Arpo \u2013 wir danken!<\/em><\/strong><\/p>\n<p>(URL source: \u201eLa SNCF au bord de l\u2019explosion\u201c am 30. Oktober 2019 bei m\u00e9diapart:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.mediapart.fr\/journal\/france\/301019\/la-sncf-au-bord-de-l-explosion\">mediapart.fr&#8230;<\/a><a href=\"https:\/\/www.mediapart.fr\/journal\/france\/301019\/la-sncf-au-bord-de-l-explosion\">)<\/a><\/p>\n<p><strong>Siehe dazu auch zwei aktuelle Meldungen \u00fcber einen weiteren Streik aus Lyon:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.leprogres.fr\/rhone\/2019\/11\/21\/sncf-les-technicentres-de-lyon-en-greve\">\u201eSNCF: les technicentres de Lyon en gr\u00e8ve\u201c am 21. November 2019 bei Le Progr\u00e8s<\/a>ist eine Meldung \u00fcber einen neuen Streik in drei Werkst\u00e4tten der Gegend um Lyon, von denen eine Werkstatt bereits seit mehreren Tagen bestreikt wird \u2013 diesmal geht es um Zulagen-Auszahlung, wobei eine Angleichung an die Zulagen in der Region Paris gefordert wird.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.bfmtv.com\/societe\/lyon-action-coup-de-poing-des-cheminots-des-retards-a-la-gare-part-dieu-1810297.html\">\u201eGr\u00e8ve dans les technicentres SNCF: action coup de poing des cheminots, des retards \u00e0 la gare Part-Dieu\u201c am 21. November 2019 bei BFM TV<\/a>meldet zu denselben Streiks, dass sich insgesamt rund 130 Besch\u00e4ftigte daran beteiligt haben, die neben den Zulagen auch eine allgemeine Ver\u00e4nderung bei der Neubestimmung von Arbeitsbedingungen fordern.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Siehe zuletzt am 1. November 2019:\u00a0<\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/arbeitskaempfe-frankreich\/das-empoert-frankreichs-regierung-und-ihre-medien-bataillone-eisenbahnstreiks-ganz-ohne-ankuendigung\/?cat=6968\"><em>Das emp\u00f6rt Frankreichs Regierung \u2013 und ihre Medien-Bataillone: Eisenbahnstreiks. Ganz ohne Ank\u00fcndigung\u2026<\/em><\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/internationales\/frankreich\/arbeitskaempfe-frankreich\/die-selbststaendigen-streiks-der-franzoesischen-eisenbahner-ursachen-hintergruende-und-vorgeschichte-und-sie-gehen-weiter\/\"><em>labournet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. November 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dieser \u00dcberschrift macht das Nachrichtenportal Mediapart (ehemalige Journalisten von Le Monde) vom 30. 10. 2019 auf Entwicklungen innerhalb der franz\u00f6sischen Eisenbahn aufmerksam. 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