{"id":6480,"date":"2019-11-22T17:24:57","date_gmt":"2019-11-22T15:24:57","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6480"},"modified":"2019-11-22T17:24:59","modified_gmt":"2019-11-22T15:24:59","slug":"wir-gastarbeiter-unterstuetzen-die-forderungen-unserer-deutschen-kollegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6480","title":{"rendered":"&#8222;Wir Gastarbeiter unterst\u00fctzen die Forderungen unserer deutschen Kollegen\u201c."},"content":{"rendered":"<p><em>Torsten Bewernitz. <\/em>Von Anfang an, seit 1949, war in der bundesdeutschen Gesetzgebung \u2013 trotz anf\u00e4nglicher hoher Arbeitslosigkeit \u2013 eine Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigung vorgesehen. Mitte der 1950er Jahre sah die Besch\u00e4ftigungslage schon anders<!--more--> aus und ab 1955 schloss die Bundesrepublik Anwerbeabkommen mit verschiedenen Staaten ab: 1955 mit Italien, 1960 mit Spanien und Griechenland, 1961 mit der T\u00fcrkei und 1963 mit Marokko. Hintergrund dieser Anwerbungen und internationalen Vereinbarungen \u2013 etwa dem westeurop\u00e4ischen \u00dcbereinkommen \u00fcber Grenzarbeitnehmer und Gastarbeitnehmer, dem die Bundesrepublik 1961 beitrat \u2013 war jedoch zu keinem Zeitpunkt lediglich die Besch\u00e4ftigungslage, sondern auch die Art der Arbeit: Die Anwerbung von \u201eGastarbeitern\u201c h\u00e4ngt eng mit dem Prozess der Rationalisierung zusammen: \u201eMit der Anwendung neuer Produktionsverfahren war die Zunahme restriktiver und unqualifizierter industrieller Arbeiten verbunden (der Anteil unqualifizierter, belastender Industriearbeiten, vor allem repititiver Teilarbeiten nahm zu). Angesichts der Verknappung der inl\u00e4ndischen Arbeitskraft war im Interesse der Kapitalverwertung eine \u00d6ffnung des nationalen Arbeitsmarkts notwendig\u201c (P\u00e4tzoldt 1974: 415).<\/p>\n<p>Zum Zeitpunkt des Metallarbeiterstreiks ist die Arbeitslosenquote rapide gesunken: Lag sie 1950 bei 10,7 Prozent, so lag sie 1960 nur noch bei 1,2 Prozent. Gleichzeitig wird den Unternehmen die Neueinstellung bundesdeutscher Arbeiterinnen oder Arbeiter zu teuer: Bis 1958 kostete die Neueinrichtung eines Arbeitsplatzes die Industrie durchschnittlich 20.000 DM, ab 1958 stiegen diese Kosten sprunghaft auf durchschnittlich 56.000 DM (Nikolanikos 1973: 40; 44). Marios Nikolanikos schlie\u00dft, dass sich die zunehmende Besch\u00e4ftigung von Gastarbeitern auf dem Wirtschaftswachstum gr\u00fcndet (ebd.: 54). Haupts\u00e4chlich betrifft dies neben dem verarbeitenden Gewerbe und dem Baugewerbe die Eisen- und Metallerzeugung und \u2013verarbeitung, und hier insbesondere stark rationalisierte Gro\u00dfbetriebe.Das Rhein-Neckar-Gebiet geh\u00f6rte entsprechend zu den Gebieten, in denen \u201edie ausl\u00e4ndischen Arbeiter [\u2026] am st\u00e4rksten konzentriert, mit einer Fluktuationsrate von ca. 30 Prozent \u00e4u\u00dferst mobil, gleichzeitig optimal ghettoisierbar und somit je nach den Expansionsrichtungen der mechanisierten Massenproduktion leicht zu verschieben\u201c (Roth: 223f) waren.<\/p>\n<p>Am Vorabend des Streiks, am 17. April 1963, referiert der Mannheimer Morgen die j\u00fcngste Gastarbeiterstatistik der Bundesanstalt f\u00fcr Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung: Insgesamt sind zu diesem Zeitpunkt (Stichtag: 30. September 1962) 711.459 ausl\u00e4ndische Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland besch\u00e4ftigt. Mit 184.000 dieser ausl\u00e4ndischen Arbeiterinnen und Arbeiter hat Baden-W\u00fcrttemberg eine Ausl\u00e4nderquote von 5,9 Prozent und damit die h\u00f6chste in der Bundesrepublik. In der Metallbranche liegt der Ausl\u00e4nderanteil bundesweit mit 4,5 Prozent am zweith\u00f6chsten nach dem Baugewerbe. Kein Wunder also, dass die \u201eGastarbeiterfrage\u201c im Streik 1963 durchaus eine Rolle spielt.<\/p>\n<p>Der erste Mai 1963 in Mannheim ist ungew\u00f6hnlich: Nicht nur hat der DGB bereits Mitte April der Presse das Konzept eines \u201eWeltfeiertags\u201d mitgeteilt (Mannheimer Morgen, 20.04.1963), dazu befindet man sich nun im dritten Streik- und im zweiten Aussperrungstag.<\/p>\n<p>Der angek\u00fcndigte Charakter eines \u201eWeltfeiertags\u201d gelingt dem DGB \u00fcber das geplante Ma\u00df hinaus. Das ist deutlich zu sehen an den Fotos, die Toni Tripp auf der Abschlusskundgebung in der Mannheimer Eishalle gemacht hat: Wir finden Transparente mit arabischer Aufschrift, aber auch deutschsprachige Schilder u.a. mit der Aufschrift \u201eArabische Arbeiter f\u00fcr internationale Solidarit\u00e4t!\u201c wie auch \u201eAfrikanische Kollegen solidarisch mit deutschen Kollegen\u201c. Unter dem gro\u00dfen Banner mit der Aufschrift \u201eWir Gastarbeiter unterst\u00fctzen die Forderungen unserer deutschen Kollegen\u201c finden wir traditionell gekleidete people of color, die sich ebenso f\u00fcr den \u201eTag der Arbeit\u201c zurechtgemacht haben wie die deutschen Kollegen im Festtagsanzug. Wie diese tragen auch sie die schwarz-rot-goldenen DGB-Wimpel.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/bestreikt4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6481\" width=\"565\" height=\"381\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/bestreikt4.jpg 371w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/bestreikt4-300x202.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 565px) 100vw, 565px\" \/><figcaption>Die Mannheimer Industrie war schon in den fr\u00fchen 1960er Jahren ein Schwerpunkt des Einsatzes ausl\u00e4ndischer Einsatzkr\u00e4fte.  (Bildquelle: Anton Tripp\/Fotoarchiv Ruhr Museum) <\/figcaption><\/figure>\n<p>1963 sind diese Bilder ungew\u00f6hnlich, das l\u00e4sst sich schon an der hohen Zahl von Negativen mit \u00e4hnlichen Motiven schlie\u00dfen. Ein Fotograf w\u00e4hlt die besonderen Motive f\u00fcr seine Arbeit aus und Toni Tripps Kamera sucht am 1. Mai 1963 ganz offensichtlich gezielt die farbigen Kolleginnen und Kollegen. Das Ungew\u00f6hnliche an dem Motiv sind dabei gerade in Mannheim keineswegs people of color als solche. Schwarze waren im Mannheim der Nachkriegszeit kein seltener Anblick, f\u00fcr gew\u00f6hnlich handelte es sich aber um amerikanische Soldaten oder deren Kinder. Diese werden aber kaum an Arbeiterdemonstrationen und Streiks teilgenommen haben, schon gar nicht in entsprechender Kluft und mit der Selbstbezeichnung als \u201eAfrikanische Arbeiter\u201c. Und wenn uns \u201eGastarbeiter\u201c auch nicht so ungew\u00f6hnlich vorkommen, so erwarten wir unter dieser Bezeichnung doch eigentlich eher s\u00fcdeurop\u00e4ische Kolleginnen und Kollegen.<\/p>\n<p>Der ehemalige IG-Metall-Vertrauensmann und sp\u00e4tere Betriebsrat \u201ebeim Benz\u201c Erwin B\u00fcrckmann berichtete, wie es zu dieser vergleichsweise gro\u00dfen Anzahl ausl\u00e4ndischer und vor allem auch extrakontinentaler Arbeiterinnen und Arbeiter gekommen ist: Bei den Kolleginnen und Kollegen \u2013 der Spiegel berichtet \u00fcber den Ersten Mai von anwesenden Ghanesen, desweiteren waren pal\u00e4stinensische Araber und Algerier dabei \u2013 handelt es sich um Auszubildende, die von der Carl-Duisberg-Gesellschaft zu einer Ausbildung in Deutschland eingeladen wurden. Einige von ihnen absolvieren ihre Lehre bei Daimler-Benz in Mannheim. Von Gewerkschaftsseite war der sp\u00e4tere DGB-Kreisvorsitzende Fritz Karg zust\u00e4ndig f\u00fcr diese Auszubildenden, er integrierte sie mit Grillabenden und \u00e4hnlichem. So ist es wohl alles andere als ein Zufall, dass eben jener Fritz Karg ab 1974 auch dem \u201eKoordinationsausschuss f\u00fcr die Betreuung ausl\u00e4ndischer Arbeitnehmer\u201c vorstand. Fritz Karg vermittelte auch die Kontakte zwischen diesen \u201eGastarbeitern\u201c und den aktiven Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern im Betrieb.<\/p>\n<p>Die Anwesenheit von \u201eGastarbeitern\u201c auf der Maikundgebung ist nicht nur regional eine kleine Sensation. Der Mannheimer Morgen stellt die Solidarit\u00e4t von \u201eGastarbeiter-Delegationen\u201c in den Mittelpunkt seines Berichts vom 02. Mai 1963: \u201eErster Beifall klang auf, als italienische, spanische, griechische und arabische Gastarbeiter ins Stadion einmarschierten. Auch Neger in farbenpr\u00e4chtiger Tracht waren dabei\u201c. Die Gewerkschaftsredner honorieren diese Teilnahme an der Mai-Feier, neben dem Kreisvorsitzenden Max J\u00e4ger betont auch der baden-w\u00fcrttembergische Landesbezirksvorsitzende Hans Geiger die offenbar l\u00fcckenlose Solidarit\u00e4t (\u201ean allen Stellen\u201c). Er spricht von \u201eunseren tapferen ausl\u00e4ndischen Freunden\u201c und lobt deren \u201eheroische Haltung\u201c.<\/p>\n<p>Und auch die linkssozialdemokratische \u201eSozialistische Politik\u201d betont diesen Zusammenhang: \u201eInteressant war, da\u00df auf der Maikundgebung zahlreiche ausl\u00e4ndische Arbeiter vertreten waren: Italiener, Spanier, Griechen, Afrikaner, Araber. Zum ersten Male sprachen auf der Kundgebung auch \u201aGast\u2018-Arbeiter: ein Italiener und ein Araber. Der Araber schlo\u00df mit den Worten: \u201aArbeiter aller L\u00e4nder vereinigt euch!\u2018\u201c (SoPo 5\/1963: 9) Die Teilnahme dieser ausl\u00e4ndischen Delegationen, so Erwin B\u00fcrckmann, hat den Ersten Mai 1963 deutlicher gepr\u00e4gt als das offizielle Festprogramm im neuen Rahmen.<\/p>\n<p>Offenbar ist diese ausl\u00e4ndische Beteiligung am gewerkschaftlichen Engagement keineswegs selbstverst\u00e4ndlich: Robert Wieland problematisiert die Rolle der \u201eGastarbeiter\u201c ganz allgemein in \u201eDer Gewerkschafter\u201c (6\/1963):\u00a0<em>\u201eWir laufen Gefahr, uns daran zu gew\u00f6hnen, da\u00df der gr\u00f6\u00dfte Teil der \u00fcber 700.000 ausl\u00e4ndischen Arbeitnehmer in der Bundesrepublik ohne gewerkschaftliche Bindung bleibt. Sind wir uns bewu\u00dft, welche Aufgaben wir gegen\u00fcber diesen Besch\u00e4ftigten haben? [\u2026] Die ausl\u00e4ndischen Arbeitnehmer kommen vorwiegend aus den europ\u00e4ischen Entwicklungsl\u00e4ndern, Griechenland, Spanien und S\u00fcditalien. Jahrelange Arbeitslosigkeit, Not und Armut im Gefolge, trieb sie aus ihren Heimatl\u00e4ndern in unser \u201aWirtschaftswunderland\u2018. Aus b\u00e4uerlichen Provinzen, aus industriearmen Gegenden kommend, werden sie in Deutschland erstmalig mit den \u201aSegnungen\u2018 eines hochindustrialisierten, kapitalistischen Landes konfrontiert. [\u2026] Warum ist es so schwierig, diese ausl\u00e4ndischen Arbeitnehmer gewerkschaftlich zu organisieren? Machen wir es uns nicht so einfach und sagen: Sie wollen nur Geld verdienen? Geht man der Sache nach, warum sie schwer organisierbar sind, kann man leicht die Gr\u00fcnde feststellen. Es sind vor allem: Verst\u00e4ndigungsschwierigkeiten, h\u00e4ufiger Arbeitsplatzwechsel, Lebensgewohnheiten und naive Vorstellungen von den Gewerkschaften\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Eine Ausgabe sp\u00e4ter darf einer dieser Gastarbeiter, der griechische Werkstudent Dimitris Bardis, die Situation selber beschreiben:\u00a0<em>\u201eMehrmals monatlich rollt ein Zug mit \u00fcber mit 500 Tr\u00e4umen von einem besseren Leben erf\u00fcllten Menschen hier ein. Deutschland gilt f\u00fcr diese Menschen als ein Land, in dem man schnell viel Geld verdienen kann.<\/em><\/p>\n<p><em>Alle haben einen einj\u00e4hrigen Arbeitsvertrag f\u00fcr einen deutschen Betrieb in der Tasche, den sie schon in Griechenland abgeschlossen haben. Ein Vertreter dieses Betriebs holt sie jetzt am Bahnhof ab und bringt sie in die Gemeinschaftsunterk\u00fcnfte. Hier sind sie, je nach Raumgr\u00f6\u00dfe, gezwungen, mit 4 bis 16 Mann in einem Raum zu wohnen! Wenn sie das Pech hatten, ihren Vertrag mit einer kleinen oder mittleren Firma abzuschlie\u00dfen, erwartet sie meist eine besonders schlechte Unterkunft. Auch mit dem Mietvertrag wird ein Gesch\u00e4ft gemacht. Die Firmen verdienen durch \u00fcberh\u00f6hte Mieten an den Zimmern. Durch unsinnige Klauseln und Vorschriften wird den Gastarbeitern die M\u00f6glichkeit genommen, sich heimisch zu f\u00fchlen. Um die Schlafruhe, besonders in Fabriken mit Schichtarbeit, ist es oft schlecht bestellt. Wenn der eine, oftmals nach zw\u00f6lfst\u00fcndiger Arbeit, schlafen geht, mu\u00df der Kollege aufstehen, um die n\u00e4chste Schicht anzufangen. Warum glaubt man, dies den ausl\u00e4ndischen Arbeitern zumuten zu k\u00f6nnen? [\u2026] Es w\u00e4re unkorrekt zu sagen, es sei \u00fcberhaupt nichts getan worden, und die Gastarbeiter h\u00e4tten immer ihr Bestes getan, um die Sympathien ihrer Gastgeber zu erwerben. W\u00fcrde man sich aber f\u00fcr kurze Zeit in ihre Lage versetzen, dann k\u00f6nnte man viele Fehler verstehen. Sie leben hier fern von ihren M\u00fcttern, Frauen und Kindern. Die W\u00e4rme und die Freude, die man innerhalb der Familie genie\u00dft, fehlt ihnen. Die meisten von ihnen waren keine Landarbeiter, sondern selbstst\u00e4ndige Kleinbauern, sie haben ihre Selbstst\u00e4ndigkeit aufgegeben. Diese Umstellung von Selbstst\u00e4ndigkeit zu Industriearbeitern empfinden sie als soziale Degradierung. Hinzu kommt noch die negative Haltung, die ihre deutschen Arbeitskollegen zu ihnen haben. Es ist wenig vorgekommen, da\u00df sie Kontakt aufgenommen haben.\u201c<\/em>\u00a0(Der Gewerkschafter 7\/1963: 276)<\/p>\n<p>Unter diesen Bedingungen ist ein Eintreten f\u00fcr die Interessen der deutschen Kolleginnen und Kollegen keineswegs selbstverst\u00e4ndlich: Der Kontakt ist oft marginal, das Interesse der deutschen Kollegen ebenso. Zu allem \u00dcberfluss sind die Ratschl\u00e4ge von Arbeitgeberseite zur Zusammenarbeit und Kontaktpflege oftmals nicht wirklich produktiv. So lauten etwa die Ratschl\u00e4ge der Hauszeitung der BBC \u201eWir und unser Werk\u201d \u2013 die auf jeweils einer Seite schon zu dieser Zeit auch auf spanisch und italienisch schreibt \u2013 im M\u00e4rz 1963:\u00a0<em>\u201eDer S\u00fcdl\u00e4nder will als Pers\u00f6nlichkeit behandelt werden. Er ist von Natur aus liebensw\u00fcrdig und sch\u00e4tzt eine liebensw\u00fcrdige Umgangsart. Eine kleine Gef\u00e4lligkeit, zum Beispiel eine angebotene Zigarette, gewinnt sein Herz im Nu.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eManche S\u00fcdl\u00e4nder haben noch keinen rechten Sinn f\u00fcr Ordnung. Man sollte sie durch gute Unterk\u00fcnfte zu diesen Tugenden ermuntern.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eBei Unruhen und vielleicht unbegr\u00fcndeten Klagen ist eine harte und konsequente, jedoch gerechte Klarheit der einzige Ausweg.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die \u201eGastarbeiter\u201c gelten also als Unsicherheitsfaktor. Die \u201eMetall\u201c l\u00e4sst in ihrer Ausgabe 10\/1963 ausf\u00fchrlich den italienischen Gastarbeiter Amatore Cebati zu Wort kommen. Cebati arbeitet in Stuttgart, hier hat die IG Metall ein eigenes Streiklokal f\u00fcr die ausl\u00e4ndischen Kolleginnen und Kollegen eingerichtet. Die \u201eMetall\u201c thematisiert die besonderen Probleme der \u201eGastarbeiter\u201c, die dieses Vorgehen n\u00f6tig machten: \u201e[D]ieser Arbeitskampf hat bei den Gastarbeitern erheblich schwerwiegendere Probleme aufgeworfen als etwa bei ihren deutschen Kollegen. Die Arbeiter aus S\u00fcd- und S\u00fcdosteuropa haben hier meist keine richtige Wohnung, keine Ersparnisse, keine Verwandten, die ihnen \u00fcber die schwierige Zeit hinweghelfen k\u00f6nnten\u201c.<\/p>\n<p>\u201eSorge\u201c, so Werner Sonntag in der ZEIT vom 10. Mai 1963, \u201emacht man sich im Stuttgarter Sozialamt vor allem um die zehntausend ausl\u00e4ndischen Metallarbeiter. \u201eStreik nix gut\u201c war die Rede eines Italieners, der, wie seine Landsleute, ein gut Teil seines ansehnlichen Verdienstes [!? \u2013 Anm. T.B.] an die Liebenden daheim geschickt hatte\u201c.<\/p>\n<p>Es wundert wenig, dass unter diesen Rahmenbedingungen die Bef\u00fcrchtung, \u201eGastarbeiter\u201c k\u00f6nnten zu Streikbrechern werden, kursiert \u2013 das ist nicht viel anders als bei heutigen Streiks in der Debatte um LeiharbeiterInnen und Werkvertr\u00e4glerInnen, insbesondere bzgl. der ungarischen und bulgarischen Arbeitskr\u00e4fte im Rahmen der Arbeitnehmerfreiz\u00fcgigkeit. Daher ist es den gewerkschaftlichen Medien eine besondere Betonung wert, dass es unter den ausl\u00e4ndischen Kolleginnen und Kollegen Streikbrecher \u201egenausowenig wie unter den einheimischen Arbeitern\u201c gebe.<\/p>\n<p>Ein wenig sind die Unternehmer verantwortlich f\u00fcr diese Situation: Lassen sich am ersten Tag noch ausl\u00e4ndische ArbeiterInnen von ihren Vorgesetzten zur Arbeit \u00fcberzeugen, so ist nach der Aussperrung Schluss mit der Identifikation mit dem Betrieb: \u201e[A]ls die Aussperrung kam, warf der Chef auch sie auf die Stra\u00dfe. Das hat dem letzten unter uns die Augen ge\u00f6ffnet\u201c berichtet an selber Stelle ein Mannheimer Gastarbeiter. Und auch der SPIEGEL (19\/1963) problematisiert die Auswirkung der Aussperrung auf die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter:<\/p>\n<p>\u201eNicht minder hart betroffen [als die unorganisierten Ausgesperrten, Anm. T. B.] sind jene 50 000 Fremdarbeiter, die bis in die vergangene Woche in Baden-W\u00fcrttemberg werkelten. Sie m\u00fcssen sich mit den niedrigen F\u00fcrsorges\u00e4tzen bescheiden, die das Bundessozialhilfegesetz f\u00fcr sie vorsieht. Diese Betr\u00e4ge stehen ihnen aber nur dann zur Verf\u00fcgung, wenn sie mit regul\u00e4ren Arbeitspapieren versehen und offiziell von deutschen Vermittlungsstellen f\u00fcr ihre w\u00fcrttembergischen Arbeitgeber angeworben sind. Andernfalls m\u00fcssen sie damit rechnen, \u00fcber die Grenze abgeschoben zu werden. Trotz dieser widrigen Umst\u00e4nde erkl\u00e4rten sich die Fremdarbeiter, unter ihnen eine Anzahl Ghanesen, beim Streikbeginn mit den einheimischen Arbeitskollegen solidarisch\u201c.<\/p>\n<p>Alle Bef\u00fcrchtungen sind also letztlich umsonst. Die ausl\u00e4ndischen Kolleginnen und Kollegen zeigen ich ebenso aktiv und energisch wie die geb\u00fcrtigen Deutschen. Sie betrachten 1963 das Verhalten der deutschen KollegInnen und der IG Metall als solidarisch. Sie nehmen an dem Streik teil, weil sie diesen auch als den Ihren begreifen: Ihre Interessen werden thematisiert, sie sprechen auf den Kundgebungen und die Gewerkschaft gibt sich alle M\u00fche, sprachliche, kulturelle und auch finanzielle Barrieren zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>Dies gilt gerade in Mannheim \u2013 und Hintergrund dieses solidarischen Miteinanders ist durchaus auch die politisierte Stimmung in den Mannheimer Betrieben. Teilweise aus Diktaturen kommend \u2013 man denke an Spanien unter Franco oder Portugal unter Salazar, aber auch an den Algerienkrieg und die insbesondere aus linkssozialistischen Kreisen in Westdeutschland ge\u00fcbte Solidarit\u00e4t \u2013 neigten die Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter dazu, hier am ehesten Beziehungen einzugehen, wenn man selber oppositionell war, hatte man sozusagen einen \u00e4hnlichen \u201eStallgeruch\u201c. Und so sind \u2013 von den zitierten Beispielen abgesehen \u2013 fast alle zeitgen\u00f6ssischen Berichte sehr positiv gehalten. Der Daimler-Benz-Betriebsrat Josef J\u00e4ger etwa betont: \u201eNach der der Ausrufung des Streiks gab es viel Eigeninitiative bei den Kollegen. St\u00fcndlich wurden 60 Streikposten f\u00fcr viele Werkstore gebraucht. Aber es waren immer mehr da, als ben\u00f6tigt wurden. Auch die Gastarbeiter machten mit\u201c (Straub: 5). Und das Autorentrio der Dokumentation \u201eMetallarbeiter kontra Monopole\u201c res\u00fcmiert:<\/p>\n<p>\u201eDie internationalistische Seite des Metallarbeiterstreiks zeigte sich auch in der Aktionseinheit zwischen den in Westdeutschland t\u00e4tigen ausl\u00e4ndischen Arbeitern und der westdeutschen Arbeiterklasse selbst. Es k\u00e4mpften italienische, spanische, nordafrikanische, griechische und t\u00fcrkische Arbeiter gemeinsam mit ihren westdeutschen Kollegen. Erscheinungen von Chauvinismus und Nationalismus, wie sie in der Vergangenheit mitunter bei manchen westdeutschen Gewerkschaftern auftraten, gab es nicht. Vorbehalte und Bef\u00fcrchtungen, da\u00df ausl\u00e4ndische Kollegen Streikbrecher w\u00fcrden, erwiesen sich als grundlos. Im Gegenteil, die ausl\u00e4ndischen Metallarbeiter geh\u00f6rten trotz ihrer wesentlich schwierigeren pers\u00f6nlichen Lage zu den entschlossensten und mutigsten Teilnehmern. Das wird in allen Ver\u00f6ffentlichungen von der IG Metall hervorgehoben, von der Monopolpresse jedoch mit Sorge festgestellt\u201c (Br\u00fchl\/Hoffmann\/R\u00fcger 1963: 184)<\/p>\n<p>Trotz der widrigen Bedingungen, schlie\u00dft die dokumentatorische Brosch\u00fcre \u201eDer gro\u00dfe Streik\u201c (Straub: 15) \u201estehen sie geschlossen in der Arbeitnehmerfront dieses bisher h\u00e4rtesten Arbeitskampfs in Nachkriegsdeutschland. Streikbrecher gab es vor der Aussperrung unter den ausl\u00e4ndischen Kollegen genausowenig wie unter den einheimischen Arbeitern.<\/p>\n<p>\u201aDie IG Metall\u2018 k\u00fcmmert sich wirklich gro\u00dfartig um uns.\u2018 Das sagt uns ein spanischer Arbeiter, der in einem Mannheimer Gro\u00dfbetrieb besch\u00e4ftigt ist. \u201aF\u00fcr mich und meine Landsleute ist die Solidarit\u00e4t, die hier bekundet wird, ein gro\u00dfartiges Erlebnis. Auch denjenigen unter uns, die bisher noch nicht den Weg zur Gewerkschaft gefunden hatten, ist jetzt bewu\u00dft geworden, da\u00df es da auch f\u00fcr die ausl\u00e4ndischen Arbeiter kein \u201aOhnemich\u2018 gibt\u2018\u201c (Straub: 15).<\/p>\n<p>Einen Monat nach Streikende berichtet der Mannheimer Morgen (12. Juni 1963) erneut \u00fcber die aktuellen Arbeitsamtsstatistiken in Mannheim. Der Streik, so die Schlagzeile, habe den Arbeitsmarkt nicht beeinflusst. Die Zahl der Gastarbeiter steigt weiterhin, und dieser Trend soll noch lange anhalten: \u201e<em>Die Zahl der im Bereich des Arbeitsamts Mannheim besch\u00e4ftigten Ausl\u00e4nder ist im Mai wieder angestiegen. Die Statistiken z\u00e4hlten 11994 Gastarbeiter, das sind 482 mehr als im April. Binnen Jahresfrist ist die Zahl der ausl\u00e4ndischen Arbeiter damit um 2456 gestiegen. Die 5070 Italiener stellen in Mannheim das Hauptkontingent an ausl\u00e4ndischen Arbeitern. Allein aus dem sonnigen S\u00fcden Italiens kamen in den letzten 12 Monaten 929 Arbeiter nach Mannheim. Direktor Weber rechnet auch in den n\u00e4chsten Monaten noch mit einem Ansteigen der Zahl der ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4fte<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Der \u201esonnige S\u00fcden\u201c ist ein Euphemismus. Schon der marxistische Theoretiker Antonio Gramsci hatte auf die Differenzen zwischen dem industrialisierten Norden Italiens und dem verarmten S\u00fcden hingewiesen. Der Zuzug b\u00e4uerlicher und armer \u201eMassenarbeiter\u201c war noch Jahrzehnte nicht nur in Deutschland Grundlage sozialer Konflikte, sondern auch im Norden Italiens.<\/p>\n<p>Exakt zehn Jahre nach 1963 sollen die \u201eGastarbeiter\u201c eine besondere Rolle in der Geschichte der Mannheimer Arbeiterbewegung spielen: Die \u201ewilden Streiks\u201c des September 1969 sind an Mannheim nahezu spurlos vor\u00fcbergegangen, da diese weniger in der ans\u00e4ssigen Metallindustrie als in der Schwerindustrie und damit schwerpunktm\u00e4\u00dfig im Ruhrgebiet, Saarland und Teilen Norddeutschlands stattfanden. In der Metalltarifrunde 1971 allerdings sah dies bereits etwas anders aus: Der Metallarbeiterstreik in Baden-W\u00fcrttemberg 1971 hat einige \u00c4hnlichkeiten mit 1963 vorzuweisen: Erneut in einer Phase des wirtschaftlichen Abschwungs, greift Gesamtmetall zum ersten Mal seit 1963 zum Instrument der Fl\u00e4chenaussperrung. Die verhandelnden Akteure sind auf beiden Seiten teilweise dieselben wie 1963: van H\u00fcllen, Schleyer, Bleicher, Brenner. Die IG Metall fordert eine Lohnerh\u00f6hung von 11 Prozent \u2013 obwohl an der Basis sogar die Forderung von 14 oder 15 Prozent \u00fcberwiegt, die Annemarie Stern auf ihrem 1973 entstandenen Bild in das Motiv von 1963 einf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Die Debatte um die seit 1955 bestehenden Leichtlohngruppen, die nunmehr neben Frauen insbesondere Migranten (und vor allem Migrantinnen) betrafen, hatte durch die 1968er-Proteste bereits an Schwung gewonnen und seit dem Sommer 1971 d\u00fcrfen \u201eGastarbeiter\u201c f\u00fcr Betriebsr\u00e4te kandidieren. Der Spiegel betont am 29.11.1971: \u201eDie ausl\u00e4ndischen Arbeiter, die bei den Kampftaktikern der Gewerkschaft immer als zweifelhafte Streikgenossen galten, lie\u00dfen sich zur allgemeinen \u00dcberraschung von den Drohungen der Unternehmen, sie w\u00fcrden \u201ebei \u00dcbergriffen\u201c in die Heimat abgeschoben, nicht schrecken\u201c. Streikversammlungen, so der Spiegel weiter, mussten in bis zu 25 Sprachen abgehalten werden. Und der Verfassungsschutz des Landes NRW h\u00e4lt f\u00fcr das Jahr 1971 fest: \u201eDie Beteiligung der Gastarbeiter an den Arbeitsniederlegungen war auffallend gro\u00df. In manchen Betrieben stellten sie 80% der Streikenden\u201c.<\/p>\n<p>Diese 1971 beginnende Dynamik eskaliert 1973 in der bekannten Welle von \u201cAusl\u00e4nderstreiks\u201d: In Mannheim sind es allein im Mai 1973 29 Betriebe, die \u201ewild\u201c bestreikt werden, am l\u00e4ngsten und mit der repressivsten Behandlung bei John Deere in Mannheim. Angesichts der hohen Fluktuation in der damaligen Metallbranche, insbesondere unter migrantischen Arbeiterinnen und Arbeitern, werden die 1973 Streikenden kaum bereits 1963 aktiv gewesen sein. Man sollte allerdings Tradierungen und Erz\u00e4hlungen, vor allem in sprachlich gepr\u00e4gten migrantischen Milieus, nicht untersch\u00e4tzen: Die durchaus positiven Erfahrungen des Jahres 1963 k\u00f6nnten auch f\u00fcr die spektakul\u00e4re Streikwelle 1973 eine Rolle gespielt haben.<\/p>\n<p><em>Von Torsten Bewernitz gibt es \u00fcbrigens im Buch einen weiteren \u2013 lesenswerten \u2013 Beitrag: \u201eUnsere Frauen k\u00e4mpfen mit\u201c. Warum \u00fcberrascht das Engagement der Frauen die Gewerkschaftspresse 1963?<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/politik\/gw\/geschichte\/buch-dieser-betrieb-wird-bestreikt-bilder-und-lesebuch-zu-streik-und-aussperrung-1963-mannheim\/\"><em>labournet.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. November 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Torsten Bewernitz. Von Anfang an, seit 1949, war in der bundesdeutschen Gesetzgebung \u2013 trotz anf\u00e4nglicher hoher Arbeitslosigkeit \u2013 eine Ausl\u00e4nderbesch\u00e4ftigung vorgesehen. 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