{"id":6489,"date":"2019-11-25T13:05:18","date_gmt":"2019-11-25T11:05:18","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6489"},"modified":"2019-11-25T13:05:19","modified_gmt":"2019-11-25T11:05:19","slug":"bolivien-die-bergbaunation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6489","title":{"rendered":"Bolivien: Die Bergbaunation"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Amelie Lanier. <\/span><\/i><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Wenn man die Geschichte Boliviens nach denjenigen Produkten einteilen wollte, die nach Eduardo Galeano \u201edie Armut des Menschen als Ergebnis des Reichtums der Erde\u201c verursachen, so kann man daf\u00fcr die Perioden des Silbers, des Zinns und die der Energietr\u00e4ger Erd\u00f6l und Erdgas ansetzen. In Zukunft<\/span><\/b><!--more--><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\"> vielleicht die des Lithiums. An diesen Bodensch\u00e4tzen entlang entwickelte sich das heutige Bolivien.<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das Silber von Potos\u00ed bestimmte die spanische Kolonialzeit, und pr\u00e4gte das damalige Gebiet des heutigen Bolivien insofern, als sich die ganze Organisation der Gesellschaft unter den spanischen Beh\u00f6rden um das Funktionieren dieses Bergwerks und den Abtransport des dort gewonnenen Silbers drehte. Die Landwirtschaft, das Transportwesen und das gesamte gesellschaftliche Leben wurden dem untergeordnet. Die Eingeborenen des Hochlandes wurden versklavt und in den Minen vernutzt. Die spanischen Kolonialherren bedienten sich daf\u00fcr einer Institution, die die Inkas eingef\u00fchrt hatten, um in gemeinschaftlicher Arbeit Strassen und Kan\u00e4le zu bauen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Als die einheimische Bev\u00f6lkerung aufgrund der f\u00fcr sie viel zu schweren Arbeit geh\u00f6rig dezimiert war, wurden sie durch schwarze Sklaven erg\u00e4nzt, vor allem aus dem Gebiet der heutigen Guineas. Der \u201eReiche H\u00fcgel\u201c von Potos\u00ed befindet sich n\u00e4mlich noch dazu auf einer H\u00f6he von \u00fcber 4000 Meter, wo der Sauerstoffmangel im Zusammenhang mit schwerer Arbeit sehr verk\u00fcrzend auf das Leben der Arbeitenden wirkt.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Auch die Arbeit in der 1572 in Potos\u00ed gegr\u00fcndeten M\u00fcnzpr\u00e4geanstalt, die das ganze spanische Kolonialreich mit Silberm\u00fcnzen versorgte, wurde von Sklaven geleistet. Nach dem Niedergang der Silberproduktion blieb die M\u00fcnzpr\u00e4geanstalt weiterhin einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren des Kolonialreichs. Obwohl auch anderswo solche H\u00e4user bestanden, war die M\u00fcnze von Potos\u00ed mit Abstand die gr\u00f6sste, mit dem gr\u00f6ssten Ausstoss an M\u00fcnzen, weil sie eben an der Quelle stand. Sie war eine wichtige Beute der Unabh\u00e4ngigkeitskriege im 19. Jahrhundert, teilweise wurden die Pr\u00e4gest\u00f6cke abmontiert und woanders in Betrieb genommen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Noch heute sagt man auf Spanisch, wenn man irgendwo eine wirkliche oder vermeintliche Goldgrube entdeckt zu haben scheint: \u201eEs ist ein Potos\u00ed wert!\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das Silber von Potos\u00ed war also nicht nur eine Ware wie andere Produkte des Kolonialreichs, wie Zuckerrohr oder Kakao, sondern eine der Grundlagen, mit der das Kolonialreich verwaltet und die Kolonialherrschaft finanziert wurde. Es trug dazu bei, dass Spanien bis zum Schluss den Silberstandard verwendete und der auf Gold beruhende Escudo eine untergeordnete Rolle gegen\u00fcber der Silberm\u00fcnze Real spielte.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die regionale und \u00fcberregionale Bedeutung der Silberminen schlug sich jedenfalls nicht in irgendeiner Art von Wohlstand f\u00fcr die Eingeborenen \u2013 und der schwarzen, hmmm, Zwangseingef\u00fchrten \u2013 nieder, und darin gleicht die Silber-Periode den nachfolgenden Perioden.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Epoche des Zinns, die MNR und die \u201eRevolution\u201c von 1952<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das Silber verlor im Laufe des 19. Jahrhunderts aus verschiedenen Gr\u00fcnden an Bedeutung und ausserdem waren auch im \u201eReichen H\u00fcgel\u201c langsam einmal die Vorkommen ersch\u00f6pft.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Aber das Zinn l\u00f6ste als Geissel der Vielen und Reichtum der Wenigen das Silber gegen Ende des 19. Jahrhunderts ab. Auch heute noch ist Bolivien der 5-tgr\u00f6sste Zinnproduzent der Welt.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Dazu trug auch der von Bolivien 1884 verlorene Pazifik- oder Salpeterkrieg bei, der Bolivien nicht nur seinen Teil am Salpetergesch\u00e4ft kostete, sondern auch seinen Zugang zum Meer und damit den Abtransport seiner Bergbauprodukte erschwerte und verteuerte.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Bedeutung des Zinns f\u00fcr verschiedene Legierungen in der Industrie und im Maschinenbau war im Laufe des 19. Jahrhunderts gestiegen. Vor allem der Vormarsch der Konservendose erh\u00f6hte den Bedarf nach Zinn. Heute ist es zus\u00e4tzlich f\u00fcr die Glasherstellung unverzichtbar.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">So gelang es einem findigen bolivianischen Unternehmer, \u00fcber Zinnfunde und den Ausbau des Zinnbergbaus zu einem der gr\u00f6ssten Zinnhersteller der Welt zu werden. Er erhielt auch R\u00fcckendeckung der bolivianischen Eliten, weil es ihm gelang, das chilenische Kapital aus dem bolivianischen Bergbau zu verdr\u00e4ngen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Pati\u00f1o war also sozusagen der erste \u201eNationalisierer\u201c des Bergbaus. Die Regierung von Paz Estenssoro und die von ihm gegr\u00fcndeten MNR \u2013 Revolution\u00e4re Nationalbewegung \u2013 verstaatlichte dann 1952 nicht nur die Pati\u00f1o-Zinnminen, sondern die ganzen damaligen Bergbaubetriebe Boliviens.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Sie kann als ein direkter Vorl\u00e4ufer der MAS von Evo Morales betrachtet werden: Es war eine Regierung und Partei, die die Bodensch\u00e4tze des Landes verstaatlichen wollte, mit der Absicht, einmal auch diejenigen am stofflichen Reichtum des Landes zu beteiligen, die ihn aus dem Inneren der Erde herausgeholt hatten. Diese Verstaatlichung und die damit einhergehende Absicht der Umverteilung war das, was sie als \u201eRevolution\u201c bezeichneten.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Damit machten sich die Verstaatlicher nicht nur Freunde im In- und Ausland.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das eigentliche Problem der MNR-Regierung war aber, dass die Bergleute Boliviens sich von dieser Verstaatlichung eine Verbesserung ihrer Lage erwarteten, die mit den Anforderungen des Weltmarktes in Widerspruch stand. Die bolivianische Regierung wollte durch den Export der verschiedenen Metalle (ausser Zinn und Silber auch noch Wolfram, Zink, Kupfer usw.) Devisen auf dem Weltmarkt erl\u00f6sen, um damit verschiedene gute Taten, aber auch Investitionen in den Bergbau zu finanzieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Um an diese Devisen kommen zu k\u00f6nnen, h\u00e4tten die Bergleute genauso weiter schuften m\u00fcssen wie bisher, zu Hungerl\u00f6hnen und unter gesundheitssch\u00e4dlichen Bedingungen. Letztere kn\u00fcpften aber an die Verstaatlichung die Forderung, dass es ihnen jetzt besser gehen sollte, und so f\u00fchrte diese zu einer Serie von Streiks, dem R\u00fcckgang der Produktion und einer daraus folgenden Ebbe in der Staatskasse, was dann schliesslich der Grund f\u00fcr den Milit\u00e4rputsch von 1964 war. Der Gewaltapparat selber stiess n\u00e4mlich an die Grenzen seiner Finanzierung.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Dieser Zyklus holt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter alle ein, die die nationalen Reicht\u00fcmer in Staatshand zentralisieren, auf dem Weltmarkt verscherbeln, und die Gewinne dann mit der Giesskanne \u00fcber die Bev\u00f6lkerung aussch\u00fctten wollen. Die Sache geht sp\u00e4testens dann schief, wenn die Weltmarktpreise f\u00fcr diese national hergestellten Produkte fallen, und die Rechnung Einnahmen =&gt; Staatsnotwendigkeiten + Investitionen + Versorgungsleistungen nicht mehr aufgeht.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Statt Staat privat!<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Auf den Sturz der Regierung von Paz Estenssoro folgten Milit\u00e4rregierungen, oftmals sehr kurzlebig, und Zivilregierungen, w\u00e4hrend sich das Missverh\u00e4ltnis von Einnahmen und Ausgaben weiterhin reproduzierte. Solange, bis mit Hilfe von IWF und Weltbank die Reprivatisierung als Allheilmittel entdeckt wurde.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Um die Sache ganz gut zu machen, wurde zus\u00e4tzlich dazu auch noch das Wasser als Ressource entdeckt, mit der sich gut Geld machen liesse \u2013 zum Wohle der Allgemeinheit, selbstverst\u00e4ndlich.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">(Das Inka-Reich entstand und hielt sich deshalb, weil es die Kriege auf dem Andenhochland um das Wasser beendete und eine zentrale und effiziente Verwaltung des Wassers schuf. Dergleichen ist in Bolivien bis heute nicht gelungen.)<\/span><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"912\" height=\"340\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/La_Paz_Teleferico-_Linea_Amarilla_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6490\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/La_Paz_Teleferico-_Linea_Amarilla_1.jpg 912w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/La_Paz_Teleferico-_Linea_Amarilla_1-300x112.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/La_Paz_Teleferico-_Linea_Amarilla_1-768x286.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 912px) 100vw, 912px\" \/><figcaption>Bild: La Paz, Telef\u00e9rico, gelbe Linie. \/\u00a0<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:La_Paz,_Teleferico-_Linea_Amarilla.JPG\">Grullab<\/a>\u00a0<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.en\">(CC BY-SA 4.0 cropped)<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das bescherte Bolivien im Jahr 2000 ff. den Wasserkrieg, wo die Bev\u00f6lkerung von Cochabamba die R\u00fccknahme der Wasserprivatisierung und des Wassergesetzes erzwang. Damals schloss sich Evo Morales als Vertreter der Coca-Bauern diesen Forderungen an \u2013 mehr oder weniger: Wasser f\u00fcr alle, Coca f\u00fcr alle \u2013 und begann seine politische Karriere.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Energietr\u00e4ger<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Genauso wie mit den Bergbauprodukten ist in Bolivien das Interesse, die Energietr\u00e4ger aus Kohlenwasserstoffen \u2013 die seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Bolivien gersucht und abgebaut worden waren \u2013 zu verstaatlichen, nicht neu. Bereits in den 30-er Jahren ging das ein Pr\u00e4sident an, ganz ohne soziales Engagement, sondern einfach, um diesen strategischen Rohstoff im Sinne von Milit\u00e4r und Staatskasse durch staatlich kontrollierte einheimische Firmen zu f\u00f6rdern. Damals wurde die US-Firma Standard Oil hinauskomplimentiert.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Damals bereits stellte sich aber heraus, dass ohne ausl\u00e4ndisches Kapital weder die n\u00f6tigen Prospektierungen noch die F\u00f6rderung, noch die Raffinierung angegangen werden konnten. Dazu kam der erb\u00e4rmliche Zustand aller Transportverbindungen. Eine aus den USA w\u00e4hrend des II. Weltkriegs zwecks Kooperation nach Bolivien geschickte Expertendelegation empfahl unter anderem, vielleicht einmal die wichtigsten Strassen zu asphaltieren.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Und so ging die gleiche Angelegenheit wieder los: Ohne ausl\u00e4ndisches Kapital gibt es keinen Zugriff auf die nationalen Reicht\u00fcmer. Ist es einmal da, investiert und sich breit gemacht hat, so will es eben auch m\u00f6glichst viel Gewinn einstreichen und ihn nicht am Ende mit gierigen bolivianischen Steuerbeh\u00f6rden teilen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Nach der Verstaatlichung und der Gr\u00fcndung der staatlichen \u00d6lfirma YPFB d\u00fcmpelte diese eine Zeitlang vor sich hin, bis sie die Regierung Paz Estenssoro als Finanzierungsquelle f\u00fcr die inzwischen verstaatlichte (sonstige) Bergbauindustrie entdeckte. Der Verkauf von Sch\u00fcrfrechten f\u00fcr \u00d6l sollte das Geld in die Staatskasse bringen, das dort f\u00fcr die Entwicklung des Zinn-, Silber- und Sonstwas-Bergbaus n\u00f6tig war. Und so wurden Konzessionen f\u00fcr 40 Jahre vergeben, bis in die 90-er Jahre hinein also.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die \u00d6lfirma, die sich an die Bohrarbeit machte, entdeckte Erdgas \u2013 f\u00fcr das sie gar keine Konzession hatte, weil daran gar nicht gedacht worden war. Die US-Firma Gulf Oil Company bot an, der bolivianischen Industrie Erdgas kostenlos zu liefern, wenn sie nur mit dem Rest machen k\u00f6nne, was sie wolle.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Man muss hier erw\u00e4hnen, dass sich der Gasmarkt in den sp\u00e4ten 50-er Jahren erst entwickelte. Bisher hatte man das \u00fcbersch\u00fcssige Gas meistens abgefackelt. Sowohl bez\u00fcglich der Verwendungsm\u00f6glichkeiten als auch des Transportes und der F\u00f6rderkosten war alles neu, was der \u00d6lfirma sehr freie Hand bei der Festsetzung der Preise liess.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Als die bolivianische Regierung 1969 die Vertr\u00e4ge mit der Gulf Oil Company k\u00fcndigte, mit Berufung auf neue Bedingungen, und die Energietr\u00e4ger wieder verstaatlichte, verh\u00e4ngten die USA ein Embargo \u00fcber bolivianisches Erd\u00f6l und seine Derivate. (Kennen wir das nicht von irgendwo?)<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Nach dem Putsch von Hugo Banzer 1971 wurden die Karten wieder neu aufgemischt. Die staatliche bolivianische Firma YPFB blieb bestehen, aber als eine Art leere H\u00fclse, die Betrieb und Prospektion an Vertragspartner verpachtete. Dem legte die zivile Regierung Paz Zamora 1990 noch ein Sch\u00e4uferl dazu, indem sie Gewinn-Garantien gab, um Investoren in diesen Sektor anzuziehen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Dann wurden noch Joint Ventures genehmigt, und so um das Millenium herum war auf einer viel h\u00f6heren Stufenleiter die gleiche Situation da wie fr\u00fcher einmal beim Bergbau: Es war klar, dass Bolivien grosse Reserven an \u00d6l und Gas hatte, sie wurden auf dem Weltmarkt auch nachgefragt, aber private ausl\u00e4ndische (USA &amp; Argentinien) Firmen hatten die Hand drauf und die Gewinne flossen gr\u00f6sstenteils in ihre Taschen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Neue Steuern sowie Ger\u00fcchte \u00fcber geplante Exporte von \u00d6l und Gas ins Ausland waren schliesslich der Grund, warum der Volkszorn sich in Aufst\u00e4nden entlud. Nachdem der damalige Pr\u00e4sident Schiessbefehl gegeben hatte, mit dem Ergebnis von 70 Todesopfern, war er gen\u00f6tigt, ins Ausland zu fliehen. Dort sitzt er bis heute.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Sein Nachfolger setzte zur Beruhigung der Gem\u00fcter ein Referendum \u00fcber die Verstaatlichung der Energietr\u00e4ger an, das mit grosser Mehrheit f\u00fcr dieselbige stimmte. Als das Parlament versuchte, diese zu verw\u00e4ssern, musste wieder einmal gew\u00e4hlt werden, und so erstarkte auch die Partei von Evo Morales (MAS), mit dem Versprechen der Verstaatlichung der Energietr\u00e4ger, die mit Mehrheit im bolivianischen als Gesetz beschlossen wurde. Damals wurde auch festgelegt, dass zwischen Abgaben und Steuern 50% der Wertsch\u00f6pfung in die Staatskasse fliessen m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Verstaatlichung geschah \u00fcbrigens durch Aktienk\u00e4ufe, nicht durch Enteignung, da es daf\u00fcr gar keine gesetzlichen Grundlagen in Bolivien gibt. Sie liessen sich im Parlament nicht durchsetzen. Mit den Einnahmen aus den Energietr\u00e4gern wurde tats\u00e4chlich in Bolivien einiges in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur investiert. Die Giesskanne funktionierte. Das gestehen der bolivianischen Regierung auch ihre Gegner zu.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das Problem liegt auf der anderen Seite, bei den Eink\u00fcnften.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Es wurden nicht alle \u00d6l- und Gasfelder verstaatlicht, da der Staat gar nicht das n\u00f6tige Kapital h\u00e4tte, um sie alle zu erschliessen und zu betreiben. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr die Raffinerien. Die Vertr\u00e4ge wurden neu verhandelt, und eben um die staatliche Entnahme f\u00fcr soziale Zwecke nicht zu gef\u00e4hrden, wurde kein Prozentsatz f\u00fcr Investitionen hineingeschrieben. Das heisst, weder die privaten noch sie staatlichen Firmen investierten viel, und die Produktion und vor allem die Raffinerieleistung ging zur\u00fcck. Das wiederum heisst, dass Bolivien teilweise Treibstoff zu Weltmarktpreisen importieren muss \u2013 w\u00e4hrend es seine Rohprodukte aus Mangel an Transportm\u00f6glichkeiten (Pipelines, Fl\u00fcssiggas-Terminals, Hafenanlagen) unter dem Weltmarktpreis verkaufen muss.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">2005 standen \u00d6l- und Gaspreise ungef\u00e4hr so hoch wie heute, nach einigen H\u00f6henfl\u00fcgen und Einbr\u00fcchen. Dennoch hat sich aus den oben genannten Gr\u00fcnden die Ratio zwischen Einnahmen und Ausgaben f\u00fcr Energietr\u00e4ger seither verschlechtert.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Der Agrarsektor und Evo Morales<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Der Agrarsektor stand in Bolivien aufgrund der Wichtigkeit der Bergbauprodukte immer im Hintergrund. Der Hunger und die Unterern\u00e4hrung geh\u00f6ren zur Folklore Boliviens. Auf dem f\u00fcr intensive Produktion ungeeigneten Hochland qu\u00e4len sich die Eingeborenen mit Trockenheit und K\u00e4lte herum, in den Niederungen haben sich teilweise Grossgrundbesitzer breit gemacht. Bolivien verf\u00fcgt aber wie viele andere L\u00e4nder Lateinamerikas auch \u00fcber Dschungel: Unbebaute Fl\u00e4chen, wo vielleicht noch irgendwelche traditionell lebenden Eingeborenen hausen, und deren Besitzverh\u00e4ltnisse nicht ganz gekl\u00e4rt sind. Und diese Gebiete bieten sich an, wenn andere Einkommensquellen versagen, so auch heute.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Morales und seine Familie zogen als Kolonisten in den Dschungel und machten dort Fl\u00e4chen urbar, weil sie auf dem Hochland aufgrund von Missernten und Frost nicht mehr \u00fcberleben konnten Und sie widmeten sich \u2013 neben anderen Pflanzen \u2013 dem Anbau von Coca.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Cocapflanze ist ein traditionelles Grundnahrungsmittel des Andenhochlandes, wo vieles an N\u00e4hrstoffen und Vitaminen drin ist, das sich die armen Leute, also die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung der Anden, auf andere Weise gar nicht besorgen k\u00f6nnten. Ausserdem hilft es, die grosse H\u00f6he zu ertragen und dennoch schwer arbeiten zu k\u00f6nnen. Ohne das Coca h\u00e4tte die Silberproduktion von Potos\u00ed gar nicht funktionieren k\u00f6nnen. Schon die spanischen Kolonialbeh\u00f6rden sorgten deshalb daf\u00fcr, dass es die Arbeiter der Bergwerke in ausreichender Menge erhielten. Es stellte sie aufgrund der beruhigenden und gleichzeitig anregenden Wirkung n\u00e4mlich auch ruhig. Erst recht wurden sie von moderneren Bergbaufirmen dazu angehalten, ordentlich Coca zu konsumieren, um sich f\u00fcr die Anforderungen des Kapitals fit zu halten.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Ausserdem hielt es die Ureinwohner seit jeher bei ihren Festen bei Stimmung, im Zusammenhang mit Tanz und Gesang, so wie bei uns der Alkohol.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals erzeugte Derivat Kokain wurde als An\u00e4sthetikum und Droge f\u00fcr psychische Erkrankungen eingesetzt, und wird in der Medizin teilweise heute noch verwendet, w\u00e4hrend sein Konsum und Besitz in den meisten L\u00e4ndern der Welt heute strafbar ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die bolivianischen Bauern, die das Coca anbauten, gerieten dadurch in den 80-er Jahren zwischen 2 Feuer. Einerseits war das Zeug f\u00fcr die Bolivianer bitter notwendig, andererseits fragten es die kolumbianischen Drogenbarone als Rohstoff f\u00fcr Kokain nach \u2013 dual use, ideal f\u00fcr den Produzenten \u2013 und drittens versuchte die exterritorial agierende US-Drogenbeh\u00f6rde DEA, den Anbau zu verhindern und die Pflanzungen zu zerst\u00f6ren.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">In diesem Hin und Her wuchs Evo Morales in Verteidigung der angestammten Traditionen der bolivianischen Bev\u00f6lkerung zu einer k\u00e4mpferischen Autorit\u00e4t heran und griff nach den Sternen des h\u00f6chsten Amtes im Staat.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Er machte sich also erstens durch die als Aktienkauf betriebene R\u00fcckholung der Bodensch\u00e4tze in bolivianischen Staatsbesitz bei den USA unbeliebt. (Es waren vor allem US-Unternehmen, deren Beteiligung hier reduziert wurde.) Zweitens durch sein Festhalten daran, dass die Bolivianer zu entscheiden h\u00e4tten, was in Bolivien angebaut wird.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Der \u201eRegionalismo\u201c und die Provinz Santa Cruz<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Stadt, die irref\u00fchrenderweise \u201eSanta Cruz im Gebirge\u201c heisst \u2013 sie liegt in der Ebene \u2013 war lange eine Art vergessene Ecke Boliviens, ohne Bodensch\u00e4tze und Bergwerke, und wegen der fehlenden Strassen auch ohne Handelsverbindungen. Die Strasse des Silbers f\u00fchrte \u00fcber das heutige Argentinien, rund um Santa Cruz war nichts ausser Urwald und S\u00fcmpfen. Die paar Grundherren und sonstigen Notabeln des Ortes versauerten hinter den 7 Bergen und konnten nicht einmal ihre landwirtschaftlichen Produkte in die in der n\u00e4heren Umgebung ohnehin recht bescheidenen Metropolen transportieren, um irgendwelche kleineren Luxusg\u00fcter f\u00fcr sich einzukaufen. Auch ihr Lobbyismus f\u00fcr eine Eisenbahnlinie verhallte in Sucre und La Paz lange ungeh\u00f6rt, weil einfach kein Geld daf\u00fcr da war und auch kein ausl\u00e4ndisches Kapital in diese Gegend investieren wollte.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das \u00e4nderte sich, als um die Wende zum 20. Jahrhundert in der Provinz \u00d6l entdeckt wurde. Auf einmal kamen Fremde hierher, Kapital, bald eine Strasse, schliesslich gab es sogar einen Krieg wegen der Transportwege nach S\u00fcden, und Santa Cruz stieg zur wohlhabendsten Stadt Boliviens auf. Es stellte schliesslich auch einen Pr\u00e4sidenten, den Diktator Hugo Banzer, der ein weiteres dazu beitrug, Santa Cruz Privilegien aller Art zuzuschanzen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Hier in Santa Cruz machte sich Morales unbeliebt, weil mit seinem Amtsantritt das Gerangel losging, wem eigentlich die Einnahmen aus den so umstrittenen Energietr\u00e4gern zustanden? Den regionalen Institutionen oder dem zentralen Budget? Das Ganze wurde von den international gut vernetzten Lokalpolitikern von Santa Cruz und deren medialen Sprachrohren mit sch\u00f6nen Titeln \u00fcber \u201er\u00fcckschrittliche\u201c, Koka kauende Indianer, die nicht wirtschaften k\u00f6nnen, und \u201efortschrittliche\u201c, mit dem Finanzkapital der Welt verschw\u00e4gerte und moderne Glaspal\u00e4ste errichtende lokale Unternehmer ausgetragen. Und ebenso mit Zentralismus gegen F\u00f6deralismus, \u201eSelbstbestimmung\u201c, usw.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Hier, in dieser Gegend hat Morales besonders wenig Freunde unter den Besitzenden, aber viele unter den Blossf\u00fcssigen \u2013 die wiederum von der Mittelklasse aufw\u00e4rts nicht wohlgelitten sind, und die viele Santacruze\u00f1os gerne von dort vertreiben m\u00f6chten.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das Milit\u00e4r<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">war zwar lange unterversorgt und entsprechend schwach, aber spielt in Bolivien eine doppelt wichtige Rolle. Nat\u00fcrlich muss es die Einheit nach innen wahren und hin und wieder aufst\u00e4ndische Bergarbeiter, Bauern oder Bewohner von El Alto, der Zwillingsstadt von La Paz, niederhalten, notfalls auch mit scharfer Munition und mit Toten.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Aber Bolivien hat seit seiner Unabh\u00e4ngigkeit mehrere Kriege gef\u00fchrt und sie allesamt verloren. Das Territorium dieses Staates ist deshalb geschrumpft, es verlor den Zugang zum Meer, die Salpetervorkommen und den Hafen von Antofagasta im Pazifikkrieg, in anderen Kriegen Teile Amazoniens und des Chaco. Jeder Nachbarstaat hat sich ein St\u00fcck von Bolivien genommen. Die nationale Schmach sitzt bei den Bolivianern tief und das Milit\u00e4r wird deswegen doch auf eine widerspr\u00fcchliche Art akzeptiert und verehrt, als Bollwerk gegen \u00e4ussere Feinde und letzten Garant f\u00fcr die nationale Selbstbehauptung.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Das war auch der Grund, warum die k\u00e4mpferischen Gewerkschaften die Milit\u00e4rdiktaturen eine Zeitlang geduldet haben.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><b><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Die Demokratie, die Verfassung und der Putsch<\/span><\/b><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Als Evo Morales seine erste Wahl gewann, ging er in den Pr\u00e4sidentenpalast und schaute sein zuk\u00fcnftiges B\u00fcro an. Er fand, dass das B\u00fcro daneben vom CIA benutzt wurde. Seine Vorg\u00e4nger, sicher jedenfalls \u201eGoni\u201c, fragten bei jeder Entscheidung nach, ob das den USA ohnehin recht w\u00e4re. Morales forderte die US-Botschaft auf, das B\u00fcro zu r\u00e4umen \u2013 was auch geschah. Er machte sich auch hiermit unbeliebt.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Er war 14 Jahre an der Macht, aber vorher schon sehr pr\u00e4sent in der bolivianischen Politik, sp\u00e4testens seit dem Wasserkrieg. Er sah sich als eine Art Landesvater, ohne den gar nichts geht. Deswegen sah er in der Amtszeitbeschr\u00e4nkung einen Verstoss gegen seine ureigensten Rechte als F\u00fchrer. Und er setzte diese Amtszeitbeschr\u00e4nkung ausser Kraft, indem er erst ein Referendum ansetzte, in dem sein Anliegen mit knapper Mehrheit, aber doch zur\u00fcckgewiesen wurde. Dann liess er sich vom Obersten Gerichtshof best\u00e4tigen, dass damit gegen sein Menschenrecht auf praktisch unbeschr\u00e4nktes Regieren verstossen w\u00fcrde. Und ging mit Schwung daran, sich wiederw\u00e4hlen zu lassen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Er hat da etwas \u00fcber die Demokratie nicht ganz verstanden, oder sie zumindest zu eigenwillig interpretiert. Die Demokratie samt ihrem Procedere besteht n\u00e4mlich nicht nur darin, dass sich die Regierenden w\u00e4hlen und dadurch in ihrer Machtaus\u00fcbung best\u00e4tigen lassen m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Es geht auch darum, dass die Kontinuit\u00e4t der Macht \u00fcber den Wechsel der sie aus\u00fcbenden Figuren bewerkstelligt wird. Damit ist klar, dass die abstrakten Prinzipien von Freiheit und Gleichheit \u2013 Freiheit des Eigentums und Gleichheit vor dem Gesetz, also Unterordnung unter das Gewaltmonopol \u2013 unabh\u00e4ngig von den jeweiligen Vollstreckern dieser Prinzipien gelten sollen. Deshalb gibt es in allen demokratischen Verfassungen diese Beschr\u00e4nkung, meistens auf zwei Amtsperioden, die z.B. in den USA nach dem Ableben von FD Roosevelt eingef\u00fchrt wurde, damit so etwas wie seine 4-malige Wiederwahl nicht mehr vorkommt.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Eine st\u00e4ndige und wom\u00f6glich erbliche Herrschaftsaus\u00fcbung, wie sie Monarchen oder Diktatoren treiben, verbieten die Grossm\u00e4chte, die allen Staaten Demokratie vorschreiben wollen, und sind entsprechend sauer, wenn sich andere Staaten dar\u00fcber hinwegsetzen. In Bolivien wird so etwas nicht geduldet.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Nach einigen Fehlschl\u00e4gen in Sachen Regime Change wurde jetzt sehr vorsichtig vorgegangen. Auf das Referendum, den Gerichtsbeschluss und die Ank\u00fcndigung der Wiederwahl folgten keine Donnerwetter aus Washington, Br\u00fcssel und \u00e4hnlichen Metropolen der Meinungsbildung. Es wurden keine Medienkampagnen gegen den \u201eDiktator\u201c angezettelt. Sein Wahlkampf wurde beinahe wohlwollend kommentiert. Aber irgendwer sorgte daf\u00fcr, dass alle wichtigen Institutionen wussten, was sie zu tun hatten. Dass n\u00e4mlich Milit\u00e4r, Polizei, Gewerkschaftsf\u00fchrung, Santa Cruz-Politiker usw. an einem Strang ziehen, Kasperln mit Bibeln in der Hand auftauchen; dass pl\u00f6tzlich als Bauern verkleidete Oppositionelle oder \u201eeinfache Leute aus dem Volk\u201c vor laufenden Kameras Wahllokale st\u00fcrmen usw. \u2013 das weist schon auf eine sehr weit gediehene Koordination hin, ebenso wie der Umstand, dass es Morales fast nicht gelang, das Land zu verlassen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Evo Morales konnte sich deswegen so lange halten, weil er viele Gegens\u00e4tze im Land ein St\u00fcck weit schlichten konnte und das Vertrauen der Volksmassen hatte. Es wird nicht m\u00f6glich sein, ihn durch eine \u00e4hnlich integrative Figur zu ersetzen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Che Guevara suchte sich deshalb Bolivien aus, weil er meinte, das Land sei zentral gelegen und vereinige alle Widerspr\u00fcche Lateinamerikas in sich. Wenn es gelingt, dieses Land zu kippen, so seine Ansicht, dann w\u00fcrde der Rest der Nachbarstaaten folgen. In einer sehr abstrakten Weise haben die Drahtzieher des Sturzes von Morales vielleicht \u00e4hnliche Pl\u00e4ne, um in Sachen Hinterhof voranzukommen.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm 0cm 6.0pt 0cm;\"><i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\">Quelle: <\/span><\/i><span style=\"font-size: 9.0pt; font-family: 'Arial',sans-serif;\"><a href=\"https:\/\/www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch\/politik\/lateinamerika\/bolivien-bergbau-demokratie-5783.html%20vom%2025.%20November%202019\"><i>untergrund-bl\u00e4ttle.ch&#8230;<\/i><\/a><i> 25. November 2019<\/i><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Amelie Lanier. 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