{"id":6510,"date":"2019-11-29T11:17:57","date_gmt":"2019-11-29T09:17:57","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6510"},"modified":"2019-11-29T11:17:59","modified_gmt":"2019-11-29T09:17:59","slug":"usa-soziale-konterrevolution-und-sinkende-lebenserwartung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6510","title":{"rendered":"USA: Soziale Konterrevolution und sinkende Lebenserwartung"},"content":{"rendered":"<p><em>Niles Niemuth. <\/em><strong>Eine Studie, die diese Woche im\u00a0<em>Journal of the American Medical Association<\/em>\u00a0(JAMA) ver\u00f6ffentlicht wurde, beschreibt detailliert das Absinken der Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten von 2015 bis 2017. Diese<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong> Entwicklung ist in der Moderne beispiellos.<\/strong><\/p>\n<p>Professor Steven H. Woolf von der Virginia Commonwealth University und Heidi Schoomaker, die an der Eastern Virginia Medical School studiert, analysierten die Lebenserwartungsdaten f\u00fcr den Zeitraum von 1959 bis 2016 sowie die ursachenspezifischen Sterblichkeitsraten f\u00fcr die Jahre 1999 bis 2017. Die Daten zeigen, dass der R\u00fcckgang der Lebenserwartung keine statistische Anomalie ist, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Angriffe auf die Arbeiterklasse.<\/p>\n<p>Der Bericht wirft ein Schlaglicht auf die USA als ein Land, das von einer tiefen sozialen Krise heimgesucht wird. Die Rekord-Aktienkurse, die von Trump als Erfolg gefeiert werden, sind in Wirklichkeit ein Ma\u00df f\u00fcr die immer sch\u00e4rfere wirtschaftliche Ausbeutung, die die Ursache f\u00fcr die sinkende Lebenserwartung der Arbeiter ist.<\/p>\n<p>Tausende Fabriken und Bergwerke wurden geschlossen, unz\u00e4hlige Gesch\u00e4fte aufgegeben und L\u00f6hne, Renten sowie Gesundheitsleistungen gek\u00fcrzt, um die Forderungen der Wall-Street-Spekulanten zu erf\u00fcllen. Im Verlauf dieser Entwicklung wurden Hunderttausende von Arbeitern in den Vereinigten Staaten buchst\u00e4blich get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Seit 1959 stieg die Lebenserwartung j\u00e4hrlich an, bis diese Entwicklung im Jahr 2010 zum Stillstand kam. Nach einem H\u00f6chststand von 78,9 Jahren begann sie im Jahr 2014 ihren Abstieg. Bis 2017 ist die Lebenserwartung auf 78,6 Jahre gesunken.<\/p>\n<p>2010 war nicht zuf\u00e4llig auch das Jahr, in dem Obamacare in Kraft trat. Dieser\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/en\/articles\/2013\/11\/01\/pers-n01.html\"><strong>Angriff<\/strong><\/a>\u00a0auf die Gesundheitsversorgung wurde als progressive Reform verkauft. Der R\u00fcckgang der Lebenserwartung seit dieser Zeit unterstreicht den r\u00fcckschrittlichen Charakter des Gesundheitsprogramms, das nur eines der reaktion\u00e4ren Verm\u00e4chtnisse der Obama-Regierung ist.<\/p>\n<p>Obamacare war Teil eines bewussten Vorsto\u00dfes der herrschenden Klasse, um die Lebenserwartung der arbeitenden Bev\u00f6lkerung zu senken. F\u00fcr die Strategen des amerikanischen Kapitalismus gilt: Je l\u00e4nger die Lebensdauer \u00e4lterer und pensionierter Arbeiter, die keine Gewinne mehr f\u00fcr die Konzerne erwirtschaften und stattdessen auf eine staatlich subventionierte Gesundheitsversorgung angewiesen sind, desto h\u00f6her die Summen, die aus den Kassen der Reichen und des Milit\u00e4rapparats abgezweigt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In einem Strategiepapier aus dem Jahr 2013 stellte der Autor Anthony H. Cordesman vom Center for Strategic and International Studies (CSIS), einem Think Tank aus Washington, die wachsende Lebenserwartung einfacher Amerikaner unverbl\u00fcmt als immense Krise f\u00fcr den US-Imperialismus dar. \u201eF\u00fcr die USA gibt es keine ausl\u00e4ndische Bedrohung, die so schwerwiegend ist, wie ihr Vers\u00e4umnis, sich mit \u2026 den wachsenden Kosten f\u00fcr staatliche Sozialleistungen auseinanderzusetzen\u201c, schrieb Cordesman. Die Schuldenkrise sei \u201efast ausschlie\u00dflich auf wachsende Ausgaben des Staates f\u00fcr umfassende Gesundheitsprogramme, [die staatliche Rentenversicherung] Social Security sowie auf die Kosten [zur\u00fcckzuf\u00fchren], die aus den Nettozinsen f\u00fcr die Schulden entstehen.\u201c<\/p>\n<p>Unterdessen waren die Bedingungen f\u00fcr die Reichen noch nie besser. Dies spiegelt sich in der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich bei der Lebenserwartung wider. Das reichste eine Prozent der M\u00e4nner lebt 14 Jahre l\u00e4nger als das \u00e4rmste eine Prozent und das reichste Prozent der Frauen 10 Jahre l\u00e4nger als das \u00e4rmste.<\/p>\n<p>Obwohl die Vereinigten Staaten pro Kopf weitaus mehr f\u00fcr die Gesundheitsversorgung ausgeben als andere gro\u00dfe kapitalistische L\u00e4nder, sind sie hinsichtlich der Lebenserwartung und Sterblichkeit weit zur\u00fcckgefallen. Seit den 1980er Jahren fallen die USA immer weiter hinter den anderen entwickelten L\u00e4ndern zur\u00fcck. Ab 1998 fielen sie im Vergleich zu anderen Mitgliedsl\u00e4ndern der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) unter den Durchschnitt.<\/p>\n<p>Der erste Wendepunkt, an dem sich das Wachstum bei der Lebenserwartung deutlich verlangsamte, liegt in den fr\u00fchen 1980er Jahren. Er f\u00e4llt zusammen mit der sozialen Konterrevolution, die durch die Regierung von Ronald Reagan eingeleitet wurde. Zur Politik der sozialen Angriffe unter Reagan geh\u00f6rten u.a. die systematische Unterdr\u00fcckung von Gewerkschaften und Streiks, Lohnk\u00fcrzungen und Werksschlie\u00dfungen auf nationaler Ebene sowie K\u00fcrzungen im Bildungssystem, bei der Gesundheitsversorgung und anderen Sozialprogrammen. Der Startschuss erfolgte mit der Unterdr\u00fcckung des Streiks der PATCO-Fluglotsen im Jahr 1981, an der der Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO ma\u00dfgeblich beteiligt war. Reagans Sozialpolitik wurde schnell von den Demokraten \u00fcbernommen und von den Regierungen Clinton und Obama fortgesetzt.<\/p>\n<p>Der zweite gro\u00dfe Wendepunkt war der Wall Street Crash von 2008, auf den einerseits die Bankenrettung folgte, bei der Billionen ausgegeben wurden, und andererseits die brutale Sparpolitik gegen die Arbeiterklasse. Das folgende Jahrzehnt war gepr\u00e4gt von der Opioidkrise, die sich explosionsartig \u00fcber die Gemeinden der Vereinigten Staaten ausbreitete.<\/p>\n<p>Dem JAMA-Bericht zufolge ist der R\u00fcckgang der Lebenserwartung das Ergebnis von fast drei Jahrzehnten wachsender Sterblichkeitsraten bei Erwachsenen im erwerbsf\u00e4higen Alter zwischen 25 und 64 Jahren. Dies ist vor allem auf einen dramatischen Anstieg der Todesf\u00e4lle durch Drogenkonsum, Alkoholismus, Selbstmord und eine Reihe von Erkrankungen des Organsystems zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Sterblichkeit-USA.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6511\" width=\"580\" height=\"290\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Sterblichkeit-USA.jpg 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Sterblichkeit-USA-300x150.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><figcaption><strong>Altersbereinigte Sterblichkeit durch unbeabsichtigte Drogen\u00fcberdosierung (nach Ethnien, Erwachsene in den USA im Alter von 25-64, \u00fcber die Jahre 1999-2017). Werte in Klammern zeigen einen relativen Anstieg der altersbereinigten Sterblichkeitsraten nach Ethnien zwischen 2010 und 2017. [Quelle: CDC WONDER]<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<p>Zwischen 1999 und 2017 stieg die Sterblichkeit durch Drogen\u00fcberdosierung bei denjenigen im Haupterwerbsalter um gewaltige 386,5 Prozent \u2013 von 6,7 auf 32,5 Todesf\u00e4lle pro 100.000 Einwohner. Der Anstieg der Sterblichkeit war mit einem Wert von 531,4 Prozent am st\u00e4rksten bei den J\u00fcngsten in dieser Kohorte im Alter von 25 bis 34 Jahren.<\/p>\n<p>Der Bericht ergab, dass die Gesamtsterblichkeitsrate in der Lebensmitte zwischen 2010 und 2017 von 328,5 auf 348,2 pro 100.000 Einwohner angestiegen ist. Es kam zu 33.307 Todesf\u00e4llen, die bei gleichbleibender Rate nicht eingetreten w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Vom Anstieg der Sterblichkeit sind Arbeiter aller Ethnien betroffen, wobei die gr\u00f6\u00dfte Zahl der \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Todesf\u00e4lle unter wei\u00dfen Arbeitern auftrat \u2013 was das Konzept der \u201ewei\u00dfen Privilegiertheit\u201c auf besonders bittere Weise widerlegt. Mit derlei rassistischen Konzeptionen versucht die herrschende Klasse, ethnische und nationale Spannungen zu sch\u00fcren, und klammert dabei die Realit\u00e4t des sozialen Lebens aus. Diese zeigt deutlich, dass die Interessen der Arbeiter aller Ethnien und Nationalit\u00e4ten im Wesentlichen dieselben sind.<\/p>\n<p>Woolf und Schoomaker fanden heraus, dass der gr\u00f6\u00dfte relative Anstieg der Sterblichkeitsrate im Erwerbsalter auf New England und das Ohio Valley konzentriert war. Diese zwei Gebiete wurden von den Auswirkungen der Deindustrialisierung und der Opioidkrise besonders hart getroffen. Etwa ein Drittel der \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Todesf\u00e4lle seit 2010 ereignete sich in nur vier der 50 US-Bundesstaaten \u2013 Ohio, Pennsylvania, Indiana und Kentucky. Von den zehn Bundesstaaten, die die meisten \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Todesf\u00e4lle zu verzeichnen haben, befinden sich acht im Mittleren Westen und in der Appalachenregion.<\/p>\n<p>\u201eUns ist nicht verborgen geblieben, was in diesen Staaten vor sich geht\u201c, erkl\u00e4rte Woolf gegen\u00fcber der\u00a0<em>New York Times<\/em>. \u201eDer Zeitpunkt, an dem dieser Trend im Gesundheitsbereich seinen Anfang nahm, f\u00e4llt mit diesen wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen zusammen \u2013 in der Produktion gingen Arbeitspl\u00e4tze verloren, Stahl- und Autowerke wurden geschlossen.\u201c<\/p>\n<p>Die JAMA-Analyse deckt ein Verbrechen von gewaltigem Ausma\u00df auf. \u201eWenn aber die Gesellschaft Hunderte von Proletariern in eine solche Lage versetzt, dass sie notwendig einem vorzeitigen, unnat\u00fcrlichen Tode verfallen\u201c, schrieb Friedrich Engels 1845 in\u00a0<em>Die Lage der arbeitenden Klasse in England,<\/em>\u00a0\u201eund doch diese Bedingungen bestehen l\u00e4sst \u2013 so ist das ebensogut Mord wie die Tat des einzelnen\u201c.<\/p>\n<p>Die Verantwortung daf\u00fcr, dass die Arbeiter schon in jungen Jahren in den Tod getrieben werden, tr\u00e4gt das kapitalistische System mit seinen uners\u00e4ttlichen Forderungen nach immer h\u00f6heren Gewinnen. Die wichtigsten Komplizen waren hierbei die Gewerkschaften, die nach wie vor als Betriebspolizei der Unternehmen f\u00fcr den geordneten Ablauf von Werksschlie\u00dfungen sorgen und einen Tarifvertrag nach dem anderen abschlie\u00dfen, durch den die Rechte von Arbeitern ausverkauft werden.<\/p>\n<p>In diesem wahnsinnigen Streben nach Profit werden die Arbeiter \u00fcber die Grenze der Belastbarkeit hinausgedr\u00e4ngt. Die Amazonisierung der Arbeitsprozesse und das Anwachsen der sogenannten \u201eGig Economy\u201c in den letzten zehn Jahren haben die Ausbeutung dramatisch versch\u00e4rft. Die Arbeiter werden in den Missbrauch starker Schmerzmittel wie Oxycontin und Opioiden getrieben, nur um die Verletzungen und Krankheiten zu bew\u00e4ltigen, die durch \u00dcberarbeitung entstehen.<\/p>\n<p>Das Wiederaufleben des Klassenkampfes in den USA und international zeigt einen Weg nach vorne. W\u00e4hrend jedoch im letzten Jahr Zehntausende von Autoarbeitern, Lehrern und Arbeitern in anderen Bereichen gestreikt haben, wurden ihre K\u00e4mpfe von den Gewerkschaften verraten.<\/p>\n<p>Um der Arbeiterklasse das zu geben, was sie zum Leben braucht, bedarf es einer bewussten politischen F\u00fchrung mit einem sozialistischen Programm. Auf der Grundlage eines solchen Programms k\u00f6nnen Arbeiter die Kontrolle \u00fcber die Banken und Unternehmen \u00fcbernehmen und sie demokratisch f\u00fchren, damit diese den menschlichen Bed\u00fcrfnissen dienen und nicht privaten Profitinteressen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/11\/29\/lebe-n29.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 29. November 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Niles Niemuth. 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