{"id":6540,"date":"2019-12-04T09:09:50","date_gmt":"2019-12-04T07:09:50","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6540"},"modified":"2019-12-04T09:09:52","modified_gmt":"2019-12-04T07:09:52","slug":"kolumbien-generalstreik-gegen-die-prekaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6540","title":{"rendered":"Kolumbien: Generalstreik gegen die Prekarit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p><em>In\u00e9s In. <\/em>Trotz staatlicher Gewalt: Student*innen beteiligen sich an Protesten gegen die Regierung Kolumbiens. Gespr\u00e4ch mit Sebasti\u00e1n Pinilla Pati\u00f1o, Vertreter des Studiengangs Grafikdesign an der Universidad Nacional de Colombia und Teil<!--more--> der Nationalen Union der Hochschulstudent*innen (UNEES).<\/p>\n<p><strong>In Kolumbien hat es seit 1977 keinen landesweiten Generalstreik mehr gegeben. Am 21. November besetzten Hunderttausende Arbeiter*innen, B\u00e4uer*innen, Indigene, Afrokolumbianer*innen und Student*innen die Stra\u00dfen und legten ganz Kolumbien lahm. Warum?<\/strong><\/p>\n<p>Weil die derzeitige Regierung beabsichtigt, jene neoliberalen Leitlinien zu \u00fcbernehmen, die der Beitritt Kolumbiens zur OECD im Jahr 2018 mit sich gebracht hat. Sie f\u00fchrt einie Reihe von Reformen durch, die mehrere Sektoren gleichzeitig betreffen. Dabei geht es zum Beispiel um eine Renten- und eine Arbeitsreform.<\/p>\n<p><strong>Wie w\u00fcrden sich diese Regierungsvorhaben auswirken?<\/strong><\/p>\n<p>Unter anderem k\u00f6nnten von Unternehmen dann f\u00fcr den Preis, f\u00fcr den vorher eine Person unter 25 eingestellt wurde, zwei eingestellt werden, ohne dass f\u00fcr sie Krankenkassen- und Rentenbeitr\u00e4ge oder Sonntagszuschl\u00e4ge und \u00dcberstunden gezahlt werden m\u00fcssten. Staatliche Unterst\u00fctzung w\u00fcrde gek\u00fcrzt, das Renteneintrittsalter erh\u00f6ht und Renten unter dem f\u00fcr den Lebensunterhalt erforderlichen Minimum ausgezahlt.<\/p>\n<p><strong>Warum sollten sich deiner Meinung nach Student*innen gegen diese Ma\u00dfnahmen zur Wehr setzen?<\/strong><\/p>\n<p>Weil wir es sind, denen ansonsten ein Land im Krieg vererbt wird, das uns verschwinden l\u00e4sst und umbringt \u2014 ein Land mit noch gr\u00f6\u00dferen sozialen Ungleichheiten. Wir sind diejenigen, die dann ohne Arbeitsrechte und Rentenanspr\u00fcche in die Prekarit\u00e4t gedr\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p><strong>Bereits im Oktober 2018 hatte die Student*innen-Bewegung die Nichteinhaltung von Vereinbarungen \u00fcber den Bildungshaushalt seitens der Regierung mit einem riesigen Streik zur\u00fcckgewiesen. Was ist seitdem passiert?<\/strong><\/p>\n<p>Die Regierung hat keine gro\u00dfen Fortschritte gemacht. Beispielsweise wurden nur wenige F\u00e4lle von Menschenrechtsverletzungen an Student*innen durch die Staatsgewalt zur Sprache gebracht. Hinzu kommt, dass die Schulden, die der Staat bereits bei den Hochschulen hatte und deren Begleichung wir gefordert haben, noch weiter gestiegen sind. Mehrere von ihnen m\u00fcssen noch dieses Jahr ihre T\u00e4tigkeit einstellen, wenn der Staat die erforderlichen Mittel nicht auszahlt. Aber da stattdessen weiterhin an einem Haushalt festgehalten wird, der in den 1990er Jahren beschlossen wurde, sind unsere Proteste zu einem landesweiten Generalstreik geworden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Bogota.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6541\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Bogota.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Bogota-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Bogota-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><figcaption>Bild: Protest in Kolumbiens Hauptstadt Bogot\u00e1 am 22. November. jungeWelt<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Zum jetzigen Generalstreik hattet ihr schon schon vor Wochen aufgerufen. Das geschieht in einer Zeit, in der es in mehreren lateinamerikanischen L\u00e4ndern zu Aufst\u00e4nden kommt. Steht der Streik in Kolumbien damit im Zusammenhang?<\/strong><\/p>\n<p>Ja. Die Ersch\u00f6pfung der Bev\u00f6lkerung Lateinamerikas wegen rechtsextremer und korrupter Regierungen hat uns Parallelen zwischen unserer Erfahrung und dem, was etwa mit den Chilen*innen geschieht, erkennen lassen. Zu sehen, wie andere k\u00e4mpfen, l\u00e4sst uns daran glauben, dass Menschen das Potential haben, die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zu ver\u00e4ndern, die zuvor aus der Perspektive von Individualismus, Pessimismus und Frustration gesehen wurden.<\/p>\n<p><strong>Noch vor dem 21. November hat die Regierung die Grenzen geschlossen und die St\u00e4dte militarisiert. Die Ma\u00dfnahmen haben euch aber nicht daran gehindert, zu demonstrieren. Wahrscheinlich habt ihr aber aber ja trotzdem schwere Repressionen und Infiltrationen bef\u00fcrchtet. Bei euren Protesten gab es sie dann auch. Was ist passiert?<\/strong><\/p>\n<p>Wir sind Opfer von Staatsterrorismus geworden. Die Polizei hat w\u00e4hrend des Protestes mehrere koordinierte Menschenrechtsverletzungen begangen. Unter anderem hat sie Menschen daf\u00fcr bezahlt, ganze Wohnkomplexe zu zerst\u00f6ren und Panik zu erzeugen. Sp\u00e4ter kehrten sie dann in die betroffenen Nachbarschaften zur\u00fcck und lie\u00dfen sich zusammen mit der Armee als \u201eHeld*innen\u201c feiern, um so den Protest besser stigmatisieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Ist das der Grund, weswegen ihr den Streik fortsetzt?<\/strong><\/p>\n<p>Wir machen weiter, weil die Regierenden nicht zuh\u00f6ren. Sie sagen, dass sie dialogbereit sind. Allerdings ist ihre Vorstellung von Dialog, dass wir uns hinsetzen, um uns anzuh\u00f6ren, was diese Regierung f\u00fcr \u201egute\u201c Dinge getan hat, ohne unsere Anliegen zu verhandeln. Erst haben sie die sozialen Organisationen, die zum Streik aufgerufen haben, gar nicht eingeladen.<\/p>\n<p>Wir setzen den Streik fort, auch wenn es infolge der Proteste Tote und Verletzte gab. Sogar ein Sch\u00fcler ist gestorben. Deshalb k\u00e4mpfen wir weiter f\u00fcr die Abschaffung der \u201eESMAD\u201c (auf die Niederschlagung von \u201eAufst\u00e4nden\u201c spezialisierte Einheit, Anm. d. Redaktion) und daf\u00fcr, dass unsere Genoss*innen nicht vor unseren Augen sterben.<\/p>\n<p><strong>In Kolumbien hat die Zahl der Morde an Anf\u00fchrer*innen sozialer Bewegungen, Gewerkschafter*innen, B\u00e4uer*innen, Indigenen und ehemaligen FARC-K\u00e4mpfer*innen enorm zugenommen. Nun wurden auch Anf\u00fchrer*innen der Student*innen-Bewegung bedroht. Was gibt dir die Kraft, weiterzuk\u00e4mpfen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben es hier mit einer skrupellosen und mafi\u00f6sen Regierung zu tun. Diese ist zu jedem Betrug f\u00e4hig, um weiterhin an der Macht zu bleiben, die sie durch L\u00fcgen und Vertuschungen beibehalten haben. Wir m\u00fcssen viel bef\u00fcrchten. Wir alle haben Angst zu sterben und Angst, dass unseren Liebsten etwas zust\u00f6\u00dft. Aber die Wut, die die Ungerechtigkeit ausl\u00f6st, gibt uns Kraft. Ich will glauben, dass wir in Frieden leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/generalstreik-in-kolumbien-wir-sind-diejenigen-die-in-die-prekaritaet-gedraengt-werden\/\">klassegegenklasse.org&#8230;<\/a> vom 4. Dezember 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In\u00e9s In. Trotz staatlicher Gewalt: Student*innen beteiligen sich an Protesten gegen die Regierung Kolumbiens. 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