{"id":6578,"date":"2019-12-07T10:07:23","date_gmt":"2019-12-07T08:07:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6578"},"modified":"2019-12-07T10:07:24","modified_gmt":"2019-12-07T08:07:24","slug":"rechte-hetze-gegen-literaturnobelpreistraeger-peter-handke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6578","title":{"rendered":"Rechte Hetze gegen Literaturnobelpreistr\u00e4ger Peter Handke"},"content":{"rendered":"<p><em>Bernd Reinhardt und Peter Schwarz. <\/em><strong>Am 10. Dezember wird der Literaturnobelpreis 2019 an den \u00f6sterreichischen Schriftsteller Peter Handke verliehen. Seit bekannt ist, dass der ber\u00fchmte Literat mit dem Preis geehrt wird, bricht die Hetze gegen ihn nicht mehr ab.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die geh\u00e4ssigen Angriffe richten sich nicht gegen das vielfach ausgezeichnete k\u00fcnstlerische Werk von Handke, der seit f\u00fcnf Jahrzehnten zu den f\u00fchrenden deutschsprachigen Autoren und \u00dcbersetzern geh\u00f6rt. Sie zielen auf seine politische Haltung. Ein erheblicher Teil der Kultur- und Literaturszene verzeiht ihm nicht, dass er sich in den 1990er Jahren vehement gegen die Zerschlagung Jugoslawiens und den Krieg der Nato gestellt hat.<\/p>\n<p>Weil Handke den Mut hatte, die Westm\u00e4chte im Jugoslawienkrieg als Brandstifter zu brandmarken und die v\u00f6lkerrechtswidrige Nato-Bombardierung Serbiens zu verurteilen, wird er als Genozid-Leugner, Verteidiger von Kriegsverbrechen und Antisemit beschimpft. Diese Vorw\u00fcrfe finden sich alle in einem Beitrag, den die Literaturwissenschaftlerin Alida Bremer am 25. Oktober im Kulturmagazin\u00a0<em>Perlentaucher<\/em>\u00a0ver\u00f6ffentlicht hat. Die Tr\u00e4gerin des Staatsordens der Republik Kroatien ist allerdings alles andere als eine unbefangene Zeugin.<\/p>\n<p>Bremers Hetzartikel ist nur einer von vielen. Selbst der bosnisch-deutsche Schriftsteller Sascha Stanisic lie\u00df sich f\u00fcr die Kampagne gegen Handke einspannen. W\u00e4hrend der Dankrede f\u00fcr den Deutschen Buchpreis 2019 erkl\u00e4rte er medienwirksam, Handke habe den Preis nicht verdient, weil er mit Hilfe der Literatur L\u00fcgen verbreite.<\/p>\n<p>Die Tiraden von Handkes aggressivsten Gegnern gleichen dem Gezeter von Verbrechern, die versuchen, ihre eigenen Spuren zu verwischen.<\/p>\n<p>Der Nato-Krieg gegen Jugoslawien vor zwanzig Jahren kennzeichnete den \u00dcbergang eines ganzen Milieus deutscher Intellektueller und wohlhabender Kleinb\u00fcrger, das sich fr\u00fcher pazifistisch gegeben hatte, ins Lager des deutschen Militarismus. Seine Verk\u00f6rperung fand dieses Milieu im ehemaligen Stra\u00dfenk\u00e4mpfer Joschka Fischer.<\/p>\n<p>Als gr\u00fcner deutscher Au\u00dfenminister bem\u00fchte Fischer zynisch den Satz \u201eNie wieder Auschwitz\u201c, um die Bombardierung Belgrads zu rechtfertigen, das bereits Hitlers Wehrmacht in Schutt und Asche gelegt hatte. Die Gr\u00fcnen ebneten damals den Weg f\u00fcr den ersten internationalen Kriegseinsatz der Bundeswehr. Inzwischen sind solche Eins\u00e4tze Alltag \u2013 von Afghanistan bis Mali.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"427\" height=\"640\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Handke.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6579\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Handke.jpg 427w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Handke-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 427px) 100vw, 427px\" \/><figcaption> <strong>Peter Handke (Bild: Wild + Team Agentur &#8211; UNI Salzburg)<\/strong> <\/figcaption><\/figure>\n<p>Handke trat dieser Entwicklung w\u00fctend und trotzig entgegen. In seinen Reiseberichten \u201eGerechtigkeit f\u00fcr Serbien\u201c und \u201eNachtrag\u201c nahm er kein Blatt vor den Mund. Er bezeichnete die Nato treffend als Verbrecherorganisation, gei\u00dfelte die Heuchelei der rot-gr\u00fcnen Bundesregierung und gab unmissverst\u00e4ndlich zu verstehen, dass er das Gros der Presse-Journalisten als von den Gro\u00dfm\u00e4chten gekaufte Schmierfinken zutiefst verachtete.<\/p>\n<p>Handkes Schriften zu Jugoslawien sind eindeutig Schriften gegen den widersinnigen Krieg. Es geht ihm nie um die Rechtfertigung des serbischen Nationalismus und seiner Verbrechen, sondern um die verzweifelte Verteidigung dessen, was einmal der Vielv\u00f6lkerstaat Jugoslawien gewesen war. Selbst seine Landschaftsbeschreibungen sind davon poetisch durchdrungen: Landschaften, Gebirge, die keine ethnisch-nationalen Grenzen kennen. Die Natur selbst spricht f\u00fcr Jugoslawien und die Menschen, die hier friedlich miteinander leben.<\/p>\n<p>\u201eSchon fr\u00fch in seinem Schaffen sprach Handke sich unmissverst\u00e4ndlich f\u00fcr Frieden und nicht f\u00fcr Krieg aus, und er vertritt einen grundlegend antinationalistischen Standpunkt\u201c, schreibt das Mitglied des Nobelpreiskomitees Henrik Petersen auf\u00a0<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/literatur\/peter-handke-stellungnahme-akademie-mitglied-petersen-a-1292062.html\"><strong><em>Spiegel Online<\/em><\/strong><\/a>zur Verteidigung der Preisverleihung an Handke.<\/p>\n<p>Handke selbst emp\u00f6rte sich vor zwei Wochen in der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2019\/48\/peter-handke-literaturnobelpreis-kritik-serbien-interview\"><strong><em>Zeit<\/em><\/strong><\/a>: \u201eWie konnte Deutschland Kroatien, Slowenien und Bosnien-Herzegowina anerkennen, wenn auf dem Gebiet mehr als ein Drittel orthodoxe und muslimische Serben lebten? So entstand ein Bruderkrieg.\u201c<\/p>\n<p>Die deutsche Regierung hatte 1991 Slowenien und Kroatien sofort als unabh\u00e4ngige Staaten anerkannt und so die blutigen Konflikte in Gang gesetzt, die \u00fcber 100.000 Todesopfer fordern und Jugoslawien in sieben verfeindete Kleinstaaten aufspalten sollten, die \u00f6konomisch nicht lebensf\u00e4hig und durch Armut, ethnische Spannungen und kriminelle Eliten gepr\u00e4gt sind. Sie sind Spielzeuge in den H\u00e4nden der Gro\u00dfm\u00e4chte.<\/p>\n<p>\u201eDie alten Feindschaften, die im Ersten und dann im Zweiten Weltkrieg von den ausl\u00e4ndischen M\u00e4chten benutzt wurden, sind durch die Anerkennung wieder aufgebrochen,\u201c erg\u00e4nzte Handke und fragte: \u201eHat man vergessen, dass dieser Staat gegen das Hitlerreich gegr\u00fcndet worden ist?\u201c<\/p>\n<p>Auch Handkes Beziehung zum serbischen Pr\u00e4sidenten Slobodan Milosevic, der 2006 im Gef\u00e4ngnis des Haager Kriegsverbrechertribunals starb, steht in diesem Zusammenhang. Handke sprach an Milosevics Grab einige Worte, die ihm seither als Unterst\u00fctzung von Kriegsverbrechen und Massakern ausgelegt werden. Tats\u00e4chlich hatte Handke lediglich seine Trauer und Ratlosigkeit angesichts der jugoslawischen Katastrophe zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n<p>Milosevic war \u2013 wie der Kroate Franjo Tudman und der Slowene Milan Kucan \u2013 ein langj\u00e4hriger Funktion\u00e4r des Tito-Regimes, der angesichts der wachsenden Opposition der Arbeiterklasse auf Nationalismus und kapitalistische Restauration setzte, um Macht und Privilegien zu erhalten.<\/p>\n<p>Die WSWS\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2006\/03\/milo-m15.html\"><strong>schrieb<\/strong><\/a>\u00a0nach seinem Tod \u00fcber ihn: \u201eOhne Zweifel trug Milosevic eine ger\u00fctteltes Ma\u00df an Verantwortung f\u00fcr die politischen Entwicklungen, die zur Zerst\u00f6rung Jugoslawiens gef\u00fchrt haben. Wenn die westlichen Medien ihn aber als allm\u00e4chtigen Finsterling pr\u00e4sentieren, \u2026 dann ist das genau so falsch, wie es eine Schutzbehauptung ist. Diese zusammengeschusterte j\u00fcngste Geschichte Jugoslawiens, die alle Ereignisse auf den \u201aB\u00f6sewicht Milosevic\u2018 zur\u00fcckf\u00fchrt, l\u00e4sst die entscheidende Rolle der imperialistischen M\u00e4chte v\u00f6llig weg. Die USA und besonders Deutschland arbeiteten bewusst auf das Auseinanderbrechen des Landes hin und scherten sich dabei nicht im Geringsten um die unvermeidlich tragischen Folgen ihres Eingreifens.\u201c<\/p>\n<p>Handke war nicht bereit, die Verwandlung Milosevics aus einem Verb\u00fcndeten des Westens, der wegen seiner marktwirtschaftlichen Reformen gelobt wurde, in einen B\u00f6sewicht und \u201eneuen Hitler\u201c unkritisch hinzunehmen. Er verstand, dass die D\u00e4monisierung von Milosevic zutiefst reaktion\u00e4ren Zielen diente. \u00c4hnlich sollte es sp\u00e4ter dem irakischen Pr\u00e4sidenten Saddam Hussein und dem libyschen F\u00fchrer Muammar al-Gaddafi ergehen, die aus Partnern des Westens \u00fcber Nacht in Reinkarnationen von Hitler verwandelt wurden, um Kriege zu rechtfertigen, die mit der v\u00f6lligen Unterwerfung und Zerst\u00f6rung ihrer L\u00e4nder endeten.<\/p>\n<p>Handke geht als Literat, nicht als Politiker oder Historiker an diese Fragen heran. Er wei\u00df keine L\u00f6sung. \u201eHandkes Werk pr\u00e4gt eine ideologiekritische, ethisch fragende Haltung, ein politisches Programm wird dabei nicht propagiert\u201c, schreibt Petersen. Der Vorwurf, er habe Massaker gerechtfertigt, ist eine infame L\u00fcge. Vom Massaker in Srebrenica, dessen Verharmlosung ihm zur Last gelegt wird, hat er sich vor Jahren ausdr\u00fccklich distanziert.<\/p>\n<p>Die politische Kampagne gegen Peter Handke findet vor dem Hintergrund einer massiven milit\u00e4rischen Aufr\u00fcstung und der ideologischen und praktischen Vorbereitung Deutschlands auf neue Kriege statt. Wer sich diesen Vorbereitungen in den Weg stellt, muss mit einer hemmungslosen Kampagne der Medien rechnen, ganz gleich was seine Verdienste sind.<\/p>\n<p>Dieselbe Erfahrung machte vor sieben Jahren G\u00fcnter Grass, der ebenfalls den Literaturnobelpreis erhalten hat. Als er in einem Gedicht vor den israelischen Kriegsvorbereitungen gegen den Iran und der damit verbundenen Gefahr eines nuklearen Weltkriegs warnte, wurde er als Antisemit und heimlicher Nazi denunziert.<\/p>\n<p>\u201eWer gegen die wachsende Gefahr eines Krieges im Nahen Osten und damit gegen die Gefahr eines neuen Weltkrieges k\u00e4mpfen will, muss G\u00fcnter Grass verteidigen und gegen die Kriegstreiber in Berlin, Washington und Tel-Aviv und ihre Lakaien in den Medien k\u00e4mpfen\u201c, schrieb damals die WSWS. Dasselbe gilt f\u00fcr Peter Handke.<\/p>\n<p><strong>Siehe auch:<\/strong><\/p>\n<p>\u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/1999\/07\/hand-j22.html\"><strong>Der Schriftsteller Peter Handke, die \u00f6ffentliche Meinung und der Krieg in Jugoslawien<\/strong><\/a>\u201c, 22. Juli 1999<\/p>\n<p>\u201e<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2000\/07\/hand-j12.html\"><strong>Unter Tr\u00e4nen fragend. Das neue Buch von Peter Handke<\/strong><\/a>\u201c, 12. Juli 2000<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/12\/07\/hand-d07.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 7. Dezember 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd Reinhardt und Peter Schwarz. Am 10. Dezember wird der Literaturnobelpreis 2019 an den \u00f6sterreichischen Schriftsteller Peter Handke verliehen. 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