{"id":6593,"date":"2019-12-10T10:25:42","date_gmt":"2019-12-10T08:25:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6593"},"modified":"2019-12-10T10:25:43","modified_gmt":"2019-12-10T08:25:43","slug":"finanzmarktkrise-mythos-und-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6593","title":{"rendered":"Finanzmarktkrise \u2013 Mythos und Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Guenther Sandleben.<\/em> Der Umgang mit der Krise ist schon eigenartig. Obwohl Krisen bereits in der Vergangenheit die Wirtschaft regelm\u00e4\u00dfig, in Zeitabst\u00e4nden von sieben bis elf Jahren mal mehr, mal weniger stark durchr\u00fcttelten und den Menschen regelm\u00e4\u00dfig<!--more--> die Botschaft brachten, dass da irgendetwas mit ihrem Wirtschaftssystem nicht stimmen kann, verga\u00df man sie auch diesmal wieder. Als die Krise 2006 nahte, verdr\u00e4ngte man sie. Ihre ersten Erscheinungsformen wurden als \u00e4u\u00dfere, zuf\u00e4llige, rasch vorbeigehende Fehlentwicklungen verharmlost. Als sie schlie\u00dflich die \u00d6konomie im Herbst 2008 beben lie\u00df, brach Panik aus.<\/p>\n<p>Politiker sahen das Finanzsystem nur Millimeter vor dem Abgrund. \u201eEs gab Stimmen\u201c, schrieb der damalige Finanzminister Peer Steinbr\u00fcck, \u201edie vom Ende des Kapitalismus sprachen.\u201c Endzeitstimmung lag in der Luft. Produktion und Handel brachen ein, Reichtum wurde vernichtet, Kapazit\u00e4ten stillgelegt, Arbeiter entlassen oder in Kurzarbeit gezwungen, Unternehmen standen am Rand der Zahlungsunf\u00e4higkeit, Kredite platzten, renommierte Bankh\u00e4user meldeten Konkurs an, Verunsicherung breitete sich aus, verm\u00f6gende Privatleute horteten Geld oder suchten Sicherheit im Kauf von Gold. Selbst Staaten gerieten an den Rand des Bankrotts. Neoliberale und geldpolitische Grunds\u00e4tze l\u00f6sten sich unter dem Druck der Ereignisse in Schall und Rauch auf.<\/p>\n<p>Nach gigantischen geld-, kredit-, zins- und konjunkturpolitischen Interventionen ist die Staatsverschuldung sprunghaft gewachsen, wie es in der Vergangenheit nur in Kriegszeiten der Fall war. Das Gespenst der Zahlungsunf\u00e4higkeit geht um. Es klopft bereits an den Pforten einiger Staaten. Zudem drohen W\u00e4hrungsverwerfungen und galoppierende Inflation. Die Krise ist l\u00e4ngst nicht ausgestanden, auch wenn sich in einigen L\u00e4ndern die Wirtschaft erholt hat.<\/p>\n<p>Im <em>ersten Kapitel <\/em>zeichnen wir den Verlauf der bisherigen Wirtschaftskrise nach und untersuchen den inneren Zusammenhang von \u00dcberproduktions-, Kredit- und Bankenkrisen. Je nachdem, welche Krisenart in den Vordergrund trat und welche Kombination sie einging, lassen sich sechs Phasen unterscheiden, die wir nacheinander untersuchen werden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/finanzmarktkrise.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6594\" width=\"270\" height=\"427\"\/><\/figure>\n<p>Viele Beobachter \u2013 auch aus dem linken politischen Spektrum \u2013 halten die Wirtschaftskrise f\u00fcr eine vermeidbare Trag\u00f6die, die durch politische Eingriffe verhindert werden k\u00f6nnte. Wenn nur die Finanzm\u00e4rkte besser reguliert worden w\u00e4ren, wenn die Finanzaufsicht besser funktioniert h\u00e4tte, wenn die Investmentbanker weniger gierig gewesen w\u00e4ren, wenn der fr\u00fchere US-Notenbankchef Alan Greenspan die Zinsen weniger stark gesenkt und die neoliberale Umverteilungspolitik die Kaufkraft nicht so stark reduziert h\u00e4tten, wenn all das und noch anderes geschehen w\u00e4re, dann h\u00e4tte die gro\u00dfe Krise nicht stattgefunden und solche Konsequenzen zeitigen k\u00f6nnen. Und wenn endlich Politiker, Finanzaufsicht und Manager ihre Lektion gelernt haben, wird sich die Krise niemals wiederholen. Ist eine solche Zuversicht wirklich gerechtfertigt?<\/p>\n<p>Die folgenden Kapitel geben darauf aus unterschiedlicher Perspektive eine Antwort. Ankn\u00fcpfend an unsere empirische Analyse im ersten Kapitel wird im <em>zweiten Kapitel <\/em>die vorherrschende These untersucht, wonach die Krise in erster Linie eine Finanzmarktkrise war, die dann auf die sogenannte \u201eRealwirtschaft\u201c \u00fcbergesprungen sei. Um zum Ursprung der Krise zu gelangen, muss aber tiefer gegraben werden. Tatsache ist, dass Krisenzyklen eine st\u00e4ndige Erscheinungsweise kapitalistischer Akkumulationsprozesse bilden, also keineswegs als besondere, einmalige Vorkommnisse zu behandeln sind. Auch die j\u00fcngste Krise reiht sich in die Kette solcher Akkumulationszyklen ein.<\/p>\n<p>Gerade diese wesentliche Seite der Krise wird von der aktuellen, fast nur auf die Finanzm\u00e4rkte ausgerichteten Krisenliteratur ausgeblendet, so dass wir eine solche Krisenbetrachtung f\u00fcr ungeeignet halten, um den Ursprung und den inneren Zusammenhang der Krise zu enth\u00fcllen. Erstens l\u00e4sst die Krisenliteratur die wirkliche Akkumulation als m\u00f6gliche Krisenursache weitgehend au\u00dfer Acht, betrachtet die \u201eRealwirtschaft\u201c \u00fcberwiegend als stabil, so dass die Krisenursache von vornherein jenseits der Warenproduktion angesiedelt wird. Diese Externalisierung des Krisengeschehens f\u00fchrt zweitens dazu, dass der Fokus der Erkl\u00e4rung von vornherein auf historisch einmalige Ereignisse gelegt wird, so dass dann die gro\u00dfe Krise von 2007 bis 2010 als eine Art Verkehrsunfall besch\u00f6nigt werden kann.<\/p>\n<p>V\u00f6llig anders verh\u00e4lt es sich mit der Marxschen Kritik der politischen \u00d6konomie. Durch das Aufdecken der Widerspr\u00fcche und Gegens\u00e4tze der kapitalistischen \u00d6konomie konnte Marx das verborgene Krisengeschehen in seiner allgemeinen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit aufdecken und die allgemeine Verlaufsform darstellen.<\/p>\n<p>Das von Marx entdeckte allgemeine Gesetz der periodischen Krisen bildet den Gegenstand des <em>dritten Kapitels<\/em>. Eine solche allgemeine Analyse der Krise kann allerdings nicht erkl\u00e4ren, warum die Ersch\u00fctterungen diesmal besonders schwerwiegend und so weit reichend waren. Um dies herauszufinden, untersuchen wir im <em>vierten Kapitel <\/em>die l\u00e4ngerfristigen Akkumulationstendenzen.<\/p>\n<p>Das bisherige Krisenmanagement von Regierung und Notenbank scheint insofern erfolgreich gewesen zu sein, als es in vielen L\u00e4ndern, vor allem in Deutschland, tats\u00e4chlich zu einer gewissen Stabilisierung und dann zu einer Erholung der \u00d6konomie beigetragen hat. Das <em>Kapitel f\u00fcnf <\/em>wird sich mit der Kehrseite des Antikrisenprogramms besch\u00e4ftigen, indem es die Frage aufwirft, wo die Risiken geblieben sind, die der Staat durch seine Interventionen aus der Wirtschaft herausgenommen hat. Handelt es sich bei der erzielten Stabilisierung um einen Pyrrhussieg, dem schon bald Staatsbankrotte, W\u00e4hrungsverwerfungen, Hyperinflation und weitere Wirtschaftskrisen folgen werden?<\/p>\n<p><strong>Ganzen Aufsatz lesen: <a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Finanzmarktkrise_DownloadFile.pdf\">Finanzmarktkrise_DownloadFile<\/a><\/strong><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.proletarische-plattform.org\/proletarische-texte\/finanzmarktkrise\/\">https:\/\/www.proletarische-plattform.org\/proletarische-texte\/finanzmarktkrise\/<\/a> vom 10. Dezember 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Guenther Sandleben. Der Umgang mit der Krise ist schon eigenartig. 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