{"id":6612,"date":"2019-12-12T09:47:35","date_gmt":"2019-12-12T07:47:35","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6612"},"modified":"2019-12-12T09:47:37","modified_gmt":"2019-12-12T07:47:37","slug":"oekosozialismus-kritik-der-konzeption-von-michael-loewy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6612","title":{"rendered":"\u00d6kosozialismus: Kritik der Konzeption von Michael L\u00f6wy"},"content":{"rendered":"<p><em>Michael M\u00e4rzen. <\/em>Mit diesem Artikel m\u00f6chten wir unsere bisherige Kritik des \u00d6kosozialismus zur Diskussion stellen. Dabei ist es schwierig, von\u00a0<em>dem\u00a0<\/em>\u00d6kosozialismus zu sprechen, da es sich um einen politisch breit besetzten Begriff handelt. Eine der<!--more--> ausgepr\u00e4gteren politischen Darstellungen lieferte Michael L\u00f6wy, Mitglied der Vierten Internationale (Vereinigtes Sekretariat), in seinem Buch\u00a0<em>\u201e\u00d6kosozialismus. Die radikale Alternative zur \u00f6kologischen und kapitalistischen Katastrophe\u201c<\/em>, weshalb wir uns vor allem darauf beziehen. Das bedeutet aber auch, dass dieser Artikel nicht schon unser letztes Wort zu diesem Thema sein kann. Die zunehmende Bedeutung der \u00d6kologie, welche durch die Umweltbewegung eine betr\u00e4chtliche \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit erhalten hat, wird eine marxistische Auseinandersetzung mit den Ideen des \u00d6kosozialismus auch in Zukunft erfordern.<\/p>\n<p>Hintergrund unserer Auseinandersetzung mit dem \u00d6kosozialismus ist die Tatsache, dass im Dezember 2018 das Netzwerk \u201eAufbruch \u2013 f\u00fcr eine \u00f6kosozialistische Alternative\u201c in \u00d6sterreich gegr\u00fcndet wurde. Die beteiligten Organisationen Aufbruch Salzburg, Aufbruch Innsbruck, Revolution\u00e4r-Sozialistische Organisation (RSO), Sozialistische Alternative (SOAL) und Solidarische Linke K\u00e4rnten (SLK) bekennen sich damit zum gemeinsamen Aufbau einer antikapitalistischen und \u00f6kosozialistischen Organisation, ohne ihre eigenen Strukturen bisher aufgel\u00f6st zu haben. Dieser Gr\u00fcndung war ein Austausch \u00fcber eine antikapitalistische und \u00f6kosozialistische Kooperation vorangegangen, an dem wir uns zwar nicht personell beteiligen konnten, aber zu dem wir in einem\u00a0<a href=\"http:\/\/www.oekosoz.org\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/AST_-Diskussionbeitrag-zur-antikapitalistischen-Kooperation.pdf\">Diskussionsbeitrag<\/a>\u00a0unsere Offenheit gegen\u00fcber einer antikapitalistischen Kooperation klarstellten. Zur Frage des \u00d6kosozialismus konnten wir damals noch keine fundierte Position beziehen. Deshalb schrieben wir:\u00a0<em>\u201eIst der Begriff des \u201a\u00d6kosozialismus\u2018 wirklich noch so offen oder stehen hinter dem Begriff teilweise nicht schon seit l\u00e4ngerer Zeit linke Str\u00f6mungen, die sich damit bewusst vom \u201aorthodoxen\u2018 Marxismus abzugrenzen versuchten? Wir halten eine gewissenhafte Auseinandersetzung mit dem \u00d6kosozialismus im Rahmen einer Kooperation jedenfalls f\u00fcr vern\u00fcnftiger, als diesen als Ausgangspunkt einer solchen zu setzen.\u201c<\/em>\u00a0Unsere Bedenken wurden jedenfalls bei der Gr\u00fcndung dieser Kooperation nicht ber\u00fccksichtigt, auch haben wir von keiner Seite eine Antwort auf unseren Beitrag erhalten.<\/p>\n<p>Zum inhaltlichen Einstieg m\u00f6chten wir klarstellen, dass sich unsere Kritik des \u00d6kosozialismus nicht auf die hervorgehobene Bedeutung der \u00d6kologie bezieht. Der Kapitalismus zerst\u00f6rt die Lebensgrundlagen auf unserem Planeten in einem immer drastischeren Ausma\u00df und gef\u00e4hrdet damit nicht nur die M\u00f6glichkeit einer zuk\u00fcnftigen egalit\u00e4ren Gesellschaft, sondern die Existenz menschlicher Zivilisation \u00fcberhaupt. Dementsprechend kann man der Umweltfrage gar nicht genug Aufmerksamkeit schenken. Unsere Kritik bezieht sich vielmehr auf die Revisionen, die zum Teil und unter anderem bei L\u00f6wy an den revolution\u00e4ren Auffassungen des Marxismus vorgenommen werden und zu gef\u00e4hrlichen politischen Schlussfolgerungen verleiten. In diesem Zusammenhang ist es auch aufschlussreich zu erw\u00e4hnen, dass einige dieser Revisionen \u2013 zumindest f\u00fcr den deutschsprachigen Raum \u2013 auf die historischen Urspr\u00fcnge des \u00d6kosozialismus in entsprechenden Debatten innerhalb der deutschen Gr\u00fcnen in den 1980ern zur\u00fcckreichen. Eine lesenswerte Kritik an den damaligen \u00f6kosozialistischen F\u00fchrungsfiguren Rainer Trampert und Thomas Ebermann findet sich schon bei\u00a0<a href=\"http:\/\/marxismus-online.eu\/display\/dyn\/paf1276a7-5407-4e3f-9299-eaedaed2660d\/content.html\">Dieter Elken<\/a>. Nun aber zu Michael L\u00f6wy.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"240\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/IMG_1618-1024x307-800x240.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6613\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/IMG_1618-1024x307-800x240.jpg 800w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/IMG_1618-1024x307-800x240-300x90.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/IMG_1618-1024x307-800x240-768x230.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Warum \u00d6kosozialismus?<\/strong><\/p>\n<p>L\u00f6wy geht davon aus, dass die Rettung des \u00f6kologischen Gleichgewichts auf dem Planeten unvereinbar ist mit der\u00a0<em>\u201eexpansiven und zerst\u00f6rerischen Logik des kapitalistischen Systems\u201c.<\/em>\u00a0An dessen Stelle brauche es \u00fcber den Weg einer Revolution eine nachhaltige Gesellschaft auf Grundlage einer demokratisch geplanten Wirtschaft. Soweit k\u00f6nnen wir ihm folgen. Aber schon beim eigentlichen Ausgangspunkt f\u00fcr seine Theorie des \u00d6kosozialismus wird es schwierig: L\u00f6wy unterstellt der ArbeiterInnenbewegung sozialdemokratischer und stalinistischer Tradition eine\u00a0<em>\u201eFortschrittsideologie\u201c<\/em>\u00a0und eine\u00a0<em>\u201eIdeologie des Produktivismus\u201c.<\/em>\u00a0Er definiert nicht klar, was er darunter versteht, aber sofern er damit die Unterordnung der \u00d6kologie unter die quantitative Ausweitung der Produktion meint, k\u00f6nnen wir ihm zustimmen \u2013 allerdings sind wir nicht wie er bereit, das Kind mit dem Bade auszusch\u00fctten und sogleich die Idee des Fortschritts zu verwerfen, sondern w\u00fcrden diese vielmehr unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit verteidigen. Wie dem auch sei, aufgrund des\u00a0<em>\u201eProduktivismus\u201c<\/em>\u00a0m\u00fcsse es eine\u00a0<em>\u201eKonvergenz\u201c<\/em>\u00a0der ArbeiterInnenbewegung und der Umweltbewegung zum \u00d6kosozialismus geben. Dabei handle es sich um eine \u201e<em>\u00f6kologische Theorie- und Aktionsstr\u00f6mung, die sich die grundlegenden Errungensch<\/em>aften des Marxismus zu eigen macht und sich dessen Schlacken entledigt\u201c. Man muss ihm zugutehalten, dass er entgegen anderen \u00d6kosozialistInnen Marx und Engels gegen den\u00a0<em>\u201eProduktivismus\u201c<\/em>-Vorwurf letztlich verteidigt. Warum es daher abseits der noch zu diskutierenden Schlacken nicht ausreiche, den Marxismus gegen sozialdemokratische und stalinistische Entstellungen zu verteidigen und die Umweltbewegung f\u00fcr den Marxismus zu gewinnen, bleibt an dieser Stelle noch etwas unverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Zur Herrschaft \u00fcber die Natur<\/p>\n<p>Einen Teil der Antwort findet man in L\u00f6wys Auseinandersetzung mit Marx\u2018 und Engels\u2018 Bemerkungen zur Herrschaft \u00fcber die Natur, die sich immer wieder in ihren Werken finden und immer wieder kritisiert wurden. So verweist er beispielhaft auf Engels\u2018 Aussage, dass die Menschen im Sozialismus zum ersten Male bewusste, wirkliche HerrInnen der Natur werden. Anschlie\u00dfend verweist er wohlwollend darauf, dass Marx den Mensch als Teil der Natur gesehen habe (was hier nicht als Widerspruch zu Engels gemeint ist). Er zitiert ein bedeutendes Zitat von Engels selbst, das da lautet:\u00a0<em>\u201eSchmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unsern menschlichen Siegen \u00fcber die Natur. F\u00fcr jeden solchen Sieg r\u00e4cht sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andre, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. ( \u2026 ) Und so werden wir bei jedem Schritt daran erinnert, dass wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht, wie jemand der au\u00dferhalb der Natur steht (\u2026) und dass unsere ganze Herrschaft \u00fcber sie darin besteht, im Vorzug vor allen anderen Gesch\u00f6pfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu k\u00f6nnen.\u201c\u00a0<\/em>Trotz dieser Klarstellung und Verteidigung von Marx und Engels gesteht er den falschen KritikerInnen zu, dass ihre Schriften Anl\u00e4sse f\u00fcr unterschiedliche Interpretationen des Verh\u00e4ltnisses von Mensch und Natur b\u00f6ten. Und schlussendlich behauptet er, dass Marx am Ende den Sozialismus nicht mehr als\u00a0<em>\u201eHerrschaft\u201c<\/em>\u00a0oder\u00a0<em>\u201eKontrolle\u201c<\/em>\u00a0des Menschen \u00fcber die Natur gesehen habe, sondern eher als\u00a0<em>\u201eKontrolle des Stoffwechsels mit der Natur\u201c<\/em>\u00a0und offenbart zumindest seine Distanzierung zur marxistischen Terminologie \u2013 wozu man einwendend fragen k\u00f6nnte, wie der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur denn (nachhaltig) kontrollieren k\u00f6nne ohne Kontrolle und Beherrschung der Natur?<\/p>\n<p><strong>Zur Frage der Produktivkr\u00e4fte<\/strong><\/p>\n<p>Kommen wir aber zum eigentlichen Kritikpunkt von L\u00f6wy am Marxismus. Diesen verortet er in einer bestimmten Formulierung des historischen Materialismus von Marx selbst, im Vorwort der\u00a0<em>\u201eKritik der politischen \u00d6konomie\u201c<\/em>:\u00a0<em>\u201eAuf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkr\u00e4fte der Gesellschaft in einen Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverh\u00e4ltnissen ( \u2026 ). Aus Entwicklungsformen der Produktivkr\u00e4fte schlagen diese Verh\u00e4ltnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein.\u201c\u00a0<\/em>Dazu meint L\u00f6wy:\u00a0<em>\u201eDiese Konzeption scheint den Produktivapparat als ,neutral\u2018 zu betrachten: und wenn er einmal von den durch den Kapitalismus auferlegten Produktionsverh\u00e4ltnissen befreit sei, k\u00f6nne er sich unbegrenzt entwickeln. Der Irrtum dieser theoretischen Konzeption muss heute nicht einmal mehr bewiesen werden. ( \u2026 ) [Der Produktivapparat ist] nicht neutral, er dient der Akkumulation des Kapitals und der unbegrenzten Expansion des Marktes. Er steht im Widerspruch zu den Erfordernissen des Umweltschutzes ( \u2026 ). Man muss ihn daher \u201arevolutionieren\u2018 ( \u2026 ) Das kann f\u00fcr bestimmte Produktionsbranchen bedeuten, sie zu \u201abrechen\u2018 ( \u2026 ).\u201c Und gegen Ende des Buches erkl\u00e4rt er, dass \u201eeine sozialistisch-\u00f6kologische Transformation zugleich sowohl die Produktionsverh\u00e4ltnisse als auch die Produktivkr\u00e4fte und, damit verbunden, die Konsummodelle, die Transportsysteme sowie letztlich die gesamte kapitalistische Zivilisation umwandeln muss.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die \u00f6kologische Frage fordere laut L\u00f6wy daher von den MarxistInnen eine Revision der traditionellen Konzeption der Produktivkr\u00e4fte und er zitiert wohlwollend einen italienischen\u00a0<em>\u201e\u00d6komarxisten\u201c<\/em>, der meint:\u00a0<em>\u201eDie Formel, nach der sich eine Transformation potenzieller Produktivkr\u00e4fte in reale Destruktivkr\u00e4fte vor allem in Bezug auf die Umwelt vollzieht, erscheint uns angemessener und bedeutsamer als das altbekannte Schema des Widerspruchs zwischen (dynamischen) Produktivkr\u00e4ften und (den sie in Ketten haltenden) Produktionsweisen.\u201c<\/em>\u00a0Zum besseren Verst\u00e4ndnis sei hier Marx selbst zu den Destruktivkr\u00e4ften zitiert:\u00a0<em>\u201eIn der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte tritt eine Stufe ein, auf welcher Produktionskr\u00e4fte und Verkehrsmittel hervorgerufen werden, welche unter den bestehenden Verh\u00e4ltnissen nur Unheil anrichten, welche keine Produktionskr\u00e4fte mehr sind, sondern Destruktionskr\u00e4fte (\u2026 ).\u201c<\/em><\/p>\n<p>Dass L\u00f6wy Marx\u2018 Konzeption des Verh\u00e4ltnisses von Produktivkr\u00e4ften und Produktionsverh\u00e4ltnissen als Irrtum (ohne Beweis!) einfach beiseiteschiebt, ist h\u00f6chst problematisch, immerhin bildet sie den Kern seiner materialistischen Geschichtsauffassung. Der Verweis, dass eben alles revolutioniert werden m\u00fcsse, bietet daf\u00fcr keinen Ersatz, denn dabei handelt es sich nur um eine Schlussfolgerung und um keine materialistische Herleitung gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung. Obendrein basiert diese auf der falschen Unterstellung, dass die Ver\u00e4nderung der Produktionsweise nicht auch eine qualitative Ver\u00e4nderung der Produktivkr\u00e4fte nach sich ziehe, und impliziert eine\u00a0<em>\u201eproduktivistische\u201c\u00a0<\/em>Deutung. Was die Entwicklung von Produktivkr\u00e4ften tats\u00e4chlich bedeutet, wird klar, wenn man sich vor Augen h\u00e4lt, was Marx eigentlich unter Produktivkr\u00e4ften verstanden hat \u2013 was L\u00f6wy in seinem Buch unterl\u00e4sst. Im ersten Band von \u201e<em>Das Kapital\u201c<\/em>\u00a0schreibt Marx:\u00a0<em>\u201eDie Produktivkraft der Arbeit ist durch mannigfache Umst\u00e4nde bestimmt, unter anderen durch den Durchschnittsgrad des Geschickes der Arbeiter, die Entwicklungsstufe der Wissenschaft und ihrer technologischen Anwendbarkeit, die gesellschaftliche Kombination des Produktionsprozesses, den Umfang und die Wirkungsf\u00e4higkeit der Produktionsmittel und durch Naturverh\u00e4ltnisse.\u201c<\/em>\u00a0Die Produktivkr\u00e4fte umfassen also nicht nur Wissenschaft, Technik oder Maschinerie, sondern (wie an anderer Stelle formuliert) die Naturbedingungen, unter denen produziert wird, und die menschliche Arbeitskraft selbst, die es nat\u00fcrlich beide zu bewahren gilt. Somit wird klar, dass Umweltzerst\u00f6rung bei Marx Zerst\u00f6rung von Produktivkraft ist!<\/p>\n<p><strong>Zur \u00f6kosozialistischen Ethik<\/strong><\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlich betrachtet k\u00f6nnte man meinen, dass es sich bei der Frage der Produktivkr\u00e4fte nur um ein belangloses Missverst\u00e4ndnis handelt. Tats\u00e4chlich folgen aus der falschen Theorie aber irref\u00fchrende Folgerungen f\u00fcr die Praxis. L\u00f6wy problematisiert die Hemmung der Produktivkr\u00e4fte durch den Kapitalismus n\u00e4mlich kaum, sondern vorwiegend deren falsche Entwicklung und Handhabung. Dementsprechend spielt der offensichtlichste Ausdruck von Produktivkrafthemmung und -zerst\u00f6rung, die Wirtschaftskrise, keine zentrale Rolle in seiner politischen Konzeption. Wirtschaftskrisen werden bei ihm vor allem aufgrund der darauf folgenden hemmungsloseren Ausbeutung der Natur als Versch\u00e4rfung der Umweltkrise thematisiert. Nat\u00fcrlich gibt es auch Menschen, die darunter leiden und sich gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur wehren, aber er skizziert keine revolution\u00e4re Situation, in der die herrschende KapitalistInnenklasse in eine politische Krise ger\u00e4t und die ausgebeutete und unterdr\u00fcckte ArbeiterInnenklasse die bestehenden Verh\u00e4ltnisse nicht mehr ertragen m\u00f6chte. Stattdessen widmet er ein eigenes Kapitel einer\u00a0<em>\u201e\u00f6kosozialistischen Ethik\u201c<\/em>, die der nicht-ethischen Logik des Kapitals radikal entgegengesetzt sei. Sie m\u00fcsse sozial, egalit\u00e4r und demokratisch sein und der \u00d6kosozialismus w\u00fcrde letztendlich als Ethik der Verantwortung zum humanistischen Imperativ. Hier verl\u00e4sst L\u00f6wy den Boden des wissenschaftlichen Sozialismus, der sich von seinen utopischen Vorl\u00e4ufern dadurch abgrenzte, dass er ihn aus den bestehenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und deren Entwicklung begr\u00fcndete und nicht aus moralischen oder sonstigen Prinzipien, nach denen sich die Welt zu richten habe.<\/p>\n<p><strong>Zur Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Im Marxismus ist es die ArbeiterInnenklasse, die aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess den Kapitalismus nicht nur beseitigen kann, sondern daran auch ein objektives Interesse hat. Wer ist das\u00a0<em>\u201erevolution\u00e4re Subjekt\u201c<\/em>\u00a0bei Michael L\u00f6wy? Eine wirklich eindeutige Antwort bleibt er schuldig. Nat\u00fcrlich bezieht sich L\u00f6wy implizit beim \u00d6kosozialismus als Konvergenz von ArbeiterInnenbewegung und Umweltbewegung auf die ArbeiterInnenklasse. Auch spricht er davon, die Produktionsmittel in die H\u00e4nde der ArbeiterInnen zu geben. Aber die Rolle der ArbeiterInnenklasse wird nicht weiter ausgef\u00fchrt, und wo es um politische AkteurInnen geht, hebt er vor allem indigene Gemeinschaften hervor und als besonders entscheidend die globalisierungskritische Bewegung. Aufschlussreicher ist die\u00a0<em>\u201eInternationale \u00f6kosozialistische Erkl\u00e4rung von Bel\u00e9m (Brasilien)\u201c<\/em>, die L\u00f6wy am Ende des Buches anf\u00fcgt. Dort hei\u00dft es:\u00a0<em>\u201eDie am st\u00e4rksten unterdr\u00fcckten Schichten der menschlichen Gesellschaft, die Armen und die indigenen Bev\u00f6lkerungsgruppen, m\u00fcssen ein pr\u00e4gender Teil dieser \u00f6kosozialistischen Revolution werden ( \u2026 ) Gleichzeitig ist die Geschlechtergerechtigkeit eine grundlegende Komponente des \u00d6kosozialismus ( \u2026 ) In allen Gesellschaften gibt es dar\u00fcber hinaus noch weitere m\u00f6gliche Tr\u00e4gerInnen f\u00fcr eine revolution\u00e4re \u00f6kologische Ver\u00e4nderung. ( \u2026 ) Die Arbeiterk\u00e4mpfe, die K\u00e4mpfe der Bauern und B\u00e4uerinnen, die K\u00e4mpfe der Landlosen und der Arbeitslosen f\u00fcr soziale Gerechtigkeit sind untrennbar mit den K\u00e4mpfen f\u00fcr Umweltgerechtigkeit verbunden.\u201c<\/em>\u00a0Es ist unbestreitbar, dass all die genannten sozialen Gruppen wichtig sind im Kampf gegen den Kapitalismus. Aber zumindest in der Erkl\u00e4rung von Bel\u00e9m, die L\u00f6wy unterzeichnet hat, sind die K\u00e4mpfe der ArbeiterInnen nur ein Teil vieler K\u00e4mpfe, ohne herausragende Rolle. Wir wollen hier keinen rein \u00f6konomischen ArbeiterInnenkampf beschw\u00f6ren \u2013 es geht um die Frage, wer die notwendige revolution\u00e4re Umgestaltung tats\u00e4chlich vollziehen kann und auf wen sich eine sozialistische Organisation daher orientieren und st\u00fctzen muss.<\/p>\n<p>Diese Frage wird in L\u00f6wys Buch allerdings nicht gestellt. \u00dcberhaupt findet sich bei ihm keine wirkliche Begr\u00fcndung einer politischen Organisation, geschweige denn Partei. In der marxistischen Tradition m\u00fcssen sich die klassenbewussten Teile des Proletariats zur ArbeiterIinnenpartei formieren, zum politischen Subjekt werden, um den Rest ihrer Klasse f\u00fcr den Sozialismus zu gewinnen. Auch bleibt in diesem Zusammenhang bei ihm die Frage offen, wie ein revolution\u00e4res Klassenbewusstsein in der ArbeiterInnenklasse hergestellt werden soll. Die \u00d6kosozialistInnen haben sich in einem internationalen Netzwerk organisiert, der Aufbau einer Partei geh\u00f6rt nicht zu dessen Zielen.<\/p>\n<p>Zu guter Letzt wollen wir noch auf eine zentrale Frage eingehen, n\u00e4mlich die programmatische Methode. L\u00f6wy kommt wie wir aus einer politischen Tradition, die sich die Methode von Trotzkis \u00dcbergangsprogramm auf die Fahnen schreibt. Er stellt richtig fest, dass die Notwendigkeit der Revolution nicht bedeutet, auf den Kampf f\u00fcr Reformen, also f\u00fcr Verbesserungen innerhalb des Kapitalismus zu verzichten. Er formuliert das so, dass der Kampf f\u00fcr \u00f6kosoziale Reformen zugleich Tr\u00e4ger einer Ver\u00e4nderungsdynamik ist, eines \u00dcbergangs von Minimal- zu Maximalforderungen. Mit Minimalforderungen werden im Marxismus Reformen bezeichnet, w\u00e4hrend Maximalforderungen die nach einer zuk\u00fcnftigen Gesellschaft beinhalten. \u00dcbergangsforderungen wie zum Beispiel diese, dass die ArbeiterInnen in ihren Betrieben Komitees schaffen, mit denen sie eine Kontrolle \u00fcber die kapitalistische Produktion aus\u00fcben, sollen am Kampf um Verbesserungen im Hier und Jetzt ankn\u00fcpfen (in diesem Beispiel k\u00f6nnte es um die Umweltvertr\u00e4glichkeit des Unternehmens gehen), aber die ArbeiterInnenklasse zur Eroberung der politischen Macht bef\u00e4higen. L\u00f6wy formuliert in Wahrheit keine solchen \u00dcbergangsforderungen. Stattdessen scheint es, als ob er darunter nur Forderungen versteht, die in der kapitalistischen Profitlogik nicht umsetzbar sind, etwa die \u00f6ffentliche Umgestaltung des Verkehrssystems, und somit \u00fcber den Kapitalismus hinausweisen. Allerdings handelst es sich dabei nicht um \u00dcbergangsforderungen, weil sie in ihrer Konsequenz nicht zur Selbsterm\u00e4chtigung der ArbeiterInnen gegen das Kapital f\u00fchren. \u00dcbergangsforderungen bestehen eben nicht nur im Kampf f\u00fcr \u00f6kosoziale Reformen. Somit weist der \u00d6kosozialismus von Michael L\u00f6wy programmatisch nicht \u00fcber einen Kampf um radikale Reformen gepaart mit einem \u00f6kologischen Maximalismus hinaus.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2019\/12\/09\/oekosozialismus-kritik-der-konzeption-von-michael-loewy\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 12. Dezember 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael M\u00e4rzen. Mit diesem Artikel m\u00f6chten wir unsere bisherige Kritik des \u00d6kosozialismus zur Diskussion stellen. Dabei ist es schwierig, von\u00a0dem\u00a0\u00d6kosozialismus zu sprechen, da es sich um einen politisch breit besetzten Begriff handelt. 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