{"id":6635,"date":"2019-12-16T10:25:38","date_gmt":"2019-12-16T08:25:38","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6635"},"modified":"2019-12-16T10:25:40","modified_gmt":"2019-12-16T08:25:40","slug":"bolivien-klassenkampf-und-strategische-positionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6635","title":{"rendered":"Bolivien: Klassenkampf und strategische Positionen"},"content":{"rendered":"<p><em>Matias Maiello.<\/em> <strong>Die Konfrontationen in Bolivien seit dem j\u00fcngsten Staatsstreich werfen die Frage auf, wie die Arbeiter*innenklasse ihren Widerstand am besten verst\u00e4rken kann. Wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat, ist die Ausrichtung<!--more--> auf die strategischen Positionen, die die Arbeiter*innen in Produktion, Dienstleistung und Transport einnehmen, der Schl\u00fcssel \u2013 und bietet das Potenzial, einen tieferen, revolution\u00e4ren Weg zu erschlie\u00dfen.<\/strong><\/p>\n<p>Das Aufbrechen der Massenbewegung ist ansteckend. Einiges davon zeigte sich diese Woche an dem wichtigen Tag des Streiks und der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/generalstreik-in-kolumbien-wir-sind-diejenigen-die-in-die-prekaritaet-gedraengt-werden\/\"><strong>massiven Mobilisierungen in Kolumbien<\/strong><\/a>. Die Militarisierung, die Schlie\u00dfung der Grenzen und die gesamte Kampagne von Iv\u00e1n Duque, um Angst zu sch\u00fcren, scheiterten. Arbeiter*innen, Studierende und popul\u00e4re Sektoren f\u00fcllten die Stra\u00dfen des Landes. In Chile f\u00fchrte eine breite Avantgarde diese wichtigen Tage des Kampfes und der Mobilisierung an, w\u00e4hrend die Verhandlungen um eine manipulierte Verfassung weitergehen, Hand in Hand mit der Repression \u2013 deren Methoden zunehmend offener werden \u2013 und politischer Verfolgung. W\u00e4hrenddessen wird ein neuer Generalstreik vorbereitet.<\/p>\n<p>Bolivien markierte ohne Zweifel die sch\u00e4rfsten Konfrontationen des Klassenkampfes. Diese Woche war der gro\u00dfe Protagonist der Widerstand gegen den Putsch. Die MAS-Parlamentarierinnen und Parlamentarier von Evo Morales widmeten sich der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/bolivien-abgeordnete-der-mas-akzeptieren-wahlen-mit-anez-und-den-putschisten\/\"><strong>Verhandlung von Wegen zur Best\u00e4tigung des Staatsstreichs<\/strong><\/a>\u00a0und stellten sich gemeinsam mit der F\u00fchrung der Central Obrera Boliviana (COB) auf die Seite des Putsches. W\u00e4hrenddessen f\u00fchrte ein wichtiger Avantgarde-Sektor von B\u00e4uer*innen, Arbeiter*innen, Jugendlichen und Indigenen, mit ihrem Epizentrum in El Alto \u2013 wo eine Delegation von Tausenden von B\u00e4uer*innen zur Unterst\u00fctzung aus dem Norden von Potos\u00ed eintraf \u2013, kombiniert mit Widerstandspunkten in der Stadt Cochabamba, heroische Tage des Kampfes durch, die den Putschist*innen eine erste Grenze aufzeigten.<\/p>\n<p>Dies sind Prozesse des Klassenkampfes, die verschiedene Momente durchlaufen, aber alles deutet darauf, dass sie gekommen sind, um zu bleiben. Im Gegensatz zum vorherigen Zyklus in Lateinamerika, in dem sich die Situationen evolution\u00e4r ver\u00e4nderten \u2013 entweder nach rechts oder nach links \u2013, ist das aktuelle regionale Szenario durch abrupte Ver\u00e4nderungen in den Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen gekennzeichnet. Entt\u00e4uschungen der Massen, die zu revolution\u00e4ren Situationen oder zu reaktion\u00e4ren L\u00f6sungen f\u00fchren k\u00f6nnen, sowie zivil-milit\u00e4rische Putsche \u2013 wie wir in Bolivien sehen \u2013, die schlussendlich einen heldenhaften Widerstand wecken und perspektivisch die M\u00f6glichkeit von revolution\u00e4ren\/konterrevolution\u00e4ren Auseinandersetzungen aufwerfen.<\/p>\n<p>In diesem Szenario ist eine der Fragen, die viele aktuelle Prozesse durchzieht, wie man die Phase der Widerstandsaktionen oder Aktionen extremen Drucks \u00fcberwindet. Einer der gro\u00dfen Stolpersteine auf diesem Weg ist, dass die Arbeiter*innenklasse, die die \u201cstrategischen Positionen\u201d kontrolliert, die die Gesellschaft funktionieren lassen (Verkehr, Gro\u00dfindustrien und Dienstleistungen), von verschiedenen B\u00fcrokratien gespalten und korrumpiert wird. Sie hindern sie bis auf wenige Ausnahmen daran, diese Kraft einzusetzen, die in der Lage w\u00e4re, die b\u00fcrgerliche Ordnung entscheidend zu brechen. Stattdessen greift die Arbeiter*innenklasse verw\u00e4ssert als \u201eVolk\u201c allgemein in die Situation ein.<\/p>\n<p>In Bolivien, wenn wir die COB als Referenz nehmen, verblieb ihre F\u00fchrung eindeutig auf der Seite des Putsches. Ein Teil der Bev\u00f6lkerung der Stadt El Alto \u2013 in der prek\u00e4re, selbst\u00e4ndige und festangestellte Arbeiter*innen leben, und in bestimmten Zonen eine b\u00e4uerliche Zusammensetzung vorherrscht \u2013 suchte jedoch mit enormem Instinkt nach alten Traditionen und strategischen Punkten der Erfahrung von emblematischen K\u00e4mpfen wie dem \u201eGaskrieg\u201c von 2003, die den Widerstand der Putschist*innen brechen k\u00f6nnten, wie die Kohlenwasserstofffabrik Senkata. Auf diese Weise warf dieser Widerstand eine wichtige Lektion in Sachen Strategie auf.<\/p>\n<p><strong>Senkata als Wendepunkt im Widerstand<\/strong><\/p>\n<p>In einem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-illusion-der-revolution-durch-die-revolte\/\"><strong>fr\u00fcheren Artikel<\/strong><\/a>\u00a0haben wir uns gefragt: Wenn der Kampf im Oktober 2003 in Senkata und seinen Raffinerien, die Verknappung der Vorr\u00e4te, der Einsatz des Streiks, die Bauernblockaden usw. dazu f\u00fchrten, dass der Pr\u00e4sident S\u00e1nchez de Lozada gest\u00fcrzt wurde: Wie lange w\u00fcrde sich die bolivianische Putschregierung von \u00c1\u00f1ez mit einem solchen Streik halten k\u00f6nnen? Im Rahmen von viel widrigeren Bedingungen als vor 16 Jahren \u2013 mit der Zustimmung der COB zum Putsch, der MAS in Verhandlungen mit \u00c1\u00f1ez, der Mittelschicht auf der gegen\u00fcberliegenden Seite und ohne viele der Protagonist*innen von damals \u2013 war die letzte Woche, obwohl wir keine Kampfkraft wie 2003 gesehen haben, eine kleine, aber dennoch heldenhafte Entfesselung der Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Das Werk Senkata von\u00a0<em>Yacimientos Petrol\u00edferos Fiscales Bolivianos (YPFB<\/em>) im Bezirk 8 von El Alto ist ein strategischer Punkt. Die Lieferung von Benzin und Fl\u00fcssiggas f\u00fcr das gesamte Departement La Paz, in dem sich das politische Zentrum und ein betr\u00e4chtlicher Teil der Bev\u00f6lkerung und der wirtschaftlichen Aktivit\u00e4t des Landes konzentrieren, h\u00e4ngt davon ab. Nicht zuf\u00e4llig hat die Regierung von Sanchez de Lozada im \u201eGaskrieg\u201c mit allen ihren Kr\u00e4ften (Polizei und Armee) versucht, die Isolation von La Paz zu durchbrechen und die Brennstoffversorgung durch die Freigabe des Werkes Senkata wieder zu \u00f6ffnen. Diese Offensive, die am 11. und 12. Oktober jenes Jahres stattfand, musste sich dem enormen Widerstand der Bev\u00f6lkerung von El Alto, der Bergleute von Huanuni und der B\u00e4uer*innen stellen. Trotz der Repression, die mindestens 26 Tote forderte, wurde die Milit\u00e4roperation besiegt, und die Erhebung mit aufst\u00e4ndischen Z\u00fcgen vertiefte und verbreitete sich in den Armenviertel von La Paz. Ein paar Tage sp\u00e4ter wurde S\u00e1nchez de Lozada gest\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Letzte Woche kehrte der Geist von Senkata in die K\u00f6pfe der Bewohner*innen des Palacio Quemado (der bolivianische Regierungssitz, Anm. d. \u00dc.) zur\u00fcck, in diesem Fall der von \u00c1\u00f1ez angef\u00fchrten Putschregierung. Die eingeleitete Blockade, zu der auch tiefe Brunnen auf der Route geh\u00f6rten, um die Durchfahrt von Lastwagen zu behindern, stellte direkt eine Gefahr von Engp\u00e4ssen dar und brach mit dem Bild der \u201cNormalit\u00e4t\u201d, das die Putschregierung erzeugen wollte, um sich zu stabilisieren. Am Dienstag, den 19. Dezember, haben Hunderte von Soldat*innen und Polizist*innen in Begleitung von Panzern, Hubschraubern und Milit\u00e4rfahrzeugen die Blockade der Nachbarschaft von El Alto hart unterdr\u00fcckt. Der Widerstand war sp\u00fcrbar; die Auseinandersetzungen breiteten sich auf den gesamten 8. Bezirk aus und erhielten f\u00fcr einen Gro\u00dfteil des Tages die Unterst\u00fctzung mehrerer anderer Bezirke von El Alto. Nur mit einem enormen Einsatz von Repression, der 9 Tote forderte, gelang es der Regierung, 50 Benzintanks und 10 Lastwagen mit Fl\u00fcssiggasflaschen (die f\u00fcr etwas mehr als zwei Tage \u201cnormalen\u201d Verbrauch in La Paz notwendig sind) wegzufahren, begleitet von 10 Milit\u00e4rpanzern, Armeeflugzeugen, die auf die Bev\u00f6lkerung schossen, etwa 25 Polizeiwagen und Geheimdienstfahrzeugen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag kamen Tausende Menschen aus verschiedenen Orten von El Alto nach Senkata, wo eine riesige offene Versammlung stattfand, bei der eine Reihe von Demonstrant*innen aus Potos\u00ed und Vertreter*innen der 20 Provinzen in La Paz eintrafen. Diese Versammlung stimmte durch Zuruf f\u00fcr den R\u00fccktritt der selbsternannten Pr\u00e4sidentin \u00c1\u00f1ez und f\u00fcr einen Aufruf an das ganze Land, gegen den Putsch zu k\u00e4mpfen. Am Donnerstag, den 21. November, mobilisierte sich eine Menschenmenge von Senkata nach La Paz, um ihre Toten zu begleiten. Sie wurden von Armee und Polizei angegriffen, die rassistische Verachtung der Diktatur zeigend. Unterdessen r\u00fcckten R\u00e4umfahrzeuge gegen die Blockaden im Gebiet Senkata vor, um die Stra\u00dfe zur Treibstofffabrik zu befreien, w\u00e4hrend sich andere Bezirke den Blockaden in El Alto anschlossen und die Ma\u00dfnahmen sich radikalisierten.<\/p>\n<p>Die MAS-Parlamentarierinnen und Parlamentarier nutzten die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse, die durch diese Aktionen (die es vor einer Woche noch nicht gab) geschaffen wurden, um mit der De-facto-Regierung zu verhandeln, sie zu legitimieren, \u201evereinbarte\u201c Wahlen zu akzeptieren und den Kampf um die Niederlage des Putsches zu verraten. Schlie\u00dflich wurde am Samstag der Betrieb des Werkes Senkata normalisiert. Dies schm\u00e4lert jedoch nicht die Lektion der Strategie, die der Widerstand und die Blockade von Senkata hinterlassen haben.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Bolivien.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6636\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Bolivien.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Bolivien-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Bolivien-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Strategische Positionen<\/strong><\/p>\n<p>Aus der Sicht des Kampfes gegen den Putsch in Bolivien zeigt die Blockade von Senkata ein konkretes Beispiel f\u00fcr die St\u00e4rke der Massenbewegung an strategischen Punkten, um das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zu kontrollieren und zu modifizieren. Die Bourgeoisie selbst, so die Tageszeitung P\u00e1gina Siete, beklagte: \u201eWarum wurde nicht (seit 2003) eine neue Anlage oder zumindest eine Notfallanlage gebaut?\u201c und ermahnte, \u201enicht weiter zuzulassen, dass die Anlage Senkata zum Ersticken von La Paz verwendet wird.\u201c<\/p>\n<p>In diesem Fall mussten die Bewohner*innen von El Alto dies ausschlie\u00dflich von den Blockaden aus tun, d.h. von au\u00dfen, in einem ung\u00fcnstigen Umfeld, wo sich niemand geringerer als die F\u00fchrung der COB auf die Seite des Putsches stellte. Indem sie jedoch die Bedeutung der Kontrolle dieser strategischen Punkte aufwarfen, dient ihr Beispiel dazu, die Dimension des Potenzials f\u00fcr den Klassenkampf zu veranschaulichen, welches die Arbeiter*innenklasse hat, indem sie \u201evon innen heraus\u201c alle grundlegenden \u201estrategischen Positionen\u201c in Produktion, Vertrieb und Dienstleistungen h\u00e4lt. In diesem Sinne zeigt Senkata an einem konkreten Beispiel die Art der Kraft im Allgemeinen \u2014 nicht auf diesen oder jenen strategischen Punkt beschr\u00e4nkt -, die die Arbeiter*innenklasse potenziell besitzt, um beispielsweise in Bolivien die gesamte Gasindustrie, den Bergbau, die Flugh\u00e4fen und so weiter lahmzulegen. Je mehr strategische Punkte sie gleichzeitig beeinflussen kann, desto entscheidender wird die von der Arbeiter*innenklasse eingesetzte Kraft sein.<\/p>\n<p>In seinem Buch\u00a0<em>Working Power over Production<\/em>\u00a0definiert der Historiker John Womack in Bezug auf die Arbeiter*innenklasse, dass:\u00a0<em>\u201e\u2018innerhalb des Produktionsprozesses\u2019 seine \u2019strategischen Positionen\u2019 alle jene [sind], die es einigen Arbeitern erm\u00f6glichen, die Produktion vieler anderer zu bestimmen, sei es innerhalb eines Unternehmens oder in der gesamten Wirtschaft\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a><\/em>. Auf diese Weise versucht er, sich Positionen vorzustellen, die in der Lage sind, die meisten anderen in der Kette des Produktionsprozesses zu l\u00e4hmen. Seine Definition beschr\u00e4nkt sich auf Beziehungen zwischen Arbeiter*innen und Bossen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, aber es ist nicht schwierig, sie auf die Macht der Arbeiter*innenklasse im gemeinsamen Kampf gegen die Kapitalistenklasse und ihren Staat zu \u00fcbertragen. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen \u201estrategische Positionen\u201c auf rein \u00f6konomischer Ebene genutzt werden, aber sie k\u00f6nnen auch eine enorme Kraft sein, um die Hegemonie der Arbeiter*innen im Kampf gegen das kapitalistische System als Ganzes zu entwickeln.<\/p>\n<p>Ausgehend von diesen \u201cstrategischen Positionen\u201d bekr\u00e4ftigt Womack:\u00a0<em>\u201cWenn die Arbeiterkraft verschwindet, [.\u2026] er\u00f6ffnet sich ein Vakuum, das keine andere Kraft (ohne Arbeiter zu sein) f\u00fcllen kann [.\u2026] Nur die Negation der Arbeiter hat eine solche definierende Kraft, kritisch und entscheidend zugleich\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><strong>[3]<\/strong><\/a><\/em>. Dies ist ein grundlegendes Element, das nach der enormen Verbreitung der \u201ePost-Marxismus\u201c-Ans\u00e4tze von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe in j\u00fcngster Zeit hervorgehoben werden muss, die den Platz der Arbeiter*innenklasse in der marxistischen Strategie als \u201eKlassenessentialismus\u201c karikieren. Aber auch gegen diejenigen, die unter dem Vorwand des revolution\u00e4ren Marxismus dogmatisch-metaphysische Visionen der Arbeiter*innenklasse haben oder die die Arbeiter*innenbewegung umgekehrt strategisch einfach als eine weitere Bewegung sehen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich stellt die Verwendung strategischer Positionen, auch wenn sie wie in einem allgemeinen politischen Streik entscheidend ist, die Frage, wer die politische Macht innehat. Jedoch kann sie allein keine L\u00f6sung f\u00fcr diese Frage finden, ohne einen Aufstand, der den \u00dcbergang der Macht aus den H\u00e4nden der Bourgeoisie zu denen der Werkt\u00e4tigen garantiert. Nun ist es auch wahr, dass das Halten dieser strategischen Positionen, weil sie f\u00fcr die Produktion und Reproduktion der Gesellschaft grundlegend sind, die Arbeiter*innenklasse zu einem potenziell zentralen Akteur f\u00fcr die Herausbildung einer alternativen Ordnung macht, die die kapitalistische Ordnung ersetzen kann. Dies gilt sowohl f\u00fcr die F\u00e4higkeit zur Kontrolle von Produktion, Dienstleistungen, Transport usw. als auch f\u00fcr die Bildung einer unabh\u00e4ngigen Macht, die in der Lage ist, die ausgebeutete und unterdr\u00fcckte Bev\u00f6lkerung zu vereinen, wie Delegiertenr\u00e4te, die von den Produktionseinheiten (Unternehmen, Fabrik, Schule, Land usw.) gew\u00e4hlt werden, sowie die Organismen der Selbstverteidigung. W\u00e4hrend der revolution\u00e4ren Prozesse der letzten 150 Jahre hat es viele Beispiele in diesem Sinne gegeben.<\/p>\n<p>Die fundamentale Rolle strategischer Positionen nicht zu sehen, bedeutet also, nicht in der Perspektive einer Revolution zu denken, sondern h\u00f6chstens in Bewegungen mit extremem Druck. Aber was der Milit\u00e4rputsch in Bolivien zeigt, ist die immer dringendere Notwendigkeit, strategisch zu denken.<\/p>\n<p><strong>Legitimation des \u201escheinbaren Staates\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/strong><\/p>\n<p>In Bolivien fand auf der Grundlage enormer Klassenk\u00e4mpfe wie dem \u201eWasserkrieg\u201c des Jahres 2000 oder dem \u201eGaskrieg\u201c von 2003 der tiefste Prozess und der h\u00f6chste Ausdruck des Zyklus der \u201epostneoliberalen\u201c Regierungen statt, die die Region bisher im 21. Jahrhundert durchzogen. Nun seien, laut Garc\u00eda Linera, unter den Regierungen von Evo Morales Fortschritte bei der \u00dcberwindung dessen erzielt worden, was er nach Ren\u00e9 Zavaleta den \u201escheinbaren Staat\u201c nannte. In seinen Worten:\u00a0<em>\u201eWir nennen den scheinbaren Staat das bewusste Handeln der Regierenden und ihrer Institutionalit\u00e4t zur Schaffung einer sozialen Apartheid. Bolivien war bis 2005 ein Beispiel f\u00fcr einen scheinbaren Staat. Ein Staat, der gegen das Indigene, gegen das Indianische, gegen die Kultur und gegen die Mehrheit der Indigenen aufgebaut wurde.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund tr\u00e4umte er davon, den Aufbau eines \u201eintegralen Staates\u201c voranzutreiben, der \u201eallm\u00e4hlich das Monopol des Zwangs verl\u00e4sst und die Gesellschaft materiell und real ausgleicht.\u201c Auf diesem Weg wurde in Bolivien, laut Linera,\u00a0<em>\u201eein plurinationaler Staat geschaffen, der die Vielfalt der Institutionen, die Vielfalt der Kulturen, die Vielfalt der Zivilisationen und Regionen anerkannt hat und ein Gef\u00fchl des Universalen, ein Gef\u00fchl der integralen Einheit entwickelt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wenn es jedoch eine Sache gibt, die der zivil-milit\u00e4rische Putsch gezeigt hat, dann ist es, dass dieser \u201cscheinbare Staat\u201d unter den Regierungen von Evo Morales l\u00e4ngst nicht \u00fcberwunden wurde, sondern aufrechterhalten wurde. Er hockte und wartete auf den richtigen Moment, um mit seinem Klassenhass, mit seinem fundamentalistischen Klerikalismus, mit seinem Rassismus, mit seinen brennenden Wiphalas, aufzutauchen. Der Interessenausgleich innerhalb des b\u00fcrgerlichen Staates mit den Camachos und den gro\u00dfen Kapitalist*innen, die Bolivien dominieren, wurde als das blo\u00dfgestellt, was es war: eine Illusion.<\/p>\n<p>Es ist dieser \u201cscheinbare Staat\u201d, den die MAS nun bereit ist, mit dem Abkommen mit den Putschist*innen zu legitimieren. Aber aus der endg\u00fcltige Niederlage des Putsches, durch die Entwicklung des heldenhaften Widerstandes der Massen, seiner Erweiterung, seiner unabh\u00e4ngigen Organisation, seiner Selbstverteidigung, k\u00f6nnten die Konturen einer wahren alternativen Macht der gro\u00dfen Mehrheit der Arbeiter*innen, B\u00e4uer*innen und indigenen V\u00f6lker entstehen.<\/p>\n<p>Der b\u00fcrgerliche Staat \u2014 auch wenn es Garc\u00eda Linera und viele andere nicht gerne h\u00f6ren \u2014 ist kein neutrales Instrument, mit dem die Interessen der Mehrheiten verfolgt werden k\u00f6nnen, sondern hat einen unausweichlichen Klassencharakter, angefangen bei den Streitkr\u00e4ften. In Bolivien galten sie 14 Jahre lang als Verb\u00fcndete, waren ausgestattet, sozialpolitisch engagiert und zeigten schlie\u00dflich am 10. November, dass Evo Morales ein einfacher Mieter des Staates war, der immer andere Besitzer hatte.<\/p>\n<p>Gegen Illusionen wie die von Linera zeigt sich wieder einmal in der Geschichte, was Marx und Engels bis zur M\u00fcdigkeit wiederholten, und was Lenin in\u00a0<em>Staat und Revolution<\/em>\u00a0bekr\u00e4ftigte: \u201eJedweder Staat ist \u2018eine besondere Repressionsgewalt\u2019 gegen die unterdr\u00fcckte Klasse. Darum ist ein\u00a0<em>jeder<\/em>\u00a0Staat\u00a0<em>unfrei<\/em>\u00a0und kein\u00a0<em>Volksstaat<\/em>. \u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Das ist eine Schlussfolgerung, die weit \u00fcber Bolivien hinausgeht und die in Lateinamerika die gesamte so genannte \u201eLinke\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>\u00a0zum Nachdenken anregen m\u00fcsste. Der neue Zyklus des Klassenkampfes, der die Region durchzieht, dr\u00e4ngt dies auf.<\/p>\n<p><strong>Staat und Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Die Rebellionen, die durch mehrere lateinamerikanische L\u00e4nder und die Welt gegangen sind, \u00f6ffnen einen Weg \u2013 auch wenn sie an sich nicht ausreichen, um die gro\u00dfen strukturellen und politischen Probleme zu l\u00f6sen, die sie aufgeworfen haben. Sie werfen die Notwendigkeit auf, dass die Arbeiter*innenklasse mit aller Kraft eingreift. Nicht weil diese einen vermeintlich \u201eontologisch\u201c revolution\u00e4ren Charakter hat, sondern weil sie alle grundlegenden \u201estrategischen Positionen\u201c einnimmt. Und dass sie mit ihren eigenen Methoden in den Kampf tritt, mit denen des Generalstreiks, der Koordinierungsinstanzen und den Selbstverteidigungsposten, in der Perspektive der Schaffung von Organismen der Massen-Selbstorganisation (R\u00e4te) und Milizen, die die Grundlage f\u00fcr eine neue Macht sind, die wirklich eine Alternative zu der des kapitalistischen Staates darstellt.<\/p>\n<p>Die Frage ist, wie die Prozesse nicht durch kosmetische Reformen ersch\u00f6pft werden oder durch eine b\u00fcrgerliche politische Variante innerhalb der etablierten Regime kanalisiert werden, sondern die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, eine neue soziale Ordnung zu bilden \u2014 weit weg von den b\u00fcrokratischen \u201esozialistischen\u201c Regimes, die im zwanzigsten Jahrhundert zu Sackgassen f\u00fchrten. Eine soziale Ordnung, die nicht einfach allgemeinen antikapitalistisch ist, sondern mit Regierungen der Arbeiter*innen (oder Arbeiter*innen und B\u00e4uer*innen) auf der Grundlage der Selbstorganisation der Massen, die die Notbremse in die Hand nehmen und den katastrophalen Kurs stoppen k\u00f6nnen, zu dem der Kapitalismus die Menschheit f\u00fchrt. Es gibt keine unaufhaltsame Kraft in der Geschichte, die dieses Ergebnis oder etwas \u00c4hnliches garantiert. Ohne f\u00fcr den Aufbau starker revolution\u00e4rer Parteien zu k\u00e4mpfen \u2013 nicht nur national, sondern auch international \u2013, die f\u00fcr diese Perspektive eintreten, kann das Terrain der guten Absichten kaum \u00fcberschritten werden.<\/p>\n<p>Mit dieser \u00dcberzeugung treiben wir das Zeitungsnetzwerk\u00a0<em>La Izquierda Diario<\/em>\u00a0voran, und wir intervenieren gemeinsam mit unseren Genoss*innen der\u00a0<em>Liga Obrera Revolucionaria-Cuarta Internacional (LOR-CI)<\/em>\u00a0in Bolivien in den K\u00e4mpfen und in den R\u00e4ten von El Alto und schlagen ein Programm zur Niederlage des Putsches vor; oder in Chile mit der\u00a0<em>Partido de Trabajadores Revolucionarios (PTR)<\/em>\u00a0an vorderster Front der Bewegung, wo wir Selbstorganisation f\u00f6rdern, und mit der Verfolgungen von Seiten der Regierung konfrontiert sind, weil wir f\u00fcr ein Programm gegen Pi\u00f1era und f\u00fcr eine wirklich freie und souver\u00e4ne Verfassungsgebende Versammlung auf den Ruinen des Regimes einstehen. Mit ihnen greifen wir t\u00e4glich, Seite an Seite, von der PTS Argentiniens und unseren Schwesterorganisationen in verschiedenen L\u00e4ndern, gemeinsam ein. Wir versuchen, im Rahmen unserer Kr\u00e4fte das Handeln einer internationalen revolution\u00e4ren Partei vorzustellen, zu erproben. Denn eine solche revolution\u00e4re Organisation wird nicht im Reagenzglas entstehen, sondern in der Hitze der K\u00e4mpfe, die dieser neue Zyklus des Klassenkampfes auf die Tagesordnung zu setzen beginnt.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst am 24. November 2019 auf Spanisch bei\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Bolivia-lucha-de-clases-y-posiciones-estrategicas\"><strong><em>Ideas de Izquierda<\/em><\/strong><\/a><em>.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/bolivien-klassenkampf-und-strategische-positionen\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. Dezember 2019<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> John Womack Jr., \u201cWorking Power over Production: Labor History, Industrial Work, Economics, Sociology, and Strategic Position\u201d.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>F\u00fcr eine Kritik an Womacks Ausarbeitung, vgl.: Albamonte, Emilio y Maiello, Mat\u00edas,\u00a0<em>Estrategia socialista y arte militar<\/em>, Bs. As., Ediciones IPS, 2017, S. 79 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Womack, John Jr., a.a.O.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Zavaleta nutzt den Begriff \u201cscheinbarer Staat\u201d (\u201cEstado aparente\u201d) f\u00fcr einen Staat, der nur dem Namen nach diejenigen repr\u00e4sentiert, die in dem Territorium leben, \u00fcber das er Souver\u00e4nit\u00e4t beansprucht. Anmerkung der \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Lenin, V. I., El Estado y la revoluci\u00f3n, Bs. As., Ediciones IPS, 2019, p. 23.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Gemeint sind Linkspopulisten wie Ch\u00e1vez in Venezuela, Corr\u00e9a in Ecudor, Zendaya in Honduras oder auch Lula in Brasilien und die hinter ihnen stehenden Bewegungen (Anmerkung der \u00dcbersetzung).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matias Maiello. Die Konfrontationen in Bolivien seit dem j\u00fcngsten Staatsstreich werfen die Frage auf, wie die Arbeiter*innenklasse ihren Widerstand am besten verst\u00e4rken kann. Wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat, ist die Ausrichtung<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[25,115,10,85,105,26,71,14,4,101],"class_list":["post-6635","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-bolivien","tag-breite-parteien","tag-chile","tag-ecuador","tag-gewerkschaften","tag-lateinamerika","tag-postmodernismus","tag-strategie","tag-venezuela"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6635","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6635"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6635\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6637,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6635\/revisions\/6637"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6635"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6635"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6635"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}