{"id":6649,"date":"2019-12-16T18:40:39","date_gmt":"2019-12-16T16:40:39","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6649"},"modified":"2019-12-16T18:40:40","modified_gmt":"2019-12-16T16:40:40","slug":"zur-analyse-der-deutschen-septemberstreiks-1969","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6649","title":{"rendered":"Zur Analyse der deutschen Septemberstreiks 1969"},"content":{"rendered":"<p><em>Eckart Hildebrandt (1970). <\/em>Vor der Wiedergabe der relevantesten Ergebnisse einer jetzt erschienenen Dokumentation des Instituts f\u00fcr Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) (1) sollen kurz der theoretische Rahmen, in dem<!--more--> die Septemberstreiks zu sehen und zu bewerten sind, und die Anforderungen an eine solche Analyse f\u00fcr eine durch den Erkenntnisproze\u00df vermittelte Praxis der revolution\u00e4ren Gruppen in der BRD definiert werden:<\/p>\n<p>Theoretischer Hintergrund und Rahmen einer Analyse der Septemberstreiks 1969 in der BRD m\u00fcssen sein die dialektisch verkn\u00fcpfte Aufarbeitung<\/p>\n<ul>\n<li>der Geschichte der Theorie und Praxis der Arbeiterbewegungen in den hochindustrialisierten Staaten, insbesondere der Gewerkschaften in Deutschland seitdem 1. Weltkrieg<\/li>\n<li>des Stands der Klassenk\u00e4mpfe in den durch.die internationale Kapitalverflechtung verbundenen L\u00e4ndern<\/li>\n<li>des Entwicklungsstands des sp\u00e4tkapitalistischen Weltwirtschaftssystems (vgl. dazu Elmar Altvaters Beitrag in diesem Heft).<\/li>\n<\/ul>\n<p>Bedingt durch fehlende Analysen, mangelnde Artikulation und Koordination der arbeitenden Gruppen lassen sich im jetzigen Stadium nur sehr allgemeine, oft \u00fcberfordernde Fragenkomplexe formulieren:<\/p>\n<ol>\n<li>Der Stand des Arbeiterbewu\u00dftseins in seiner Bedingtheit durch die historische Situation (Pr\u00e4gung durch objektive Bedingungen auf folgenden Stufen: Gesamtwirtschaftlicher Entwicklungsstand, Branche, Konzern, Betrieb, Form des Arbeits- und Verwertungsprozesses und die Erfahrungen vorausgegangener Auseinandersetzungen mit den Organen des Kapitals). Voraussetzungen und ausl\u00f6sende Momente des Streiks.<\/li>\n<li>Die Art der artikulierten Forderungen, der Einflu\u00df der Gewerkschaften und anderer Gruppen auf Betriebsebene. Bewertung dieser Forderungen aufgrund der Streikergebnisse und damit Einordnung dieser Gruppen nach ihrer Eignung zur Entwicklung und Durchsetzung von Arbeiterinteressen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>III. Funktionsweise der Abwiegelungsmechanismen auf verschiedenen Ebenen: Staatsorgane, Tarifbereich, Konzern, Betrieb; Ans\u00e4tze zur Verfeinerung dieser Integrationsmechanismen. Funktion einzelner Institutionen und Organisationen in diesem Zusammenhang.<\/p>\n<ol>\n<li>Bedeutung der unterschiedlichen sozialen Stellung der Streikenden (Art der Arbeit im Produktionsproze\u00df, Angestellte, Frauen, &#8222;Gastarbeiter&#8220;), ihrer Organisations- und Kommunikationsform f\u00fcr den Verlauf und die Ergebnisse der Streiks. Die in den Streiks vermittelte Ver\u00e4nderung des Bewu\u00dftseins der Streikenden, Streikformen.<\/li>\n<li>Bewertung der angewandten studentischen Agitations- und Organisationsformen.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Zusammenfassung der wichtigsten Momente in der Darstellung der September<\/strong><strong>&#8211;<\/strong><strong>Streiks durch das IMSF:<\/strong><\/p>\n<p>(Die Dokumentation konnte nur punktuell \u00fcberpr\u00fcft werden und zeigte in diesen F\u00e4llen eine au\u00dferordentliche Genauigkeit; in einigen F\u00e4llen wurde das Material aus eigenen Quellen ohne besondere Kennzeichnung erg\u00e4nzt)<\/p>\n<p>Erkenntnisziel ist die Nutzbarmachung der Analyse f\u00fcr die Praxis der Arbeiterbewegung, speziell, zu zeigen, &#8222;wie die Streiks zum Ansto\u00df f\u00fcr eine allgemeine Tarifbewegung wurden, wie sie mit dieser teilweise verschmolzen und welche Potenzen f\u00fcr eine aktive, anti-integrationistische Gewerkschaftspolitik die Bewegungen sichtbar gemacht haben&#8220; (S. 10). Die Analyse &#8222;soll vor allem den Kr\u00e4ften in der Gewerkschaftsbewegung dienen, die starke und wirksame Organisationen f\u00fcr die Durchsetzung der Interessen der Arbeiter und Angestellten f\u00fcr unabdingbar halten.&#8220; (S. 11) (2) Die Schlu\u00dffolgerungen aus dem Material beziehen sich dementsprechend auf &#8222;Hauptansatzpunkte f\u00fcr die Schw\u00e4chung der gewerkschaftlichen Position im Betrieb wie in der gesamten Gesellschaft, d.h. umgekehrt auf eine \u00dcberwindung der sozialpartnerschaftlichen Mitbestimmung zu einer nichtinte-grationistischen&#8220;, vom Klasseninteresse und vom Gegensatz der Klasseninteressen her bestimmten Mitbestrmmungskonzeption&#8220; (S. 262). Der methodische Ansatz beschr\u00e4nkt sich auf &#8222;den Zusammenhang der \u00f6konomischen und tarifpolitischen Situation mit dem Handeln von Belegschaften und Gewerkschaften auf der einen, Unternehmern, Unternehmerverb\u00e4nden und der mit ihnen verbundenen Kr\u00e4fte auf der anderen Seite&#8220; (S. 10).<\/p>\n<p>Schon die Darstellung der \u00f6konomischen Situation der BRD zeigt kaum Funktion und Zusammenhang der langfristigen Konjunkturzyklen, sondern versucht, die in sich widerspr\u00fcchliche Entwicklung des westdeutschen Kapitals mit wenigen volkswirtschaftlichen Indexziffern wie Bruttosozialprodukt, Arbeitsproduktivit\u00e4t, Preis- und Einkommensentwicklung zu erfassen, die in ihrer Ungenauigkeit und nur spezifischen Aussagekraft aus b\u00fcrgerlichen Publikationen entnommen wurden. So kann als Ergebnis nur &#8222;die Verzerrung der Einkommensstruktur und ein aufgestauter Lohnr\u00fcckstand&#8220; (S. 17) als eine der wichtigsten &#8222;\u00f6konomischen Ursachen&#8220; der Streikbewegung benannt werden. Da in der Analyse der verschiedenen Branchen- und Regionalbereiche \u00e4hnlich verfahren wurde, konnte der wichtige Zusammenhang von Konjunkturbewegung und Strukturkrise nicht genau herausgearbeitet werden. Dies soll am Beispiel des Steinkohlenbergbaus exemplarisch gezeigt werden. (3)<\/p>\n<p>Die Krise des Steinkohlenbergbaus entstand als Element der zyklischen Entwicklung des kapitalistischen Reproduktionsprozesses in der Abschwungphase des zweiten Nachkriegszyklus 1958, der unter den besonderen Bedingungen einer deflatorischen Haushaltspolitik des Staates, der Rentenreform und dem Umschlag der Auslandsnachfrage vor sich ging. (4) Die Zuwachsraten der wichtigsten Nachfragefaktoren gingen stark zur\u00fcck, \u00fcberdurchschnittlich stark aber in der Eisen- und Stahlindustrie, was zusammen mit einem milden Winter, Verringerung der Zuwachsrate des Exports und einem gleichbleibend starken Import von vorwiegend US-Steinkohle zu einer typischen \u00dcberproduktionskrise f\u00fchrte. Trotz der Krise auf dem Energiemarkt expandierte gleichzeitig der Verbrauch des Substitutionsqutes Heiz\u00f6l mit einer Zuwachsrate von 40,3 % gegen\u00fcber 1957 &#8211; ebenso wie die zus\u00e4tzlichen F\u00f6rderkapazit\u00e4ten im Steinkohlenbergbau mit Hilfe von Staatssubventionen. Damit verl\u00e4ngerten staatliche Energiepolitik, die Marktstrategie der US-\u00d6lkonzerne (\u00fcber 90 % der westdeutschen Raffineriekapazit\u00e4t) und das Profitstreben der \u00f6lverbrauchenden Monopole durch \u00fcberst\u00fcrzte Substitution die zyklische Teilkrise zu einer permanenten Strukturkrise. Die in den Jahren darauf folgende Kapitalvernichtung durch Zechenstillegung und die damit verbundene irreversible Freisetzung von mehr als 300 000 Arbeitern und Angestellten, die Zusammenlegung zur Ruhrkohle AG unter versch\u00e4rften Absatzschwierigkeiten, die Rationalisierungsma\u00dfnahmen, die Intensivierung der Arbeit, die Schaffung einer industriellen Reservearmee, all das kann nur in diesem Zusammenhang gesehen werden und vermittelt erst Einblick in die Totalit\u00e4t der sozio\u00f6konomischen Erscheinungen, die der Rationalit\u00e4t des Kapitalverwertungszwanges in der kapitalistischen Wirtschaft folgen. In der Dokumentation werden in diesem Zusammenhang genannt: die Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t (Steigerung des relativen Mehrwerts), Erh\u00f6hung der \u00dcberstundenzahl (Steigerung des absoluten Mehrwerts), Dr\u00fcckung der Lohnquoten (? ), Zechenschlie\u00dfung und Belegschaftsverringerungen bei gleichzeitiger Subventionierung (als Kapitalvernichtung) \u2014 1968 insg. 730 Mio. DM \u2014 und Steigerung der Unternehmerprofite (deren Bestimmung v\u00f6llig unklar bleibt).<\/p>\n<p>Entsprechend der Betonung der tarifpolitischen Situation wird als nicht unternehmensspezifische Gr\u00f6\u00dfe nur noch die Tarifbewegung in den Branchen dargestellt. Richtig aufgezeigt ist dabei der Zusammenhang der Schere zwischen Effektiv- und Tarifverdiensten mit der konjunkturellen Entwicklung.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/1969_strike02.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6650\" width=\"437\" height=\"496\"\/><\/figure>\n<p>Daran, da\u00df diese Differenz nie geschlossen wurde, zeigt sich einmal, da\u00df Tarifvertr\u00e4ge real l\u00e4ngst durchgef\u00fchrte Lohnerh\u00f6hungen mit gro\u00dfer Verz\u00f6gerung rechtlich absichern, d.h. nie direkter Ausgangspunkt von Effektivlohnerh\u00f6hungen sind, zum anderen, da\u00df die starre Handhabung der Tariflaufzeiten oft die Ausnutzung einer, wenn auch im Rahmen eines geringen Spielraumes, g\u00fcnstigen Situation verhindert und in konjunkturellen Abschwungphasen den Vorwand f\u00fcr Preiserh\u00f6hungen liefert. Das Argument der Absicherung der Lohnh\u00f6he in Krisenzeiten erweist sich als rein formal, da nicht nur untertarifliche Lohnzahlungen m\u00f6glich sind, sondern dem Kapitalisten genug M\u00f6glichkeiten zur Verbilligung der Ware Arbeitskraft au\u00dferhalb der tariflichen Bestimmungen verbleiben (Beispiel der Hoesch AG, Dortmund: Abbau der Sozialleistungen, Steigerung der Arbeitsintensit\u00e4t, Rationalisierungsinvestitionen, \u00c4nderung der Arbeitsplatzbewertung und des Pr\u00e4miensystems im Rahmen von Umstellungen etc.). Hinweise auf die Modalit\u00e4ten des Tarifvertragsrechts fehlen in der Dokumentation, so da\u00df eine Einsch\u00e4tzung des rechtlichen Spielraumes unm\u00f6glich ist. F\u00fcr die Beantwortung der oben formulierten Fragestellungen ergibt sich:<\/p>\n<p><strong>I.<\/strong><\/p>\n<p>Die Tatsache, da\u00df ein Gro\u00dfteil der Streiks reine Folgestreiks (in seltenen F\u00e4llen Solidarit\u00e4tsstreiks) gewesen sind, weist auf den Zustand des Bewu\u00dftseins des Gro\u00dfteils der Arbeiter hin: Isoliert am Arbeitsplatz und im Privatleben, integriert durch die &#8222;rationalen&#8220; Anforderungen von Produktion und Konsumtion und die Au\u00dfenlenkung gesellschaftlichen Lebens \u00fcber manipulative Bewu\u00dftseinsindustrien; weitgehend unf\u00e4hig ihre Interessen zu formulieren und zu vertreten: im Betrieb durch die relative Un\u00fcberschaubarkeit des Arbeitsprozesses und Delegation seiner Interessenvertretung an Gewerkschaftsorgane (Versicherungscharakter der Gewerkschaften), im Privatleben die aufgedr\u00e4ngten L\u00f6sungen der Sozialtechnik. Unf\u00e4hig, die aus ihrer Entfremdung st\u00e4ndig erwachsenden Konflikte zu verstehen und ihre L\u00f6sung anzugehen, resignieren sie nach ersten Versuchen der Selbstverwirklichung, unterwerfen sich den gesellschaftlichen Prozessen, deren Wesen sie nicht erkennen, die sie aber st\u00e4ndig bedrohen.<\/p>\n<p>So zeigen die Folgestreiks auch einen viel unsichereren Verlauf, sie gehen meist schnell, vor dem Erreichen der aufgestellten Streikziele zu Ende; selten bildete sich aufgrund erster Erfolgserlebnisse ein h\u00f6herer Bewu\u00dftseinsstand heraus. Genauere Aufschl\u00fcsse geben die ausl\u00f6senden Streiks. Ihre Relevanz liegt darin, da\u00df bei ihnen die Arbeiter die Stufe der ungeordneten sinnlichen Erkenntnis bereits \u00fcberwunden und zumindest in einem Teilbereich gesellschaftliche Prozesse der kapitalistischen Klassengesellschaft rational erkannt hatten, ihre Erkenntnis artikulieren und in der Aktion wirksam werden lie\u00dfen. Da\u00df die regionalen Lohndifferenzen und das Zur\u00fcckbleiben der Lohn- hinter der Profitentwicklung generelle und typische Erscheinungen in den Branchen Stahl und Kohle waren, erm\u00f6glichte das relativ schnelle \u00dcbergreifen der Streikbewegung von den Leitbetrieben auf andere Betriebe. Als Voraussetzungen und ausl\u00f6sende Momente k\u00f6nnen generell genannt werden (S. 283 t):<\/p>\n<ol>\n<li>Das offensichtliche Auseinanderfallen von Lohn- und Profitentwicklung bei umfassender Steigerung von Produktion und Produktivit\u00e4t.<\/li>\n<li>Zahlreiche Lohndifferenzen auf betrieblicher, Konzern-, Regional- und Branchenebene, die teilweise im Verlauf der Konzentrations- und Rationalisierungsbewegung entstanden sind; die anschlie\u00dfenden Arbeitsplatzumbewertungen f\u00fchrten fast generell zu Effektivlohnverminderung bei h\u00f6heren Arbeitsanforderungen.<\/li>\n<li>Ein Unbehagen gegen\u00fcber den Gewerkschaften aufgrund der geringen Tariferh\u00f6hungen bei langen Laufzeiten der Tarifvertr\u00e4ge.<\/li>\n<li>Das Mi\u00dfverh\u00e4ltnis zwischen Produktionszuwachs, Intensivierung der Arbeit und Verl\u00e4ngerung der Arbeitszeit (\u00dcberstunden) einerseits und der Verbesserung der materiellen Situation der Arbeiter andererseits.<\/li>\n<li>Besonders schwere Arbeitsbedingungen in der Hitzeperiode.<\/li>\n<li>Die Zusammensetzung der Belegschaft, Existenz- und Organisationsform betrieblicher Kader.<\/li>\n<li>Form und Dauer vorausgegangener betrieblicher Auseinandersetzungen.<\/li>\n<li>Betriebliche und \u00fcberbetriebliche Kommunikationsmittel.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Besonderheiten der Ausl\u00f6sestreiks:<\/p>\n<p><strong>Hoesch-AG, Dortmund, eisenschaffende Industrie im Ruhrgebiet<\/strong><\/p>\n<p>\u00a0(IMSF, S. 54-66, vgl. auch RPK 25\/26, S. 12 f)<\/p>\n<p>Die 1966 durchgef\u00fchrte Fusion der Hoesch AG mit der Dortmund-H\u00f6rder-H\u00fctten-Union f\u00fchrte zu starken Lohndifferenzen im Konzern, die durch eine &#8222;Lohnharmonisierungskommission&#8220; ausgeglichen werden sollten. Deren einziges Ergebnis war ein faktischer<\/p>\n<p>Lohnstop im Konjunkturaufschwung, der eine rasche Steigerung der Stahlpreise und der Profite erm\u00f6glichte. Rationalisierungsma\u00dfnahmen f\u00fchrten zu einer Steigerung der Arbeitsintensit\u00e4t. Die Einf\u00fchrung der analytischen Arbeitsplatzbewertung wurde zu einer Verminderung des Lohnniveaus genutzt, Entlassungen durch Sozialpl\u00e4ne ertr\u00e4glich gemacht. Bereits im Sommer 1969 kam es zu Arbeitsniederlegungen, der Betriebsrat formulierte die Forderung nach 20 Pf. au\u00dfertariflicher, nicht zu verrechnender Lohnerh\u00f6hung f\u00fcr alle Arbeitnehmer. Die Ablehnung dieser Forderung durch die Direktion f\u00fchrte am 2.9. zum Ausbruch des Streiks in der Westfalen-H\u00fcne, der sofort auf die Werke Ph\u00f6nix und Union \u00fcbergriff. Fast 100 % der Arbeiter sind in der l G M organisiert; eine DKP-Betriebszeitung und die &#8222;Westf\u00e4lische Rundschau&#8220; stellen einen engen Kommunikationszusammenhang her.<\/p>\n<p><strong>Rheinstahl-Gie\u00dferei Meiderich (S. 71 ff)<\/strong><\/p>\n<p>Gleichzeitig Folge- und ausl\u00f6sender Streik war die Betriebsbesetzung Meiderich: Der Rheinstahlkonzern befindet sich seit einigen Jahren in einer schweren Krise, deren Bedingungen in der Konzernstruktur (Entflechtung nach 1945 mit folgender Konzentrationsbewegung), der technischen Entwicklung und der Personalpolitik des Unternehmens zu finden sind. Im Rahmen der Straffung des Konzerns werden 1966 20 &#8211; 30 % der Arbeiter und Angestellten entlassen und die Sozialleistungen abgebaut. Trotz der Produktionssteigerungen im Konjunkturaufschwung ist wegen weiterer Umstrukturierungen mit weiteren Entlassungen und Stilllegungen (die Entscheidung \u00fcber die Stil legung f\u00e4llt in einem Rentabilit\u00e4tswettbewerb der Einzelbetriebe) zu rechnen. Dieser Rationalisierungsdruck war bestimmendes Element f\u00fcr den Streikverlauf. In Meiderich kam es speziell aufgrund wechselnder H\u00f6he der Pr\u00e4mienzahlung und einer Kampagne gegen die Krankenversicherungsregelung zu kurzen Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen. Initiativ f\u00fcr den Streik wirkten die Reparaturhandwerker (gro\u00dfe Beweglichkeit im Betrieb, sehr niedriger Lohn), deren Forderung nach Angleichung der L\u00f6hne wochenlang verschleppt wurde. Die Struktur der Belegschaft kennzeichnet eine kritische Einstellung zur Gewerkschaft (der obligatorisch hohe Organisationsgrad von fast 100 % IGM besagt folglich wenig) und die f\u00fchrende Rolle des Betriebsrats.<\/p>\n<p><strong>Neunkirchener Eisenwerke AG, Stahlindustrie des Saarlandes (S. 132 ff)<\/strong><\/p>\n<p>Die Strukturschw\u00e4che des Saarlandes zeigt sich u.a. in der weitgehenden Monopolstellung der Bergbau- und Stahlunternehmer (fast 50 % aller in der Industrie Besch\u00e4ftigten), die zur Verhinderung der Ansiedlung anderer, wachstumsstarker Industrien genutzt wird. Da die Profite hinter denen anderer Regionen zur\u00fcckbleiben, werden sie gr\u00f6\u00dftenteils in anderen Bereichen angelegt. Rationalisierungsma\u00dfnahmen, begleitet von Freisetzungen, halten das Arbeitslosenniveau weit \u00fcber dem BRD-Durchschnitt.<\/p>\n<p>Im Werk Neunkirchen erh\u00f6hte sich die Arbeitsleistung\/Stunde zwischen 1960 und 1968 um 49,4 %, gleichzeitig sank die Zahl der Besch\u00e4ftigten um 20,8 %. Das niedrige Lohnniveau f\u00fchrte zur Abwanderung der jungen Arbeitskr\u00e4fte, die Disziplinierung durch intensivierte Arbeitsbelastung und Entlassungsdrohung sicherte einen versch\u00e4rften Ausbeutungsgrad. Im Dezember 1968 wurde gegen die K\u00fcrzung des Weihnachtsgeldes demonstriert, im Sommer 1969 kam es zu Protestaktionen bei den Kranfahrern. Am Tag des Ausbruchs des Hoesch-Streiks erschien die erste Nummer einer DKP-Betriebszeitung, die die schwelende Unzufriedenheit artikulierte.<\/p>\n<p><strong>Saarbergwerke AG, Steinkohlenbergbau des Saarlandes (S. 142 ff):<\/strong><\/p>\n<p>Die Kohlenkrise bewirkte eine Umstellung des Produktionsprogrammes auf Kohleumwandlung und -Veredelung bzw. auf andere Produktionsbereiche. Die Reallohnsteigerungen waren sehr gering. Tarifl\u00f6hne sind an der Saar H\u00f6chstl\u00f6hne (sonst Mindestl\u00f6hne). Das Gedinge-Lohn-System erm\u00f6glichte steigende Arbeitsanforderungen und indirekte Lohnminderungen, (sog. Gedinge-Schere). Die sanit\u00e4ren Anlagen wurden abgebaut, Unfallverletzte nicht mehr krankgeschrieben. Bei hohem gewerkschaftlichen Organisationsgrad besteht zugleich eine konkretfeindliche Einstellung der Arbeiter gegen\u00fcber der inaktiven, dem Kapital h\u00f6rigen IGBE, die ihre Beitr\u00e4ge \u00fcber den Lohn kassiert. Die Betriebsr\u00e4te und Arbeitsdirektoren sind besonders eng mit der Unternehmensleitung des zu 74 % bundeseigenen Konzerns (26 % Saarland) verbunden. Zwischen den Belegschaftsmitgliedern, die gr\u00f6\u00dftenteils weit von den Gruben entfernt in D\u00f6rfern leben, existiert nur ein geringer Zusammenhalt.<\/p>\n<p><strong>Bremer-H\u00fctte der Kl\u00f6ckner Werke AG, Stahlindustrie (S. 161 ff):<\/strong><\/p>\n<p>Die Vorgeschichte des Konflikts enth\u00e4lt als wesentliche Elemente (5): Die Belegschaft rekrutiert sich vorwiegend aus den liquidierten Borgward-Werken, hat also den Krisencharakter des kapitalistischen Wirtschaftssystems konkret erfahren. Schon seit l\u00e4ngerer Zeit fand eine Auseinandersetzung zwischen der Belegschaft und der Mehrheit des Betriebsrates einerseits und der IGM auf Orts- und Bezirksebene andererseits statt. Zwei Gegenlisten der Vertrauensleute errangen die Mehrheit \u00fcber die IGM-Einheitsliste, worauf die IGM Ausschlu\u00dfverfahren einleitete (zum Ergebnis vergleiche: SPIEGEL vom 12.1.70, S. 69 f). Ausgangspunkt dieser innergewerkschaftlichen Auseinandersetzung waren die Tarifverhandlungen 1968 im Rahmen der &#8222;konzertierten Aktion&#8220;, gegen die die Vertrauensleute opponierten. Die Solidarit\u00e4t zwischen Belegschaft, Vertrauensleuten und Teilen des Betriebsrates wurde durch eine Solidarit\u00e4tsaktion anl\u00e4\u00dflich des Vorgehens von Sch\u00fclern und Studenten gegen Fahrpreiserh\u00f6hungen im Januar 1968 und betriebliche Aktionen gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze gefestigt \u2014 eine in keinem anderen bestreikten Betrieb erreichte Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ausl\u00f6sende Momente waren weiterhin RationalisierungsmalSnahmen mit folgenden Lohnminderungen durch Arbeitsplatzneubewertung, Verringerung der innerbetrieblichen Lohnzulagen durch Aufrechnung in den Tarifvertr\u00e4gen. Einer Erh\u00f6hung des Ausbeutungsgrades trat der Betriebsrat durch eine \u00dcberstundensperre entgegen. Die Personalisierung der Konflikte mit den regionalen IGM-Organen trug wesentlich zur Sotidarisierung der Arbeiter bei. Starke Aktivit\u00e4ten gingen von der DKP-Betriebsgruppe und einer der ARBEITERPOLITIK Bremen nahestehenden Gruppe um Bonno Sch\u00fctter aus; es existierte eine DKP-Betriebszeitung.<\/p>\n<p><strong>II.<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00dcberleitung von den Voraussetzungen und ausl\u00f6senden Momenten der Streiks zu den artikulierten Forderungen kann nur im Zusammenhang einmal mit dem passivierten, in gewerkschaftlichen Vorstellungen integrierten Bewu\u00dftsein des Gro\u00dfteils der Arbeiter, zum anderen mit der Kanalisierung der Forderungen durch gewerkschaftliche Organe gesehen werden. Fast alle aufgestellten Forderungen zielten mehr oder minder direkt auf Lohnerh\u00f6hungen, meistens auf den Ausgleich des R\u00fcckstandes im Verh\u00e4ltnis zur Konjunkturentwicklung und\/oder zu anderen Unternehmen und regionalen Bereichen, und nicht auf die Ver\u00e4nderung des der Entlohnung zugrunde liegenden Arbeitsprozesses. Deutlich zeigt sich das am Beispiel des im Laufe des Streiks entwickelten Forderungskatalogs der Belegschaft der Saarbergwerke AG, einer der wenigen differenzierten Forderungskataloge (IMSF, S. 148, vgl. auch Maxh\u00fctte, Oberpfalz):<\/p>\n<ol>\n<li><em> Lohnerh\u00f6hungen mit Wirkung vom 1. August 1969 auf der Verhandlungsbasis eines Stundenlohns von 8 DM (Gleichstellung mit der Ruhr und der eisenschaffenden Industrie);<\/em><\/li>\n<li><em> Neue Lohnfindung (raus aus der Gedingeschere);<\/em><\/li>\n<li><em> Urlaubsgeld in H\u00f6he eines Monatslohnes;<\/em><\/li>\n<li><em> Kein Lohnausfall im Urlaub;<\/em><\/li>\n<li><em> Kindergeld auch f\u00fcr das erste Kind (wie im \u00f6ffentlichen Dienst);<\/em><\/li>\n<li><em> Spezialistenzulage;<\/em><\/li>\n<li><em> Hitzegeld ab 26 Grad<\/em><\/li>\n<li><em> Wohnungsgeld auch f\u00fcr Ledige; <\/em><\/li>\n<li><em> 5-Tagewoche; <\/em><\/li>\n<li><em> Aussch\u00f6pfung des 312-DM-Gesetzes; <\/em><\/li>\n<li><em> Treue- und Alterszulage;<\/em><\/li>\n<li><em> Abl\u00f6sung des 250-DM Vorschusses, der im Krankheitsfalle nicht bezahlt wird, durch eine einmalige Abfindung;<\/em><\/li>\n<li><em> Entsch\u00e4digung f\u00fcr nichtgenutzte Deputatkohle in voller H\u00f6he durch sofortige Barzahlung;<\/em><\/li>\n<li><em> Bei Wiederaufnahme der Arbeit eine einmalige Zahlung f\u00fcr den Monat August;<\/em><\/li>\n<li><em> Zusicherung an alle Streikenden, da\u00df keinem Belegschaftsmitglied durch die Teilnahme an Demonstrationen und am Streik Nachteil entsteht.<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Einflu\u00df auf die H\u00f6he der Forderungen hatten:<\/p>\n<p>\u2014 der Zeitraum, in dem sich die Forderungen herausgebildet hatten<\/p>\n<p>\u2014 die Forderungen der Leitbetriebe<\/p>\n<p>\u2014 der Stand der innerbetrieblichen Diskussion und die Ergebnisse anderer gleichzeitiger Streiks.<\/p>\n<p>Die Stabilit\u00e4t der Forderungen hing ab von der Herkunft und dem Alter der Forderungen und der Homogenit\u00e4t der sie vertretenden Streikorgane. In den sp\u00e4teren Streikphasen traten verst\u00e4rkt die Forderungen nach Bezahlung der Streikschichten und dem Unterlassen von Repressalien gegen Streikende auf. Besonders die letzte Forderung zielte auf die Solidarit\u00e4t der Arbeiter und hatte teilweise sichtbare Einwirkung auf solidarisches Bewu\u00dftsein und Verhalten: Bei den Howaldt-Werken Deutsche Werft AG, Kiel z.B. entlie\u00df die Unternehmensleitung unter Bruch der Vereinbarungen zwei Arbeiter wegen ihrer Teilnahme am Streik. Die sofortige Wiederaufnahme des Streiks durch die gesamte Belegschaft erzwang die Zur\u00fccknahme der Entlassungen. Diejenigen Forderungen fanden verst\u00e4rkt Resonanz, die einfach, &#8222;griffig&#8220; und &#8222;realistisch&#8220; formuliert waren und in einem zeitlichen Zusammenhang zur Tarifbewegung standen.<\/p>\n<p>Auffallend ist die unpolitische Ausrichtung der Forderungen: &#8222;Alle Streiks haben ihre Grundlage in sozial\u00f6konomischen Teil- und Tagesforderungen der Arbeiter und Angestellten. Politische Forderungen spielten in keinem Fall eine Rolle. Auch ist eine unmittelbare Politisierung der Forderungen, der Aktionen und des Bewu\u00dftseins der Streikenden nicht festzustellen.&#8220; (S. 259) Alle Ans\u00e4tze, die \u00fcber die sehr eng aufgefa\u00dfte Polarisierung Arbeiterinteressen \u2014 Kapitalinteressen hinausgingen, wurden als &#8222;Parteipolitik&#8220; abgelehnt \u2014 dies habe mit ihrem Kampf nichts zu tun. Besonders deutlich wird dies im Verh\u00e4ltnis der Streikenden zu den Parteien und studentischen Gruppen. Gerade die vereinzelt stattfindenden Aktionen gegen die NPD zeigen eher das manipulierte Bewu\u00dftsein als Ans\u00e4tze zur Politisierung. Von den auf Betriebsebene agierenden Gruppen hatten neben den Gewerkschaftsorganen fast nur noch DKP-Betriebsgruppen Einflu\u00df auf die Formulierung der Forderungen, die aber ganz konsequent, was ausdr\u00fccklich in der Studie hervorgehoben wird, die Ausbreitung antigewerkschaftlicher Stimmungen bzw. eine Abspaltung von den Gewerkschaften zu verhindern suchten.<\/p>\n<p>Aus diesen Aspekten folgt die Notwendigkeit, Lohnforderungen auf ihre Eignung zum Vorantreiben des Klassenkampfes in der BRD und in diesem Zusammenhang Strategie von Gewerkschaft und DKP genauer zu untersuchen.<\/p>\n<p>Der Stellenwert der Streiks kann aus mehreren Gr\u00fcnden nicht genau bestimmt werden:<\/p>\n<ol>\n<li>Unterschiedlichkeit der Streiktypen<\/li>\n<li>Beschr\u00e4nkung auf Lohnforderungen<\/li>\n<li>Beendigung der Streiks vor ihrer Eskalation auf eine Stufe, die den harten Widerstand der betroffenen Kapitalisten notwendig gemacht h\u00e4tte.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Daher sind die Abwiegelungsmechanismen, die \u00fcber die eingespielten Schematismen der Tarifverhandlungen hinausgehen, gar nicht in Erscheinung getreten. Die Funktionen der einzelnen Institutionen und Organisationen werden nur spezifisch f\u00fcr den Streik dargestellt, da Analysen ihrer Ideologie und Praxis existieren bzw. in gr\u00f6\u00dferem Zusammenhang erstellt werden m\u00fcssen. Zur Mitbestimmungsfrage gen\u00fcgt hier ein Zitat \u00fcber die Ergebnisse der Biedenkopf-Kommission (TAGESSPIEGEL, 21.1.70):<\/p>\n<p>&#8222;Nach Auffassung der Kommission haben Anh\u00f6rung und Befragung von Beteiligten ergeben, &#8230;.. da\u00df die Bef\u00fcrchtung einer zentralen Steuerung der Gewerkschaftsvertreter in den Aufsichtsr\u00e4ten die Grundlage fehle, da\u00df Verz\u00f6gerungen von Entscheidungen im Aufsichtsrat nicht unbedingt auf eine retardierende Politik von Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnten, da\u00df weder bei den unternehmensinternen Arbeitnehmervertretern noch bei den Vertretern der Gewerkschaften die Absicht bestehe, das Rentabilit\u00e4tsprinzip aufzugeben, &#8222;da\u00df die Mitwirkung der Arbeitnehmer in den Aufsichtsr\u00e4ten zu keiner feststellbaren inhaltlichen Ver\u00e4nderung unternehmerischer Initiativen gef\u00fchrt habe, da\u00df die Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsr\u00e4ten den Konzentrationsbestrebungen nicht grunds\u00e4tzlich ablehnend gegen\u00fcberstehen, da\u00df Gewinnverteilungsvorschl\u00e4ge der Unternehmensleitung bei den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat regelm\u00e4\u00dfig nicht auf Widerstand gesto\u00dfen sind und da\u00df sich die Vorst\u00e4nde der Gesellschaften vom Arbeitsdirektor abgesehen nicht anders zusammensetzen w\u00fcrden, wenn ihre Mitglieder ohne Mitwirkung der Arbeitnehmervertreter berufen worden w\u00e4ren.&#8220; &#8222;Die Mitbe-<em>:. <\/em>Stimmung der Arbeitnehmer ist nach Meinung der Gutachter geeignet, dem Arbeitnehmer das Gef\u00fchl des &#8218;Ausgeliefertseins&#8216; an eine von ihm nicht beeinflu\u00dfbare Leitungs- und Organisationsgewalt zu nehmen, und es durch ein Gef\u00fchl der Mitwirkung und Mitbestimmung abzul\u00f6sen. Die institutionelle Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Unternehmen ist nach Auffassung der Gutachter geeignet, die Marktwirtschaft auch politisch zu sichern.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Bundesregierung und Bundesparteien:<\/strong><\/p>\n<p>Die Streiks gef\u00e4hrden die im Wahlkampf entfaltene Balzstellung der darauf unvorbereiteten Parteien. Daher auch deren grunds\u00e4tzliche Anerkennung der Berechtigung &#8222;gewisser&#8220; Streikforderungen in &#8222;gewissem&#8220; Rahmen und der Versuch, diese im Wahlkampf in der Aufwertungsfrage, im Zusammenhang mit Konjunkturpolitik, Preissteigerungen und Mitbestimmungsfrage f\u00fcr sich zu nutzen.<\/p>\n<p><strong>Presse <\/strong>(6):<\/p>\n<p>Je nach ihrer politischen Ausrichtung nahmen die Presseorgane ihre Aufgabe, systembedrohende Entwicklungen zu diskriminieren, zu kalkulierende Entwicklungen dagegen &#8222;progressiv&#8220; zu unterst\u00fctzen, unterschiedlich wahr. Nur in wenigen F\u00e4llen wurde die Streikbewegung wenigstens dokumentiert, h\u00f6chst selten auf ihre Ursachen und ihre Berechtigung hin analysiert. Neben der \u00fcblichen sprachlichen und inhaltlichen Emotionali-sierung (die allein schon im Begriff &#8222;wilder Streik&#8220; zum Ausdruck kommt) standen oft vorsichtige Andeutungen notwendiger Reformen: &#8222;Gewisse Stimmungsver\u00e4nderungen in der Arbeiterschaft&#8220;, &#8222;Anzeichen mehren sich, da\u00df die Integration der westdeutschen Gewerkschaften in ihren Staat den Arbeitern zu weit gegangen erscheint&#8220;, &#8222;die Gewerkschaften zur \u00dcberpr\u00fcfung ihrer Situation veranlassen&#8220; etc. Die offensichtliche Verbreitung von Falschinformationen f\u00fchrte bei den Streikenden in Einzelf\u00e4llen zu Aggressionen gegen das manipulierende Informationssystem (Verbrennung von BILD-Zeitungen bei Hoesch, Dortmund).<\/p>\n<p><strong>Unternehmerverb\u00e4nde:<\/strong><\/p>\n<p>Das Verhalten der Unternehmer l\u00e4\u00dft sich aus ihrer Stellung zu der Frage, in welcher Rolle die Gewerkschaften der ihnen zugewiesenen Funktion besser gerecht werden: &#8222;Als Kontrahent des Management oder als Management&#8220; (INDUSTRIEKURIER, 9.9.69), ableiten. Auf der einen Seite st\u00e4ndige Betonung der Friedenspflicht (die allgemeine Friedenspflicht folgt bindend aus \u00a7 242 BGB, die absolute Friedenspflicht ist eine m\u00f6gliche Klausel des BVG) als entscheidender Beitrag zur &#8222;autonomen Tarifpolitik&#8220; und der Notwendigkeit fester Laufzeiten der Tarifvertr\u00e4ge, scharfe Kritik an streikfreundlichen \u00c4u\u00dferungen der Gewerkschaften, die einem &#8222;unkonzertierten Chaos&#8220; den Weg bereiteten. Auf der anderen Seite die Furcht, da\u00df die funktionalisierten Gewerkschaften das Vertrauen des Arbeiters verlieren, und damit die Interessendifferenz zu offensichtlich wird. Neue Dimensionen der Streikniederschlagung in Krisenf\u00e4llen deuten sich im Aufbau sogenannter Werkselbstschutzeinheiten an (vgl. Wallraff-Proze\u00df).<\/p>\n<p><strong>Unternehmensleitungen:<\/strong><\/p>\n<p>Die Taktik der Unternehmer bestand haupts\u00e4chlich in dem Versuch, die Gewerkschaftsorgane mittels der Friedenspflicht (\u00a7 42 BVG) zu disziplinieren und zu spalten. Durch die erzwungene Doppelz\u00fcngigkeit der Gewerkschaften war eine Diffamierung gegen\u00fcber den Arbeitern zwar m\u00f6glich, setzte sich aber wegen der starken Polarisierung mit dem Kapitalisten als Klassengegner nicht durch. Mittels bewu\u00dfter Provokationen und Falschinformationen wurde versucht, die Arbeiter zu spalten und in der \u00d6ffentlichkeit als terroristisch hinzustellen (Mischerproblem in Bremen und Neunkirchen), was aber oft in eine st\u00e4rkere Solidarisierung gegen die Unternehmensleitung umschlug. Massive Konfrontationen (faktische Aussperrung, Polizeieinsatz) wurden vermieden, fristlose Entlassungen bewirkten verst\u00e4rkte Solidarisierung. Die Argumentation mit nationalistischen Ressentiments gegen\u00fcber ausl\u00e4ndischen Arbeitern waren beschr\u00e4nkt erfolgreich (s. unten). Teilweise diente die Einstellung der Versicherungszahlung als Druckmittel.<\/p>\n<p>Zwei wichtige Momente sind festzuhalten:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Unternehmen kamen nie in existentielle Schwierigkeiten, ihr \u00f6konomischer Spielraum, insbesondere f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen, wurde nicht ausgemessen. Mit der Kanalisierung der Forderungen in vorgezogene Tarifverhandlungen bzw. ein diesbez\u00fcgliches Versprechen, die der Streikbewegung ihren Ausgangspunkt nahmen, verh\u00e4rtete sich auch sofort ihre Haltung. Diese Taktik f\u00fchrte in allen F\u00e4llen zur Beendigung der Streiks, teilweise ohne jegliche verbindliche Zusicherung.<\/li>\n<li>Die Differenzen im Verhalten von Werksleitungen, Konzernspitzen und &#8222;Arbeitgeberverb\u00e4nden&#8220; (zunehmende Versch\u00e4rfung der Positionen in den h\u00f6hergestellten Organen) zeigen den Widerspruch zwischen den kurzfristigen Profitinteressen der Unternehmer und der langfristigen Funktionsf\u00e4higkeit des Systems. Mit zunehmender Konzentration und Zentralisation der Kapitale ist daher eher eine geringere Kompromi\u00dfbereitschaft zu erwarten.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>DKP:<\/strong><\/p>\n<p>Die DKP-Betriebsgruppen waren die einzig relevante au\u00dfergewerkschaftliche Kraft in den Betrieben. (Zu ihrer Betriebsstrategie vgl. Anm. 2) Ihre Argumentation: Nichterf\u00fcllung der sozialen Symmetrie seitens der Unternehmer und mangelnde Beteiligung der Arbeiter an den steigenden Gewinnen, entsprach der des linken Gewerkschaftsfl\u00fcgels. Ein Gro\u00dfteil ihrer Aktivit\u00e4t zielte auf die Herstellung und Erhaltung einer gewerkschaftlichen Einheitsfront und sie begab sich damit in den Mechansimus des Betriebsverfassungsgesetzes (BVG) und des Tarifvertragsgesetzes (TVG). Eine wichtige Funktion hatten auch die DKP-Betriebszeitschriften \u2014 oft einzige betriebsbezogene Informationsquelle.<\/p>\n<p><strong>Gewerkschaften:<\/strong> (7)<\/p>\n<p>Kennzeichnend f\u00fcr die Stellung der Gewerkschaften in den Streiks ist ihre Einsch\u00e4tzung als einzige Arbeitervertretung von Seiten der gesamten Arbeiterschaft; dieses Verh\u00e4ltnis wurde aber vor und w\u00e4hrend der Streiks differenziert und kritisch gesehen. Trotz teilweise au\u00dfer- oder sogar gegengewerkschaftlicher Aktivit\u00e4ten kam es nirgends zu zahlreicheren Austritten. Einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr liegt sicher in dem Mangel realistischer Alternativen. Speziell hinzuweisen ist nur auf die Differenzierung zwischen den einzelnen Gewerkschaftsf\u00fchrungen, insbesondere zwischen IGM und IGBE, und die Ans\u00e4tze zur Selbstkritik. Genannt werden (8): Mangelnde Aufmerksamkeit und Aktivit\u00e4t, die zu langen Laufzeiten der Tarifvertr\u00e4ge. Verbesserungsvorschl\u00e4ge beziehen sich auf das Informationssystem und eine verst\u00e4rkte Einbeziehung des Vertrauensleutek\u00f6rpers: Ansatz dazu ist die erste tarifvertragliche Regelung \u00fcber den Schutz der gewerkschaftlichen Vertrauensleute f\u00fcr den Bereich der IGM. (9)<\/p>\n<p><strong>Arbeitsdirektor und Aufsichtsratvertreter:<\/strong><\/p>\n<p>Sofern sie in Erscheinung traten, fungierten sie so eindeutig als Agenten des Kapitals, da\u00df selbst den Gewerkschaften eine Revision der Rechenschaftspflicht notwendig erscheint. Von den Unternehmern wurde ihnen geschickt die Funktion des &#8222;Polizisten ihrer Politik&#8220; und langfristig die Aufgabe der Wiederherstellung des Kontakts zu den Belegschaften zugewiesen. (10)<\/p>\n<p><strong>Betriebsr\u00e4te:<\/strong><\/p>\n<p>Im Bewu\u00dftsein der Arbeiter sind die Betriebsr\u00e4te das wichtigste Organ ihrer betrieblichen Interessenvertretung, sie werden weitgehend mit der Gewerkschaft identifiziert. Die Disziplinierungsinstrumente des BVG und des Montanmitbestimmungsgesetzes bedingen einen grunds\u00e4tzlichen Widerspruch, der in Streiksituationen offen ausbricht. Je nach seinem Verhalten und nach seiner Rolle in der dem Streik vorausgegangenen Phase, seiner Grundeinstellung zum Klassengegensatz, dem organisatorischen und inhaltlichen Einflu\u00df seitens der Gewerkschaften, dem Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis im Betriebsrat und in der Belegschaft und seinem Verh\u00e4ltnis zu den Vertrauensleuten schwankte das Verhalten des Betriebsrates von aktiver, geschlossener Streikf\u00fchrung (in wenigen, allerdings den Leitbetrieben) \u00fcber das Agieren als Verhandlungs- und Vermittlungsorgan der Streikenden bis zur Inaktivit\u00e4t und sogar Streikfeindlichkeit (Bergbau).<\/p>\n<p><strong>Vertrauensleute:<\/strong><\/p>\n<p>Ihre Stellung bestimmt sich einmal aus der Bindung an die Satzungen und Richtlinien der Gewerkschaften, zum anderen durch einen engeren Kontakt zu den Arbeitern am Arbeitsplatz. Als &#8222;erweiterte Infrastruktur des Betriebsrates&#8220; spielten sie f\u00fcr die Rekrutierung der Streikkader eine Rolle. In der metallverarbeitenden Industrie bildeten sie allerdings weitgehend die Streikf\u00fchrung. Ihre st\u00e4rkere Bindung in den Informations- und Konfliktl\u00f6sungsmechanismus der Gewerkschaften steht deshalb bevor.<\/p>\n<p>Dieser \u00dcberblick zeigt die Notwendigkeit, die Funktion des Rechts im Klassenkampf zu untersuchen, wie es K. Korsch (11) versuchte und dabei zeigte, wie sich der Klassenkampf in den Kategorien des Rechts ausdr\u00fcckt: Das b\u00fcrgerlich-private Recht im Widerspruch zu dem sich den Bed\u00fcrfnissen der Arbeiterschaft ann\u00e4hernden \u00f6ffentlichen Recht. Weiterhin die Notwendigkeit, die Funktion und Ideologie der Gewerkschaften in ihrer Entwicklung und Perspektive genau zu untersuchen, um eine pr\u00e4gnante Gegenargumentation und Gegenorganisation aufzubauen (inwieweit Teile des Gewerkschaftsapparats aus ihrer Bindung gel\u00f6st werden und erste Einheiten einer solchen Organisation bilden k\u00f6nnen, z.B. Vertrauensleute, kann nur in der Praxis entschieden werden). D.h.: Entwicklung einer schl\u00fcssigen Agitationskonzeption, die geeignet ist, dem Arbeiter die wichtigsten Zusammenh\u00e4nge einfach und deutlich, aber nicht vereinfachend darzustellen. D.h. gleichzeitig die Entwicklung eines Gegenmodells, das den Arbeitern, ausgehend von ihrem derzeitigen Bewu\u00dftsein und dem Stand der objektiven Bedingungen eine politische Perspektive er\u00f6ffnet, die die aktuellen Bed\u00fcrfnisse und Forderungen des Tageskampfes in eine strategische Linie des internationalen Klassenkampfes stellt und damit Tagesziele auf das umfassendere und langfristigere Ziel der Umwandlung der Gesellschaft ausrichtet. (12)<\/p>\n<p><strong>IV.<\/strong><\/p>\n<p>Zur Bedeutung der Struktur der Streikenden kann relativ wenig ausgesagt werden, da nur wenige Streiks ausgepr\u00e4gtere Streikformen erreichten und oft nur einzelne Arbeiter hervortraten:<\/p>\n<p>Die Initiativgruppen der Streiks in den Betrieben rekrutierten sich in erster Linie aus aktiven, gewerkschaftlich organisierten Arbeitern, insbesondere Vertrauensleuten. Trotz der in vielen F\u00e4llen kritischen Einstellung zur Gewerkschaftspraxis stellten sie sich, mit Ausnahme bei Kl\u00f6ckner-Bremen, nie au\u00dferhalb der Gewerkschaftsstrategie. Parteipolitische Ausrichtungen spielten keine Rolle, die h\u00e4ufig beteiligten ADF- und DKP-Mitglieder ordneten sich immer dem Interessenkonflikt Arbeit-Kapital unter.<\/p>\n<p>Die Streikbewegung tragende Altersgruppe waren die mittleren Jahrg\u00e4nge, die auch in den betrieblichen und gewerkschaftlichen Organen den st\u00e4rksten Einflu\u00df aus\u00fcben. Abgesehen von den erheblichen regionalen und branchenspezifischen Unterschieden steht diese Schicht weder in der Tradition der Arbeiterbewegung noch ist sie durch die Aktionen der Studenten, Sch\u00fcler und Lehrlinge beeinflu\u00dft oder sogar politisiert. Unter berufsspezifischem Gesichtspunkt gehen die st\u00e4rksten Aktivit\u00e4ten von den qualifizierteren Arbeitergruppen aus, die zudem oft Schl\u00fcsselpositionen im Arbeitsproze\u00df einnehmen, dadurch einen besseren \u00dcberblick \u00fcber Arbeits- und Verwertungsproze\u00df haben und \u00fcber gute Kontakte zu anderen Betriebsabteilungen verf\u00fcgen. Auffallend h\u00e4ufig \u00fcbernehmen die Arbeiter des inner- und au\u00dferbetrieblichen Transport- und Reparaturwesens Initiativfunktionen. Die Angestellten beteiligten sich in nur geringem Ma\u00df an den Streiks. W\u00e4hrend sie an der Initiierung in keinem Fall beteiligt waren, kam es h\u00e4ufig zu Solidarit\u00e4tsaktionen; dort am st\u00e4rksten, wo ihre Interessen in die Formulierung der Streikforderungen einbezogen wurden. Auch Art und Ausma\u00df des Kontaktes zu den Arbeitern im Produktionsproze\u00df beeinflu\u00dft den Grad der Solidarisierung: Im Bergbau beispielsweise kam es aufgrund der offensichtlichen Trennung von Arbeitern und Angestellten kaum zu konkreten Solidarisierungsaktionen. Inwieweit die Septemberstreiks zu einem Abbau der \u00fcberwiegend k\u00fcnstlich errichteten Abstufungen zwischen den Berufsgruppen beigetragen haben, ist nicht abzusehen. Die objektiven Bedingungen, denen sie unterworfen sind, n\u00e4hern sich immer weiter an (zum Beispiel Lohnfortzahlung, geplante Fusionierung von DGB und DAG), was notwendig im Bewu\u00dftsein von Arbeitern und Angestellten nachvollzogen werden mu\u00df.<\/p>\n<p>In Betrieben mit einem hohen Anteil an Frauenarbeit waren die Arbeiterinnen von Anfang an in die Streikbewegung einbezogen. Das solidarische Verhalten der Ehefrauen der Arbeiter hat oft den Verlauf der Streiks positiv beeinflu\u00dft.<\/p>\n<p>Ausl\u00e4ndische Arbeiter beteiligten sich stets an den Aktionen, in zwei F\u00e4llen waren sie die Tr\u00e4ger der Streiks.<\/p>\n<p><strong>Ehrenreich A &amp; Cie., Oberkassel, Anteil der ausl\u00e4ndischen Arbeiter 45 % (S. 124 ff): <\/strong><\/p>\n<p>150 griechische Bandarbeiter legten die Arbeit nieder und w\u00e4hlten vier Streiksprecher, da sie \u00fcber die Modalit\u00e4ten einer neuen Lohnregelung nicht genau informiert worden waren und zu Recht Lohnverminderungen bef\u00fcrchteten. Die Mehrheit der deutschen Kollegen derselben Betriebsabteilung solidarisierten sich. Die Unternehmensleitung entlie\u00df sofort zwei Griechen und einen deutschen Arbeiter, der als Sprecher aufgetreten war, nahm diese Ma\u00dfnahme aber aufgrund einer Demonstration vorl\u00e4ufig zur\u00fcck. Die deutschen Arbeiter der streikenden Abteilung wurden auf andere Abteilungen verteilt und nahmen die Arbeit wieder auf. Trotz der Drohung mit Abmeldung bei der AOK streikten 300 Griechen weiter, bis ihre Lage durch das Aufkommen starker nationalistischer Stimmungen bei den deutschen Arbeitern und das Umschwenken des Betriebsrates unhaltbar wurde. Streikergebnis: keine Entlassungen, Nachholen des Produktionsausfalls durch \u00dcberstunden und die Zusicherung, die neuen Akkordlohns\u00e4tze bei Reklamation zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p><strong>Westf\u00e4lische Metallindustrie Hueck &amp; Co. KG. (WMI), Lippstadt (S. 127 ff):<\/strong><\/p>\n<p>Im Zentrum des Streiks (Hella-Nordwerk) sind \u00fcberwiegend ausl\u00e4ndische Arbeiterinnen verschiedener Nationalit\u00e4ten besch\u00e4ftigt, die besonders kra\u00df ausgebeutet werden. Die Arbeit wurde zun\u00e4chst von italienischen, spanischen und deutschen Arbeiterinnen niedergelegt, die Arbeiter solidarisierten sich und demonstrierten in den Abteilungen des Hauptwerks mit der Parole &#8222;Solidarit\u00e4t f\u00fcr Gastarbeiter&#8220;. Eine Betriebsversammlung w\u00e4hlte eine Verhandlungskommission, die erfolglose Verhandlungen mit der Unternehmensleitung f\u00fchrte. Diese blieb inzwischen nicht unt\u00e4tig: ein aus unbekannter Ursache ausgebrochener Dachstuhlbrand diente als Anla\u00df, das Ger\u00fccht, die Ausl\u00e4nder h\u00e4tten Feuer gelegt, auszustreuen, dpa verbreitete im Gegensatz zum Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen (!): &#8222;Die Gef\u00e4hrlichkeit s\u00fcdl\u00e4ndischen Temperaments scheint offenbar, nachdem w\u00e4hrend des Streiks ein Lagergeb\u00e4ude urpl\u00f6tzlich in Brand geraten war&#8220;, die Presse beschrieb den &#8222;Volksfestcharakter des Streiks&#8220;, die Belegschaft begann sich zu spalten, das Hauptwerk war inzwischen durch Polizeikr\u00e4fte abgeriegelt, die Unternehmensleitung drohte mit Entlassungen, Vertreter ausl\u00e4ndischer Konsulate trafen zur Beschwichtigung der ausl\u00e4ndischen Arbeiter ein. Als auch IGM und Betriebsrat zur Wiederaufnahme der Arbeit aufriefen, endete der Streik. Ergebnis: Die Unternehmensleitung sagte zu, die Beschwerden \u00fcber die Lohneinstufungen durch eine Kommission \u00fcberpr\u00fcfen zu lassen!<\/p>\n<p>Wichtigstes Merkmal der Septemberstreiks ist ihre Initiierung und Durchf\u00fchrung ohne Beteiligung der Gewerkschaften, d.h. da\u00df weder Streikgeld gezahlt wurde noch auf einen durchorganisierten Apparat zur\u00fcckgegriffen werden konnte. Eine geschlossene psychologische Abschirmung der streikenden Arbeiter gegen die versteckt oder offen-feindlich eingestellte Umwelt konnte nur durch die st\u00e4ndige Best\u00e4tigung der Solidarit\u00e4t der Arbeiter untereinander erreicht werden, d.h. auch, durch die st\u00e4ndige Anwesenheit der Arbeiter im Betrieb. Daraus entwickelte sich bei Einzelstreiks generell die Streikform der Betriebsbesetzung, die die Notwendigkeit einer Aufstellung von Streikposten aufhob und eine Aussperrung durch die Unternehmer unm\u00f6glich machte. Da dadurch die Informations- und Kommunikationsstruktur des Betriebs genutzt werden konnte, reichten in den meisten F\u00e4llen informelle Streikleitungen zur Organisation der Aktionen und Formulierung der Forderungen aus. Eine neue Qualit\u00e4t des Streiks konnte allerdings mit dieser Organisationsform nicht erreicht werden. Die nur organisierende T\u00e4tigkeit \u2014 die notwendigerweise mangelhaft war, das Fehlen kontinuierlicher Information der Arbeiter, aktiver Agitation und eines ausreichenden technischen Apparats, z.B. Lautsprecher und Vervielf\u00e4ltigungsmaschinen, verhinderten ein gezieltes Vorantreiben der Streikbewegung. Das Beispiel der Dortmunder Bergarbeiter zeigt deutlich die Grenzen dieser Streikform. Die Einbeziehung gleichartiger Betriebe auch innerhalb eines Konzerns wurde meist gar nicht versucht, scheiterte ansonsten oft an mangelnden organisatorischen, personellen und informatorischen Kontakten, die selbst Gewerkschaftsorgane mangels Vorbereitung nicht \u00fcberwinden konnten. Dennoch scheint ein bestimmter Grad an Solidarit\u00e4t auf Konzernebene zu existieren, der jedoch durch direkte Kontaktaufnahme erst w\u00e4hrend der Streikbewegung nicht mehr ausreichend mobilisiert werden konnte. Eine Ausnahme bildeten die Kl\u00f6ckner-Werke, Osnabr\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Herstellung von Kontakten zur Bev\u00f6lkerung durch Demonstrationen geschah h\u00e4ufig. Sie zeigten dem Klassengegner die Kampfbereitschaft und Entschlossenheit der Arbeiter und verst\u00e4rkten das Solidarit\u00e4tsgef\u00fchl.<\/p>\n<p>Die Streikformen spiegeln deutlich den Bewu\u00dftseinsstand der Arbeiter wider: ebenso wie ihre Forderungen, &#8217;sind sie improvisiert, zaghaft, perspektivlos und hilflos in der Auseinandersetzung mit den Unternehmerorganen. Besonders auf diesem Gebiet kann das Studium der italienischen und franz\u00f6sischen Streikbewegungen wichtige Anregungen geben.<\/p>\n<p>Bei den f\u00fcr nichtgewerkschaftliche Streiks relativ langen Streikzeiten spielte die geschlossene Beendigung der Arbeitsniederlegungen f\u00fcr die Streikleitungen eine gro\u00dfe Rolle und wurde dementsprechend vordringlich angestrebt, da diese das Erfolgserlebnis eines geschlossenen beendeten Streiks f\u00fcr die wichtigste Voraussetzung der Entwicklung von Klassenbewu\u00dftsein und die Aktivierung der Gewerkschaftsarbeit hielten. In fast allen F\u00e4llen f\u00fchrten geheime oder akklamatorische Abstimmungen der Belegschaft zur Wiederaufnahme der Arbeit, es existierte aber auch immer eine starke Minderheit mit fortdauernder Streikbereitschaft. Da qualitativ ver\u00e4ndernde Streikergebnisse unter den derzeitigen Bedingungen in dieser Form nicht zu erreichen sind, blieben die materiellen und bedingt strukturellen Ergebnisse der Streiks weit hinter den Forderungen zur\u00fcck und wurden kurze Zeit sp\u00e4ter in den Tarifverhandlungen bis auf die einmaligen Zahlungen aufgefangen.<\/p>\n<p>Die Streiks haben die Diskussion der Arbeiter wesentlich beeinflu\u00dft, aber die Tatsache, da\u00df sie weitgehend von den Arbeitern selbst bezahlt wurden und die durch sie beeinflu\u00dften Ergebnisse der Tarifverhandlungen &#8222;sowieso eingetreten w\u00e4ren&#8220; und auch den nichtaktiven Arbeitern zugutekommen, verhindert ein starkes Nachwirken der Streikbewegung auf die nichtbeteiligten Arbeiter und Angestellten. Bei den Beteiligten &#8211; \u00fcber 140000 mit 532 308 Streiktagen &#8211; hat sich das Bewu\u00dftsein f\u00fcr die Ausbeutungs- und Disziplinierungsmechanismen des Kapitals gesch\u00e4rft. Dies ist als wichtigstes Ergebnis der Septemberstreiks zu werten, das sicher die Reaktion der Arbeiterschaft in der n\u00e4chsten Rezession beeinflussen wird.<\/p>\n<p><strong>V.<\/strong><\/p>\n<p>Die Berichterstattung der Studie \u00fcber die Aktivit\u00e4ten der Studenten und Lehrlinge ist unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kurz gefa\u00dft. Die Fehler der nur punktuell auftretenden Studenten, die zu einer &#8222;Verh\u00e4rtung antisozialistischer und antistudentischer Vorurteile&#8220; f\u00fchrten, sieht sie in einer doppelten Fehleinsch\u00e4tzung der Realit\u00e4t (Beispiel Saarland, vgl. auch RPK 35, S. 6 f. und SDS-Info 21, S. 23 f.): &#8222;Zum einen versuchten diese Studenten von au\u00dfen politische L\u00f6sungen in den Streik hineinzutragen, die weit von dem unmittelbaren Bewu\u00dftsein der Streikenden entfernt waren&#8220; und der von ihnen beanspruchten F\u00fchrungsrolle, zum anderen &#8222;in ihrer falschen Einsch\u00e4tzungen der Gewerkschaftsfrage&#8220;. Die richtige Konzeption wird in der Haltung des AStA-Kiel gesehen, der konkrete Hilfe leistete. Die Situation der revolution\u00e4ren Studentengruppen in Kiel (vgl. RPK 34, S. 1 ff. und EXPRESS INTERNATIONAL vom 24.12.1969, S. 6) war zu Beginn der Streiks bei den Howaldt-Werken, da keine Betriebsgruppe im Werk und keine qualifizierte Initiativgruppe au\u00dferhalb des Unternehmens existierte und die notwendige Auseinandersetzung mit der in ihrer Position gefestigten DKP in kurzer Zeit nicht zu leisten war, wenig geeignet, eine Initiative zu erm\u00f6glichen. Das Ziel, &#8222;die starke Fixierung der Arbeiter an die tradierten Arbeiterorganisationen zu durchbrechen und als realistische Konzeption die Selbstorganisation der Arbeiter gegen Kapital, SPD und Gewerkschaft zu propagieren&#8220; konnte nicht durch abstrakte, avantgardistische Aufrufe und plumpe Verbr\u00fcderungsversuche erreicht werden. Erste Kontakte entstanden durch das Angebot des AStA, dem Streikrat seinen technischen Apparat zur Verf\u00fcgung zu stellen, das angenommen wurde. Nachdem ein DKP-Mann beim ersten Treffen die Voreingenommenheit beseitigt hatte, wurden gemeinsam Flugbl\u00e4tter besprochen und die n\u00e4chsten Schritte diskutiert. Diese Arbeit dauert an und bietet die M\u00f6glichkeit, zu einem &#8222;langfristig angelegten, durch den noch zu entwickelnden Konsensus getragenen B\u00fcndnis. &#8222;Erste Ans\u00e4tze dazu zeigen sich in einem Solidarit\u00e4tsschreiben des ehemaligen Streikrats an den Rektor der Kieler Universit\u00e4t, der die Zusammenarbeit mit rechtlichen Repressionen bedrohte.<\/p>\n<p>Weitere Berichte sozialistischer Studentengruppen fehlen, was nicht nur auf mangelhafte Aktivit\u00e4t schlie\u00dfen l\u00e4\u00dft. Bisher haben nur wenige Gruppen offen ihre Stellung in und zu den Streiks kritisch untersucht und ausgerichtet an der Analyse der Streiks neue Arbeitsvorstellungen formuliert. Eine ver\u00e4nderte Betriebsgruppenstrategie kann aber erst nach Aufarbeitung der f\u00fcr eine zuk\u00fcnftige Strategie und Praxis wichtigsten Momente der deutschen Arbeiterbewegung, einer Analyse der Klassenk\u00e4mpfe in anderen L\u00e4ndern (13) und der dortigen Kampfformen (insbesondere Italien) sowie der laufenden Beobachtung und Bearbeitung der Bewegung der kapitalistischen Weltwirtschaft und ihrer Teilbereiche weiterentwickelt werden.<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p>1): DIE SEPTEMBERSTREIKS &#8211; DARSTELLUNG, ANALYSE, DOKUMENTE, Frankfurt\/M., 1969. Eine Zusammenfassung bietet: Friedemann Schuster. DIE SEPTEMBERSTREIKS. AUF DEN ARBEITER KOMMT ES AN, Marxistische .Taschenb\u00fccher, Frankfurt\/M., 1969. Vgl. auch &#8222;Die Septemberstreiks in Westdeutschland und ihre \u00f6konomischen Hintergr\u00fcnde&#8220; in: DWI-BERICHTE 1\/70, S. 6-8, 41.<\/p>\n<p>2) Vgl. diese Position mit der der DKP, dargestellt bei: FU-Projektgruppe DKP und Bernd Rabehl: DKP &#8211; EINE NEUE SOZIALDEMOKRATISCHE PARTEI, Oberbaumpresse Berlin, 1969 und Ruhrkampagne: &#8222;Die Betriebsstrategie der DKP&#8220; in: SDS-Info 21, S. 15 ff.<\/p>\n<p>3) Vgl. Siegfried Sack und Hubert Wawrzinek: &#8222;Charakter und Besonderheiten der Krise des westdeutschen Steinkohlebergbaus&#8220; in: WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTEN, 10\/69 und Rudiger Hopp: SCHWANKUNGEN DES WIRTSCHAFTLICHEN WACHSTUMS IN WESTDEUTSCHLAND 1954 &#8211; 1967, Meisenheim am Glan, 1969.<\/p>\n<p>4) Vgl. Elmar Altvater: &#8222;Konjunkturanalyse&#8220; in diesem Heft.<\/p>\n<p>5) Vgl. RPK 32, S. 6 ff. und DIE AUSEINANDERSETZUNG IN DER KL\u00d6CKERN-H\u00dcTTE BREMEN, hg. von ARBEITERPOLITIK, Bremen.<\/p>\n<p>6) &#8222;Thesen zur Berichterstattung \u00fcber den Streik in der b\u00fcrgerlichen Presse&#8220; in SDS-INFO 21, S. 36f<\/p>\n<p>7) Vgl. Fritz V\u00fcmar: DEMOKRATISIERUNG DER WIRTSCHAFT &#8211; DAS KONZEPT DES DGB-GRUNDSATZPROGRAMMS, Arbeitsheft 110 der IGM, 1969.<\/p>\n<p>8)\u00a0 IMSF, S. 218 ff., vgl. auch Gerhard Leminsky &#8222;Spontane Arbeitsniederlegungen&#8220; in GEWERKSCHAFTLICHE MONATSHEFTE, 11\/69, S. 641 ff. und andere Gewerkschaftsorgane.<\/p>\n<p>9)\u00a0 Vgl. Fritz Villmar: &#8222;Schutz und Bedeutung der Vertrauensleute&#8220; in GEWERKSCHAFTLICHE UMSCHAU, 12\/69, S. 269 f.<\/p>\n<p>10) Vgl. Frank Deppe: &#8222;Lehren aus den Septemberstreiks&#8220; in: LINKS, 6\/69, S. 7.<\/p>\n<p>11) Karl Korsch: ARBEITSRECHT F\u00dcR BETRIEBSR\u00c4TE (1922), EVA, Frankfurt\/M., 1968; vgl. auch Reinhard Hoffmann: RECHTSFORTSCHRITT DURCH GEWERKSCHAFTLICHE GEGENMACHT, EVA, Frankfurt\/M., 1968.<\/p>\n<p>12) Vgl. Andre Gorz: ZUR STRATEGIE DER ARBEITERBEWEGUNG IM NEOKAPITALISMUS, EVA, Frankfurt\/M., 1969.<\/p>\n<p><strong>Quelle: Sozialistische Politik, Nr. 5, M\u00e4rz 1970, 2. Jhg. Westberlin, 1970, S. 71 &#8211; 84,<\/strong><\/p>\n<p>OCR-Scan red. Trend<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/1969\/1969_02.html\">trend.infopartisan&#8230;<\/a> vom 16. Dezember 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eckart Hildebrandt (1970). 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