{"id":6726,"date":"2019-12-27T09:30:52","date_gmt":"2019-12-27T07:30:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6726"},"modified":"2019-12-27T09:30:53","modified_gmt":"2019-12-27T07:30:53","slug":"armut-in-deutschland-bleibt-auf-hohem-niveau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6726","title":{"rendered":"Armut in Deutschland bleibt auf hohem Niveau"},"content":{"rendered":"<p><em>Elisabeth Zimmermann. <\/em><strong>Beinahe jeder sechste ist in Deutschland von Armut betroffen. Das geht aus dem Armutsbericht 2019 des Parit\u00e4tischen Wohlfahrtsverbands hervor. Demnach gelten 15,5 Prozent der Bev\u00f6lkerung als arm.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Obwohl die Armut im Jahresvergleich 2018 zu 2017 geringf\u00fcgig um 0,3 Prozentpunkte zur\u00fcckging, bleibt sie also nach wie vor auf hohem Niveau und ist in einigen Regionen sogar angestiegen. Das Ruhrgebiet, ein Ballungsraum mit 5,8 Millionen Menschen, wird mit einer Armutsquote von 21,1 Prozent \u2013 das ist mehr als jeder f\u00fcnfte Einwohner \u2013 als \u201eProblemregion Nummer 1\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p>Der neue Bericht, den der Parit\u00e4tische Wohlfahrtsverband Mitte Dezember ver\u00f6ffentlichte, enth\u00e4lt detaillierte Zahlen \u00fcber die Entwicklung der Armut in Deutschland, aufgeteilt nach L\u00e4ndern und Regionen, und zeichnet die Entwicklung im Zehnjahresvergleich von 2008 bis 2018 nach.<\/p>\n<p>Die Autoren der Studie des Parit\u00e4tischen Wohlfahrtsverbands sehen eine Vierteilung Deutschlands, was die Armutsentwicklung betrifft. Der S\u00fcden (Baden-W\u00fcrttemberg und Bayern) weisen eine Armutsquote von 11,8 Prozent auf. In den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern sind es 17,5 Prozent, wobei Mecklenburg-Vorpommern eine Quote von 20,5 Prozent und Sachsen-Anhalt von 19,5 Prozent aufweisen. Auch dort ist jeder F\u00fcnfte von Armut betroffen.<\/p>\n<p>Nordrhein-Westfalen mit 18 Millionen Einwohnern weist eine Armutsquote von 18,1 Prozent auf und hat damit die h\u00f6chste Armutsquote unter den gro\u00dfen Fl\u00e4chenregionen. Es zeigt auch im Zehnjahresvergleich die mit Abstand negativste Entwicklung. Verantwortlich daf\u00fcr ist die lang anhaltende und stark verbreitete Armut im Ruhrgebiet. Dort ist die Armut in den letzten zehn Jahren viermal so schnell angestiegen wie im gesamten Bundesgebiet. Auch in den Regionen K\u00f6ln und D\u00fcsseldorf nimmt die Armut zu.<\/p>\n<p>Auch in Brandenburg, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Th\u00fcringen hat die Armut von 2017 bis 2018 zugenommen.<\/p>\n<p>Als vierten Bereich nennt die Studie die \u00fcbrigen Regionen Westdeutschlands, die eine gemeinsame durchschnittliche Armutsquote von 15,9 Prozent ausweisen. Auch innerhalb dieser Regionen gibt es Unterschiede, und Bremen sticht mit einer Armutsquote von 22,7 Prozent hervor. Dabei weist die Stadt Bremerhaven sogar eine Armutsquote von 28 Prozent auf.<\/p>\n<p>Im Zehnjahresvergleich von 2008 bis 2018 ist die Armut in Hessen, Schleswig-Holstein und Hamburg stark angestiegen. In Hessen stieg die Armut von 12,7 Prozent im Jahr 2008 um ein Viertel auf 15,8 Prozent im Jahr 2018 an. Auch in Schleswig-Holstein und in Hamburg nahm die Armut stark zu und betrug Ende 2018 jeweils 15,3 Prozent.<\/p>\n<p>Der Parit\u00e4tische Wohlfahrtsverband orientiert sich bei der Berechnung der Armutsquoten an einer EU-Konvention. Dazu werden alle Personen gez\u00e4hlt, die in Haushalten leben, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte betr\u00e4gt. Dabei handelt es sich um das gesamte Nettoeinkommen des Haushalts. Die Armutsgrenze liegt f\u00fcr Singles demnach bei 1035 Euro und bei Alleinerziehenden mit zwei Kindern zwischen 14 und 18 Jahren bei 2070 Euro im Monat.<\/p>\n<p>Das wirkliche Ausma\u00df der Armut bildet der Bericht nicht vollst\u00e4ndig ab. So sind diejenigen Menschen in der Armutsquote nicht ber\u00fccksichtigt, die in Gemeinschaftsunterk\u00fcnften wie Pflegeheimen oder Fl\u00fcchtlingseinrichtungen leben. Tats\u00e4chlich ist aber von den \u00fcber 800.000 pflegebed\u00fcrftigen Menschen, die in Heimen leben, jeder Dritte auf Sozialhilfe angewiesen. Von der Armutsquote nicht ber\u00fccksichtigt werden auch die vielen Fl\u00fcchtlinge, die gezwungen werden, in lager\u00e4hnlichen Unterk\u00fcnften und Ankerzentren zu leben, oder Hunderttausende von Wohnungslosen. Damit ist klar, dass die tats\u00e4chlich existierende Armut die offizielle Armutsquote bei weitem \u00fcbertrifft.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1006\" height=\"349\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/csm_2018-08-23_KinderarmutTitel_Vaccaro_8b2e4fe5c8.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6727\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/csm_2018-08-23_KinderarmutTitel_Vaccaro_8b2e4fe5c8.png 1006w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/csm_2018-08-23_KinderarmutTitel_Vaccaro_8b2e4fe5c8-300x104.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/csm_2018-08-23_KinderarmutTitel_Vaccaro_8b2e4fe5c8-768x266.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1006px) 100vw, 1006px\" \/><figcaption>In Deutschland sind 20,1 Prozent der unter 18-J\u00e4hrigen von Armut bedroht. Hier Kinder bei der Speisung bei Tafel. Quelle: Tafel<\/figcaption><\/figure>\n<p>Besonders schockierend sind die Zahlen zur Kinderarmut, die praktisch \u00fcberall h\u00f6her liegen als die Armutsquote auf L\u00e4nderebene. Um nur einige Beispiele herauszunehmen: In Berlin betr\u00e4gt die Armutsquote 18,2 Prozent, die Kinderarmut 23,8 Prozent; in Bremen 22,7 zu 35,8 Prozent; in Hamburg 15,3 zu 21,7 Prozent; in Hessen 15,8 zu 21,1 Prozent; in Mecklenburg-Vorpommern 20,9 zu 27,7 Prozent; in Nordrhein-Westfalen 18,1 zu 24,7 Prozent, in Sachsen-Anhalt 19,5 zu 27,3 Prozent. In einzelnen St\u00e4dten des Ruhrgebiets und anderer Regionen liegt die Kinderarmut noch h\u00f6her.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass das Ruhrgebiet im Zehnjahresvergleich einen kontinuierlichen Anstieg der Armut um insgesamt 28 Prozent aufweist. Die Armut im Ruhrgebiet stieg fast viermal so schnell wie im gesamten Bundesgebiet. Besonders sticht der Raum Duisburg\/Essen hervor, wo die Armutsquote in den letzten zehn Jahren von 14,8 auf 20,9 Prozent gestiegen ist. Dies entspricht einem Zuwachs um 41,2 Prozent und kommt, wie es in dem Bericht hei\u00dft, einem armutspolitischen Erdrutsch gleich.<\/p>\n<p>Auch die Hartz IV-Quote des Ruhrgebiets ist gegen den Bundestrend deutlich angestiegen. Ging sie bundesweit zwischen 2008 und 2018 von 10,3 auf 8,9 Prozent zur\u00fcck, lag sie im Ruhrgebiet 2018 bei 15,3 Prozent, das sind 1,4 Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor. Besonders hohe Hartz IV-Zahlen weisen so gut wie alle Kreise im Ruhrgebiet auf. In Gelsenkirchen ist mittlerweile sogar jeder vierte und in Essen jeder f\u00fcnfte Einwohner auf Hartz IV angewiesen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Millionen von Arbeitern und Arbeiterfamilien armutsgef\u00e4hrdet oder arm sind und wegen der steigenden Mieten und Energiekosten um ihre Wohnung f\u00fcrchten m\u00fcssen, w\u00e4chst der Reichtum an der Spitze der Gesellschaft. Die vierhundert reichsten Familien in Deutschland besitzen so viel Verm\u00f6gen wie die ganze \u00e4rmere H\u00e4lfte, das sind \u00fcber 40 Millionen Menschen.<\/p>\n<p>Eine zentrale politische Verantwortung f\u00fcr das dramatische Ansteigen der Armut in Deutschland tragen die SPD und die Gr\u00fcnen. Es war die SPD\/Gr\u00fcnen-Regierung unter Gerhard Schr\u00f6der und Joschka Fischer, die von 1998 bis 2005 mit ihrer Agenda 2010 und mit den Hartz IV-Gesetzen einen riesigen Niedriglohnsektor schuf. Diese Politik der massiven Umverteilung des Reichtums von unten nach oben hat international stattgefunden und wird von s\u00e4mtlichen etablierten Parteien immer weiter vorangetrieben.<\/p>\n<p>Vor allem im Ruhrgebiet und in Nordrhein-Westfalen ist die Verantwortung der SPD f\u00fcr die grassierende Massenarmut besonders offensichtlich. Die SPD hat bis auf wenige Ausnahmen \u00fcber Jahrzehnte in NRW regiert. Sie hat zusammen mit den Gewerkschaften die Stilllegung des Bergbaus und die Vernichtung von Zehntausenden Arbeitspl\u00e4tzen in der Stahlindustrie organisiert.<\/p>\n<p>Diese relativ gut bezahlten Arbeitspl\u00e4tze sind unwiederbringlich verloren. 2014 wurde das Opel-Werk in Bochum geschlossen, das 1960 auf dem Gel\u00e4nde der stillgelegten Zeche Dannenberg angesiedelt worden war. Im Vorfeld der Schlie\u00dfung wurden die Arbeiter durch die IG Metall zu Lohnzugest\u00e4ndnissen und anderen Einschr\u00e4nkungen zugunsten des Unternehmens gezwungen, angeblich um die Arbeitspl\u00e4tze zu sichern.<\/p>\n<p>Das Opel-Werk sei hier nur beispielhaft f\u00fcr Tausende \u00e4hnliche F\u00e4lle genannt. Die Mehrzahl der Arbeitspl\u00e4tze, die in den letzten Jahren neu entstanden sind, sind Niedriglohnjobs. Dies und die damit verbundenen unsicheren Arbeitsverh\u00e4ltnisse haben das Heer der\u00a0<em>Working poor<\/em>, der arbeitenden Armen, massiv anschwellen lassen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wurden brutale K\u00fcrzungs- und Sparma\u00dfnahmen im sozialen Bereich gegen die Bev\u00f6lkerung durchgesetzt. Dabei gingen die Kommunen im Ruhrgebiet, die bis vor einigen Jahren meist von SPD-B\u00fcrgermeistern regiert wurden, besonders hart vor.<\/p>\n<p>Aufgrund der Sparpolitik gibt es in den Ruhrgebietsst\u00e4dten kaum noch \u00f6ffentliche Schwimmb\u00e4der oder Jugendzentren. Stadtteilbibliotheken wurden geschlossen oder werden nur noch stundenweise ge\u00f6ffnet, oftmals ohne qualifiziertes Personal. Auch die Schulen und Kultureinrichtungen sind infolge der jahrzehntelangen Sparorgien oft in einem heruntergekommenen Zustand.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfen, der \u00f6ffentliche Nahverkehr und die ganze Infrastruktur zerfallen. Desolat ist auch die Lage auf den \u00c4mtern. Dort sind die Wartezeiten h\u00e4ufig unertr\u00e4glich lang, denn der erh\u00f6hte Arbeitsdruck f\u00fcr die verbliebenen Mitarbeiter treibt den Krankenstand zus\u00e4tzlich in die H\u00f6he. Der Personalabbau wird zum Teufelskreis.<\/p>\n<p>Die letzten SPD-gef\u00fchrten Landesregierungen hatten sich der Schuldenbremse verpflichtet. In dieser Zeit regierte die SPD unter Ministerpr\u00e4sidentin Hannelore Kraft von 2010 bis 2012 in rot-gr\u00fcnen Minderheitsregierung, die von der Linkspartei unterst\u00fctzt wurde. Von 2012 bis 2017 regierte sie mit den Gr\u00fcnen. Norbert Walter-Borjans, einer der zwei neuen SPD-Bundesvorsitzenden, war in dieser Zeit der verantwortliche Finanzminister. Mit brutalen H\u00e4rte und Angriffen auf die Arbeiterklasse setzte er die Sparpolitik durch. Den hoch verschuldeten Ruhrgebietsst\u00e4dten, die nicht gen\u00fcgend Einsparungen im Haushalt vornahmen, drohte er mit Sanktionen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/12\/27\/armu-d27.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. Dezember 2019<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elisabeth Zimmermann. Beinahe jeder sechste ist in Deutschland von Armut betroffen. Das geht aus dem Armutsbericht 2019 des Parit\u00e4tischen Wohlfahrtsverbands hervor. 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