{"id":6734,"date":"2019-12-28T10:32:53","date_gmt":"2019-12-28T08:32:53","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6734"},"modified":"2019-12-28T10:33:48","modified_gmt":"2019-12-28T08:33:48","slug":"konsumboykott-%e2%80%92-eine-revolutionaere-strategie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6734","title":{"rendered":"Konsumboykott \u2012 eine revolution\u00e4re Strategie?"},"content":{"rendered":"<p><em>Jakob Sch\u00e4fer.<\/em> Rezension des Buches von Bruno Kern: Das M\u00e4rchen vom gr\u00fcnen Wachstum: Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine solidarische und nachhaltige Gesellschaft. (Z\u00fcrich (Rotpunktverlag), 2019, 236 Seiten, 13 Euro). Zun\u00e4chst gilt es, ein dickes Lob auszusprechen:<!--more--> Bruno Kern ist mit seiner Kritik der herrschenden Wirtschaftsordnung weit radikaler und konsequenter als die allermeisten Kapitalismuskritiker*innen und Verfechter*innen des \u201eSystem Change\u201c. In seiner Analyse und in einigen wesentlichen Schlussfolgerungen geht er auch weiter als die meisten Kritiker*innen marxistischer Provenienz. Seine Ablehnung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist deswegen schl\u00fcssig, weil er eine Gesamtsicht pflegt und sich nicht etwa von Heilsbringer*innen technischer Neuerungen blenden l\u00e4sst. Seinem Buch ist eine gro\u00dfe Verbreitung zu w\u00fcnschen, trotz der gewichtigen Kritikpunkte, die wir an Bruno Kerns strategischem L\u00f6sungsansatz haben.<\/p>\n<p><strong>Ganzheitliche Bestandsaufnahme<\/strong><\/p>\n<p>So manches, was Bruno Kern in seinem neuen Buch auff\u00fchrt, ist in diesen oder jenen Punkten auch von anderen schon dargelegt worden, aber er f\u00fchrt die vielen Gr\u00fcnde zur \u00dcberwindung des Kapitalismus zusammen und zeichnet \u2012 zu Recht \u2012 ein d\u00fcsteres Bild dessen, was auf die Menschheit zukommt, wenn nicht unverz\u00fcglich radikal umgesteuert wird. Hier kann l\u00e4ngst nicht alles \u2012 nicht mal in K\u00fcrze \u2012 zusammengefasst werden, aber ein paar markante Punkte wollen wir wenigstens benennen, ohne nat\u00fcrlich die jeweilige Begr\u00fcndung mit anf\u00fchren zu k\u00f6nnen:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Energiewende:<\/strong>Bruno Kern legt sehr gut dar \u2012 und zwar unter Verweis auf entsprechende Studien \u2012, dass die anzustrebende Energiewende klare Grenzen hat. Zum einen, weil sie f\u00fcr den Aufbau der entsprechenden Anlagen fast durchweg auf die Nutzung fossiler Energien angewiesen ist. Sie ist also gr\u00f6\u00dftenteils \u00fcberhaupt nicht \u201elebensf\u00e4hig\u201c. (Die Fachliteratur spricht hier von einer hohen&nbsp;<em>emergy<\/em>, also&nbsp;<em>embodied energy<\/em>). Zum anderen sind diese erneuerbaren Energien alles andere als unersch\u00f6pflich. Sie sto\u00dfen auf Grenzen der Verf\u00fcgbarkeit, der Nutzbarkeit, des Transports oder einfach der Effizienz. Nur 2% der weltweit genutzten Energie stammt aus Windkraftanlagen. Eine betr\u00e4chtliche Steigerung ist in den meisten Regionen nur bedingt m\u00f6glich. Nicht besser ist es mit den Solaranlagen. In Deutschland gab es beispielsweise 2010 gerade mal 800 Sonnenstunden. Man muss nun in Rechnung stellen, dass wegen der hohen Energiekosten f\u00fcr die Produktion der Anlagen (u. a. wegen des hohen Energiebedarfs f\u00fcr die Produktion von Aluminium) die Energier\u00fccklaufzeit dann mindestens 9 Jahre betr\u00e4gt. Auch wenn Bruno Kern etwas \u00fcbertreibt, aber im Prinzip hat er recht: Nicht umsonst ist das jahrelang so riesig umworbene Desertec-Projekt (Solaranlage in der Sahara) inzwischen gescheitert. Aufwand und Ertrag (<em>mindestens<\/em>&nbsp;nach kapitalistischen Kriterien) stehen hier in einem schlechten Verh\u00e4ltnis.<\/li>\n<li><strong>Effizienzproblem:&nbsp;<\/strong>Diese Schwierigkeiten sind nicht einfach mangelndem Ingenieursgeist geschuldet, sondern verweisen auf ein strukturelles Problem. Bruno Kern schreibt zu Recht (und unter Verweis auf einschl\u00e4gige Studien): \u201eJe mehr Effizienzpotenzial bereits ausgesch\u00f6pft wurde, umso schwieriger wird es, weitere Potenziale zu erschlie\u00dfen.\u201c (S. 53) In diesem Zusammenhang demontiert Bruno Kern auch die Phantastereien eines Ernst Ulrich von Weizs\u00e4cker, der von einer Vervierfachung der Effizienzsteigerungen fabuliert. Mit Recht f\u00fchrt Kern die Rechnung von Fred Luks an: Wenn bis 2050 (zum Schutz des Klimas) eine Verringerung des Ressourcenverbrauchs um 90 Prozent erreicht werden soll, dann setzt dies (bei einem weiterhin angestrebten Wirtschaftswachstum von j\u00e4hrlich 3 Prozent!) eine Energie- und Ressourceneffizienz um das 43-fache voraus! Allein diese Absurdit\u00e4t ist schon ein Hinweis darauf, dass ein radikales Umsteuern der Strukturen und der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zielbestimmungen erforderlich ist.<\/li>\n<li><strong>Verlagerung der Produktion in den globalen S\u00fcden:<\/strong>In den meisten Energiewende- oder Verkehrswendekonzepten wird systematisch ausgeblendet, dass ein st\u00e4ndig wachsender Teil der entsprechenden Produktionsketten in den globalen S\u00fcden verlagert wird. Das betrifft nicht nur den Abbau der Rohstoffe, sondern auch die Fertigung vieler Vorprodukte oder sogar Endprodukte. Die Auswirkungen des dort steigenden CO2-Ausssto\u00dfes machen aber bekanntlich nicht an L\u00e4ndergrenzen halt.<\/li>\n<li><strong>Endlichkeit der Rohstoffe:&nbsp;<\/strong>Am dramatischsten ist wohl die enge Begrenzung der \u00fcberhaupt noch zur Verf\u00fcgung stehenden Rohstoffe, auch derjenigen, die f\u00fcr die Energiewende so wichtig sind! Dies betrifft Kupfer, Lithium, Neodym, Chrom, Titan, \u2026 Und nicht zu vergessen: Die Produktion von Biotreibstoff steht in direkter Konkurrenz zur Produktion von Nahrungsmitteln, und das in einer Zeit, in der mehr als 800 Mio. Menschen auf der Erde Hunger leiden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Seiner Schlussfolgerung aus den vielf\u00e4ltigen Problemen und Zuspitzungen ist zuzustimmen: \u201eDie \u00f6kologische Problemstellung ist heute die dringendste soziale Frage unserer Zeit\u201c, und zwar nicht nur wegen der wachsenden Zahl von Klimafl\u00fcchtlingen. Auch die Zerst\u00f6rung der Umwelt beim Erzabbau im globalen S\u00fcden, der Landraub durch gro\u00dfe Konzerne zur Produktion von Biotreibstoffen, die abnehmenden Fischbest\u00e4nde, die fortschreitende W\u00fcstenbildung und so weiter spitzen f\u00fcr Hunderte von Millionen Menschen die Lage dramatisch zu.<\/p>\n<p>Weiterhin k\u00f6nnen wir sehr gut mit Bruno Kern konform gehen, wenn er das Ziel der anzustrebenden Gesellschaftsordnung beschreibt: Sie muss egalit\u00e4r ausgerichtet und auf Solidarit\u00e4t gegr\u00fcndet sein. Daf\u00fcr braucht es eine geplante Wirtschaft, die mit den knapper werdenden Ressourcen extrem sparsam umgeht.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Kern.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6735\" width=\"367\" height=\"575\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Kern.jpg 319w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Kern-191x300.jpg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 367px) 100vw, 367px\" \/><\/figure>\n<p>Ebenfalls erfreulich ist, wie Bruno Kern sich gegen das\u00a0<em>Bedingungslose Grundeinkommen<\/em>\u00a0wendet. Dieses ist im Kern ein unsolidarisches Konzept, das mit einer egalit\u00e4ren Gesellschaftsordnung v\u00f6llig unvereinbar ist; und es ist zweitens auch rein praktisch nicht umsetzbar, es sei denn, man bliebe damit auf einem Niveau, das die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gerade nicht erm\u00f6glichen w\u00fcrde. Au\u00dferdem m\u00fcsste man dann wohl auch die Landesgrenzen dicht machen. Schlussfolgernd aus seinen Darlegungen f\u00fchrt er aus: \u201eDabei wird v\u00f6llig davon abstrahiert, dass sich die Autonomie des Einzelnen gerade durch die Solidarit\u00e4t der Gemeinschaft konstituiert, dass es ein gegenseitiges Bedingungsverh\u00e4ltnis von individueller Entfaltung und Solidargemeinschaft gibt.\u201c Und er zitiert die Keynesianer Flassbeck\/Spiecker\/Meinhardt\/Vesper, mit denen er ansonsten nicht \u00fcbereinstimmt: \u201eWenn sich alle B\u00fcrger eines Landes auf den Anspruch des bedingungslosen Grundeinkommens berufen und nur das tun, was ihnen gerade Spa\u00df macht, [\u2026] gibt es keine ausreichende materielle Grundlage, aus der heraus die gesetzlichen Anspr\u00fcche jedes Einzelnen gegen den Staat, gegen die \u201aAllgemeinheit\u2018 bedient werden k\u00f6nnen. Die Freiheit des einen, nicht am Erwerbsleben teilzunehmen, auch wenn er dazu in der Lage w\u00e4re, f\u00fchrt zum Zwang f\u00fcr andere, eben diese Freiheit des einen durch ihre eigene Arbeit und ihre eigene Bereitschaft, deren Fr\u00fcchte zu teilen, zu erm\u00f6glichen. [\u2026] Wollen alle diese Freiheit nutzen, bricht das System in sich zusammen. Es mangelt ihm an Logik.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p><strong>Unumg\u00e4nglich: Gebote und Verbote<\/strong><\/p>\n<p>Mit nicht weniger Begeisterung k\u00f6nnen wir Bruno Kern zustimmen, wenn er betont, dass aufgrund der gro\u00dfen Dringlichkeit der \u00f6kologischen Fragen (nicht nur, was den Klimawandel angeht) im Zentrum aller unmittelbaren Sofortma\u00dfnahmen eine lange Liste von Geboten und Verboten stehen muss. Ohne wirksame ordnungspolitische Ma\u00dfnahmen ist die gro\u00dfe Katastrophe nicht aufzuhalten, sei es die Verm\u00fcllung der Meere, sei es der weitere Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosph\u00e4re oder seien es etwa die zur Neige gehenden Rohstoffe. Bei den fortschrittlichen Klimasch\u00fctzer*innen (wie auch in anderen \u00f6kologisch engagierten Kreisen) ist dies heute weitgehend Gemeingut. Nicht wirklich breit geteilt wird leider die Auffassung, dass wir zwar f\u00fcr diese Ma\u00dfnahmen k\u00e4mpfen m\u00fcssen, dass sie aber in ihrer Gesamtheit mit dem Kapitalismus nicht zu vereinbaren sind.<\/p>\n<p>Bruno Kern f\u00fchrt 6 Felder an, an denen diese Verbote\/Gebote umzusetzen w\u00e4ren, hier nur als Stichpunkte aufgez\u00e4hlt: Streichung aller \u00f6kologisch sch\u00e4dlichen direkten und indirekten Subventionen, konsequente Unterbindung des weiteren Ausbaus fossiler Infrastruktur, organisierte Verknappung des Energieangebots, energieintensive \u00fcberfl\u00fcssige Produkte verbieten und energieintensive Verfahren eind\u00e4mmen (z. B Verbot von Wei\u00dfblech-Aluminium-Dosen als Getr\u00e4nkeverpackung), radikale Verkehrswende (Verbot von Kurzstreckenfl\u00fcgen unter 1000 km, Kontingentierung von Fernfl\u00fcgen usw.) sowie das Gebot \u201ezur\u00fcck zur b\u00e4uerlichen Landwirtschaft\u201c (darunter beispielsweise die Beendigung der Massentierhaltung).<\/p>\n<p><strong>Umbau oder Abbau der Industrie?<\/strong><\/p>\n<p>Mit Bruno Kerns Forderung nach einer Deindustrialisierung kommen wir zu einem ersten wesentlichen Dissens mit seinen Anschauungen, die ganz eng mit seinen strategischen Vorstellungen verbunden sind. Er postuliert recht unspezifisch einen Abbau der Industrie, weil es \u2012 soweit noch vollkommen richtig \u2012 um die Frage gehe, \u201ewie wir auf einer wesentlich schmaleren Basis eine solidarische Gesellschaft aufbauen k\u00f6nnen.\u201c (S. 31) Der Fehler f\u00e4ngt da an, wo er von \u201eder\u201c Industrie spricht und ihre Formbestimmtheit im Kapitalismus nicht ausreichend klarstellt. Eng damit verbunden ist der falsche Begriff von Produktivit\u00e4tsfortschritt. Er siedelt diesen erst in den letzten drei Jahrhunderten an, Fortschritte in der Produktivit\u00e4t gibt es aber seit Jahrtauenden.<\/p>\n<p>Auf diese Weise l\u00e4sst ich nicht herausarbeiten, wer denn ein Interesse an einem weiteren Produktivit\u00e4tsfortschritt nach bisherigem Muster hat. \u00dcberhaupt ist die Klassenfrage eher eine Leerstelle in seinen Darlegungen und bildet dort, wo er sie abhandelt, einen wirklichen Schwachunkt in seinen strategischen Vorstellungen. Seine Gesamtanalyse und seine Idee der anzustrebenden Gesellschaftsordnung geraten besonders dort in eine Schieflage, wo er sich vom Marxismus abgrenzt.<\/p>\n<p><strong>Falsche Rezeption \u201edes\u201c Marxismus<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst m\u00fcssen wir feststellen, dass Bruno Kern sich nicht im geringsten die M\u00fche macht, zwischen den verschiedenen Str\u00f6mungen zu unterscheiden, die in der einen oder anderen Form mit dem Marxismus zu tun haben oder \u2012 oft zu Unrecht \u2012 mit ihm in Verbindung gebracht werden. Auf diese Weise kann er ganz leicht die Verirrungen, Verfehlungen und auch Verbrechen dieser Str\u00f6mungen (also auch die der sozialdemokratischen und der stalinistischen Konterrevolution) umstandslos \u201edem\u201c Marxismus anlasten. Er bezieht sich auf die Wirkungsgeschichte \u201edes\u201c Marxismus, eben so, als g\u00e4be es eben nur einen. Der revolution\u00e4re Marxismus, auch wenn er ohne Zweifel nur eine Minderheit darstellt, ist f\u00fcr Bruno Kern inexistent.<\/p>\n<p>Mehr noch: Er lastet die Unzul\u00e4nglichkeit \u201edes\u201c Marxismus in erheblichem Ma\u00df Marx selbst an. Zwar hat er sehr wohl die Untersuchung Kohei Saitos<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>\u00a0gelesen und anerkennt gewisse \u00f6kologische \u00dcberlegungen bei Marx, aber er misst dennoch den einen oder anderen euphorischen oder missverst\u00e4ndlichen \u00c4u\u00dferungen Marx ein gr\u00f6\u00dferes Gewicht bei als den genau entgegengesetzten. Das ist leider Methode. Da halten wir es doch mit Daniel Bensa\u00efd, der \u2012 auch ohne die Auswertung der zweiten MEGA, wie Kohei Saito sie vornehmen konnte \u2012 deutlich macht, dass Marx sehr wohl auch \u00f6kologische Fragen im Blick hatte. Sicher, Marx hat sie nicht systematisiert, aber f\u00fcr den revolution\u00e4ren Marxismus geht es in allererster Linie um die Analysemethode und die Vorstellung vom Menschen bzw. der Gattung Mensch. Nur vor diesem Hintergrund l\u00e4sst sich die besondere Bedeutung der Marx\u2018schen Kapitalanalyse \u00fcberhaupt verstehen.<\/p>\n<p>Kerns Kritik an Marx f\u00e4ngt damit an, dass er ihm Determinismus unterstellt. Kein anderer aber hat sich so ausf\u00fchrlich \u2012 in dialektischer Manier \u2012 mit der Frage des Determinismus auseinandergesetzt. Hier folgt Bruno Kern leider den Vorurteilen und Verleumdern b\u00fcrgerlicher Marx-Kritiker. Wir k\u00f6nnen hier nicht alles wiedergeben, was Bensa\u00efd dazu schreibt, aber es sei wenigstens kurz zitiert:<\/p>\n<p>\u201eZehn Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes [des Kapitals] ruft Engels\u02bc Kommentar zu den \u201aGeschichtlichen Tendenzen der kapitalistischen Akkumulation\u2018 sehr verst\u00e4ndliche Doppeldeutigkeiten im intellektuellen Kontext der Zeit hervor. Es ist auff\u00e4llig, dass er [Marx] das Bed\u00fcrfnis empfand, diesbez\u00fcglich einzugreifen und dass er es in diesem Sinne auch tat. Auch deshalb, weil der\u00a0<em>Anti-D\u00fchring<\/em>\u00a0in enger Abstimmung mit Marx geschrieben wurde. Das kontroverse Kapitel aus dem\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0ist seitdem nicht mehr von diesem Kommentar zu trennen, der es klarer werden l\u00e4sst und korrigiert.<\/p>\n<p>Die determinierte Notwendigkeit ist nicht das Gegenteil des Zufalls, sondern die Folge der determinierten M\u00f6glichkeit. Die Negation der Negation sagt, was verschwinden soll. Sie diktiert nicht, was geschehen soll.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Auch ist es verkehrt, Marx einen linearen Fortschrittsbegriff zu unterstellen. Nicht nur hat er \u2012 wie Kohei Saito gut nachweist und worauf auch Bensa\u00efd gro\u00dfen Wert legt \u2012 die Liebig\u2019schen Schlussfolgerungen aus der Vernutzung der Ackerb\u00f6den aufgearbeitet (was letztlich auch zu den ber\u00fchmt gewordenen Stellen im I. Band des Kapitals f\u00fchrte). Marx schloss sich weitgehend Darwins Evolutionstheorie an. Bensa\u00efd schreibt dazu: \u201eDarwin selbst weigert sich, sie [die Selektion] in Begriffen des Fortschritts auszudr\u00fccken und verbat, die Worte \u00fcberlegen und unterlegen \u00fcberhaupt auszusprechen. Nach langer Reflexion war er \u00fcberzeugt, dass es keine angeborene Tendenz gibt, die zu einem Fortschritt in der Entwicklung f\u00fchrt. Die Evolution ist ein Baumdiagramm oder eine Verzweigung, keine Stufenleiter. Die fr\u00fcheren Formen sind nicht Skizzen entwickelterer Formen, und die Unzeitgem\u00e4\u00dfheit autorisiert das \u00dcberleben \u201aarchaischer\u2018 Vorfahren, w\u00e4hrend ihre Nachkommen bereits diversifiziert sind.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>\u00c4hnlich hat Ernest Mandel Marx rezipiert. Im Vorwort zur (in Gro\u00dfbritannien erschienenen) Penguin-Ausgabe des\u00a0<em>Kapitals<\/em>\u00a0schreibt er: \u201eEs muss allerdings unterstrichen werden, da\u00df die Frage, ob der Kapitalismus \u00fcberleben kann oder zum Untergang verurteilt ist, nicht mit der Auffassung verwechselt werden darf, da\u00df er unvermeidlich durch eine\u00a0<em>h\u00f6here<\/em>\u00a0Form der gesellschaftlichen Organisation ersetzt werden mu\u00df, also mit jener Unvermeidlichkeit des Sozialismus. Es ist durchaus m\u00f6glich, den unvermeidlichen Zusammenbruch des Kapitals zu postulieren, ohne den unausbleiblichen Sieg des Sozialismus vorauszusetzen. In der Tat waren diese beiden Fragen in der fr\u00fcheren Geschichte des revolution\u00e4ren Marxismus in radikaler Weise begrifflich voneinander getrennt, indem das Schicksal des Kapitalismus in der Form eines Dilemmas formuliert wurde: das System kann nicht \u00fcberleben, aber es kann den Weg entweder zum Sozialismus oder zur Barbarei er\u00f6ffnen.\u201c<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Bensa\u00efd: \u201eOb man Marx f\u00fcr den b\u00fcrokratischen Produktivismus [im stalinistischen Machtbereich] und seine Katastrophen verantwortlich macht oder versucht, ihn als Gr\u00fcnen zu verkaufen: Es ist leicht, bei ihm [einzelne] S\u00e4tze zu finden, die das jeweilige Pl\u00e4doyer beg\u00fcnstigen. Angefangen von den fr\u00fchen Texten bis hin zu den\u00a0<em>Randglossen zu Adolph Wagners \u201aLehrbuch der politischen \u00d6konomie\u2018<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><strong>[6]<\/strong><\/a><\/em> ist das Werk sicherlich nicht homogen. Aber angesichts der Gegenwart \u00f6ffnen sich neue Pfade und Pisten, die lange durch schwergewichtige Monumentalbauten didaktischer Vulgarisierungen versperrt waren.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re anachronistisch, Marx von den prometheischen Illusionen seiner Zeit zu befreien. Es w\u00e4re genauso missbr\u00e4uchlich, aus ihm einen unbek\u00fcmmerten Herold der exzessiven Industrialisierung und des eindimensionalen Fortschritts zu machen. Man sollte die Fragen, die er gestellt hat, nicht mit den sp\u00e4ter von sozialdemokratischen oder stalinistischen Epigonen gegebenen Antworten verwechseln. In diesem wie in vielen anderen Punkten markiert die b\u00fcrokratische Konterrevolution einen Bruch.\u201c<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Das Gattungswesen Mensch und die Bewahrung resp. Wiederherstellung des Humanismus stehen im Mittelpunkt der Marx\u2019schen Motivation. Bensa\u00efd schreibt dazu unter anderem: \u201eMarx begreift das Produktionsverh\u00e4ltnis als ein untrennbares Verh\u00e4ltnis von Mensch und Natur, das durch die Arbeit vermittelt wird. Die Irreduzibilit\u00e4t des Lebendigen verschwindet nicht in der Vergesellschaftung der Natur. \u201aDer Mensch ist ein Gattungswesen, nicht nur indem er praktisch und theoretisch die Gattung, sowohl seine eigene als die der \u00fcbrigen Dinge, zu seinem Gegenstand macht, sondern \u2012 und dies ist nur ein anderer Ausdruck f\u00fcr dieselbe Sache \u2012 , sondern auch indem er sich zu sich selbst als der gegenw\u00e4rtigen, lebendigen Gattung verh\u00e4lt, indem er sich zu sich als einem\u00a0<em>universellen<\/em>, darum freien Wesen verh\u00e4lt.\u2018<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>\u00a0Seit den\u00a0<em>\u00d6konomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahr 1844<\/em>\u00a0wird die Natur als anorganischer K\u00f6rper des Menschen bezeichnet. Als nat\u00fcrliches menschliches Wesen ist der Mensch \u201aein Teil der Natur\u2018<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>. Einerseits verf\u00fcgt er als\u00a0<em>nat\u00fcrliches lebendiges Wesen\u00a0<\/em>\u00fcber nat\u00fcrliche, vitale Kr\u00e4fte. Andererseits ist er als nat\u00fcrliches Wesen aus Fleisch und Blut wie die Tiere und Pflanzen ein passives Wesen, abh\u00e4ngig und beschr\u00e4nkt. Die Formulierung im\u00a0<em>Kapital<\/em>, der zufolge die Arbeit der Vater der materiellen Reicht\u00fcmer und die Natur ihre Mutter ist, ist also nicht zuf\u00e4llig gew\u00e4hlt: sie schreibt sich in eine strikte Kontinuit\u00e4t ein. [\u2026]<\/p>\n<p>Die Restauration der Menschheit im Menschen fordert die Restauration seiner Nat\u00fcrlichkeit als Bedingung seiner Emanzipation. Deshalb bezeichnet der junge Marx, nachdem er die Identit\u00e4t des Humanismus und eines konsequenten Naturalismus behauptet hat, den Kommunismus ganz einfach als einen \u201aerf\u00fcllten Naturalismus\u2018.\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Und sp\u00e4ter f\u00e4hrt Bensa\u00efd fort: \u201eDiese Logik erlischt im Gesamtwerk seit 1844 nicht mehr, auch nicht mit der Liquidierung des philosophischen Bewusstseins. Sie verfolgt weiter ihren Weg.\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>\u00a0Und dann f\u00fchrt Bensa\u00efd dies n\u00e4her aus: \u201eDiese Entwicklungen illustrieren die Wandlungen von Marx in Bezug auf sein Konzept der Natur. Seine fr\u00fche Ablehnung des romantischen Naturalismus und seiner zweifelhaften Mythologien reicht zahlreichen eiligen Exegeten, um ihm einen entfesselten Willen zur Aneignung und Beherrschung der Natur zuzuschreiben. Im Unterschied zu den Vulg\u00e4rsozialisten und Produktivisten dachte er jedoch nie, dass die Natur gratis sei. \u2018Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist nat\u00fcrlich die Existenz lebendiger menschlicher Individuen. Der erste zu konstatierende Tatbestand ist also die k\u00f6rperliche Organisation dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verh\u00e4ltnis zur \u00fcbrigen Natur. [\u2026] Alle Geschichtsschreibung mu\u00df von diesen nat\u00fcrlichen Grundlagen und ihrer Modifikation im Laufe der Geschichte durch die Aktion der Menschen ausgehen.\u2018<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a>\u00a0[\u2026] Die\u00a0<em>Randglossen<\/em>\u00a0<em>zum Programm der deutschen Arbeiterpartei<\/em>\u00a0bringen es auf den Punkt: \u201aDie Arbeit ist\u00a0<em>nicht die Quelle\u00a0<\/em>alles Reichtums. Die\u00a0<em>Natur<\/em>\u00a0ist ebensosehr die Quelle der Gebrauchswerte (und aus solchen besteht doch wohl der sachliche Reichtum!) als die Arbeit, die selbst nur die \u00c4u\u00dferung einer Naturkraft ist, der menschlichen Arbeitskraft\u2018<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a>.\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Schon im\u00a0<em>Kapital<\/em>\u00a0schrieb Marx: \u201eUnd jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit f\u00fcr eine gegebne Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit.\u201c<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a>\u00a0Noch fr\u00fcher, n\u00e4mlich in der\u00a0<em>Rede auf der Jahresfeier des \u201aPeople\u2019s Paper am 14. April 1856 in London\u201c\u00a0<\/em>f\u00fchrt Marx aus: \u201eDieser Antagonismus zwischen moderner Industrie und Wissenschaft auf der einen Seite und modernem Elend und Verfall auf der andern Seite, dieser Antagonismus zwischen Produktivkr\u00e4ften und gesellschaftlichen Beziehungen unserer Epoche ist eine handgreifliche, \u00fcberw\u00e4ltigende und unbestreitbare Tatsache.\u201c<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Bekanntlich hatte Marx schon in den Pariser Manuskripten ausgef\u00fchrt: \u201eDieser Communismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus = Naturalismus, er ist die\u00a0<em>wahrhafte<\/em>\u00a0Aufl\u00f6sung des Widerstreits zwischen dem Menschen mit der Natur und mit d[em] Menschen, die wahre Aufl\u00f6sung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenst\u00e4ndlichung und Selbstbet\u00e4tigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung.\u201c<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p><strong>Welche Werttheorie?<\/strong><\/p>\n<p>Einen deutlichen Dissens haben wir auch mit Bruno Kerns Werttheorie, mit der er die Natur in die Werttheorie einbaut. Diese Debatte ist in Deutschland einige Jahrzehnte alt und seinerzeit besonders zugespitzt zwischen Hans Immler und Wolfdietrich Schmied-Kowarzik\u00a0gef\u00fchrt worden.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>\u00a0Sie und andere streiten dar\u00fcber, ob die Natur in der kapitalistischen Produktionsweise Wert erzeugt und ob das Marxsche Hauptwerk die Grundlage f\u00fcr eine moderne Kritik der Naturzerst\u00f6rung ist. Ich wei\u00df nicht, ob Bruno Kern die Beitr\u00e4ge von Schmied-Kowarzik kennt, aber er schl\u00e4gt sich klar auf die Seite Immlers, der die Natur (resp. die Naturvernutzung) als wertbildenden Faktor einer \u201evollst\u00e4ndigen\u201c Werttheorie ansieht. Zugespitzt f\u00fchrt dies sogar zur Frage: Erzeugt in der kapitalistischen Produktionsweise die Natur Wert?<\/p>\n<p>In der dritten, erweiterten Neuauflage ihres Buches (die Debatte begann 1983) f\u00fchren Immler und Schmied-Kowarzik aus: \u201eDie Diskussion\u00a0Marx und die Naturfrage\u00a0begrenzt diese sehr allgemeine und offene Problemstellung auf folgende Aspekte: 1. ob die Marxsche Theorie und eine von ihr geleitete Praxis einen Weg zur L\u00f6sung der \u201aNaturfrage\u2018 in sich bergen oder aber, ob sie an der Erzeugung der \u00f6kologischen Konflikte \u00e4hnlich beteiligt sind wie die kapitalistische Praxis und Theorie; 2. ob die Marxsche Theorie, insbesondere die Werttheorie, selbst urs\u00e4chlich beteiligt war an der naturzerst\u00f6renden \u00d6konomie in den realsozialistischen L\u00e4ndern; 3. ob die \u00f6kologischen Konflikte zu einer grundlegenden Neubewertung der Marxschen Theorie zwingen.\u201c (S. 7 f)\u201c<\/p>\n<p>An dieser Stelle k\u00f6nnen wir nicht auf alle Aspekte der Auseinandersetzung eingehen, wollen aber festhalten: Das Kapital beutet beide Quellen des Reichtums aus, die Arbeit (Marx nennt dies den \u201eVater\u201c) und die Natur (\u201edie Mutter\u201c). Die Natur bringt n\u00fctzliche Dinge (nicht nur Lebensmittel) hervor, aber sie bildet keinen Wert. Es handelt sich um Gebrauchswerte, die erst im Zusammenhang mit menschlicher Arbeit in den Wertbildungsprozess der Waren (der Tauschwerte) einflie\u00dfen.<\/p>\n<p>Nur die\u00a0<em>Tauschwerte<\/em>\u00a0bestimmen den Lauf der kapitalistischen Wirtschaft (und ihrer Krisen), bestimmen also das Bewegungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise. Waren sind Produkte menschlicher Arbeit (Tauschwerte). In dem gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnis von Kauf und Verkauf der Waren (also in diesem historisch spezifischen Verh\u00e4ltnis) spielt die Natur keine Rolle.<\/p>\n<p>Was Immler und (in seinem Gefolge) Bruno Kern nicht verstehen, ist die Tatsache, dass auch die begrenzte Verf\u00fcgbarkeit der Ressourcen noch l\u00e4ngst keinen Wert darstellt oder gar bildet. Diese Begrenzungen der Verf\u00fcgbarkeit flie\u00dfen in die Grundrente ein. Und die Grundrente ist einer der wesentlichen Faktoren, die den Markproduktionspreis positiv wie negativ bestimmen. Marx macht dies ausf\u00fchrlich am Beispiel der Wasserkraft deutlich, wo er unter anderem schreibt:<\/p>\n<p>\u201eEs ist \u00fcberhaupt in der Gestalt des Marktpreises und weiter in der Gestalt des regulierenden Marktpreises oder Marktproduktionspreises, da\u00df sich die Natur des Werts der Waren darstellt, sein Bestimmtsein nicht durch die zur Produktion eines bestimmten Warenquantums oder einzelner Waren individuell, f\u00fcr einen bestimmten einzelnen Produzenten notwendige Arbeitszeit, sondern durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit; durch die Arbeitszeit, die erheischt ist, unter dem gegebenen Durchschnitt der gesellschaftlichen Produktionsbedingungen [!] das gesellschaftlich erheischte Gesamtquantum der auf dem Markt befindlichen Warenspezies zu erzeugen.\u201c<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a>\u00a0Zu den Kompensationsgr\u00fcnden, die in den Marktproduktionspreis einflie\u00dfen verweise ich auch auf MEW 25: 219.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchre diese Bedingungen der Grundrente und des Marktproduktionspreises hier an, weil Schmied-Kowarzik, dem ich ansonsten voll umf\u00e4nglich zustimme, nicht n\u00e4her darauf eingeht.<\/p>\n<p><strong>Von der Produktion oder von der Distribution ausgehen?<\/strong><\/p>\n<p>Bruno Kern wird m\u00f6glicherweise zustimmen, wenn ich behaupte, dass es zwischen seiner Werttheorie und seiner Strategiebildung einen engen Zusammenhang gibt und dass er dabei nicht zuf\u00e4llig von der Distribution ausgeht. Im revolution\u00e4r-marxistischen Verst\u00e4ndnis der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist aber die Beherrschung der Produktion die entscheidende Macht. Schlie\u00dflich ist die Produktion (die Mehrwerterzeugung) der Mechanismus, der das gesamte gesellschaftliche Verh\u00e4ltnis bestimmt (einschlie\u00dflich der Krisen).<\/p>\n<p>Gehen wir von der Distribution aus, dann ist der Schritt nicht mehr weit zum \u201eVergessen\u201c des Klassenwiderspruchs, der sich aus der Mehrwertproduktion ergibt. Da, wo Bruno Kern die strategischen Fragen zur \u00dcberwindung des herrschenden Systems thematisiert, geht es bei ihm \u2012 neben den erforderlichen Geboten und Verboten \u2012 in allererster Linie um die Ablehnung und den Boykott dieser oder jener Produkte. Hier haben also die Konsumenten das entscheidende Wort bzw. die wirksamen Machthebel in der Hand. Eine zweite Ebene sieht er in den Steuerungsm\u00f6glichkeiten des Staates, ohne allerdings klarzumachen, welcher Staat (basierend auf welcher Klassenmacht) dazu bereit oder in der Lage sein sollte.<\/p>\n<p>Wenn nun in der Strategiebestimmung die Bev\u00f6lkerung vorrangig (bei Bruno Kern sogar ausschlie\u00dflich) als \u2012 ich w\u00fcrde sagen als amorphe \u2012 Masse von Konsument*innen angesprochen ist, dann ist kein Raum mehr f\u00fcr eine ad\u00e4quate Bestimmung von Klasseninteressen und erst recht nicht f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis klassenpolitischer Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass Bruno Kern nicht nur die Formbestimmtheit kapitalistischer Industrie faktisch kleinredet, sondern kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr entwickelt, wie Klassenwiderspr\u00fcche auch innerhalb der kapitalistischen Metropolen zu nutzen sind und notwendige Ansatzpunkte eines Kampfes f\u00fcr ein anderes Wirtschaftssystem sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das hat weitreichende Konsequenzen. Um seinen strategischen Ansatz zu begr\u00fcnden, rechnet Bruno Kern nur die \u201eIndustriearbeiter\u201c zur \u201eArbeiterklasse\u201c. Sie umfasst in Deutschland bekanntlich nur eine deutliche Minderheit der erwerbst\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>So kann die Bruno\u2019sche Arbeiterklasse nat\u00fcrlich keine sozial definierte und gleichzeitig gesamtgesellschaftlich ausreichend wirksame Gegenmacht sein. Dar\u00fcber hinaus hat er ein weiteres Argument, die Arbeiterklasse abzuschreiben. Sie sei korrumpiert und lebe auf Kosten des globalen S\u00fcdens. Auch die Reduzierung der Definition der Arbeiterklasse auf das Merkmal der Verelendung ist untauglich, um eine wirkm\u00e4chtige Strategie f\u00fcr eine Umw\u00e4lzung der bestehenden Verh\u00e4ltnisse zu bestimmen. Auch das jeweils aktuelle Bewusstsein ist ganz selbstredend kein Kriterium f\u00fcr die Definition einer Klasse, was Bruno Kern aber sehr wohl an mehreren Stellen durchschimmern l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Seit den\u00a0<em>Pariser Manuskripten<\/em>\u00a0sind f\u00fcr Marx die entscheidenden Kriterien ganz andere: Entfremdung, Ausbeutung, Entmenschlichung usw. aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen, die sich nun mal aus der politischen \u00d6konomie ergeben. Somit ergibt sich f\u00fcr ihn die\u00a0<em>wissenschaftliche Aufgabe<\/em>, vorrangig eine Kritik der politischen \u00d6konomie zu entwickeln.<\/p>\n<p>Marx selbst hat keine sogenannte Klassentheorie entworfen, sie ergibt sich (von den wenigen ausdr\u00fccklichen Stellen wie am Ende von Band III des Kapitals abgesehen) aus dem Zusammenhang seiner Schriften. Im Kern seiner wissenschaftlichen Analyse des Kapitalismus steht das Erkennen der zentralen Rolle der Ware und der Mehrwertproduktion. Dies sind die Dreh- und Angelpunkte. Wer also den Kapitalismus \u00fcberwinden will, muss hier ansetzen, es sei denn Bruno k\u00e4me zu dem Schluss, dass es in den Metropolen keine Mehrwertproduktion und keine Ausbeutung mehr gibt. Wer die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich innerhalb der Metropolen nur aus dem Mehrwert\u00fcbertrag aus dem globalen S\u00fcden erkl\u00e4ren will, kommt allerdings schwer in Konflikt mit den \u00fcberpr\u00fcfbaren Wertsch\u00f6pfungen auch innerhalb und zwischen den Metropolen. Dies zu leugnen w\u00fcrde allerdings alles auf den Kopf stellen und es blieben nur moralische Wertvorstellungen \u00fcbrig, die allerdings keinen Ansatz f\u00fcr kapitalismus\u00fcberwindende Strategien erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><strong>Die Arbeiter*innenklasse nicht reduktionistisch betrachtet<\/strong><\/p>\n<p>Gehen wir also nicht nur von der Industrie aus, sondern von allen Teilen der erwerbst\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung, die f\u00fcr die Mehrwertproduktion und -realisierung wichtig sind, dann kommen wir zu einem ganz anderen Ergebnis. An anderer Stelle<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a>\u00a0habe ich n\u00e4her dargelegt: Z\u00e4hlen wir die Menschen im Handel, den Dienstleistungen (erst recht den industrienahen Dienstleistungen), den abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigen im Bildungssektor oder im Gesundheitssektor usw. dazu, dann kommen wir bei einer ernsthaften Analyse auf ann\u00e4hernd 90 Prozent der erwerbst\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung, die wir als Gesamtheit der Arbeiter*innenklasse bezeichnen k\u00f6nnen und sollten.<\/p>\n<p>Zu den Bewusstseinsunterschieden schreibt Ernest Mandel: \u201eTrotz aller inneren Segmentierungen der Arbeiterklasse \u2012 all der st\u00e4ndig wiederkehrenden Erscheinungen der Spaltung nach Beruf, Nationalit\u00e4t, Rasse, Geschlecht, Generationen usw. \u2012 gibt es keine inneren strukturellen Hindernisse f\u00fcr eine umfassende Klassensolidarit\u00e4t der Arbeiter im Kapitalismus. Es gibt nur verschiedene Stufen des Bewu\u00dftseins, die die Entfaltung der umfassenden Klassensolidarit\u00e4t mehr oder weniger schwierig, mehr oder weniger ungleichm\u00e4\u00dfig in Zeit und Raum werden lassen.\u201c<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a><\/p>\n<p>Letztendlich geht Bruno Kern eher impressionistisch an die Frage des m\u00f6glichen Akteurs tiefgreifender gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen heran. Er leitet seine Revolutionstheorie (wenn wir seinen Vorschlag zum Konsumboykott mal so nennen d\u00fcrfen) aus einer ahistorischen Betrachtung aktueller Erscheinungen ab, ohne \u2012 wie Marx das macht \u2012 die Struktur der kapitalistischen Produktionsweise und die sich daraus ergebende Klassenspaltung als Ausgangspunkt zu nehmen. Nur dann aber k\u00f6nnen wir feststellen, wer denn \u00fcberhaupt die\u00a0<em>potentielle<\/em>\u00a0Macht hat, die herrschende Wirtschaftsordnung aus den Angeln zu heben.<\/p>\n<p><strong>Konsumboykott?<\/strong><\/p>\n<p>Das entscheidende Kapitel f\u00fcr seine strategischen \u00dcberlegungen betitelt Bruno Kern (in bewusster Abwandlung eines allseits bekannten Spruchs aus der Arbeiter*innenbewegung) mit: \u201eAlle R\u00e4der stehen still, wenn den Ramsch keiner mehr will.\u201c Hier pl\u00e4diert er daf\u00fcr, die Kapitalisten mit bewussten Kaufentscheidungen (gegen den Ramsch) zur Umkehr gewisser Investitionsentscheidungen zu zwingen. Hier stellen sich aber solch fundamentale Fragen, dass Bruno Kern, mit seinen Kenntnissen der kapitalistischen Wirtschaftsweise, eigentlich selbst ins Schleudern kommen m\u00fcsste. Wie soll mit der Nichtverk\u00e4uflichkeit bestimmter Waren das Kapital gezwungen werden, stattdessen genau die Dinge zu produzieren, die wir f\u00fcr richtig und n\u00fctzlich erachten \u2012 und zwar insgesamt in abnehmender Gesamtmenge? Was ist mit den G\u00fctern, auf die die Menschen nicht verzichten k\u00f6nnen oder wollen, die aber weiterhin vom Kapital nur in schlechter Form angeboten werden (n\u00e4mlich gem\u00e4\u00df geplanter Obsoleszenz)? Bekanntlich \u2013 und das hebt ja auch Bruno Kern mehrfach hervor \u2012 schlie\u00dfen sich kapitalistisches Wirtschaften (also die Warenproduktion) und das Wirtschaften gem\u00e4\u00df einem gesellschaftlich bestimmten Plan strukturell aus.<\/p>\n<p>Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass hier und da gezielte Kaufboykott-Bewegungen sehr wohl Einfluss auf die Fortdauer einer ganz bestimmten Investitionsentscheidung haben k\u00f6nnen. Dort, wo dies eine begleitende Form politischer Kampagnen und der Bewusstseinsbildung hat, w\u00e4re es t\u00f6richt, dies nicht zu unterst\u00fctzen. So konnte beispielsweise Shell zur Entsorgung einer havarierten \u00d6lplattform gezwungen werden.<\/p>\n<p><strong>Nur mit aktiver Beteiligung derjenigen, die die potentielle Macht haben<\/strong><\/p>\n<p>Klar ist: Die Zeit dr\u00e4ngt, schlie\u00dflich wird in weniger als 9 Jahren das gesamte noch zul\u00e4ssige CO2-Budget verbraucht sein. Wir m\u00fcssen also den Wandel so schnell wie m\u00f6glich angehen. Aber genau daf\u00fcr braucht es die Mitwirkung der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung. Es wird darauf ankommen, diejenigen strategischen Achsen und konkreten Losungen und Sofortforderungen zu vermitteln (bzw. in den Bewegungen gemeinsam zu erarbeiten!), die es erm\u00f6glichen, breit zu mobilisieren.<\/p>\n<p>Mittelfristig braucht es nicht nur ad\u00e4quate Kampfformen, sondern auch ein System von \u00dcbergangsforderungen, die geeignet sind, die politischen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse bedeutend zu verschieben. Nur dann kann sich auch die Machtfrage stellen,\u00a0<em>die<\/em>\u00a0zentrale Voraussetzung, um anschlie\u00dfend die Wirtschaft v\u00f6llig umkrempeln zu k\u00f6nnen. Und genau dies, n\u00e4mlich die Eroberung der wirtschaftlichen und politischen Macht, geht nicht ohne die aktive Mitwirkung der \u2012 m\u00f6glichst gut organisierten! \u2012 Arbeiter*innenklasse.<\/p>\n<p>Nun schl\u00e4gt Bruno Kern vor: Menschen sollen auf Konsum verzichten (was grunds\u00e4tzlich gar nicht verkehrt ist, solange hier die materiellen Mittel gemeint sind, erst recht, solange sie kapitalistisch formbestimmt sind) und sie sollen den \u201eRamsch\u201c nicht mehr kaufen.<\/p>\n<p>Er bezeichnet sodann die bislang h\u00e4ufig angewandten Aktionsformen (\u201eDemonstrationen, Unterschriftensammlungen, das Organisieren von Veranstaltungen wie Kongressen, Konferenzen, Hearings, Tribunalen und so weiter\u201c<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a>) als \u00fcberholt. Und auch den Aktionsformen \u201ekalkulierter Regelverletzung, des zivilen Ungehorsams bis hin zu militanten Aktionsformen, die, unter erheblicher pers\u00f6nlicher Risikobereitschaft der Beteiligten, darauf abzielen, den Preis f\u00fcr die Durchsetzung eines Projektes m\u00f6glichst zu erh\u00f6hen<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a>\u201c, bescheinigt er wenig Wirksamkeit.<\/p>\n<p>Stattdessen pl\u00e4diert er f\u00fcr den Boykott: \u201eUnter \u201aKonsumverweigerung\u2018 verstehen wir eine von wesentlichen politischen Akteuren getragene, langfristig angelegte Kampagne, die anhand von ausgew\u00e4hlten Schwerpunkten den notwendigen Ausstieg aus unserer Konsumgesellschaft verdeutlicht. Es w\u00e4re also mehr als ein Appell an Einzelne und mehr als eine Boykottbewegung, die lediglich ein bestimmtes, eingrenzbares Problem im Fokus hat.\u201c<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a>\u00a0Und weiter: \u201eKonsumkritik birgt vor allem in Gestalt einer politischen Konsumverweigerungsbewegung die Chance, die von uns als notwendig erachteten Ver\u00e4nderungen entscheidend mit voranzubringen.\u201c<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a><\/p>\n<p>So ist es kein Zufall, dass Bruno Kern gerade diejenigen Kampfformen nicht auff\u00fchrt, die schon aus strukturellen Gr\u00fcnden die gr\u00f6\u00dfte Durchschlagskraft haben. Mit keinem Wort tauchen bei ihm die Kampfmittel auf, die sich im Verlauf der bald zweihundertj\u00e4hrigen Geschichte antikapitalistischer K\u00e4mpfe als die wirkungsvollsten erwiesen haben, n\u00e4mlich Streiks (vor allem Generalstreiks) und Betriebsbesetzungen. Mit Konsumboykott lassen sich eben gerade nicht alle R\u00e4der stillstellen, mit Streiks aber sehr wohl, wie wir zurzeit gerade mal wieder in Frankreich feststellen.<\/p>\n<p>Nun steht ja Bruno Kern auf dem Standpunkt, dass die K\u00e4mpfe der \u201etraditionellen Arbeiterbewegung\u201c auf die falschen Ziele ausgerichtet sind, n\u00e4mlich f\u00fcr Lohnerh\u00f6hungen, gegen Rentenk\u00fcrzungen usw. Wir sollen weniger konsumieren und da ist \u2012 auch wenn das bei ihm nur indirekt zum Ausdruck kommt \u2012 ein geringeres Einkommen in seinen Augen ganz positiv, denn dann wird weniger konsumiert und demzufolge dann auch weniger produziert, was weniger Energie verschwendet und weniger Ressourcen verbraucht.<\/p>\n<p>Seine Rechnung geht allerdings aus zwei Gr\u00fcnden nicht auf:\u00a0<em>Erstens<\/em>\u00a0werden in diesem Fall nicht weniger Ressourcen verbraucht, sondern nur anders (zugunsten der Bourgeoisie und ihres Staates!) verteilt, n\u00e4mlich f\u00fcr mehr Luxusjachten, mehr R\u00fcstung, mehr Prestigeprojekte usw. Und\u00a0<em>zweitens<\/em>\u00a0ist mit einem solchen Programm auf keinen Fall die Mehrheit derjenigen zu gewinnen, die als einzige die potentielle Macht haben, den Kapitalismus aus den Angeln zu heben.<\/p>\n<p>Um die Mehrheit der lohnabh\u00e4ngigen Erwerbst\u00e4tigen (der Arbeiter*innenklasse im umfassenden Sinn) f\u00fcr ein antikapitalistisches und \u00f6kologisches (und \u00fcbrigens auch feministisches und internationalistisches) Programm zu gewinnen, braucht es nicht nur eine bessere, n\u00e4mlich von vornherein klassenbasierte Zielbestimmung, sondern auch und gerade ein ganzheitlich ausgerichtetes \u00dcbergangsprogramm, das in der Lage ist, an den Bed\u00fcrfnissen der Klasse (und damit auch der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung, mindestens in den Metropolen) anzukn\u00fcpfen und sie mit Losungen zu mobilisieren, die bei ihrer Durchsetzung die kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung infrage stellen. Und es sollte auch nicht verschwiegen werden \u2012 wozu Bruno Kern \u00fcbrigens bezeichnenderweise kein einziges Wort verliert \u2012 dass sich f\u00fcr einen wirklich Systembruch an einem bestimmten Punkt die Machtfrage stellen wird. Diese wird nicht einfach mal in einem b\u00fcrokratischen Akt von einer Klasse auf die andere \u00fcbergehen. Hier wird es auf die Reife des subjektiven Faktors ankommen, an gegebener Stelle die Initiative zu ergreifen und \u2012 im Interesse aller \u2012 die Macht zu erobern.<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a><\/p>\n<p>Letztlich also wird all dies in einer revolution\u00e4ren Strategie eingebettet sein m\u00fcssen, wozu der Konsumboykott im besten Fall ein Hilfsmoment sein kann.<\/p>\n<p><strong>Was ist nun ein \u00dcbergangsprogramm?<\/strong><\/p>\n<p>Trotzki fasst die Methode so zusammen: \u201eMan muss den Massen im Verlauf ihres t\u00e4glichen Kampfes helfen, die Br\u00fccke zwischen ihren augenblicklichen Forderungen und dem Programm der sozialistischen Revolution zu finden. Diese Br\u00fccke muss aus einem System von\u00a0<em>\u00dcbergangsforderungen<\/em>\u00a0bestehen, die von den heutigen Bedingungen und dem heutigen Bewu\u00dftsein breiter Schichten der Arbeiterklasse ausgehen und stets zu ein und demselben Schlu\u00df f\u00fchren: zur Machteroberung des Proletariats.\u201c<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a><\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte ein \u00f6kosozialistisches \u00dcbergangsprogramm aussehen? Hier einige Stichpunkte, orientiert am Programm der belgischen\u00a0<em>Gauche anticapitaliste<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\"><strong>[28]<\/strong><\/a><\/em>:<\/p>\n<p><strong>a.)<\/strong>\u00a0\u00dcberfl\u00fcssige und gef\u00e4hrliche Produktionszweige m\u00fcssen eingestellt werden und geplante Obsoleszenz von G\u00fctern muss unterbunden werden.<\/p>\n<p><strong>b.)\u00a0<\/strong>Unn\u00f6tige Warentransporte m\u00fcssen unterbunden werden; stattdessen muss so viel wie m\u00f6glich regional produziert und m\u00fcssen kurze Kreisl\u00e4ufe durchgesetzt werden.<\/p>\n<p><strong>c.)\u00a0<\/strong>Um die Mobilit\u00e4t der Personen zu gew\u00e4hrleisten muss massiv in die \u00d6ffentlichen Verkehrsmittel investiert werden. Der private Autoverkehr muss unattraktiv gemacht werden. Arbeitspl\u00e4tze m\u00fcssen wohnortnah geschaffen (bzw. dorthin transferiert) werden. Flugreisen m\u00fcssen rationiert werden.<\/p>\n<p><strong>d.)\u00a0<\/strong>Regionale \u00f6ffentliche Bauunternehmen m\u00fcssen gegr\u00fcndet werden, die mit der energetischen Sanierung der Geb\u00e4ude beauftragt werden.<\/p>\n<p><strong>e.)<\/strong>\u00a0Die fossilen Brennstoffe m\u00fcssen in der Erde bleiben. Die Vergesellschaftung gro\u00dfer Unternehmen sollte bei den Energie- und Finanzkonzernen anfangen.<\/p>\n<p><strong>f.)\u00a0<\/strong>Die Agrarindustrie und die kapitalistische Ausbeutung der W\u00e4lder m\u00fcssen beendet werden.<\/p>\n<p><strong>g.)\u00a0<\/strong>Das Prinzip der Klimagerechtigkeit zwischen Nord und S\u00fcd muss beachtet werden.<\/p>\n<p>Schon kleinere bedeutsame Schritte in der hier genannten Richtung sind nur mit breitesten Mobilisierungen durchzusetzen. Dabei m\u00fcssen die Kampfziele klar benannt sein: Die anzustrebende Konversion der Produktion muss mit einer Arbeitsplatzgarantie der Lohnabh\u00e4ngigen verbunden werden, verkn\u00fcpft mit Neueinstellungen in Bereichen mit hohem Personalmangel und einer umfassenden allgemeinen Arbeitszeitverk\u00fcrzung.<\/p>\n<p>Klar sollte auch sein: F\u00fcr die Entwicklung eines solchen Programms bedarf es noch vieler politisch-programmatischer Ausarbeitungen. Dies wird\u00a0<em>nicht am Schreibtisch<\/em>\u00a0erfolgen (jedenfalls nur zum geringen Teil). Dazu braucht es eine breite Bewegung bzw. eine Vielzahl k\u00e4mpfender Bewegungen, die sich gegenseitig befruchten, die aber an entscheidenden Weggabelungen kooperieren und an einem Strang ziehen, n\u00e4mlich dem, der den Kapitalismus st\u00fcrzen kann.<\/p>\n<ol start=\"22\">\n<li><em> 12. 2019<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/intersoz.org\/konsum-boykott-kritik-revolutionaere-strategie\/\">intersoz.org&#8230;<\/a> vom 28. Dezember 2019<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Flassbeck et al: Irrweg Grundeinkommen. Die gro\u00dfe Umverteilung von unten nach oben muss beendet werden. Frankfurt am Main (Westend Verlag), 2012, S. 38.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Kohei Saito: \u201eNatur gegen Kapital. Marx\u2018 \u00d6kologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus\u201c. Frankfurt\/New York (Campus Verlag), 2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Daniel Bensa\u00efd: \u201eDer unzeitgem\u00e4\u00dfe Marx. Glanz und Elend eines kritischen Abenteuers im 19. und 20. Jahrhundert.\u201c, K\u00f6ln\/Karlsruhe (Neuer ISP Verlag), Oktober 2019, S. 63; das Original\u00a0<em>Marx l\u2019intempestif: Grandeurs et mis\u00e8res d\u2019une aventure critique (XIXe\u00a0-XXe\u00a0si\u00e8cles)\u00a0<\/em>erschien 1996 in Paris.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Bensa\u00efd, a. a. O. S. 64 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Deutsch in \u201eKontroversen um das \u201aKapital\u2018\u201c, Berlin (Dietz), 1991, S. 283. Ernest Mandel f\u00fcgt in einer Anmerkung als Beleg hinzu: \u201eSiehe Rosa Luxemburg: Was will der Spartakusbund? In: Gesammelte Werke, Bd. 4, Berlin (Dietz Verlag) 1983, S. 441.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> in MEW 19: 355-383.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Bensa\u00efd a. a. O., S. 319.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Karl Marx: \u00d6konomisch-philosophische Manuskripte. Kommentar von Michael Quante, Frankfurt (Suhrkamp) 2009, S. 89.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> MEW 40: 516.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Bensa\u00efd, a. a. O. S. 320f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Bensa\u00efd, a. a. O. S. 321.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> Karl Marx und Friedrich Engels,\u00a0<em>Die deutsche Ideologie,<\/em>\u00a0in MEW 3: 20f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> Kritik des Gothaer Programms, in MEW 19: 15.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> Bensa\u00efd, a. a. O. S. 327 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> MEW 23: 529.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> MEW 12: 3 f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> Karl Marx: \u00d6konomisch-philosophische Manuskripte. Kommentar von Michael Quante, Frankfurt (Suhrkamp) 2009, S. 116.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Hans Immler, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik (Hg.): Marx und die Naturfrage. Ein Wissenschaftsstreit um die Kritik der politischen \u00d6konomie, Kassel (Kassel University Press) 2011.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> MEW 25: 654; Vergleiche dazu auch: \u201eDieser Surplusprofit also ist ebenfalls gleich der Differenz zwischen dem individuellen Produktionspreis dieser beg\u00fcnstigten Produzenten und dem allgemeinen gesellschaftlichen, den Markt regulierenden Produktionspreis dieser ganzen Produktionssph\u00e4re. Diese Differenz ist gleich dem \u00dcberschu\u00df des allgemeinen Produktionspreises der Ware \u00fcber ihren individuellen Produktionspreis. Die zwei regulierenden Grenzen dieses \u00dcberschusses sind auf der einen Seite der individuelle Kostpreis und daher der individuelle Produktionspreis, auf der anderen Seite der allgemeine Produktionspreis.\u201c MEW 25: 654.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Jakob Sch\u00e4fer, Ein Beitrag zur Klassenzugeh\u00f6rigkeit, in\u00a0<em>die internationale<\/em>, 6\/2019.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a> E. M.: Kontroversen um das Kapital, a. a. O. S. 278 f. Vgl. dazu auch Ernest Mandels wichtigste Schrift zu diesem Thema: \u201eLenin und das Problem des proletarischen Klassenbewu\u00dftseins\u201c in \u201eLenin. Revolution und Politik. Mit Beitr\u00e4gen von Paul Mattick, Bernd Rabehl, Juri Tynjanov und Ernest Mandel\u201c, Frankfurt (Suhrkamp), 1970. [Online unter <a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2007\">https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=2007<\/a>; Red. maulwuerfe.ch]<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Bruno Kern, a. a. O. S. 215.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Ebenda.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> Bruno Kern, a. a. O. S. 215.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a> Bruno Kern, a. a. O. S. 217.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a> \u201eDie ganze Kunst des Politikers besteht eben darin, gerade jenes kleine Kettenglied herauszufinden und ganz fest zu packen, das ihm am wenigsten aus der Hand geschlagen werden kann, das im gegebenen Augenblick am wichtigsten ist, das dem Besitzer dieses Kettengliedes den Besitz der ganzen Kette am besten garantiert.\u201c (Lenin Werke Bd.5, S. 521 f.)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> Leo Trotzki,\u00a0<em>Das \u00dcbergangsprogramm\u00a0<\/em>[1938], Essen (Arbeiterpresse Verlag), 1997.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> Im Detail nachzulesen in\u00a0<em>die internationale\u00a0<\/em>4\/2019 oder unter:\u00a0<a href=\"https:\/\/intersoz.org\/oekosozialistische-revolution-oder-klimakatastrophe\/\">https:\/\/intersoz.org\/oekosozialistische-revolution-oder-klimakatastrophe\/<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jakob Sch\u00e4fer. Rezension des Buches von Bruno Kern: Das M\u00e4rchen vom gr\u00fcnen Wachstum: Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine solidarische und nachhaltige Gesellschaft. (Z\u00fcrich (Rotpunktverlag), 2019, 236 Seiten, 13 Euro). 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