{"id":6757,"date":"2020-01-05T12:38:48","date_gmt":"2020-01-05T10:38:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6757"},"modified":"2020-01-05T12:38:49","modified_gmt":"2020-01-05T10:38:49","slug":"australiens-profitgetriebene-apokalypse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6757","title":{"rendered":"Australiens profitgetriebene Apokalypse"},"content":{"rendered":"<p><em>Jerome Small.<\/em> Einige Feuerwehrleute berichten von 150 Meter hohen Flammen. Richtig und langsam gelesen: 150 Meter hohe Flammen. H\u00f6her als ein 40 Stockwerke hohes Geb\u00e4ude.<!--more--><\/p>\n<p>Das ist fortan Australiens neuer Sommer-Normalfall. Flammen und ver\u00e4ngstigte Menschen, die sich in der dunklen Nacht oder im orangefarbenen Schein des Tageslichts am Strand zusammenkauern. Chaotisch und in Panik versetzt werden Tausende zur Flucht gezwungen. St\u00e4dte und Orte waren tage- und wochenlang und nun monatelang in einen hautreizenden, giftigen bis t\u00f6dlichen Rauchschleier geh\u00fcllt. Ein Gebiet weit gr\u00f6sser als das bei den Br\u00e4nden am Amazonas und in Kalifornien betroffene Land brannte nieder.<\/p>\n<p>Dutzende sind tot oder werden vermisst. Und dies ist erst der Anfang.<\/p>\n<p>Die Melbourner Zeitung Age berichtet \u00fcber die Evakuierung von Corryong, im Nordosten des Gliedstaates Victoria, am Silvesterabend: \u00abWer sich dem Konvoi anschliessen wollte, brauchte genug Treibstoff, um es bis ins etwa 85 Kilometer entfernte Tallangatta zu schaffen; alle schrieben ihre Namen auf eine Liste. Die Liste w\u00e4re f\u00fcr die Gerichtsmediziner*innen, falls alles schief geht.\u00bb<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"696\" height=\"418\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/09876.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6758\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/09876.jpg 696w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/09876-300x180.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 696px) 100vw, 696px\" \/><\/figure>\n<p>Die Flammen werfen ein sengendes Licht auf die Priorit\u00e4ten der australischen Machthaber*innen.<\/p>\n<p>Wir sehen, wie Feuerwehrleute sich mit erb\u00e4rmlichen Papiermasken behelfen, w\u00e4hrend die Regierung jedes Jahr 12 Milliarden Dollar an Unternehmen f\u00fcr fossile Energietr\u00e4ger spendet (29 Milliarden Dollar, wenn man die indirekten Subventionen mitz\u00e4hlt).<\/p>\n<p>Wir sehen, wie das Milit\u00e4r massive Kr\u00e4fte mobilisiert, um das \u00d6l und das Imperium im Nahen Osten zu verteidigen und Fl\u00fcchtlinge aus diesen Kriegen zu fangen und in ein Inselgef\u00e4ngnis zu stecken \u2013 aber offensichtlich nicht in der Lage ist, eine Zivilbev\u00f6lkerung in grosser Notlage in Sicherheit zu bringen.<\/p>\n<p>Wir sehen, wie sich die politische und wirtschaftliche Elite nicht von genau den Industrien losrei\u00dfen will, die diese Katastrophe verursacht haben. Sechs der 30 gr\u00f6\u00dften Unternehmen an der australischen B\u00f6rse sind Bergbau- oder Fossilbrennstoffunternehmen \u2013 wahrscheinlich ein Weltrekord. Kohle macht 15 Prozent der Exporteinnahmen aus. Australiens herrschende Klasse ist einer der kohlenstoffs\u00fcchtigsten Teile einer globalen Elite, die Macht und Profit schon immer h\u00f6her bewertet hat als die Erhaltung unseres Lebens und unseres Planeten.<\/p>\n<p>Wir sehen den politischen Ausdruck dieses wirtschaftlichen Interesses: Ein Fl\u00fcgel des politischen Establishments (die Liberalen und Nationalen) kann nicht zugeben, dass diese Katastrophe etwas mit dem Klimawandel zu tun hat. Der andere Fl\u00fcgel des politischen Establishments (Labor und einige \u00abdissidente\u00bb Liberale) wird sich \u00fcber den Klimawandel informieren \u2013 w\u00e4hrend er der fossilen Brennstoff- und Bergbauindustrie riesige neue Gebiete des Landes erschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Wir sehen, wie sich die Murdoch-eigenen Medien mit L\u00fcgen \u00fcber die Treibstoffbelastungen \u00fcberdrehen. Die Wahrheit ist, dass diese Br\u00e4nde die vorhersagbare \u2013 eigentlich die tats\u00e4chlich vorhergesagte \u2013 Folge des Klimawandels sind. Seit mehr als einem Jahrzehnt sehen wir, wie die k\u00fchlen, nassen Wetterfronten, die einst den Winterregen nach S\u00fcdaustralien brachten, nach S\u00fcden wegglitten, genau wie von der Wissenschaft vorhergesagt. Es gibt keine Garantie daf\u00fcr, dass diese Regenf\u00e4lle jemals mit irgendeiner Regelm\u00e4\u00dfigkeit zur\u00fcckkehren werden. Der \u00d6konom Ross Garnaut, selbst kein Radikaler, stellt fest, dass der Wasserscheide des gr\u00f6\u00dften Flusssystems des Landes die W\u00fcstenbildung droht und vergleicht dies mit dem Zusammenbruch fr\u00fcherer Zivilisationen.<\/p>\n<p>Wir sehen, wie die Gemeinden ohne Unterst\u00fctzung bleiben. Eine der wenigen Aborigine-Gemeinden, \u00fcber die in den Medien berichtet wird, ist Lake Tyers in Gippsland, wo ein kleiner Tank auf einem Lieferwagen die einzige Feuerl\u00f6schausr\u00fcstung ist, die der Gemeinde zur Verf\u00fcgung steht. W\u00e4hrenddessen kostete das neue Flugzeug von Premierminister Scott Morrison angeblich 250 Millionen Dollar.<\/p>\n<p>Wir sehen eine Party nach der anderen steigen im Kirribilli House [Aufenthaltsort des Premierministers, wenn sich dieser in Sydney aufh\u00e4lt; es befindet sich im luxuri\u00f6sen Nobel-Viertel Kirribilli in Sydney. <em>Anm. Red.<\/em>], w\u00e4hrend das Land brennt und Sydney erstickt. Auf der verzweifelten Suche nach jemandem, der ihm die Hand sch\u00fcttelt, sucht unser trotteliger, kohlebetriebener Premierminister Zuflucht bei der nationalen Cricketmannschaft.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Wir sehen den australischen Kapitalismus in seiner ganzen obsz\u00f6nen, kohles\u00fcchtigen Pracht.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach Worten, die die Katastrophe beschreiben, finden viele \u00dcberlebende, Feuerwehrleute und Beobachter*innen eines: die Apokalypse. Und das ist sie ganz klar \u2013 f\u00fcr die Toten, f\u00fcr ihre Angeh\u00f6rigen, f\u00fcr die Gemeinschaften, die von der Feuers\u00e4ule gesprengt und in Rauchs\u00e4ulen verwandelt wurden.<\/p>\n<p>Aber dies ist nicht das Ende der Tage. Es ist noch nicht einmal das Ende des Sommers. Es gibt noch viel mehr vom Land, das brennen wird.<\/p>\n<p>Jeder, der Radio h\u00f6rt, h\u00e4tte monatelang Bauern und B\u00e4uerinnen, B\u00fcrgermeister*innen von Kleinst\u00e4dten, LKW-Fahrer*innen \u00a0und alle m\u00f6glichen Leute geh\u00f6rt, die bezeugen, dass weite Landstriche an der Ostk\u00fcste von Brisbane bis Melbourne, die seit zehn Jahren trocken sind, seit drei Jahren keine nennenswerten Regenf\u00e4lle mehr hatten und zundertrocken sind und nur darauf warten, zu explodieren. Hoffentlich haben die Meteorolog*innen Recht, dass die sp\u00e4te Verschiebung des Monsuns im Norden im sp\u00e4ten Januar etwas Regen in den S\u00fcden bringen k\u00f6nnte. Ob das die Br\u00e4nde tats\u00e4chlich l\u00f6scht, ist allerdings nur eine Vermutung. Und nicht auszudenken, was der Rest des Sommers und die kommenden Sommer bringen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Und das tritt ein, bevor wir die von der Klimawissenschaft diskutierten \u00abKipp-Punkte\u00bb erreichen; bevor die von der Labor Partei und der Liberalen Partei vorw\u00e4rtsgetriebene Adani-Mine ihre gewinnbringende Giftladung in die Atmosph\u00e4re abgibt; bevor wir den \u00abunkontrollierbaren\u00bb Teil des \u00abunkontrollierbaren Klimawandels\u00bb erreichen, von dem Australiens Unternehmenseliten so reichlich profitieren; bevor Origin Energys Fracking im Northern Territory einen Gewinn abwirft; bevor BHP einen weiteren Weltrekordgewinn aufgrund ihres weltumspannenden Kohlegesch\u00e4fts verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur biblischen Apokalypse ist diese scheinbar endlose Feuersaison kein Akt Gottes. Die m\u00e4chtigsten Menschen auf der Erde und in Australien haben Entscheidungen getroffen, die dazu gef\u00fchrt haben \u2013 ganz bestimmte Entscheidungen im Interesse von Profit und Macht. Und sie werden nicht einfach wegen der Br\u00e4nde aufh\u00f6ren \u2013 nicht solange es noch Profit zu machen und politische Macht zu halten gibt.<\/p>\n<p>Bei einer Kundgebung vor der Internationalen Bergbau- und Ressourcenkonferenz in Melbourne im Oktober dr\u00fcckte es ein chilenischer Aktivist gut aus: \u00abEs ist ihnen egal, ob Menschen brennen. Es ist ihnen egal, ob der Planet brennt. Sie k\u00fcmmern sich nur um ihre Macht. Sie werden die Herren der Asche sein.\u00bb<\/p>\n<p>Kein Retter aus der H\u00f6he wird uns erl\u00f6sen. Der einzige Weg nach vorn ist der Aufbau einer radikalen Massenbewegung, die das Glaubensbekenntnis unserer Herrscher*innen, ihre wahre Religion, ihr Alpha und ihr Omega: ihre Profite und ihre Macht, herausfordern und schlie\u00dflich st\u00fcrzen kann.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/redflag.org.au\/node\/6987?__cf_chl_jschl_tk__=86569b8d865a2b208fc4fcce39b2bffab5704ae3-1578209161-0-Acbf0FEy5t0S8JE937ppunRYr3Gucwl_ygDVoiizDKBbMinjdvTPis150fPeKKDxQJ7RAeCL2saMfNBDzfTaTS5tjbaGoBMXWatAUP_8GYROhn9B0daeZW2zrhhcebJ2dfEYzTrLS8-GHrHTXCjCBemwqWogu_xTmlOV4jX_nkmM740fCCwNlkCvOygFtcWHlh4VHXmsGmknQdtl0frCy22SJpaYyKaLYkgKxylqSnOthKbFCxl1Tdw7ltvjqnd6dizKDm16OvjLeHzKTAe_mDE\"><em>redflag.au&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. Januar 2020; \u00dcbersetzung durch Redaktion maulwuerfe.ch<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jerome Small. Einige Feuerwehrleute berichten von 150 Meter hohen Flammen. Richtig und langsam gelesen: 150 Meter hohe Flammen. 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