{"id":6839,"date":"2020-01-14T17:46:42","date_gmt":"2020-01-14T15:46:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6839"},"modified":"2020-01-14T17:46:43","modified_gmt":"2020-01-14T15:46:43","slug":"revolutionaere-theorie-und-praxis-nach-dem-ende-der-ideologien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6839","title":{"rendered":"Revolution\u00e4re Theorie und Praxis nach dem \u00abEnde der Ideologien\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><em>Matias Maiello.<\/em> <strong>In\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/tag\/strategie\/\">vorangegangenen Artikeln<\/a>\u00a0haben wir die Beziehung zwischen Revolte und Revolution aus verschiedenen Blickwinkeln der Entwicklung des aktuellen Zyklus des Klassenkampfes er\u00f6rtert. Der letzte Artikel war dem<!--more-->\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-globalisierung-des-klassenkampfes-und-die-utopie-der-revolutionaeren-partei-in-einem-land\/\">heutigen internationalistischen Kampf<\/a>\u00a0gewidmet. In diesen Zeilen werden wir uns auf die Bedeutung der revolution\u00e4ren Theorie f\u00fcr diese K\u00e4mpfe konzentrieren.<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8212;&#8212; <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ohne revolution\u00e4re Theorie kann es keine revolution\u00e4re Bewegung geben<\/strong><\/p>\n<p>Der Satz, der diesen Abschnitt betitelt, entstammt einer bekannten Aussage von Lenin in der Schrift\u00a0<em>Was tun?<\/em>\u00a0(1902), aber l\u00e4sst sich leicht bis zu den Urspr\u00fcngen des Marxismus mit Marx und Engels zur\u00fcckverfolgen. Um ihn zu bekr\u00e4ftigen, f\u00fcgte Lenin hinzu, dass dieser Gedanke \u00abnicht genug betont werden\u00bb kann. Dies ist heute nicht weniger bedeutend, nach Jahrzehnten der revolution\u00e4ren Diskontinuit\u00e4t und ideologischen Reaktion, in denen die Postmoderne als \u00abGeist der Epoche\u00bb die Idee der Revolution und sogar die Existenz einer \u00abobjektiven\u00bb Realit\u00e4t \u00fcber den Text hinaus zu verbannen suchte; begleitet von den vielf\u00e4ltigen Theorien vom Ende \u00abder Ideologien\u00bb, \u00abder Geschichte\u00bb (des Klassenkampfes), \u00abder Arbeit\u00bb, usw.<\/p>\n<p>Der gegenw\u00e4rtige Zyklus des Klassenkampfes auf internationaler Ebene mit seinen verschiedenen Momenten innerhalb jeden Prozesses ist einer der ausgedehntesten und bedeutendsten \u2013 wenn nicht sogar der bedeutendste \u2013 seit dem Ende des letzten Jahrhunderts. Jetzt findet er nach mehr als drei Jahrzehnten ohne Revolution (wenn auch nicht frei von wichtigen Aufst\u00e4nden, revolution\u00e4ren Tagen und Prozessen, die einer Revolution nahe kamen, wie \u00c4gypten 2011) statt, nachdem es der Bourgeoisie gelungen war, den Kapitalismus in L\u00e4ndern definitiv wiederherzustellen, in denen das Kapital im 20. Jahrhundert enteignet wurde, wie der UdSSR, Osteuropa, China, Vietnam usw.. Dies waren\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/an-den-grenzen-der-burgerlichen-restauration\/\"><strong>Jahrzehnte des R\u00fcckzugs<\/strong><\/a>, in denen die Arbeiter*innenbewegung mit ansehen musste, wie ihre traditionellen Organisationen sich gegen sie selbst wandten und sich der neoliberalen Offensive und \u2013 im Falle der ehemaligen b\u00fcrokratischen Arbeiter*innenstaaten \u2013 der kapitalistischen Restauration beugten.<\/p>\n<p>Es sind 30 Jahre vergangen seit dem Fall der Berliner Mauer, aber auch 11 Jahre seit dem Fall von Lehman Brothers \u2013 Symbol der Krise von 2008. Heute nimmt ein neues internationales Szenario Gestalt an. Es er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit eines Wiederauflebens der revolution\u00e4ren Bewegung im 21. Jahrhundert, f\u00fcr die es unerl\u00e4sslich ist, die subjektiven Bedingungen nach Jahrzehnten der kapitalistischen Offensive zu erneuern. Der Kampf um den\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/die-globalisierung-des-klassenkampfes-und-die-utopie-der-revolutionaeren-partei-in-einem-land\/\"><strong>Aufbau revolution\u00e4rer Parteien auf nationaler und internationaler Ebene<\/strong><\/a>\u00a0nimmt eine grundlegende Bedeutung an, und die revolution\u00e4re Theorie ist ein entscheidender Faktor in diesem Kampf. In diesem Sinne m\u00f6chten wir kurz und begrenzt auf f\u00fcnf Probleme hinweisen, die wir derzeit f\u00fcr entscheidend halten: 1) Hegemonie und Selbstorganisation; 2) Theorie der permanenten Revolution; 3) konkrete Analyse von Situationen; 4) Strategie; 5) die kommunistische Perspektive.<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Strategische Positionen, Hegemonie und Selbstorganisation<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Jahrzehntelang wurde die Arbeiter*innenklasse f\u00fcr unwiederbringlich geschw\u00e4cht oder fast ausgestorben erkl\u00e4rt. Als Grundlage wurden bestimmte Ph\u00e4nomene aus dem Gesamtbild isoliert, um ihnen eine unbegrenzte Bedeutung zu verleihen: die Prozesse der \u00abVerlagerung\u00bb von Unternehmen in Westeuropa und den USA, ohne zu sehen, dass die Arbeiter*innenklasse anderswo, angefangen in China, st\u00e4rker wurde; die gr\u00f6\u00dfere Heterogenit\u00e4t der Klasse, wobei dabei au\u00dfer Acht gelassen wird, dass dies ein Produkt ihrer wachsenden Ausdehnung war; der enorme Prozess der Zersplitterung, den sie erlitt, ohne zu bedenken, dass sie weiterhin die \u00abstrategischen Positionen\u00bb der Wirtschaft besetzt; usw.. Diese Art von Ideologie \u00fcber die Arbeiter*innenklasse wurde nicht nur von Think-Tanks und der akademischen Rechten propagiert, sondern auch von Theorien, die den Sozialismus oder Kommunismus als ihr Ziel beanspruchten. Unter den meistgelesenen, reduzierten Laclau und Mouffe die strategische Debatte der Arbeiter*innenklasse auf ein Problem des \u00abKlassenessentialismus\u00bb, und Negri setzte sich daf\u00fcr ein, dass der Begriff der \u00abMultitude\u00bb sie ersetzen sollte. Alles in allem war es \u2013 und ist dies immer noch \u2013 eine sehr breite ideologische Offensive, die vielen der Str\u00f6mungen, die sich als revolution\u00e4r-marxistisch verstehen, einen Schlag versetzte. Dies geschah auf zwei entgegengesetzte, aber sich erg\u00e4nzende Weisen.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite gab es diejenigen, die in gewissem Ma\u00dfe der Parole nachgaben, dass die Arbeiter*innenbewegung nur eine weitere \u00absoziale Bewegung\u00bb sei und dass der Kampf um ihre Hegemonie auf einen \u00abKlassenessentialismus\u00bb zur\u00fcckfalle. Daher wurde der Aufbau revolution\u00e4rer Parteien durch die Strategie von \u00abParteien der Bewegungen\u00bb oder \u00abbreiten Parteien\u00bb ersetzt, die kein revolution\u00e4res Programm oder Strategie hatten, um sich oberfl\u00e4chlich an \u00abden Bewegungen\u00bb, so wie sie sind, zu beteiligen. Der emblematischste Fall ist vielleicht die franz\u00f6sische NPA (Neue Antikapitalistische Partei), da sie aus der Selbstaufl\u00f6sung einer der wichtigsten Organisationen des Trotzkismus auf internationaler Ebene, der franz\u00f6sischen Revolution\u00e4r-kommunistischen Liga (Ligue communiste revolutionnaire), hervorging. Daniel Bensa\u00efd, der einer ihrer Hauptanf\u00fchrer war, hatte zu Recht darauf hingewiesen, wie in Bezug zu linken Intellektuellen wie Foucault und Deleuze \u00abdie auf Null reduzierte Strategie\u00bb erreicht worden war. Allerdings sollte er schlie\u00dflich die Gr\u00fcndung einer Partei ohne Strategie vorantreiben. Unter den \u00abbreiten Parteien\u00bb k\u00f6nnen wir auch die brasilianische PSOL (Partei f\u00fcr Sozialismus und Freiheit) nennen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite gab es diejenigen, die sich auf eine Selbstbest\u00e4tigung der Arbeiter*innenklasse au\u00dferhalb einer hegemonialen Politik beschr\u00e4nkten und eine routinierte und gewerkschaftliche Ausrichtung des friedlichen Zusammenlebens innerhalb der Arbeiter*innenorganisationen, wie sie sind, vertieften. Dies ist zum Beispiel bei Lutte Ouvri\u00e8re in Frankreich oder der PSTU in Brasilien der Fall, die zu den wichtigsten geh\u00f6ren. Eine Zwischenvariante dr\u00fcckte die PO in Argentinien aus, indem sie einen Teil der Arbeiter*innenklasse, die Arbeitslosenbewegung, als neues Subjekt (\u201cPiquetero-Subjekt\u201d) aufrichtete, um sie sp\u00e4ter mit einer nicht-hegemonialen Politik in den Gewerkschaften zu verbinden.<\/p>\n<p>Es ist kein metaphysisches \u00abWesen\u00bb, das die Arbeiter*innenklasse zum zentralen Akteur im revolution\u00e4ren Kampf f\u00fcr den Sozialismus macht. Sie ist vielmehr der Teil der ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten Massen, der die \u201c<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/bolivien-klassenkampf-und-strategische-positionen\/\"><strong>strategischen Positionen<\/strong><\/a>\u201d besetzt, die eine Gesellschaft zum Funktionieren bringt. Das gibt ihr unter anderem die Kraft, die Gesellschaft lahmzulegen. Eine Qualit\u00e4t, die nicht nur nicht verloren gegangen ist, sondern in der letzten Zeit sogar noch zugenommen hat, insbesondere mit dem Sprung in der Urbanisierung und der Bedeutung, die der st\u00e4dtische Transport in den Metropolen gewonnen hat, wie man heute im Streikprozess in Frankreich sehen kann. Die \u00abstrategischen Positionen\u00bb geben der Arbeiter*innenklasse eine privilegierte Stellung als Artikulator einer unabh\u00e4ngigen Macht, die in der Lage ist, die ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten Massen mittels ihrer Selbstorganisation und Selbstverteidigung zu vereinen, um den b\u00fcrgerlichen Staat in die Knie zu zwingen. Die Kontrolle dieser Schl\u00fcsselpositionen f\u00fcr die gesellschaftliche Produktion und Reproduktion ist wiederum entscheidend f\u00fcr die Schaffung einer neuen (sozialistischen) Ordnung, die in der Befreiung der Gesellschaft von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung voranschreiten kann.<\/p>\n<p><strong>Ganzen Aufsatz lesen: <a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Revolution\u00e4re-Theorie-und-Praxis-ft-ci.pdf\">Revolution\u00e4re Theorie und Praxis ft-ci<\/a><\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Lenin-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6840\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Lenin-1.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Lenin-1-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Lenin-1-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matias Maiello. 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