{"id":6845,"date":"2020-01-15T10:21:35","date_gmt":"2020-01-15T08:21:35","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6845"},"modified":"2020-01-15T10:21:36","modified_gmt":"2020-01-15T08:21:36","slug":"zur-aktuellen-lage-der-iranischen-werktaetigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6845","title":{"rendered":"Zur aktuellen Lage der iranischen Werkt\u00e4tigen"},"content":{"rendered":"<p><em>Ali Behrokhi. <\/em><strong>Im Normalfall ist f\u00fcr die b\u00fcrgerlichen Medien der Iran nur im Zusammenhang mit dem Atomdeal von Interesse (schlie\u00dflich geht es hier um betr\u00e4chtliche Gesch\u00e4fte gerade auch f\u00fcr das deutsche Kapital). Nur \u00e4u\u00dferst selten wird ein Blick<!--more--> auf die Lage der Menschen geworfen und das auch nur dann, wenn spektakul\u00e4re Bilder zur Verf\u00fcgung stehen.<\/strong><\/p>\n<p>Das islamische Regime im Iran kam vor 40 Jahren (Februar\u00a01979) nach einem antimonarchistischen Volksaufstand an die Macht. Die meisten werkt\u00e4tigen Menschen, die durch ihre monatelang anhaltenden K\u00e4mpfe erst den Machtwechsel erm\u00f6glicht hatten, mussten sehr bald einsehen: Das \u201eneue\u201c Regime hat nicht die Wahrung und die Weiterentwicklung ihrer Grundrechte im Sinne. Binnen weniger Wochen brachten es die neuen Machthaber fertig, die \u201eislamische Rechtsprechung\u201c \u2013 nach dem Verst\u00e4ndnis der schiitischen Geistlichkeit! \u2012 durchzusetzen, was seitdem Leitlinie f\u00fcr alle staatlichen Ma\u00dfnahmen ist. Diese \u201eislamische Rechtsnormen\u201c (Scharia) basieren auf drei S\u00e4ulen: a) die Vorschriften, die im Koran stehen und das Verhalten der Gl\u00e4ubigen regeln; b) die Urteile und Spr\u00fcche des Propheten Mohammad, die seine engsten Anh\u00e4nger nach seinem Tod gesammelt und als heilige \u00dcberlieferungen des Propheten (Sunna) der Glaubensgemeinschaft hinterlassen haben und c) Die Interpretationen der obigen Gebote und Verbote durch die \u201eRechtsgelehrten\u201c, die dem Zeitgeist und den Befindlichkeiten der jeweiligen Glaubensrichtung entsprechend unterschiedlich und abweichend ausfallen.<\/p>\n<p><strong>Kontrolle<\/strong><\/p>\n<p>Bedrohlich ja lebensgef\u00e4hrlich wird es, wenn dieses Konglomerat aus \u00dcberzeugung, Glaube und religi\u00f6sem Eifer die islamischen \u201eGelehrtenstuben\u201c verl\u00e4sst und den politischen Raum dominiert. Denn jeder andersdenkende Mensch wird kraft der Staatsgewalt als Ungl\u00e4ubiger, Gottesl\u00e4sterer, und Ketzer gebrandmarkt und bestraft. Bei h\u00e4rteren Auseinandersetzungen werden die Kritiker*innen als \u201eAgenten des Auslands\u201c bezeichnet, die man dann sehr leicht und nach Belieben bestrafen kann! Daf\u00fcr liefern die aktuellen Ereignisse in Iran ein trauriges Beispiel. \u00dcber 90\u00a0% der dortigen Bev\u00f6lkerung sind einem autorit\u00e4r handelnden Regime ausgeliefert, dessen \u201eRechtsnormen\u201c aus einer Zeit stammen, die 1400\u00a0Jahre zur\u00fcckliegt.<\/p>\n<p>Zur Machterhaltung brauchte das Regime von Anfang an eine l\u00fcckenlose Kontrolle des gesellschaftlichen Lebens. Dieses \u201eKontrollsystem\u201c wurde im Laufe der Jahre verfeinert und intensiviert. Aus Platzgr\u00fcnden gehen wir hier nur auf eine Methode der Herrschaftssicherung des Regimes ein: In alle relevanten Bereiche der t\u00e4glichen Arbeit (Produktions- und Dienstleistungsbetriebe, Gesundheits- und. Bildungswesen usw.) werden Personen eingeschleust, die f\u00fcr die dort konkret zu leistende Arbeit nicht qualifiziert sind, aber zugleich gut bezahlt und religi\u00f6s-ideologisch instrumentalisiert werden. Ihr offizieller \u201eJob\u201c besteht darin, vom Regime gelenkte Kontrollinstanzen mit sch\u00f6nen Namen wie \u201eislamische Vereinigung\u201c, \u201eislamischer Betriebsrat\u201c \u201eh\u00f6chster Arbeiterrat\u201c usw. zu \u00fcbernehmen. Wenn diese Institutionen nicht vorhanden sind, werden sie von diesen Abgesandten gegr\u00fcndet. Ihre offizielle Aufgabe besteht darin, das t\u00e4gliche Gebet zu organisieren und f\u00fcr islamische Zucht und Ordnung am Arbeitsplatz zu sorgen! Tats\u00e4chlich jedoch haben sie den Auftrag, den Tagesablauf der Besch\u00e4ftigten genauestens zu observieren und auff\u00e4llige Aktivit\u00e4ten der Kolleg*innen den \u201eSicherheitsorganen\u201c zu melden.<\/p>\n<p><strong>Willk\u00fcrliche Festnahmen<\/strong><\/p>\n<p>Die willk\u00fcrlichen Festnahmen folgen prompt. Sie finden in den Betrieben, auf offener Stra\u00dfe oder nachts in den Wohnungen der Betroffenen statt. Bei der Verhaftung werden die Festgenommenen vor den Augen der Belegschaft oder der eigenen Familienangeh\u00f6rigen auf \u00fcbelste Weise beschimpft, beleidigt und verpr\u00fcgelt. Bei dieser \u201epolizeilichen Ma\u00dfnahme\u201c wird nicht nur die \u201eBestrafung\u201c der Gefangenen beabsichtigt, es geht vielmehr darum, ihren Ruf, ihre Pers\u00f6nlichkeit, ihr Ansehen und letztendlich ihren Willen zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Trotz der massiven physischen und psychischen Repression haben die aufgekl\u00e4rten und fortschrittlichen Kr\u00e4fte der Werkt\u00e4tigen niemals in den letzten 40 Jahren aufgeh\u00f6rt, sich f\u00fcr die berechtigten Interessen der iranischen Arbeiter*innenklasse einzusetzen und ihre Rechte einzufordern.<\/p>\n<p><strong>Organisierung des Widerstandes<\/strong><\/p>\n<p>In den letzten Jahren ist es den iranischen Kolleginnen und Kollegen nachweislich gelungen, vom Regime unabh\u00e4ngige Vertretungsorgane zu gr\u00fcnden, die sich f\u00fcr die Interessen der Lohnabh\u00e4ngigen einsetzen und die im Land grassierende Wirtschafskriminalit\u00e4t anprangern. Weil die Aktivist*innen sich offen und ehrlich f\u00fcr die Belange der Belegschaft einsetzen und weil sie sich von den Schikanen des Regimes nicht einsch\u00fcchtern lassen, genie\u00dfen die neu geschaffenen Organisationen l\u00e4ngst die betriebs\u00fcbergreifenden Sympathien von Tausenden Besch\u00e4ftigten, prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten und Erwerbslosen im ganzen Land.<\/p>\n<p>Bei den aktuellen Arbeitsk\u00e4mpfen ist eindeutig der Trend zu erkennen, dass die neu geschaffenen Organisationen a) von dem \u00fcberwiegenden Teil der Belegschaft des jeweiligen Betriebs getragen werden und b), dass sie durchaus in der Lage sind, sich \u00fcberregional zu vernetzen und koordinierte Aktionen durchzuf\u00fchren. Bei den j\u00fcngst durchgef\u00fchrten Streiks machten sich Qualit\u00e4t und Wirkung der neu errungenen Phase der Organisierung deutlich bemerkbar. Wenn z.\u00a0B. f\u00fchrende K\u00f6pfe eines Streiks verhaftet wurden, gingen gleichzeitig in 20 bis 30 St\u00e4dten Kolleg*innen auf die Stra\u00dfe, verurteilten die rechtswidrigen Verhaftungen und forderten die Freilassung der Gefangenen. Neben den Massenfestnahmen der streikenden Arbeiter*innen in Haft-Tapeh und Ahwaz nahm das islamische Regime w\u00e4hrend der letzten Wochen und Monaten landesweit Hunderte Frauen und M\u00e4nner fest. Ihr \u201eVerbrechen\u201c? In offenen Briefen und \u00e4hnlichen Protestaktionen \u00e4u\u00dferten sie sich solidarisch mit den berechtigten Forderungen der Festgenommenen und kritisierten die dubiosen \u201eVerkaufs- und Privatisierungsma\u00dfnahmen\u201c des Regimes!<\/p>\n<p>Das Regime regiert weiter ungeniert mit harter Hand und ignoriert die klugen und sachlich begr\u00fcndeten Forderungen aus der Arbeiterschaft, die ausschlie\u00dflich darauf abzielen, auf die unertr\u00e4glich gewordenen Missst\u00e4nde hinzuweisen.<\/p>\n<p>Die Antwort auf die Frage, warum immer mehr iranische Frauen und M\u00e4nner \u2012 trotz konkret bestehender Angst vor Verfolgung, Verhaftung und Folter \u2012 sich politisch engagieren, ist auf die vom islamischen Regime verursachte wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Misere zur\u00fcckzuf\u00fchren, von der alle Schichten der arbeitenden Bev\u00f6lkerung im Iran betroffen sind.<\/p>\n<p><strong>N\u00e4hrboden der Unzufriedenheit<\/strong><\/p>\n<p>Auf der einen Seite liegt gem\u00e4\u00df dem in der \u201eVerfassung der islamischen Republik\u201c verankerten Regelwerk die alleinige Entscheidungsgewalt \u00fcber politische, wirtschaftliche, milit\u00e4rische, juristische und sonstige Angelegenheiten des Landes in der Hand der Obersten F\u00fchrers (Rahbar) des Regimes, dessen Machtbefugnisse mit \u201eGottes Gnade\u201c und schiitischen Grunds\u00e4tzen begr\u00fcndetet werden. Auf der anderen Seite sieht dieselbe Verfassung \u201egew\u00e4hlte\u201c \u00c4mter und Organe wie Parlament und Pr\u00e4sident vor, die nach einem extrem eingeschr\u00e4nkten Wahlsystem zwar \u201egew\u00e4hlt\u201c werden, aber bei ihren Aktivit\u00e4ten oft auf un\u00fcberwindbare Grenzen sto\u00dfen: die st\u00e4ndigen Einmischungen und Einflussnahmen der Geistlichkeit.<\/p>\n<p>Aus diesem der Verfassung des Regimes innewohnenden Widerspruch (zwischen religi\u00f6sen und weltlichen Komponenten) bilden sich im Zuge der Zuspitzung der allgegenw\u00e4rtigen Krise in den engsten Machtzirkeln des Regimes handfeste Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten. Inzwischen bek\u00e4mpfen sich \u201egem\u00e4\u00dfigte\u201c, \u201emoderate\u201c und \u201efundamentalistische\u201c Fraktionen, Gruppierungen und Fl\u00fcgel immer \u00f6fter vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit und werfen der Gegenseite Unf\u00e4higkeit und Korruptheit vor. Bei den Fl\u00fcgelk\u00e4mpfen an der Spitze des Regimes geht es vor allem darum, wer von welcher Gruppierung mehr an Macht und Pfr\u00fcnden teilhaben kann. Es geht aber auch darum, mit welchen Mitteln und Methoden das bis zu den Ohren in der Krise steckende System der islamischen Republik zu retten sei. Iran geh\u00f6rt zu den erd\u00f6l- und erdgasreichsten L\u00e4ndern der Erde. In diesem Land befinden sich die wichtigsten Sektoren der Wirtschaft wie Erd\u00f6lindustrie, Export und Import, die Bauindustrie, das Telekommunikationssystem \u2026 als staatlich gef\u00fchrte Bereiche der Wirtschaft in der Hand der f\u00fchrenden Milit\u00e4rs (Pasdaran), der schiitischen W\u00fcrdentr\u00e4ger und der dem F\u00fchrer nahstehenden Personen. Trotz aller Fl\u00fcgel- und Fraktionsk\u00e4mpfe haben die religi\u00f6sen, politischen und milit\u00e4rischen Instanzen des Regimes wirtschaftspolitisch die neoliberalen Direktiven der Weltbank befolgt und lautstark das Zauberwort der Privatisierung als Mittel zur Rettung der von ihnen selbst in den Ruin getriebenen iranischen Volkswirtschaft gepredigt.<\/p>\n<p><strong>Privatisierungen<\/strong><\/p>\n<p>Vor ca. 20\u00a0Jahren, beim \u00dcbergang von 20. ins 21.\u00a0Jahrhundert, haben die h\u00f6chsten Instanzen des Regimes neue Wirtschaftspl\u00e4ne beschlossen und zur Durchsetzung freigegeben. Der dritte Wachstumsplan, beschlossen f\u00fcr die Jahre 1999-2004, widmete sich der \u201eRegulierung der Konzerne und der Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Wirtschaftsaktivit\u00e4ten\u201c. Im Zuge dieser Planung wurden in der ersten Phase gr\u00f6\u00dfere Staatsbetriebe, wie die Tabakindustrie, Zuckerrohrplantagen und zuckerproduzierende Betriebe, Post- und Kommunikationswesen sowie Teile der produzierenden und verarbeitenden Bereiche der \u00d6lindustrie zur Disposition gestellt und somit in die Privatisierung \u201eentlassen\u201c.<\/p>\n<p>Alle bisherigen Regierungen \u2012 ob die von dem \u201eReformer\u201c (Khatami 1997-2005), oder dem \u201eradikalen Hard-Liner\u201c (Ahmadinedsch\u0101d, 2005 bis 2013) oder dem \u201eGem\u00e4\u00dfigten\u201c (Roohani, seit 2013) \u2012 waren eifrig bem\u00fcht, diese Pl\u00e4ne durchzusetzen. Was solche Ma\u00dfnahmen wirtschaftlich im Iran angerichtet haben, wird weiter unten im \u201eFall Haft-Tapeh\u201c etwas konkreter ausgef\u00fchrt. Aber Anfang M\u00e4rz\u00a02019 \u00fcberraschte eine Nachricht die iranische und Teile der internationalen \u00d6ffentlichkeit, die hier erw\u00e4hnt werden soll. Nach den ersten Berichten der iranischen Medien verbreitete am 09.03.2019 \u201eRadio France Internationale\u201c folgende Meldung: Vor der 3.\u00a0Kammer eines Teheraner Sondergerichts l\u00e4uft das gr\u00f6\u00dfte Verfahren in der j\u00fcngsten Geschichte des Landes wegen Wirtschaftskriminalit\u00e4t und Devisenveruntreuung. Aus der 700 Seiten dicken Akte gehe hervor, dass den Vorstandsmitgliedern der vor 10 Jahren (2008\/2009) privatisierten petrochemischen Handelsfirma vorgeworfen wird, \u201eBriefkasten-Firmen\u201c gegr\u00fcndet und illegale Konten zum Devisentransfer betrieben zu haben. Die Namen der meisten Angeklagten sind bekannt. Hauptangeklagter mit dem Namen Reza Hamzeh-Loo ist der Vorstandsvorsitzende der privatisierten Firma. Ihm wird zur Last gelegt, gemeinsam mit der Angeklagten Marjan Sheykholeslami \u2012 sie war f\u00fcr \u201eAuslandsgesch\u00e4fte\u201c zust\u00e4ndig und h\u00e4lt sich zurzeit (ohne Kopftuch!) in Kanada auf \u2012 insgesamt 6,656\u00a0Milliarden Euro (das ist kein Tippfehler!) veruntreut und unterschlagen zu haben. Laut Aussagen des Sprechers der Teheraner Staatsanwaltschaft haben der iranische \u00d6lminister gemeinsam mit dem Vorstandsvorsitzenden der nationalen iranischen petrochemischen Industrie die ehemaligen und jetzigen Vorstandsmitglieder der privatisierten Firma verklagt. Dies hier ist ein Beispiel von vielen F\u00e4llen der umfangreichen Finanz- und Wirtschaftskriminalit\u00e4t im Iran von heute, die in letzter Zeit \u00f6fter bekannt werden. Auffallend ist jedoch, dass bei den betroffenen Firmen solche Posten wie \u201eVorstandsmitglieder\u201c, \u201eVorsitzende\u201c, \u201eGesch\u00e4ftsf\u00fchrer\u201c usw. in der Regel von den Kindern der h\u00f6chsten W\u00fcrdentr\u00e4ger des Regimes besetzt sind!<\/p>\n<p><strong>Die Folgen der Privatisierungen<\/strong><\/p>\n<p><u>Haft-Tapeh<\/u><\/p>\n<p>Die Zuckerproduktionsanlage Haft-Tapeh liegt im S\u00fcdwesten Irans, in der Provinz Khuzestan zwischen den St\u00e4dten Shoosh und Ahwaz. Neben den Raffinerie- und Herstellungsanlagen geh\u00f6rt eine 24\u00a0000 ha gro\u00dfe Rohrzuckeranbaufl\u00e4che zu diesem Gesamtkomplex. Die Gr\u00fcndung der Zuckerfabrik geht auf Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts zur\u00fcck. Bei der Inbetriebnahme \u00e4u\u00dferten sich die in- und ausl\u00e4ndischen Fachleute u.\u00a0a. \u00fcber die Anbaukapazit\u00e4ten der Anlage; die Bodenqualit\u00e4t sei f\u00fcr den Rohrzuckeranbau besonders gut geeignet. Sie sch\u00e4tzten, dass pro Hektar ca. 90\u00a0Tonnen Zuckerrohr geerntet werden k\u00f6nnten. Einige Jahre sp\u00e4ter stellte sich jedoch heraus, dass die Ernte pro Hektar bei 137\u00a0t Zuckerrohr lag. Auf etwa zehntausend Hektar der Anbaufl\u00e4che wurde Rohrzucker angebaut.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des achtj\u00e4hrigen Iran-Irak-Krieges (1980-88) war auf der iranischen Seite Khuzestan eines der heftig umk\u00e4mpften Gebiete mit dem entsprechendem Zerst\u00f6rungsgrad. Auch Haft-Tapeh wurde von der irakischen Luftwaffe angegriffen und besch\u00e4digt. Nach dem Krieg wurde die Anlage notd\u00fcrftig repariert in Betrieb genommen. Doch seit der Jahrhundertwende erfasste das Fieber der neoliberalen Wirtschaftspolitik auch die iranischen Zuckerindustrie. Es fing mit der Senkung der Zolltarife f\u00fcr die Einfuhr des wei\u00dfraffinierten und des Rohrzuckers an. Im Verlauf von zwei Jahren (2005\/06) wurden die Z\u00f6lle f\u00fcr die Einfuhr der jeweiligen Sorte von 150\u00a0% bzw. 130\u00a0% auf 10 bzw. 4\u00a0% gesenkt. Im Wirtschaftsjahr 2006 erreichte dann die Zuckereinfuhr einen noch nie dagewesenen Rekord in der iranischen Geschichte.<\/p>\n<p><u>Zerst\u00f6rung der heimischen Prodduktion<\/u><\/p>\n<p>Bei der Zuckereinfuhr wurde die Rolle des iranischen Staates immer bedeutungsloser und der private Sektor gewann immer mehr an Gewicht. In den Jahren 2009\/10 wurden 2527\u00a0t Zucker f\u00fcr den Marktwert von einer Milliarde Dollar eingef\u00fchrt, die inzwischen vollends in \u201eprivater Hand\u201c lagen. Die Menge lag mehr als 800\u00a0Tonnen \u00fcber dem Eigenbedarf! Der iranische Markt war \u00fcberschwemmt und die einheimischen Produzenten hatten keine Chance, zu konkurrieren. Wie viele Gro\u00dfbetriebe geriet auch Haft-Tapeh in Turbulenzen. Die Krise machte sich bemerkbar, indem die L\u00f6hne der Besch\u00e4ftigten monatelang nicht ausgezahlt wurden und die vom Regime unabh\u00e4ngige Gewerkschaft schon damals immer wieder Protestaktionen und Streiks durchf\u00fchrte. Die Reaktion des Regimes lautete, nur \u201ePrivatisierung\u201c und ein \u201eneues Management\u201c seien die \u201eRettung\u201c f\u00fcr Haft-Tapeh. Im Laufe der Jahre 2014\/15 wurde immer offener \u00fcber die \u201eVerkaufspl\u00e4ne\u201c spekuliert und der entsprechende Gesch\u00e4ftsabschluss fand im Herbst 2015 statt. Zu dieser Zeit hatte Haft-Tapeh 1886 festangestellte Arbeiter*innen und Angestellte sowie 824 Saisonal-Besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df der vom Regime verordneten \u201eRegulierung der Konzerne\u201c kamen nur \u201ereligi\u00f6s, politisch und fachlich geeignete Personen\u201c f\u00fcr die \u00dcbernahme staatlicher Einrichtungen infrage. Nun, nach vollendetem Verkauf, wurde bekannt, dass bei der \u00dcbergabe der Preis der Betriebsanlage von Haft-Tapeh auf (umgerechnet) 213\u00a0Millionen Dollar festgelegt wurde, die K\u00e4ufer eine Anzahlung von zwei Millionen Dollar (ein Prozent des Gesamtwertes!) geleistet haben und der Restbetrag in Ratenzahlungen \u00fcber acht Jahre zu zahlen sei. Nicht nur bei der Gewerkschaft von Haft-Tapeh, sondern auch bei gro\u00dfen Teilen der iranischen Zivilgesellschaft wurden solche und \u00e4hnliche Fragen laut gestellt und trotz Zensur \u00fcber Internet weit verbreitet: Welche Qualifikationen brachten denn die neuen K\u00e4ufer mit? Was hatten sie mit der erworbenen Anlage vor? Wie ist so ein merkw\u00fcrdig niedriger Preis und die noch merkw\u00fcrdigere Zahlungsweise zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p><u>\u2026 auf Kosten der Arbeiter*innen<\/u><\/p>\n<p>Als das Alter von zwei Hauptinteressenten, deren Unterschrift unter dem \u201eKaufvertrag\u201c steht (28 sowie 31 Jahre) und die Namen der \u201eneuen F\u00fchrungsmannschaft\u201c von Haft-Tapeh bekannt wurden, wussten die Besch\u00e4ftigten von Haft-Tapeh und ihre landesweit aktiven Unterst\u00fctzer*innen auch etwas Genaueres \u00fcber die Herren zu berichten: Die Neuen sind \u201eS\u00f6hne der ganz oben sitzenden Notabeln\u201c, drei von f\u00fcnf neuen Vorstandmitgliedern tragen denselben Familiennamen und zwei sind S\u00f6hne der Schwester (also die Neffen) eines W\u00fcrdentr\u00e4gers. Und noch etwas Wichtiges: Sie sind alle fachfremd, haben mit der Zuckerproduktion nie etwas zu tun gehabt, aber haben erstens vor, die Plantagenfl\u00e4che unter sich aufzuteilen und zum Verkauf anzubieten, und zweitens wollen sie mittels des millionenschweren Gesch\u00e4ftsabschlusses an mehr Devisenverg\u00fcnstigungen herankommen! Hier die Namen der f\u00fcnf neuen \u201eHaft-Tapeh-Aktion\u00e4re\u201c: a) Omid Assad-Beygi, fr\u00fcher Generalbevollm\u00e4chtigter der Firma Aryak jetzt Hauptaktion\u00e4r und Generalbevollm\u00e4chtigter von Haft-Tapeh, b) Mehrdad Rosstami-Chegeni, Vorstandschef von Haft-Tapeh und c) die drei Vorstandsmitglieder Ehsanollah Assad-Beygi, Amir Hossein Assad-Beygi und Siyamak Nassiri-Afshar.<\/p>\n<p>Aufgrund der mehr als fragw\u00fcrdigen Art der Privatisierung und aufgrund der immer schlechter werdenden Arbeits- und Lebensbedingungen der Belegschaft und ihrer Angeh\u00f6rigen sah sich die Gewerkschaft von Haft-Tapeh gezwungen, zum Streik aufzurufen. Dieser Streik sollte nicht nur zu einem der l\u00e4ngsten Arbeiterstreiks der letzten 40\u00a0Jahre werden. Auf die kettenartigen Proteste der iranischen Werkt\u00e4tigen wird weiter unten kurz einzugehen sein. Doch hier erst kurz einen Blick auf andere Gewerkschaften, die die sozialen Bewegungen dieses Landes entscheidend pr\u00e4gen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/iran-hft-tph_335.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6846\" width=\"543\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/iran-hft-tph_335.jpg 335w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/iran-hft-tph_335-300x188.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 543px) 100vw, 543px\" \/><figcaption> <strong>&#8222;Wir werden aushalten bis zum letzten Atemzug. Die Diebe sind frei und die Arbeiter sind im Knast!&#8220; \u2013 Demo gegen die Verhaftung von Haft-Tapeh-Arbeitern. Foto:\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/iran-hrm.com\/index.php\/2019\/08\/15\/haft-tapeh-sugarcane-mill-workers-sentenced-to-lashes-for-continuing-protests\/\"><strong>HRM<\/strong><\/a> <\/figcaption><\/figure>\n<p><u>Stahlwerk Ahwaz<\/u><\/p>\n<p>Fast gleichzeitig mit dem Streik von Haft-Tapeh beschloss eine Vollversammlung der Belegschaft des Stahlwerks von Ahwaz (Provinzhauptstadt von Khuzestan) zum Streik aufzurufen. Die 4000 Besch\u00e4ftigten folgten dem Aufruf. Das Stahlwerk von Ahwaz ist Irans zweitgr\u00f6\u00dfte Industrieanlage ihrer Art. Seit 10\u00a0Jahren ist die Fabrik privatisiert und die Besch\u00e4ftigten leiden extrem unter deren Folgen. Binnen 10\u00a0Jahren haben die Besitzer dreimal gewechselt. Die ersten Herren \u2012 h\u00f6here Kommandeure der W\u00e4chterarmee (Pasdaran), die f\u00fcr den Schutz des Regimes zust\u00e4ndig ist \u2012 gaben nach verlustreichen Jahren, den Betrieb an ein Bankenkonsortium weiter und die Banken wiederum verkauften die Anlage kurze Zeit sp\u00e4ter an eine Privatperson. Von dieser Privatperson ist nur so viel bekannt, dass sie neben dem Stahlwerk zus\u00e4tzlich die iranische Fluglinie \u201eSagros\u201c sowie den Fu\u00dfball-Club von Khuzestan besitzt und Luxushotels auf der Insel Kish (zollfreie \u201eSonderwirtschaftszone\u201c) betreibt.<\/p>\n<p>Und die Lage der Besch\u00e4ftigten? W\u00e4hrend ihres Streiks, der auch mehrere Wochen dauerte, f\u00fchrten sie in ihren Streikkommuniqu\u00e9s u.a. folgende Punkte aus: \u201eImmer wieder werden die L\u00f6hne und Geh\u00e4lter der Betriebsangeh\u00f6rigen mehrere Monate lang nicht ausgezahlt, der \u201aArbeitgeber\u2018 vers\u00e4umt, rechtzeitig die f\u00fcr die Produktion notwendigen Rohstoffe und Materialien zu besorgen, so steht sehr oft ein Teil der Maschinen still, die Hygiene- und Sicherheitseinrichtungen sind in desolatem Zustand, sodass die Gefahr von Infektionen und Unf\u00e4llen sehr gro\u00df ist. Keiner k\u00fcmmert sich um unsere Renten- und Sozialversicherung und die L\u00f6hne sind so niedrig, dass wir angesichts der hohen Inflation nicht in der Lage sind, uns und unseren Familien ein menschenw\u00fcrdiges Leben zu erm\u00f6glichen. Deshalb streiken wir!\u201c Nach mehr als vier Wochen wurde der Streik vom Regime \u201ebeendet\u201c, indem es mehr als 40 Streikende \u2012 oft nachts in ihren Wohnungen und vor den Augen ihrer Familie \u2012 verhaftete. Viele der Festgenommen sind immer noch in Haft.<\/p>\n<p><u>Landesweite Bedeutung der Streiks<\/u><\/p>\n<p>Bei einem Blick auf den Zeitraum Dezember 2017 bis November 2019 w\u00e4re es nicht \u00fcbertrieben, zu behaupten, dass in dieser Zeit die kettenartig und kontinuierlich landesweit stattfindenden Arbeitsk\u00e4mpfe und sozialen Bewegungen in Form und Inhalt eine neue Qualit\u00e4t erreichten und die beiden Streiks von Haft-Tapeh und Ahwaz dabei objektiv die f\u00fchrende Rolle \u00fcbernommen haben. Die Streiks von der Zuckerfabrik Haft-Tapeh und der Metall-Fabrik Ahwaz fanden etwa zwischen Dezember 2018 und Januar 2019 statt und dauerten jeweils mehr als 40 Tage. Nach der gewaltsamen Beendigung der Streiks und den Schauprozessen gegen ihre f\u00fchrenden K\u00f6pfe kehrte f\u00fcr einige Monate (Fr\u00fchling\/Sommer 2019) unter erheblichem Druck eine gewisse Ruhe ein.<\/p>\n<p>Doch im Herbst 2019 brachen landesweite Unruhen aus. Im November 2019 standen f\u00fcr fast zwei Wochen nicht nur in den Zentren des Landes, sondern in den entlegenen l\u00e4ndlichen Gebieten zehntausende Menschen auf der Stra\u00dfe und forderten das Regime existentiell heraus. Von einigen Analyst*innen wurden die November-Unruhen zurecht als \u201eAufstand der Hungernden\u201c bezeichnet. Denn in dem eigentlich reichen Land Iran leben von dem 80 Millionen z\u00e4hlenden Volk laut offiziellen Statistiken zwischen 50 und 60 Millionen \u2012 Arbeiter*innen, Lehrer*innen, Rentner*innen, Krankenschwestern\/Pfleger*innen \u2012 unter dem Existenzminimum.<\/p>\n<p>Zur Vervollst\u00e4ndigung der aktuellen Lage der iranischen Gewerkschaftsbewegung ist es hier erforderlich, den Namen und die Bedeutung einer Einzelgewerkschaft kurz zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n<p><u>Vahed<\/u><\/p>\n<p>\u201eDie Gewerkschaft der Besch\u00e4ftigten der Verkehrsbetriebe von Teheran und Umgebung\u201c (Vahed) wurde im Jahre 1968 gegr\u00fcndet und ist somit eine der \u00e4ltesten Gewerkschaften Irans seit 1945. Im Jahr 1979 wurde sie aufgrund ihrer Ersetzung durch den vom islamischen Regime geschaffenen \u201eislamischen Arbeitsrat\u201c praktisch aufgel\u00f6st. Erst 2005 wurde sie \u2012 den Einmischungs- und Einsch\u00fcchterungsversuchen des Regimes zum Trotz! \u2012 von den Aktivist*innen neu gegr\u00fcndet. Sie ist Mitglied der \u201eInternationalen Transport Workers Federation \u2012 ITF). Die Vahed-Gewerkschaft besitzt eine eigene Internet-Seite. Des Weiteren gibt sie eine Monatszeitschrift mit dem Namen Peyk (Bote) heraus. Die Zeitschrift berichtet \u00fcber die Gewerkschaftsaktivit\u00e4ten und kl\u00e4rt die besch\u00e4ftigten und die arbeitslosen Kolleg*innen \u00fcber ihre Rechte auf. Sie finanziert sich durch Beitr\u00e4ge ihrer 2000 Mitglieder. Die bekanntesten Vahed-Mitglieder sind Ebrahim Madadi, Reza Shahabi und Davood Razavi. Der Kollege Ebrahim Madadi sitzt erneut im Gef\u00e4ngnis und b\u00fc\u00dft eine f\u00fcnfj\u00e4hrige Haftstrafe ab, und dem Kollegen Davood Razavi drohen ebenso hohe Gef\u00e4ngnisstrafen, er ist noch \u201efrei\u201c und wartet auf den neuen Gerichtstermin. Kollege Reza Shahabi hat lange Gef\u00e4ngnisjahre hinter sich und steht unter st\u00e4ndigem Druck der Sicherheitsorgane.<\/p>\n<p><strong>\u2026 und der landesweite zivile Ungehorsam<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte der gewerkschaftlichen Strukturen von Haft-Tapeh geht auf das Jahr 1974 zur\u00fcck, nach deren Ersetzung (1979) durch den \u201eislamischen Arbeitsrat\u201c waren sie \u00fcber 30 Jahre praktisch nicht existent. 2007 versuchte die Betriebsbelegschaft die Neugr\u00fcndung, was vom Regime untersagt wurde, f\u00fcnf Gewerkschaftsaktivisten u.a. Ali Nejati wurden zu Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt, ihnen wurde au\u00dferdem f\u00fcr drei Jahre jegliche gewerkschaftliche T\u00e4tigkeit verboten. Nur ein Jahr sp\u00e4ter f\u00fchrte die Belegschaft eine offene Abstimmung \u00fcber das Schicksal ihrer Gewerkschaft durch, eine Mehrheit von 78\u00a0% der Kolleg*innen stimmte f\u00fcr die Gr\u00fcndung ihrer Gewerkschaft. In den letzten 10 Jahren machte sie durch Proteste und Streiks \u2012 gegen Entlassungen das Ausbleiben der L\u00f6hne und Blanco-Einstellungen der Kolleg*innen (d.\u00a0h. ohne Vertrag und bei Bezahlung unter Tarif!) \u2012 immer wieder auf sich aufmerksam.<\/p>\n<p>Aber erst bei den K\u00e4mpfen in der Zeit vom Herbst 2017 bis Ende 2018 erwiesen sich Haft-Tapeh und Ahwaz als Epizentren des sozialen Bebens, das landesweite Auswirkungen hatte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend dieser Monate fanden in mehr als 100 St\u00e4dten Protestaktionen statt, die alle die Misswirtschaft, die Korruption, die Finanzkriminalit\u00e4t auf den h\u00f6chsten Etagen des Regimes auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Arbeitslosigkeit, die Teuerung und die um sich greifende Armut zum Thema hatten.<\/p>\n<p><strong>Die wichtigsten Protestaktionen dieser Zeit<\/strong><\/p>\n<p>Im Sommer 2018 protestierte in mehreren Wellen die Bauernschaft in Zentraliran (Gro\u00dfraum Isfahan) gegen Wasserklau und mutwillige Zerst\u00f6rung der Wasserreservoirs. Im Rahmen einer spekulativen \u201eBebauungs- und Modernisierungsma\u00dfnahme\u201c lie\u00df das Regime in einem Zeitraum von ca. 20 Jahren im sowieso wasserarmen Land \u00fcber 30 kostspielige Staud\u00e4mme errichten. Dies f\u00fchrte zur Austrocknung von mehreren Fl\u00fcssen und Seen \u2013 und somit zum Ruin von tausenden kleinb\u00e4uerlichen Betrieben.<\/p>\n<p>In landesweiten Protestaktionen wie Stra\u00dfenblockaden und gut organisierten Arbeitsniederlegungen brachten die LKW-Fahrer*innen 2018 mehrmals ihre tiefe Unzufriedenheit zum Ausdruck. Ihre Sprecher*innen erkl\u00e4rten den Grund ihrer Proteste u.\u00a0a. so: Die Verkehrspolizei sei korrupt, benehme sich wie Wegelagerer und kassiere beliebig hohe Geb\u00fchren und Strafen. Die Besorgung von Ersatzteilen f\u00fcr ihre Fahrzeuge zum regul\u00e4ren, offiziell festgelegten Preis sei ein M\u00e4rchen und in Wirklichkeit nicht m\u00f6glich. \u201eF\u00fcr einen Reifen auf dem von privaten Importeuren belieferten Schwarzmarkt m\u00fcssten wir unser ganzes Jahreseinkommen hinbl\u00e4ttern. Dieser Zustand ist nicht l\u00e4nger auszuhalten.\u201c<\/p>\n<p><strong>Lehrer*innen im Streik<\/strong><\/p>\n<p>Die f\u00fcr die Verh\u00e4ltnisse in einem diktatorischen Land gut vernetzte und vom Regime unabh\u00e4ngige \u201eBerufsgenossenschaft\/Vereinigung\u201c der iranischen Lehrer*innen organisierte im vergangenen Jahr mehr als ein Dutzend Mal Streiks, Protestversammlungen und Demonstrationen vor dem Regierungssitz in der Provinz und in der Hauptstadt, ihre Aktionen stie\u00dfen bei den meisten Sch\u00fcler*innen auf Verst\u00e4ndnis und wurden von ihnen tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzt. Ihre berufsbezogenen Forderungen in Kurzform: \u201eDie ausgebliebenen Geh\u00e4lter sollen endlich gezahlt werden. Die Schulen und das Lernmaterial sind in miserablem Zustand. Keine Privatisierung des iranischen Schulwesens!\u201c Und die wichtigsten Parolen der Lehrer*innen bei ihren Streiks und Demonstrationen: 1.) Der Platz des Lehrers ist nicht im Gef\u00e4ngnis! 2.) Bildung ist keine Ware! 3.) Schulbildung f\u00fcr alle Kinder Irans!<\/p>\n<p>Mitte M\u00e4rz 2019 \u2012 kurz vor dem Beginn des iranischen Neujahrs (21.\u00a0M\u00e4rz) \u2012 rief die Lehrergewerkschaft zum dreit\u00e4gigen landesweiten Streik auf, der Streik fand auch in den entlegenen Gegenden des Landes statt und ging mit der Erkl\u00e4rung zu Ende: \u201eUnsere Forderungen sind berechtigt, im Interesse der iranischen Jugend und machbar. Wir erwarten, dass die Verantwortlichen darauf eingehen, sonst ist es unser Recht und unsere Pflicht, die iranische Gesellschaft auf die Misere erneut aufmerksam zu machen.\u201c<\/p>\n<p><strong>Frauen und Jugend<\/strong><\/p>\n<p>Auch die iranischen Frauen und die iranische Jugend (Sch\u00fcler*innen und Studierende) gingen im vergangenen Jahr mehrmals auf die Stra\u00dfe und das medizinische Personal protestierte mit Blockaden der Krankenhauseing\u00e4nge und Warnstreiks a) gegen die gnadenlose Ausbeutung des Krankenhauspersonals und b) gegen die Vermarktung des medizinischen Versorgungssystems. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, zum einen auf die sozio-\u00f6konomisch prek\u00e4re Lage der iranischen Frauen und zum anderen auf ihre politisch hervorragende Rolle hinzuweisen, die sie bei den sozialen K\u00e4mpfen spielen.<\/p>\n<p>In den wichtigsten dienstleistenden Berufszweigen wie Lehrer*innen und Pfleger*innen sind sie mit einer enorm hohen Zahl pr\u00e4sent und dank ihrer guten Ausbildung in entscheidenden Positionen dieser Berufe t\u00e4tig. Dementsprechend sind sie an allen K\u00e4mpfen und Streiks f\u00fchrend beteiligt Au\u00dferdem sind sie als Frauen in dem System der islamischen Republik zus\u00e4tzlichen Benachteiligungen ausgesetzt. Nach der \u201eislamischen Rechtsprechung\u201c sind sie in der Familie als Tochter dem Willen des Vaters und als Ehefrau dem des Ehemannes untergeordnet. Sie erben halb so viel wie ihre m\u00e4nnlichen Geschwister und vor Gericht ist ihre Stimme halb so viel Wert wie die eines Mannes. Und in der \u00d6ffentlichkeit haben sie strenge Kleidungsvorschriften zu befolgen.<\/p>\n<p>Seit dem Bestehen der islamischen Republik f\u00fchren die iranischen Frauen einen unerm\u00fcdlichen Kampf gegen die ungerechten und frauenfeindlichen Bestimmungen \u2012 sie gehen gro\u00dfe Risiken ein und zahlen daf\u00fcr einen hohen Preis. Gerade in den letzten Monaten bereicherten phantasievolle Aktionen der iranischen Frauen die laufenden Massenproteste. Besonders in den Sommermonaten (2019) stellten sich junge Frauen immer wieder an den Verkehrsknotenpunkten der Gro\u00dfst\u00e4dte auf provisorisch hingestellte Podeste, nahmen ihr Kopftuch als Zeichen ihres Protestes ab, befestigten es an einem St\u00fcck Holz und schwenkten es wie eine Fahne hin und her. Sie harrten solange aus, bis weibliche und m\u00e4nnliche \u201eSittenw\u00e4chter\u201c auftauchten, sie verhafteten und ins Gef\u00e4ngnis steckten. Viele von ihnen sitzen noch im Gef\u00e4ngnis oder warten auf ihren Prozess. Diese jungen Frauen genie\u00dfen in der iranischen Gesellschaft viel Sympathie und Respekt und werden liebevoll als \u201eT\u00f6chter der Revolution\u201c bezeichnet.<\/p>\n<p><strong>Die Lehren von Haft-Tapeh und Ahwaz<\/strong><\/p>\n<p>Gerade im Herbst und Winter 2018\/2019, als die unruhige Zeit ihren H\u00f6hepunkt erreichte, konnten die Rufe und Parolen der Streikenden von Haft-Tapeh und Ahwaz auch \u00fcber die Werkstore hinaus auf die Stra\u00dfen getragen werden. F\u00fcr mehrere Wochen hielten die Streikenden t\u00e4glich erst eine Vollversammlung vor dem Betriebsgel\u00e4nde ab, zogen dann durch die Stra\u00dfen der Stadt und erkl\u00e4rten der Bev\u00f6lkerung laut und deutlich die Gr\u00fcnde ihrer Streiks und was sie forderten. Ihren Erkl\u00e4rungen, die nach und nach im ganzen Land in aller Munde waren, konnten u.\u00a0a. Folgendes entnommen werden: die Privatisierung ihrer Betriebe widerspreche sogar den von der Regierung selbst festgelegten Normen und Vorschriften, seien deshalb illegal und m\u00fcssten r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Die \u201eneuen Besitzer\u201c seien S\u00f6hne der Herren von ganz oben, sie seien unqualifiziert und unf\u00e4hig und nur mit dem Stehlen des Betriebseigentums besch\u00e4ftigt. Au\u00dferdem seien staatliche Einrichtungen Volkseigentum, also m\u00fcsse das Volk mitentscheiden, was damit geschehe. Diese Taktik der Streikleitung erwies sich als wirkungsvoll. Immer mehr Menschen aus der Stadtbev\u00f6lkerung marschierten mit den Streikenden, ihre Forderungen verbreiteten sich rasch und stie\u00dfen in der Provinz Khuzestan und bald im ganzen Land auf offene Ohren.<\/p>\n<p>Das Dramatische in der iranischen Gesellschaft ist, dass nicht nur die Arbeiterinnen und Arbeiter unter wirtschaftlicher Not und politischem Druck leiden, dass nicht nur die Jugend und die Frauen immer wieder wegen Chancenlosigkeit und der in der Verfassung verankerten Benachteiligung ihren Unmut und Zorn zum Ausdruck bringen. Die iranischen Rentner*innen und Pension\u00e4r*innen stellen inzwischen einen beachtlichen Teil des Unzufriedenheitspotentials des Landes dar. Weil sie im \u201eVersorgungssystem\u201c des Regimes besonders vernachl\u00e4ssigt werden, haben sie l\u00e4ngst ihre eigenen, vom Regime unabh\u00e4ngigen Verb\u00e4nde und Vereinigungen gegr\u00fcndet, gehen notgedrungen \u00f6fter, als ihnen lieb ist, auf die Stra\u00dfe und werfen den staatlichen Organen, Ineffizienz, Korruption und Vetternwirtschaft vor. Auf ihren Plakaten machen sie das mit solchen oder \u00e4hnlichen Parolen deutlich: Nach mehr als 30-40j\u00e4hrigem Berufsleben ist es menschenunw\u00fcrdig unter dem Existenzminimum zu leben. Die bescheidenen Renten und Pensionen werden meist Monate zur\u00fcckgehalten und nicht ausgezahlt.<\/p>\n<p><u>\u00dcberbetriebliche Unterst\u00fctzung<\/u><\/p>\n<p>So bildete sich w\u00e4hrend der Streikwochen eine breite Unterst\u00fctzungsfront heraus und agierte landesweit: Junge, Alte, Frauen, Besch\u00e4ftigte, Erwerbslose, Anw\u00e4lt*innen, Hochschuldozent*innen (bei den beiden letztgenannten Berufsgruppen oft mit Namen und Unterschrift!). Die Anw\u00e4lt*innen erkl\u00e4rten offen, dass die Streikforderungen berechtigt seien, Hochschuldozent*innen ver\u00f6ffentlichten Analysen und Argumente daf\u00fcr, dass die \u00dcbergabeverfahren nicht im Sinne der Firmensanierung sind, nicht der St\u00e4rkung der Wirtschaftskraft dienen und nicht im Interesse der dort Besch\u00e4ftigen geplant und durchgef\u00fchrt werden, sondern in erster Linie der unproduktiven Art der Gewinnsteigerung der Elite dienen.<\/p>\n<p>Wie so oft in den letzten 40\u00a0Jahren seiner Herrschaft ignorierte das islamische Regime alle Kritik und Warnrufe und reagierte mit massiver Repression, die in eine Welle von Verhaftungen der Streikaktivist*innen und ihrer Unterst\u00fctzer*innen m\u00fcndete.<\/p>\n<p>In Haft-Tapeh wurden mehr als 20 Kolleg*innen verhaftet, einige wurden freigelassen, einige sind noch in Haft, hier als Beispiel drei Namen: Esmail Bakhshi, der Sprecher und die f\u00fchrende Pers\u00f6nlichkeit des Streiks, wird weiter gefangen gehalten, Ali Nejati, Gr\u00fcndungsmitglied der Haft-Tapeh-Gewerkschaft, seit Jahren mit schwerem Herzleiden in Rente, wurde verhaftet, ist immer noch in Haft und bekommt keine medizinische Versorgung, Sepideh Gholyan, Studentin, war w\u00e4hrend des Streiks in Haft-Tapeh, berichtete dort als Journalistin \u00fcber den Streik, wurde nachts zuhause \u00fcberfallen, vor den Augen ihrer Familie misshandelt und verschleppt und sitzt immer noch im Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Beim Stahlwerk Ahwaz sind von den verhafteten Kollegen immer noch viele im Gef\u00e4ngnis, einige der Streikenden wurden fristlos entlassen und bekamen f\u00fcr mehrere Jahre Einstellungs- und Berufsverbot.<\/p>\n<p><strong>Fortgesetzte Repression<\/strong><\/p>\n<p>Nach der gewaltsamen Beendigung des Streiks und \u201eBefriedung\u201c der Betriebe wird nun landesweit Jagd auf Menschen gemacht, die sich der Unterst\u00fctzung des Streiks verd\u00e4chtig gemacht haben. Zum Beispiel Elnaz Alayari und Amir Hossein Mohammadi sowie Amir Amirgholi wurden als Mitglieder der Redaktion der Zeitschrift\u00a0<em>G\u00e2m<\/em>\u00a0(Schritt) verhaftet, und sitzen immer noch im Gef\u00e4ngnis, weil sie \u00fcber die Streiks von Haft-Tapeh und Ahwaz berichtet haben.<\/p>\n<p>Neben den wegen der aktuellen Streikbewegung im Gef\u00e4ngnis sitzenden Kolleg*innen befinden sich Hunderte weitere iranische Arbeiter*innen, Lehrer*innen, Studierende, Frauen-, Umwelt- und Menschenrechtsaktivist*innen in Haft- (Siehe Amnesty-Bericht 2018).<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.inprekorr.de\/578-iran-gew.htm\"><em>inprekorr.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. Januar 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ali Behrokhi. Im Normalfall ist f\u00fcr die b\u00fcrgerlichen Medien der Iran nur im Zusammenhang mit dem Atomdeal von Interesse (schlie\u00dflich geht es hier um betr\u00e4chtliche Gesch\u00e4fte gerade auch f\u00fcr das deutsche Kapital). 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