{"id":6893,"date":"2020-01-21T18:24:59","date_gmt":"2020-01-21T16:24:59","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6893"},"modified":"2020-01-21T18:25:01","modified_gmt":"2020-01-21T16:25:01","slug":"frauen-und-wilde-streiks-im-europa-der-nachkriegszeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6893","title":{"rendered":"Frauen und wilde Streiks im Europa der Nachkriegszeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Jan De Graaf.<\/em> \u00a0Wie vielfach festgestellt wurde, haben Frauen eine bedeutende Rolle in der Welle wilder Streiks gespielt, die Europa nach dem Zweiten Weltkrieg erfasste. Historikerinnen und Historiker haben gezeigt, dass Frauen, die vor und w\u00e4hrend<!--more--> des Krieges in gro\u00dfen Zahlen in die Industrie gelangt waren, sich nicht nur an den Streiks \u201emassiv beteiligten\u201c, sondern auch die treibende Kraft hinter den Streiks in den von M\u00e4nnern dominierten Industrien waren. Angesichts der katastrophalen materiellen Bedingungen, die in den ersten Jahren nach dem Krieg herrschten, ermutigten sie ihre M\u00e4nner, in den Streik zu treten, oder bildeten gar Streikposten, um \u201aarbeitswillige\u2018 M\u00e4nner von der Arbeitsaufnahme abzuhalten. Mehr noch: auf den Protestversammlungen und Hungerdemonstrationen, welche die Streiks begleiteten, \u00fcbernahmen sie h\u00e4ufig die F\u00fchrung.<\/p>\n<p>Indes wurde die Beteiligung von Frauen an den Streikwellen der Nachkriegszeit bisher kaum tiefgehender analysiert. Historiker und Historikerinnen begn\u00fcgen sich meist damit zu argumentieren, dass Frauen, denen die Haushaltsf\u00fchrung oblag, besonders schwer von dem gravierenden Mangel an Lebensmitteln, Kohle und Kleidung betroff\u00aden waren. Sie h\u00e4tten die Streiks als Mittel genutzt, um sich Geh\u00f6r zu verschaff\u00aden. Die einzigen Untersuchungen, die sich mit dem Anteil von Frauen an diesen Streiks und ihrer geschlechterspezifischen Qualit\u00e4t eingehender befassen, behandeln das kommunistische Osteuropa. In seiner ber\u00fchmten Arbeit \u00fcber den Wiederaufbau Polens legte Padraic Kenney die zahlreichen Schwierigkeiten off\u00aden, welche die (mehrheitlich m\u00e4nnlichen) Gewerkschafter dabei hatten, mit den von Frauen gef\u00fchrten Streiks in der Textilindustrie von \u0141\u00f3d\u017c zurechtzukommen. Das beruhte darauf, dass die Auseinandersetzungen zumeist spontan, f\u00fchrerlos und ohne konkrete Forderungen ausbrachen. Auf seiner Forschung aufbauend zeigt Ma\u0142gorzata Fidelis, wie Textilarbeiterinnen in \u017byrard\u00f3w \u201atraditionelle Geschlechtervorstellungen\u2018 dazu nutzten, um den l\u00e4ngsten Streik im stalinistischen Polen auszutragen. W\u00e4hrend des Streiks wurde eine schwangere Textilarbeiterin, die der Werkschutz nicht anr\u00fchren w\u00fcrde, dazu eingesetzt, die T\u00fcr zur Spinnerei zu bewachen. Indessen dienten die Damentoiletten als improvisiertes Hauptquartier der Streikenden, da die Fabrikdirektoren diese nicht betreten konnten, um die R\u00e4delsf\u00fchrerinnen des Streiks auszumachen. Allgemeiner gesprochen, er\u00f6\u00adffnete die doppelte Rolle der Frauen als M\u00fctter und Versorgerinnen der Familie ihnen einen gr\u00f6\u00dferen Spielraum, um gegen die materiellen H\u00e4rten der Nachkriegsjahre und die Anforderungen, die die kommunistischen Staaten an die Arbeiterklasse stellten, zu protestieren. Im Textilsektor von \u00dajpest beispielsweise initiierten die Textilarbeiterinnen im Februar 1947 eine Reihe von wilden Streiks gegen die Verpflichtung zu Nachtschichten an Samstagen. Dabei beriefen sie sich darauf, dass diese sie davon abhalten w\u00fcrden, die Sonntage mit ihren Familien zu verbringen.<\/p>\n<p>All diese Untersuchungen haben gemeinsam, dass sie sich mit Streiks in Textilunternehmen auseinandersetzen. Es gibt eine lange Tradition unter Historikern und Historikerinnen, die \u00dcberschneidungen von Geschlecht und Klasse anhand der Leichtindustrien zu untersuchen, in denen die meisten Frauen besch\u00e4ftigt waren. Sie geht bis auf die Pionierarbeit von Michelle Perrot \u00fcber Streiks im Frankreich des 19. Jahrhunderts zur\u00fcck. Dieser Beitrag verfolgt einen anderen Ansatz. Er erforscht die Beteiligung von Frauen an wilden Streiks in einigen der traditionellen Hochburgen der Arbeiterbewegung, in denen Kohle, Metall und Stahl das Feld beherrschten. W\u00e4hrend die Historiographie dazu tendiert, die Rolle von Frauen bei Streiks in diesen Sektoren auf ein \u201eUnterst\u00fctzungssystem f\u00fcr streikende M\u00e4nner\u201c zu reduzieren, stellt sich die Situation f\u00fcr die Nachkriegs\u00e4ra mindestens aus zwei Gr\u00fcnden in einem anderen Licht dar. Zun\u00e4chst hatten der Krieg und der wirtschaftliche Aufschwung, der mit ihm einherging, nicht nur bewirkt, dass Frauen scharenweise in die Industrie str\u00f6mten. Er hatte auch zu einer merklichen Verschiebung bei der Besch\u00e4ftigung von Frauen gef\u00fchrt: weg von den Konsumg\u00fcter produzierenden Leichtindustrien hin zu den Produktionsmittel produzierenden Schwerindustrien. Zweitens machten die hohen Opferzahlen und die Abwesenheit der M\u00e4nner die Mammutaufgabe, den verw\u00fcsteten Kontinent wieder aufzubauen, und die ambitionierten Industrialisierungsprogramme (insbesondere im kommunistischen Osteuropa) die Arbeit von Frauen in der Schwerindustrie auch in den ersten Nachkriegsjahren unentbehrlich. Deshalb soll hier gezeigt werden, dass wilde Streiks in diesen einstigen M\u00e4nnerbastionen gleichwohl geschlechterspezifische Angelegenheiten waren.<\/p>\n<p>Um dies zu belegen, nimmt dieser Beitrag die Beteiligung von Frauen an wilden Streiks in vier Industrieregionen in Ost- und Westeuropa in den Fokus: das Industriedreieck Mailand, Turin und Genua in Norditalien, das \u201est\u00e4hlerne Herz\u201c der Tschechoslowakei um die Gro\u00dfstadt Ostrava, das oberschlesische Kohlerevier um Katowice in Polen und das Ruhrgebiet in (West-)Deutschland. Der erste Teil ist den konkreten wilden Streiks und Protestaktionen gewidmet, die von Frauen initiiert oder dominiert wurden. Der Fokus liegt auf dem geschlechtsspezifischen Charakter dieser Ereignisse sowie den oft erfolglosen Versuchen der Gewerkschaften, die Aktionen zu beenden. Der zweite Teil wendet sich den Ursachen zu, die f\u00fcr den tiefen Graben zwischen Gewerkschaftsf\u00fchrungen und Arbeiterinnen verantwortlich waren. Er setzt sich mit der Diskriminierung von Frauen auf den unteren Ebenen der Gewerkschaftsorganisationen auseinander, der Nachrangigkeit von Fraueninteressen in von den Gewerkschaften gef\u00fchrten Verhandlungen und der absch\u00e4tzigen Haltung der Gewerkschafter gegen\u00fcber den Anliegen der Frauen. Damit beleuchtet der Artikel auf neue Weise die vielen Probleme, mit denen Arbeiterbewegung und Linke allgemein in der Nachkriegszeit konfrontiert waren, Frauen f\u00fcr ihre Sache zu gewinnen.<\/p>\n<p><strong>Ganzen Aufsatz lesen: <a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Arbeit-Bewegung-Geschichte-2019_3_Jan-De-Graaf.pdf\">Arbeit, Bewegung, Geschichte 2019_3_Jan-De-Graaf<\/a><\/strong><\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.arbeit-bewegung-geschichte.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/ABG2019_3_Jan-De-Graaf.pdf%20vom%2021\">https:\/\/www.arbeit-bewegung-geschichte.de\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/ABG2019_3_Jan-De-Graaf.pdf vom 21<\/a>. Januar 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan De Graaf. \u00a0Wie vielfach festgestellt wurde, haben Frauen eine bedeutende Rolle in der Welle wilder Streiks gespielt, die Europa nach dem Zweiten Weltkrieg erfasste. 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