{"id":6898,"date":"2020-01-22T09:49:46","date_gmt":"2020-01-22T07:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6898"},"modified":"2020-01-22T09:50:20","modified_gmt":"2020-01-22T07:50:20","slug":"anasse-kazib-eisenbahner-und-gewerkschafter-bei-sud-rail-marxist-und-kolumnist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6898","title":{"rendered":"Anasse Kazib, Eisenbahner und Gewerkschafter, Marxist und Kolumnist"},"content":{"rendered":"<p>[DOSSIER ZU STREIKS IN FRANKREICH] <strong>Hier ist die deutsche \u00dcbersetzung des vollst\u00e4ndigen Interviews, das Lynda Zerouk in der auf Medienkritik spezialisierten Publikation&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.arretsurimages.net\/articles\/anasse-kazib-une-grande-gueule-made-in-sncf\">Arr\u00eat sur Images<\/a>&nbsp;mit Anasse Kazib gef\u00fchrt hat. Dort beschreibt dieser seine pers\u00f6nliche Geschichte und Militanz<!--more-->, kritisiert die franz\u00f6sische Medienlandschaft und erz\u00e4hlt von seiner Intervention in den Medien und den Kontroversen, die er ausgel\u00f6st hat.<\/strong><\/p>\n<p>Anasse Kazib, Eisenbahner und Gewerkschafter bei SUD Rail, Marxist und Kolumnist im Programm&nbsp;<em>Grandes Gueules<\/em>&nbsp;[\u201eGro\u00dfm\u00e4uler\u201c] tritt immer h\u00e4ufiger auf, sowohl bei den Streikposten als auch im Fernsehen. Er ist ein wortgewandter und ungefilterter Debattierer, der CNews und France Inter kritisiert, aber erkl\u00e4rt, dass \u201eman die Medienlandschaft nicht verlassen\u201c d\u00fcrfe, damit die Eliten nicht nur untereinander reden.<\/p>\n<p>Vom Megafon zum Mikrofon ist es nur ein Schritt. Zumindest k\u00f6nnte man das beim Anblick des Werdegangs von Anasse Kazib annehmen. Der 32-j\u00e4hrige Eisenbahner wurde von einem sehr aktiven Gewerkschafter bei SUD Rail zu einem regelm\u00e4\u00dfigen Gast in Fernsehtalkshows. Mehrmals bei&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=nsoHufIcoxY\"><strong>LCI&nbsp;<\/strong><\/a>und&nbsp;<a href=\"https:\/\/planetes360.fr\/clash-le-cheminot-anasse-kazib-quitte-le-plateau-de-cnews-face-a-fadila-mehal-lrem-qui-le-traite-de-terroriste\/\"><strong>CNews<\/strong><\/a>, einmal bei&nbsp;<a href=\"https:\/\/twitter.com\/balancetonpost\/status\/1202687914343354378\"><strong>Balance Ton Post,<\/strong><\/a>&nbsp;einmal bei<strong>&nbsp;<\/strong><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/watch\/?v=762899684121831\"><strong>RT<\/strong><\/a>\u2026, aber vor allem bei RMC h\u00f6ren die Zuschauer seine Beitr\u00e4ge zu den verschiedensten Themen, von der Eisenbahn- oder Rentenreform bis hin zu einer Kontroverse \u00fcber das Kopftuch, Muslime, das CICE (ein Steuerverg\u00fcnstigungsgesetz f\u00fcr Unternehmen, Ad\u00dc.) oder das Klima. Jedoch war er noch nicht jener prominenter Kolumnist bei&nbsp;<em>Les Grandes Gueules (GG)<\/em>&nbsp;von RMC, als [die Kulturzeitschrift]&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lesinrocks.com\/2018\/06\/19\/actualite\/actualite\/anasse-kezib-portrait-dun-greviste-incontrole\/\"><strong>Les Inrocks<\/strong><\/a>&nbsp;im April 2018 das Portr\u00e4t des \u201eEisenbahners und Aktivisten der SUD Rail und der NPA\u201c ver\u00f6ffentlichte und ihn als&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.lesinrocks.com\/2018\/06\/19\/actualite\/actualite\/anasse-kezib-portrait-dun-greviste-incontrole\/\"><strong>\u201eroter als rot\u201c skizzierte<\/strong><\/a>. Damals war der Familienvater, Stellwerksw\u00e4rter bei der SNCF Paris-Nord, wie sein Vater und auch heute noch seine Frau und seine eigene Schwester, f\u00fcr seine Rolle als \u201eSt\u00fctze des Streiks\u201c im Bahnhof Gare du Nord gegen die Reform, die die SNCF f\u00fcr den Wettbewerb \u00f6ffnen sollte, bekannt.<\/p>\n<p><strong>\u201eProletarier, Bourgeoisie, Klassenkampf\u2026\u201c schleichen sich in die Debatte ein<\/strong><\/p>\n<p>Einen Monat nach dieser Ver\u00f6ffentlichung, im Mai 2018, machte er seinen ersten Auftritt in der Show&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DRE6cLX3wlA\"><strong>Grandes Gueules<\/strong><\/a>. Mitten in der Kontroverse nach den \u00c4u\u00dferungen des Abgeordneten von Les R\u00e9publicains [Mitterechts, Ad\u00dc.] Jean-Luc Reitzer, der sich nicht ausreichend bezahlt f\u00fchlte, warf Anasse Kazib dem Kolumnisten Charles Consigny vor: \u201eF\u00fcr jemanden, der die Eisenbahnarbeiter nach der Arbeit beobachtet, finde ich Sie sehr gef\u00e4llig gegen\u00fcber den Parlamentariern\u201c. Sein gesamter Beitrag, obwohl er noch ein Neuling in der Debatte war, brachte ihm das Lob des Produzenten der Show und der beiden Moderatoren Alain Marshall und Olivier Truchot ein, wie Anasse&nbsp;<em>Arr\u00eat sur Images<\/em>&nbsp;anvertraute. Das markierte den Beginn einer Zusammenarbeit als Kolumnist, dreimal im Monat abwechselnd mit seinem Job als Eisenbahner und der Stra\u00dfe, die er nicht verl\u00e4sst, in der Hitze der Konjunktur und aktueller Ereignisse, was auch zu weiterer Medienresonanz (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Px91oxCnfoQ&amp;list=ULvbGxvpAjDik&amp;index=314\"><strong>hier<\/strong><\/a>,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fLwojWaAUGQ\"><strong>hier<\/strong><\/a>&nbsp;und&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=AfNXzO4zaJ0\"><strong>hier<\/strong><\/a>&nbsp;u.a.) f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Es ist dieser Kolumnist und Aktivist, der \u201eschnell wie ein Maschinengewehr\u201c und mit \u201cs\u00e4ttigender Stimme\u201d spricht, der die Gunst eines lobenden Portr\u00e4ts in&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.laizquierdadiario.com\/Anasse-Kazib-quien-es-el-ferroviario-que-discute-contra-Macron-en-la-TV-francesa\"><strong>Le Parisien<\/strong><\/a>&nbsp;am 3. Januar 2019 bekam, in dem er mit den Aspekten hervorgehoben wurde, die er in den Vordergrund stellen wollte: denen des \u201erevolution\u00e4r-marxistischen\u201c K\u00e4mpfers, der \u201edas Elend\u201c und \u201edas Schicksal der zuk\u00fcnftigen Generationen\u201c in den Mittelpunkt der Debatten stellt, wobei er auch von der \u201eRadikalit\u00e4t\u201c sprach, die ihm an den Gelben Westen gefiel, und im Vorbeigehen an seine Freundschaft mit einem der Anf\u00fchrer der Bewegung, J\u00e9r\u00f4me Rodriguez, erinnerte. Seine Fernsehinterventionen greifen bereitwillig auf ein marxistisches Vokabular zur\u00fcck, das fast aus dem Radio und Fernsehen verschwunden ist: \u201c<a href=\"https:\/\/rmc.bfmtv.com\/mediaplayer\/video\/emmanuel-macron-fait-du-mepris-de-classe-anasse-kazib-s-offusque-1102102.html\"><strong>Klassenkampf\u201d,<\/strong><\/a>&nbsp;\u201cProletarier\u201d,<strong>&nbsp;<\/strong><a href=\"https:\/\/rmc.bfmtv.com\/mediaplayer\/video\/anasse-kazib-les-proletaires-qui-bataillent-pour-aller-travailler-ca-me-met-la-haine-1207805.html\"><strong>\u201cBourgeoisie\u201d<\/strong><\/a>&nbsp;usw.<\/p>\n<p><strong>\u201cVerbaler Terrorismus\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Portr\u00e4t hier kommt einige Tage nach einer heftigen Debatte zwischen Anasse Kazib und der LREM-Abgeordneten Fadila Mehal [LREM, La R\u00e9publique en Marche, ist die Partei von Pr\u00e4sident Macron, A.d.\u00dc.]. Am 29. Dezember unterbrach Anasse Kazib, der zu einer Diskussion \u00fcber die Rentenreform auf CNews eingeladen war, die gew\u00e4hlte Abgeordnete mit der Bemerkung, dass sie \u201efalsche\u201c Angaben zu den [Renten]Beitr\u00e4gen mache. Er unterbrach sie dann noch einmal und die gew\u00e4hlte Vertreterin antwortete, dass \u201ees sich um verbalen Terrorismus handelt\u201d. Kazib verlie\u00df daraufhin das Set.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/fr-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6899\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/fr-4.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/fr-4-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/fr-4-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p>Das Video wird viral und das Wortgefecht wird von einigen Medien wie RT, Sputnik, Le Parisien aufgegriffen. Kazib kam auf diesen Vorfall in einem langen Thread und zwei Videos auf Twitter zur\u00fcck. \u201eIch sage zwei Worte, CICE, ISF\u2026, und dann muss ich vier Leuten gleichzeitig antworten, sie wollen, dass du deinen Mund h\u00e4ltst, ein Arbeiter sollte nur \u00fcber Merguez und Streikkassen reden; Politik ist f\u00fcr die Enarchen [wie die Abg\u00e4nger der \u00c9cole nationale d\u2019administration (ENA) genannt werden, wo traditionell die Elite der franz\u00f6sischen Verwaltungsbeamten ausgebildet wird, Ad\u00dc.]\u201c, schrieb er, dabei f\u00fcgte er hinzu, er sei Mehal nicht ins Wort gefallen. Er beschuldigt auch Dominique de Montvalon, einen Kolumnist am Set und ehemaligen Redakteur von Le Journal De Dimanche (JDD) wegen seiner \u201eKlassenverachtung\u201c (siehe Video unten).<\/p>\n<p>\u201eMich des verbalen Terrorismus zu beschuldigen ist sehr ernst, aber alle (Medien) haben sich auf diesen Angriff konzentriert, obwohl Fadila Mehal mir kurz zuvor noch Schlimmeres gesagt hatte\u201c, sagte Kazib gegen\u00fcber&nbsp;<em>ASI (Arr\u00eat sur Images)<\/em>. Sie sagte: \u201eGreifen Sie nicht in die Debatte ein\u201c. F\u00fcr Kazib ist dies genau das, was die Eliten wollen. \u201eSie wollen mit den Idioten reden, aber ich bin am Set und zerst\u00f6re live Mehals Wahlrede.\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201cDie radikale Rechte, der schlimmste Feind der Arbeiter*innenklasse\u201d<\/strong><\/p>\n<p>Von einem Verlassen der Medienlandschaft durch den Stellwerksw\u00e4rter auf dem Rangierbahnhof Bourget (93) [wo Anasse arbeitet] kann also keine Rede sein. In einem Interview mit&nbsp;<em>Arr\u00eat sur Images<\/em>&nbsp;liefert er eine ungefilterte Kritik an den Informationsmedien \u2013 an jenen, in die er immer noch interveniert, und an jenen, die er ablehnt \u2013, wobei er st\u00e4ndig zwischen den Rollen des Kolumnisten und des Gewerkschafts- und politischen Aktivisten gleitet. Er ist \u00fcberzeugt davon, dass jede seiner Interventionen die Rechte und vor allem die radikale Rechte, den schlimmsten Feind der \u201earbeitenden Welt\u201c, st\u00f6rt. Er erz\u00e4hlt auch die Geschichte hinter den Kulissen von&nbsp;<em>Les Grandes Gueules<\/em>, eine Show, die wie geschaffen f\u00fcr den wortreichen und ungefilterten Kolumnisten ist.<\/p>\n<p><strong>ASI:<\/strong>&nbsp;Was ist der Hintergrund, wie Sie zur SNCF gekommen sind?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Nichts pr\u00e4destinierte mich f\u00fcr die SNCF, obwohl mein Vater dort angestellt war, ich bin als marokkanischer Arbeiter angekommen und im Alter von 18 Jahren fing ich dort mit Zeitvertr\u00e4gen an. Ich habe eigentlich einen Abschluss als technischer Architekten-Assistent, was einem technischen Abitur entspricht. Dann habe ich einen Wettbewerb bestanden, um an der Ecole professionnelle d\u2019arts graphiques d\u2019Ivry (Berufsschule der graphischen K\u00fcnste, Ad\u00dc.) zu studieren. Aber der Geldmangel \u2014 das Schulmaterial ist teuer \u2014 und die Langeweile brachten mich dazu, mein Studium im zweiten Jahr zu unterbrechen. Danach arbeitete ich drei Jahre lang als Kurier im Bereich der Blutentnahme, bevor ich Stellwerksw\u00e4rter bei der SNCF wurde.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Und was hat Sie dazu bewegt, schon sehr fr\u00fch Mitglied von SUD Rail zu werden?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Sehr schnell versucht das Management, mich nach Amiens zu versetzen, was mir nicht passt, zumal meine Frau schwanger ist und nicht weit von zu Hause arbeitet. Ich lehne es dreimal ab und verstehe sehr schnell, dass es nicht gut ist, den Mund aufzumachen. Ich habe das Gef\u00fchl, dass jemand versucht, mich rauszuwerfen. Aber alles \u00e4ndert sich, als ich einen Delegierten von SUD Rail kennen lerne und ich mit ihm \u00fcber mein Problem spreche. Die Gewerkschaftsmitglieder werfen sich sofort ins Boot und pl\u00f6tzlich m\u00e4\u00dfigt die Gesch\u00e4ftsleitung den Ton mit mir und akzeptiert schlie\u00dflich, dass ich die Versetzung ablehne. Dann verstehe ich, welches Gewicht eine Gewerkschaft bei der Durchsetzung unserer Rechte haben kann. Aber zun\u00e4chst, im Jahr 2013, bin ich nur der SUD Rail beigetreten, um mich f\u00fcr ihr Eingreifen zu bedanken. Der eigentliche Ausl\u00f6ser kam dann mit der Bahnreform 2015 und dem so genannten El Khomri-Arbeitsgesetz unter der Pr\u00e4sidentschaft von Hollande. Ich hatte zum ersten Mal f\u00fcr Hollande gestimmt und sagte zu mir, so nicht! In der Politik gibt es keine Wahl au\u00dfer der Wahl zwischen der linken oder rechten Bourgeoisie.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Sie entschieden sich also f\u00fcr ein weitergehendes Engagement?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Ja, ich kandidierte f\u00fcr einen Posten und im November 2015 wurde ich f\u00fcr SUD Rail gew\u00e4hlt. Heute sind 50 % der Besch\u00e4ftigten in meinem Sektor bei SUD Rail gewerkschaftlich organisiert. Im Jahr 2017 hatten wir einen \u201cPerlenstreik\u201d von Januar bis Mai mit insgesamt 32 Streiktagen, und nur f\u00fcr die Aktionen von Mai, bevor wir die Vereinbarung zur Beendigung des Konflikts unterzeichneten, bekamen wir Arbeitsplatzangebote, eine Pr\u00e4mie von 1000 Euro f\u00fcr die Angestellten f\u00fcr das Jahr 2017, die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen und ein verbessertes Management.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Sie arbeiten auch mit der linksradikalen Informationsseite&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/\"><strong>R\u00e9volution Permanente (NPA)<\/strong><\/a>&nbsp;zusammen,&nbsp;<a href=\"https:\/\/blogs.mediapart.fr\/juan-chingo\/blog\/080615\/revolutionpermanentefr-le-9-juin-lancement-d-un-nouveau-site-d-information-d-extreme-gauche\"><strong>die im Juni 2015 anfing<\/strong><\/a>, ein Name, der sich auf das Motto von Karl Marx bezieht.<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Ja, weil ich immer wusste, dass Gewerkschaft allein nicht genug ist. Im Jahr 2017, w\u00e4hrend ein Streik in Le Bourget organisiert wurde, sprach kein Medium dar\u00fcber, au\u00dfer&nbsp;<em>R\u00e9volution Permanente<\/em>&nbsp;[Teil des Nachrichtennetzwerkes&nbsp;<em>La Izquierda Diario<\/em>&nbsp;und Schwesterseite von&nbsp;<em>Klasse Gegen Klasse<\/em>, Ad\u00dc.]. Eines Tages kam ein Journalist von Le Parisien. Er fragte uns nach den Auswirkungen des Streiks auf die Passagiere und wir sagten \u201ekeine\u201c, weil es sich um einen Frachtstreik handelte. Dann schloss er sein Notizbuch. Er hielt es nicht f\u00fcr notwendig, mehr herauszufinden. Er gab sich mit einer kleinen Notiz zufrieden (die ASI&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.leparisien.fr\/seine-saint-denis-93\/le-bourget-93350\/drancy-le-bourget-greve-a-la-gare-de-triage-mais-peu-d-impact-sur-le-trafic-27-03-2017-6800826.php\"><strong>hier<\/strong><\/a>&nbsp;gefunden hat).<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Wie entstand die Zusammenarbeit mit dieser Website ?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Anl\u00e4sslich von&nbsp;<em>Nuit Debout<\/em>&nbsp;und auf Demos traf ich viele Genoss*innen aus der Welt der Arbeiter*innenklasse. Durch die st\u00e4ndige Begegnungen mit den Genoss*innen von&nbsp;<em>R\u00e9volution Permanente<\/em>&nbsp;begann ich, mit ihnen \u00fcber mein Interesse an den Medien und am Marxismus zu sprechen. Ich, der nicht viele B\u00fccher las, au\u00dfer denen, die in der Schule Pflicht waren, war von den Werken von Marx, wie&nbsp;<em>Das Kapital<\/em>, und denen von Leo Trotzki oder Antonio Gramsci beeindruckt. Sie boten mir dann an, f\u00fcr die Website zu schreiben. Also schreibe ich Artikel, Leitartikel und seit Ende 2017 haben wir gemeinsame Treffen. F\u00fcr mich ist&nbsp;<em>R\u00e9volution Permanente<\/em>&nbsp;Politik der Realit\u00e4t, von unten, und nicht eine ENA-Politik (Politik der Eliten).<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Kurz darauf, im Mai 2018, wurden Sie Kolumnist bei&nbsp;<em>Grandes Gueules<\/em>&nbsp;vom Sender RMC. Wie kommt man vom einen zum anderen, zwischen diesen beiden Extremen?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Ich habe von meinem Vorarbeiter \u00fcber&nbsp;<em>Grandes Gueules<\/em>&nbsp;erfahren, als ich als Kurier f\u00fcr Blutlabors t\u00e4tig war. Er schaute sich sonst nichts anderes an, und ich war sofort s\u00fcchtig danach. Also machte ich meine Touren, w\u00e4hrend ich das Programm h\u00f6rte, und verfolgte alle Ausgaben bis zum Ende meines Dienstes. Was mir besonders gef\u00e4llt, ist die Vielfalt des Programms und der G\u00e4ste. Fu\u00dfball, Politik, soziale Themen und es gab sogar das (Radioprogramm) \u201eLahaie, die Liebe und du\u201c, das alles hat mir gefallen. Es herrscht totale Freiheit, wir reden ohne Filter. Als man mir also anbot, regelm\u00e4\u00dfig als Kolumnist zu intervenieren, habe ich akzeptiert.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Wie wurden Sie entdeckt?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Als Zuh\u00f6rer habe ich fr\u00fcher bei der Liveshow von Bourdin auf BFM\/RMC telefoniert und wenn man eine gute Intervention macht, beh\u00e4lt die Produktion deine Telefonnummer und bietet dir an, sp\u00e4ter bei anderen Themen zu intervenieren. Im Mai 2018 sagte Ana\u00efs Sinsz, die Programmgestalterin und Koproduzentin der Sendung, zu mir: \u201eM\u00f6chten Sie zu GG kommen, um \u00fcber Ihre Karriere zu sprechen, \u00fcber den Job der Eisenbahner*innen im Rahmen der Themenwoche zur Rettung der \u00f6ffentlichen Bahn?\u201c Ich akzeptiere, aber ich stelle mich auf die Seite der Eisenbahner*innen, um den Streik zu verteidigen. Nach der Show sagt Ana\u00efs zu mir: \u201eEs war fantastisch, kannst du \u00fcber andere aktuelle Themen sprechen?\u201c. Dann hatte ich die Gelegenheit, es bei Charles Consigny auszuprobieren, das hatte ich noch nie gemacht. Dann bekam ich eine Menge Komplimente, sogar von Truchot, Marshall, der mir sagte, dass man es mir anmerkte, dass ich mich sehr wohl f\u00fchle. Ich verk\u00f6rperte den Typ aus der Arbeiter*innenklasse, Familienvater, junger Mann aus Arbeiter*innenvierteln, Muslim, der in das Leben von Vereinen und Gewerkschaften eingebunden ist. Die anderen sind in der Regel alle mit der selben Schere geschnitten.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Genau deshalb, haben Sie keine Angst davor, in dieser Rolle als einer Art \u201cKronzeuge\u201d eingeengt zu werden, in einer Show, die die Polemik um den Islam und die Arbeiter*innenviertel aufgreift?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: \u00dcberhaupt nicht. Mit mir oder ohne mich, ist es ein beliebtes Programm, das viel Aufmerksamkeit erregt. Sie brauchen keine Kronzeugen, um zu existieren. Ich kenne keine Sendung mit einem gleichwertigen Publikum, in der \u00fcber die Diktatur des Proletariats, den Klassenkampf, die Steuerhinterziehung gesprochen wird. Aber auch \u00fcber \u00d6kologie. Als&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=RmkiCu-6zbw\"><strong>Pascal Canfin<\/strong><\/a>&nbsp;(ehemaliger gr\u00fcner Europaabgeordneter, jetzt LREM) zum Set kam, sagte ich ihm, dass er ein Scharlatan der \u00d6kologie sei. Ich habe den Moderator von France 2, Patrick S\u00e9bastien,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DO3GGvTHSJM\"><strong>konfrontiert<\/strong><\/a>, der in seinem Buch #BalanceTonPorc [\u00e4hnlich dem amerikanischen #MeeToo] kritisiert. Am Ende habe ich nur sehr selten \u00fcber das Kopftuch oder den Islam gesprochen, ich habe viel mehr bez\u00fcglich der Gelbwesten, zum Beispiel, gesprochen.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Sie wurden k\u00fcrzlich von GG eingeladen, Ihre Meinung zum Islam zu \u00e4u\u00dfern, nachdem Sie bei einem Marsch gegen die Islamophobie am 10. November<strong>&nbsp;<\/strong><a href=\"https:\/\/www.liberation.fr\/checknews\/2019\/11\/19\/la-sncf-a-t-elle-licencie-des-agents-pour-avoir-refuse-de-serrer-la-main-a-des-collegues-femmes_1764241\"><strong>erkl\u00e4rt hatten<\/strong><\/a>, dass \u201edie SNCF Besch\u00e4ftigte entlassen hat, die sich geweigert hatten, Frauen die Hand zu geben\u201c (ein Besch\u00e4ftigter wurde aus verschiedenen Gr\u00fcnden entlassen, nicht nur aus diesem, wie Check News berichtet).<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Ja, es stimmt, das Programm hat mich eingeladen, \u00fcber das Thema zu sprechen, und ich habe zugesagt, um meine Kommentare [im Rahmen dieser Stra\u00dfenaktion, A.d.\u00dc.], die unbeholfen und gek\u00fcrzt waren, zu verdeutlichen. Die radikale Rechte nutzte die Gelegenheit, sich gegen mich zu verb\u00fcnden.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.valeursactuelles.com\/politique\/un-syndicaliste-revendique-le-droit-de-ne-pas-serrer-la-main-dune-femme-112791\"><strong>Valeurs actuelles<\/strong><\/a>&nbsp;zuerst und dann&nbsp;<em>L\u2019 Incorrect<\/em>&nbsp;schrieben dann einen Artikel mit dem Titel&nbsp;<a href=\"https:\/\/lincorrect.org\/manifestation-des-cheminots-a-paris-vers-la-salafisation-du-syndicalisme-francais\/\"><strong>\u201cAuf dem Weg zur Salafisierung der franz\u00f6sischen Gewerkschaftsbewegung\u201c<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Die Anschuldigungen vom \u201everbalen Terrorismus\u201c, gefolgt von den Artikeln in&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.valeursactuelles.com\/politique\/un-syndicaliste-revendique-le-droit-de-ne-pas-serrer-la-main-dune-femme-112791\"><strong>Valeurs actuelles<\/strong><\/a>&nbsp;und L\u2019 Incorrect zeugen von einer Spannung in Ihren Interaktionen mit Ihren Gespr\u00e4chspartnern, wie erkl\u00e4ren Sie sich das?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Ich stelle fest, dass die Art und Weise der Diskussion mit anderen Gewerkschaftskollegen anders ist. Die Leute bitten mich immer, mit dem Schreien aufzuh\u00f6ren, sie kritisieren den Ton meiner Stimme und sie zweifeln immer an dem, was ich sage, wegen meiner sozialen Herkunft und meiner religi\u00f6sen Zugeh\u00f6rigkeit. Sie suchen in mir st\u00e4ndig nach \u201eRadikalismus\u201c. Martinez (Generalsekret\u00e4r der CGT) wird niemals als fundamentalistischer Katholik bezeichnet werden. F\u00fcr&nbsp;<em>L\u2019 Incorrect<\/em>&nbsp;bin ich \u201eSalafist\u201c. Aber tief im Inneren ist das, was diese Leute am meisten hassen, die radikale Linke; Religion ist nur eine Fassade, um die Leute abzulenken. Wenn ich aus den H\u00e4nden der Bourgeoisie fressen w\u00fcrde, bek\u00e4me ich vielleicht die Ehrenlegion. Die Linke l\u00e4hmt die Bourgeoisie. Was ihnen Angst macht, ist, dass ich selbst dem letzten Bauern auf dem Land, selbst dem letzten Arbeiter erkl\u00e4re, dass wir in derselben kapitalistischen H\u00f6lle sitzen. Wir (die Linke) stellen die Br\u00fcderlichkeit und die Arbeiter*innenklasse wieder ins Rampenlicht. Das ist es, was sie st\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Haben Sie unter diesen Bedingungen das Gef\u00fchl, dass Ihre Worte in diesen Fernsehdebatten h\u00f6rbar sind?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Nat\u00fcrlich. Wenn man den Leuten erz\u00e4hlt, dass es nicht Kader [togolesicher ex-Fussballprofi, der in Frankreich lebt, Ad\u00dc.] war, der die Firma Whirlpool zugemacht hat, dass es nicht Samira [ein 10-j\u00e4hriges libysches M\u00e4dchen, das aus seinem Land floh, um eine Klitorisbeschneidung zu vermeiden, und der franz\u00f6sische Staat beabsichtigte, sie aus dem Land zu auszuweisen. Ad\u00dc.] war, die die Ehrenlegion in die H\u00e4nde von BlackRock gelegt hat, verstehen es selbst die D\u00fcmmsten. Schauen Sie sich an, wie die Gelbwesten die Positionen der radikalen Rechten geschw\u00e4cht haben. Heute verteidigt die Rassemblement National unseren Streik, um ihren politischen Kampf zu schlagen. Tats\u00e4chlich habe ich gesagt, dass ich nicht auf ein Set gehen w\u00fcrde, wenn es einen Redner aus der radiaklen Rechten gibt, weil ich nicht als eine Art Verb\u00fcndeter f\u00fcr sie gesehen werden m\u00f6chte. Es gibt keinen schlimmeren Feind al RN, sie sind gegen Arbeiter*innen und gegen die Umwelt.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Wie k\u00f6nnen Sie mit Sicherheit sagen, dass Sie h\u00f6rbar sind?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Die Streikenden sind gerade dabei, den Meinungskampf \u00fcber den Streik zu gewinnen. Sehen Sie sich die letzte<strong>&nbsp;<\/strong><a href=\"https:\/\/www.lexpress.fr\/actualite\/politique\/retraites-le-soutien-au-mouvement-de-greve-faiblit-mais-reste-majoritaire_2113381.html\"><strong>Odoxa-Umfrage<\/strong><\/a>&nbsp;an (f\u00fcr Le Figaro und Franceinfo). Mehr als 60% der Menschen unterst\u00fctzen den Streik. Ob es dir gef\u00e4llt oder nicht, die Leute sehen fern. Man geht in die Bistros, die Kebabl\u00e4den, CNews und BFM sind in einer Schleife, die Leute schauen zu. Ob sie zu Drahi oder Arnault [millionenschwere Gesch\u00e4ftsleute, die diese Medien betreiben, Ad\u00dc.] geh\u00f6ren, das k\u00f6nnen wir nicht ignorieren. Entweder lassen wir sie das Wort ergreifen, um \u00fcber Allgemeinpl\u00e4tze zu reden, oder wir gehen in die Arena. Alles ist so ausgerichtet, dass die B\u00fcrger*innen keine Zeit f\u00fcr Politik haben. Es w\u00e4re das beste Geschenk an die Eliten, den Medienraum zu verlassen und sie untereinander reden zu lassen.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Bedeutet das, dass Sie zu allen Sets gehen?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Nein, ich war 2018 einmal am&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=L317auxjoGs\"><strong>Set von Pascal Praud bei CNews<\/strong><\/a>, und ich sagte, es w\u00e4re das letzte Mal. Ich mag diese herablassende Person nicht. Wenn ihm nicht gef\u00e4llt, was du sagst, wird er zu einem paternalistischen Menschen. Die Produktion schneidet die Mikrofone ab und ver\u00e4ndert den Kamerawinkel. Es gibt Passagen, in denen ich gesprochen habe und das Mikrofon nicht \u201ean\u201c war, ich dachte, ich w\u00fcrde sprechen, aber in Wirklichkeit habe ich nicht eingegriffen. Au\u00dferdem laden sie nur ultra-politische Aktivist*innen wie Elisabeth Levy ein.<\/p>\n<p><strong>ASI<\/strong>: Was ist Ihre Meinung \u00fcber die Medien im Allgemeinen?<\/p>\n<p><strong>Anasse Kazib<\/strong>: Mir f\u00e4llt auf, dass es viele Programme gibt, bei denen man nicht alles sagen kann. In den&nbsp;<em>Grandes Gueules<\/em>&nbsp;habe ich v\u00f6llige Freiheit. Es gibt nie eine Vor- oder Nachbesprechung nach der Show. Dabei ist das Programm ziemlich einzigartig, mit divergierenden Positionen, sogar die der Armen- und Arbeiter*innenviertel. \u00d6ffentlich-rechtliche Sender wie France Inter laden mich oder Leute wie mich nie ein. Es gibt jedoch das Programm&nbsp;<em>C dans l\u2019Air<\/em>&nbsp;auf France 5, das ich besonders sch\u00e4tze. Nicht das von Yves Calvi, den ich auf die gleiche Stufe wie Pascal Praud stelle, sondern das von Caroline Roux und Axel de Tarl\u00e9. Die Gastgeber*innen dr\u00e4ngen die G\u00e4ste zu dokumentierten Analysen, so dass selbst ein Redakteur wie Bruno Jeudy bei einem Auftritt am Set von BFMTV, wo er sich geniert, v\u00f6llig anders ist als bei France 5.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/interview-mit-anasse-kazib-sie-haben-angst-dass-ich-auch-dem-letzten-arbeiter-erklaere-dass-wir-alle-in-der-gleichen-kapitalistischen-hoelle-sind\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 22. Januar 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[DOSSIER ZU STREIKS IN FRANKREICH] Hier ist die deutsche \u00dcbersetzung des vollst\u00e4ndigen Interviews, das Lynda Zerouk in der auf Medienkritik spezialisierten Publikation&nbsp;Arr\u00eat sur Images&nbsp;mit Anasse Kazib gef\u00fchrt hat. 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