{"id":6911,"date":"2020-01-24T09:28:52","date_gmt":"2020-01-24T07:28:52","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6911"},"modified":"2020-01-24T09:28:53","modified_gmt":"2020-01-24T07:28:53","slug":"trump-und-thunberg-zwei-gesichter-des-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6911","title":{"rendered":"Trump und Thunberg &#8211; zwei Gesichter des Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Peter Nowak. <\/em><strong>Die Inszenierung in Davos zeigte, wie in Zeiten des \u00d6kologismus radikale Kritik und Opposition gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse marginalisiert wird. Wie werden die linken Klimaaktivisten darauf reagieren?<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Jahrelang sorgte das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.accenture.com\/gb-en\/about\/events\/world-economic-forum?c=acn_de_davosgoogle_11119655&amp;n=psgs_0120&amp;gclid=EAIaIQobChMI46up9qWX5wIVCFXTCh2YvwXpEAAYASAAEgK9QvD_BwE\">Welt-Economic-Forum<\/a>\u00a0in Davos f\u00fcr wenig Interesse. Das \u00e4nderte sich im Zuge der globalisierungskritischen Bewegung Ende der 1990er Jahre. Mehrere Jahre dominierten die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/WEF-gehoert-die-Stadt-3438241.html\">Proteste gegen das WEF<\/a>\u00a0und die staatliche Repression dagegen die Berichterstattung so sehr, dass auch in der Schweiz \u00fcber das Ende dieses Elitenmeetings nachgedacht wurde.<\/p>\n<p>Nach dem islamistischen Anschlag von 2001 zog das WEF tats\u00e4chlich f\u00fcr ein Jahr in die USA, offiziell aus Solidarit\u00e4t mit den Anschlagsopfern. Doch es ging dem WEF-Organisator Klaus Schwab auch darum, die Kritiker in der Schweiz zu bes\u00e4nftigten, die sich fragten, warum dieses hochkar\u00e4tige Privattreffen von einer massiven Polizeiarmada gesch\u00fctzt werden muss.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der WEF-Kritiker lehnte damals jeden Dialog mit den Organisatoren ab und forderte ein Ende des Meetings. Dabei verwendeten sie nicht selten Argumente einer verk\u00fcrzten Kapitalismuskritik, die gelegentlich ins Antisemitische changierte, wenn da der Tanz um ein goldenes Kalb in Davos inszeniert wurde (<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Ein-Sheriffstern-mit-sechs-Zacken-3428226.html\">Ein Sheriffstern mit sechs Zacken<\/a>).<\/p>\n<p>Die WEF-Organisatoren bem\u00fchten sich hingegen schon fr\u00fch, Teile der Kritiker als Zivilgesellschaft einzugemeinden. Es passt schlie\u00dflich zum Selbstverst\u00e4ndnis von Schwab und Co., dass die Eliten aus Wirtschaft und Politik auch mal die kritischen Stimmen h\u00f6rten. Erst mit dem Niedergang der globalisierungskritischen Bewegung kamen diese Stimmen des Dialogs mit der Macht zum Zuge. Sie hatten keinerlei Einfluss, aber durften mal den Herren und Damen mit Macht die Meinung sagen.<\/p>\n<p><strong>Thunberg-Auftritt: Erfolg f\u00fcr WEF<\/strong><\/p>\n<p>In diesem Jahr k\u00f6nnen die WEF-Macher besonders zufrieden sein. Mit dem Auftritt von Greta Thunberg noch vor der Rede von Donald Trump ist ihre Strategie voll aufgegangen. Dabei h\u00e4tte es auch keine Rolle gespielt, ob Thunberg in ihrer Rede auch die M\u00e4chtigen angreift. Es ist ja gerade deren Strategie auf solchen Treffen, ihre Kassandras als eine Art moderne Hofnarren und -n\u00e4rrinnen einzuladen, die ja auch ganz unkonventionelle Gedanken \u00e4u\u00dfern, die dann vom kapitalistischen Apparat verdaut werden und die Flexibilit\u00e4t des Systems steigern.<\/p>\n<p>Aber Thunberg \u00e4u\u00dferte nichts in dem Sinne Kritisches. Mit ihrer Erkl\u00e4rung, ihr ginge es nicht um links und rechts, beide h\u00e4tten versagt, recycelte sie den reaktion\u00e4ren Grundkonsens der Gr\u00fcnen, weder rechts noch links, sondern vorn zu sein. Dagegen haben bereits in den fr\u00fchen 1980er Jahren zeitweise erfolgreich linke \u00d6kologen und \u00d6kologinnen angek\u00e4mpft.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/greta-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6912\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/greta-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/greta-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/greta-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/greta.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p>Wenn Thunberg vor dem WEF solche Parolen zum Besten gibt, dann st\u00e4rkt sie die Rufe nach einer Herrschaft der Technologen, die nat\u00fcrlich v\u00f6llig ideologiefrei die kapitalistische Logik verinnerlicht haben. Nur erscheint ihnen das nicht etwa als Ideologie, sondern als Naturgesetz. In diesem Zusammenhang steht auch das st\u00e4ndige Sich-Berufen auf die Wissenschaft, das Thunberg und ihre Epigonen im Munde f\u00fchren. Denn hier wird schlicht die Vermittlung von Wissenschaft in Politik unterschlagen und auch das ist Bestandteil einer kapitalistischen Ideologie.<\/p>\n<p>Wenn sich vor 120 Jahren Linke in der Bremer Sozialdemokratie auf die Wissenschaft berufen haben und so gegen ein reaktion\u00e4res preu\u00dfisches Schulgesetz protestierten, mit dem klerikale Riten und deutscher Untertanengeist kombiniert wurden, haben sie eben nicht die Herrschaft der Wissenschaft das Wort geredet. Sie propagierten die St\u00e4rkung der Arbeiterbewegung, konkret des linken Fl\u00fcgels der Bremer Sozialdemokratie, die sp\u00e4tere\u00a0<a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd7899\/t417899.html\">Keimzeile der Bremer Linksradikalen<\/a>, die bereits vor dem Spartakusbund die Trennung von der SPD propagierte.<\/p>\n<p>Wenn Thunberg und Co. auf einem Elitentreffen f\u00fcr die ideologiefreie Wissenschaft eintreten, ist das eine Einladung an die Kapitalvertreter, sich als die Stimme der Vernunft und Rationalit\u00e4t auszugeben. Trump gibt das Gesicht des fossilen Kapitalismus mit nationalistischem Einschlag und Thunberg steht f\u00fcr den modernen, nichtfossilen Kapitalismus, der Umweltbewusstsein auf seine Fahnen schreibt. Dabei geht es beiden Formen des Kapitalismus nat\u00fcrlich um Mehrwertproduktion und Ausbeutung von Arbeitskraft.<\/p>\n<p><strong>Radikaler WEF-Kritik in den R\u00fccken gefallen<\/strong><\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man einwenden, heute gibt es eben keine relevanten Organisationen der Arbeiterbewegung mehr, die den Anspruch haben, den Kapitalismus zu \u00fcberwinden, und daher bleibt die Rolle der Kassandra oder, weniger freundlich formuliert, der Hofn\u00e4rrin der Eliten als einzige Rolle.<\/p>\n<p>Das unterschl\u00e4gt aber, dass Thunberg mit ihren Auftritt beim WEF selber zur Delegitimierung grunds\u00e4tzlicher Kritik am WEF beitr\u00e4gt. Und das gleich in zweifacher Hinsicht. Ganz praktisch gibt es auch in diesem Jahr\u00a0<a href=\"https:\/\/barrikade.info\/article\/3032\">Proteste von WEF-Kritikern<\/a>\u00a0in der Schweiz, die keinen Dialog mit dem Forum suchen, sondern es\u00a0<a href=\"https:\/\/www.aufbau.org\/index.php\/arbeitskampf-5\/2714-flugblatt-smash-wef-gemeinsam-kaempfen-gemeinsam-vorwaerts\">grunds\u00e4tzlich kritisieren<\/a>.<\/p>\n<p>Durch den Thunberg-Auftritt werden diese Initiativen weiter marginalisiert. Auf einer grunds\u00e4tzlicheren Ebene soll der Auftritt einer prominenten Galionsfigur der Klimajugendbewegung auf dem WEF jede generelle Kritik an der Gesellschaft, f\u00fcr der das WEF steht, delegitimieren.<\/p>\n<p><strong>Wie reagieren die linken Klimaaktivisten?<\/strong><\/p>\n<p>Andererseits k\u00f6nnte der Auftritt auch zu Kl\u00e4rungsprozessen in der Klimabewegung f\u00fchren. Es gab in den letzten Monaten auch\u00a0<a href=\"https:\/\/bonner-jugendbewegung.org\/antikapitalistische-plattform-innerhalb-von-fridays-for-future\/\">Erkl\u00e4rungen von linken Klimaaktivisten<\/a>, die allerdings meist\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Ein-Wirtschaftssystem-das-auf-Wachstum-und-Profit-ausgelegt-ist-kann-nicht-nachhaltig-sein-4401440.html\">betonten<\/a>, sie wollen Thunberg keineswegs kritisieren und die Bewegung spalten.<\/p>\n<p>Damit nahmen sie eine Position ein, wie sie die Zentristen in der Sozialdemokratie vor 120 Jahren vertraten. Sie kritisierten an bestimmten Punkten die Verb\u00fcrgerlichung der Parteistrukturen, scheuten aber eine klare Auseinandersetzung, ja eine Trennung von den Revisionisten vehement. Die schon erw\u00e4hnten Bremer Linksradikalen waren in der SPD vor dem 1. Weltkrieg eine der wenigen linken Zusammenschl\u00fcsse, die eine solche Trennung f\u00fcr unausweichlich hielten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens mit dem prominenten Thunberg-Auftritt in Davos stellt sich f\u00fcr die Linken in der Klimaumweltbewegung die Frage, ob sie sich als Feigenblatt f\u00fcr einen Kapitalismus mit \u00f6kologischem Anstrich hergeben oder auch zu einer Trennung bereit sind. Dabei w\u00fcrden sie auf linke Zusammenh\u00e4nge sto\u00dfen, die bereits seit Jahren die \u00f6kologische Frage von links stellen. Ich nenne hier nur mal stichpunktartig so unterschiedliche Gruppierungen wie die\u00a0<a href=\"http:\/\/www.oekologische-linke.de\/\">\u00d6kologische Linke<\/a>, die\u00a0<a href=\"https:\/\/www.umweltgewerkschaft.org\/de\/\">Umweltgewerkschaft<\/a>\u00a0oder das Netzwerk\u00a0<a href=\"http:\/\/oekosozialismus.net\/oekosozialistische-erklaerung\/\">\u00d6kosozialismus<\/a>.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Trump-und-Thunberg-zwei-Gesichter-des-Kapitalismus-4643947.html\"><em>Telepolis&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. Januar 2020 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Nowak. Die Inszenierung in Davos zeigte, wie in Zeiten des \u00d6kologismus radikale Kritik und Opposition gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse marginalisiert wird. 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