{"id":692,"date":"2015-09-03T19:47:56","date_gmt":"2015-09-03T17:47:56","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=692"},"modified":"2015-09-03T19:47:56","modified_gmt":"2015-09-03T17:47:56","slug":"klassenfrage-klimawandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=692","title":{"rendered":"Klassenfrage Klimawandel"},"content":{"rendered":"<p><em>Wolfgang Pomrehn. <\/em><strong>Hauptverursacher der Erderw\u00e4rmung sind die Konzerne des reichen Nordens \u2013 die Leidtragenden vor allem die Elenden des S\u00fcdens. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Seit fast 200 Jahren wissen wir, dass bestimmte Spurengase in der Erdatmosph\u00e4re ma\u00dfgeblichen Einfluss auf das Klima haben. Als erster stellte der franz\u00f6sische Mathematiker und Naturforscher Jean Baptiste Joseph Fourier (1768\u20131830) in den 1820ern fest, dass irgendetwas in der Atmosph\u00e4re f\u00fcr ein vergleichsweise angenehmes Klima sorgen m\u00fcsse. Denn eigentlich sollte die Erde, so konnte Fourier seinerzeit schon errechnen, bei dem gegebenen Abstand von der Sonne rund 30 Grad Celsius k\u00fchler sein. Seine Schlussfolgerung war, dass die den Planeten umgebende Lufth\u00fclle f\u00fcr die ausgehende W\u00e4rmestrahlung offensichtlich nicht vollst\u00e4ndig durchl\u00e4ssig ist. Rund 40 Jahre sp\u00e4ter identifizierte der irische Naturforscher John Tyndall (1820\u20131893) erstmals die \u00bb\u00dcbelt\u00e4ter\u00ab in Laborversuchen: Wasserdampf und Kohlendioxid (CO2) absorbieren die W\u00e4rmestrahlung des Erdbodens und erh\u00f6hen damit die Temperatur der unteren Luftschichten. Sie halten somit mehr Energie im System Erde zur\u00fcck, als es bei einer allein aus Sauer- und Stickstoff bestehenden Atmosph\u00e4re der Fall w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ein paar Jahrzehnte sp\u00e4ter konnten Wissenschaftler bereits berechnen, wieviel Wasserdampf die Luft zus\u00e4tzlich aufnehmen kann, wenn sie erw\u00e4rmt wird. Damit konnte der Physiker und Chemiker Svante Arrhenius (1859\u20131927) um die Jahrhundertwende ausrechnen, wie sehr eine Verdoppelung der Kohlendioxidkonzentration in der Luft das Klima ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Die globale Temperatur w\u00fcrde sich um f\u00fcnf bis sechs Grad Celsius erh\u00f6hen, ergaben die Berechnungen des Schweden, der Jahre sp\u00e4ter f\u00fcr andere Arbeiten den Nobelpreis f\u00fcr Chemie erhalten sollte. Damit lag Arrhenius nur knapp oberhalb der zwei bis 4,5 Grad Celsius Erw\u00e4rmung, von denen die meisten Forscher heute ausgehen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war der wissenschaftliche Fortschritt nicht ganz so geradlinig, wie das in diesem kurzen Abriss erscheint. Zun\u00e4chst mussten die Messinstrumente verfeinert werden, um die von der Strahlungsfrequenz abh\u00e4ngenden Eigenschaften des CO2 und des Wasserdampfes besser einordnen zu k\u00f6nnen. Wechselwirkungen mit den Wolken waren zu untersuchen und in mathematischen Modellen zu kl\u00e4ren. Schlie\u00dflich hat auch die Erforschung pr\u00e4historischer Klimaverh\u00e4ltnisse und die in den letzten 30 Jahren mittels Satelliten und Messbojen wesentlich verbesserte Beobachtung von Eiskappen, Ozeanen und Atmosph\u00e4re unser Bild vom Klimasystem Erde ma\u00dfgeblich pr\u00e4zisiert.<\/p>\n<p>Derweil konnten die Bef\u00fcrchtungen nicht zerstreut werden, sondern haben sich mehr und mehr verst\u00e4rkt. F\u00fcr Arrhenius war seinerzeit die Prognose einer potentiellen Erw\u00e4rmung eher eine mathematische Finger\u00fcbung. Viele Jahrhunderte w\u00fcrde es nach seinen damaligen Berechnungen dauern, bis die Menschheit so viel Kohle und Erd\u00f6l verbrannt h\u00e4tte, dass sie das Klima derartig ver\u00e4ndert. Damals betrug die CO2-Konzentration in der Atmosph\u00e4re noch rund 280 Millionstel Volumenanteile (ppm).<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gingen Arrhenius und seine Kollegen seinerzeit noch davon aus, dass die Ozeane den allergr\u00f6\u00dften Teil des durch die Verbrennung von Kohle und Erd\u00f6l freigesetzten Kohlendioxids binden w\u00fcrden. Doch sie sollten sich t\u00e4uschen. Die Meere absorbieren zur Zeit nur rund die H\u00e4lfte des CO2-Aussto\u00dfes, und ihre Aufnahmekapazit\u00e4t ist au\u00dferdem von ihrer Temperatur abh\u00e4ngig. Je w\u00e4rmer sie werden, desto weniger k\u00f6nnen sie aufnehmen. Das hei\u00dft, in Zukunft k\u00f6nnen wir uns noch weniger auf sie verlassen.<\/p>\n<p>Heute betr\u00e4gt die atmosph\u00e4rische CO2-Konzentration bereits 400 ppm und steigt weiter. Beim gegenw\u00e4rtigen Tempo w\u00fcrde eine Verdoppelung (560 ppm) schon in rund 50 Jahren erreicht werden. Zum Gl\u00fcck gehen selbst die schlimmsten Szenarien davon aus, dass sich der Anstieg etwas verlangsamt.<\/p>\n<p><strong>Wo ist die Grenze? <\/strong><\/p>\n<p>Doch damit ist die Menschheit noch keinesfalls auf der sicheren Seite. Schon deutlich kleinere Ver\u00e4nderungen k\u00f6nnten ausreichen, das seit dem Ende der letzten Eiszeit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig stabile Klima aus dem Gleichgewicht zu bringen. Zu den Gefahren geh\u00f6ren vermehrt auftretende und intensivere D\u00fcrreperioden in wichtigen landwirtschaftlichen Regionen wie dem Mittleren Westen der USA oder Teilen Australiens, St\u00f6rungen des Monsuns in S\u00fcdasien, die erhebliche Verst\u00e4rkung der Wasserknappheit rund ums Mittelmeer, mehr und intensivere Starkniederschl\u00e4ge in verschiedenen Teilen der Welt, die Ausbreitung tropischer und subtropischer Krankheiten wie der Malaria und ein Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter. Durch die fortgesetzte Aufnahme von Kohlendioxid drohen au\u00dferdem die Ozeane zu versauern, so dass noch in diesem Jahrhundert die Fischgr\u00fcnde und damit ein wichtiges Standbein der Weltern\u00e4hrung wegbrechen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Politisch hat sich in den letzten Jahren durchgesetzt, die Grenze der gerade noch akzeptablen Klimaver\u00e4nderung bei einer globalen Erw\u00e4rmung von zwei Grad Celsius gegen\u00fcber dem vorindustriellen Niveau anzusiedeln. Davon sind 0,8 Grad Celsius bereits erreicht \u2013 und schon die bisherigen Emissionen werden noch f\u00fcr einige weitere Zehntel Anstieg sorgen, selbst wenn der weitere Aussto\u00df sofort gestoppt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Erschwerend kommt hinzu, dass die wissenschaftliche Basis f\u00fcr das Zwei-Grad-Ziel, nicht gerade felsenfest ist. Einige Wissenschaftler verweisen darauf, dass schon eine globale Erw\u00e4rmung von zwei Grad ausreichen k\u00f6nnte, um den westantarktischen Eisschild zu destabilisieren. Die Folge w\u00e4re ein Anstieg des Meeresspiegels um sieben Meter bestenfalls \u00fcber einige Jahrhunderte verteilt, schlimmstenfalls aber innerhalb einiger Jahrzehnte. Auch der gr\u00f6nl\u00e4ndische Eisschild scheint der neuesten Forschung zufolge bei weitem nicht so stabil gelagert zu sein, wie lange Zeit angenommen worden war.<\/p>\n<p>Entsprechend hat es, seit dem sich die Mehrheit der Staaten auf das Zwei-Grad-Ziel geeinigt hat, immer wieder Proteste eines Teils der Entwicklungsl\u00e4nder, insbesondere der kleinen Inselnationen der Karibik und des Pazifik dagegen gegeben. Diese Staatengruppe, der sich auch Bolivien angeschlossen hat, fordert, die Emissionen so weit zu beschr\u00e4nken, dass die globale Erw\u00e4rmung 1,5 Grad Celsius gegen\u00fcber dem vorindustriellen Niveau oder 0,6 bis 0,7 Grad von heute an nicht \u00fcbersteigt. Um das noch erreichen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssten h\u00f6chstwahrscheinlich in den n\u00e4chsten Jahrzehnten erhebliche Mengen an CO2 der Atmosph\u00e4re wieder entzogen werden, womit die gef\u00e4hrliche Versauerung der Ozeane allerdings auf keinen Fall vermieden werden k\u00f6nnte, wie k\u00fcrzlich Wissenschaftler des Potsdam-Instituts f\u00fcr Klimafolgenforschung herausfanden.<\/p>\n<p><strong>Die \u00c4rmsten trifft es zuerst <\/strong><\/p>\n<p>Als am Morgen des 29. August 2005 Hurrikan \u00bbKatrina\u00ab bei New Orleans die USA erreichte, bekam die Welt vorgef\u00fchrt, wie in einer vom Turbokapitalismus und eurozentrischen Rassismus beherrschten Welt mit den Opfern von Naturkatastrophen umgegangen wird. Die meist farbigen \u00e4rmeren Bewohner der US-Metropole blieben sich selbst \u00fcberlassen. \u00dcber 1.000 \u00e4ltere B\u00fcrger starben. Wei\u00dfe bewaffneten sich und schossen auf schwarze \u00dcberlebende, nachdem die Zeitungen und Funkmedien voll mit erfundenen oder ma\u00dflos \u00fcbertriebenen Geschichten von Pl\u00fcnderungen waren. Mindestens elf Todesf\u00e4lle durch Schussverletzungen wurden gez\u00e4hlt, andere Quellen sprechen gar von 18. Die Opfer waren durchweg junge Schwarze, die T\u00e4ter ausnahmslos wei\u00df. Im Nachbarst\u00e4dtchen Gretna wurden zu Fu\u00df Fl\u00fcchtende von Polizisten mit vorgehaltener Waffe vom Betreten der Stadt abgehalten und ohne Hilfe zur\u00fcckgeschickt.<\/p>\n<p>Dabei war \u00bbKatrina\u00ab kein \u00fcberm\u00e4\u00dfig starker Hurrikan. Er nahm nur einen besonders ung\u00fcnstigen Kurs und traf auf eine Stadt, die hinter l\u00f6chrigen Deichen zwischen Mississippi und Golf auf meist niedrigem Grund eingeklemmt liegt. Der miserable Zustand der Deiche war seit langem amtlich dokumentiert, die Hurrikan-Gefahr in der Region ebenfalls. Dennoch wurden sie nicht ausgebessert und erh\u00f6ht, dennoch gab es offensichtlich weder ad\u00e4quate Evakuierungspl\u00e4ne noch ausreichend Notrationen, Notstromgeneratoren oder Notfallpl\u00e4ne.<\/p>\n<p>Doch was hat \u00bbKatrina\u00ab mit dem Klimawandel zu tun? Es ist eher unwahrscheinlich, dass der Sturm eine Folge der globalen Erw\u00e4rmung war. Ob Hurrikane, Taifune und Zyklone in einem w\u00e4rmeren globalen Klima h\u00e4ufiger auftreten, ist ungewiss und wird von Region zu Region variieren. Sicher ist bisher nur, dass die Ereignisse auf jeden Fall intensiver werden. Die Geschichte \u00bbKatrinas\u00ab ist dennoch interessant, um den Umgang mit dem Klimawandel zu verstehen.<\/p>\n<p>Wie im Falle New Orleans sind es immer die \u00c4rmeren, die als erste und am h\u00e4rtesten betroffen sind. Jene, die keine M\u00f6glichkeit haben, sich rechtzeitig zu informieren, keine Mittel, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, jene, die sich keine Nahrungsmittel mehr leisten k\u00f6nnen, wenn deren Preise aufgrund pl\u00f6tzlicher Verknappung nach gr\u00f6\u00dferen Ernteausf\u00e4llen in die H\u00f6he schie\u00dfen. Viele Folgen des Klimawandels werden aussehen wie ganz normale Naturkatastrophen, und so wie die Verantwortlichen in der EU heute zuschauen, wie Jahr f\u00fcr Jahr Tausende Fl\u00fcchtlinge im Mittelmeer ertrinken, so werden die reichen Staaten in den kommenden Jahrzehnten zuschauen, wenn tropische Wirbelst\u00fcrme das steigende Meer auf die K\u00fcsten Bangladeschs dr\u00fccken oder K\u00fcstenmetropolen in Westafrika unterzugehen drohen.<\/p>\n<p><strong>Unn\u00fctze Verzichtsappelle <\/strong><\/p>\n<p>\u00bbKatrina\u00ab hat au\u00dferdem gezeigt, dass es selbst in den reichen L\u00e4ndern eine Klassenfrage sein wird, wer unter den Folgen der Erderw\u00e4rmung zu leiden hat. Hierzulande ist der Umgang mit Unwetterkatastrophen in den letzten Jahrzehnten meist zivilisierter abgelaufen. Doch noch bei der gro\u00dfen Nordsee-Sturmflut im Februar 1962 starben im Hamburger Arbeiterviertel Wilhelmsburg an die 300 Menschen, weil die hanseatischen Beh\u00f6rden \u2013 Helmut Schmidt war seinerzeit Innensenator \u2013 schlecht vorbereitet waren und vor allem, weil sie sich nicht um den Zustand der Deiche gek\u00fcmmert hatten.<\/p>\n<p>Oder nehmen wir das Beispiel Hitzewellen, die in Europa mit Sicherheit zunehmen und an Intensit\u00e4t gewinnen werden. Im Sommer 2003 haben wir gesehen, was es bedeuten kann, wenn Bev\u00f6lkerung und Gesundheitsversorgung nicht rechtzeitig darauf vorbereitet werden. \u00dcber 50.000 Menschen sind damals an den Folgen der Hitze gestorben, 7.000 davon in S\u00fcddeutschland. Das hat man seinerzeit aus den Sterbestatistiken in Westeuropa bestimmt. Einige Wissenschaftler sprechen sogar von bis zu 70.000 Menschen, die aufgrund der extremen Temperaturen in jenem Sommer in der EU starben. Besonders hoch war die Zahl der zus\u00e4tzlichen Toten in der ersten Augustwoche 2003. Namentlich das franz\u00f6sische Gesundheitssystem zeigte sich w\u00e4hrend der dortigen Ferienzeit hoffnungslos \u00fcberfordert, aber auch in Baden-W\u00fcrttemberg, das damals am st\u00e4rksten geplagte Bundesland, waren die Einrichtungen auf den Ansturm besonders vieler alter Patienten mit Kreislaufproblemen nicht vorbereitet.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich m\u00fcssen derartige Krisen, die sich in einer w\u00e4rmeren Welt mit Sicherheit h\u00e4ufen werden, nicht als Naturkatastrophen betrachtet werden. Meteorologen k\u00f6nnen sie mit einigen Tagen Vorlauf vorhersagen, Krankenh\u00e4user, \u00c4rzte, Altenheime und Kinderg\u00e4rten k\u00f6nnten langfristig auf sie vorbereitet und besonders gef\u00e4hrdete Bev\u00f6lkerungsgruppen, das hei\u00dft, insbesondere alte Menschen und Kinder, aufgekl\u00e4rt werden. Die Frage ist allerdings, was davon in Zeiten von Fallkostenpauschalen, Privatisierung und Bettenabbau umgesetzt werden wird.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie das potentielle Betroffensein ist auch die Verantwortung ungleichm\u00e4\u00dfig verteilt. Dabei gilt, und das macht die Ungerechtigkeit \u00fcberdeutlich, dass im allgemeinen die am meisten Gef\u00e4hrdeten und am wenigsten Gesch\u00fctzten auch zugleich jene sind, die am wenigsten zur Verursachung des Problems beigetragen haben.<\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt schon in den Industriestaaten an. Eine gewisse individuelle Verantwortung der meisten B\u00fcrger kann hierzulande zwar nicht abgestritten werden, denn der von der Mehrheit genutzte Pkw- und Luftverkehr ist in einem Ma\u00dfe rohstoff-, energie- und emissionsintensiv, dass er solcherart weder von den k\u00fcnftigen Generationen fortgesetzt noch von der gesamten Menschheit betrieben werden kann. Trotzdem laufen alle Verzichtsappelle an den Einzelnen schon deshalb ins Leere, weil das Gros der Emissionen sich der individuellen Einflussnahme entzieht.<\/p>\n<p>Etwas \u00fcber 60 Prozent des deutschen Treibhausgasaussto\u00dfes entstehen in der Industrie und in den Kraftwerken \u2013 wobei nur rund ein Viertel des Stroms in Privathaushalten verbraucht wird \u2013 und jeweils etwas weniger als 20 Prozent im Verkehr und in den Haushalten, dort vor allem durchs Heizen. Generell l\u00e4sst sich sagen, je geringer das Einkommen, desto weniger Einfluss haben die Menschen auf ihren Energieverbrauch. Mieter k\u00f6nnen den Hausbesitzer meist nicht zwingen, effizientere Heizungen einzubauen oder die Geb\u00e4ude besser zu d\u00e4mmen. Au\u00dferdem zeigen die Erfahrungen aus Sozialberatungsstellen, dass die vielen Stromsperren aufgrund nicht bezahlter Rechnungen meist das Ergebnis des Gebrauchs von elektrischen Durchlauferhitzern sind, die extrem viel Energie ben\u00f6tigen. Die Mieter haben in der Regel keine andere Wahl, als die vom Hausbesitzer eingebauten Ger\u00e4te zu nutzen, wenn sie warm duschen oder baden wollen.<\/p>\n<p><strong>Historische Verantwortung <\/strong><\/p>\n<p>Noch drastischer ist das Missverh\u00e4ltnis zwischen Verursachern und potentiellen Opfern im globalen Ma\u00dfstab. Am anschaulichsten zeigen das die aktuellen Werte f\u00fcr die jeweiligen Emissionen pro Kopf der Bev\u00f6lkerung. In den USA wurden nach Angaben der Internationalen Energieagentur 2012 pro Einwohner 16,1 Tonnen Treibhausgase freigesetzt. In Australien waren es 16,7, in Deutschland 9,2 und in Japan 9,6 Tonnen pro Jahr und Kopf. In China hingegen 6,1, in Indien 1,6, in \u00c4thiopien 0,1, in Bangladesch 0,4 und in Vietnam 1,6 Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr.\u00b9<\/p>\n<p>Im weltweiten Durchschnitt wurden 2012 pro Erdenb\u00fcrger 4,51 Tonnen CO2 emittiert, wovon etwas \u00fcber die H\u00e4lfte von den Ozeanen und der Biosph\u00e4re aufgenommen wurde. Mit anderen Worten: Jedem stehen Emissionen von rund zwei Tonnen pro Jahr zu. Der Vergleich der Zahlen macht deutlich, wie sehr insbesondere Europ\u00e4er und Nordamerikaner \u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse leben, w\u00e4hrend viele Entwicklungsl\u00e4nder ihren Anteil am Gemeingut Atmosph\u00e4re nur unvollst\u00e4ndig nutzen und damit bisher Schlimmeres verhindern.<\/p>\n<p>Das ist die Momentaufnahme aus dem Jahre 2012. Interessant ist auch ein Blick auf die sogenannten historischen Emissionen, das hei\u00dft, auf die \u00fcber die Jahrzehnte aufsummierten Daten, den das \u00bbCarbon Dioxide Information and Analysis Center\u00ab in den USA gew\u00e4hrt. Demnach haben die Vereinigten Staaten zwischen 1903 und dem Jahre 2000 rund 286 Milliarden Tonnen CO2 aus der Verbrennung fossiler Kraftstoffe und der Zementproduktion emittiert. In Deutschland waren es im gleichen Zeitraum 67,8 Milliarden Tonnen in Indien 21,87 und in China 71,46 Milliarden Tonnen Kohlendioxid. Die Volksrepublik hat inzwischen in absoluten Zahlen gegen\u00fcber den USA deutlich aufgeholt, ist aber umgerechnet auf die Bev\u00f6lkerung noch immer weit von deren oder auch vom deutschen Niveau entfernt.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Verh\u00e4ltnisse sprachen schon in den 1990er Jahren Intellektuelle aus den Entwicklungsl\u00e4ndern wie der argentinische Friedensnobelpreistr\u00e4ger Adolfo P\u00e9rez Esquivel von einer \u00f6kologischen Schuld des Nordens gegen\u00fcber dem S\u00fcden. Inzwischen sind die ersten negativen Auswirkungen des Klimawandels in vielen Regionen des Planeten sp\u00fcrbar, und es fragt sich, wer f\u00fcr die Sch\u00e4den aufkommt. 100 Milliarden US-Dollar w\u00e4ren j\u00e4hrlich n\u00f6tig, um sie zu beheben und den \u00e4rmsten L\u00e4ndern bei der notwendigen Anpassung an die Folgen der Erderw\u00e4rmung helfen, hatte schon 2009 die Hilfsorganisation Oxfam berechnet. Entsprechende Zahlungen der Industriestaaten sind seit rund f\u00fcnf Jahren Gegenstand der Verhandlungen \u00fcber einen neuen internationalen Klimaschutzvertrag, doch getan hat sich bisher wenig. Die Bundesregierung hat zum Beispiel nicht viel mehr angeboten, als einen Teil der Entwicklungshilfegelder umzudeklarieren.<\/p>\n<p><strong>Faustrecht <\/strong><\/p>\n<p>Das andere gro\u00dfe Thema der Verhandlungen bleibt weiter die Verminderung der Emissionen. Auch hier hinken die Industriestaaten Lichtjahre hinter dem Notwendigen her. Das soll am Beispiel der deutschen Klimaschutzziele vorgerechnet werden, f\u00fcr die sich die Bundesregierung so gerne selbst lobt.<\/p>\n<p>Wissenschaftler k\u00f6nnen ziemlich gut berechnen, wie viele Emissionen wir uns noch leisten k\u00f6nnen. Soll das oben erw\u00e4hnte Zwei-Grad-Ziel eingehalten werden, dann d\u00fcrfen noch rund 600 Milliarden Tonnen CO2 und andere Treibhausgase in die Luft geblasen werden. Dann k\u00f6nnte das Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent eingehalten werden. Man sieht daran und an den schon erw\u00e4hnten Bedenken, dass es besser w\u00e4re, deutlich unter dieser Marke von 600 Milliarden Tonnen zu bleiben.<\/p>\n<p>Doch gehen wir einmal von dieser Menge aus, und verteilen wir sie auf die neun Milliarden Erdenb\u00fcrger, die wir 2050 sein werden. Das w\u00e4ren dann rund 67 Tonnen pro Nase, die wir uns noch leisten k\u00f6nnen. Doch die Bundesregierung ist offensichtlich der Meinung, dass Deutschland sich ein wesentlich gr\u00f6\u00dferes St\u00fcck vom Kuchen abschneiden kann. Bis 2050 sollen die j\u00e4hrlichen Emissionen auf 65 bis 250 Millionen Tonnen reduziert sein. Je nachdem, wie schnell dieses Ziel erreicht wird, l\u00e4uft es darauf hinaus, dass auf jeden der 82 Millionen Bundesb\u00fcrger noch mindestens 208 Tonnen Treibhausgasemissionen bis 2050 kommen. Und dann w\u00e4re der Aussto\u00df immer noch nicht zum Stillstand gekommen. Derlei Rechtsauffassung ist das Gegenteil von Klimagerechtigkeit und l\u00e4sst sich wohl am besten als Faustrecht bezeichnen.<\/p>\n<p><strong>Anmerkung<\/strong><\/p>\n<p>(1) In den Zahlen ist nur das CO2 aus fossilen Brennstoffen enthalten. Unter Ber\u00fccksichtigung anderer Treibhausgase w\u00e4ren die Werte f\u00fcr die Industriestaaten noch um rund ein Drittel h\u00f6her. Aus den Entwicklungsl\u00e4ndern liegen \u00fcber diese Gase keine Informationen vor.<\/p>\n<p><em>\u00a0Quelle: Junge Welt 4. September 2015<\/em><\/p>\n<p><strong>Der Autor ver\u00f6ffentlicht regelm\u00e4\u00dfig Beitr\u00e4ge \u00fcber Fragen der Energie- und Klimapolitik sowie \u00fcber Klimawissenschaften. 2007 erschien von ihm im PapyRossa Verlag das Buch \u201eHei\u00dfe Zeiten \u2013 Wie der Klimawandel gestoppt werden kann\u201c. Zuletzt schrieb er f\u00fcr die Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Brosch\u00fcre \u00fcber die Ursachen des Strompreisanstiegs.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Pomrehn. 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