{"id":694,"date":"2015-09-05T09:22:56","date_gmt":"2015-09-05T07:22:56","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=694"},"modified":"2015-09-05T09:23:25","modified_gmt":"2015-09-05T07:23:25","slug":"der-deutsche-poststreik-vom-aufbruch-zur-niederlage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=694","title":{"rendered":"Der deutsche Poststreik: Vom Aufbruch zur Niederlage"},"content":{"rendered":"<p><em>Violetta K\u00fchn in Gespr\u00e4chen. <\/em>Vielfach wird nicht nur das Ergebnis des Poststreiks kritisiert, sondern auch die geringe Einbeziehung der Ver.di-Mitglieder in die Durchf\u00fchrung und Strategiebildung. F\u00fcr alle, die den Streik selbst nicht hautnah miterleben konnten, soll folgendes Beispiel zeigen<!--more-->, wie es empfunden wird, wenn sich Kolleginnen und Kollegen in ihrem Streiklokal daf\u00fcr entscheiden aktiv zu werden, eine Dynamik von unten in Gang kommt, und diese dann gebremst wird. Violetta Kuhn hat den Streik vor allem in den letzten beiden Wochen solidarisch begleitet und dabei Gespr\u00e4che mit Kollegen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Phase 1: Streikverwaltung<\/strong><\/p>\n<p>Innerhalb k\u00fcrzester Zeit k\u00fcndigt die Post an, ganze Bereiche auszulagern, und den Besch\u00e4ftigten wird klar, das k\u00f6nnte unsere Zukunft sein. Ver.di beruft Verhandlungen ein, erste Warnstreiks \u2013 ohne Ergebnis. Es wird klar, von allein wird der Postvorstand nicht nachgeben. So beginnt der unbefristete Streik. Das ist f\u00fcr viele Besch\u00e4ftigten eine ganz neue Erfahrung. Die ersten beiden Wochen sind daher von Eindr\u00fccken gepr\u00e4gt, und man wartet, was da kommen mag. Doch es w\u00e4chst auch die Bef\u00fcrchtung, dass sich von allein nichts bewegt. \u00abOrganisatorisch war alles top, was die Vorbereitung betrifft, das Streiklokal, die Streikerfassung, das Essen, Kundgebungen in der Innenstadt. Aber was die Auseinandersetzung betrifft, auch die inhaltliche, da wird irgendwie still gehalten. Das ist eher Streikverwaltung\u00bb, beschreibt ein Kollege die ersten beiden Wochen. In der dritten Woche steigt daher langsam der Unmut, und die Moral beginnt bei manchen zu sinken.<\/p>\n<p><strong>Phase 2: Vom Aufbruch zum Streik im Streik<\/strong><\/p>\n<p>Deshalb \u00fcbernehmen in der vierten Woche Kolleginnen und Kollegen aktiv den Streik. Erst beginnt alles ganz normal. Es ist Montag. Die Leute tragen sich in die Streikliste ein, nehmen ihr Fr\u00fchst\u00fccksbr\u00f6tchen und der Sekret\u00e4r h\u00e4lt eine Rede mit dem Ziel, die Moral hoch zu halten: \u00abIch bin stolz auf euch!\u00bb Da ergreift eine Frau das Wort, bei der sich Frust angestaut hat. Sie ist anerkannt unter den Kollegen, f\u00fchlt sich durch ihre lange Betriebszugeh\u00f6rigkeit verbunden mit der Post.<\/p>\n<p>Und gerade aus dieser Identifizierung entspringt Emp\u00f6rung. Sie ergreift das Wort und redet Tacheles, dass man einen Kampf so nicht gewinnen kann, dass man ihm mehr Nachdruck verleihen muss, der \u00d6ffentlichkeit zeigen muss, dass man es ernst meint mit der Forderung, die historische Umstrukturierung der Post aufzuhalten. Und da bricht der Damm. Die Diskussion beginnt, viele gehen ans Mikro, bringen Ideen und man beginnt sich zu organisieren. Wie wollen wir die Woche gestalten? Welche Arbeitsgruppen brauchen wir? Welche Aktionsformen? Wie erreichen wir die \u00d6ffentlichkeit oder gar noch schw\u00e4cher aufgestellte Standorte?<\/p>\n<p>Die Woche ist schnell gemeinsam geplant. Der Sekret\u00e4r versucht einzulenken. Man m\u00fcsse doch bedenken, dass\u2026 Das sei nicht so einfach, weil\u2026 Er ist \u00fcberrumpelt. Die ganze Zeit hat er doch aktiv den Streik begleitet, ist anerkannt f\u00fcr sein Engagement, Transparente und Aktionen mit anderen Streikbetrieben zu organisieren. Aber nun entwickelt sich eine Dynamik, bei der ihm die Kontrolle zu entgleiten droht. Und wenn etwas schief geht, ist er derjenige, der es vor der n\u00e4chsth\u00f6heren Ebene rechtfertigen muss.<\/p>\n<p>Die Kollegen geben nicht nach und machen die Aktion am n\u00e4chsten Tag einfach selbst vor einem Poststandort. Die Nachricht hat sich \u00fcber Whatsapp schnell verbreitet. \u00dcber hundert Besch\u00e4ftigte beteiligen sich daran und sind ermutigt, dass sie aktiv streiken, dass es <em>ihr<\/em> Streik ist. Hochgef\u00fchle bei den Teilnehmenden. Es geht! Wir k\u00f6nnen den Streik ausweiten, die Moral halten, wir ziehen das durch.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag soll es weitergehen. Morgens um f\u00fcnf stehen die Kollegen bereit f\u00fcr einen gr\u00f6\u00dferen aktiven Streikposten. Doch dann hei\u00dft es pl\u00f6tzlich von Ver.di: Ihr m\u00fcsst direkt ins Streiklokal fahren, wir k\u00f6nnen das so nicht machen. Entt\u00e4uschung bei den einen, Verwirrung bei den anderen. Darauf, dass das einfach abgeblasen wird, ist man nicht vorbereitet, man hatte keinen Plan B mit Telefonketten, eigenen Ansprechpartnern, Kontaktlisten der Kollegen\u2026 Die Wut wendet sich nun nicht nur gegen die Post, sondern auch gegen Ver.di. Das Gef\u00fchl: \u00abIch befinde mich im Streik im Streik\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Phase 3: Niederlage und wieder Aufbruch?<\/strong><\/p>\n<p>Mit den Nachrichten ab Sonntagabend wird die Bef\u00fcrchtung, dass es zu Ende ist, zur Gewissheit. Dass die ganze Energie, die man in den letzten Wochen aufgewendet hat, die tausend Gespr\u00e4che, die man gef\u00fchrt hat, um Schwankende, Streikbrecher, genervte Kunden von der eigenen Sache zu \u00fcberzeugen, umsonst war. Ja, es gibt kleinere Gewinne, vor allem f\u00fcr die Kernbelegschaft. Aber das Ziel wurde nicht erreicht, und das Ohnmachtsgef\u00fchl ist erstmal viel gr\u00f6\u00dfer. Nun wird jeder vereinzelt in seinen Standort gehen und dort erkl\u00e4ren m\u00fcssen, dass es die ganze Repression, die dort zu erwarten ist, wert war. Da helfen auch nicht die Reden der Ver.di-Vertreter am Montag auf der letzten Streikversammlung.<\/p>\n<p>F\u00fcr einige Besch\u00e4ftigte aber steht fest: Man wird sich wieder treffen, sauber auswerten, und \u00fcberlegen, wie man als n\u00e4chstes vorgeht. Denn auf die Gewerkschaftsf\u00fchrung kann man sich nicht verlassen. Diese Erfahrung hat man gemacht und muss nun darum k\u00e4mpfen, dass sie nicht in Resignation, sondern in Organisierung von unten umschl\u00e4gt. Beteiligung hei\u00dft eben, selber das Ruder in die Hand zu nehmen und eine demokratische Gewerkschaft einzufordern. Die \u00dcberzeugung, dass das geht, hat \u2013 trotz allem \u2013 der unbefristete Streik erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p><em>Quelle: SoZ vom September 2015, zu finden unter www.sozonline.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Violetta K\u00fchn in Gespr\u00e4chen. Vielfach wird nicht nur das Ergebnis des Poststreiks kritisiert, sondern auch die geringe Einbeziehung der Ver.di-Mitglieder in die Durchf\u00fchrung und Strategiebildung. 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