{"id":6989,"date":"2020-01-31T16:49:30","date_gmt":"2020-01-31T14:49:30","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6989"},"modified":"2020-01-31T16:49:32","modified_gmt":"2020-01-31T14:49:32","slug":"schuften-bis-zum-umfallen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=6989","title":{"rendered":"Schuften bis zum Umfallen"},"content":{"rendered":"<p><em>Susan Bonath. <\/em><strong>Grippe, R\u00fcckenleiden, Depression: Immer mehr Menschen schleppen sich krank zur Arbeit. <em>&#8222;Pr\u00e4sentismus&#8220; hat mit schlechten Arbeitsbedingungen und der Angst vor Jobverlust zu tun.<\/em><\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Menschen sind keine Maschinen. Sie werden auch mal krank, unsichere Lohnarbeits- und daraus folgende prek\u00e4re Lebensverh\u00e4ltnisse tragen ihren Teil dazu bei. Das wei\u00df auch die Denkfabrik der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit (BA), das Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dieses sorgt sich deshalb um die Wirtschaft, nicht nur wegen der hohen Zahl der Krankschreibungen. In einer neuen Auswertung beklagt das IAB nun, dass immer mehr Menschen krank zur Arbeit gingen. \u00bbDas hat auch mit den Arbeitsbedingungen und der Angst vor Jobverlust zu tun\u00ab, mahnen die Forscher darin.<\/p>\n<p>Dieses angebliche \u00bbPh\u00e4nomen\u00ab bezeichnet das IAB als \u00bbPr\u00e4sentismus\u00ab. Betroffene wollten also etwa pr\u00e4sent sein, um im harten Konkurrenzkampf nicht als \u00bbBlaumacher\u00ab dazustehen. Zwar seien bereits \u00bbkrankheitsbedingte Arbeitsausf\u00e4lle f\u00fcr die deutsche Wirtschaft \u2013 nicht nur in der kalten Jahreszeit \u2013 ein nicht zu vernachl\u00e4ssigendes Problem\u00ab, merken die Forscher an. Denn dadurch bedingte Abwesenheit vom Job k\u00f6nne \u00bbmit merklichen Produktivit\u00e4tsverlusten einhergehen und nicht unerhebliche Kosten f\u00fcr Arbeitgeber und Krankenversicherungen verursachen\u00ab.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/D.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6990\" width=\"571\" height=\"273\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/D.jpg 450w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/D-300x143.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 571px) 100vw, 571px\" \/><\/figure>\n<p>Doch auch der \u00bbPr\u00e4sentismus\u00ab verursache hohe Kosten. Erstens sinke dadurch die Arbeitsleistung. Zweitens verschleppten Betroffene h\u00e4ufig ihre Krankheit und fielen am Ende \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Zeitr\u00e4ume aus. Immer l\u00e4ngere und schwerere Krankheitsverl\u00e4ufe registrierte in der vergangenen Woche zum Beispiel die Kaufm\u00e4nnische Krankenkasse KKH. Dort steige die Dauer der Arbeitsunf\u00e4higkeit pro Fall kontinuierlich an. 2019 habe jeder Betroffene im Schnitt 15 Tage gefehlt. Neben Krebspatienten fehlten Menschen mit psychischen Erkrankungen mit mehr als 40 Tagen im Schnitt am l\u00e4ngsten, so die KKH.<\/p>\n<p>Die IAB-Forscher untermauern ihre Thesen mit Studien. Bei einer l\u00e4nger zur\u00fcckliegenden Umfrage habe etwa mehr als die H\u00e4lfte (54,6 Prozent) der Befragten angegeben, sich im Jahr 2012 mindestens einmal krank zur Arbeit geschleppt zu haben. Im Schnitt ging jeder dieser Betroffenen 11,6 Tage trotz gesundheitlicher Einschr\u00e4nkung seinem Job nach. Vier Jahre sp\u00e4ter sagten bereits mehr als zwei Drittel der befragten Besch\u00e4ftigten (68,6 Prozent), sie seien 2016 ein- oder mehrmals krank am Arbeitsplatz gewesen. Insgesamt kamen auf jeden Betroffenen nunmehr bereits 12,6 Arbeitstage.<\/p>\n<p>Manche Besch\u00e4ftigte, so philosophieren die IAB-Experten zun\u00e4chst, gingen wom\u00f6glich aufgrund des \u00bbindividuellen Arbeitsethos\u00ab krank zum Job. Sie wollten beispielsweise die Kollegen nicht zus\u00e4tzlich belasten. Eine gro\u00dfe Rolle spielten auch die Unternehmenskultur und die Bedingungen im Betrieb. \u00bbSo k\u00f6nnte krankheitsbedingte Abwesenheit in einer Firma, die die Anwesenheit der Mitarbeiter als sehr wichtig erachtet, besonders argw\u00f6hnisch be\u00e4ugt werden.\u00ab<\/p>\n<p>Starke physische und psychische Belastungen, wie hoher Zeitdruck und fehlende Unterst\u00fctzung durch Kollegen, verst\u00e4rkten das Problem erheblich. Erwiesen sei, so die IAB-Autoren, dass \u00bbPr\u00e4sentismus\u00ab am h\u00e4ufigsten bei Besch\u00e4ftigten auftrete, die f\u00fcrchten m\u00fcssen, ihren Job zu verlieren. Und: Wer mit seinem Arbeitsplatz besonders unzufrieden ist, schleppe sich h\u00e4ufiger mit Grippe, R\u00fcckenproblemen, schwerer Depression und anderen Leiden dorthin. Aus der Gruppe letzterer gaben 80 Prozent an, dies regelm\u00e4\u00dfig so zu handhaben.<\/p>\n<p>Damit sei \u00bbPr\u00e4sentismus in Deutschland mindestens genauso stark verbreitet wie krankheitsbedingte Abwesenheit\u00ab, konstatieren die Forscher. Unternehmen m\u00fcssten mehr dagegen tun, fordern sie, zum Beispiel Vertretungen angemessen regeln und auf in manchen Firmen \u00fcbliche Boni f\u00fcr Mitarbeiter, die sich das ganze Jahr nicht krank gemeldet h\u00e4tten, verzichten. Doch das alleine reiche nicht. \u00bbVielmehr ist im \u00f6ffentlichen Bewusstsein ein generelles Umdenken n\u00f6tig: Krankheitsbedingte Abwesenheit vom Arbeitsplatz darf nicht stigmatisiert und mit einer verminderten Leistungsf\u00e4higkeit gleichgesetzt werden\u00ab, so die IAB-Experten. Mit anderen Worten: Der Leistungsdrill, den auch die BA als IAB-Oberinstanz mit ihren erwerbslosen Klienten betreibt, ist kontraproduktiv.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/371584.pr%C3%A4sentismus-schuften-bis-zum-umfallen.html\"><em>jungewelt.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 31. Januar 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Susan Bonath. 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