{"id":7068,"date":"2020-02-18T09:09:13","date_gmt":"2020-02-18T07:09:13","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7068"},"modified":"2020-02-18T09:09:14","modified_gmt":"2020-02-18T07:09:14","slug":"metoo-und-faschistoide-kraefte-gegen-roman-polanskis-film-intrige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7068","title":{"rendered":"#MeToo und faschistoide Kr\u00e4fte gegen Roman Polanskis Film \u201eIntrige\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Alex Lantier. <\/em>Am Dienstag trat das Pr\u00e4sidium des nationalen franz\u00f6sischen Filmpreises\u00a0<em>C\u00e9sar\u00a0<\/em>geschlossen zur\u00fcck. Die #MeToo-Kampagne und die franz\u00f6sische Regierung hatten das Gremium zuvor heftig unter Beschuss genommen, weil es Roman Polanskis Film\u00a0<em>Intrige<\/em>,<!--more--> der die Dreyfus-Aff\u00e4re thematisiert, f\u00fcr die kommende Preisverleihung am 28. Februar f\u00fcr 12 Awards nominiert hatte.<\/p>\n<p>In der franz\u00f6sischen und europ\u00e4ischen Politik scheiden sich die Geister nach wie vor an der Dreyfus-Aff\u00e4re. Der Kampf f\u00fcr die juristische Entlastung des franz\u00f6sischen Offiziers Alfred Dreyfus tobte 12 Jahre. Dreyfus war im Jahr 1894 einem Justizskandal zum Opfer gefallen und wurde f\u00e4lschlicherweise wegen Spionage f\u00fcr das Deutsche Reich verurteilt. Zwischen Dreyfus\u2019 Verteidigern, die von Jean Jaur\u00e8s und der sozialistischen Arbeiterbewegung angef\u00fchrt wurden, und seinen Gegnern, bestehend aus dem franz\u00f6sischen Generalstab, der Kirche und der antisemitischen\u00a0<em>Action\u00a0fran\u00e7aise\u00a0<\/em>unter Charles Maurras, kam es beinahe zum B\u00fcrgerkrieg. Im Jahr 1906 wurde Dreyfus freigesprochen und die Verschw\u00f6rung gegen ihn endg\u00fcltig zur\u00fcckgeschlagen.<\/p>\n<p>Der\u00a0<em>Action fran\u00e7aise\u00a0<\/em>entsprangen die ideologischen Grundlagen und ein Gro\u00dfteil des Personals des Vichy-Regimes, das w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis kollaborierte und f\u00fcr die Deportation von einem Viertel der franz\u00f6sischen Juden nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager der Nazis verantwortlich war.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/02\/01\/pola-f01.html\"><strong><em>Intrige<\/em><\/strong><\/a><em>\u00a0<\/em>stellt diese ersten Schusswechsel im Kampf zwischen Sozialismus und Faschismus im 20. Jahrhundert fesselnd und eindringlich dar. Der Film entwirft ein lebendiges Bild des Offiziers Marie-Georges Picquart, der seine antisemitischen Vorurteile \u00fcberwindet als er die entscheidenden Beweise f\u00fcr Dreyfus\u2019 Unschuld findet. Picquart gibt zudem Hinweise an den renommierten Journalisten \u00c9mile Zola weiter, der sich f\u00fcr Dreyfus\u2019 Freispruch einsetzt. In einer bemerkenswerten Szene wird Zolas offener Brief unter dem Titel \u201eJ\u2019Accuse\u201c (\u201eIch klage an\u201c) an den Pr\u00e4sidenten der Republik verlesen. In dem Brief klagt Zola hochrangige Offiziere der Armee an, die Falschaussagen gemacht hatten, um Dreyfus zu verleumden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"431\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Intirge.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7069\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Intirge.jpg 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Intirge-300x202.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/figure>\n<p><em>Intrige\u00a0<\/em>geh\u00f6rt zu den besten Filmen von Roman Polanski, dem franz\u00f6sisch-polnischen Regisseur j\u00fcdischer Abstammung, dessen bemerkenswerte Karriere inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert umfasst. Im Jahr 1933 in Paris geboren und in Krakau aufgewachsen, durchlebte Polanski w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs die Deportation seiner Eltern und seiner Schwester in die Vernichtungslager der Nazis. Im Jahr 1969 wurde Polanskis Frau, die Schauspielerin Sharon Tate, grausam ermordet. Nachdem er sich des ungesetzlichen Geschlechtsverkehrs mit einer Minderj\u00e4hrigen, Samantha Geimer, schuldig bekannte und 1977 f\u00fcr 42 Tage ins Gef\u00e4ngnis ging, floh Polanski aus den USA als sich abzeichnete, dass sich der Richter nicht an die Bedingungen halten w\u00fcrde, die durch eine Verst\u00e4ndigung im Strafverfahren zustande gekommen waren. Seitdem wurde Polanski sowohl von den US-Polizeibeh\u00f6rden als auch von feministischen Gruppen gnadenlos verfolgt.<\/p>\n<p>Die Kampagne gegen\u00a0<em>Intrige\u00a0<\/em>ist durch nichts gerechtfertigt. Die juristischen und politischen Konsequenzen solcher Zensurma\u00dfnahmen gehen weit \u00fcber die unmittelbaren Folgen f\u00fcr Roman Polanski hinaus. Durch ihre Attacken gegen\u00a0<em>Intrige<\/em>\u00a0dient die #MeToo-Kampagne als Werkzeug in einem reaktion\u00e4ren Angriff auf die Meinungsfreiheit. #MeToo versucht, eine offizielle staatliche Zensur gegen die Filmwelt zu verh\u00e4ngen und eine politische Atmosph\u00e4re der Repression zu bef\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Die #MeToo-Kampagne gegen\u00a0<em>Intrige\u00a0<\/em>hatte von Beginn an faschistoide Z\u00fcge. Kurz bevor der Film im November ver\u00f6ffentlicht wurde, erhob die Schauspielerin Val\u00e9rie Monnier unvermittelt unbegr\u00fcndete Anschuldigungen gegen Polanski, er habe sie im Jahr 1975 vergewaltigt. Die Vorw\u00fcrfe hatte Monnier zuvor \u00fcber ein Jahr lang mit Vertretern des Staates besprochen. Aus dem Umfeld von #MeToo hie\u00df es daraufhin, dass all jene, die den Film ansehen oder Interesse daran bekunden, sich der \u201eKomplizenschaft\u201c bei Vergewaltigungen schuldig machten. Angesichts des historischen Gewichts der Dreyfus-Aff\u00e4re l\u00e4uft diese Anschuldigung darauf hinaus, dass sich jeder mit linken politischen Ansichten in Frankreich hinter Vergewaltigungen stellt.<\/p>\n<p>Trotz der #MeToo-Attacken und Kritik von mehreren Ministern, kletterte der Film rasch an die Spitze der franz\u00f6sischen Filmcharts. Als die #MeToo-Kampagne gegen die Entscheidung des\u00a0<em>C\u00e9sar<\/em>-Pr\u00e4sidiums zur Nominierung des Films u.a. in den Kategorien bester Film und beste Regie protestierte, wies\u00a0<em>C\u00e9sar<\/em>-Pr\u00e4sident Alain Terzian die Vorw\u00fcrfe zur\u00fcck. Terzian erkl\u00e4rte: \u201eDie C\u00e9sar-Awards sind keine moralische Instanz. Wenn ich mich nicht irre, sind 1,5 Millionen Franzosen f\u00fcr den Film in die Kinos gegangen. Fragen sie die doch.\u201c<\/p>\n<p>#MeToo reagierte mit einer Versch\u00e4rfung der Kampagne gegen\u00a0<em>Intrige<\/em>. Die Vereinigung \u201eDare To Be Feminist\u201c (\u201eTrau Dich, Feministin zu sein\u201c), die eng mit Macron und Jean-Luc M\u00e9lenchons Partei \u201eUnbeugsames Frankreich\u201c (\u201eLa France insoumise\u201c) verbunden ist, verbreitete eine Petition mit der Forderung an das C\u00e9sar-Pr\u00e4sidium, f\u00fcr den Film \u201ekeine Preise zu verleihen\u201c. Darin hei\u00dft es: \u201eZwei Jahre nach #MeToo bejubeln und feiern wir in Frankreich einen gewaltt\u00e4tigen Kindersch\u00e4nder, der sich auf der Flucht befindet, w\u00e4hrend Harvey Weinstein in den USA eine lebensl\u00e4ngliche Gef\u00e4ngnisstrafe bevorsteht.\u201c<\/p>\n<p>Eine Gruppe von 400 Filmschaffenden, darunter Regisseur Bertrand Tavernier und Schauspieler Omar Sy, unterschrieb bedauerlicherweise eine Erkl\u00e4rung, in der sie die Forderung von #MeToo nach einer kompletten Neuordnung der C\u00e9sars unterst\u00fctzten.<\/p>\n<p>C\u00e9sar-Pr\u00e4sident Terzian versuchte f\u00fcr kurze Zeit seinen Posten mit der Ank\u00fcndigung zu retten, dass seine Organisation hunderte Frauen in den Vorstand aufnehmen und eine strikte 50-50-Quote bei der Verleihung der Preise und bei der Besetzung von Positionen einf\u00fchren werde. Doch die Angriffe auf Polanski als \u201eVergewaltiger\u201c und gegen die C\u00e9sar-Awards wegen der F\u00f6rderung von \u201eVergewaltigungskultur\u201c (\u201erape culture\u201c) gingen weiter. Schlie\u00dflich wurde das gesamte F\u00fchrungsgremium des franz\u00f6sischen Kinos abgesetzt.<\/p>\n<p><em>Intrige\u00a0<\/em>ist weder in den USA noch in Gro\u00dfbritannien von einem Filmvertrieb in die Kinos gebracht worden. In beiden L\u00e4ndern hat #MeToo praktisch ein Verbot durchgesetzt. Nachdem er eine geheime Vorf\u00fchrung des Films in Gro\u00dfbritannien besucht hatte, schrieb John R. MacArthur vom\u00a0<em>Harper\u2019s Magazine<\/em>: \u201eDie m\u00f6glichen Folgen einer Zusammenarbeit mit Polanski w\u00e4ren derart fatal, dass weder ein britischer noch ein amerikanischer Filmvertrieb eine Vorf\u00fchrung riskieren wird, w\u00e4hrend in Frankreich die Besucher zum Start von\u00a0<em>Intrige\u00a0<\/em>an die Kinokassen str\u00f6mten und die Kritiker begeistert waren. \u2026 Niemand will auf Twitter gesteinigt werden oder Demonstrationen vor seinem Gesch\u00e4ft sehen, auch nicht meine Gastgeber.\u201c<\/p>\n<p>Die Rolle von #MeToo wirft ein Schlaglicht auf das Zusammenwirken von kleinb\u00fcrgerlicher Identit\u00e4tspolitik mit der politischen Agenda kapitalistischer Regierungen. Indem sie f\u00fcr Gender-Politik eintrat, die sich gegen eine klassenbasierten Politik richtet, bewegte sich die #MeToo-Kampagne immer weiter nach rechts.<\/p>\n<p>Macrons Rentenk\u00fcrzungen und seine Steuersenkungen f\u00fcr Reiche sind in breiten Teilen der Bev\u00f6lkerung verhasst. Auf die Massenstreiks und Gelbwesten-Proteste, die sich in den letzten 16 Monate dagegen formiert haben, reagierte Macron, indem er rechtsextreme Polizeikr\u00e4fte f\u00f6rderte und sie gegen Demonstranten hetzte. Seit Macron im Jahr 2018 den franz\u00f6sischen Nazi-Kollaborateur und Diktator Philippe P\u00e9tain als \u201egro\u00dfen Soldaten\u201c bejubelte, hat die Polizei 11.000 Menschen verhaftet, fast 5.000 verletzt und zwei get\u00f6tet.<\/p>\n<p>In dem Bewusstsein, dass sie von der Bev\u00f6lkerung verachtet wird, nutzt die Macron-Regierung #MeToo, um Zensur zu f\u00f6rdern und eine Basis in der Mittelschicht f\u00fcr ihre Unterdr\u00fcckungsma\u00dfnahmen aufzubauen. Die #MeToo-Kampagne hat die zunehmenden Angriffe der Polizei auf Proteste nicht kritisiert. Stattdessen forderte sie versch\u00e4rfte staatliche Kontrolle \u00fcber die \u00d6ffentlichkeit und dass Frauen einen gr\u00f6\u00dferen Anteil an besser bezahlten Jobs bekommen.<\/p>\n<p>Unmittelbar nach der Ver\u00f6ffentlichung der C\u00e9sar-Nominierungen, tourte die Staatssekret\u00e4rin f\u00fcr Gleichstellung der Geschlechter, Marl\u00e8ne Schiappa, durch die Medienlandschaft, um den Angriff auf\u00a0<em>Intrige\u00a0<\/em>zu koordinieren. Im Interview mit dem franz\u00f6sischen Nachrichtensender LCI wurde Schiappa gefragt, ob die C\u00e9sars sich \u201ebei der Vergewaltigungskultur zum Komplizen gemacht\u201c h\u00e4tten. Sie erkl\u00e4rte dazu, das franz\u00f6sische Kino sei \u201emit Blick auf sexistische und sexuelle Gewalt gegen Frauen nicht reifer\u201c geworden. Schiappa sagte, sie sei \u201eschockiert\u201c gewesen als Terzian\u00a0<em>Intrige\u00a0<\/em>verteidigt habe. Sollte der Film Preise gewinnen, w\u00e4re sie \u201eemp\u00f6rt\u201c.<\/p>\n<p>Mit Hilfe der Attacken auf Polanski und der ebenfalls von #MeToo ausgehenden Aktionen, um die C\u00e9sars auf Linie zu bringen, nimmt die franz\u00f6sische Regierung jeden Ausdruck linker Opposition in der Filmkunst ins Visier. Schiappa stellte auch den franz\u00f6sisch-malischen Regisseur Ladj Ly an den Pranger, dessen Film \u201eLes Mis\u00e9rables\u201c (dt. Titel \u201eDie W\u00fctenden\u201c) \u00fcber Polizeigewalt in Arbeiterbezirken f\u00fcr elf C\u00e9sars nominiert ist. Schiappa erkl\u00e4rte, sie sei \u201e\u00fcberrascht\u201c, dass Ly \u201ein den Himmel gelobt\u201c werde. Dabei gebe es \u201ekeinen Unterschied\u201c zwischen Polanski und Ly, behauptete sie. Mit anderen Worten: Auch Ly sollte ihrer Meinung nach keine Preise bekommen.<\/p>\n<p>Kulturminister Franck Riester, dessen Ministerium im Jahr 2018 versucht hatte, die Schriften des nationalistischen und faschistoiden Autors Charles Maurras zu ver\u00f6ffentlichen, zeigte sich begeistert \u00fcber die Vertreibung des C\u00e9sar-Pr\u00e4sidiums. Das Gremium habe eine \u201eweise Entscheidung\u201c getroffen.<\/p>\n<p>#MeToo ist eine reaktion\u00e4re Bewegung des Kleinb\u00fcrgertums, die rechtsextremen und rassistischen Kr\u00e4ften ein \u201efeministisches\u201c Feigenblatt gibt. Es ist auff\u00e4llig, dass drei der Personen, gegen die sich die #MeToo-Kampagne in der Filmindustrie haupts\u00e4chlich richtet, Juden sind \u2013 Harvey Weinstein, Woody Allen und Polanski.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/02\/18\/intr-f18.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. Februar 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alex Lantier. Am Dienstag trat das Pr\u00e4sidium des nationalen franz\u00f6sischen Filmpreises\u00a0C\u00e9sar\u00a0geschlossen zur\u00fcck. 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