{"id":7075,"date":"2020-02-18T11:32:27","date_gmt":"2020-02-18T09:32:27","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7075"},"modified":"2020-02-18T11:32:28","modified_gmt":"2020-02-18T09:32:28","slug":"die-nsdap-und-regierungsbteiligungen-der-weg-zur-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7075","title":{"rendered":"Die NSDAP und Regierungsbteiligungen \u2013 Der Weg zur Macht!"},"content":{"rendered":"<p><em>Yaak Pabst.<\/em> <strong>Schon vor der Machtergreifung 1933 strebte Hitler f\u00fcr die NSDAP Regierungsbeteiligungen auf L\u00e4nderebene an. Die Konservativen wollten die Nazis \u00fcber die Beteiligung als \u201eJuniorpartner\u201c z\u00e4hmen. Doch das Gegenteil war der Fall.\u00a0 \u00dcber<!--more--> die Motive der Nazis, ihre Strategie an der Regierung und die Lehren f\u00fcr den Kampf gegen rechts heute.<\/strong><\/p>\n<p>1923 hatte Adolf Hitler versucht, mit dem \u201eMarsch auf Berlin\u201c, der an der M\u00fcnchner Feldherrnhalle kl\u00e4glich endete, Mussolinis \u201eMarsch auf Rom\u201c nachzuahmen. Der italienische Faschist Benito Mussolini hatte zwei Jahre eines blutigen Vernichtungsfeldzugs mit bewaffneten faschistischen Banden gegen die norditalienische Arbeiterbewegung hinter sich. Damit hatte sich Mussolini\u00a0 die Unterst\u00fctzung der Bourgeoisie und der Armee f\u00fcr eine Macht\u00fcbergabe an ihn erworben. Daher sein Erfolg beim \u201eMarsch auf Rom\u201c. Nichts dergleichen hatte Hitler 1923 vorzuweisen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/gegenwart-des-faschismus\/\">Daher sein Misserfolg<\/a><\/p>\n<p><strong>Adolf Hitler und die neue Strategie der Nazis <\/strong><\/p>\n<p>Daraufhin \u00e4nderten die Nazis ihre Strategie: Ausnutzung von Parlamenten und Regierungen f\u00fcr den Aufbau einer Massenbewegung, mit einem bewaffnetem Arm nach Mussolinis Vorbild.<\/p>\n<p>Als die Nazis im Gefolge der Weltwirtschaftskrise Wahlerfolge erlebten, traten sie als Juniorpartner in Landesregierungen ein, zuerst in Th\u00fcringen und Braunschweig 1930, ab 1932 folgten weitere Regierungsbeteiligungen (in Anhalt, Oldenburg, Mecklenburg-Schwerin und Th\u00fcringen), bei denen die NSDAP sogar den Ministerpr\u00e4sidenten stellte. F\u00fcr die Motive der Nazis und ihre Strategie bei diesen Regierungsbeteiligungen gibt es zwei beredte Zeugnisse.<\/p>\n<p>Einmal die Erinnerungen des Nazi-Pressechefs Otto Dietrich und zum anderen einen ausf\u00fchrlichen Brief Hitlers an einen US-amerikanischen G\u00f6nner anl\u00e4sslich des Regierungseintritts 1930 in Th\u00fcringen. In seinem Buch: \u201eMit Hitler in die Macht. Pers\u00f6nliche Erlebnisse mit meinem F\u00fchrer\u201c von 1934 schreibt NSDAP-Mitglied Otto Dietrich: \u201eMit der Eroberung Coburgs Ende 1929 hatte der F\u00fchrer planm\u00e4\u00dfig eine Demonstrations- und Einkreisungspolitik eingeleitet, die darauf abgestellt war, von der Seite der Kommunen und L\u00e4nder her vorzudringen und sich dort eine Machtposition nach der anderen zu schaffen, solange das Reich selbst f\u00fcr die NSDAP noch nicht sturmreif war; es folgten im Jahre 1930 Th\u00fcringen und Braunschweig (\u2026) .\u201c Dietrich nennt hier auch die Rolle als Juniorpartner in einer Landesregierung eine \u201eMachtposition\u201c. Warum?<\/p>\n<p><strong>Die Taktik von Hitler<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal war Hitler \u00fcberzeugt, dass seine Partei in rechte Koalitionen eintreten musste, wann immer ohne die Nazis keine rechte Regierung gebildet werden konnte. In dem oben erw\u00e4hnten Brief schreibt Hitler am 2. Februar 1930: \u201eH\u00e4tte ich \u201aNein\u2018 gesagt und w\u00e4re es dar\u00fcber zu einer Neuaufl\u00f6sung des (th\u00fcringischen Landtages, Redaktion) gekommen, w\u00fcrden manche W\u00e4hler vielleicht den Entschluss, uns das Vertrauen zu schenken, wieder bedauert haben.\u201c<\/p>\n<p>Der Historiker Fritz Dickmann schreibt in seinem Text\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ifz-muenchen.de\/heftarchiv\/1966_4_4_dickmann.pdf\">\u201eDie Regierungsbildung in Th\u00fcringen als Modell der Machtergreifung\u201c<\/a>\u00a0aus dem Jahre 1966 \u00fcber Hitlers Taktik: \u201eAuch ist f\u00fcr seine Taktik bezeichnend, wie er st\u00e4ndig die R\u00fcckwirkung der Regierungsverhandlungen auf die Stimmung drau\u00dfen im Lande und die Chancen einer Neuwahl im Auge behielt. (\u2026) Ein prinzipielles Nein zur Beteiligung an einer b\u00fcrgerlichen Regierung h\u00e4tte den Nationalsozialisten den Ruf der Unf\u00e4higkeit, Verantwortungsscheu und Tatenlosigkeit eingetragen, wenn aber ihre Beteiligungen einem Nein der b\u00fcrgerlichen Parteien scheiterte, so war damit eine Wahlparole gewonnen, die man sich nicht besser w\u00fcnschen konnte. Der Wahlkampf konnte dann in schroffer Frontstellung gegen diejenigen gef\u00fchrt werden, deren W\u00e4hler man f\u00fcr sich zu gewinnen hoffte, und mit der einleuchtenden Zielsetzung, dass die NSDAP gest\u00e4rkt werden m\u00fcsse, um den Widerstand gegen ihre Regierungsbeteiligung zu brechen. Genauso hat Hitler alle seine Wahlk\u00e4mpfe bis 1933 gef\u00fchrt: Nicht f\u00fcr sachliche Forderungen, sondern stets mit dem Blick auf die n\u00e4chste Wahlschlacht, deren Chancen im Voraus abw\u00e4gend und den gegenw\u00e4rtigen Wahlerfolg nur als Voraussetzung weiterer, noch gr\u00f6\u00dferer Siege wertend.\u201c<\/p>\n<p><strong>Hitler und die Koalitionsverhandlungen in Th\u00fcringen<\/strong><\/p>\n<p>Die Nazis traten in Koalitionsregierungen ein, nicht, um mit dem Koalitionspartner zusammenzuarbeiten, sondern um ihn politisch zu schw\u00e4chen. Hitler war klar, dass sein Erfolg davon abh\u00e4ngt, den anderen reaktion\u00e4ren Parteien die W\u00e4hler wegzunehmen, weil die Arbeiterbewegung damals einen relativ fest gef\u00fcgten ideologischen Block bildete, in den die Nazis nicht einzudringen vermochten.<\/p>\n<p>Diesem Ziel diente der Eintritt in Regierungen und das diese Regierungsbeteiligungen begleitende politische Auftreten. Hitler ma\u00df den Koalitionsverhandlungen in Th\u00fcringen so gro\u00dfe Bedeutung bei, dass er sie selbst leitete. Seinem G\u00f6nner in den USA\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ifz-muenchen.de\/heftarchiv\/1966_4_4_dickmann.pdf\">schrieb<\/a>\u00a0er: \u201eIch glaube man erwartete (besonders auf Seite der deutschen Volkspartei!), dass ich irgendeinen national schimmernden Regierungsbeamten zur Verf\u00fcgung stellen w\u00fcrde, mit dem man dann schnell fertig geworden w\u00e4re. Man mu\u00dfte deshalb dieses Mal gleich von Anfang an den Herren Parteipolitikern zeigen, da\u00df jeder Versuch der \u00dcbert\u00f6lpelung der nationalsozialistischen Bewegung l\u00e4cherlich ist.\u201c Stattdessen pr\u00e4sentierte Hitler als Kandidaten seinen langj\u00e4hrigen Kampfgef\u00e4hrten Wilhelm Frick, nach Hitlers Worten \u201eein durchgekochter Nationalsozialist von ebenso gro\u00dfer Fachkenntnis wie bedingungsloser nationalsozialistischer Gesinnung.\u201c<\/p>\n<p>Die Provokation bestand darin, Frick vorzuschlagen, der wegen seiner Teilnahme am M\u00fcnchner Putschversuch als Hochverr\u00e4ter verurteilt worden war. W\u00e4hrend der Koalitionsverhandlungen erh\u00f6hte Hitler den Druck auf die ins Auge gefassten Koalitionspartner, indem er vor deren Klientel sprach. In dem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ifz-muenchen.de\/heftarchiv\/1966_4_4_dickmann.pdf\">Brief vom 2. Februar 1930<\/a>\u00a0hei\u00dft es weiter: \u201eIn einer Industriellenversammlung, die ich am selben Tag hielt und zu der alles, was in der mitteldeutschen Wirtschaft \u00fcberhaupt eine Rolle spielte, nach Weimar gekommen war, vertrat ich unsere nationalsozialistischen Gedanken und Prinzipien mit dem Erfolge, da\u00df auf einmal gerade von dieser Seite ein sehr scharfer Druck auf die deutsche Volkspartei ausge\u00fcbt wurde mit dem Gesamtergebnis, da\u00df wir am Montagabend die prompte Einwilligung zu unserem Kandidaten und zu den beiden Ministerien erhielten.\u201c Ein Vorspiel zu Hitlers Tour durch die Industrieclubs in Deutschland am Vorabend der Machtergreifung.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hitler.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7076\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hitler.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/hitler-150x150.png 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Klartext: Hitler spricht vor Industriellen<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber diesen Vortrag Hitlers am Sonnabend, den 11. Januar 1930 in Weimar, zu dem die nationalsozialistische Fraktion des Th\u00fcringer Landtages \u201eim Einvernehmen mit f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten der th\u00fcringischen Wirtschafts- und Industrieverb\u00e4nde und auf deren Anregung\u201c eingeladen hatte, berichtete die von Hitler herausgegebene Zeitung\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2000\/09\/Buerger_Hitler\/seite-4\">V\u00f6lkischer Beobachter am 17. Januar 1930<\/a>. Hitler sprach nach dieser Meldung vor mehr als 200 \u201ema\u00dfgeblichen Pers\u00f6nlichkeiten der Politik und Verwaltung, des Handels, der Wirtschaft und Industrie sowie der Kunst und Wissenschaft aus ganz Th\u00fcringen\u201c \u00fcber das Thema \u201ePolitik und Wirtschaft\u201c.<\/p>\n<p>Die Zeitung gibt w\u00f6rtlich die Schlusss\u00e4tze von Hitlers Rede wieder, die mit folgender massiver Drohung endet: \u201eWenn wir uns jetzt in Th\u00fcringen zur Mitwirkung an der Regierung entschlossen haben, dann bedeutet das keinen Verzicht auf unser Programm, sondern unseren eisernen Willen, in diesem sch\u00f6nen Lande unsere Grundgedanken einzuf\u00fchren, und wir werden dabei keinen Zentimeter von unserem Glaubensbekenntnis abgehen. Unser Kampf gilt unserem Volke und Vaterlande, und wer unseres Volkes Feind ist, der sieht logischerweise in uns seinen Todfeind. Vers\u00f6hnung gibt es f\u00fcr uns nicht! Es gibt nur eins: Rettung unseres Volkes, und wenn es sein muss, durch Erledigung unserer Gegner!\u201c<\/p>\n<p><strong>Welche \u00c4mter wollte sich die NSDAP als Juniorpartner sichern?<\/strong><\/p>\n<p>Welche \u00c4mter wollte sich die NSDAP als Juniorpartner sichern? Den Nazis ging es vor allem um das Innenministerium und das Bildungsministerium. Hitler\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ifz-muenchen.de\/heftarchiv\/1966_4_4_dickmann.pdf\">erl\u00e4uterte<\/a>: \u201eVon dem Moment an, an dem unser prinzipielles Einverst\u00e4ndnis vorlag, w\u00e4re jede Neuwahl zu Ungunsten der anderen Parteien ausgegangen. Nachdem auf solche Art unsere prinzipielle Bereitschaft zur Beteiligung an der Regierung abgegeben und angenommen worden war, stellte ich zwei Forderungen: Innenministerium und Volksbildungsministerium. Es sind dies in meinen Augen die beiden in den L\u00e4ndern f\u00fcr uns wichtigsten \u00c4mter. Dem Innenministerium untersteht die gesamte Verwaltung, das Personalreferat, also Ein- und Absetzung aller Beamten, sowie die Polizei. Dem Volksbildungsministerium untersteht das gesamte Schulwesen, angefangen von der Volksschule bis zur Universit\u00e4t in Jena sowie das gesamte Theaterwesen. Wer\u00a0 diese beiden Ministerien besitzt, und r\u00fccksichtslos und beharrlich seine Macht in ihnen ausn\u00fctzt, kann Au\u00dferordentliches wirken.\u201c<\/p>\n<p>Und in der Tat nutzten die Nazis die kurze Zeit in der Regierung voll aus. Sozialdemokratische Beamte, vor allem bei der Polizei, wurden entlassen, statt ihrer Nazis eingestellt. Entlassen wurden auch kommunistische Lehrer und B\u00fcrgermeister. Frick f\u00fchrte das obligatorische Schulgebet wieder ein. Auch Hitlers gro\u00dfer Wunsch ging in Erf\u00fcllung, die Schaffung eines Lehrstuhls f\u00fcr den \u201eRassekundler\u201c Hans G\u00fcnther an der Universit\u00e4t Jena. Nicht anders in Braunschweig. Hier wurde der Nazi\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anton_Franzen\">Anton Franzen<\/a>\u00a0Minister f\u00fcr Inneres, Kultur und Volksbildung. Sozialdemokratische Kreisdirektoren, Polizisten, Professoren, Schulr\u00e4te und Lehrer wurden entlassen. Letzteres l\u00f6ste einen Schulstreik aus, den Franzen als Vorwand benutzte, die sozialdemokratische Tageszeitung Braunschweiger Volksfreund zu verbieten.<\/p>\n<p><strong>Vom Juniorpartner zum Ministerpr\u00e4sidenten in Th\u00fcringen<\/strong><\/p>\n<p>Die th\u00fcringische Koalition hielt unter dem Druck der Taktik Hitlers nicht lange. Die Attacken der Nazis auf die Deutsche Volkspartei waren so heftig, dass diese die Koalition nach 15 Monaten platzen lie\u00df, indem sie einem Misstrauensantrag von SPD und KPD zustimmte. Die rechte Minderheitsregierung ohne Nazis wurde eine Zeit lang von der SPD toleriert. Die folgenden Landtagswahlen am 31. Juli 1932 brachten der NSDAP statt 11,3 nun 42,5 Prozent ein. In der Folge konnte die NSDAP den Ministerpr\u00e4sidenten in Th\u00fcringen stellen. Hitlers Taktik war aufgegangen.<\/p>\n<p><strong>Regierungsbeteiligung und Stra\u00dfenterror<\/strong><\/p>\n<p>Die Regierungsbeteiligungen der Nazis auf L\u00e4nderebene hielten sie nicht davon ab, die au\u00dferparlamentarischen Mobilisierungen weiter zu forcieren und sich mit der SA und der SS einen Machtapparat zu schaffen, der ihr Programm mit physischer Gewalt durchsetzen konnte. Im Gegenteil: Hitler nutzte den Landgewinn durch die Regierungsbeteiligung f\u00fcr eine einmalige Machtdemonstration, die deutlich machen sollte, was er in seinen Reden zuvor tausendfach verk\u00fcndete hatte: Die NSDAP macht keinerlei Kompromisse und ist in der Lage, den Krieg gegen \u201eDemokratie\u201c und \u201eMarxismus\u201c bis zum Ende zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ein Jahr nach dem Einstieg als Juniorpartner in die Regierung in Braunschweig organisierte die NSDAP dort am 17. und 18. Oktober 1931 den\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/SA-Aufmarsch_in_Braunschweig\">gr\u00f6\u00dften Aufmarsch<\/a>\u00a0der Nazis vor der Machtergreifung 1933.<\/p>\n<p>Die NSDAP hatte im Freistaat Braunschweig zuvor bei der Landtagswahl im September 1930 22,2 Prozent der Stimmen erhalten. Da keine Partei eine Alleinregierung stellen konnte, kam es zur Koalition zwischen B\u00fcrgerlicher Einheitsliste (BEL) und NSDAP, in welcher letztere das Innenministerium erhielt. Braunschweig wurde damit nach Th\u00fcringen das zweite Land mit einem nationalsozialistischen Minister.<\/p>\n<p>Die Nazis besa\u00dfen mit Minister Anton Franzen und seit dem 15. September 1931 mit dessen Amtsnachfolger Dietrich Klagges die Kontrolle \u00fcber Polizei und Schulwesen. Nach dem Ausschluss des th\u00fcringischen NSDAP-Staatsministers f\u00fcr Inneres und Volksbildung, Wilhelm Frick, aus der dortigen Landesregierung am 1. April 1931 bestand in Deutschland zu diesem Zeitpunkt einzig im Land Braunschweig die M\u00f6glichkeit, nationalsozialistische Aufm\u00e4rsche genehmigen zu lassen und mit Polizeigewalt gegen m\u00f6gliche St\u00f6rungen vorzugehen. Dies nutzte Hitler, um mit dem SA-Aufmarsch, welcher der gr\u00f6\u00dfte Aufmarsch eines paramilit\u00e4rischen Verbandes w\u00e4hrend der Weimarer Republik war, auch im Lager der \u201enationalen Opposition\u201c den F\u00fchrungsanspruch von ihm und der NSDAP durchzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Hitler und die Nazis werden zum \u201erespektablen Verhandlungspartner\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Nazis Teil von Landesregierungen und damit \u201erespektabler Verhandlungspartner\u201c wurden, ist auch der Strategie der damaligen Konservativen, insbesondere des damaligen Reichskanzlers Heinrich Br\u00fcning (Zentrum) und des Reichspr\u00e4sidenten Paul von Hindenburg (Parteilos) geschuldet. Br\u00fcning war nach dem Scheitern der Regierung M\u00fcller (SPD) vom Reichspr\u00e4sidenten Hindenburg eingesetzt worden, um die Politik der Einschnitte ins soziale Netz fortzusetzen und die au\u00dfenpolitischen Ziele der Milit\u00e4rs zu verfolgen.<\/p>\n<p>Aus Sicht der Bourgeoisie mussten \u201eDemokratie\u201c und \u201eMarxismus\u201c als Hindernis f\u00fcr die Vorbereitungen des kommenden Kriegs abgeschafft werden, den sowohl die Reichswehrf\u00fchrung als auch wachsende Teile des deutschen Kapitals als unvermeidbar betrachteten, um die infolge der Wirtschaftskrise eingebrochenen Profite zu sanieren. Um dies durchzusetzen, strebten alle Parteien der Rechten in der Endphase der Weimarer Republik eine gegen die Arbeiterbewegung gerichtete Diktatur in Deutschland an. Doch eine Milit\u00e4rdiktatur ohne die Unterst\u00fctzung der Nazis war zu diesem Zeitpunkt nicht denkbar.<\/p>\n<p><strong>Hitler und die NSDAP an die Kette legen?<\/strong><\/p>\n<p>Deswegen sollten die Nazis eingebunden und an die Kette gelegt werden. Hierzu wollten sich Teile der Konservativen, insbesondere Reichskanzler Br\u00fcning, auf die Nazis als Juniorpartner st\u00fctzen. Dies war auch angesichts derer Wahlerfolge unvermeidlich. Hatten die Nazis noch bei den Reichstagswahlen 1928 nur 2,6 Prozent der Stimmen gewonnen, so waren es bei den Neuwahlen nach dem Sturz der Regierung M\u00fcller im September 1930 \u2013 nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise \u2013 bereits 18,3 Prozent und im Juli 1932 \u2013 auf dem H\u00f6hepunkt der Weltwirtschaftskrise \u2013 37,4 Prozent. Diese Wahlerfolge verdankten sich haupts\u00e4chlich einer Verschiebung im konservativen b\u00fcrgerlichen und kleinb\u00fcrgerlichen Lager zugunsten der Nazis und nicht einem Einbruch ins proletarische W\u00e4hlermilieu. Die Arbeiterparteien SPD und KPD kamen bei allen Reichstagswahlen ab 1928 bis zur Machtergreifung der Nazis auf zwischen 36,6 und 40,2 Prozent der Stimmen.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marx21.de\/arbeiterbewegung-gegen-nazis-gespalten-den-untergang\/\">In diesem Lager gab es allerdings eine <\/a>Verschiebung zugunsten der KPD.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst war Br\u00fcning daran interessiert, die Nazis gegen den Versailler Vertrag agitatorisch erstarken zu lassen, um seine internationale Verhandlungsposition in dieser Frage zu st\u00e4rken. Seine Regierung sorgte in der Folge daf\u00fcr, dass Nazis \u2013 im Gegensatz zu Kommunisten \u2013 Beamte und Soldaten werden konnten. Das war nicht einfach, weil zeitgleich der von Werner Best \u2013 Amtsrichter und sp\u00e4terer Organisator des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) \u2013 entworfene Aufstandsplan der Nazis aufgeflogen war. Um dieses Hindernis auszur\u00e4umen, wurde die staatsanwaltliche Untersuchung eingestellt. Zuvor schon hatte man Hitler in einem Hochverratsprozess gegen einen Reichswehroffizier Gelegenheit gegeben, unter Eid seine rein legalistischen Absichten zu bekunden.<\/p>\n<p>Damit war der Weg f\u00fcr die Nazis in den staatlichen Gewaltapparat frei, es fehlten auf diesem Weg nur noch Leute, die die Nazis auch hereinriefen. Und diese Leute wurden durch die Beteiligung von Nazis an Landesregierungen installiert.<\/p>\n<p><strong>Die alten Eliten ausgekontert<\/strong><\/p>\n<p>Der Historiker Gotthard Jasper schreibt in seinem Buch \u201eDie gescheiterte Z\u00e4hmung. Wege zur Machtergreifung Hitlers 1930-1934\u201c, dass Br\u00fcning \u201edie NSDAP in den L\u00e4ndern koalitionsf\u00e4hig \u2026 machen und sie auf diese Weise f\u00fcr den beabsichtigten Rechtsschwenk der Regierung auf Reichsebene im Spiel \u2026 halten [wollte]\u201c. Die Absicht war, den Nazis in den L\u00e4ndern viel, in der Reichsregierung einiges, jedoch Hitler gar nichts zu bieten. So sollten, nach Br\u00fcnings Kalk\u00fcl, die Nazis einerseits durch Staatskarrieren gez\u00e4hmt werden. Um sie andererseits als Kettenhund gegen die Arbeiterbewegung einsetzen zu k\u00f6nnen, musste ihrem bewaffneten Arm, der eine halbe Million Mann starken SA, Bewegungsfreiheit einger\u00e4umt werden.<\/p>\n<p>Das aber erwies sich als schwierig. Denn der preu\u00dfische sozialdemokratische Innenminister Severing hatte bei Hausdurchsuchungen von Nazis erneut geheime Aufstandspl\u00e4ne der SA f\u00fcr den Fall von Hitlers Wahlsieg gefunden. Reichsinnenminister General Groener geriet unter den Druck der L\u00e4nder und musste gegen seinen Willen die SA verbieten. Was die SA anging, hatte er eigentlich einen eigenen Z\u00e4hmungsplan: Sie sollte als Miliz der F\u00fchrung der\u00a0 einhunderttausend Mann starken Reichswehr unterstellt werden. Es zeigte sich, dass die Reichswehroffiziere im Land nicht gewillt waren, das Verbot der SA durchzusetzen. An diesem Problem scheiterte die Regierung Br\u00fcning. Die folgende\u00a0 Regierung Papen hob das SA-Verbot auf. Der neue Innenminister sagte in einer Kabinettssitzung offenherzig, worum es ging: \u201eDie junge, immer weitere Kreise erfassende Bewegung Adolf Hitlers mu\u00dfte, um die in ihr lebendigen nationalen Kr\u00e4fte dem Wiederaufbau des Volkes nutzbar zu machen, von den ihr unter Br\u00fcning und Severing angelegten Fesseln befreit und zum erfolgreichen Kampf gegen den internationalen Kommunismus gest\u00fctzt werden.\u201c<\/p>\n<p>Der seit l\u00e4ngerem bereits verbotene kommunistische Rote Frontk\u00e4mpferbund\u00a0 blieb verboten. Stra\u00dfe frei f\u00fcr die SA! In sechs Wochen nach der Wiederzulassung der SA wurden allein in Preu\u00dfen im Wahlkampf 99 Tote und 1125 Verletzte in Stra\u00dfenk\u00e4mpfen gez\u00e4hlt. Dass die preu\u00dfische Landespolizei der SA nicht Herr wurde, wurde wiederum von der Papen-Regierung zum Anlass genommen, das sozialdemokratisch regierte Preu\u00dfen unter Kriegsrecht und dann unter Reichsaufsicht zu stellen. Im Juli 1932 trat ein Reichskommissar an die Stelle des Ministerpr\u00e4sidenten. Der Staatsstreich, der \u00fcber die Machtergreifung und den Reichstagsbrand zum Erm\u00e4chtigungsgesetz, zur NS-Diktatur, zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust f\u00fchrte, war bereits im Gang.<\/p>\n<p>Br\u00fcning hatte, indem er die Hindernisse f\u00fcr eine Regierungsbeteiligung der Nazis in den L\u00e4ndern aus dem Weg r\u00e4umte und die konservativen Parteien bei solchen B\u00fcndnissen unterst\u00fctzte, den Nazis die Falle der parlamentarischen Routine und der Staatskarriere stellen wollen. Diese Strategie der \u201eZ\u00e4hmung\u201c\u00a0 scheiterte katastrophal. Die Taktik der Nazis in den Jahren 1930 bis 1933 war es, mit den national-konservativen Parteien nur so weit zusammenzuarbeiten, um deren Unzul\u00e4nglichkeit herauszustellen. Mit Erfolg: Mit Ausnahme des\u00a0 katholischen Zentrums kannibalisierten die Nazis alle anderen konservativen Parteien.<\/p>\n<p>Auch heute stellt sich f\u00fcr die radikale Rechte in Deutschland die Frage der Regierungsbeteiligung. Bei den Landtagswahlen in Ostdeutschland 2019 ist die AfD zur zweitst\u00e4rksten Partei aufgestiegen. Wenn CDU\/CSU ohne die AfD keine rechte Regierung zustande bringen k\u00f6nnen, wird auf die AfD gro\u00dfer Druck\u00a0 ausge\u00fcbt werden \u2013 von innen und von au\u00dfen \u2013 eine solche Koalition zu bilden. CDU\/CSU werden sich wohl einbilden, die Nazis in der Regierung z\u00e4hmen zu k\u00f6nnen. Die Erfahrungen von 1930 bis 1933 zeigen, dass dies ein fataler Irrtum sein kann.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/diefreiheitsliebe.de\/politik\/die-nsdap-und-regierungsbteiligungen-der-weg-zur-macht\/\"><em>diefreiheitsliebe.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 18. Februar 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yaak Pabst. Schon vor der Machtergreifung 1933 strebte Hitler f\u00fcr die NSDAP Regierungsbeteiligungen auf L\u00e4nderebene an. Die Konservativen wollten die Nazis \u00fcber die Beteiligung als \u201eJuniorpartner\u201c z\u00e4hmen. 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