{"id":7085,"date":"2020-02-19T15:11:32","date_gmt":"2020-02-19T13:11:32","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7085"},"modified":"2020-02-19T15:11:34","modified_gmt":"2020-02-19T13:11:34","slug":"fuer-eine-giletjaunisierung-der-sozialen-bewegung-in-frankreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7085","title":{"rendered":"F\u00fcr eine \u00abGiletjaunisierung\u00bb der sozialen Bewegung in Frankreich"},"content":{"rendered":"<p><em>Sebastian Lotzer.<\/em> <em>Der Kampf gegen die Pl\u00e4ne der franz\u00f6sischen Regierung, das Rentensystem umfassend zu Lasten der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten umzustrukturieren, st\u00f6\u00dft dieser Tage (wie nicht anders zu erwarten) an seine Grenzen. Endete<!--more--> schon der Kampf gegen das \u2018loi travail\u2019 2016 mit einer krachenden Niederlage, so war bei der Beibehaltung der gewerkschaftlichen Strategien und Taktiken nichts anders zu erwarten gewesen. Dar\u00fcber kann auch die L\u00e4nge der Streiks nicht hinwegt\u00e4uschen, zu wenige Sektoren (ausschlie\u00dflich aus dem \u00f6ffentlichen Dienst, bzw. staatlichen Unternehmen) beteiligen sich an den Arbeitsniederlegungen. Auch brachte die Mobilisierung zu den landesweiten Demonstrationen in der vorletzten Januarwoche deutlich weniger Leute auf die Stra\u00dfe, auch wenn die CGT f\u00fcr Paris v\u00f6llig unrealistische 350.000 Teilnehmer*innen heraus posaunte. Spannender d\u00fcrfte daher eher das Ineinandergreifen der Bewegung der Gilets Jaunes und der Gewerkschaftsbewegung, bzw. die Ans\u00e4tze dazu zu analysieren sein. Oder anders gesagt, auf welchem Terrain sich die soziale Konfliktualit\u00e4t dieser Tage bewegt, wie sich die k\u00e4mpfenden Sektoren der Klasse aufeinander beziehen und sich miteinander organisieren. Mit genau diesen Fragen besch\u00e4ftigt sich der folgende Text, der am 22. Januar auf <\/em><a href=\"https:\/\/acta.zone\/pour-une-gilet-jaunisation-du-mouvement-social\/\"><em>acta.zone<\/em><\/a><em> erschien und nun in einer sinngem\u00e4\u00dfen \u00dcbersetzung vorliegt.<\/em><\/p>\n<p>Seit dem 5. Dezember mobilisiert die soziale Bewegung gegen die Rentenreform viele Berufsgruppen in der Hoffnung, den neoliberalen Zerst\u00f6rungsprozess zu stoppen. Diese Massenbewegung war der Beginn eines Begegnens zwischen der Welt der Gewerkschaften und der Welt der gelben Westen \u2013 ein Aufeinandertreffen, das sowohl eine Quelle der Widerspr\u00fcche als auch ein Versprechen f\u00fcr die kommenden K\u00e4mpfe darstellt.<\/p>\n<p>Die Hypothese eines Generalstreiks, der in der Lage w\u00e4re, die Verluste der Kapitalisten in die H\u00f6he zu treiben und den Block an der Macht in wirkliche Schwierigkeiten zu bringen, verschwindet am Horizont, w\u00e4hrend unterdessen der seit anderthalb Monaten andauernde Streik bei der SNCF und der RATP deutlich an Unterst\u00fctzung verliert. Die Streikenden stellen mit Bitterkeit fest, und wir mit ihnen, dass die Mehrheit der Berufsgruppen sich ihnen nicht angeschlossen hat. Es ist jedoch notwendig, die Situation pragmatisch zu analysieren und eine erste Einsch\u00e4tzung der Situation zu erstellen, um die positiven Entwicklungen hervorzuheben.<\/p>\n<p>Innerhalb der k\u00e4mpfenden Sektoren wurden zahlreiche Verbindungen zwischen verschiedenen Sektoren sowie mit den Gelben Westen gekn\u00fcpft, insbesondere w\u00e4hrend der Blockaden von Busbahnh\u00f6fen und durch den gemeinsamen Widerstand gegen \u00dcbergriffe und Polizeiangriffe gegen den cort\u00e8ge de t\u00eate. Sie sind vermutlich noch nicht ausreichend. Eine Gruppe von gelben Westen war tats\u00e4chlich an der Spitze der Dienstags und Donnerstags stattfindenden gewerkschafts\u00fcbergreifenden Demonstrationen anwesend, aber wir konnten nur ein paar Hundert z\u00e4hlen, w\u00e4hrend es w\u00e4hrend der zahlreichen Aktionen, die das Land im vergangenen Jahr ersch\u00fctterten, Zehntausende waren.<\/p>\n<p>Umgekehrt beobachteten wir w\u00e4hrend der Mobilisierung der gelben Westen an den Samstagen, dass die Intersyndicale dreimal zur Teilnahme aufrief und auch wenn das dann immer wieder zum Schauplatz eines erneuten politischen Konflikts wurde und mit Erwartungen \u00fcberfrachtet war, erlebten wir doch auch eine zaghafte Verbindung mit den Gewerkschaften.<\/p>\n<p>Obwohl diese Verbindungen zu begr\u00fc\u00dfen sind, ist es dennoch notwendig, taktische Vorschl\u00e4ge f\u00fcr ihre Zukunft zu formulieren. An diesem Punkt der Bewegung besteht die Herausforderung darin, den Kampf gegen die Rentenreform langfristig zu verankern. Die gelben Westen haben gezeigt, dass ein Konflikt nur durch einen Angriff auf die gesamte soziale Reproduktion gewonnen werden kann und dass es unerl\u00e4sslich ist, gleichzeitig die politische Natur des Regimes anzugreifen.<\/p>\n<p><strong>Verkn\u00fcpfungen und Praxis<\/strong><\/p>\n<p>Die konkrete Analyse setzt voraus, dass man von der Realit\u00e4t der heutigen politischen Intervention ausgeht: N\u00e4mlich von der Summe der politischen und konfliktuellen Praktiken, die sich einer reformistischen Vermittlung verweigern.<\/p>\n<p><strong>Blockaden<\/strong><\/p>\n<p>Von einer Bewegung zur anderen sind die Blockaden die R\u00e4ume, in denen sich die entschlossensten Subjektivit\u00e4ten treffen, .h. diejenigen, die schnell und effektiv handeln wollen. Seit 2016 haben Blockaden und Besetzungen die Mobilisierungen befruchtet und den Konflikt oft versch\u00e4rft. Aber wir k\u00f6nnen keine flie\u00dfende Kontinuit\u00e4t zwischen beispielsweise der Art und Funktion einer Kreisverkehrsblockade einerseits und der Blockade eines Busdepots andererseits konstatieren. Es ist daher unerl\u00e4sslich, die politischen und organisatorischen Besonderheiten jeder Form des Kampfes zu analysieren.<\/p>\n<p>Die Kreisverkehrsbesetzungen der gelben Westen in den Jahren 2018 und 2019 sollten nicht nur die (Zirkulation der Waren)Str\u00f6me blockieren \u2013 im Gegensatz zu den wiederholten Besetzungen von Einkaufszentren, die explizit von einer heftigen Opposition gegen die Konsumsph\u00e4re zeugten -, sondern auch R\u00e4ume f\u00fcr Begegnung und Diskussion schaffen: Kurz gesagt, den Wunsch, sich einen Ort der Passage und der sozialen Atomisierung wieder anzueignen, um ihn zu einem politischen Ort zu machen.<\/p>\n<p>Andererseits haben die Besetzungen und Blockaden von Busdepots, Logistikzentren (vor allem im Energiebereich) und Raffinerien, die die letzten Wochen des Kampfes gekennzeichnet haben, eine direkte gewerkschaftliche Praxis wiederbelebt, die den \u201eStubenhocker\u201c- Reformismus und den sakrosankten \u201csozialen Dialog\u201d, der von den Machthabenden gef\u00f6rdert wird, beinahe vergessen gemacht h\u00e4tte und die auf den traditionellen antagonistischen Raum schlechthin abzielt: Den der Arbeit.<\/p>\n<p>In \u00cele-de-France (Gro\u00dfraum Paris, d.\u00dc.) bildeten diese Initiativen eine doppelte M\u00f6glichkeit. Einerseits trugen sie dazu bei, die tats\u00e4chlichen Auswirkungen des Streiks durch die Blockierung oder Verz\u00f6gerung von Transportleistungen zu verst\u00e4rken. Andererseits trafen sich jeden Morgen um 4.30 Uhr Hunderte von Menschen in den vier Ecken der Region, um die Streikenden zu unterst\u00fctzen und B\u00fcndnisse um gemeinsame politische Praktiken herum zu bilden, die die Sozialisierung widerspiegeln k\u00f6nnten, die durch die Besetzung der Kreisverkehre im letzten Jahr entstanden ist.<\/p>\n<p>Es ist sicher nicht unerheblich, dass Personen von au\u00dferhalb eines Unternehmens auf einen Aufruf zur Solidarit\u00e4t angesichts der Repression durch die Chefs reagieren oder die Initiative ergreifen, um strategische Punkte f\u00fcr das Funktionieren des Unternehmens zu blockieren. Dennoch muss man zugeben, dass die R\u00fcckkehr zu den offensiven Praktiken der Gewerkschaftsbewegung von Ende des 19. \/ Anfang des 20. Jahrhunderts nicht ausreicht. Die Arbeitswelt ist umstrukturiert worden, w\u00e4hrend die Gewerkschaftsbewegung mehr denn je zersplittert ist. Die diffuse Prekarit\u00e4t konzentriert sich auf mehrere Bereiche der Gesellschaft, den verschiedenen atomisierten Berufsgruppen entsprechend, deren Logiken und Interessen voneinander getrennt sind.<\/p>\n<p>Die Bewegung der gelben Westen war eine popul\u00e4re Antwort auf das Scheitern der traditionellen Mobilisierungen und den Zusammenbruch der \u201ezwischengeschalteten Stellen\u201c (gemeint sind hier die traditionellen Gewerkschaften, d.\u00dc.), indem sie all jene zusammenbrachte, die von dieser Umstrukturierung der Arbeitsorganisation hart getroffen wurden: Bewohner der st\u00e4dtischen und l\u00e4ndlichen Peripherie, Teilzeitbesch\u00e4ftigte, Arbeitslose, alleinstehende M\u00fctter, prek\u00e4re Selbst\u00e4ndige usw..<\/p>\n<p>Die derzeitige Bewegung ihrerseits hat sich weitgehend um die Zentren der Angestellten bei den gro\u00dfen \u00f6ffentlichen Unternehmen der Pariser Region organisiert, d.h. in den letzten gro\u00dfen Bastionen einer kurzatmigen Gewerkschaftsbewegung. Es muss jedoch auch gesagt werden, dass der Streik nur durch die F\u00e4higkeit zur Organisierung an der Basis, jenseits der Sph\u00e4re der Gewerkschaftsf\u00fchrung, aufrechterhalten wurde, w\u00e4hrend diese die Mobilisierung im strikten Rahmen einer harmlosen Legalit\u00e4t aufrechterhalten wollte und in einigen F\u00e4llen sogar ein Ende der Streiks bef\u00fcrwortete. Dennoch kann diese positive Feststellung nicht davon ablenken, dass die Gewerkschaftsdachverb\u00e4nde nicht v\u00f6llig von ihrer Basis \u00fcbernommen wurden und dass sie aufgrund ihrer Pr\u00e4ferenzen bez\u00fcglich des sozialen Dialogs gegen\u00fcber dem Klassenkampf noch immer einen erheblichen Einfluss haben und eine erhebliche Rolle bei der Befriedung sozialer Konflikte spielen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/gj-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7086\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/gj.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/gj-300x225.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/gj-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Demonstrationen<\/strong><\/p>\n<p>Analog dazu: W\u00e4hrend die Entwicklung der Repression mit dem Auftreten der Brigades de R\u00e9pression de l\u2019Action Violente (BRAV) (ein Wortspiel der Autor*innen mit der Abk\u00fcrzung der polizeilichen Sondereinheit, d. \u00dc.) dem cort\u00e8ge de t\u00eate bei den ersten Demonstrationen gegen die Rentenreform scheinbar den Garaus gemacht hat, trugen der Einfallsreichtum und die Entschlossenheit der gelben Westen dazu bei, die daraus entstandene Apathie zu durchbrechen: Wie z.B. bei den gewerkschafts\u00fcbergreifenden Demonstrationen an den Samstagen w\u00e4hrend der Weihnachtsfeiertage (denen sich die gelben Westen anschlossen), am Samstag, dem 11. Januar (Verbindung zwischen der GJ-Demonstration und der Gewerkschaftsdemonstration) und am letzten Samstag beim \u2018Acte 62\u2019, dem sich im Gegenzug mehrere Gewerkschaftsgruppen und der Gewerkschaftsbund \u2018Solidaires\u2019 anschlossen.<\/p>\n<p>Der cort\u00e8ge de t\u00eate war \u201ein gelbe Gew\u00e4nder gekleidet\u201c, was die \u00fcbliche Vorgehensweise der Repressionskr\u00e4fte im Zusammenhang mit Gewerkschaftsdemonstrationen durchkreuzte. Die \u2018schwarzen Jacken\u2019 sammelten sich scheinbar in einem homogenen Block \u2013 der als Orientierungspunkt diente, auf den sich die Ordnungskr\u00e4fte dann sofort konzentrierten \u2013 und verteilten sich doch in Wirklichkeit in verstreuten und heterogenen Demobl\u00f6cken. Die Feindseligkeit gegen\u00fcber der Polizei an mehreren Stellen des Demonstration \u00fcberraschte die Pr\u00e4fektur. Sie verstand nicht die Tatsache, dass die Diffusion Vorrang vor der Zentralisierung in einem Block haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Intelligenz der gelben Westen sollte wie Wasser sein, fl\u00fcssig und schwer fassbar, sodass es m\u00f6glich ist, die F\u00e4higkeit zur Konfrontation wiederzuerlangen und praktische Wege zu finden, um den neuen Rahmen der Demonstrationen zu nutzen \u2013 ohne dass der Polizeiapparat Zugriff auf die Situation bekommt.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen jedoch folgende Beobachtung nicht \u00fcbersehen: Die Intensit\u00e4t des Antagonismus, den der cort\u00e8ge de t\u00eate im Jahr 2016 oder die Revolte der gelben Westen im vergangenen Jahr repr\u00e4sentierte, hat an Kraft verloren. Es geht bei dieser Einsch\u00e4tzung nicht darum, Zensuren zu verteilen, sondern konkrete Schlussfolgerungen zu ziehen.<\/p>\n<p>Die Demonstration wird nicht nach der Anzahl der teilnehmenden gelben Westen beurteilt, sondern nach den Prozessen, die ihre Organisation bestimmen. So ist die Anmeldung von Demonstrationen und Versammlungsorten bei der Pr\u00e4fektur, die Auferlegung einer vorweggenommenen und gradlinigen Route durch die Repressionskr\u00e4fte, die allw\u00f6chentliche Festlegung von Mobilisierungen auf Dienstag oder Donnerstag, ausgehend von der selbstverst\u00e4ndlichen Annahme des Fortdauerns der Streiks \u2013 all dies ist viel zu vorhersehbar geworden<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4missen einer \u201eGiletsjaunisierung\u201c der Demonstrationen\u201c und einer \u201eRadikalisierung des Streiks\u201c werden daher nicht ausreichen. Es geht darum, einen qualitativen Sprung zu machen, indem die \u201eGiletsjaunisierung\u201c auf die soziale Bewegung selbst ausgedehnt wird: Auf ihre Parolen und ihre F\u00e4higkeit zur Offensive. Die R\u00fcckkehr zur Normalit\u00e4t zu vereiteln und den Konflikt zuzuspitzen, so dass er dauerhaft und endemisch wird.<\/p>\n<p><strong>Den Streik rechtzeitig verankern<\/strong><\/p>\n<p>Der Generalstreik wird immer als ein maximaler Horizont betrachtet, um das Konfliktniveau zu erh\u00f6hen und den Konflikt mit einer Summe von Forderungen zu gewinnen, die sehr oft von den Gewerkschaftsdachverb\u00e4nden aufgestellt werden. Als w\u00e4re er eine entscheidende Karte, die zum richtigen Zeitpunkt herausgezogen werden k\u00f6nne und die Kapitalisten genug Geld verlieren lassen k\u00f6nne, um den Staat als Kommandostab des Kapitals zum R\u00fcckzug zu zwingen.<\/p>\n<p>Ein Jahr nach dem Beginn der Revolte der gelben Westen ist diese Positionierung nicht mehr zu halten. Zun\u00e4chst einmal, weil der Streik nicht weit verbreitet ist und in seinem gegenw\u00e4rtigen Zustand weder einen finanziellen Preis darstellt, der ausreicht, um das Kapital zu beugen, noch einen politischen Preis, der ausreicht, um die Regierung zu beugen.<\/p>\n<p>Zweitens, weil ein paar tausend Menschen an einigen Wochenenden des Kampfes mehr erreicht haben als Hunderttausende von Gewerkschaftern, die seit fast zwei Monaten streiken, w\u00e4hrend Letztere wiederum der Wirtschaft einen viel h\u00e4rteren Schlag versetzt haben.<\/p>\n<p>Konflikte lassen sich nicht auf die wirtschaftlichen Auswirkungen reduzieren. Auf die Champs-\u00c9lys\u00e9es vorzudringen, Orte der Macht ins Visier zu nehmen, die Institutionen des Regimes direkt zu bedrohen \u2013 das ist es, was den Staat im vergangenen Winter ersch\u00fcttert hat.<\/p>\n<p>Um den Streik wirklich langfristig zu verankern, scheint es uns daher notwendig zu sein, seinen politischen Charakter zu betonen, d.h. unmittelbare Forderungen wie die R\u00fccknahme der Reform (und so viele andere je nach Sektor) mit einer grundlegenden Kritik am kapitalistischen Regime (und seiner \u201cdemokratischen\u201d Fassade) sowie der Bekr\u00e4ftigung eines alternativen strategischen Weges zu verbinden.<\/p>\n<p><strong>Verankerung dieses Prozesses in einem imagin\u00e4ren und in einem erreichbaren Raum<\/strong><\/p>\n<p>Dazu ist es notwendig, die ruin\u00f6se Dichotomie zwischen wirtschaftlichem und politischem Kampf aufzul\u00f6sen, indem die Frage der Ver\u00e4nderungsm\u00f6glichkeiten aus einem anderen Blickwinkel als dem der Wahlen oder Forderungen gestellt wird. Mit anderen Worten, es ist notwendig, eine Verbindung zwischen Taktik und Strategie herzustellen, um uns die M\u00f6glichkeit zu geben, den Kampf als die unmittelbare Ausarbeitung einer anderen sozialen Beziehung zu betrachten, in der der Konflikt zwischen ihnen und uns nicht mehr in einer Neujustierung gel\u00f6st werden kann, weil die Erfahrung der Vergangenheit eine Quelle von Konflikten war.<\/p>\n<p>Die soziale Bewegung der Gilets Jaunes sollte einerseits den Druck aufrechterhalten, indem sie Streiks \u00fcber einen langen Zeitraum hinweg unterst\u00fctzt, aber auch die konflikttr\u00e4chtigen Aktivit\u00e4ten am Arbeitsplatz fortsetzen und versuchen, die Arbeitnehmer in allen Sektoren davon zu \u00fcberzeugen, Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um eine Basisorganisierung zu erreichen, Orte f\u00fcr Diskussionen und Entscheidungen zu schaffen, usw.<\/p>\n<p><strong>Es bedeutet auch, sich selbst zu zwingen, Taktiken und Unvorhersehbarkeiten zu erfinden:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>die Vervielfachung der Tage der Mobilisierung in einem anderen Zeitrahmen als dem des traditionellen Streiks (z.B. abends und am Wochenende) unter Beibehaltung der H\u00e4ufigkeit von Gewerkschaftsdemonstrationen an bestimmten Streiktagen.<\/li>\n<li>sich nicht mit traditionellen Demonstrationen zufrieden geben und erneut unvorhersehbare, nicht angemeldete Aktionen in Vierteln organisieren, in denen die wirtschaftliche und politische Macht konzentriert ist.<\/li>\n<li>die Konflikebenen au\u00dferhalb des Rahmens der Demonstrationen und der R\u00e4ume der Lohnarbeit zu vervielfachen, indem sie das, was bereits getan wird, fortf\u00fchren und intensivieren, um Menschen au\u00dferhalb der Arbeitswelt zusammenzubringen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Unter diesem Gesichtspunkt m\u00fcssen mehrere Wege beschritten werden:<\/p>\n<ul>\n<li>breit angelegte Aktionen, die mehrere Sektoren im Kampf zusammenbringen, ob Gewerkschaftler oder nicht, wie die Blockaden in G\u00e9odis, die Besetzung der Bahnh\u00f6fe durch EisenbahnerInnen, StudentInnen und AktivistInnen im Jahr 2018, die mehrfachen Blockaden des Gro\u00dfmarkts von Rungis im Jahr 2019 und oder der Logistikszentren und \u2013 Depots in den letzten Wochen.<\/li>\n<li>Schlagkr\u00e4ftige oder spontanere Aktionen wie das Eindringen in die R\u00e4umlichkeiten des CFDT oder das<em>Theaters Bouffes du Nord<\/em>, wo sich Emmanuel Macron vor einigen Abenden in aller Ruhe am\u00fcsiert hat: Wir beschr\u00e4nken unseren \u00c4rger nicht auf die rein wirtschaftliche Blockade, sondern laden uns an die Orte ein, wo die Repr\u00e4sentanten der Macht hingehen, um den Druck auf sie zu erh\u00f6hen und unsere Entschlossenheit angesichts ihrer Versuche, uns zu zermalmen, zu zeigen (wie 2016 beim \u201cAperitif bei Valls\u201d) (abendliche Spontandemos in Paris in Richtung der Vergn\u00fcgungsaktivit\u00e4ten des Premierministers, d.\u00dc.).<\/li>\n<li>das Wiederauftauchen von Sabotageakten, wie sie in bestimmten T\u00e4tigkeitsbereichen bereits stattgefunden haben (man denke an die Gewerkschafter des Energiesektors, die die Stromzufuhr zu bestimmten Polizeistationen, die CFDT usw. unterbrachen, man denke an die Sabotage von Stra\u00dfenbahnlinien oder Bussen durch streikende RATP-Besch\u00e4ftigte usw.) \u2013 durch die R\u00fcckkehr zu ihrem gewerkschaftlichen Ursprung, f\u00fcr den \u00c9mile Pouget, stellvertretender Sekret\u00e4r der CGT zu Beginn des 20. Jahrhunderts, damals stand.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Durch die Vervielfachung von Formen der politischen Intervention und der kollektiven Intelligenz werden wir gewinnen k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p>Die Streikenden der RATP zeigten durch ihre Hartn\u00e4ckigkeit und K\u00fchnheit, dass der Streik allein ihnen geh\u00f6rte, so wie die gelben Westen zeigten, dass die Bewegung nicht auf traditionelle Repr\u00e4sentationsformen reduziert werden konnte. Es ist daher m\u00f6glich, der institutionellen Vereinnahmung zu entkommen und innerhalb unseres Lagers einen Kampf zu f\u00fchren, um die reformistischen F\u00fchrer dazu zu zwingen, zu akzeptieren, dass der Streik nicht aufh\u00f6rt, zumindest aber in einer anderen und konfrontativen Form fortgesetzt wird. Wir k\u00f6nnen sagen, dass die Dringlichkeit darin besteht, \u00fcber die Zeitlichkeit der sozialen Bewegung gegen die Rentenreform anders nachzudenken, sie als St\u00fctzpunkt zu nutzen, um den Rahmen des Streiks zu ver\u00e4ndern, so wie der cort\u00e8ge de t\u00eate und die gelben Westen den Rahmen der Demonstrationen ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<p><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>Die Hoffnung auf eine andere Welt bringt uns immer weiter zusammen, und der Untergang dieser Welt zeichnet die Konturen einer gemeinsamen Flugbahn. Aber sie wird nicht spontan erscheinen und nicht auf antagonistische Praktiken wie Blockaden oder Zusammenst\u00f6\u00dfe mit der Polizei reduziert sein. Es fehlt uns sehr an R\u00e4umen f\u00fcr die gemeinsame Analyse, in denen wir gemeinsam voranschreiten und politisch bestimmen k\u00f6nnen, um gemeinsame Hypothesen zu bilden, durch und trotz der Widerspr\u00fcche, die unter uns auch herrschen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen daher die Dringlichkeit einer Solidarit\u00e4t ber\u00fccksichtigen, die \u00fcber den Rahmen der Bedingungen der Lohnarbeit hinausgeht (obwohl dies notwendig ist). Dies hat auch die Bewegung der gelben Westen gepr\u00e4gt: Eine wachsende Solidarit\u00e4t angesichts von Repressionen, Verst\u00fcmmelungen und Gef\u00e4ngnisstrafen.<\/p>\n<p>Einerseits m\u00fcssen wir die Solidarit\u00e4tspraktiken angesichts der polizeilichen Repression und der sozialen Kontrolle (durch F\u00fchrungsebene der Unternehmen, berufliche Sanktionen, etc.) vertiefen \u2013 um nur ein Beispiel zu nennen: Denken wir an Adama Ciss\u00e9, den M\u00fcllwerker, der entlassen wurde, weil er ein Nickerchen gemacht hatte, das Video \u00fcber den Fall dass sich dann schnell verbreitete und eine sofortige Welle der Unterst\u00fctzung ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p>Andererseits ist es auch notwendig, dass diese Solidarit\u00e4t \u00fcber den Rahmen der Belegschaften der Unternehmen hinausgeht, in einer Zeit, in der die Arbeit in verschiedene Sektoren mit widerspr\u00fcchlichen Logiken und heterogener Prekarit\u00e4t aufgeteilt ist. Es ist nicht mehr m\u00f6glich, die Arbeit zum einzigen zentralen Element zu machen: Wir m\u00fcssen die Solidarit\u00e4t zwischen den Sektoren ausweiten (was, wie das Beispiel der Nicht-Generalisierung des gegenw\u00e4rtigen Streiks zeigt, noch nicht der Fall ist), sie vor allem auf das gesamte Lager ausdehnen, das heute eine entschlossene Opposition zur bestehenden Gesellschaftsordnung in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Es war zudem die gro\u00dfe St\u00e4rke der Gelben Westen, dass sie Bereiche der Begegnung (die undeutliche R\u00e4ume des Kampfes waren) schufen, die \u00fcber den Rahmen der Arbeit allein hinausgingen und die von breiteren Bev\u00f6lkerungsschichten genutzt werden konnten. Zu dieser Art von transversalen Solidarit\u00e4ten ruft uns die folgende Sequenz auf.<\/p>\n<p>Im Grunde werden beide Seiten benannt. Auf der einen Seite gibt es den Staat und seine Polizei, seinen Stellvertreter, und die Kapitalisten und ihre Stellvertreter. Zum anderen gibt es eine heterogene soziale Zusammensetzung: gelbe Westen, entschlossene Basisewerkschaftler, Arbeiter und prek\u00e4re Arbeitnehmer, Arbeitslose, Bewohner von Arbeitervierteln, Studenten und Gymnasiasten, Militante der Linken, au\u00dferparlamentarisch oder nicht. Leider kommunizieren all diese Realit\u00e4ten nicht oder nur selten. Sie treffen sich nur bei Demonstrationen oder in Aktion, wenn sie sich nicht damit zufrieden geben, an denselben Facebook-Veranstaltungen teilzunehmen oder den immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Raum zu teilen, der den cort\u00e8ge de t\u00eate darstellt. Zweifellos sind viele von uns der Meinung, dass dies nicht ausreicht und dass mehr Diskussionen notwendig sind.<\/p>\n<p>Es liegt uns fern, kollektive Diskussionen, geschweige denn Versammlungen, zu mytifisieren, aber es geht immer noch darum, die Grenzen der digitalen Agora, die das Internet bietet, auszuloten. Es reicht nicht aus, einen Rubikon zu \u00fcberschreiten. Wenn die gelben Westen so lange \u00fcberdauert haben, dann liegt das daran, dass die meisten von ihnen sowohl im Internet als auch physisch t\u00e4glich offen organisiert waren. T\u00e4uscht Euch nicht, Versammlungen an der Basis und am Arbeitsplatz sind unverzichtbar \u2013 die Entscheidungen \u00fcber die Durchf\u00fchrung des Streiks liegen bei ihnen \u2013 aber sie reichen nicht aus. Seit 2016 wird das Bed\u00fcrfnis, sich zu treffen, geteilt. Oftmals haben wir diese Chancen vertan, indem wir uns nicht um die uns zur Verf\u00fcgung stehenden R\u00e4ume gek\u00fcmmert haben. Heute jedoch tendiert die Situation dazu, eine Sequenz zu er\u00f6ffnen, in der die Krise der Repr\u00e4sentation und die Abwendung von der dominanten Ordnung so stark sind, dass die M\u00f6glichkeit einer Vereinigung um gemeinsame Parolen m\u00f6glich wird.<\/p>\n<p>Um es klar zu sagen: Zu denken, dass die Gelbe Westen Bewegung heute die aufst\u00e4ndische Intensit\u00e4t von vor einem Jahr beibeh\u00e4lt, ist eine grobe analytische Illusion und kann nur in eine politische Sackgasse f\u00fchren. Das Bewusstsein f\u00fcr die Stagnation ist eine notwendige Voraussetzung.<\/p>\n<p>Die Parole der \u201eGiletsjaunisierung\u201c bezieht sich daher nicht so sehr (oder nicht nur) auf die gelben Westen als solche, sondern vielmehr auf den Geist, der sie getragen hat: auf ihre Aktionsformen, auf ihre Kampfweise, auf ihre K\u00fchnheit und ihren Initiativgeist, auf ihre F\u00e4higkeit, sich auf ihre eigene St\u00e4rke zu verlassen. Es ist dieser Geist, der heute die gesamte soziale Bewegung befruchten muss, den sich alle anderen Zentren des Kampfes wieder aneignen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>(Geschrieben: Ende Januar 2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sebastian Lotzer. Der Kampf gegen die Pl\u00e4ne der franz\u00f6sischen Regierung, das Rentensystem umfassend zu Lasten der abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten umzustrukturieren, st\u00f6\u00dft dieser Tage (wie nicht anders zu erwarten) an seine Grenzen. Endete<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,5],"tags":[8,25,29,87,61,26,45,37,4,17],"class_list":["post-7085","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-kampagnen","tag-altersvorsorge","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-frankreich","tag-gewerkschaften","tag-neoliberalismus","tag-service-public","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7085","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7085"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7085\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7087,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7085\/revisions\/7087"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7085"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7085"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7085"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}