{"id":7100,"date":"2020-02-21T10:47:29","date_gmt":"2020-02-21T08:47:29","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7100"},"modified":"2020-02-21T10:47:31","modified_gmt":"2020-02-21T08:47:31","slug":"frankreich-selbstorganisierung-und-die-gewerkschaftsbuerokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7100","title":{"rendered":"Frankreich: Selbstorganisierung und die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie"},"content":{"rendered":"<p><em>Daniela Cobet.<\/em> <strong>In den mehr als 50 Tagen Streiks gegen die Macron-Regierung haben die Besch\u00e4ftigten der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCF und der Pariser Verkehrsgesellschaft RATP eine eigenes Koordinierungskomitee gebildet. <!--more-->Es ist ein Beispiel f\u00fcr Selbstorganisierung und Arbeiter*innendemokratie, das f\u00fcr die gesamte Arbeiter*innenklasse von Bedeutung ist.<\/strong><\/p>\n<p>Am 17. Januar trat ein neuer Akteur ins Rampenlicht der Medien \u2013 das RATP-SNCF-Koordinierungskomitee. Laurent Berger, der Generalsekret\u00e4r der CFDT, warf ihm sofort vor, f\u00fcr die Aktion verantwortlich zu sein, die sich gegen den Sitz seiner Gewerkschaft richtete. (A.d.\u00dc.: Der Sitz des Franz\u00f6sischen Demokratischen Gewerkschaftsbund CFDT war im Januar Ziel von Protesten von Arbeiter*innen geworden.) Doch was ist der Ursprung und was ist der Charakter dieser Organisation, die in der Pariser Region \u00cele-de-France zum Ausdruck der radikalisierten Basis der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCF und der Pariser Verkehrsbetriebe RATP geworden ist?<\/p>\n<p>Obwohl die Gruppe bis dahin noch keinen Namen hatte, haben ihre Aktionen viel Aufmerksamkeit erregt, vor allem w\u00e4hrend der Feiertage zum Jahresende, als die Streikenden von ihren Gewerkschaftsf\u00fchrer*innen sich selbst \u00fcberlassen wurden: Sie organisierten eine Kundgebung vor dem Sitz der RATP am 23. Dezember, gefolgt von einer \u00dcberraschungsaktion am Pariser Bahnhof Gare de Lyon, die den Verkehr auf einer der beiden automatisierten U\u2011Bahn-Linien lahmlegte; am 26. Dezember eine Demonstration von mehr als 3.000 Menschen vom Bahnhof Gare de l\u2019Est zum Bahnhof Gare Saint-Lazare, die von den Streikenden von Anfang bis Ende selbst aufgerufen und organisiert wurde; eine Aktion vor der Zentrale von La R\u00e9publique en Marche (LREM), der Macron-Partei, am 2. Januar; ein Protest vor dem Sitz des Recycling-Unternehmens Derichebourg in Solidarit\u00e4t mit Adama Ciss\u00e9, der dort Ende 2018 ungerechtfertigterweise entlassen worden war; sowie eine Aktion vor der Zentrale der CFDT am 17. Januar.<\/p>\n<p>Doch die Bedeutung dieses Koordinierungskomitees geht weit dar\u00fcber hinaus, schlagkr\u00e4ftige Aktionen zu organisieren. Es ist eine der wichtigsten Erfahrungen der Streikenden mit Selbstorganisierung und Arbeiter*innendemokratie, unabh\u00e4ngig von ihrer gewerkschaftlichen Organisierung. Es ist die weitreichendste Erfahrung seit denjenigen mit den Koordinierungskomitees zwischen Eisenbahner*innen und Krankenpfleger*innen in der zweiten H\u00e4lfte der 1980er Jahre.<\/p>\n<p>In seinen besten Momenten ist es dem Koordinierungskomitee gelungen, Vertreter*innen (und oft auch einige der Anf\u00fchrer*innen) von etwa 15 Busdepots, zwei S\u2011Bahn-Linien und f\u00fcnf U\u2011Bahn-Linien sowie mehreren Bahnh\u00f6fen und wichtigen Sektoren der SNCF in der Pariser Region zusammenzubringen, was es zu einem Schl\u00fcsselakteur bei der Mobilisierung in der Region gemacht hat.<\/p>\n<p><strong>Alles begann am 13. September\u2026<\/strong><\/p>\n<p>Der Ausgangspunkt dieser Geschichte und des gesamten Prozesses, den wir gerade durchlaufen, ist zweifellos der 13. September 2019, ein Tag der Mobilisierung, der auf die RATP beschr\u00e4nkt war, der aber, um den Ausdruck einiger der Streikenden zu gebrauchen, \u201edie Dinge wieder ins Lot brachte\u201c. Alle erwarteten, dass es erst viel sp\u00e4ter zu einer Konfrontation kommen w\u00fcrde, nach der Ver\u00f6ffentlichung des Rentenreformgesetzes. Dabei rechneten sie aber nicht mit der R\u00fcckkehr der Methode des Streiks \u2013 ungeachtet der objektiven Schwierigkeiten, die aus der mangelnden Unterst\u00fctzung durch die Gewerkschaftsf\u00fchrer*innen entstanden. Die Methode des Streiks war durch eine Reihe von Niederlagen und schlecht gef\u00fchrten K\u00e4mpfen diskreditiert worden. Das hatte unter anderem die Gelbwesten dazu gebracht, sie teilweise abzulehnen. Dennoch stellte im September die Arbeitsniederlegung von mehr als 90 Prozent der Besch\u00e4ftigten bei der RATP die Wirksamkeit eines Massenstreiks unter Beweis \u2013 was im direkten Widerspruch zu einer Behauptung des damaligen Pr\u00e4sidenten Nicolas Sarkozy steht, der 2008 sagte, dass, \u201ewenn es einen Streik gibt, ihn niemand bemerkt.\u201c<\/p>\n<p>Und sie blieben dort nicht stehen. Noch am selben Tag bei einer Kundgebung vor der RATP-Zentrale fassten sie ihren Schlachtplan in einer Parole zusammen, die sie ihren Gewerkschaftsf\u00fchrer*innen zuriefen: \u201eUnbefristeter Streik im Dezember! Unbefristeter Streik im Dezember!\u201c Der von den Gewerkschaften festgelegte Termin am 5. Dezember spiegelte somit den Druck der Basis wider (nach einem Augenblick des Z\u00f6gerns der Gewerkschaftsf\u00fchrung der CGT bei der RATP). Von diesem Zeitpunkt an wurde der 5. Dezember nach und nach in Stein gemei\u00dfelt.<\/p>\n<p>Der RATP-Streik am 13. September hatte also einen starken Einfluss auf die SNCF, wo der bittere Geschmack der Niederlage im Streik gegen den Eisenbahnpakt von 2018 anhielt. Aus ganz konkreten Gr\u00fcnden f\u00fchlen sich die Besch\u00e4ftigten dieser beiden Unternehmen verbunden, einerseits weil sie im Grunde genommen im gleichen Beruf t\u00e4tig sind, aber auch weil sie sogar zusammenarbeiten (wie auf Abschnitten der gemeinsam betriebenen S\u2011Bahn-Linien). Das Gef\u00fchl, dass die Gelbwestenbewegung hier ihre Spuren hinterlassen hatte, war sp\u00fcrbar. Dies fand bei der SNCF seinen Ausdruck, als sich Lokf\u00fchrer*innen und Schaffner*innen nach einem Zugungl\u00fcck in Champagne-Ardenne zu arbeiten weigerten oder in dem \u201ewilden\u201c Streik im Bahnbetriebswerk in Ch\u00e2tillon.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"653\" height=\"369\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/dani6-320f7.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7101\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/dani6-320f7.jpg 653w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/dani6-320f7-300x170.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 653px) 100vw, 653px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Die Urspr\u00fcnge des Koordinierungskomitees: Eine Facebook-Gruppe und die RATP-SNCF-Treffen<\/strong><\/p>\n<p>In Erwartung des unbefristeten Streiks, der am 5. Dezember beginnen w\u00fcrde, wurden in der Pariser Region rasch Verbindungen zwischen RATP- und SNCF-Besch\u00e4ftigten hergestellt. Diese fanden zuerst auf Facebook statt, mit der Er\u00f6ffnung einer Gruppe mit dem Namen \u201eRATP-SNCF-Besch\u00e4ftige: Einheit ist St\u00e4rke\u201c, wo sich der erste Austausch abspielte, bevor in Saint-Denis am 16. Oktober ein erstes Treffen abgehalten wurde. Vorgeschlagen wurde es von Eisenbahner*innen der bahnhofs\u00fcbergreifenden Kollektive (\u201cIntergares\u201d), die sich nach dem Streik gegen den Eisenbahnpakt 2018 formiert hatten.<\/p>\n<p>Drei jener \u201eRATP-SNCF-Treffen\u201c fanden im Oktober und November statt. Sie stellten eine Art Embryo der Koordinierung dar, der es m\u00f6glich machte, Verbindungen herzustellen und eine gemeinsame Arbeit in Vorbereitung auf den Dezemberstreik zu beginnen.<\/p>\n<p>Diese Arbeit fand auf der Basis der sehr klaren Position statt, dass es n\u00f6tig sei, f\u00fcr eine vollst\u00e4ndige R\u00fccknahme von Macrons Rentenrefom zu k\u00e4mpfen, und dass die Basis weiterhin den Gewerkschaftsf\u00fchrer*innen ihre Agenda aufzwingen m\u00fcssten. Vor allem aber handelte es sich um eine geduldige Arbeit, um die Kolleg*innen auf gemeinsamen Touren von RATP- und SNCF-Besch\u00e4ftigen aufzukl\u00e4ren, die von ihrem dritten Treffen an von Lehrer*innen begleitet wurden.<\/p>\n<p>Diese Treffen wurden fortgef\u00fchrt, sobald der Streik begonnen hatte. Das erste fand bereits am 6. Dezember statt, weitere folgten in Wochen danach. Bis dahin brachten sie nur eine relative kleine Zahl von Sektoren zusammen, besonders jene, in denen die radikale Linke Mitglieder und Kontakte besa\u00df.<\/p>\n<p><strong>Der Wendepunkt vom 20. Dezember<\/strong><\/p>\n<p>Erst Ende Dezember machten diese Treffen einen Satz nach vorn. Ein Rahmen entstand, der immer mehr einer echten Koordinierungsgruppe von Streikenden \u00e4hnelte. Nach einer Verhandlungssitzung mit der Regierung entschieden sich die Gewerkschaftsverb\u00e4nde am 19. Dezember, \u00fcber die Feiertage eine Waffenruhe im Streik zu verk\u00fcnden. Diese Position wurde explizit von der CFDT und dem kleineren Gewerkschaftsbund UNSA vertreten, von der CGT nur implizit. Ohne das Wort \u201eWaffenruhe\u201c zu benutzen, erkl\u00e4rte der CGT-Generalsekret\u00e4r Philippe Martinez an jenem Tag vor dem Matignon, dem offiziellen Amtssitz des franz\u00f6sischen Premierministers, dass sich die Gewerkschaften \u201eam 9. Januar f\u00fcr einen neuen branchen\u00fcbergreifenden Aktionstag treffen\u201c w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Diese Nachricht war f\u00fcr die Streikenden der SNCF und der RATP wie eine kalte Dusche. Sie waren bereits zwei Wochen im unbefristeten Streik und verstanden sehr schnell, dass eine Waffenruhe konkret das Ende ihrer Bewegung bedeuten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Anasse Kazib, ein Eisenbahner in Le Bourget, der 2018 eine Figur in der Bewegung gegen den Eisenbahnpakt gewesen war, war ein Beispiel f\u00fcr viele Streikende geworden, teilweise dank der bemerkenswerten Medienberichterstattung, in der er alle Attacken auseinandernahm, die im dem Reformprojekt zugrundeliegenden Delevoye-Bericht enthalten waren. Am gleichen Abend k\u00fcndigte Kazib an, dass er auf der Facebook-Seite von\u00a0<em>R\u00e9volution Permanente\u00a0<\/em>einen Livestream veranstalten w\u00fcrde, um den anhaltenden Verrat durch die Gewerkschaftsf\u00fchrungen und die Nachwirkungen der Bewegung zu diskutieren, und dass er einen direkten Aufruf and die Streikenden der verschiedenen Sektoren richten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Livestream wurde zu einem gro\u00dfen Erfolg. Mehr als 4.000 Menschen loggten sich ein. Zehntausende sahen sich in den folgenden Tagen die Aufzeichnung an. Die Meinung der Basis war deutlich: Niemand wollte von den Gewerkschaften eine Waffenruhe! Anasse Kazib schlug w\u00e4hrend des Livestreams vor, dass in den folgenden Tagen physische Treffen abgehalten werden sollten, um einen Schlachtplan zu diskutieren, mit dem sie \u00fcber die Feiertage durchhalten k\u00f6nnten. vorgebracht<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich wurde die Idee einer Basiskoordinierung des Streiks, die bis dahin den meisten Leuten wie ein \u201eDing nur von politischen Aktivist*innen\u201c erschienen war, eine dringende Notwendigkeit in den Augen aller, ein unverzichtbares Werkzeug, um den Willen der Streikenden und die Fortsetzung der Bewegung gegen die Position der Gewerkschaftsf\u00fchrungen durchzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Die gewerkschaftliche Waffenruhe und der Aufstieg der Basis<\/strong><\/p>\n<p>Das darauffolgende Treffen war ein ebenfalls ein Erfolg. Mehr als einhundert Streikende trafen sich in einem Kellerraum, der von Kolleg*innen der Gewerkschaft SUD-Rail vom Bahnhof Saint-Lazare bereitgestellt worden war, gemeinsam mit Vertreter*innen von mehr als einem Dutzend Busdepots, der Linien A und B, einiger U\u2011Bahn-Linien und einiger Sektoren der SNCF. In einer Atmosph\u00e4re des offenen Austauschs erarbeiteten die Streikenden ihre eigene Agenda f\u00fcr die erste Woche der Ferien mit Aktionen in Einkaufszentren am Wochenende des 21. und 22. Dezember, um \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit herzustellen und Geld f\u00fcr die Streikkasse zu sammeln, einer Kundgebung vor dem Sitz der RATP am darauffolgenden Montag, um die Repression, die auf die Streikposten vor den Busdepots niederging, zu verurteilen, und einer selbstorganisierten Demonstration der Streikenden am Donnerstag, den 26. Dezember.<\/p>\n<p>Die Kundgebung am 23. Dezember versammelte einige tausend Menschen, bevor sie zu einer spontanen Aktion am Bahnhof Gare de Lyon wurde und f\u00fcr einige Stunden den Verkehr auf der U\u2011Bahn-Linie 1 lahmlegte, einer der beiden automatisierten Linien, die w\u00e4hrend des Streiks weiterbetrieben wurden.<\/p>\n<p>An diesem Tag entdeckte die Presse verdutzt eine Macht, die zwei Wochen lang in den Medien verschwiegen worden war. Sie hatte hinter den Aufrufen der Gewerkschaftsverb\u00e4nde zu einer Waffenruhe gelauert: die Basis des Streiks. Es war eine Basis, die nicht nur gewillt war, den Abbruch der Bewegung zu verhindern, sondern sie im Gegenteil zu radikalisieren! Ein Ausdruck dieses k\u00e4mpferischen Geistes: Als sie vor dem Bahnhof von der Polizei umstellt waren, schreckten die Besch\u00e4ftigten der RATP und die Eisenbahner*innen nicht zur\u00fcck und durchbrachen unter dem Jubel ihrer Kolleg*innen und Unterst\u00fctzer*innen die Polizeiketten.<\/p>\n<p>Nach den Ferien zwischen Familie und Streikposten kehrte das frischgebackene Koordinierungskomitee am 2. Weihnachtsfeiertag mit einer Demonstration vom Bahnhof Gare de l\u2019Est zum Bahnhof Gare Saint-Lazare auf die Stra\u00dfen zur\u00fcck. Die Idee stammte von einem RATP-Besch\u00e4ftigten, der w\u00e4hrend des Facebook-Livestreams vom 19. Dezember Anasse Kazib gefragt hatte, ob es m\u00f6glich sei, dass die Streikenden ihre eigene Demonstration unabh\u00e4ngig von den Gewerkschaften organisierten. Das Treffen vom 20. Dezember entschied, sich dem anzunehmen, und mit der logistischen Unterst\u00fctzung von SUD-Rail-Arbeiter*innen, die die Route mit den Beh\u00f6rden kl\u00e4rten und einen Van mit Lautsprecheranlage stellten, konnte die Demonstration losgehen.<\/p>\n<p>Mehr als 3.000 Menschen folgten dem Aufruf zu dieser k\u00e4mpferischen Demonstration, in der die Streikenden alle Aufgaben selbst \u00fcbernahmen, von der Sicherheit bis hin zur F\u00fchrung der Demonstration. Die Reden am Ende der Demonstration gaben den Beweis f\u00fcr ihren Stolz auf diesen Erfolg. Wie Karim vom Depot in Pavillon-sous-Bois erkl\u00e4rte: \u201eHeute hat die Basis gesprochen. Die Basis war auf der Stra\u00dfe. Und offen gesagt haben wir gezeigt, dass wir so mobilisiert sind wie nie zuvor und dass wir bis zum Ende gehen werden!\u201c<\/p>\n<p>Die Demonstration verringerte auch deutlich die Kluft zu den Gelbwesten, von denen viele teilnahmen. Der Gelbwestenanf\u00fchrer J\u00e9r\u00f4me Rodrigues ergriff das Wort, um die Initiative der Streikenden zu begr\u00fc\u00dfen: \u201eBravo an euch. Ihr braucht keine Anf\u00fchrer. Ihr braucht eure Verb\u00e4nde nicht. Heute seid ihr wie die Stimme der Gelbwesten, die sich in den Stra\u00dfen Geh\u00f6r verschafft.\u201c Er rief danach zu einer weiteren Ann\u00e4herung auf, nicht nur gegen die Rentenreform, sondern um \u201edieses System zu st\u00fcrzen.\u201c<\/p>\n<p>Nichtsdestoweniger sah sich das Koordinierungskomitee niemals als eine antigewerkschaftliche Gruppierung, weshalb sie die Demonstrationsteilnehmer*innen auch dazu aufrief, sich der zwei Tage darauf stattfindenden Gewerkschaftsdemonstration anzuschlie\u00dfen, und dort einen eigenen Block von Streikenden organisierte.<\/p>\n<p><strong>Die Streikenden kommen zu Wort<\/strong><\/p>\n<p>Das Koordinierungskomitee beschr\u00e4nkte sich jedoch nicht darauf, solche schlagkr\u00e4ftigen Aktionen zu organisieren, auch wenn sie eine wichtige Rolle darin spielten, die Moral der Streikenden zu heben und den Medien zu zeigen \u2013 und \u00fcber sie den anderen Arbeiter*innen im ganzen Land \u2013, dass die Bewegung weiterging und dass es keine Waffenruhe geben w\u00fcrde. Es gab dar\u00fcber hinaus den Streikenden der Basis eine Stimme, all jenen, die weiterhin tagt\u00e4glich Streikposten aufstellten und Streikversammlungen abhielten.<\/p>\n<p>Anasse wurde de facto zum Sprecher des Koordinierungskomitees und sprach nicht nur bei Aktionen mit den Medien, sondern konfrontierte auch im Fernsehen direkt die Vertreter*innen der Regierung, die sich oft schwertaten, seine Argumente zu erwidern. Denn diese bezogen ihre Schlagkraft sowohl von der \u00dcberzeugung der Streikenden als auch von Anasses detaillierter Kenntnis der Empfehlungen des Delevoye-Berichts, die h\u00e4ufig diejenige ebenjener LREM-Vertreter*innen \u00fcberstieg, die das Reformprojekt zu verteidigen hatten.<\/p>\n<p>Der Wunsch, den Streikenden eine Stimme zu geben, konnte sich aber nicht allein darauf beschr\u00e4nken, weswegen das Koordinierungskomitee mehrere Pressekonferenzen abhielt. Die erste von ihnen nahm die Form einer Arbeiter*innenantwort auf die Neujahrsansprache von Macron an. In einem Caf\u00e9 im Norden von Paris wandten sie sich vor der Presse \u201ezuallererst an die Nutzer*innen des \u00f6ffentlichen Nahverkehrs, die, wie wir wissen, von der verrotteten Strategie des Pr\u00e4sidenten betroffen sind.\u201c Dann k\u00fcndigten sie an, 2020 den Kampf \u201egegen diese Reform, die der arbeitenden Bev\u00f6lkerung und den zuk\u00fcnftigen Generationen nichts au\u00dfer einer Welt der Prekarit\u00e4t anzubieten hat\u201c, fortzuf\u00fchren, und adressierten \u201ealle Sektoren, privat wie \u00f6ffentlich, und auch die Jugend, sich uns in diesem Kampf anzuschlie\u00dfen.\u201c<\/p>\n<p>Das Koordinierungskomitee veranstaltete weitere Pressekonferenzen, um die Repression w\u00e4hrend der Demonstration am 9. Januar und die Disziplinarma\u00dfnahmen gegen streikende Arbeiter*innen anzuklagen und dann die Angriffe der Regierung und der Gewerkschaftsverb\u00e4nde nach der Aktion am Sitz der CFDT zu beantworten.<\/p>\n<p><strong>Ein Werkzeug, um den Streik zu organisieren, ihn auszuweiten und die Repression zu bek\u00e4mpfen<\/strong><\/p>\n<p>Das Koordinierungskomitee stellte sich au\u00dferdem als ein effektives Werkzeug heraus, um den Streik selbst zu organisieren und zu koordinieren, insbesondere w\u00e4hrend der schwierigen Ferien zum Jahresende, als die Streikposten vor den Busdepots eines Gro\u00dfteils der Unterst\u00fctzung beraubt waren, die sie an den anderen Morgen genossen hatten. Es fiel die Entscheidung, eine Taktik der rotierenden Streikposten anzuwenden: Jeden Tag konzentrierten sich die Streikenden und ihre Unterst\u00fctzer*innen auf zwei Busdepots, jeweils eines im Norden und eines im S\u00fcden der Region Paris. Oft gelang es ihnen, die Abfahrt der Busse zu verhindern, entweder mithilfe des Streikposten selbst oder indem die Depotleitung die Polizei herbeirief, deren Repression die nicht-streikenden Kolleg*innen nicht tolerieren konnten und daraufhin von ihrem Recht, die Arbeit zu verweigern, Gebrauch machten.<\/p>\n<p>Das Koordinierungskomitee beschr\u00e4nkte sich auch nicht darauf, Streikende in zwei Unternehmen zu organisieren, sondern initiierte Treffen mit vielen verschiedenen Sektoren, in Universit\u00e4ten, im nationalen Schulsystem und sogar im privaten Sektor mit Delegationen zu den Raffinerien von Total in Grandpuits und dem Automobilwerk von PSA in Poissy, Yvelines.<\/p>\n<p>Das Koordinierungskomitee war auch wichtig, um die Repression der Bosse und der Polizei gegen die Streikenden und ihre Unterst\u00fctzer*innen zu erwidern. Jedes Mal, wenn Streikende festgenommen wurden, organisierte das Koordinierungskomitee Kundgebungen vor der jeweiligen Polizeiwache, bis die Kolleg*innen freigelassen wurden. Auf \u00e4hnliche Weise war sie daran beteiligt, all die RATP-Besch\u00e4ftigten zu verteidigen, die wegen des Streiks Disziplinarma\u00dfnahmen unterzogen wurden.<\/p>\n<p>Der Fall von Hani Labidi ist sinnbildlich. Als Hauptorganisator des Streiks im Belliard-Depot im 18. Distrikt der Hauptstadt und als aktives Mitglied des Koordinierungskomitees sah sich Hani der RATP-Disziplinierung f\u00fcr Ereignisse ausgesetzt, die bereits vor Beginn des Streiks stattgefunden hatten. Die beiden massiven Kundgebungen, die das Koordinierungskomitee vor dem RATP-Geb\u00e4ude abgehalten hatte, wo sich der Disziplinarausschuss traf, trugen stark dazu bei, dass die vom Unternehmen geforderte Strafe \u2013 eine einmonatige Suspendierung, die bis zur Entlassung ausgeweitet werden k\u00f6nnte \u2013 auf eine 15-t\u00e4gige Suspendierung reduziert wurde. In einer Geste der Solidarit\u00e4t, die Zeugnis \u00fcber die im Koordinierungskomitee entstandene Geschwisterlichkeit zwischen den Streikenden der RATP und der SNCF ablegte, entschieden sich Eisenbahner*innen in Le Bourget dazu, f\u00fcnfhundert Euro aus der Streikkasse zu nutzen, um Hanis Lohnverlust auszugleichen.<\/p>\n<p><strong>Keine Streikf\u00fchrung, aber eine Gegenmacht der streikenden Basis<\/strong><\/p>\n<p>Das RATP-SNCF-Koordinierungskomitee f\u00fchrte den Streik niemals an. Es h\u00e4tte daf\u00fcr einer st\u00e4rkeren Pr\u00e4senz bedurft, insbesondere in der U\u2011Bahn, einer der S\u00e4ulen des Streiks. Es h\u00e4tte daf\u00fcr einer festeren Grundlage von Vollversammlungen und\/oder Streikkomitees bedurft. Diese jedoch waren beschr\u00e4nkt, aufgrund einer Kombination von durch den Streik selbst verursachten Reiseschwierigkeiten und einem Mangel an Erfahrung in einem Sektor, der seit mehr als zehn Jahren keinen gro\u00dfen Streik mehr erlebt hatte. Es w\u00e4re au\u00dferdem n\u00f6tig gewesen, sich tiefer in der SNCF auszubreiten, wo die Kontrolle der Gewerkschaftsf\u00fchrung st\u00e4rker war.<\/p>\n<p>Trotzdem \u00fcbte das Koordinierungskomitee eine Form der tats\u00e4chlichen Gegenmacht aus. Es stellte w\u00e4hrend der Zeit der Ferien eine eigene Agenda auf und \u00fcbte w\u00e4hrend des gesamten Konflikts echten Druck auf die Gewerkschaftsf\u00fchrer*innen aus, keine Waffenruhe zu verk\u00fcnden und den Streik fortzusetzen. Wenn man den Medien Glauben schenken will, war es ebenfalls dieser Druck, der die Gewerkschaftsf\u00fchrung bei der RATP dazu zwang, inoffiziellen Treffen mit der Regierung nur an sehr unwahrscheinlichen Orten zuzustimmen \u2013 aus der Angst, dass die Streikenden sonst auftauchen und protestieren k\u00f6nnten. Das Koordinierungskomitee war der bewusste und organisierte Ausdruck dieses Drucks, was den Spielraum des Managements f\u00fcr Man\u00f6ver und Verhandlungen stark beschr\u00e4nkte und eine einfache R\u00fcckkehr an die Arbeit verhinderte. Es spielte damit eine zentrale Rolle darin, die Bewegung bis \u00fcber den Dezember hinaus auszudehnen und damit die Bedingungen zu schaffen, dass andere Sektoren diese \u00fcbernehmen konnten, als die Ressourcen des Transportstreiks, besonders in finanzieller Hinsicht, sich zu ersch\u00f6pfen begannen.<\/p>\n<p>Erneut war es Karim, der Anf\u00fchrer der Bewegung im Busdepot in Pavillon-sous-Bois, der dies in einem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Rolle des Koordinierungskomitees am besten zusammenfasste: \u201eOhne die Koordinierung h\u00e4tten die Gewerkschaften freie Hand gehabt, um die Aussetzung des Streiks Ende Dezember auszurufen \u2013 und das h\u00e4tte die Bewegung abgew\u00fcrgt.\u201c<\/p>\n<p><strong>Vertrauensaufbau, die Entstehung eines militanten Kerns und die Erfahrung der Arbeiter*innendemokratie<\/strong><\/p>\n<p>Diese objektive Einsch\u00e4tzung der Rolle des RATP-SNCF-Koordinierungskomitees darf jedoch nicht eine ihrer gr\u00f6\u00dften Errungenschaften tilgen \u2013 die subjektive. Die Basis der Streikenden, unter denen viele nicht gewerkschaftlich organisiert waren, waren daran gew\u00f6hnt, dass solche Bewegungen von Anfang bis Ende von Gewerkschaftsf\u00fchrer*innen geleitet wurden und Vollversammlungen eher nach Treffen von Gewerkschaftssekret\u00e4r*innen aussahen. Doch die Streikenden errangen ein Vertrauen in ihre eigene St\u00e4rke und F\u00e4higkeiten, in ihre kollektive Intelligenz und ihre F\u00e4higkeit, von den Erfahrungen der jeweils anderen zu lernen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Treffen dieser Art zu Beginn f\u00fcr die Streikenden noch ungewohnt waren, lernten sie im Koordinierungskomitee miteinander zu diskutieren, zu streiten, wenn sie uneins waren, und nach der Mehrheitsmeinung zu entscheiden, damit sie Woche f\u00fcr Woche mit einem kollektiven Schlachtplan auftreten konnten. \u00dcber mehrere Treffen hinweg war die Reifung sowohl des Rahmens als auch der Akteur*innen greifbar. Die Interventionen wurden besser organisiert und die Debatten \u00fcber die Strategie der Bewegung, die Rolle der Gewerkschaftsf\u00fchrung und die H\u00fcrden f\u00fcr eine Ausbreitung der Bewegung waren real.<\/p>\n<p>Das Koordinierungskomitee war auch der Ort, wo eine Reihe von weiblichen Streikenden sich organisieren und Selbstvertrauen gewinnen konnte, sodass sie im Streik nicht nur f\u00fchrende Rollen in ihrem jeweiligen Sektor, sondern im Koordinierungskomitee selbst spielten. Zu ihnen geh\u00f6rten Laura, eine Eisenbahnerin aus Le Bourget, Nadia, eine Maschinistin im Depot in Flandre, Hanane, eine Fahrerin auf der Linie 5 der U\u2011Bahn, und weitere. Diese K\u00e4mpferinnen waren dazu in der Lage, das Wort zu ergreifen, auf Augenh\u00f6he mit ihren m\u00e4nnlichen Kollegen zu diskutieren, und spielten so eine Rolle darin, die Entscheidungen des Komitees Woche um Woche umzusetzen.<\/p>\n<p>Das Koordinierungskomitee trug so zur Entstehung eines festen militanten Kerns bei, der sich der St\u00e4rke der Arbeiter*innen und der Rolle der Gewerkschaftsf\u00fchrungen bewusst war und der sich mit weit mehr als nur der Rentenreform allein besch\u00e4ftigte.<\/p>\n<p>Die Entstehung einer Schicht bewusster Streikender \u2013 wirkliche Anf\u00fchrer*innen aus der Basis \u2013 wird eine Waffe in der Fortsetzung des Kampfes gegen die Rentenreform und allgemeiner im franz\u00f6sischen Klassenkampf sein.<\/p>\n<p><strong>Zu wissen, wie man den R\u00fcckzug organisiert, um \u00fcber einen Neustart nachdenken zu k\u00f6nnen<\/strong><\/p>\n<p>Machen wir uns nichts vor: Heute ist der Transportstreik klar auf dem absteigenden Ast und nur ein kleiner Kern streikt weiter und tritt f\u00fcr die Ausweitung des Streiks auf weitere Sektoren ein. Nichtsdestoweniger ist unter den Streikenden, die am Koordinierungskomitee teilgenommen haben, das vorherrschende Gef\u00fchl keines der Niederlage oder Demoralisierung. Die Streikenden verstehen, dass der Kampf gegen die Rentenreform zwar noch l\u00e4ngst nicht vor\u00fcber ist, dass aber die Fortsetzung eines Streiks, der nur noch von einer Minderheit der Arbeiter*innen getragen wird und keine unmittelbaren Erfolgsaussichten hat, nicht die effektivste Kampfmethode ist.<\/p>\n<p>Sie bleiben trotzdem organisiert, um weiterhin M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine Massenbewegung in anderen Sektoren und nun auch besonders in der Jugend zu suchen und die repressive Gegenoffensive des RATP-Managements, das seine Disziplinarma\u00dfnahmen ausweitet, zu bek\u00e4mpfen. Das Koordinierungskomitee bem\u00fcht sich mit der Aussicht auf ein landesweites Treffen, um einen echten Schlachtplan inklusive eines Generalstreiks gegen die Regierung und deren Reform aufzustellen, sein Beispiel auf andere Sektoren und Regionen des Landes zu \u00fcbertragen. Dies ist ein Zeichen, dass diese einzigartige Erfahrung der Selbstorganisierung unserer Klasse noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/frankreich-die-selbstorganisierung-der-basis-und-der-kampf-gegen-die-gewerkschaftsbuerokratie\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. Februar 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Daniela Cobet. In den mehr als 50 Tagen Streiks gegen die Macron-Regierung haben die Besch\u00e4ftigten der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCF und der Pariser Verkehrsgesellschaft RATP eine eigenes Koordinierungskomitee gebildet. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7,5],"tags":[25,29,87,61,26,49,4,17],"class_list":["post-7100","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","category-kampagnen","tag-arbeiterbewegung","tag-arbeitskaempfe","tag-arbeitswelt","tag-frankreich","tag-gewerkschaften","tag-repression","tag-strategie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7100","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7100"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7100\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7102,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7100\/revisions\/7102"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7100"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7100"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7100"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}