{"id":7110,"date":"2020-02-24T10:33:10","date_gmt":"2020-02-24T08:33:10","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7110"},"modified":"2020-02-24T10:33:11","modified_gmt":"2020-02-24T08:33:11","slug":"die-kontrollierte-abwicklung-der-sowjetunion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7110","title":{"rendered":"Die kontrollierte Abwicklung der Sowjetunion"},"content":{"rendered":"<p><em>Hermann Ploppa. <\/em><strong>Die Marktradikalen, das Organisierte Verbrechen, die Geiselnahme 1979 in Teheran und die Iran-Contra-Aff\u00e4re: Wie sich die USA anschickten, die kommunistische Weltordnung auszuradieren. Der Beitrag ist ein Auszug aus<!--more--> dem Buch des Autors:<\/strong><a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/Alle-Buecher\/Der-Griff-nach-Eurasien.html\"><strong>&#8222;Der Griff nach Eurasien: Die Hintergr\u00fcnde des ewigen Krieges gegen Russland&#8220;<\/strong><\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8212;- <\/strong><\/p>\n<p><strong>Prolog in der H\u00f6lle &#8211; Der Vormarsch des Organisierten Verbrechens<\/strong><\/p>\n<p>Klarer kann man die realen Machtverh\u00e4ltnisse in der heutigen Welt kaum noch auf den Punkt bringen. Die Herren, die ihrem Zorn Luft machen, m\u00fcssen es wissen. Es handelt sich hier um den so genannten Genfer Appell von sieben f\u00fchrenden Richtern und Staatsanw\u00e4lten aus verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, ver\u00f6ffentlicht im Jahre 1996. Die Presse erw\u00e4hnte diesen Notruf der Juristen mit keinem Wort.<\/p>\n<p>Dabei war der spanische Untersuchungsrichter Balthasar Garzon schon damals international bekannt. Er sollte sp\u00e4ter den chilenischen Horrordiktator Augusto Pinochet mit Haftbefehl verfolgen, und er k\u00fcmmert sich aktuell um den Wikileaks-Gr\u00fcnder Julian Assange. Weil Garzon so unerschrocken die M\u00e4chtigen herausfordert, wurde gegen ihn ein\u00a0<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article13831006\/Baltasar-Garzon-letztes-Opfer-der-Franco-Diktatur.htmlhttps:\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article13831006\/Baltasar-Garzon-letztes-Opfer-der-Franco-Diktatur.html\">mehrj\u00e4hriges Berufsverbot verh\u00e4ngt<\/a>.<\/p>\n<p>Das Elend, das die wackeren Sieben im Genfer Appell f\u00fcr Europa so treffend anprangern, das aber genauso in der ganzen Welt vorherrscht, hat seine Urspr\u00fcnge in den sp\u00e4ten 1960er Jahren aufzuweisen. Durch den Terror des US-amerikanischen Geheimdienstes CIA waren integre nationalistische Regierungen in der Dritten Welt gewaltsam gest\u00fcrzt und durch korrupte Milit\u00e4rregime ersetzt worden. Deswegen erhob der streitbare spanische Richter Garzon auch gegen Henry Kissinger Anklage. Kissinger war der Drahtzieher der Operation Condor: in Lateinamerika wurden reihenweise Horrordiktaturen wie jene des Augusto Pinochet in Chile installiert. Dasselbe traurige Bild ergibt sich f\u00fcr die 1960er und 1970er Jahre f\u00fcr Afrika oder Asien.<\/p>\n<p>Die Folge: abrupt unterbrochene wirtschaftliche und politische Entwicklungen. An die Stelle einer Aufbruchsstimmung nunmehr Angst, Einsch\u00fcchterung, L\u00e4hmung und innere K\u00fcndigung der B\u00fcrger. \u00dcber die bleierne Duldungsstarre herrschten ab jetzt Milit\u00e4rdiktatoren und kriminelle Banden. Die Regierung mit dem ihr anvertrauten Volksverm\u00f6gen war f\u00fcr jene Kreise zum Selbstbedienungsladen verkommen. Gelder und andere Verm\u00f6genswerte wurden massenhaft au\u00dfer Landes geschafft.<\/p>\n<p>Anstelle demokratischer Abstimmungsprozesse und regelbasierter Konfliktl\u00f6sung nunmehr der blanke Terror der Waffen, flankiert von strangulierenden Vorschriften des Internationalen W\u00e4hrungsfonds und der Weltbank. In jener ohne Not verw\u00fcsteten Welt sind nur noch die Kirchen und andere religi\u00f6se Gemeinschaften, das Milit\u00e4r sowie kriminelle Netzwerke voll funktionsf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Das alleine ist schon schlimm genug. Es gibt aber einen Brandbeschleuniger, der daf\u00fcr sorgen sollte, dass das Organisierte Verbrechen als vierter gro\u00dfer globaler Spieler neben den Multinationalen Konzernen, den aus Bretton Woods entstandenen Nichtregierungsorganisationen und den zusammengestutzten Nationalstaaten am Runden Tisch der Weltregierung Platz nehmen konnte. Erm\u00f6glicht wurde der Eintritt der Al Capones dieser Welt in das Zentrum der Macht durch das so genannte Clearing-System. 1968 hatte die private Citibank die Firma Clearstream gegr\u00fcndet. 1970 folgten konkurrierende Banken mit der Gr\u00fcndung der Clearingfirma CEDEL im biederen Luxemburg.<\/p>\n<p>Die Clearing-Stellen sind sozusagen die &#8222;Notariate des Globalkapitals&#8220;. Wenn fr\u00fcher Wertgegenst\u00e4nde, sagen wir mal: ein Goldbarren, den Besitzer wechselte, dann musste der Goldbarren mit allerlei Transportaufwand von Verk\u00e4ufer A zu K\u00e4ufer B transportiert werden. Wenn z.B. die Nazis ihr Gold, das sie eroberten Zentralbanken oder ermordeten j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgern geraubt hatten, zum Umschmelzen zur Basler Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich mit LKWs transportierten, war das eher auff\u00e4llig.<\/p>\n<p>Die Clearing-Stellen dagegen b\u00fcrgen ganz einfach daf\u00fcr, dass die Goldbarren in einem bestimmten Safe deponiert sind. Der Besitzer wechselt, aber nicht der Standort des Wertgegenstandes. Auf diese Weise kann jede Art von Wertgegenstand transferiert werden, ob nun teure Gem\u00e4lde, Aktienpakete, Devisen, wertvolle Teppiche, einfach alles. Clearing k\u00fcmmert sich nicht um die Herkunft oder die Legalit\u00e4t der transferierten Werte.<\/p>\n<p>Das wird m\u00f6glich dadurch, dass die Besitzerwechsel nicht in Textform protokolliert werden, sondern in chiffrierten Zahlencodes, deren Bedeutung nur ganz wenige Mitarbeiter in den h\u00f6heren R\u00e4ngen der Firmenhierarchie kennen. Der untere Sachbearbeiter verschiebt den ganzen Tag nur stumpfsinnig Zahlenkolonnen. Auf diese Weise gibt es kaum Mitwisser oder gar Whistleblower \u00fcber die get\u00e4tigten Transaktionen.<\/p>\n<p>Passend zur Einrichtung dieser Clearingstellen sorgte die Gr\u00fcndung des weltweiten Kontof\u00fchrungssystems SWIFT (Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunications) im Jahre 1973 f\u00fcr sichere Wege, auf denen Kontobewegungen weltweit \u00fcber 11.000 angeschlossene Banken abgewickelt werden k\u00f6nnen. Clearing-System und SWIFT sind sozusagen die Entsprechung zur digitalen Informationsrevolution, f\u00fcr die Finanzwelt: alle Transaktionen sind gleich, ungeachtet der qualitativen und quantitativen Unterschiede.<\/p>\n<p>Sie sind nur noch anonyme Zahlenkolonnen: in diesem Zahlenbrei sind Eink\u00fcnfte aus ehrlicher Arbeit nicht mehr zu unterscheiden von Eink\u00fcnften aus Verbrechen. Man k\u00f6nnte hier von einer &#8222;Digitalisierung des Geldes&#8220; sprechen, denn die sich rasch entwickelnde Computertechnologie beschleunigt jene Transaktionen zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p>Die durch CIA, IWF und Weltbank chaotisierte Weltordnung bietet ein ideales Brutbett f\u00fcr unz\u00e4hlige neue Verbrecherorganisationen, die jetzt durch die Clearingstellen ihre Ertr\u00e4ge ganz schnell und unauff\u00e4llig weltweit \u00e4u\u00dferst gewinnbringend einsetzen und reinwaschen k\u00f6nnen. Hinzu kommen jetzt die ber\u00fcchtigten Steueroasen oder Offshore-Banken, wo diese Ertr\u00e4ge steuerbefreit f\u00fcr ihre Besitzer arbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>All diese Entwicklungen zusammengenommen laugen den Nationalstaat immer weiter aus, so dass wir jetzt jener beklagenswerten Ohnmacht ins Auge schauen m\u00fcssen, die die tapferen sieben Juristen zu ihrem Notruf im Genfer Appell veranlasst hat.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/36ed3ad01049d2c3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7111\" width=\"390\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/36ed3ad01049d2c3.jpg 254w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/36ed3ad01049d2c3-209x300.jpg 209w\" sizes=\"auto, (max-width: 390px) 100vw, 390px\" \/><\/figure>\n<p><strong>B\u00fchne frei f\u00fcr die Marktradikalen: Friedman, Hayek, Buchanan und Co<\/strong><\/p>\n<p>Passend zu dieser neuen Weltlage sollte jetzt auch eine neue &#8222;Weltanschauung&#8220; in den Vordergrund treten: der Marktradikalismus. Nach dieser Theorie soll der Staat sich fast komplett zur\u00fccknehmen und nur noch Polizei und Milit\u00e4r anleiten. Wenn der Staat sich in wirtschaftliche Prozesse einmischt, dann st\u00f6rt er damit nur die nat\u00fcrliche Balance konkurrierender Marktkr\u00e4fte. Nach Adam Smith kommt f\u00fcr die Gesamtheit aller B\u00fcrger das Optimum heraus, wenn jeder Einzelne seinem gesunden Egoismus fr\u00f6nt. Wie viel Staat noch erlaubt sein soll, dar\u00fcber gibt es im Spektrum der marktradikalen Schulen unterschiedliche Auffassungen.<\/p>\n<p>Die Schule des Marktradikalismus entstand aus einem Reflex der Reichen und Privilegierten auf die ungeheure Beliebtheit des US-Pr\u00e4sidenten Franklin Delano Roosevelt. Wie wir gesehen haben, bem\u00fchte sich Roosevelt um mehr Mitbeteiligung und Mitbestimmung aller B\u00fcrger an den wichtigen politischen Entscheidungen. Nach Roosevelts Erdrutschsieg 1936 schlossen sich einflussreiche Unternehmer zusammen, um einen elit\u00e4ren kapitalistischen Gegenentwurf zum New Deal auf den Weg zu bringen.<\/p>\n<p>Sie entwarfen auf der New Yorker Weltausstellung von 1940 eine sch\u00f6ne neue Konsumwelt mit satten, aber entm\u00fcndigten B\u00fcrgern. Die Theorie zu dieser Gegen-Revolution entwarf Walter Lippmann in seinem 1937 erschienenen Grundlagenwerk &#8222;The Good Society&#8220;. Der Zweite Weltkrieg jedoch erforderte zun\u00e4chst die B\u00fcndelung aller Kr\u00e4fte in einer kapitalistischen Planwirtschaft.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg trafen sich die Gegner jeder Art von Planwirtschaft in der Mont-Pelerin-Gesellschaft. Man gab der neuen Str\u00f6mung den Namen: &#8222;Neoliberal&#8220;. Allerdings entwickelte sich daraus der Dialekt des Marktradikalismus, besonders in den USA und Gro\u00dfbritannien. Ausgehend von der genossenschaftsfeindlich-aristokratischen Schule des geb\u00fcrtigen \u00d6sterreichers Ludwig von Mises entwarf sein Landsmann und Sch\u00fcler Friedrich von Hayek das Programm f\u00fcr eine \u00fcber mehrere Generationen verlaufende Demontage staatlicher Autorit\u00e4t. Aus seiner universit\u00e4ren Denkschule sollten auf diese Weise durch eine unerm\u00fcdliche Ausbildung Absolventen in die Gesellschaft einsickern und auf allen Ebenen den Staat von innen und von au\u00dfen umkrempeln.<\/p>\n<p>Hayek und Mises sollte sich der \u00d6konom Milton Friedman mit seiner Chicago-Schule hinzugesellen. Wieder eine andere Abart des Marktradikalismus vertrat der tief im S\u00fcdstaaten-Rassismus verwurzelte Hochschullehrer James Buchanan. W\u00e4hrend diese Denker noch einen Rest von Staatlichkeit vorsahen, steht Murray Rothbard f\u00fcr einen bedingungslosen Anarchokapitalismus. Die dazu passend kreierte Bewegung vom Rei\u00dfbrett sollte den Namen &#8222;Libertarismus&#8220; erhalten. \u00c4u\u00dferst k\u00fcnstlich wird hier ein unvers\u00f6hnlicher Gegensatz von Freiheit hier und sozialer Gerechtigkeit dort konstruiert. Der moderne Sozialstaat ist in dieser Ideologie der gr\u00f6\u00dfte Feind der Freiheit.<\/p>\n<p>Nun n\u00fctzen all diese Gedankenspiele gar nichts, wenn sie nicht irgendwie mit Geld und real existierenden gesellschaftlichen Bewegungen verkn\u00fcpft werden. Das Geld sollte den Professoren jedoch ohne M\u00fche zugetragen werden. Unter den Superreichen fanden sich einige Vertreter, die nur \u00e4u\u00dferst ungern mit \u00e4rmeren Gesellschaftsschichten teilen wollen. Der Milliard\u00e4r Richard Mellon Scaife spendierte aus seiner Portokasse allein 600 Millionen US-Dollar zur F\u00f6rderung marktradikaler Netzwerke. Es galt, US-Kongressabgeordnete gewogen zu machen f\u00fcr die neuen Ideen.<\/p>\n<p>Wo Universit\u00e4ten keine marktradikalen Propheten ordinieren wollten, galt es, private Universit\u00e4ten oder Denkfabriken neu zu gr\u00fcnden. David und Charles Koch besitzen ein milliardenschweres \u00d6l-Imperium in Texas. Auch sie finanzieren seit den Tagen von Pr\u00e4sident Johnson das marktradikale Roll-Back wo immer sie k\u00f6nnen. Es handelt sich ganz einfach um unternehmerischen Pragmatismus: man sorgt f\u00fcr ein optimales Investitionsklima der eigenen Unternehmungen.<\/p>\n<p>Deshalb finanzieren die Kochs auch millionenschwere Institute und Pressure-Groups, die der \u00d6ffentlichkeit einh\u00e4mmern, am Niedergang des Klimas sei der Mensch v\u00f6llig unschuldig, und nat\u00fcrlich ganz besonders unschuldig sind die armen diskriminierten \u00d6lunternehmer. Dann gibt es noch, nat\u00fcrlich unter vielen anderen, den Briten Sir Antony George Anson Fisher. &#8222;AGAF&#8220;, wie ihn seine Freunde nannten, war reich geworden, indem er die industrielle Herstellung von Eiern in Legefabriken als neue profitable Wirtschaft aus den USA nach Europa importierte.<\/p>\n<p>Mit seinem immensen Reichtum gr\u00fcndete er eine Reihe von Denkfabriken und Lobbygruppen. Die folgenreichste unter ihnen ist zweifellos das Atlas-Network, das \u00fcberall auf der Welt Filialen mit eigenen Namen unterh\u00e4lt, wo Nachwuchskr\u00e4fte in der Technik der marktradikalen Regierungskunst unterwiesen werden.<\/p>\n<p>Nun n\u00fctzt das sch\u00f6nste Theoriengeflecht rein gar nichts, wenn man es nicht auch mit einer ganz realen Str\u00f6mung in der Bev\u00f6lkerung verbinden kann. F\u00fcr sich gesehen kann eine Wirtschaftstheorie wohl kaum Menschen zu Aktionen bewegen, besonders dann nicht, wenn nicht klar erkennbar wird, was f\u00fcr die Menschen drau\u00dfen im Lande Positives dabei herauskommen soll. Dem Publizisten William Francis Buckley ist jedoch in den USA der geniale Streich gelungen, christlich-fundamentalistische Gruppierungen f\u00fcr eine Fusion mit dem Marktradikalismus zu gewinnen.<\/p>\n<p>Eigentlich widersinnig. Wie soll denn die Bergpredigt mit ihrem Verzicht auf schn\u00f6den Eigennutz und der bedingungslosen N\u00e4chstenliebe mit den harschen Dogmen des r\u00fccksichtslosen Egoismus der Marktradikalen vereinbar sein? Nun, die USA sind bekanntlich das Land der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten. Die Fusion gelang, und seitdem haben die Marktradikalen einen feste W\u00e4hlerschaft im so genannten &#8222;Bibelg\u00fcrtel&#8220; (Bible Belt), wovon dann die Republikaner seit den 1980er Jahren profitieren sollten.<\/p>\n<p>Die Hochschulen und Universit\u00e4ten okkupiert; eine Massenbewegung gekapert. Fehlt nur noch der Beweis, dass man mit den Koch-Rezepten tats\u00e4chlich einen ganzen Staat mitsamt seiner Bev\u00f6lkerung erfolgreich regieren und verwalten kann. Milton Friedman hatte an der &#8211; \u00fcbrigens privat betriebenen &#8211; Universit\u00e4t von Chicago bereits einige Generationen von Sch\u00fclern ausgebildet, die so genannten &#8222;Chicago-Boys&#8220;, zum gro\u00dfen Teil ausl\u00e4ndische Studierende, die nun die neue Heilslehre in ihre Heimatl\u00e4nder mitbrachten.<\/p>\n<p>Bei dem m\u00f6rderischen Putsch gegen die Sukarno-Regierung 1965 in Indonesien hatten bereits Adepten der neuen Lehre CIA-Agenten begleitet und bei der Einf\u00fchrung kapitalistischer Wirtschaftsweisen ein wenig herumexperimentieren d\u00fcrfen unter dem Schirm der Suharto-Diktatur.<\/p>\n<p>Als nun der CIA am 11. September 1973 die rechtm\u00e4\u00dfige Regierung Allende aus dem Weg r\u00e4umte und etwa 30.000 Linke in Konzentrationslager verschleppte, war die B\u00fchne frei f\u00fcr chilenische &#8222;Chicago-Boys&#8220;, am lebenden Objekt die Hausmittel der Marktradikalen auf ihre Wirksamkeit zu testen. Dank Henry Kissingers Operation Condor ergaben sich auch in Argentinien und in Uruguay wunderbare Versuchslabore f\u00fcr die liberalen Extremisten.<\/p>\n<p>Ergebnis: eine Menge bedauerlicher Kollateralsch\u00e4den. Die Verarmung der Massen zum Beispiel. Aber die Zerschlagung genossenschaftlicher Strukturen sowie \u00f6ffentlich-rechtlicher Renten- und Gesundheitskassen und ihre Ersetzung durch profitorientierte Privatfirmen funktionierte, mehr schlecht als recht. Aber es funktionierte. Irgendwie. Und das z\u00e4hlte. Mit diesen Erfahrungen im Gep\u00e4ck konnte man sich daran machen, auch die USA und Gro\u00dfbritannien entsprechend umzupolen.<\/p>\n<p><strong>Die schmutzige Auktion um die Teheraner Geiseln<\/strong><\/p>\n<p>Die Jahre 1979 und 1980 waren Wendepunkte. Der Politikstil sollte sich radikal \u00e4ndern. Sowohl in den USA als auch in Gro\u00dfbritannien. Auf dem europ\u00e4ischen Kontinent sollte die Umw\u00e4lzung allerdings noch ein wenig auf sich warten lassen.<\/p>\n<p>Schluss war mit der R\u00fccksichtnahme auf die Schwachen. Mit der R\u00fccksichtnahme auf einen regelbasierten Umgang miteinander. Mit dem Versuch, nicht mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, sondern sich mit seinen Widersachern friedlich zu einem Kompromiss zusammenzuraufen. Vorbei sind auch die Zeiten, wo besonders verantwortungsbewusste Einzelk\u00e4mpfer wie Franklin Roosevelt, Dwight D. Eisenhower, Charles de Gaulle oder Nikita Chruschtschow einen funktionst\u00fcchtigen Staatsapparat nutzen konnten, um uneigenn\u00fctzige Ziele wie Solidarit\u00e4t, Entmilitarisierung, Befreiung von Diktatur oder nationale Souver\u00e4nit\u00e4t durchzusetzen.<\/p>\n<p>Vorbei die Zeit des heroischen Scheiterns eines Charles de Gaulle. Nach den Nichtregierungsorganisationen und den Multinationalen Konzernen klopfen nun die weltweit vernetzten Verbrecherbanden an die T\u00fcr der politischen Macht und fordern mit besonders brutalem R\u00f6hren sofortigen Einlass.<\/p>\n<p>Der nichts ahnende W\u00e4hler gew\u00e4hrt 1980 den begehrten Einlass. Der gl\u00fccklos agierende Jimmy Carter h\u00e4tte seine Wiederwahl eigentlich durchaus erreichen k\u00f6nnen. Noch im Sp\u00e4tsommer 1980 liegen Carter und sein Herausforderer Ronald Reagan gleichauf in den Umfragen. Und das obwohl in der US-Botschaft im revolution\u00e4ren Teheran 55 Geiseln von iranischen Garden gefangen genommen wurden. Und obwohl dann der Versuch durch das amerikanische Milit\u00e4r, die Geiseln zu befreien, kl\u00e4glich im W\u00fcstensand gescheitert war.<\/p>\n<p>Carter und sein Team hatten schon lange heimlich Kontakt mit den Geiselnehmern angekn\u00fcpft. Und es sah ganz so aus, als sollten die amerikanischen Geiseln noch vor dem Wahltermin im November gegen ein saftiges L\u00f6segeld freikommen. Das w\u00e4re eine wahre Oktober-\u00dcberraschung geworden.\u00a0<em>October Surprise<\/em>\u00a0ist in den USA ein feststehender Begriff: denn schon fr\u00fchere Pr\u00e4sidenten hatten im Monat vor der Wahl so manches Mal eine \u00dcberraschung aus dem Hut gezaubert und damit die Wahl f\u00fcr sich entschieden. Doch Carter war diese Oktober-\u00dcberraschung nicht verg\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Die Geiseln kamen trotz gro\u00dfz\u00fcgiger amerikanischer Offerten nicht frei. Herausforderer Reagan gewann die Wahl mit einem satten Vorsprung von zehn Prozent auf den Amtsinhaber. Und, seltsam, seltsam: Am 20. Januar 1981 leistet Ronald Reagan seinen Amtseid als neuer Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten von Amerika &#8211; und f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter klingelt das Telefon. Die Geiselnehmer sind am Apparat. Sie verk\u00fcnden, dass soeben die jetzt noch 52 Geiseln freigelassen wurden und auf den Weg zum amerikanischen Milit\u00e4rhospital im bundesdeutschen Wiesbaden geschickt werden.<\/p>\n<p>Mochten die iranischen Revolutionsgarden den zackigen neuen Law-and-Order-Kandidaten Ronald Reagan besonders gerne? Wohl nicht. Die Antwort ist ganz banal. Die Leute aus dem Stab des Herausforderers Reagan hatten ihrerseits Kontakt zu den Revolutionsw\u00e4chtern aufgenommen und in einer perversen Auktion mehr L\u00f6segeld geboten als die Carter-Leute. Reagans Wahlkampfchef William Casey hatte sich mehrmals im Sommer 1980 mit\u00a0<a href=\"https:\/\/fas.org\/irp\/news\/1997\/msg00034e.htm\">den Iranern in Madrid getroffen<\/a>. F\u00fcr diese Heldentat belohnt Reagan seinen Schildknappen Casey mit dem Job des Direktors der CIA.<\/p>\n<p>Und nun kommen wir auf die Clearing-Institute zur\u00fcck. Bei CEDEL in Luxemburg sitzt der drittwichtigste Mann in der Firmenhierarchie, Ernest Backes, am 18. Januar 1981 in seinem B\u00fcro und hat einen Sonderauftrag auszuf\u00fchren. Er soll von zwei privaten Bankh\u00e4usern in New York insgesamt sieben Millionen Dollar abheben und diese sodann auf das Konto der Nationalbank von Algerien \u00fcberweisen.<\/p>\n<p>Backes fragt sich, ob das so in Ordnung ist, von fremden Bankh\u00e4usern mal eben Millionenbetr\u00e4ge abzubuchen. Doch die New Yorker haben keine Einw\u00e4nde. Dagegen weigern sich die Algerier zun\u00e4chst, das Geld anzunehmen. Doch nach einem kurzen Telefonat mit Teheran nehmen sie das Geld gerne entgegen, um es sodann den Revolutionsw\u00e4chtern im Iran zukommen zu lassen.<\/p>\n<p>Dank der extremen Geheimniskr\u00e4merei des Clearing-Systems erf\u00e4hrt die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber viele Jahre nichts von den kriminellen Hintergr\u00fcnden der spektakul\u00e4ren &#8211; k\u00fcnstlich und arglistig versp\u00e4teten &#8211; Heimkehr der gequ\u00e4lten amerikanischen Geiseln. Wenn nicht bei CEDEL-Mitarbeiter Backes der Groschen gefallen w\u00e4re. Und wenn nicht acht Jahre sp\u00e4ter eine ausgestiegene Reagan-Mitstreiterin die ungeheuerliche Verz\u00f6gerung der Geiselbefreiung in einem Buch beschrieben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Wir sehen: Seit Reagans Amtsantritt ist das organisierte Verbrechen mit von der Partie. M\u00f6gen auch die Tricks von Kissinger und Nixon besonders schmutzig gewesen sein: Diese Tricks wurden noch immer von Staatsbediensteten ausgef\u00fchrt &#8211; was sie nat\u00fcrlich um keinen Deut kuscheliger machten. Aber dass eine US-Regierung ihre Macht aufbaut auf die Unterst\u00fctzung mafiotischer Vereinigungen, das ist neu.<\/p>\n<p>Das f\u00e4rbt auch ab auf die Art und Weise, wie Reagan oder auch seine britische Amtskollegin Margaret Thatcher mit zuvor &#8222;Sozialpartner&#8220; genannten Bev\u00f6lkerungsgruppen umgehen. &#8222;R\u00fcde&#8220; ist geprahlt. Reagan l\u00e4sst streikende Fluglotsen von der Polizei in Handschellen abf\u00fchren und wirft 11.345 Kollegen mal eben auf die Stra\u00dfe. Maggie Thatcher l\u00e4sst die streikenden Bergarbeiter brutal in der Winterk\u00e4lte hungern, bis sie z\u00e4hneklappernd aufgeben. Brutale Bilder, die bislang unvorstellbar waren.<\/p>\n<p>Sowohl Thatcher als auch Reagan streichen radikal Steuern f\u00fcr die Reichen und senken gleichzeitig den Sozialhaushalt, bis dieser nur noch bronchitisch vor sich hin pfeift. Die R\u00fcstung wird erneut in obsz\u00f6ne und durch die allgemeine Weltlage nicht gerechtfertigte H\u00f6hen getrieben. In einem Punkt unterscheiden sich Reagan und seine Schwester im Geist Maggie Thatcher allerdings: Ersterer treibt die Staatsverschuldung absichtlich in noch nie gekannte H\u00f6hen, letztere achtet dagegen immer noch auf einen einigerma\u00dfen ausbalancierten Staatshaushalt.<\/p>\n<p><strong>Der Schl\u00e4fer im Wei\u00dfen Haus<\/strong><\/p>\n<p>Bleibt eine andere Frage: hat Ronald Reagan \u00fcberhaupt regiert?<\/p>\n<p>Ronald Reagan war von Beruf Schauspieler, hat aber James Dean oder Humphrey Bogart niemals Konkurrenz machen k\u00f6nnen. Vielmehr vertrieb er mit zweitklassigen Filmchen, so genannten B-Movies, den Zuschauern die Zeit, bis dann wieder ein unabdingbarer Werbespot f\u00fcr die Firma Produkte anpries, die Reagans Filme finanzierte. Meistens war das General Electric. Als Vorsitzender einer Schauspielergewerkschaft war Reagan in die Politik gerutscht. Er entschied sich f\u00fcr die Republikaner und unterst\u00fctzte 1964 Pr\u00e4sident Johnsons Herausforderer Barry Goldwater.<\/p>\n<p>Der kantige Senator aus Arizona diente als Vorhut der marktradikalen Konterrevolution. Seine Spr\u00fcche vom schlanken Staat verfingen damals noch nicht so recht beim W\u00e4hlervolk. Goldwater musste gegen Johnson eine schwere Niederlage einstecken. Reagan war damals in vollem Saft und beeindruckte durch seine perfekte B\u00fchnenshow und seine einfachen und eing\u00e4ngigen Spr\u00fcche viel mehr als Goldwater.<\/p>\n<p>So wurde Reagan 1968 Gouverneur von Kalifornien. Er begann den Krieg gegen die Hippie-Metropole San Francisco und die Universit\u00e4tsstadt Berkeley. Schwerste Artillerie der Nationalgarde lie\u00df Reagan gegen die g\u00e4nzlich unbewaffnete Zivilbev\u00f6lkerung auffahren. Tote und Verletzte bei diesen Schlachtfesten konnten allerdings nicht verhindern, dass er auch noch eine zweite Amtszeit hinlegen durfte. Bei den Vorwahlen 1976 trat er sogar als Kandidat gegen den amtierenden Pr\u00e4sidenten Ford an, der sich jedoch durchsetzen konnte.<\/p>\n<p>Aber bei den Primaries 1980 avancierte Reagan unangefochten zum Favoriten und wurde, wir wissen nun wie, zum 40. Pr\u00e4sidenten der USA. Allerdings war er schon ziemlich betagt als er endlich als Pr\u00e4sident loslegen durfte. Er weilte bereits sechs Jahre auf der Welt, als der 35. Pr\u00e4sident der USA, John F. Kennedy, geboren wurde. Schwarz gef\u00e4rbte Haare und ein b\u00fcbisches Rouge auf den Wangen; das lie\u00df so manchen Betrachter \u00fcber die m\u00fcden Greisenaugen hinwegsehen.<\/p>\n<p>Und so ergab es sich, dass Ronald Reagan bei den komplizierten Diskussionen im Nationalen Sicherheitsrat oder im Kabinett immer wieder spontan einschlief. Man hatte es sich schon abgeschminkt, dass der Pr\u00e4sident die f\u00fcr ihn erarbeiteten Dossiers und Denkpapiere der Geheimdienste irgendwann mal lesen w\u00fcrde. Das strengte doch furchtbar an.<\/p>\n<p>Reagan war eben nicht zuf\u00e4llig Schauspieler. Er diente eigentlich eher als Regierungssprecher. Der gro\u00dfe Kommunikator, wie man ihn nun einmal nannte. Er konnte den Leuten mit der wunderbarsten \u00dcberzeugungskraft der Welt das Credo der Marktradikalen und auch das Credo der R\u00fcstungslobby verkaufen. Er h\u00e4tte auch Eskimos K\u00fchlschr\u00e4nke verkaufen k\u00f6nnen. Nur &#8211; wehe, wenn einmal der Teleprompter ausfiel. Also jener Bildschirm, der dem Pr\u00e4sidenten den aufzusagenden Text vorspulte zum Ablesen. Wenn der Prompter stockte, dann h\u00f6rte auch der gro\u00dfe Kommunikator auf zu kommunizieren. Er schwieg.<\/p>\n<p>Ronald Reagan spielte den Pr\u00e4sidenten der USA &#8211; unter der Regie seines Vizepr\u00e4sidenten George Herbert Walker Bush.<\/p>\n<p><strong>&#8222;The Winner is \u2026 George Herbert Walker Bush!&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Normalerweise ist der Vizepr\u00e4sident eigentlich nur eine Ersatzreserve falls die Nummer Eins mal ausfallen sollte. Er stand laut Verfassung dem Senat vor und hatte ansonsten Schulen einzuweihen und seinem Chef nicht durch ein eigenes Profil Konkurrenz zu machen. Das war allerdings bei dem ungleichen Gespann Reagan &#8211; Bush ganz anders. Das lag schon daran, dass Bush im Gegensatz zu Reagan aus einer m\u00e4chtigen Dynastie stammte.<\/p>\n<p>Sein Gro\u00dfvater Samuel Bush war bereits sehr reich und organisierte im Ersten Weltkrieg die Rohstoffbeschaffung der Wilson-Regierung. Der Vater von George Bush, Prescott Bush, hatte in die noch reichere Familie Walker eingeheiratet. Schwiegervater Herbert Walker brachte Prescott in die Bank Brown Brothers Harriman ein, die pikante Gesch\u00e4fte mit Nazideutschland abwickelte. In den 1950er Jahren bet\u00e4tigte sich Prescott Bush als Senator von Connecticut f\u00fcr die Republikaner. Aus tiefer Dankbarkeit f\u00fcr seinen Mentor gab Prescott seinem Sohn den Namen George Herbert Walker Bush.<\/p>\n<p>George studierte wie seine Vorfahren an der extrem elit\u00e4ren Universit\u00e4t Yale und trat nach alter V\u00e4ter Brauch ebenfalls in die noch elit\u00e4rere studentische\u00a0<a href=\"https:\/\/usacontrol.wordpress.com\/2018\/09\/27\/skull-and-bones-eine-erlesene-elite\/\">Burschenschaft Skull &amp; Bones<\/a>\u00a0ein. Im Krieg diente er als Kampfflieger, um dann in Friedenszeiten nach Texas zu wechseln, um dort eine Firma f\u00fcr \u00d6lbohr-Ausr\u00fcstungen aufzuziehen.<\/p>\n<p>Mit Vierzig wechselte George in die Politik, und zwar zun\u00e4chst seit 1967 als republikanischer Abgeordneter im Repr\u00e4sentantenhaus. Pr\u00e4sident Nixon wird sein Mentor und macht ihn 1971 zum Botschafter der USA bei der UNO, wo er vergeblich versucht, den Rauswurf von Taiwan aus der UNO zu verhindern. Weitere Stationen: Chef der Republikanischen Partei.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Watergate-Skandals ist Bush weit weg vom Schuss als Leiter des Verbindungsb\u00fcros der USA in Peking. Es gab ja noch keine offizielle diplomatische Vertretung in Peking. Unter Pr\u00e4sident Ford ist er dann von 1976 bis 1977 Direktor der CIA. Als die Demokraten die Regierung stellen, \u00fcberwintert Bush als Co-Direktor des uns schon gut bekannten\u00a0<em>Council on Foreign Relations<\/em>.<\/p>\n<p>In den Vorwahlen unterliegt Bush dem Favoriten Ronald Reagan. Dessen Wahlkampfleiter Casey sorgte daf\u00fcr, dass Bush nun als Reagans Vizepr\u00e4sidentschaftskandidat ins Rennen ging. Eine Ma\u00dfnahme, die Casey wohl noch bereuen sollte. Bush war im Gegensatz zu Reagan selber ein Teil der m\u00e4chtigen Unternehmerschaft der USA. Bush macht kurzerhand seine Gesch\u00e4ftspartner zu Ministern: vom gr\u00f6\u00dften Bauunternehmen des Landes Bechtel wechseln Caspar Weinberger als Verteidigungsminister und George M. Shultz als Au\u00dfenminister in die Politik.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive werden so manche Vorg\u00e4nge etwas verst\u00e4ndlicher. Kaum n\u00e4mlich ist die Reagan-Bush-Regierung im Amt, verungl\u00fcckt der Pr\u00e4sident von Panama, Omar Torrijos, bei einem r\u00e4tselhaften Flugzeugabsturz t\u00f6dlich. Er war den Herrschaften aus den USA schon lange ein Dorn im Auge. Nicht nur, dass er eine sozial gerechte Politik und eine unabh\u00e4ngige Au\u00dfenpolitik betrieb. Er hatte mit einem japanischen Konsortium den Bau eines ganz neuen Kanals, der Atlantik und Pazifischen Ozean verbinden sollte, ausgehandelt. Dabei sollten US-amerikanische Unternehmen wie Bechtel au\u00dfen vor bleiben.<\/p>\n<p>Sein Nachfolger wurde Manuel Noriega, ein Milit\u00e4r, der enge Kontakte zur CIA unterhielt und Gesch\u00e4fte mit Drogen und Waffen betrieb. Das japanische Kanalprojekt ist vom Tisch. Jedoch argw\u00f6hnt die US-Regierung irgendwann, Noriega w\u00fcrde auch mit Kuba anb\u00e4ndeln. Am 20. Dezember 1989 marschieren US-Truppen in Panama ein und kassieren ihren Vasallen Noriega, und mit ihm verschwinden Dokumente \u00fcber die m\u00f6gliche Mitwirkung ausl\u00e4ndischer Geheimdienste am Tod von Noriegas Vorg\u00e4nger Torrijos.<\/p>\n<p>In Ecuador war zwei Monate vor dem Absturz von Torrijos Pr\u00e4sident Jaime Roldos Aguilera ebenfalls auf seltsame Weise mit dem Flugzeug abgest\u00fcrzt und dabei umgekommen. Aguilera hatte die Wochenarbeitszeit auf 42 Stunden begrenzt und einen Mindestlohn eingef\u00fchrt. \u00dcber die Verwendung des Erd\u00f6ls aus Ecuador hatte Aguilera ganz eigene Vorstellungen, die US-amerikanischen \u00d6lmagnaten nicht gefallen konnten.<\/p>\n<p><strong>Die Iran-Contra-Aff\u00e4re<\/strong><\/p>\n<p>Um es klar zu sagen: Bush betrieb ein Wei\u00dfes Haus innerhalb des Wei\u00dfen Hauses.<\/p>\n<p>John Loftus und Mark Aarons<\/p>\n<p>Trotz allem gelingt es der sandinistischen Befreiungsbewegung in Nicaragua 1979, den bisherigen Diktator Somoza zu vertreiben und sodann eine demokratische Koalitionsregierung zusammenzustellen. Die Regierung Reagan-Bush h\u00e4lt es nicht f\u00fcr ratsam, in Nicaragua mit eigenen Truppen einzumarschieren. Sie gr\u00fcnden eine faschistische Terrormiliz, der sie den Namen &#8222;Contras&#8220; verleihen, weil ihr einziger Programmpunkt darin besteht, mit aller Gewalt die Sandinisten auszul\u00f6schen.<\/p>\n<p>In einem unbeschreiblich brutalen Abnutzungskrieg wird die junge Demokratie in Nicaragua zerm\u00fcrbt: Vergewaltigungen, Ausstechen von Augen, Abschlagen von Gliedern, Brandschatzung &#8211; alles ist drin. Der US-Kongress bewilligt im Dezember 1981 Steuergelder in H\u00f6he von 19 Millionen Dollar f\u00fcr die vom CIA gelenkte Aktion. Doch weitere Gelder soll es nicht geben. Das Boland-Amendment verbietet die Finanzierung von Terrortruppen in anderen L\u00e4ndern. Doch schon im Jahre 1983 werden die Hilfsgelder wieder bewilligt, jetzt deklariert als &#8222;Hilfe gegen Armut&#8220; in Nicaragua.<\/p>\n<p>1986 hat sogar mal der Internationale Gerichtshof in Den Haag den Mut, die USA f\u00fcr ihren v\u00f6lkerrechtswidrigen Stellvertreterkrieg in Nicaragua zu verurteilen und an das kleine Land einen Schadensersatz von 17 Milliarden Dollar zu zahlen. Die Vollstreckung des Urteils kann nur durch die UNO erwirkt werden. Dort bremsen die USA mit ihrem Veto die Durchsetzung des Urteils aus. Und in einer Trotzreaktion bewilligt der Kongress genau zu dieser Zeit weitere 100 Millionen Dollar f\u00fcr die Contras.<\/p>\n<p>Doch jetzt wird auf einmal durch ein unerwartetes Ereignis deutlich, dass der Terror gegen Nicaragua noch ganz andere Dimensionen einer globalisierten Kriminalit\u00e4t beinhaltet. Am 5. Oktober 1986 schie\u00dfen die Sandinisten ein Flugzeug der Contras ab. Der einzige \u00dcberlebende mit dem sch\u00f6nen Namen Eugen Hasenfus sagt aus, dass die USA die Terroristen mit Waffen versorgt haben. Und es geht weiter.<\/p>\n<p>Am 5. November 1986 berichtet eine libanesische Zeitschrift, dass in einem Dreiecksgesch\u00e4ft die CIA ausgerechnet der iranischen Regierung eine betr\u00e4chtliche Anzahl von Panzerabwehrlenkwaffen sowie mobile Flugabwehrsysteme verkauft hatte. Im Gegenzug wollten die Iraner bei der Befreiung von amerikanischen Geiseln aus der Gefangenschaft bei islamistischen Terrorgruppen im Libanon behilflich sein. Aus dem Erl\u00f6s dieses anscheinend recht profitablen Gesch\u00e4fts wurden wiederum Waffen f\u00fcr die Contras gekauft. Offenkundig waren die vom Kongress bewilligten Geldspritzen noch nicht ausreichend gewesen. Zwei Wochen sp\u00e4ter tauchen Dokumente auf, die genau diese Machenschaften schwarz auf wei\u00df beweisen.<\/p>\n<p>Doch auch die Contras waren kreativ: sie verschacherten mehrere Tonnen Kokain mit Hilfe der CIA in den Ballungszentren der Vereinigten Staaten. Durch die Umwandlung von Kokain in die extrem s\u00fcchtig machende und pers\u00f6nlichkeitsver\u00e4ndernde Giftdroge Crack entstand in den Ghettos mit afroamerikanischen Bewohnern ein massives Problem. Die sowieso schon benachteiligten Black Communities hatten mit ganz neuen Ph\u00e4nomenen des sozialen Zerfalls und grassierender Gewalt zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>An solidarische Aktionen war von jetzt ab nicht mehr zu denken. Der Journalist Gary Webb hat das verh\u00e4ngnisvolle Zusammenwirken von Contras, CIA und Polizei 1996 akribisch dokumentiert. Im Jahre 2004 wurde Webb in seiner Wohnung erschossen aufgefunden. Dennoch besch\u00e4ftigten sich mit dieser Komplizenschaft von Teilen des US-Staatsapparates, der verselbst\u00e4ndigten CIA, den Contras und den Kokainkartellen von Medellin in Kolumbien Kongressaussch\u00fcsse. Die CIA musste ihre Mitt\u00e4terschaft schlie\u00dflich zugeben.<\/p>\n<p>Der seit Jahrzehnten aktive investigative Journalist Seymour Hersh hat herausgefunden, dass die Idee zum Iran-Contra-Deal urspr\u00fcnglich vom pers\u00f6nlichen Geheimdienst des Vizepr\u00e4sidenten George Bush, der Special Situation Group, ersonnen wurde. Reagans Stellvertreter hatte tats\u00e4chlich an den Geheimdiensten und dem Nationalen Sicherheitsrat vorbei ein extrem geheimes Netzwerk aufgemacht, das immerhin 35 Aktionen im Ausland durchgef\u00fchrt hatte.<\/p>\n<p>Viele Milit\u00e4rs machten hier mit, weil sie frustriert waren \u00fcber die extreme Dummheit und Faulheit des Pr\u00e4sidenten und seines \u00fcber die Unberechenbarkeit des CIA-Chefs William Casey, den sie f\u00fcr zu geschw\u00e4tzig hielten. Die extremen Heimlichtuer von Bushs Special Situation Group wollten auf eigene Faust der wahrgenommenen Expansion des sowjetischen Einflusses in der Dritten Welt begegnen.<\/p>\n<p>Doch als sie vor Ort den sowjetischen D\u00e4monen pers\u00f6nlich begegnen, k\u00f6nnen sie kaum glauben, was sie sehen. Denn sie konnten die sowjetischen Berater vor Ort leicht ausboten, wie ein ehemaliger SSG-Agent Seymour Hersh\u00a0<a href=\"https:\/\/www.lrb.co.uk\/v41\/n02\/seymour-m-hersh\/the-vice-presidents-men\">verriet<\/a>:<\/p>\n<p>Die Russen wurden dort einfach nicht gesch\u00e4tzt. Sie waren Bauernt\u00f6lpel mit sch\u00e4bigen Klamotten und Schuhen aus Pappe. Ihre Waffen waren nicht funktionst\u00fcchtig \u2026 Wir begriffen immer mehr, dass die amerikanische Geheimdienstszene die Bedrohung aus Russland brauchte, um an Geld ranzukommen.<\/p>\n<p>Aus: Seymour Hersh,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.lrb.co.uk\/the-paper\/v41\/n02\/seymour-m.-hersh\/the-vice-president-s-men\">The Vice President\u2019s Men<\/a><\/p>\n<p>Die SSG-Leute hatten selber die Iran-Contra-Geschichte an die libanesische Zeitung Ash-Shiraa geleakt, weil ihr Verbindungsmann Oliver North vollkommen tollpatschig die falschen Leute f\u00fcr eine Kooperation in der Iran-Contra-Geschichte kontaktierte, und so \u00fcber kurz oder lang die Verschw\u00f6rung auffliegen w\u00fcrde und George Bush seine Ambitionen auf eine eigene Pr\u00e4sidentschaft h\u00e4tte aufgeben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die SSG wurde jetzt in aller Stille wieder aufgel\u00f6st. Die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit konzentrierte sich jetzt auf Reagan und Oliver North. Bevor CIA-Chef William Casey vor dem Kongress aussagen konnte, stellte sein Milit\u00e4rarzt bei ihm einen Hirntumor fest. Bei der Operation am n\u00e4chsten Tag besch\u00e4digte der Chirurg Caseys Sprachzentrum, so dass Casey nichts mehr zur Aufkl\u00e4rung der Iran-Contra-Aff\u00e4re beitragen konnte. Vizeadmiral Moreau, der Chef von George Bushs Geheimtruppe SSG, wurde nach \u00dcbersee versetzt, raus aus dem Washingtoner Trubel, und starb im Dezember 1986, gerade 54-j\u00e4hrig,\u00a0<a href=\"https:\/\/suspiciousdeaths.blogspot.com\/2010\/08\/william-casey.html\">an einem Herzinfarkt<\/a>.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Instrument f\u00fcr die finanziellen Transaktionen all dieser Dirty Jobs der offiziellen und inoffiziellen Geheimdienste war die erste Globalbank aus der Dritten Welt, die 1972 in Pakistan gegr\u00fcndete Bank of Credit and Commerce International. Dass dieses Geldinstitut in der Peripherie der damaligen Finanzwelt kurzfristig zum Global Player aufsteigen konnte, verdankte sie nicht zuletzt den neuen finanziellen Schnellstra\u00dfen des Clearing-Systems.<\/p>\n<p>Ihr Gr\u00fcnder Agha Hasan Abedi hatte durchaus ehrenwerte Motive: er wollte armen L\u00e4ndern in der Dritten Welt Kredite erm\u00f6glichen, die die arroganten westlichen Bankh\u00e4user niemals gew\u00e4hren w\u00fcrden. Leider geriet die Bank sehr schnell auf die schiefe Bahn. Denn Abedi und seine Mitarbeiter spekulierten mit dem angelegten Geld der Kunden und verloren dabei immens viel Geld. Sie benutzten frisch angelegtes Geld, um die alten L\u00f6cher zu stopfen und operierten nach Art der Kettenbriefe.<\/p>\n<p>Die CIA bekam Wind von der Schieflage und benutzte das Bankhaus, um schmutzige Transaktionen au\u00dferhalb der Kontrolle des Washingtoner Kongresses durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen. 1991 flog der faule Zauber auf und die BCCI wurde liquidiert. Der demokratische Senator John Kerry leitete einen Untersuchungsausschuss, der die Machenschaften der BCCI unter die Lupe nahm.<\/p>\n<p>Eine heuchlerische Emp\u00f6rung brach aus \u00fcber das Ausma\u00df an Geldw\u00e4sche, Waffenschmuggel, Steuerhinterziehung, Beeinflussung von Politikern, die sich in diesem pakistanischen Bankhaus zusammenballten; am Ende waren zudem 13 Milliarden Dollar einfach verdampft! Dass ein erklecklicher Teil der Transaktionen der CIA zuzuordnen waren, interessierte hier weniger. Wie gut, dass man die eigenen schmutzigen Finanzen in die Dritte Welt ausgegliedert hatte!<\/p>\n<p>Das war der Zustand der USA, die sich jetzt anschickte, die kommunistische Weltordnung auszuradieren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Die-kontrollierte-Abwicklung-der-Sowjetunion-4666425.html?seite=all\"><em>heise.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 24. Februar 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hermann Ploppa. Die Marktradikalen, das Organisierte Verbrechen, die Geiselnahme 1979 in Teheran und die Iran-Contra-Aff\u00e4re: Wie sich die USA anschickten, die kommunistische Weltordnung auszuradieren. 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