{"id":7125,"date":"2020-02-26T10:13:57","date_gmt":"2020-02-26T08:13:57","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7125"},"modified":"2020-02-26T10:13:58","modified_gmt":"2020-02-26T08:13:58","slug":"imperialismus-in-syrien-pack-schlaegt-sich-pack-vertraegt-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7125","title":{"rendered":"Imperialismus in Syrien: Pack schl\u00e4gt sich, Pack vertr\u00e4gt sich"},"content":{"rendered":"<p><em>Tomasz Konicz. <\/em><strong>Ein Versuch, die \u201cmultipolare\u201d imperialistische Dynamik rund um den Konflikt in Syrien zu beleuchten und theoretisch zu erfassen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Das, was sich im Februar 2020 in Syrien zwischen der T\u00fcrkei und Russland vollzieht, ist selbst f\u00fcr kapitalistische Verh\u00e4ltnisse au\u00dfergew\u00f6hnlich. W\u00e4hrend t\u00fcrkische und russische Truppen an der Grenze zwischen der T\u00fcrkei und der nordsyrischen Autonomieregion Rojava gemeinsame, von w\u00fctenden Kurden immer wieder mit Steinen angegriffene Patrouillen durchf\u00fchren, bombardieren russische Kampfflugzeuge wenige Kilometer weiter s\u00fcdlich in der westsyrischen Provinz Idlib von der T\u00fcrkei unterst\u00fctzte Dschihadisten und t\u00fcrkische Truppen, die bereits erhebliche Verluste hinnehmen mussten.<\/p>\n<p>Die sp\u00e4tkapitalistischen Staatssubjekte sind keine Menschen, keine b\u00fcrgerlichen Marktsubjekte, die in ihrem Konkurrenzgebaren zumeist sehr eindimensional sind. Die imperialistischen Staatsmonster k\u00f6nnen miteinander kooperieren, B\u00fcndnisse oder Allianzen bilden und zugleich in anderen Politikbereichen oder Einflusssph\u00e4ren heftige Konflikte austragen. Pack schl\u00e4gt sich, Pack vertr\u00e4gt \u2013 dies ist die jahrhundertealte blutige Normalit\u00e4t imperialistischer Auseinandersetzungen, bei denen Millionen von Menschen verheizt wurden und werden.<\/p>\n<p>Die vertrackte Lage in Syrien, wo Kooperation und Konfrontation zweier imperialistischer M\u00e4chte bei ihrem m\u00f6rderischen \u201cGreat Game\u201d eng beieinander liegen, ist Ausdruck der auf die Spitze getriebenen Widerspr\u00fcche im russisch-t\u00fcrkischen Verh\u00e4ltnis. W\u00e4hrend Moskau und Ankara sich einerseits bekriegen, wollen sie andererseits Kooperieren und ziehen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Erdogans-geopolitisches-Vabanque-Spiel-3986059.html\">enorme Vorteile<\/a>\u00a0aus dieser Kooperation. So konnten in den vergangenen Monaten und Jahren einige wichtige\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Business-as-usual-3289926.html\">wirtschaftspolitische Projekte<\/a>\u00a0initiiert oder realisiert werden, die f\u00fcr beide Seiten von Vorteil sind.<\/p>\n<p><strong>Einseitige Abh\u00e4ngigkeit \u2013Russisch-t\u00fcrkische Kooperation<\/strong><\/p>\n<p>Die Anfang 2020 in Dienst gestellte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.gazprom.com\/projects\/turk-stream\/\">Turkstream-Pipeline<\/a>, die russisches Erdgas \u00fcber das Schwarze Meer bis in die T\u00fcrkei bef\u00f6rdert, bring sowohl f\u00fcr den Kreml wie f\u00fcr Ankara enorme strategische Vorteile, da sie \u2013 gemeinsam mit der Ostseepipeline \u2013 Russland dabei hilft, die Transitwege russischen Erdgases nach Westeuropa zu diversifizieren, sowie Ankara der ersehnten Rolle einer energiepolitischen Drehscheibe an der s\u00fcd\u00f6stlichen Flanke der EU n\u00e4herbringt. Zudem haben beide Seiten den Bau eines russischen Atomkraftwerks in der T\u00fcrkei vereinbart, der Russlands Atomindustrie einen Auslandsauftrag einbringt und Ankara dabei hilft, seine Abh\u00e4ngigkeit von Energieimporten zu reduzieren und die Option einer t\u00fcrkischen Atombombe er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Diese handelspolitischen Bezeigungen sind aber von einer\u00a0<a href=\"https:\/\/ahvalnews.com\/turkey-russia\/russia-turkey-commerce-unilateral-dependence\">einseitigen Abh\u00e4ngigkeit<\/a>\u00a0gepr\u00e4gt, da die T\u00fcrkei in sehr viel gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00df von Russland abh\u00e4ngig ist als umgekehrt \u2013 dies vor allem bei dem Import fossiler Energietr\u00e4ger. Hier verf\u00fcgt der Kreml, der beim Export zur Not Turkstream schlie\u00dfen und auf andere Pipelines ausweichen kann, eindeutig \u00fcber den l\u00e4ngeren Machthebel.<\/p>\n<p>Weitere Interessen\u00fcberschneidungen zwischen Ankara und Moskau existierten bei der Geopolitik, wie es der strategische Kauf des russischen Luftabwehrsystems S-400 durch die T\u00fcrkei zeigte, der in Washington f\u00fcr Emp\u00f6rung sorgte und der das t\u00fcrkisch-amerikanische Verh\u00e4ltnis stark belastet. Ankara und Moskau haben \u2013 gemeinsam mit dem Iran \u2013 ein Interesse daran, den Einfluss des Westens \u2013 hier vor allem der USA \u2013 in der Region zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Zus\u00e4tzlich motiviert wurde diese\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Teheran-Ankara-Damaskus-Unheilige-Allianz-3301563.html\">kurzfristige Allianz<\/a>\u00a0zwischen Ankara, Teheran und Moskau durch das gemeinsame Interesse an der Zerschlagung des basisdemokratischen Experiments in Rojava, das alle autorit\u00e4ren, islamistischen Regimes und Rackets in der Region als eine existenzielle Bedrohung ansahen, wobei die klerikalfaschistische T\u00fcrkei und das theokratische Regime im Iran aufgrund ihrer substanziellen kurdischen Minderheiten hier besonders schnell zur einer punktuellen Kooperation bereit waren.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/syria-map.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7127\" width=\"585\" height=\"439\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/syria-map.jpg 466w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/syria-map-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 585px) 100vw, 585px\" \/><\/figure>\n<p><strong>\u00dcber die Leiche Rojavas \u2013 der Verrat der USA<\/strong><\/p>\n<p>Gerade die zeitweilige Zusammenarbeit der USA mit den kurdischen SDF zwecks Bek\u00e4mpfung des Islamischen Staates hat ma\u00dfgeblich zum Zerw\u00fcrfnis zwischen Ankara und Washington beigetragen, das Moskau durch Zugest\u00e4ndnisse gegen\u00fcber Erdogan, die in der Invasion Afrins gipfelten, m\u00f6glichst weit forcieren wollte. Es lie\u00dfe sich gar argumentieren, dass die Ann\u00e4herung zwischen Moskau, Teheran und Ankara gerade \u00fcber\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Afrin-Erdogans-Werk-und-Putins-Beitrag-3947341.html\">die Leiche<\/a>\u00a0des selbstverwalteten nordsyrischen Kantons Afrin erfolgte, das sich in Russlands Einflusssph\u00e4re befand \u2013 und das Putin der t\u00fcrkischen Soldateska zum Fra\u00df vorwarf, um die T\u00fcrkei zus\u00e4tzlich aus der westlichen Einflusssph\u00e4re zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Mit dem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Rojava-als-geopolitisches-Schlachtfeld-4555334.html\">Verrat der USA<\/a>\u00a0an den Kurden Nordsyriens im vergangenen Oktober wurde dieser reaktion\u00e4ren, gegen die USA wie auch den emanzipatorischen Aufbruch in Nordsyrien gerichteten unheiligen Allianz der wichtigste gemeinsame Nenner entzogen. So wie Putin sich bem\u00fchte, durch die Opferung Afrins an den t\u00fcrkischen Kelrikalfaschismus die T\u00fcrkei aus dem Westen zu l\u00f6sen, so hat Trump durch den Verrat an den \u00f6stlichen Kantonen Rojavas die T\u00fcrken dazu motivieren wollen, die Ann\u00e4herung an Moskau zu revidieren. Die USA benutzten somit die Kurden im Kampf gegen den Islamischen Staat, um sie hiernach der islamistischen Regionalmacht auszuliefern, die zu den wichtigsten Unterst\u00fctzern des Islamischen Staates geh\u00f6rte, da die kurdische Selbstverwaltung in Nordsyrien den wichtigsten Streitpunkt bei der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Ankara-und-Washington-auf-Kollisionskurs-3287694.html\">Entfremdung<\/a>\u00a0zwischen Ankara und Trump bildete.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich k\u00f6nnte dieses brutale imperialistische Kalk\u00fcl Washingtons, wo man trotz des Verlusts der Hegemonie noch ma\u00dfgeblich Einfluss auf die Gestaltung der Region nehmen will, aufzugehen. Die USA haben Rojava verraten und sich weitgehend zur\u00fcckgezogen aus Syrien, sie okkupieren nur noch die \u2013 regional unbedeutenden \u2013 \u00d6lquellen in Ostsyrien. Dies tun sie nicht etwa, um dieses \u00d6l in Eigenregie zu verkaufen, wie wohl nur Trump glaubt, sondern um die Kosten der Intervention Russlands und der eventuellen Wiederaufbaubem\u00fchungen in Syrien in die H\u00f6he zu treiben, sowie einen Keil in die Achse Damaskus\u2013Teheran zu treiben.<\/p>\n<p>Doch, und dies ist entscheidend, \u00fcberwiegen seit dem partiellen R\u00fcckzug Washingtons die Differenzen der Regionalm\u00e4chte das vormalige Interesse an der Verdr\u00e4ngung der USA. Nun steht Russland unter Druck in Syrien, es muss sich mit Ankara auseinandersetzen und das komplexe Interessengewirr in der Region managen. Washington spekuliert schlicht darauf, dass Moskau damit \u00fcberfordert sein wird.<\/p>\n<p><strong>Die Hegemonialmacht tritt ab<\/strong><\/p>\n<p>Was sich nun in der Region entfaltet, ist somit schlicht jene Realit\u00e4t einer \u201cmultipolaren Weltordnung\u201d, die von allen Herausforderern der US-Hegemonie in den vergangenen Dekaden gefordert wurde. Die USA, seit Langem im hegemonialen Abstieg begriffen, haben ihre seit dem Zerfall des Ostblocks etablierte Rolle als globale milit\u00e4rische \u201cOrdnungsmacht\u201d \u2013 die Interventionen, Strafexpeditionen und Invasionen in der Peripherie des Weltsystems \u00fcber gut drei Dekaden weitgehend monopolisieren konnte \u2013 zumindest im Nahen und Mittleren Osten \u2013 endg\u00fcltig verloren. In dieses Vakuum dr\u00e4ngen nun viele kleine Nachwuchs-USA, die dem gro\u00dfen, abgetakelten Vorbild jenseits des Atlantiks nacheifern und ihr eigenen geopolitisches und imperialistisches Kalk\u00fcl verfolgen.<\/p>\n<p>Die Hegemonialmacht tritt ab \u2013 doch der Imperialismus beliebt bestehen, da dessen \u00f6konomisches Fundament, die krisengebeutelte und widerspruchszerfressene kapitalistische Produktionsweise, weiterhin bestehen bleibt. Mehr noch: Der Abstieg der \u00f6konomisch durch die Krise verw\u00fcsteten und weitgehend deindustrialisierten Vereinigten Staaten wird nicht mehr durch den Aufstieg eines neuen globalen Hegemons begleitet, der es wiederum schaffen w\u00fcrde, die Anwendung milit\u00e4rischer Gewalt weitgehend zu monopolisieren. Keine Gro\u00dfmacht \u2013 auch nicht China \u2013 ist dazu in der Lage; aufgrund zunehmender Krisentendenzen, wie einer ausartenden Verschuldung. Die Folge: Der partielle R\u00fcckzug der USA geht nicht mit einem Ende der Spannungen einher, sondern mit deren \u201cmultipolarer\u201d Vervielf\u00e4ltigung.<\/p>\n<p>In der Region entfalten folglich der schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien bei ihrem jeweiligen Hegemonialstreben eine zunehmende geopolitische Konkurrenzdynamik, in deren Folge etwa der Jemen von einem blutigen Stellvertreterkrieg erfasst wurde, bei dem die USA nur noch eine Nebenrolle spielen. Diese Inflationierung des Konfliktpotenzials in einem in Aufl\u00f6sung \u00fcbergehenden sp\u00e4tkapitalistischen Weltsystem kann somit gerade an den konkreten Konfliktlinien in der Region nachvollzogen werden \u2013 dies vor allem hinsichtlich der klerikalfaschistischen, von neo-osmanischen Wahn beseelten T\u00fcrkei. Erdogan muss Expandieren, da ihm die schwere \u00f6konomische Krise in der T\u00fcrkei dazu n\u00f6tigt, mittels \u00e4u\u00dferer Expansion die zunehmenden sozio\u00f6konomischen Verwerfungen im Land zu \u00fcberbr\u00fccken. Es geht hierbei nicht nur um das klassische Sch\u00fcren chauvinistischer Stimmungen, um so vom permanenten Gr\u00fctel-enger-schnallen breiter Bev\u00f6lkerungsschichten in der T\u00fcrkei abzulenken, sondern um ganz konkrete Strategien oder Kontrolle der Beseitigung der Massen \u00f6konomisch \u201c\u00fcberfl\u00fcssiger\u201d Menschen, die die Systemkrise in der Region produzierte.<\/p>\n<p><strong>Idlib \u2013 geopolitische Sackgasse<\/strong><\/p>\n<p>Idlib soll als informelles t\u00fcrkisches Protektorat vor allem dazu dienen, die Fl\u00fcchtlingsmassen, die der syrische B\u00fcrgerkrieg produzierte, dort zu konzentrieren, da sie aufgrund der Krise in der T\u00fcrkei nicht mehr als Billiglohnsklaven verwertet werden k\u00f6nnen. \u00c4hnliche Planungen zur Errichtung einer Art gigantischen Fl\u00fcchtlingsghettos gibt es in den von der T\u00fcrkei okkupierten Region Rojavas, wo die ethnische \u201cS\u00e4uberung\u201d der kurdischen Bev\u00f6lkerung durch die t\u00fcrkische Soldateska mit der Ansiedlung von Islamisten und der Deportation von Fl\u00fcchtlingen abgeschlossen werden soll. Dieses Vorgehen Erdogans, der Fl\u00fcchtlinge l\u00e4ngst als politische Waffe gegen\u00fcber der EU einsetzt, brachte ihm die taktische und finanzkr\u00e4ftige Unterst\u00fctzung Berlins ein, wo man aufgrund des Aufstiegs der Neuen Rechten panische Angst vor weiteren \u201eFl\u00fcchtlingswellen\u201c hat. Merkel hat sich bei ihrer letzten T\u00fcrkeivisite dazu entschlossen, im Endeffekt\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Tuerkei-Merkels-zivilisatorischer-Tabubruch-4645780.html\">ethnische S\u00e4uberungen in Rojava<\/a>\u00a0zu finanzieren. Fl\u00fcchtlinge und Abschottungstendenzen bilden somit \u2013 neben dem Kampf um Ressourcen und Energietr\u00e4ger \u2013 inzwischen einen neuartigen, zentralen Faktor beim \u201cmultipolaren\u201d neoimperialistischen Hauen und Stechen in der Region, das Phasenweise an die Hochzeit des Imperialismus in der zweiten H\u00e4lfte des 21. Jahrhundert erinnert. Es ist gewisserma\u00dfen eine\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Alte-neue-Weltordnung-3875356.html\">alte, neue Weltunordnung<\/a>, die sich nun etabliert.<\/p>\n<p>Die Dramatik und Gef\u00e4hrlichkeit der Lage in Idlib, die jederzeit eskalieren kann, resultiert andrerseits aus dem simplen Umstand, dass beide Seiten \u2013 sowohl die T\u00fcrkei wie auch Russland \u2013 aller geschilderten Kooperation zum Trotz ihre zunehmenden geopolitischen Interessenskonflikte nicht mehr weiter verdecken oder \u00fcberbr\u00fccken k\u00f6nnen. Erdogan kann sich einen Verlust von Idlib samt zu erwartender Massenflucht in der \u00f6konomisch zerr\u00fctteten T\u00fcrkei kaum politisch erlauben, da dies seine Herrschaft \u2013 und buchst\u00e4blich seine physische Existenz \u2013 bedroht. Der Kreml kann wiederum letzten Endes kaum dazu \u00fcbergehen, Teile von Syrien langfristig an die T\u00fcrkei in geopolitischen Deals zu verscherbeln, will Putin tats\u00e4chlich Russland als einen verl\u00e4sslichen regionalen Machtfaktor im Nahen- und Mittleren Osten etablieren. Beide Seiten befinden in einer geopolitischen Sackgasse, aus der der Verlierer nur unter einem massiven Verlust an Prestige oder Einfluss ausbrechen kann.<\/p>\n<p><strong>Die Grenzen des t\u00fcrkischen Dominazstrebens<\/strong><\/p>\n<p>Zudem ist das\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Erdogans-geopolitisches-Vabanque-Spiel-3986059.html\">geopolitische Vabanque Spiel<\/a>\u00a0Erdogans, bei dem Ankara im Gefolge des regionalen Dominanzstrebens erfolgreich zwischen Ost und West pendelte, um immer neue Zugest\u00e4ndnisse von Moskau (Afrin), Washington (\u00f6stliches Rojava) und Berlin (Geld und Investitionen) zu erpressen, an seine Grenzen gelangt. Auch diesmal ging die t\u00fcrkische Konfrontationshaltung gegen\u00fcber Russland mit einer raschen Ann\u00e4herung an den Westen, vor allem an die USA, einher, doch konnte Erdogan keine handfeste milit\u00e4rische Unterst\u00fctzung seitens der Trump-Administration erwirken. Die brandgef\u00e4hrlichen Forderungen Ankaras nach amerikanischen Luftabwehrsystemen oder einer Flugverbotszone \u00fcber Idlib sind im Sande verlaufen, da das Pentagon nicht den 3. Weltkrieg riskieren will. Die USA sind zwar im Abstieg begriffen, aber sie bilden weiterhin einen wichtigen Machtfaktor in der Region \u2013 \u00e4hnlich dem Gro\u00dfbritannien der Nachkriegszeit, dass ja sogar in der Suez-Krise 1956 einen erfolgloses imperialistisches Comeback versuchte.<\/p>\n<p>Washington ist derzeit schlicht bem\u00fcht, daf\u00fcr sorge zu tragen, dass der vergangenen Oktober begangene Verrat an der Kurden sich nun geopolitisch rentiert. Der Imageverlust vom Herbst 2019 \u2013 der den USA die B\u00fcndnisbildung in der Region ungemein erschweren wird \u2013 soll im Fr\u00fchjahr geopolitische Rendite einbringen, indem der Konflikt zwischen Ankara und Moskau m\u00f6glichst weit angeheizt wird, um so die T\u00fcrkei zur\u00fcck in die westliche Einflusssph\u00e4re zu bugsieren. Auch dies ist ein Balanceakt, den Washington vollf\u00fchren muss: Es gilt, die Konfrontation durch rhetorische und \u00f6ffentliche Solidarit\u00e4tsbekundungen an das Erdogan-Regime anzuheizen, ohne je konkret zu werden. Die Trump-Administration muss im Wahljahr 2020 eine milit\u00e4rische Eskalation in Syrien um nahezu jeden Preis vermeiden \u2013 vor allem bei einem eventuellen Duell zwischen Trump und dem Antikriegskandidaten Sanders.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4hlte Putin einen guten Moment, um die letztendlich unausweichliche Konfrontation mit Erdogan zu suchen, da dieser sich in seinem \u2013 durch innert\u00fcrkische Widerspr\u00fcche angetriebenen \u2013 Expansionsdrang regional weitgehend isoliert hat. Die arabischen L\u00e4nder, wie etwa Jordanien und \u00c4gypten, bilden aufgrund der neo-osmantische Ambitionen Erdogans eine nahezu geschlossene antit\u00fcrkische Front, w\u00e4hnend weite Teile der EU, angef\u00fchrt von Frankreich, sich wegen der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Erdogans-Mare-Nostrum-4651081.html\">Auseinandersetzungen um die Energietr\u00e4ger<\/a>\u00a0vor der K\u00fcste Zyperns im Streit mit der T\u00fcrkei befinden. Koordiniert von Paris, bem\u00fchen sich Teile der EU somit, den t\u00fcrkischen Hegemonialstreben eindeutige Grenzen zu setzen. Die USA wiederum werden Erdogan nur verbal zur Auseinandersetzung mit Putin ermuntern, da man Ihm in Washington den Kauf der russischen S-400 so schnell, und vor allem so billig, nicht verziehen wird. Mal ganz abgesehen davon, dass man es sich in Ankara ganz genau \u00fcberlegen wird, ob man sich wieder einer Gro\u00dfmacht in die Arme wirft, die laut t\u00fcrkischer \u00dcberzeugung den gescheiterten Putsch gegen Erdogan unterst\u00fctzt haben soll.<\/p>\n<p>Die evidente, nahezu vollst\u00e4ndige Erosion der US-Hegemonie f\u00fchrte somit dazu, dass etliche kapitalistische Staaten in der Region (T\u00fcrkei, Russland, Teile der EU, Saudi-Arabien, Iran) ihre Interessen st\u00e4rker geopolitisch zur Geltung bringen k\u00f6nnen; es entsteht eine multipolare Dynamik vielf\u00e4ltiger regionaler imperialistischer Interessen, die sehr viel st\u00e4rker und deutlicher in Erscheinung treten k\u00f6nnen, nachdem der hegemoniale Druck der US-Milit\u00e4rmaschine schwindet. Diese prek\u00e4re R\u00fcckkehr zu einem instabilen Imperialismus ohne Hegemon sorgt bei vielen Beobachtern, die es gewohnt sich, in den Frontstellungen des Zeitalters der US-Hegemonie zu denken, f\u00fcr Verwirrung und Desorientierung. Die USA, oftmals in verk\u00fcrzter Kapitalsinuskritik als Urquell allen \u00dcbels wahrgenommen, steigen ab, aber die m\u00f6rderischen imperialistischen Kriege, letztendlich angefacht durch den widerspr\u00fcchlichen Verwertungszwang des Kapitals, blieben bestehen. Die drohende Eskalation in Idlib stellt letztendlich auch eine Blamage des dummdeutschen Antiamerikanismus dar, der sich schon immer nicht prim\u00e4r aus einer fehlgeleiteten antiimperialistischen Motivation, sondern aus blankem imperialistischen Neid speiste.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/lowerclassmag.com\/2020\/02\/26\/imperialismus-in-syrien-pack-schlaegt-sich-pack-vertraegt-sich\/\"><em>lowerclassmag.com&#8230;<\/em><\/a><em> vom 26. Februar 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tomasz Konicz. 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