{"id":7189,"date":"2020-03-05T16:35:50","date_gmt":"2020-03-05T14:35:50","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7189"},"modified":"2020-03-05T16:38:15","modified_gmt":"2020-03-05T14:38:15","slug":"deutschland-1920-eineinhalb-jahre-nach-dem-generalstreik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7189","title":{"rendered":"Deutschland 1920, eineinhalb Jahre nach dem Generalstreik"},"content":{"rendered":"<p><em>Wilma Ruth Albrecht. <\/em>In der Wohnk\u00fcche eines schmalen Arbeiterhauses in der Oppauer Rheinstra\u00dfe hatten sich an einem Samstagabend Ende April 1920 zw\u00f6lf M\u00e4nner versammelt, um die politischen Ereignisse der letzten Wochen und die Folgen, <!--more-->die daraus zu ziehen seien, zu diskutieren sowie die anstehende Lohnrunde vorzubereiten. Es handelte sich um die kleine kommunistische Parteigruppe der Vorderpfalz , darunter der Elektriker Georg Sauer, die Schlosser Max Wenzel, Fritz Beinhard, der Kesselschmied Johann Salzer, Fritz B\u00e4umler und Ernst Laurenz , dazu gesto\u00dfen war seit dem Generalstreik im M\u00e4rz auch Georg Ossmann und der auf der Liste der USPD am 18. April neu gew\u00e4hlte Stadtrat Peter M\u00f6ller.<\/p>\n<p>Sie sa\u00dfen an zwei zusammen geschobenen Holztischen, auf denen verschiedene Flugbl\u00e4tter und Zeitungen lagen, zwei Teller voll mit Griebenschmalz bestrichenen Brotscheiben sowie zwei Kannen D\u00fcnnbier standen, die die Hausfrau, bevor sie mit den Kindern in die engen Kammern im Obergeschoss verschwunden war, spendierte. Sie hatte das kleine Haus mit einem Gem\u00fcsegarten von den Eltern, ansehnlichen Tabakbauern, als Mitgift bekommen, jedoch mit der Verpflichtung, dass es ausschlie\u00dflich in ihrem Besitz bleiben muss, denn sie wussten um das politische Engagements ihres Schwiegersohnes und den damit verbundenen Risiken.<\/p>\n<p>Georg Sauer schloss die Fenster zur Stra\u00dfe, nahm seine d\u00fcnne Pfeife aus dem Mund, klopfte damit auf die Tischplatte und begann: \u201eGenossen, hiermit er\u00f6ffne ich unsere Sitzung. Das Rauchen ist jetzt einzustellen ebenso das Durcheinanderquatschen. Auf meiner Tagesordnung habe ich zwei Punkte und dazu Verschiedenes:<\/p>\n<p>Punkt 1: Einsch\u00e4tzung der revolution\u00e4ren Abwehrk\u00e4mpfe gegen die konterrevolution\u00e4ren Putschversuche im Reich und in Bayern, Punkt 2: Organisation der anstehenden Lohnk\u00e4mpfe in den Gro\u00dfbetrieben, vor allem in der Anilin. Hat noch jemand ein Vorschlag zur Tagesordnung?\u201c fragte er in die Runde, worauf sich Peter M\u00f6ller zu Wort meldete: \u201eJa, Georg, Einsch\u00e4tzung der Ergebnisse der Stadtratswahl in Ludwigshafen und sozialistische parlamentarische Initiativen\u201c, schlug er vor, denn am 18. April hatte sich das Sitzverh\u00e4ltnis im Stadtrat grundlegend zugunsten der linken Kr\u00e4fte ver\u00e4ndert, die MSPD hatte fast die H\u00e4lfte ihrer W\u00e4hler verloren und lag mit 29,4% nur wenige Prozentpunkte vor der USPD mit 29,1% , beide hielten 12 Sitze und der ganze B\u00fcrgerblock aus DVOP, BP und DDP nur 16 Sitze.<\/p>\n<p>Es kam zu einer kurzen Aussprache, dann wurde entschieden den Vorschlag Peter M\u00f6llers unter dem Punkt \u201eVerschiedenes\u201c zu behandeln.<\/p>\n<p>Georg Sauer erteilte nun Johann Salzer, der sich auf den ersten Punkt der Tagesordnung vorbereitet hatte, das Wort. Salzer zog einen kleinen Zettel, auf dem verschiedene Zahlen und Ortsnamen vermerkt waren, aus der Jackentasche und begann:<\/p>\n<p>\u201eGenossen! Die Revolution ist jetzt gerade ein und ein halbes Jahr alt. Wenn man es genau besieht, hat sich im Grunde jedoch nicht viel ge\u00e4ndert. Es wurde lediglich die b\u00fcrgerliche Parlamentsdemokratie, schon im kaiserlichen Deutschland unter Max von Baden eingeleitet, ausgebaut. Weder die Bergwerke, die Gro\u00dfunternehmen und der Gro\u00dfgrundbesitz sind enteignet und sozialisiert, noch wurde das R\u00e4tesystem eingef\u00fchrt. Die Rechte der Arbeiter wurden sogar noch beschnitten. Statt eines revolution\u00e4ren oder demokratischen Volksheeres duldet und unterst\u00fctzt man freiwillige stockreaktion\u00e4re Freikorps. Die Einkommen der Arbeiter, kleinen Angestellten und Kleinb\u00fcrger stagnieren nicht nur, sondern werden durch die Geldentwertung unter das Existenzminimum gedr\u00fcckt. Dagegen hat diese b\u00fcrgerlich-sozial-demokratische Regierung alles unternommen, um gegen die fortschrittlich revolution\u00e4re Arbeiterschaft vorzugehen. Ich erinnere an den 13. Januar dieses Jahres, als der Sozialdemokrat und preu\u00dfische Innenminister Heine seine Polizei auf friedlich demonstrierende Arbeiter, die vor dem Reichstag gegen das reaktion\u00e4re Betriebsratsgesetz protestierten, vorr\u00fccken und 42 Arbeiter erschie\u00dfen lie\u00df. Ich erinnere an die harten Steuergesetze darunter auch die 10 Prozent Lohnsteuer &#8211; all dies Ma\u00dfnahmen, die die Reaktion beg\u00fcnstigten. So kam es, wie es kommen musste. Am 13. M\u00e4rz putschte die reaktion\u00e4re milit\u00e4rische Konterrevolution sowohl in Berlin als auch in M\u00fcnchen. Nur durch unsere gemeinsame gro\u00dfe politische Aktion, den Generalstreik, konnte die Konsorten Kapp, von L\u00fcttwitz, Ehrhard und wie die alte Brut auch immer hei\u00dft, von der B\u00fchne gefegt werden, nur in Bayern, wo jetzt Kahr Ministerpr\u00e4sident ist, gelang das nicht.<\/p>\n<p>Vor allem unsere KPD, aber auch die USPD dr\u00e4ngten darauf die Reaktion zu ent- und die Arbeiter zu bewaffnen. Auch forderten wir die k\u00e4mpfenden Arbeiter auf, Arbeiterr\u00e4te zu bilden und einen R\u00e4tekongress einzuberufen. Das k\u00e4mpfende Proletariat wehrte sich verbissen gegen die Wiederkehr einer so genannten sozialistischen Regierung mit b\u00fcrgerlichem Unterbau, mit Staatsb\u00fcrokratie und Parlamenten. Doch erneut ist die Sozialdemokratie den Proletariern in den R\u00fccken gefallen. Hermann M\u00fcller st\u00fctzt sich nicht nur auf den alten Milit\u00e4r- und Verwaltungsapparat, er lie\u00df auch wieder im Ruhrgebiet Freikorps auftreten, um Proletarier und ihre Familien nieder zu schie\u00dfen oder besser nieder zu metzeln. \u2026\u201c<\/p>\n<p>So sprach Salzer etwa eine halbe Stunde lang, um zu dem Schluss zu kommen: \u201eDer Kampf geht weiter, muss weitergehen. Wir m\u00fcssen auch mehr Arbeiter f\u00fcr unsere Partei gewinnen, unsere Stellung in den Betrieben st\u00e4rken und Aktionen besser organisieren. Auf nach dem Motto des Bundesliedes der Arbeiter:<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ueberle1_2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7190\" width=\"327\" height=\"459\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ueberle1_2.jpg 228w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/ueberle1_2-214x300.jpg 214w\" sizes=\"auto, (max-width: 327px) 100vw, 327px\" \/><\/figure>\n<p>\u201e<em>Brecht das Doppeljoch entzwei!<\/em><\/p>\n<p><em>Brecht die Not der Sklaverei!<\/em><\/p>\n<p><em>Brecht die Sklaverei der Not!<\/em><\/p>\n<p><em>Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Der Redner erhielt schon w\u00e4hrend seinen Ausf\u00fchrungen viel Zustimmung und am Ende Beifall. Jedoch eine Aussprache war nicht gew\u00fcnscht, man wollte keine Wunden lecken, sondern zur Tat schreiten.<\/p>\n<p>Deshalb ging es auch sogleich zum n\u00e4chsten Tagesordnungspunkt \u201eLohnforderungen und Lohnrunde\u201c. Hierzu referierte der Hilfsschlosser und Vertrauensmann Fritz Beinhard.<\/p>\n<p>\u201eGenossen! Die kommende Lohnrunde muss f\u00fcr zweierlei genutzt werden: erstens brauchen wir eine Lohnforderung, die die st\u00e4ndig weiter gehende materielle und soziale Verelendung nicht nur stoppt sondern entschieden umkehrt, zweitens muss im Lohnkampf die Position der Partei als Vorhut der Arbeiterklasse klar zum Ausdruck kommen und unser Einfluss in den Betrieben gest\u00e4rkt werden.<\/p>\n<p>Ich komme zun\u00e4chst zu den Lohnforderungen. Zurzeit betr\u00e4gt f\u00fcr einen Anilinarbeiter der durchschnittliche Stundenlohn sechs Mark, ein Arbeiter mit Frau und zwei Kindern muss also mit einem durchschnittlichen Wochenlohn bei vierundvierzig Stunden von 264 Mark auskommen. Nach Berechnungen des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes liegt der durchschnittliche Wochenlohn im Land bei 299 Mark, das ist zu unserem Lohnniveau ein Unterschied von minus 35 Mark in der Woche. Ber\u00fccksichtigt werden muss auch die Lohnminderung durch die zehnprozentige Lohnsteuer. Rechnet man beides auf ein halbes Jahr hoch, dann wurden wir Arbeiter in der Anilin um rund vierhundert Mark betrogen. Dabei habe ich noch gar nicht die Geldwertminderung durch die Inflation ber\u00fccksichtigt. Geht man von dem w\u00f6chentlichen Existenzminimum von 304 Mark aus und teilt man es auf die urspr\u00fcnglich erk\u00e4mpften 40 Arbeitsstunden, dann ergibt sich ein Stundenlohn von 7,60 Mark. Nun hat die Fabrik aber bei nur geringer Erh\u00f6hung der Zahl der Besch\u00e4ftigten eine erhebliche Produktionssteigerung erreicht. &#8211; Ihr kennt alle die Mittel: Akkordsteigerung und ausgefeiltes Konkurrenz sch\u00fcrendes Pr\u00e4miensystem. &#8211; Ich sch\u00e4tze sie auf rund 15 Prozent. Berechne ich die h\u00f6here Produktivit\u00e4t auf der Basis der gezahlten Stundenl\u00f6hne, dann sind das noch einmal 90 Pfennig, so dass der Mindestlohn 8,50 Mark betragen muss. Ber\u00fccksichtige ich die weiteren anstehenden Preissteigerungen im Zusammenhang mit dem W\u00e4hrungsverfall und unterlege auch noch einen Verhandlungsspielraum, dann muss unsere Forderung hei\u00dfen:&nbsp;<em>9 Mark Stundenlohn und 500 Mark Teuerungsausgleichzahlung<\/em>. Keinesfalls darf der Stundenlohn unter 8 Mark liegen\u201c, beendete er seine Ausf\u00fchrungen.<\/p>\n<p>Die Anwesenden rechneten nach, manch einer hatte seinen Lohnstreifen aus der Geldb\u00f6rse gezogen, korrigierten, erg\u00e4nzten, so dass am Ende die klare eindeutige Forderung lautete: \u201e9 Mark Stundenlohn und 500 Mark!\u201c<\/p>\n<p>Jetzt ging es noch um technische Fragen, wer das Flugblatt schreiben, wie viele Flugbl\u00e4tter gedruckt und wo und wann sie verteilt werden sollten.<\/p>\n<p>Zu Punkt \u201eVerschiedenes\u201c hatte auch Georg Ossmann etwas beizutragen. \u201eJa, also\u201c meinte er unbeholfen, \u201eich hab\u00b4 da auch noch etwas. Dabei geht es um die Arbeitssicherheit. Wir in der Kesselabteilung, also da, wo die Beh\u00e4lter hergestellt werden, wir merken schon geraume Zeit, und da wird mir der Johann zustimmen, dass das Material, mit dem wir arbeiten von schlechter Qualit\u00e4t ist. Die Bleche sind zu d\u00fcnn, nicht gleichm\u00e4\u00dfig gewalzt und der Schwei\u00dfdraht ist weniger fest, manchmal auch br\u00fcchig. Wir haben den Eindruck, dass hier billiges Zeug gekauft worden ist. Nun, wenn in die kleinen Beh\u00e4lter nur Farbe gef\u00fcllt wird, ist es vielleicht nicht so schlimm, doch bei Gasen und \u00e4tzenden Fl\u00fcssigkeiten sehe ich und die anderen Gefahren, insbesondere bei den Hoch- und Druckbeh\u00e4ltern in den Anlagen. Darauf hab\u00b4 ich auch schon den Meister und den Betriebsingenieur hingewiesen. Ja, das wollte ich nur gesagt haben\u201c, endete er. \u201eRichtig, Georg, dass Du das angesprochen hast\u201c, meinte der Versammlungsleiter, \u201ewir wollen das Problem im Auge behalten und bei der n\u00e4chsten Sitzung des Arbeiterausschusses ansprechen. Doch vordringlich ist jetzt erst einmal unsere Lohnkampagne.\u201c Die Anwesenden nickten best\u00e4tigend.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Anfang Mai gab die BASF-Direktion ihre Bilanz \u00f6ffentlich bekannt. Stolz verk\u00fcndete sie hohe Gewinne und 18% Dividendenaussch\u00fcttung an die Aktion\u00e4re. Gleichzeitig wurden die Lohnforderungen der Arbeiter, die sich auch die Gewerkschaft zu eigen gemacht hatte, br\u00fcsk zur\u00fcckgewiesen. Stattdessen bot der f\u00fcr die Lohnverhandlungen zust\u00e4ndige Direktor Leidel provokativ f\u00fcnfzig Pfennig mehr Stundenlohn. Die Emp\u00f6rung war gewaltig, Streik war angesagt und Aufstand programmiert.<\/p>\n<p>Johann Salzer gab am 21. Mai vor Schichtbeginn unter den Vertrauensleuten im Oppauer Werk die Losung aus: \u201eMit Beginn der Mittagspause wird gestreikt!\u201c<\/p>\n<p>Zuvor waren schon vor allen Toren der beiden BASF-Werke Flugbl\u00e4tter verteilt worden, in denen nochmals die Lohnforderungen standen und die Bez\u00fcge der Direktoren denen der Arbeiter und Angestellten gegen\u00fcber gestellt wurden.<\/p>\n<p>In der Mittagpause verlie\u00dfen die meisten Arbeiter des Oppauer Werkes ihren Arbeitsplatz und sammelten sich wieder einmal vor dem Direktorengeb\u00e4ude, das jedoch schon von einer Hundertschaft bewaffneter Polizei gesichert war.<\/p>\n<p>Als der sonst eher bed\u00e4chtige und diszipliniert auftretende Ernst Laurenz dies sah, war er nicht mehr zu halten. Nur zwei Monate waren seit der M\u00e4rzaktion vergangen und wie blutig wurde der Ruhraufstand niedergeschlagen. Das sollte hier nicht geschehen. \u201eKollegen, bewaffnet Euch. Greift alles, was ihr packen k\u00f6nnt. Wir wollen diesem Direktorenpack, diesen Drecks\u00e4cken und Arbeiterfeinden \u00b4mal richtig einheizen!\u201c schrie er immer wieder in die zusammenstr\u00f6mende Menge.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich trugen bald Hunderte von Arbeitern Eisenstangen, R\u00f6hren, Holzpf\u00e4hle und -planken, Beile und Hammer bei sich, als der sich auf mehrere Tausend anwachsende Demonstrationszug am Hauptdirektionsgeb\u00e4ude nahe des Tor eins in Ludwigshafen angelangt war. Die Ludwigshafener Belegschaft hatte auch schon gehandelt und die Tore sowie den Platz vor dem Geb\u00e4ude besetzt, damit keine weiteren Polizeimannschaften aufs Gel\u00e4nde gelangen konnten. Laut skandiert h\u00f6rte man: \u201eJetzt geht es an den Beidel, dem F\u00fcnfgroschenjungen Leidel!\u201c oder \u201eWenn Ihr nicht verhandelt, dann wird von uns gehandelt!\u201c Die Direktoren sollten sich zeigen, sollten Verhandlungen aufnehmen. Doch keiner der Direktoren lie\u00df sich blicken, auch lehnten sie es ab, die durch Zuruf gebildete Arbeiterkommission zu empfangen. Stattdessen barrikadierten sie sich im Verhandlungszimmer und telefonierten mit franz\u00f6sischen Besatzungsoffizieren, der Stadtverwaltung und dem Polizeipr\u00e4sidium.<\/p>\n<p>\u201eJetzt hab\u00b4 ich aber die Schnauze voll\u201c, t\u00f6nte Ernst Laurenz in die Menge. \u201eLos, wir st\u00fcrmen das Geb\u00e4ude!\u201c und dachte bei sich, \u00b4damit wir die Kerle zumindest als Geisel in der Hand haben, wenn das franz\u00f6sisches Milit\u00e4r anr\u00fcckt.\u00b4<\/p>\n<p>Etwa Hundert Mann schlossen sich ihm an, schlugen die T\u00fcr ein, st\u00fcrmten die Treppe hoch, besetzten das Vorzimmer, warfen Aktenordner, Gl\u00e4ser und Flaschen auf den Boden und verabreichten Leidel, der von seinen Direktorenkollegen vorgeschickt wurde, heftige Kn\u00fcffe und Schl\u00e4ge, so dass er j\u00e4mmerlich vergeblich flehte doch von ihm abzulassen. Er wolle ja verhandeln. Verhandlungsbereitschaft verk\u00fcndete jetzt auch Direktor Feid vor der Demonstrationsmenge, dachte aber keinen Augenblick daran, sie auch zu zeigen, denn inzwischen war es der Polizei gelungen, das Geb\u00e4ude zu besetzen, dazu waren franz\u00f6sische Truppen aufmarschiert.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war der Streik wie auch der der Gasarbeiter im kommenden Oktober von der Werkleitung nicht nur provoziert sondern strategisch geplant, denn sie wollte einen Anlass schaffen, um die revolution\u00e4ren Vertrauensleute und linken Gewerkschafter aus den Betrieben zu werfen.<\/p>\n<p>Sie drohte wieder einmal mit Aussperrung, Massenentlassungen und Betriebsstilllegung, wodurch sich Gewerkschaft und Betriebsrat gezwungen sahen die Lohnforderungen aufzugeben, um Massenentlassungen zu verhindern. Die missliebigen Arbeiter und Gewerkschafter wurden systematisch ausgesiebt und die Freiz\u00fcgigkeit der Vertrauensleute stark eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Andererseits fand man im Dezember des Jahres 1920 eine kurze Meldung, aus der hervorging, dass sich im Stadtrat Ludwigshafen eine dreik\u00f6pfige Gruppe bestehend aus Peter M\u00f6ller, Richard Solle und Eugen Stumpf gebildet und sich der Vereinigten Kommunistischen Partei angeschlossen habe.<\/p>\n<p>Die Schw\u00e4chung der Arbeitervertreter wirkte sich auch auf die Arbeits- und Betriebssicherheit aus. Wohl wurden Sicherheitsprobleme und gesundheitliche Risiken immer wieder vorgebracht, auch Ossmanns Sorgen um fehlerhaftes Material und Verarbeitungsm\u00e4ngel, doch die Probleme wurden verniedlicht, bis es am 21. September 1921 zu der gewaltigen Explosion des Ammonsulfatsalpeterslagers kam mit 561 Toten und 2 000 Verletzten, ganz zu schweigen von der Zerst\u00f6rung vieler H\u00e4user, wodurch die Wohnungsnot weiter wuchs.<\/p>\n<p>Auf der Trauerfeier auf dem Ludwigshafener Hauptfriedhof hatte sich viel Prominenz eingefunden: Abgetrennt von der Trauergemeinde hielt Carl Bosch, der Konstrukteur der Oppauer Anlagen und BASF-Vorstandsvorsitzender, eine Rede, die er mit den Worten schloss: \u201eSelbst heute noch, vor den offenen Gr\u00e4bern zwingt uns das unerbittliche Mu\u00df bereits wieder auf den Weg unserer Pflichterf\u00fcllung\u201c, wobei der in seiner N\u00e4he stehende sozialdemokratische Reichspr\u00e4sident Ebert zustimmend nickte.<\/p>\n<p><strong>Leseauszug aus: <\/strong>Wilma Ruth Albrecht. \u00dcber Leben. Roman des kurzen Jahrhunderts. Demokratischer Heimatroman.<\/p>\n<p>Erster und zweiter Band. Reutlingen&nbsp;2016. <a href=\"https:\/\/dhubw.de\/176-0-edition-Spinoza.html\">Verlag Freiheitsbaum \/ Edition Spinoza<\/a>, S. 59-62<\/p>\n<p>\u00a9Autorin (2020)<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd0320\/t020320.html\"><em>trend.net\/&#8230;<\/em><\/a><em> vom 5. M\u00e4rz 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wilma Ruth Albrecht. 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