{"id":7193,"date":"2020-03-06T15:40:06","date_gmt":"2020-03-06T13:40:06","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7193"},"modified":"2020-03-06T15:40:08","modified_gmt":"2020-03-06T13:40:08","slug":"grabstein-fuer-die-antideutschen-skizzen-des-antideutschen-betrugs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7193","title":{"rendered":"Grabstein f\u00fcr die Antideutschen? Skizzen des antideutschen Betrugs"},"content":{"rendered":"<p><em>Markus Mohr. <\/em>Nun gibt es schon wieder ein Buch zu den Antideutschen und kein geringerer als der in einem ihm namentlich gewidmeten Wikipedia-Eintrag f\u00e4lschlicherweise als \u201eHistoriker\u201c vorgestellte Soziologe Gerhard Hanloser hat es geschrieben. Das wurde<!--more--> auch Zeit, denn seine letzte diesbez\u00fcgliche Publikation unter dem eigent\u00fcmlich schwerf\u00e4lligen Titel: \u201eSie warn die Antideutschesten der deutschen Linken. Zu Geschichte, Kritik und Zukunft antideutscher Politik\u201c liegt nun schon 15 Jahre zur\u00fcck. Allemal Zeit nach den schlimmen rot-gr\u00fcnen Kriegsjahren und dem absehbaren Ende des Merkel\u2019schen Biedermeier eine erneute Bilanz dieser Str\u00f6mung in der politischen Szenerie dieses Landes zu ziehen. Der Titel ist nun nicht mehr verspielt, sondern deutlich pr\u00e4gnanter: \u201eDie andere Querfront. Skizzen des antideutschen Betrugs\u201c.<\/p>\n<p><strong>Linke Betrugsgeschichten<\/strong><\/p>\n<p>In der Einleitung erl\u00e4utert der Verfasser seine beiden Zentralbegriffe: Querfront und Betrug. Es ist nat\u00fcrlich so, dass dort wo Betrug konstatiert wird, \u201eder Entzug des Vertrauens geboten\u201c ist. (S. 7) Die besagte \u201eandere Querfront\u201c beschreibt Hanloser als \u201eeine Spielart der Extremismustheorie\u201c, mit welcher der \u201eAntitotalitarismus nach dem Kalten Krieg\u201c in prek\u00e4r-neoliberalisierten Verh\u00e4ltnissen wiederbelebt werde, die k\u00fchl kalkuliert \u201emachtrealistischen Dispositiven\u201c folgt. (S. 9f.) Eben diese Querfront bestehe \u201eaus Linkenhassern und im Zweifelsfall antisozialistischen Extremismusforschern, schuldbeladenen Maoisten und ewigen Antikommunistinnen, NATO-Apologetinnen, Atlantizisten und Amerikafreundinnen ohne Kenntnis des anderen Amerika\u201c. Ein wichtiger Bestandteil sei auch, so hebt der Verfasser hervor, \u201edie Glaubensgemeinschaft der vermeintlich Guten, die dadurch nicht antisemitisch sein will, indem sie den Antisemitismus begriffs- und schamlos anderen anh\u00e4ngt.\u201c Eben dieser antideutsch profilierten \u201eanderen Querfront\u201c gehe es nach Hanloser zentral darum \u201eeine an Kapitalismus- und Imperialismuskritik geschulte linke Kritik dieser Verh\u00e4ltnisse [zu] d\u00e4monisieren und [zu] delegitimieren.\u201c (S. 10)<\/p>\n<p>Auf der Grundlage eines kaum glaublichen Lekt\u00fcrepensums entwirft der Verfasser in 28 zum Teil kurzweilig geschriebenen Kapiteln eine kritische Generationsbilanz von etwa 30 Jahren antideutscher Geschichte, Theorie, Praxis und Lebenswelt. Abwechslungsreich werden dabei die unterschiedlichsten Facetten des komplexen Ph\u00e4nomens beleuchtet. So gibt es Kapitel zur esoterisch anmutenden Verballhornung marxistischer Theorie durch einen Aufsatz von Moishe Postone Ende der 1970er Jahre, in der Auschwitz \u2013 in der Tradition des ziemlich deutschen Ableitungsmarxismus aus den 1970er Jahren \u2013 allen Ernstes als eine Art Fabrik zur Vernichtung des \u201eWertes\u201c aus einer omin\u00f6sen Trennung zwischen \u201eAbstraktheit und Konkretheit\u201c, \u2013 tja, man gruselt sich hier etwas vor der Verwendung dieses Begriffs: abgeleitet wird. Richtig ist hier die Feststellung von Hanloser, dass die dem Text von Postone zugrunde liegende Idee, \u201ewonach aus der Warenstruktur des Kapitalismus sich der Antisemitismus erhebe und dieser irgendwie \u00fcber ein Aufspaltung in \u201akonkret\u2018 und \u201aabstrakt\u2018 in Auschwitz kulminierte, [\u2026] aufgrund der ahistorischen und empirischen Beweisf\u00fchrung nicht \u00fcberzeugen\u201c kann. (S. 115 &#8211; 124) Es finden sich aber auch spannende Beschreibungen von Musik und ihrer Rezeption durch vormalige Exponent*innen der maoistischen K-Gruppenszene, die \u201edie aus dem Punk geborene Subversionsgeste \u201aDeutschland muss sterben, damit wir leben k\u00f6nnen!\u2018 ins Identit\u00e4re [\u00fcberf\u00fchrten]: Sag mir wo du stehst!\u201c Hanloser zeigt hier, dass die eigent\u00fcmliche \u201eEntdeckung der Feindposition\u201c gegen das, was durch die Fr\u00fchantideutschen unter \u201eDeutschland\u201c verstanden wurde, \u201enichts Spielerisch-Subversives\u201c (S. 28) mehr beinhaltete.<\/p>\n<p><strong>Egomanie und Staatsfetisch<\/strong><\/p>\n<p>In dem Buch finden sich im Geist historisch-politischer Aktualit\u00e4t verfasste und lebensweltlich orientierte Beschreibungen, Miniaturen und Nachrufe auf wichtige Protagonisten der Antideutschen, angefangen bei Wolfgang Pohrt, Eike Geisel, Justus Wertm\u00fcller, J\u00fcrgen Els\u00e4sser bis hin zu Joachim Bruhn. Wer genau wissen m\u00f6chte, welche Wahrheit der zum neofaschistischen Demagogen gemauserte Gr\u00fcnder der Wochenzeitung\u00a0<em>Jungle World<\/em>\u00a0J\u00fcrgen Els\u00e4sser heute \u00fcber die antideutsche Str\u00f6mung der 1990er Jahren verr\u00e4t, der muss zu diesem Buch greifen. Dabei merkt man insbesondere den l\u00e4ngeren Passagen zu der Initiative Sozialistisches Forum und hier vor allem zu Joachim Bruhn deutlich an, dass der Verfasser selbst aus Freiburg kommt \u2013 dem \u201eWohnort-Trauma\u201c, wie Robert Kurz aus der Lebkuchenstadt N\u00fcrnberg einmal bissig vermerkte. Leicht augenzwinkernd verweist der Verfasser in seinem Buch einmal darauf: \u201eMan kennt oder kannte sich.\u201c (S. 55) Wohl wahr \u2013 und so etwas kann das Urteil zuweilen etwas freundlicher f\u00e4rben, als es in dieser Personalie geboten ist. Der vom Verfasser immer wieder mit durchaus sympathisierendem Unterton gezeichnete \u201eeinsame Intellektuelle\u201c Joachim Bruhn (S. 109) kann allerdings auch als die exemplarische Personifikation eines Staatsschutzlinken gelten, der gegen ihm missliebig erscheinende andere Linke auch mal \u201ePolizei! Polizei!\u201c rief \u2013 m\u00f6glicherweise auch deshalb, um gerade nicht mehr \u201eeinsam\u201c zu sein.<\/p>\n<p>Wenn man von ein paar \u00e4rgerlichen Fl\u00fcchtigkeitsfehlern absieht argumentiert Hanloser stets differenziert wie kenntnisreich durch die komplexe Materie. Es zeichnet seine immer wieder pointiert vorgetragenen Urteile \u00fcber das antideutsche Ph\u00e4nomen aus, dass sie gerade nicht von einem akademischen Gl\u00fcckritter verfasst worden sind, der mit dem, was er \u00fcberhaupt denken und schreiben darf, immer auch ein bisschen auf die n\u00e4chste befristete Projektstelle schielen muss. Die Lekt\u00fcre dieses Buches gibt Aufschluss zu dem sympathischen Wunsch, dass es endlich an der Zeit sei, hinter den Antideutschen die T\u00fcr zu zumachen. Dadurch, dass die Darstellung die vielf\u00e4ltigen theoretischen, parastaatlichen wie lebensweltlich formatierten Quellen des Ph\u00e4nomens offenlegt, wird implizit gezeigt, dass hier nur der Wunsch Vater des Gedankens sein kann. Insofern muss die Frage, ob es sich bei diesem Buch um eine Art Grabstein f\u00fcr die Antideutschen handelt, nach der Lekt\u00fcre und trotz des in der Grundfarbe grau gehaltenen Buchcovers klar verneint werden, \u2013 was wiederum f\u00fcr seine Qualit\u00e4t spricht.<\/p>\n<p>\u201eDie andere Querfront\u201c zeichnet unter den nach 1989 dr\u00fcckenden Bedingungen der Hegemonie des Neoliberalismus und des Neonationalismus einen wichtigen Aspekt des Zerst\u00f6rungsprozesses eines Teils der au\u00dferinstitutionellen Linken der BRD nach. Wie sich eben dieser Transformationsprozess durch die von intellektuellen Protagonist*innen der Antideutschen immer wieder in Anschlag gebrachten, irregul\u00e4r wie irrational codierten Argumentationsarsenale genau vollzieht, kann in dem Buch en detail betrachtet werden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Hanloser.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7194\" width=\"378\" height=\"620\"\/><\/figure>\n<p><strong>Eine linke Erz\u00e4hlung Deutschlands<\/strong><\/p>\n<p>Das h\u00e4tte man sich um die Jahreswende 1989\/90 auch nicht tr\u00e4umen lassen, dass die nach dem Verschwinden der DDR aus einem berechtigen Unwillen \u00fcber die gr\u00f6\u00dfer und m\u00e4chtiger werdende Bundesrepublik entstandene Nie-wieder-Deutschland-Gegenbewegung, die Hanloser im vorderen Teil seines Buches mit einiger Sympathie skizziert, sich auf eine derart grauenhafte Weise transformieren w\u00fcrde. Die Abhandlung macht klar, wie sehr die Linke heute durch die Existenz des antideutschen Ph\u00e4nomens mit einer ethischen Bewegung konfrontiert ist, die nunmehr ein klar religi\u00f6s aufgeladenes Gut-B\u00f6se-Schema verfolgt. Und vor diesem Hintergrund wird jede politische Dissidenz und Resistenz gegen\u00fcber der global gewordenen Barbarei des Kapitalismus auch mit manipulativ konfigurierten Begriffen wie dem eines \u201ebarbarischen Antikapitalismus\u201c d\u00e4monisiert und exorziert.<\/p>\n<p>Bei dem Buch von Hanloser handelt es sich um eine au\u00dferordentlich beeindruckende\u00a0<em>Intellectual History<\/em>\u00a0\u00fcber die vielf\u00e4ltig ver\u00e4stelte Geschichte der nach 68er-Linken. Und mehr noch: Es ist ein anregender Beitrag zu einer Geistesgeschichte in diesem Land, wie das Personenverzeichnis mit \u00fcber 350 Eintr\u00e4gen implizit ausweist. Sollte es wom\u00f6glich noch eine Zukunft f\u00fcr eine autonome Linke in diesem Land geben, so darf sie sich \u00fcber die vielen instruktiven Stichworte, die ihr Hanloser in grandioser Weise durch sein Buch hindurch zuruft, gl\u00fccklich sch\u00e4tzen. Denn sie k\u00f6nnen ihr dabei helfen, eine klare, gut begr\u00fcndete Distanz zu dem f\u00fcr jede Idee von Gl\u00fcck und Befreiung bedrohlich irrlichternden antideutschen Theorie- und Praxissystem einzunehmen.<\/p>\n<p><em>Gerhard Hanloser 2019: Die andere Querfront. Skizzen des antideutschen Betrugs.<\/em><\/p>\n<p><em>Unrast Verlag, M\u00fcnster.<\/em><\/p>\n<p><em>ISBN: 978-3-89771-273-7.<\/em><\/p>\n<p><em>344 Seiten. 18,00 Euro.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/kritisch-lesen.de\/rezension\/grabstein-fur-die-antideutschen\"><em>kritisch-lesen.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. M\u00e4rz 2020 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus Mohr. 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