{"id":7207,"date":"2020-03-06T16:32:13","date_gmt":"2020-03-06T14:32:13","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7207"},"modified":"2020-03-06T16:32:14","modified_gmt":"2020-03-06T14:32:14","slug":"feminismus-fuer-die-99-prozent-eine-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7207","title":{"rendered":"Feminismus f\u00fcr die 99 Prozent \u2013 eine Kritik"},"content":{"rendered":"<p><em>Urte March.<\/em> Frauenbewegungen auf der ganzen Welt sind auf dem Vormarsch. Seit 2017 haben Frauenstreiks Millionen auf die Stra\u00dfe gebracht, um eine gleichberechtigte Gesellschaft zu fordern und die geschlechtsspezifischen Auswirkungen<!--more--> des Neoliberalismus und der Austerit\u00e4t aufzuzeigen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend konservative und populistische Regime von Indien bis zu den Vereinigten Staaten hart erk\u00e4mpfte soziale und reproduktive Freiheiten als Teil eines globalen Wandels hin zu konservativem Nationalismus attackieren, greifen feministische Bewegungen zunehmend nach systemischen Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung von Frauen.<\/p>\n<p>Dies ist die historische Konjunktur, f\u00fcr die der \u201e<em>Feminismus f\u00fcr die 99\u00a0% \u2013 Ein Manifest\u201c\u00a0<\/em>(1) geschrieben worden ist. Cinzia Arruza, Tithi Bhattacharya und Nancy Fraser, drei in den USA ans\u00e4ssige Akademikerinnen, die in der Frauenstreikbewegung einflussreich und als feministische Theoretikerinnen sehr etabliert sind, stellen sich die Aufgabe,\u00a0<em>\u201eeine neue, antikapitalistische Vorstellung von Geschlechtergerechtigkeit\u201c<\/em>\u00a0zu\u00a0<em>\u201eentwickeln \u2013 eine, die \u00fcber die aktuelle Krise hinaus \u2013 und in eine neue Gesellschaft f\u00fchrt\u201c.<\/em>\u00a0(S. 12)<\/p>\n<p><strong>Antikapitalismus und Internationalismus<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c<\/em>\u00a0wurde in \u00fcber 20 Sprachen ver\u00f6ffentlicht und international weit verbreitet, so dass es sich lohnt, die Bedeutung der Popularit\u00e4t der Brosch\u00fcre zu bewerten, bevor man die im Manifest dargelegten Perspektiven hinterfragt.<\/p>\n<p>Die Autorinnen beginnen damit, dass sie den liberalen oder \u201ekorporativen\u201c Feminismus \u2013 beschrieben als den Wunsch nach einem besseren Gleichgewicht der Geschlechter innerhalb der ausbeuterischen Strukturen der Gesellschaft \u2013 als v\u00f6llig unzureichend f\u00fcr die L\u00f6sung der dr\u00e4ngenden sozialen Probleme der heutigen Welt abtun. Auf den ersten Seiten nennen sie den Kapitalismus, jenes\u00a0<em>\u201eSystem, das den Chef hervorbringt, nationale Grenzen produziert und die Drohnen herstellt, die diese Grenzen \u00fcberwachen\u201c,<\/em>\u00a0als den Feind, der besiegt werden muss, um die Befreiung der Frauen zu erreichen. (S. 10 f.)<\/p>\n<p>Die Autorinnen beschreiben die Unterdr\u00fcckung der Frauen als wesentlich f\u00fcr das Funktionieren des Kapitalismus und betonen, dass die Befreiung der Frauen ein Kampf zwischen widerstreitenden Kr\u00e4ften in der Gesellschaft ist und nicht das langsame Wachstum der Chancengleichheit. Die Brosch\u00fcre kehrt h\u00e4ufig zu der Idee der\u00a0<em>\u201eTransformation des zugrunde liegenden Gesellschaftssystems\u201c<\/em>\u00a0zur\u00fcck, das die Unterdr\u00fcckung der Geschlechter diktiert. In der Erkenntnis, dass der Kapitalismus ein globales System ist, bekr\u00e4ftigen sie die zentrale Bedeutung der Frauenstreiks f\u00fcr einen neuen globalen Widerstand und erkennen die Notwendigkeit internationalen Handelns an, indem sie erkl\u00e4ren, dass der Feminismus f\u00fcr die 99 Prozent\u00a0<em>\u201eentschieden internationalistisch ist\u201c.<\/em>\u00a0(S. 27)<\/p>\n<p>Hier gibt es viel, dem man zustimmen kann. Die rhetorische Betonung von Antikapitalismus und Internationalismus in der Brosch\u00fcre, wie vage oder falsch sie auch immer definiert sein mag, zeigt ein wachsendes Bewusstsein in der Frauenbewegung f\u00fcr die Beziehung zwischen kapitalistischen sozialen Verh\u00e4ltnissen und Frauenunterdr\u00fcckung auf. Gleichzeitig enth\u00fcllen die M\u00e4ngel in der Herangehensweise der Autorinnen den anhaltenden Einfluss der Identit\u00e4tspolitik und des postmodernen Akademismus auf die Frauenstreikbewegung.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Erfolg einer weltweiten antikapitalistischen Bewegung wird es nicht ausreichen, die destruktiven und unterdr\u00fcckerischen Tendenzen des Kapitalismus anzuerkennen \u2013 es muss die richtige Strategie f\u00fcr seinen Sturz und seine Ersetzung durch ein neues System vorangetrieben werden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"817\" height=\"359\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/redflag.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7208\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/redflag.png 817w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/redflag-300x132.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/redflag-768x337.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 817px) 100vw, 817px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Soziale Reproduktion<\/strong><\/p>\n<p>Im Nachwort der Brosch\u00fcre identifizieren sich die Autorinnen als soziale Reproduktionstheoretikerinnen, und der Inhalt, den sie dieser Identifikation geben, definiert ihre Methode und ihre Schlussfolgerungen. Wie andere TheoretikerInnen der sozialen Reproduktion argumentieren sie, dass die marxistische Tradition fehlerhaft ist, weil ihre Erkl\u00e4rung der Rolle der geb\u00e4renden, erziehenden und anderen unbezahlten sozialen Arbeit im Gesamtzyklus der Produktion unvollst\u00e4ndig ist. Die zentrale Aussage ihrer besonderen Variante der Theorie der sozialen Reproduktion ist, dass\u00a0<em>\u201edie kapitalistische Gesellschaft aus zwei untrennbar miteinander verwobenen und doch sich wechselseitig ausschlie\u00dfenden Imperativen besteht\u201c<\/em>\u00a0\u2013 der Notwendigkeit, Profit zu schaffen (Produktion), und der Notwendigkeit, dass die Menschen sich selbst erhalten m\u00fcssen (soziale Reproduktion), und dass diese Spaltung auf eine tief sitzende\u00a0<em>\u201eSpannung im Herzen der kapitalistischen Gesellschaft\u201c<\/em>\u00a0hinweist. (S. 87, 91)<\/p>\n<p>Die praktische Bedeutung dieses Ansatzes wird in erster Linie durch den Kontrast zum \u201etraditionellen\u201c marxistischen Denken gef\u00f6rdert, dem die Autorinnen vorwerfen, den Kapitalismus als\u00a0<em>\u201elediglich ein Wirtschaftssystem\u201c<\/em>\u00a0vorzustellen und nicht anzuerkennen, dass der Kapitalismus\u00a0<em>\u201eeine institutionalisierte Gesellschaftsordnung\u201c<\/em>\u00a0ist,\u00a0<em>\u201ezu der auch jene scheinbar ,au\u00dferwirtschaftlichen\u2018 Verh\u00e4ltnisse und Praktiken geh\u00f6ren, von denen die offizielle \u00d6konomie getragen wird\u201c.<\/em>\u00a0(S. 82) Diese Aussage f\u00fcr sich genommen ist einfach eine eigenn\u00fctzige Vulgarisierung des Marxismus, der in der Tat immer erkannt hat, dass die Produktionsverh\u00e4ltnisse den \u00dcberbau der Ideologie, den Staat und eine Vielzahl anderer sozialer Institutionen, darunter die Familie, hervorbringen. Ebenso w\u00fcrde keinE MarxistIn der Aussage widersprechen, dass es\u00a0<em>\u201edie entlohnte Arbeit des Plusmachens [ \u2026 ] ohne die (\u00fcberwiegend) nicht entlohnte Arbeit des Menschenmachens nicht geben\u201c<\/em>\u00a0k\u00f6nnte. (S. 89 f.)<\/p>\n<p>Die Autorinnen argumentieren ferner, dass MarxistInnen die Produktionssph\u00e4re f\u00e4lschlicherweise als dominant \u00fcber die Reproduktionssph\u00e4re betrachten und die \u201etraditionelle ArbeiterInnenbewegung\u201c dazu bringen, den wirtschaftlichen Kampf um bessere L\u00f6hne gegen\u00fcber sozialen K\u00e4mpfen zu privilegieren, auf Kosten der Interessen der Frauen. Hier gibt es eine echte Meinungsverschiedenheit. F\u00fcr MarxistInnen, wie Engels erkl\u00e4rt, geht \u201e<em>die materialistische Anschauung der Geschichte [ \u2026 ] von dem Satz aus, da\u00df die Produktion, und n\u00e4chst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist\u201c.<\/em>\u00a0(2)<\/p>\n<p>In diesem Sinne ist es die Sph\u00e4re der Produktion, die die Sph\u00e4re der Reproduktion beherrscht und formt. MarxistInnen sehen die Gewinnung von Profit und die Akkumulation von Kapital als treibende Kraft und bestimmendes Merkmal des kapitalistischen Systems. Es war die Entwicklung der Klassengesellschaft, die zur Entstehung der Familie als einer f\u00fcr die herrschende Klasse wesentlichen Institution f\u00fchrte. Der \u00dcbergang zum Kapitalismus konsolidierte die Kernfamilie als die effizienteste Art und Weise der Verwaltung der sozialen Reproduktion.<\/p>\n<p>Dies bedeutet nicht, dass die Familie nicht ein Ort der Unterdr\u00fcckung ist oder soziale und politische Forderungen zweitrangig sind. Der revolution\u00e4re Marxismus versucht, den Kampf der ArbeiterInnenklasse nicht nur f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen, sondern f\u00fcr die Abschaffung des gesamten sozialen Systems, das die ArbeiterInnen unterdr\u00fcckt und ausbeutet, anzuf\u00fchren. Der politische Kampf \u00fcber jede Manifestation der aus dem kapitalistischen System resultierenden Ungerechtigkeiten, einschlie\u00dflich der sozialen Unterdr\u00fcckung der Frauen und der Aneignung ihrer unbezahlten Arbeit durch das Kapital, ist wesentlich f\u00fcr die Bildung von Klassenbewusstsein und den Zusammenhalt einer sozialistischen Bewegung.<\/p>\n<p>In der Tat geht es in Lenins Schl\u00fcsselwerk\u00a0<em>\u201eWas tun?\u201c<\/em>\u00a0fast ausschlie\u00dflich darum, dieses Argument vorzubringen:\u00a0<em>\u201eDaher ist es begreiflich, dass die Sozialdemokraten sich nicht nur nicht auf den \u00f6konomischen Kampf beschr\u00e4nken k\u00f6nnen [ \u2026 ] Es ist notwendig, jede konkrete Erscheinung dieser Unterdr\u00fcckung auszunutzen [ \u2026 ] auf den verschiedensten Lebens- und T\u00e4tigkeitsgebieten, dem beruflichen, dem allgemein-b\u00fcrgerlichen, dem pers\u00f6nlichen, dem der Familie, dem religi\u00f6sen, dem wissenschaftlichen usw.\u201c<\/em>\u00a0(3)<\/p>\n<p>Wo die Autorinnen \u201ealtmodische Verst\u00e4ndnisse\u201c des Kapitalismus kritisieren, denen gem\u00e4\u00df sie sich die ArbeiterInnenklasse \u201eausschlie\u00dflich aus denen zusammensetze, die f\u00fcr L\u00f6hne in Fabriken oder Bergwerken arbeiten\u201c, antworten sie nicht auf die marxistische Tradition, sondern auf die stalinistischen und reformistischen Entstellungen des Marxismus. Die Tendenz zum \u00d6konomismus ist nicht ein Merkmal revolution\u00e4rer, sondern einer im Wesentlichen b\u00fcrgerlichen Politik, die sich darauf beschr\u00e4nkt, bessere Bedingungen f\u00fcr die ArbeiterInnen innerhalb der Grenzen des Kapitalismus zu suchen.<\/p>\n<p>Die wirtschaftlichen Auseinandersetzungen durch den Kampf um die soziale Reproduktion zu ersetzen, ohne eine revolution\u00e4re Strategie voranzutreiben, das kann diesen Fehler nicht \u00fcberwinden, sondern verlagert ihn lediglich auf ein anderes Terrain von Teilreformen.<\/p>\n<p><strong>Kapitalismus und Krise<\/strong><\/p>\n<p>Die Ablehnung des\u00a0<em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c\u00a0<\/em>dessen, was das Manifest als den \u00f6konomischen Determinismus der marxistischen Tradition bezeichnet, f\u00fchrt dazu, dass es den Begriff der kapitalistischen Krise neu theoretisiert und l\u00e4sst die Autorinnen einer sinnvollen Definition des Kapitalismus beraubt bleiben. Sie behaupten, dass die allgemeine Krise historisch gesehen bedeutende M\u00f6glichkeiten f\u00fcr eine gesellschaftliche Transformation geboten hat und dass die Existenz von Krisenbedingungen den Imperativ f\u00fcr FeministInnen und Radikale schafft, darauf zu reagieren und den Prozess zu \u201elenken\u201c. Die Autorinnen stellen ihr Manifest als Strategie zur \u201eL\u00f6sung\u201c der allgemeinen Krise vor, die wir heute durchleben.<\/p>\n<p>Obwohl die Autorinnen sagen, dass sie auf eine\u00a0<em>\u201eKrise des Kapitalismus\u201c\u00a0<\/em>reagieren, bestehen sie darauf, dass sie\u00a0<em>\u201ediese Begriffe nicht im \u00fcblichen Sinn\u201c<\/em>\u00a0(S. 82) verstehen, und zeigen mit dem Finger auf die marxistische Konzeption der inneren Widerspr\u00fcche des Kapitals. Stattdessen erkennen sie \u201eals Feministinnen\u201c an, dass der Kapitalismus auch \u201e<em>weitere, au\u00dfer\u00f6konomische Widerspr\u00fcche und Krisentendenzen\u201c<\/em>\u00a0(S. 83) beherbergt, was bedeutet, dass die kapitalistische Krise\u00a0<em>\u201enicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine \u00f6kologische, politische und auf die gesellschaftliche Reproduktion bezogene<\/em>\u201c ist. (S. 84) F\u00fcr sie besteht die Wurzel all dieser Krisen im Bestreben des Kapitals, freie Ressourcen aus verschiedenen Quellen (Frauen, Umwelt, \u00e4rmere L\u00e4nder) zu extrahieren und sie in den Prozess der Akkumulation einzubringen, der auf lange Sicht nicht nachhaltig ist und Krisen in jeder dieser parallelen sozialen Sph\u00e4ren verursacht.<\/p>\n<p>MarxistInnen w\u00fcrden zustimmen, dass die Tendenz zur Krise in die Natur des kapitalistischen Systems selbst eingebettet ist und die \u00dcberausbeutung \u201efreier\u201c Arbeit und Ressourcen ein Merkmal des Kapitalismus ist. Aber die Marx\u2019sche Theorie hat eine viel spezifischere Definition von Krise. Sie behauptet, dass die Quelle der Krise der innere Widerspruch des Kapitals selbst ist, definiert durch die Ausbeutung der lebendigen Arbeit. In ihrer st\u00e4ndigen Suche nach Mehrwert werden die KapitalistInnen dazu getrieben, die Arbeitsproduktivit\u00e4t zu erh\u00f6hen, indem sie das Niveau der in der Produktion eingesetzten Technologie erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Dabei sinkt der Anteil des Kapitals, der in die Arbeitskosten flie\u00dft, im Vergleich zu dem, der in Maschinen und Rohstoffe eingeht. Da es aber nur\u00a0 ArbeiterInnen aus Fleisch und Blut sind, die einen Mehrwert schaffen, bedeutet dies im Laufe der Zeit einen R\u00fcckgang der Rentabilit\u00e4t des Kapitals \u2013 die Profitrate sinkt tendenziell. Wenn die Profitrate sinkt, kann das Kapital kein ausreichendes Rentabilit\u00e4tsniveau aufrechterhalten, und eine Krise bricht aus. Die Symptome dieser Wirtschaftskrise \u2013 Kapitalabzug, Zins- und Preiserh\u00f6hungen \u2013 sind das Ergebnis des verzweifelten Versuchs des Kapitals, seine Rentabilit\u00e4t aufrechtzuerhalten, was f\u00fcr die ArbeiterInnen verheerende Auswirkungen in Form von Arbeitslosigkeit und sinkenden Lebensstandards mit sich bringt und in soziale und politische Unruhen \u00fcbergreift.<\/p>\n<p>F\u00fcr MarxistInnen ist das, was der\u00a0<em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c\u00a0<\/em>als\u00a0<em>\u201eKrise der sozialen Reproduktion\u201c<\/em>\u00a0beschreibt \u2013 wenn \u201e<em>eine Gesellschaft der gesellschaftlichen Reproduktion die \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung\u201c\u00a0<\/em>entzieht und\u00a0<em>\u201ezugleich diejenigen, die das Gros der Reproduktionsarbeit leisten, f\u00fcr anstrengende, aber niedrig bezahlte Arbeit, die zudem noch mit langen Arbeitstagen einhergeht\u201c<\/em>\u00a0(S. 93 f.), rekrutiert \u2013 ein untrennbarer Teil der Krise des Kapitals. Das Kapital versucht, sinkende Gewinnraten auszugleichen, indem es den Mehrwert auf Kosten der ArbeiterInnen zur\u00fcckgewinnt, sowohl die tats\u00e4chlichen L\u00f6hne als auch den Soziallohn k\u00fcrzt (einschlie\u00dflich kostenloser oder subventionierter Kinderbetreuung, staatlicher Bereitstellung von Sozialleistungen usw.). Dies hat den beschriebenen Effekt, dass die Belastung durch unbezahlte soziale Reproduktionsarbeit zunimmt und \u00fcberwiegend auf Frauen entf\u00e4llt. Daher sind die K\u00e4mpfe gegen die Schlie\u00dfung \u00f6ffentlicher Dienste, f\u00fcr die Sozialisierung der Kinderbetreuung usw. kein gesonderter feministischer Imperativ, sondern Teil des Klassenkampfes insgesamt.<\/p>\n<p>Im \u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c hingegen liegt die Notwendigkeit eines antikapitalistischen Ansatzes nicht in einer Antwort auf die Gesetze des Kapitalismus begr\u00fcndet, sondern in einer allgemeinen sozialen Krise, die sich aus einer Vielzahl von Krisen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft zusammensetzt und sich zu einer\u00a0<em>\u201egesamtgesellschaftlichen Krise\u201c<\/em>\u00a0(S. 27) summiert. Obwohl sie argumentieren, dass FeministInnen in jeder dieser Arenen k\u00e4mpfen m\u00fcssen und es f\u00fcr alle diese K\u00e4mpfe wesentlich ist, sich miteinander zu verbinden, sehen sie jede dieser Auseinandersetzungen in einer eigenen und separaten Sph\u00e4re stattfinden. Als Feministinnen sind sie am meisten damit besch\u00e4ftigt, in der Krise der sozialen Reproduktion eine F\u00fchrungsrolle zu \u00fcbernehmen und die F\u00fchrung von K\u00e4mpfen in parallelen Bereichen wie Antirassismus oder Umweltschutz anderen zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Aber wenn jeder Kampf in einer separaten Sph\u00e4re stattfinden kann, um eine bestimmte Krise zu l\u00f6sen, dann ist jeder soziale Kampf gleicherma\u00dfen wichtig f\u00fcr die \u201e\u00dcberwindung\u201c des Kapitalismus, und der Erfolg der \u201esozialen Transformation\u201c erfordert nur eine bessere Koordination zwischen den verschiedenen Bewegungen, nicht aber eine bewusste Strategie zur Entmachtung der herrschenden Klasse. Die Frage, was die Bewegungen wirklich tun m\u00fcssen, um zu einer \u201enichtkapitalistischen Gesellschaft\u201c zu gelangen, wird weiter dadurch verdunkelt, dass die Brosch\u00fcre den Kapitalismus nie wirklich definiert. Obwohl die Arbeitswerttheorie zusammengefasst wird, erscheint der Kapitalismus im gesamten Buch vor allem unter dem Deckmantel seiner Symptome, einer Ansammlung schrecklicher sozialer Folgen, gegen die verschiedene Bewegungen sich aufzustellen ermutigt werden.<\/p>\n<p>Wo in der Brosch\u00fcre vom Kapitalismus als System gesprochen wird, tritt er als eines in Erscheinung, das aus miteinander verbundenen, konstitutiven Teilen besteht, und nicht als eines, das als ein einziges nach den Gesetzen der kapitalistischen politischen \u00d6konomie funktioniert. Wenn sie ihre Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum sich der Kapitalismus in einer so tiefen Krise befindet, ausarbeiten, beziehen sie sich manchmal auf den Neoliberalismus, das Finanzkapital oder den Imperialismus. Aber diese Begriffe werden nicht klar definiert oder mit politischem Inhalt versehen \u2013 Neoliberalismus wird nur als eine \u201ebesonders r\u00e4uberische Form des Kapitalismus\u201c (S. 27) und Imperialismus als wirtschaftlich ausbeuterische Beziehungen zwischen L\u00e4ndern definiert, die durch Rassismus bedingt sind.<\/p>\n<p>Dies zeigt, dass \u2013 trotz der st\u00e4ndigen Betonung ihrer \u201eantikapitalistischen\u201c Ausrichtung \u2013 der Ausgangspunkt der Autorinnen eine Ablehnung des historischen Materialismus und der Kapitalkritik von Marx ist. Da diese Konzepte am Ende den revolution\u00e4ren Charakter und die Aufgaben des Subjekts in Gestalt der ArbeiterInnenklasse innerhalb des Kapitalismus umrei\u00dfen, folgt daraus nat\u00fcrlich, dass die Autorinnen die ArbeiterInnenklasse als geschichtliche Tr\u00e4gerin des gesellschaftlichen Wandels ablehnen. Keine Passage fasst dies besser zusammen, als die, wo die Autorinnen, nachdem sie anerkannt haben, dass ihr Manifest auf den Schultern von Marx und Engels steht, ihre Anerkennung sofort einschr\u00e4nken:\u00a0<em>\u201eDa wir uns heute einer gespalteneren und heterogeneren politischen Landschaft gegen\u00fcber sehen, ist es f\u00fcr uns nicht so einfach, uns eine weltweit geeinte revolution\u00e4re Kraft vorzustellen.\u201c<\/em>\u00a0(S. 78)<\/p>\n<p><strong>Populismus<\/strong><\/p>\n<p>Nachdem er so die Zentralit\u00e4t der Klasse im Kampf gegen den Kapitalismus beseitigt hat, ersetzt\u00a0<em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c<\/em>\u00a0diese durch\u00a0<em>\u201eeinen Universalismus, der seine Form und seinen Inhalt aus der Vielzahl der K\u00e4mpfe von unten erh\u00e4lt\u201c.\u00a0<\/em>Konkret wird dies durch eine aggregierte Masse von sozialen Bewegungen verk\u00f6rpert, die die \u201e99\u00a0%\u201c repr\u00e4sentieren. Die Autorinnen skizzieren die Konturen ihrer Allianz, indem sie sagen\u00a0<em>\u201eWir lehnen nicht nur den reaktion\u00e4ren Populismus ab, sondern auch den fortschrittlichen Neoliberalismus. Tats\u00e4chlich beabsichtigen wir unsere Bewegung genau dadurch aufzubauen, dass wir das B\u00fcndnis mit diesen beiden aufk\u00fcndigen\u201c<\/em>. (S. 72) Die Schreiberinnen berufen sich auf einen progressiven oder \u201eantikapitalistischen\u201c Populismus, die politische Ideologie der Mittelschichten.<\/p>\n<p>Ihr erkl\u00e4rtes Ziel ist es, die Frauenstreiks zu verst\u00e4rken und Sympathie und Unterst\u00fctzung zwischen der Frauenbewegung und anderen sozialen K\u00e4mpfen aufzubauen, um\u00a0<em>\u201esich jeder Bewegung anzuschlie\u00dfen, die f\u00fcr die 99\u00a0% k\u00e4mpft\u201c.<\/em>\u00a0Da die Autorinnen ihre antikapitalistische Strategie als ein B\u00fcndnis von sozialen Bewegungen definiert haben, die in verschiedenen Bereichen k\u00e4mpfen, steht es ihnen frei, die Tugenden der verschiedenen Bewegungen nacheinander zu preisen, wobei sie der Frage ausweichen, wie sich die Bewegungen zueinander verhalten sollen, und sich stattdessen auf die Aufgaben von FeministInnen im Kampf um die soziale Reproduktion konzentrieren.<\/p>\n<p>In der gesamten Brosch\u00fcre gibt es eine Spannung zwischen dem Wunsch der Schreiberinnen, FeministInnen als F\u00fchrerInnen dieser antikapitalistischen Allianz zu positionieren, und ihrer Neigung zu einem diffusen Horizontalismus. Manchmal wird die Frage\u00a0<em>\u201eWerden dann Feministinnen an vorderster Front beteiligt sein?\u201c\u00a0<\/em>(S. 31) als entscheidend f\u00fcr den Erfolg ihres antikapitalistischen Aufstandes gestellt. Doch im gesamten Buch bleibt die Frage unbeantwortet, wer die kollektiven Aufgaben ihres so genannten\u00a0<em>\u201eantikapitalistischen Aufstands\u201c\u00a0<\/em>festlegen oder leiten wird, und es gibt keine Diskussion \u00fcber die Organisationsformen, die notwendig sind, um ein B\u00fcndnis so unterschiedlicher Bewegungen aufrechtzuerhalten. Das Zusammentreffen der Vielzahl von Bewegungen wird als eine spontane Ann\u00e4herung von Subjekten vorgestellt:\u00a0<em>\u201eNur durch bewusste Bem\u00fchungen, Solidarit\u00e4t aufzubauen, durch den Kampf in und durch unsere Vielfalt, k\u00f6nnen wir die kombinierte Kraft erreichen, die wir brauchen, um die Gesellschaft zu transformieren\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Obwohl wir\u00a0 mit\u00a0<em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c<\/em>\u00a0darin \u00fcbereinstimmen, dass es wichtig ist, Solidarit\u00e4t zwischen den verschiedenen Bewegungen aufzubauen, ist unser Endziel nicht nur, die Vielfalt zu feiern und voneinander zu lernen, sondern unsere Unterschiede zu \u00fcberwinden und die gro\u00dfe Vielfalt spontaner und themenspezifischer Bewegungen zu einer einzigen, facettenreichen Bewegung zu vereinen, die sich ihres gemeinsamen Ziels bewusst wird. Das Ziel muss der Sturz des Kapitalismus sein, der notwendig sein wird, um eine dauerhafte Befreiung aller Ausgebeuteten und Unterdr\u00fcckten zu erreichen, einschlie\u00dflich derer, die auf der Grundlage von Geschlecht, Gender und Sexualit\u00e4t unterdr\u00fcckt werden. Es ist gerade die politische F\u00fchrung, die durch die Zusammenf\u00fchrung der verschiedenen Elemente unter einem gemeinsamen Programm die politischen Ziele der verschiedenen Bewegungen erh\u00f6hen und sie auf den Sozialismus ausrichten kann.<\/p>\n<p>Hier ist die Frage der Handlungsf\u00e4higkeit von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung. Welche Gruppe kann sich vereinen und eine globale antikapitalistische Bewegung anf\u00fchren? Die Antwort, die der Marxismus gibt, ist die ArbeiterInnenklasse \u2013 sowohl Frauen als auch M\u00e4nner, die aus allen Nationalit\u00e4ten und Rassen stammen. Ihr revolution\u00e4res Potenzial ergibt sich aus ihrer Rolle in der Produktion, durch die die Klasse die kollektiven F\u00e4higkeiten und das Ethos erwirbt, um sich gegen ihre AusbeuterInnen zu vereinigen. Der famili\u00e4re Rahmen spaltet und atomisiert, anstatt die Klasse zu vereinen, wenn er vom Arbeitsplatz und der Gemeinschaft der ArbeiterInnenklasse getrennt ist.<\/p>\n<p>Aber die Notwendigkeit unbezahlter und bezahlter Arbeit f\u00fcr die KapitalistInnen gibt den ArbeiterInnen und ihren Familien \u2013 als Klasse und nicht nur als Belegschaft \u2013 die Macht, sich zu wehren. Die ArbeiterInnenklasse hat gezeigt, dass sie wie keine andere Klasse ihre eigenen Organisationen aufbauen kann, und sie ist die einzige soziale Gruppierung, die eine sozialistische Revolution erfolgreich gef\u00fchrt hat. Kein heterogenes \u201eVolk\u201c, keine \u201eBewegung von Bewegungen\u201c, die von Klassenunterschieden und Antagonismen zerrissen ist, kann diese ersetzen und die Agentur eines wirklich antikapitalistischen Projekts sein.<\/p>\n<p>Indem sie die ArbeiterInnenklasse als universelles Subjekt innerhalb des Klassenkampfes ablehnen, weisen die Autorinnen das Ziel des Sozialismus zur\u00fcck, d.\u00a0h. die \u00dcbernahme der Staatsmacht durch die ArbeiterInnenklasse und die demokratische Planung der Wirtschaft. Da sie sowohl den b\u00fcrgerlichen Feminismus als auch den Marxismus ablehnen, ist ihre Ideologie letztlich eine solche des kleinb\u00fcrgerlichen Feminismus, der Klasse nur als eine von vielen Identit\u00e4ten mit \u00fcberlappenden und konkurrierenden Interessen sieht und daher unf\u00e4hig ist, eine Einheit im Kampf zu schmieden. Ihr Machtanspruch kann nur ein allgemeiner \u201eantisystemischer\u201c Linkspopulismus sein, in dem den 99\u00a0% \u2013 d.\u00a0h. allen Bev\u00f6lkerungsklassen, die durch die sozialen Bewegungen vertreten werden mit Ausnahme der Milliard\u00e4rInnen \u2013 die zentrale Rolle zugeschrieben wird, aber notwendigerweise ohne ein gemeinsames Ziel, geschweige denn eine Strategie zur Erreichung dessen. Und genau hier, in der Frage der Taktik und Strategie, zeigt sich die eklatanteste Schw\u00e4che des Buches.<\/p>\n<p><strong>Frauenstreiks<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c<\/em>\u00a0stellt die Frauenstreiks als eine wesentliche Taktik f\u00fcr den Aufbau einer \u201eneuen, nichtkapitalistischen Gesellschaftsform\u201c dar und argumentiert, dass sie die Vorstellung der Menschen von Streiks auf der ganzen Welt neu beleben k\u00f6nnen. In \u00dcbereinstimmung mit der eklektischen Methode der Autorinnen bleibt im Buch unklar, ob die Frauenstreiks als eine Protestbewegung aufgebaut werden sollten, um den halbautonomen Kampf f\u00fcr Reformen im Bereich der sozialen Reproduktion voranzutreiben, oder ob sie ein bewusster Versuch sind, den Kapitalismus zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p>F\u00fcr MarxistInnen hat ein Streik eine spezifische Funktion als direkte Konfrontation zwischen ArbeiterInnen und Kapital. Durch den Streik berauben die ArbeiterInnen die Bosse ihrer Profite und versuchen durch die Androhung weiterer St\u00f6rungen einige Zugest\u00e4ndnisse seitens der KapitalistInnen zu erreichen. Wenn ein Streik zu einer Massenstreikbewegung verallgemeinert wird, stellt sich die Frage, wer in der Gesellschaft die Macht. Unter den richtigen Bedingungen und unter der richtigen F\u00fchrung kann sie der Ausl\u00f6ser f\u00fcr einen revolution\u00e4ren Aufstand sein. Streiks am Arbeitsplatz haben diese st\u00f6rende Wirkung, weil der R\u00fcckzug der produktiven Arbeit die Produktion von Mehrwert behindert, der das Wesen des Kapitalkreislaufs ausmacht. Unbezahlte Arbeit im Haushalt bringt per Definition keinen Profit, daher ist ihre Niederlegung kein direkter Schlag gegen das Kapital.<\/p>\n<p><em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c<\/em>\u00a0scheint diese Pr\u00e4misse zu akzeptieren, wenn es sagt, dass die Rolle der Frauenstreiks darin besteht,\u00a0<em>\u201edie unverzichtbare Rolle\u201c<\/em>\u00a0sichtbar zu machen,\u00a0<em>\u201edie geschlechtsspezifische, unbezahlte Arbeit in kapitalistischen Gesellschaften spielt\u201c<\/em>\u00a0(S. 17). In Wirklichkeit werden die Frauenstreiks als eine Protestbewegung dargestellt und nicht als ein bewusster Versuch, Kapazit\u00e4ten zur St\u00f6rung der kapitalistischen Wirtschaft aufzubauen. Aber da\u00a0<em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c<\/em>\u00a0keine Vorstellung von den Gesetzen und Grenzen des Kapitals hat, sondern nur\u00a0<em>\u201eehrgeizige Projekte der sozialen Transformation\u201c,\u00a0<\/em>behauptet es, dass ein solcher Protest immer noch ein transformativer Akt sein kann,\u00a0<em>\u201evor allem durch eine Erweiterung der Vorstellung dessen, was \u00fcberhaupt als Arbeit z\u00e4hlt\u201c<\/em>. (ebd.)<\/p>\n<p>Obwohl der Marxismus beschuldigt wird, eine k\u00fcnstliche Aufteilung der Bewegung in den wirtschaftlichen und sozialen Kampf als getrennte Sph\u00e4ren aufrechtzuerhalten, begeht\u00a0<em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c<\/em>\u00a0in Wirklichkeit den gleichen Fehler in umgekehrter Richtung, indem es versucht, den sozialen reproduktiven K\u00e4mpfen Vorrang einzur\u00e4umen. Die Autorinnen \u00fcbertreiben zwar die F\u00e4higkeit des Entzugs von sozialer reproduktiver Arbeit, den Kapitalismus zu st\u00f6ren, untergraben aber gleichzeitig das tats\u00e4chliche politische Potenzial der Frauenstreiks, indem sie ihre Funktion k\u00fcnstlich auf die einer Protestbewegung zur Hebung des feministischen Bewusstseins beschr\u00e4nken. Selbst die grundlegendsten politischen Forderungen, die auf eine Verbesserung der materiellen Position der Frauen in der Gesellschaft abzielen wie allgemeine kostenlose Kinderbetreuung und gleiche Bezahlung, fehlen auffallend au\u00dfer in ihrer negativen Form, als Beispiele f\u00fcr Dinge, die der Gesellschaft derzeit fehlen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich kann die Nutzung der Rolle der Frauen in der kapitalistischen Wirtschaft als\u00a0<em>Lohnarbeiterinnen<\/em>\u00a0zur Organisation von Frauenstreiks die Grundlage einer Strategie zur Ausweitung der Bewegung sein, die eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von ArbeiterInnen \u2013 einschlie\u00dflich M\u00e4nnern \u2013 in die Streiks hineinzieht. Einige der erfolgreichsten Frauenstreiks haben in L\u00e4ndern stattgefunden, in denen sie von gro\u00dfen Gewerkschaften unterst\u00fctzt wurden wie in Spanien und der Schweiz. Die Frauen h\u00f6rten nicht nur mit der Hausarbeit auf, sondern verlie\u00dfen ihre Arbeit auf der Grundlage sozialer und wirtschaftlicher Forderungen: gleiche Bezahlung, soziale Absicherung der Kinderbetreuung, Beendigung der Schikanen am Arbeitsplatz und der h\u00e4uslichen Gewalt.<\/p>\n<p>Die Verbindung von sozialen und wirtschaftlichen Forderungen verleiht der Bewegung einen politischen Charakter und stellt Frauen an die Spitze eines Kampfes, der die Frage aufwirft, welches Sozialsystem all diese Forderungen gleichzeitig erf\u00fcllen und die Errungenschaften dauerhaft machen k\u00f6nnte. Wenn sich die Streiks am Arbeitsplatz ausbreiten, wird die Unterst\u00fctzung von arbeitslosen Frauen, die zu Hause arbeiten, die Umwandlung der Bewegung in einen allgemeinen politischen Konflikt beschleunigen.<\/p>\n<p>Wenn eine solche Bewegung erfolgreich w\u00e4re, w\u00fcrde sie zweifellos auf den Widerstand des b\u00fcrgerlichen Staates sto\u00dfen. Dieser Punkt w\u00e4re ein entscheidender. Die Bewegung m\u00fcsste sich entweder auf die Macht\u00fcbernahme oder auf eine Niederlage vorbereiten. Auch \u00fcber das Wesen des Staates schweigt \u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c. Das Beste, was man daraus schlie\u00dfen kann, ist, dass der Staat irgendwie obsolet wird, wenn verschiedene soziale Bewegungen eine bestimmte Schwelle des Radikalismus und der Zusammenarbeit \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p><strong>Schlussfolgerungen<\/strong><\/p>\n<p><em>\u201eFeminismus f\u00fcr die 99\u00a0%\u201c<\/em>\u00a0beginnt mit der Behauptung:\u00a0<em>\u201eDie Organisatorinnen des huelga feminista [Frauenstreiks] bestehen darauf, dem Kapitalismus ein Ende zu setzen\u201c<\/em>\u00a0(S. 10). Doch trotz ihrer Rhetorik ist der Antikapitalismus der Autorinnen eher ein utopischer Anspruch als eine revolution\u00e4re Strategie.<\/p>\n<p>Wie soll der Kapitalismus beendet werden? Kein Streik \u2013 weder ein Streik, der die Produktion stoppt, noch einer, der in erster Linie eine Massendemonstration ist \u2013 kann dies allein erreichen. Massendemonstrationen von Frauen als Hausfrauen wie auch als Lohnarbeiterinnen sind als Beweis unserer potenziellen Macht von unsch\u00e4tzbarem Wert. Aber wenn diese wirklich auf der Beendigung des Kapitalismus \u201ebestehen\u201c sollen, m\u00fcssen sie sich zun\u00e4chst in politische Streiks verwandeln, die bewusst eine Regierung und den Staat zur Kapitulation zwingen wollen und dann in einen Aufstand, eine Revolution.<\/p>\n<p>Wenn der Streik wirklich ein wesentliches Element der Vorbereitung und ein potenzieller Katalysator f\u00fcr eine antikapitalistische Revolution ist \u2013 und tats\u00e4chlich ist er das \u2013, dann muss die ArbeiterInnenklasse die zentrale oder f\u00fchrende Kraft darin sein. Sicherlich wird sie Verb\u00fcndete aus anderen unterdr\u00fcckten und ausgebeuteten Klassen brauchen, aber die ArbeiterInnenklasse muss die hegemoniale Klasse sein, weil der Kapitalismus historisch gesehen nicht ohne sie auskommt, w\u00e4hrend die ArbeiterInnenklasse auf den Kapitalismus verzichten kann.<\/p>\n<p>Nur die ArbeiterInnenklasse kann die Massenproduktion und -verteilung und damit auch die Reproduktion sozialisieren, die Frauen von der Hausarbeit im individuellen Familienhaushalt befreien und die jahrhundertealte Unterdr\u00fcckung der Frauen beenden. Seit den Tagen von Marx und Engels haben die Revolution\u00e4rInnen erkannt, dass diese Ziele untrennbar miteinander verbunden sind:\u00a0<em>\u201eMit dem \u00dcbergang der Produktionsmittel in Gemeineigentum h\u00f6rt die Einzelfamilie auf, wirtschaftliche Einheit der Gesellschaft zu sein. Die Privathaushaltung verwandelt sich in eine gesellschaftliche Industrie. Die Pflege und Erziehung der Kinder wird \u00f6ffentliche Angelegenheit; die Gesellschaft sorgt f\u00fcr alle Kinder gleichm\u00e4\u00dfig, seien sie eheliche oder uneheliche\u201c.<\/em>\u00a0(4)<\/p>\n<p>Demzufolge m\u00fcssen die revolution\u00e4ren Ziele von Anfang an anerkannt und hervorgehoben werden und d\u00fcrfen nicht hinter verwirrender populistischer Rhetorik oder in der Rede von B\u00fcndnissen unterdr\u00fcckter Schichten oder \u201eIdentit\u00e4ten\u201c versteckt werden, von denen jede \u00fcber ihre eigenen, nicht miteinander verbundenen Ideologien, Tagesordnungen und bereits bestehende F\u00fchrungen und Organisationen verf\u00fcgt. F\u00fcr antikapitalistische Frauen muss der Ausgangspunkt die proletarische Frauenbewegung sein, an der Frauen sowohl als Produktionsarbeiterinnen wie auch als Dienstleisterinnen im Haushalt teilnehmen. Als die Hauptorganisatorinnen im Bereich des Konsums, der Kinderbetreuung und der Bildung sp\u00fcren Frauen die Auswirkungen der kapitalistischen Krise am unmittelbarsten. Es ist kein Zufall, dass sich in jedem gro\u00dfen Klassenkampf, der die engen Grenzen eines Tarifstreits \u00fcberschreitet, Frauen organisiert haben.<\/p>\n<p>Der Zweck der proletarischen, im Gegensatz zu einer kleinb\u00fcrgerlichen Frauenbewegung, liegt darin, Frauen in den Kampf f\u00fcr den Sturz des Kapitalismus zu ziehen, basierend auf einer Strategie f\u00fcr die revolution\u00e4re Machtergreifung der ArbeiterInnenklasse. Ihre Aufgabe ist es, politische Forderungen zur Beseitigung der materiellen Basis der Frauenunterdr\u00fcckung zu formulieren, die in jedem gesellschaftlichen Kampf auftauchen, der nach dem Prinzip handelt: kein Sozialismus ohne Frauenbefreiung, keine Frauenbefreiung ohne Sozialismus!<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p>(1) Cinzia Arruzza, Tithi Bhattacharya, Nancy Fraser, Feminismus f\u00fcr die 99\u00a0%: Ein Manifest, Matthes &amp; Seitz, Berlin 2019; alle Zitate nach der deutschsprachigen Ausgabe.<\/p>\n<p>(2) Engels, Friedrich: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, MEW 19, Berlin\/O. 1974, S. 210<\/p>\n<p>(3) Lenin, W. I.: Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung, LW 5, Berlin\/O. 1955, S. 413<\/p>\n<p>(4) Engels, Friedrich: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21, Berlin\/O. 1975, S. 77<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/03\/04\/feminismus-fuer-die-99-prozent\/\"><em>Fight, Revolution\u00e4re Frauenzeitung, Nr. 8, M\u00e4rz 2020&#8230;<\/em><\/a><em> vom 6. M\u00e4rz 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Urte March. Frauenbewegungen auf der ganzen Welt sind auf dem Vormarsch. 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