{"id":7280,"date":"2020-03-16T10:38:45","date_gmt":"2020-03-16T08:38:45","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7280"},"modified":"2020-03-16T10:38:46","modified_gmt":"2020-03-16T08:38:46","slug":"coronavirus-pandemie-auftakt-einer-neuen-etappe-der-weltgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7280","title":{"rendered":"Coronavirus-Pandemie \u2013 Auftakt einer neuen Etappe der Weltgeschichte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Weltweit \u00fcberschlagen sich die Ereignisse. Das neue Coronavirus (COVID-19) hat eine Kettenreaktion ausgel\u00f6st, die in einem Land nach dem anderen jeden Schein von Stabilit\u00e4t zusammenbrechen l\u00e4sst. Alle Widerspr\u00fcche des kapitalistischen Systems dr\u00e4ngen an die Oberfl\u00e4che.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Tausende haben bereits ihr Leben verloren und Hunderttausende haben sich wahrscheinlich angesteckt. Aber es gibt keine Anzeichen daf\u00fcr, dass die Pandemie ihren H\u00f6hepunkt bereits erreicht hat. Die Anzahl der Todesf\u00e4lle steigt t\u00e4glich um 20-30%. Es ist noch keine Impfung in Sicht und niemand scheint einen vern\u00fcnftigen Plan daf\u00fcr zu haben, wie die Situation gemeistert werden kann. Die meisten L\u00e4nder agieren eigenst\u00e4ndig, ohne sich besonders um den Rat von Beh\u00f6rden wie der WHO (Weltgesundheitsorganisation) zu k\u00fcmmern. In den L\u00e4ndern, die am schlimmsten betroffen sind, drohen die Gesundheitssysteme v\u00f6llig zusammenzubrechen und in den anderen L\u00e4ndern graut es dem medizinischen Personal bereits vor den kommenden Wochen und Monaten.<\/p>\n<p>Bis jetzt beschr\u00e4nkt sich die Krankheit haupts\u00e4chlich auf China, den Iran und westliche L\u00e4nder. Sobald sie die Slums und Zeltst\u00e4dte in Afrika, dem Nahen Osten, dem Indischen Subkontinent und Lateinamerika erreicht, wo es, wenn \u00fcberhaupt, nur eine beschr\u00e4nkte Gesundheitsversorgung gibt, wird das Elend v\u00f6llig neue H\u00f6hen erreichen. Die Todeszahlen werden in die Millionen gehen, das weltweite Ausma\u00df an Zerst\u00f6rung und Vertreibung wird ein kriegs\u00e4hnliches Niveau erreichen.<\/p>\n<p>Die Aktienm\u00e4rkte haben bereits\u00a0<a href=\"https:\/\/derfunke.at\/aktuelles\/oekonomie\/11327-der-niedergang-des-kapitalistischen-systems\">mit starken Einbr\u00fcchen reagiert.<\/a>\u00a0Am Montag (9.3.2020) sackte der \u00d6lpreis auf ca. 30 USD pro Barrel. Weltweit folgten die B\u00f6rsen auf dem Fu\u00df. Am Mittwoch senkte die Bank of England den Leitzins um 0,5%. Doch das hatte \u00fcberhaupt keine Wirkung. Der Kurseinbruch an den B\u00f6rsen setzte sich am Donnerstag fort und erreichte schlie\u00dflich den gr\u00f6\u00dften Abfall seit 1987. Die Nervosit\u00e4t der M\u00e4rkte widerspiegelt den Pessimismus der herrschenden Klasse. Sie f\u00fcrchten sich vor den Aussichten f\u00fcr die Weltwirtschaft, f\u00fcr die bereits vor der Krise alle Anzeichen in Richtung Verlangsamung deuteten.<\/p>\n<p>China, die zweitst\u00e4rkste Wirtschaft auf der Welt, ist zum ersten Mal seit der Kulturrevolution auf dem Weg zu einem negativen Quartalsabschluss. Es wird davon ausgegangen, dass die Krankheit in China einged\u00e4mmt ist. Doch in der Provinz Hubei stehen nach wie vor alle Dienstleistungsunternehmen still. Wichtige Industriebetriebe nehmen ihre Produktion wieder auf, aber mit dem drohenden Einsetzen einer Rezession im Rest der Welt ist die Nachfrage gering. Die \u00fcberwiegende Mehrheit der kleinen und mittleren Unternehmen in China, wo fast 80% der Besch\u00e4ftigten arbeiten, haben ihren Betrieb noch nicht wieder aufgenommen.<\/p>\n<p>Nichts deutet auf eine schnelle Erholung hin. Manche Experten prognostizieren ein Absinken des globalen Wirtschaftswachstums von 2,6% im letzten Jahr auf 1%, was eine Rezession in einer Reihe von L\u00e4ndern impliziert. Aber selbst das ist Wunschdenken. Industrieproduktion, Handel und Transport werden einer Welle von St\u00f6rungen ausgesetzt sein, der Konsum wird sinken und die Lieferketten werden st\u00e4ndig unterbrochen sein. Die gesamte Weltwirtschaft wird in eine tiefe Krise fallen.<\/p>\n<p>Europa ist stark betroffen, insbesondere Italien, die drittst\u00e4rkste Wirtschaft in der Eurozone. Der Ministerrat der EU traf sich zu einer Sondersitzung, um gemeinsame Ma\u00dfnahmen zur Krisenbew\u00e4ltigung zu beschlie\u00dfen. Alles was sie zustande rachten, war ein 25-Milliarden-Fonds, der gr\u00f6\u00dftenteils sowieso durch das regul\u00e4re EU-Budget abgedeckt ist. Die restlichen Pl\u00e4ne beschr\u00e4nken sich auf eine Aufhebung der Budgetobergrenzen der einzelnen Mitgliedsstaaten. Im Grunde genommen lautet das Motto also \u201ejeder f\u00fcr sich selbst\u201c \u2013 keine besonders gemeinsame Union. Selbst der normalerweise EU-freundliche Pr\u00e4sident von Italien, Mattarella, musste die EU in einer offiziellen Aussendung kritisieren: \u201eItalien ist in einer schwierigen Situation; unsere Erfahrung mit der Verbreitung des Coronavirus wird wahrscheinlich hilfreich f\u00fcr alle anderen Staaten in der EU sein. Italien erwartet daher zumindest aus gemeinsamem Interesse, und zwar mit vollem Recht, Solidarit\u00e4tsinitiativen [von der EU] und keine Entscheidungen, die der Krisenbew\u00e4ltigung im Weg stehen.\u201c Tats\u00e4chlich erh\u00e4lt Italien viel mehr Hilfe aus China (in Form von medizinischem Material wie Notbeatmungsger\u00e4ten) als aus der EU. \u00d6sterreich hat seine Grenzen zu Italien bereits geschlossen. Andere L\u00e4nder haben die Flugverbindungen von und nach Italien gestrichen. Tschechien hat seine Grenzen dicht gemacht. Frankreich, Deutschland und andere L\u00e4nder haben Exportstopps f\u00fcr diverse medizinische Produkte eingesetzt. All dies wird zu einer Eskalation innerhalb weniger Wochen f\u00fchren, wenn nicht noch fr\u00fcher. Der gemeinsame Markt wird praktisch immer weiter heruntergefahren. Genauso wie der B\u00f6rsencrash von 2008 und die Fl\u00fcchtlingsbewegung 2015 sp\u00fclt die derzeitige Krise alle inneren Widerspr\u00fcche der EU an die Oberfl\u00e4che und stellt die Zukunft der Union als Ganzes in Frage.<\/p>\n<p>Donald Trump, der noch bis vor kurzem der Meinung war, das Virus w\u00fcrde die USA nicht treffen, sch\u00fcrt jetzt eine nationalistische Hysterie, COVID-19 sei ein \u201eausl\u00e4ndisches Virus\u201c. Er schloss die Grenzen f\u00fcr Reisende aus vielen europ\u00e4ischen Staaten und betont wieder st\u00e4rker die Notwendigkeit einer Grenzmauer zu Mexiko (obwohl Mexiko nur 12 best\u00e4tigte Corona-F\u00e4lle hat). [Mittlerweile hat Trump den nationalen Notstand ausgerufen. Anm.] Die Reisebeschr\u00e4nkungen werden eine unmittelbare Auswirkung auf den Tourismus- und Dienstleistungsbereich haben, was die USA wohl in eine Rezession st\u00fcrzen wird.<\/p>\n<p>Russland und Saudi-Arabien befinden sich mittlerweile in einem Konflikt um \u00d6lproduktion und -handel, was bereits zu einem Einbruch des \u00d6lpreises gef\u00fchrt hat. Ein zahlungsunf\u00e4higes Russland k\u00f6nnte das Ergebnis sein. Der Libanon ist bereits nicht mehr in der Lage, seine Anleihen zur\u00fcckzuzahlen. Andere Wirtschaftsm\u00e4chte, wie die T\u00fcrkei, Argentinien, Indien, Indonesien und S\u00fcdafrika k\u00f6nnten kurz- oder mittelfristig folgen.<\/p>\n<p>Die Verbreitung des Virus hat den weltweiten Trend zum Protektionismus dramatisch beschleunigt. Die herrschenden Klassen in allen L\u00e4ndern preschen voraus, um ihre jeweilige Position auf dem Weltmarkt zu verteidigen und die negativen sozialen Auswirkungen auf andere L\u00e4nder abzuw\u00e4lzen. Reisebeschr\u00e4nkungen k\u00f6nnen rasch zu Handelsbeschr\u00e4nkungen f\u00fchren. Die scheinbar schlummernden Handelskriege zwischen den USA und China oder auch den USA und Europa k\u00f6nnten wieder aufflackern und zwar auf eine viel unkontrollierbarere Art und Weise. Das w\u00fcrde den Weg f\u00fcr eine gro\u00dfe Depression wie in den 1930ern ebnen, deren Folgen weit \u00fcber die unmittelbaren Auswirkungen des Virus hinausgehen w\u00fcrden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"638\" height=\"381\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/coronaweltpillen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7281\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/coronaweltpillen.jpg 638w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/coronaweltpillen-300x179.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 638px) 100vw, 638px\" \/><\/figure>\n<p>Die B\u00fcrgerlichen geben dem Virus die Schuld an der Wirtschaftskrise. Aber dieser war nur ein Zufall, der all die angeh\u00e4uften Widerspr\u00fcche des Systems auf die Spitze getrieben hat. Wir haben es mit einer Krise des kapitalistischen Systems als Ganzes zu tun, die schon seit Jahrzehnten vorbereitet wird. Die Kapitalistenklasse hat es geschafft sie durch eine massive Ausweitung der Kredite f\u00fcr eine Weile hinauszuz\u00f6gern, also indem sie Schulden anh\u00e4ufte, die jetzt das gr\u00f6\u00dfte Hindernis f\u00fcr das weitere Wachstum geworden sind. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter musste diese Blase platzen. In unseren Weltperspektiven, die im November entworfen und k\u00fcrzlich von der Internationalen Exekutive der IMT (International Marxist Tendency) beschlossen wurde, haben wir das bereits vorausgesagt. In dem Dokument steht:<\/p>\n<p>\u201eDer Aufschwung war in jedem Fall sehr kraftlos und br\u00fcchig und jeder Schock hat das Potenzial, die Wirtschaft in den Abgrund zu rei\u00dfen. So gut wie alles k\u00f6nnte eine Panik ausl\u00f6sen: eine Erh\u00f6hung der Zinss\u00e4tze in den USA, der Brexit, ein Konflikt mit Russland, eine Zuspitzung des Handelskriegs zwischen den USA und China, ein Krieg im Nahen Osten, der zu steigenden \u00d6lpreisen f\u00fchren w\u00fcrde, oder sogar einfach nur ein besonders dummer Tweet aus dem Wei\u00dfen Haus (und an denen mangelt es nicht).\u201c<\/p>\n<p>Aus wirtschaftlicher Sicht ist das Virus nur ein zuf\u00e4lliges Ereignis, das eine tieferliegende Notwendigkeit ausdr\u00fcckt. Aber es dr\u00fcckt den kommenden Entwicklungen seinen Stempel auf. Aus der Natur des Virus ergeben sich f\u00fcr die herrschende Klasse viel beschr\u00e4nktere M\u00f6glichkeiten, die Krise zu mildern oder abzulenken.<\/p>\n<p>Die wellenartige Ausbreitung der Pandemie verheert eine sowieso schon angeschlagene Weltwirtschaft. Ein Land nach dem anderen k\u00fcndigt Stimulationspakete an, um die Wirtschaft am Leben zu halten. Aber die Wirksamkeit dieser Ma\u00dfnahmen wird durch die Auswirkungen der Pandemie beschr\u00e4nkt, die so schnell nicht vor\u00fcbergehen wird. Gro\u00dfe Teile des Dienstleistungssektors, wie Kinos, Kaffeeh\u00e4user, Restaurants usw. werden harte Schl\u00e4ge einstecken, wenn das gesellschaftliche Leben abnimmt. Gerade in diesen Bereichen herrschen auch prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten vor, die von dieser Krise stark betroffen sein werden. Diese Situation wird zumindest solange anhalten, bis dauerhafte Behandlungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Krankheit gefunden werden. Gro\u00dfe Sektoren der Industrieproduktion werden regelm\u00e4\u00dfig von neuen Krankheitsausbr\u00fcchen unterbrochen werden. Die Arbeitslosigkeit wird, trotz aller Versuch der Regierungen, zwangsl\u00e4ufig nach oben schnellen. In direkter Folge wird der Konsum zur\u00fcckgehen und das wird zu einer weiteren Bremse f\u00fcr die Wirtschaft werden.<\/p>\n<p>Die herrschende Klasse f\u00fcrchtet sich vor den Aussichten einer Massenarbeitslosigkeit und drohenden Klassenk\u00e4mpfen, die sich jederzeit zuspitzen k\u00f6nnten. In vielen L\u00e4ndern erlassen die Regierungen bereits Sonderma\u00dfnahmen, wie etwa bessere Krankenstandsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Besch\u00e4ftigte im \u00f6ffentlichen Dienst und andere. Aber diese Ma\u00dfnahmen sind nicht einmal ann\u00e4hernd ausreichend, um die Probleme der betroffenen ArbeiterInnen zu l\u00f6sen. Manche Banken erlauben den Aufschub von Kreditraten, kleine und mittlere Unternehmen bekommen g\u00fcnstige Kredite und Steuererleichterungen. Das Europ\u00e4ische Parlament diskutiert \u00fcber die Aufhebung des Vertrags von Maastricht, der die Mitgliedsstaaten zu einem Haushaltsdefizit von maximal 3% verpflichtet. Die Staatsausgaben werden massiv ausgeweitet, um eine Katastrophe noch abzuwenden.<\/p>\n<p>Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass diese Mittel irgendetwas l\u00f6sen k\u00f6nnen. Keynesianistische Ma\u00dfnahmen werden zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich nicht zu einem erh\u00f6hten Konsum f\u00fchren, der aufgrund des Virus wohl f\u00fcr Monate, wenn nicht Jahre, abflauen k\u00f6nnte. Stattdessen k\u00f6nnten sie allerdings in manchen Wirtschaftsbereichen zu einer unkontrollierbaren Inflation f\u00fchren. Kleine und mittlere Unternehmen k\u00f6nnten massenhaft in den Bankrott schlittern. Steuersenkungen und g\u00fcnstige Kredite w\u00fcrden diese Probleme nur in die nicht allzu weite Zukunft verschieben. Millionen Arbeitspl\u00e4tze w\u00e4ren immer noch gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Im Westen wurden Besch\u00e4ftigte in gewaltigem Ausma\u00df in prek\u00e4re Verh\u00e4ltnisse gedr\u00e4ngt, insbesondere im Dienstleistungs-, Bau- und Transportgewerbe. Sie w\u00e4ren die ersten, die ihren Job verlieren w\u00fcrden. In Italien stehen gro\u00dfe Teile der Arbeitenden unter prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen, vor allem in den am meisten betroffenen Sektoren: Tourismus, Hotels, Restaurants usw. In den \u00e4rmeren L\u00e4ndern ist die Situation noch schlimmer. Im Iran arbeiten beispielsweise 96% der Besch\u00e4ftigten unter s.g. \u201eBlankovertr\u00e4gen\u201c, die den ArbeiterInnen keine Rechte zugestehen. In allen L\u00e4ndern wird die Arbeitslosigkeit zur Quelle massenhafter Radikalisierung werden.<\/p>\n<p><strong>Nationaler Schulterschluss<\/strong><\/p>\n<p>Die herrschenden Klassen und ihre Regierungen appellieren an ihre jeweiligen Nationen, sich jetzt gemeinsam um diese Krise zu k\u00fcmmern. Aber hinter dieser Illusion w\u00e4lzen sie die Hauptlast dieser Katastrophe auf die Arbeiterklasse. Eine Regierung nach der anderen erl\u00e4sst drakonische Ma\u00dfnahmen. In Italien, D\u00e4nemark und China wurden manche Gebiete quasi unter das Kriegsrecht gestellt.<\/p>\n<p>In China wurden die ArbeiterInnen in zentralen Stahlwerken dazu gezwungen, f\u00fcr fast einen ganzen Monat in der Fabrik zu bleiben, ohne nach Hause gehen zu d\u00fcrfen. In Italien muss das medizinische Personal arbeiten bis zum Umfallen. Gleichzeitig wird den ArbeiterInnen im privaten Sektor, insbesondere in der Industrie, aufgetragen, weiterhin zur Arbeit zu gehen. Viele fragen sich, wo der Sinn dahinter ist. Wenn man zuhause bleiben soll, um die Verbreitung der Krankheit in den Griff zu bekommen, warum sollte man dann zur Arbeit gehen, wenn sie nicht absolut notwendig f\u00fcr das Funktionieren der Gesellschaft ist? Die Antwort ist klar: um die weitestgehende Aufrechterhaltung der Profitmaschinerie zu garantieren. Obwohl ihr Streikrecht durch die Notfallma\u00dfnahmen weitgehend eingeschr\u00e4nkt wurde, schreiten die italienischen ArbeiterInnen zur Tat. Eine Welle von wilden Streiks verbreitet sich im Land, mit denen die Besch\u00e4ftigten gegen die unzureichenden Schutzma\u00dfnahmen gegen das Virus protestieren. Die Streikenden verlangen die Schlie\u00dfung der Fabriken, die keine unbedingt notwendigen Waren produzieren, bei voller Lohnfortzahlung und solange bis ordentliche Sicherheits- und Hygienestandards gew\u00e4hrleistet sind. Das setzt die F\u00fchrung der Gewerkschaftsverb\u00e4nde CGIL-CISL-UIL stark unter Druck, die sich bis dahin gemeinsam mit der italienischen Industriellenvereinigung Confindustria daf\u00fcr eingesetzt haben, dass die Werke offenbleiben. All das k\u00fcndigt die kommenden Ereignisse an.<\/p>\n<p>In China wurden die Restriktionen f\u00fcrs Erste gelockert, allerdings werden sie wohl wiedereingesetzt werden, sollte die Krankheit wieder ausbrechen. Italien und D\u00e4nemark sind abgeriegelt. Viele andere L\u00e4nder werden dasselbe tun m\u00fcssen. Die Regierungen versuchen so zu tun, als w\u00fcrden sie \u201eetwas tun\u201c. Und w\u00e4hrend manche der Ma\u00dfnahmen aus einer epidemiologischen Perspektive sinnvoll sind, werden sie fortw\u00e4hrend vom Privateigentum, der Anarchie der kapitalistischen Produktion und dem Nationalstaat unterminiert. So sehen wir, wie der private Gesundheitssektor Corona-PatientInnen in die \u00f6ffentlichen Kliniken abschiebt. Private Gesundheitsversicherungen weigern sich, f\u00fcr Corona-Tests zu bezahlen. Es gibt viel zu wenige Tests, die alle von privaten Unternehmen produziert werden. Die Leute werden darum gebeten daheim zu bleiben, aber die ArbeiterInnen m\u00fcssen weiterhin zur Arbeit gehen. Private Unternehmen machen Riesenprofite, indem sie die Preise von Desinfektionsmitteln, Gesichtsmasken und sogar Corona-Tests erh\u00f6hen! Und schlussendlich schw\u00e4cht die Unf\u00e4higkeit der verschiedenen Regierungen, eine gemeinsame Bek\u00e4mpfungsstrategie zu entwickeln, den gesamten Kampf gegen die Pandemie. Stattdessen werden verschiedene, oft widerspr\u00fcchliche Ma\u00dfnahmen eingeleitet.<\/p>\n<p>In den USA hat Pr\u00e4sident Trump bis zum 11. M\u00e4rz bestritten, dass der Krankheitserreger eine Gefahr w\u00e4re. Aus Furcht vor wirtschaftlichen Sch\u00e4den weigerte sich die Chinesische Regierung wochenlang, etwas gegen die Epidemie zu tun. Forscher und Whistleblower wurden eingesperrt. Im Iran gab die Regierung nicht einmal zu, dass es die Krankheit \u00fcberhaupt gibt, um die Wahlbeteiligung bei den Parlamentswahlen nicht zu gef\u00e4hrden. Bis heute verschleiert das Regime den Ernst der Lage. Offiziell sind nur ein paar hundert IranerInnen an COVID-19 gestorben, aber inoffizielle Berichte sprechen von viel mehr. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Anzahl der Infizierten bereits in den zehn-, wenn nicht hunderttausenden liegt.<\/p>\n<p>Als der Oberste F\u00fchrer Khamenei gefragt wurde, was man denn gegen den Virus tun k\u00f6nne, schlug er vor, dass man beten soll. Das gilt nat\u00fcrlich nur f\u00fcr die Armen. Man kann sich sicher sein, dass wenn Khamenei selbst angesteckt werden w\u00fcrde, er nur die beste medizinische Versorgung auf dem neuesten Stand der Wissenschaft erhalten w\u00fcrde. Es scheint auch so zu sein, dass der gr\u00f6\u00dfte Infektionsherd der heilige Schrein der Fatima Masuma in Ghom ist, wo viele Pilger hinstr\u00f6men, um geheilt zu werden. Das untergr\u00e4bt die ganze Basis des theokratischen Regimes. Aber anstatt das zu akzeptieren, ignoriert das Mullah-Establishment alle Sicherheitsma\u00dfnahmen und stellt die Krankheit als eine Verschw\u00f6rungstheorie aus dem Westen dar. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alle diese Dinge zu einer wutentbrannten Gegenreaktion der Massen im Iran f\u00fchren, die f\u00fcr die Verkommenheit ihrer herrschenden Klasse mit ihrem Leben bezahlen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wird die Eind\u00e4mmung der Infektion durch die jahrzehntelange K\u00fcrzungspolitik im Gesundheitsbereich behindert. In Italien wurde zwischen 2009 und 2017 46.500 Stellen im Gesundheitsbereich eingespart. 70.000 Krankenhausbetten gingen verloren. In Italien gab es noch 1975 10,7 Betten pro 1.000 Einwohner \u2013 jetzt sind es noch 2,6! In Gro\u00dfbritannien reduzierte sich die Anzahl der Betten zwischen 1960 und 2013 von 10,7 pro 1.000 Einwohner auf 2,8. Allein zwischen den Jahren 2000 und 2017 wurde die Anzahl der verf\u00fcgbaren Betten in Gro\u00dfbritannien um 30% reduziert! Die gleichen Bedingungen herrschen in der gesamten westlichen Welt. In Italien muss das medizinische Personal oft dar\u00fcber entscheiden, wer angesichts der begrenzten medizinischen Einrichtungen und Kapazit\u00e4ten behandelt wird und wer nicht. Das hei\u00dft: viele, vor allem \u00c4ltere, werden sterben, weil es zu wenig Ressourcen gibt. Mit ansteigenden Infektionsf\u00e4llen geraten die Gesundheitssysteme unter massiven Druck. Sie k\u00f6nnten zusammenbrechen, was Hunderttausende auf sich alleine stellen w\u00fcrde. Den Reichen, die sich eine private Gesundheitsversorgung leisten k\u00f6nnen, wird dieses Elend erspart bleiben. Im Iran hat eine ganze Reihe von Ministern, Abgeordnete und Topfunktion\u00e4ren eine sofortige Behandlung erhalten, nachdem sie vom Virus infiziert wurden. Auf der anderen Seite schaffen es Zehntausende normale Menschen nicht einmal, getestet zu werden. Eine Krankenpflegerin erhielt ihr Testergebnis eine Woche nach ihrem Tod!<\/p>\n<p>In Singapur wurde die gesamte Bev\u00f6lkerung mit medizinischem Material und Schutzausr\u00fcstung, wie etwas Gesichtsmasken, versorgt. Und in China wurden schnell ganze Krankenh\u00e4user aus dem Boden gestampft, um der Situation Herr zu werden. Ebenso wurden massenhaft Tests durchgef\u00fchrt, auch bei Menschen, die keine Symptome zeigten. In Gro\u00dfbritannien hingegen, scheint die Regierung noch keine Anstalten zu machen, sich auf die sichere Katastrophe vorzubereiten. Die Tests gehen zur\u00fcck. Selbst Menschen, die aus Norditalien einreisten und bereits Symptome zeigten, wurden nicht getestet. Am 12. M\u00e4rz musste Premierminister Boris Johnson zugeben, dass wahrscheinlich schon 10.000 Leute im ganzen K\u00f6nigreich infiziert sind \u2013 und trotzdem weigerte er sich noch Gro\u00dfveranstaltungen abzusagen, wie es in Italien und selbst in Schottland gemacht wurde. Allerdings gab er zu Protokoll, dass sich die \u00d6ffentlichkeit schon einmal darauf einstellen m\u00fcsse, \u201eAngeh\u00f6rige zu verlieren, bevor ihre Zeit eigentlich abgelaufen ist.\u201c Die New York Times titelte treffend: \u201eDas Vereinigte K\u00f6nigreich sch\u00fctzt seine Wirtschaft vor dem Virus, aber noch nicht seine Bev\u00f6lkerung\u201c<\/p>\n<p>Der Zynismus von Boris Johnson kam in einem erst k\u00fcrzlich erschienen Interview zum Vorschein, als man ihn fragte, wie man mit der Krankheit umgehen sollte. Er schlug vor, dass man sie \u201evielleicht einfach ertragen sollte, und der Krankheit in einem Zug erlauben solle, die Bev\u00f6lkerung zu gehen, und zwar ohne gro\u00dfartige drakonische Ma\u00dfnahmen.\u201c In anderen Worten: Vielleicht sollten wir einfach Tausende sterben lassen, ohne irgendetwas dagegen zu tun, um sicherzustellen, dass die Gesch\u00e4fte weiterlaufen. Diese fatalistische Herangehensweise w\u00e4hlten auch die USA und Schweden, die daf\u00fcr implizit von der WHO kritisiert wurden. Diese fordert ihre Mitgliedsstaaten weiterhin dazu auf, das Virus einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p>Zweifellos spielt in diesen Kommentaren auch ein malthusianischer Gedanke mit, also die Idee, dass Armut, Kriege und Epidemien Ausdruck einer \u00dcberbev\u00f6lkerung seien und deshalb notwendig seien, um die Bev\u00f6lkerung niedrig zu halten. Das spiegelt den v\u00f6lligen moralischen Bankrott der B\u00fcrgerlichen wider. Jeremy Warner, seines Zeichens Journalist beim Telegraph, schrieb: \u201eGanz offen gesagt, k\u00f6nnte sich COVID-19 aus einer rein wirtschaftlichen Perspektive sogar als recht n\u00fctzlich erweisen, indem er unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig viele abh\u00e4ngige \u00c4ltere ausmerzt.\u201c Der Gedanke dieser B\u00fcrgerlichen ist also, die Krankheit grassieren zu lassen, und hoffentlich viele auf einmal \u201eausmerzen\u201c. Dann k\u00f6nne angeblich Gro\u00dfbritannien schneller aus der Rezession rauskommen als die anderen L\u00e4nder, die auf verz\u00f6gernde Ma\u00dfnahmen setzen.<\/p>\n<p>Das Gesundheitssystem in den USA ist besonders schlecht f\u00fcr die kommende Krise ger\u00fcstet. Millionen von Menschen ohne Krankenversicherung sind f\u00fcrchterlichen Bedingungen ausgesetzt. Es k\u00f6nnte sein, dass die Regierung diese Menschen vor\u00fcbergehend versichern wird. Aber das wird das grundlegende Problem nicht l\u00f6sen: das zu erwartende Infektionsniveau wird das heruntergekommene Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen. Das System in den USA ist nur darauf ausgelegt, Geld in die Taschen der gro\u00dfen Medizin- und Pharmaunternehmen zu leiten. Es wird nicht in der Lage sein, einer derartigen landesweiten Katastrophe entgegen zu treten, die wir erwarten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In den letzten Wochen wurde keinerlei Vorbereitungsarbeit geleistet. Die Krankenh\u00e4user haben keinen Plan, es wurden keine Schulungen angeboten und Ausr\u00fcstung ist Mangelware. Das CDC (Center for Disease Control \u2013 Zentrum zur Seuchenkontrolle) weigert sich auch, die in Deutschland entwickelten internationalen Standardtests f\u00fcr Corona zu verwenden, und entwickelt lieber von Grund auf eigene Tests. Dabei gab es einige Probleme, die zu Verz\u00f6gerungen f\u00fchrten, und jetzt gibt es viel zu wenige Tests. Es gibt auch viel zu wenige Testeinrichtungen, was das Warten auf Ergebnisse massiv in die L\u00e4nge zieht. W\u00e4hrend also (mit Stand 6. M\u00e4rz) S\u00fcdkorea bereits 140.000 Tests durchgef\u00fchrt hat, waren es in den USA gerademal 2.000! Es gibt daher keinen klaren \u00dcberblick, wie viele Infizierte es in den USA \u00fcberhaupt gibt. Keine ernsthaften Ma\u00dfnahmen wurden getroffen, um die Bev\u00f6lkerung vor der Gesundheits- und Wirtschaftskrise zu sch\u00fctzen. Als aber der B\u00f6rsensturz kam, pumpte die Zentralbank sofort 1.500 Milliarden US-Dollar in die M\u00e4rkte, um das Gro\u00dfkapital zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die Inkompetenz der Kapitalistenklasse und ihrer Institutionen liegt klar auf der Hand. Donald Trump schien die kommende Krise erst gar nicht zu bemerken, und alle seine Handlungen schienen nur eine noch gr\u00f6\u00dfere Krise vorzubereiten. Sie k\u00f6nnte das Ende von Trump bedeuten. Der Ruf nach einer kostenlosen staatlichen Gesundheitsversorgung k\u00f6nnte jetzt auf ein gro\u00dfes Echo sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Auf Schritt und Tritt wird die Gier und Verkommenheit der Herrschenden immer weiter offenbart. Dieses Muster wird sich durch alle L\u00e4nder ziehen, die von dem Virus befallen werden.<\/p>\n<p>Die Aufgabe der MarxistInnen ist es, die herrschende Klasse und die Farce des \u201enationalen Schulterschlusses\u201c zu entlarven. Wir m\u00fcssen aufzeigen, dass die Interessen der parasit\u00e4ren Herrschenden denen, der restlichen Gesellschaft, v\u00f6llig entgegenstehen:<\/p>\n<ul>\n<li>\u00dcberall m\u00fcssen wir die Enteignung der privaten Gesundheitsversorgung fordern. Die gesamte Gesundheitsversorgung und die Pharmaindustrie m\u00fcssen sofort unter Arbeiterkontrolle verstaatlicht werden, um eine sofortige Behandlung und Versorgung aller, die es brauchen, planen zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Wir brauchen viel mehr Krankenhausbetten und, falls n\u00f6tig, m\u00fcssen sofort neue Kliniken gebaut werden \u2013 entweder indem ungenutzte Geb\u00e4ude (wie z.B. Hotels) beschlagnahmt und umgebaut werden, oder von Grund auf neu gebaut wird.<\/li>\n<li>Unbeschr\u00e4nkte Lohnfortzahlung im Krankenstand f\u00fcr alle und sofortige \u00dcberf\u00fchrung aller prek\u00e4ren Arbeitsverh\u00e4ltnisse in eine regul\u00e4re Anstellung \u2013 oder ein garantiertes Arbeitslosengeld, von dem man leben kann, f\u00fcr alle, die ihre Arbeit verlieren.<\/li>\n<li>Strikte Preiskontrollen f\u00fcr alle notwendigen Dinge. Enteignung aller Fabriken, die in der Lage sind, Mangelprodukte und medizinische Ausr\u00fcstung zu produzieren.<\/li>\n<li>Alle R\u00e4umungen und Zwangsenteignungen aussetzen. Leerstand, der nur als Spekulationsobjekt genutzt wird, unter \u00f6ffentliche Kontrolle stellen, um Obdachlose unterzubringen.<\/li>\n<li>Aussetzung der Produktion aller nicht unbedingt notwendigen Waren bei voller Lohnfortzahlung, um die Ausbreitung der Krankheit zu stoppen. Die Auslagerung \u00f6ffentlicher Arbeiten sofort beenden und diese Bereiche wieder in staatliche H\u00e4nde nehmen, um die Lohnfortzahlung zu garantieren.<\/li>\n<li>Gesundheitsschutz- und Sicherheitsma\u00dfnahmen in allen Betrieben, die zur Aufrechterhaltung des \u00f6ffentlichen Lebens notwendig sind. Die Kosten sollen die Unternehmen tragen! Falls die Unternehmer behaupten, es g\u00e4be daf\u00fcr kein Geld, m\u00fcssen wir die Offenlegung der Gesch\u00e4ftsb\u00fccher fordern.<\/li>\n<li>Solche Ma\u00dfnahmen sollten von den ArbeiterInnen selbst diskutiert und entschieden werden. Die Betriebsr\u00e4te und gew\u00e4hlte Betriebskomitees sollten die Umsetzung \u00fcberwachen. Ist der gewerkschaftliche Organisationsgrad schwach oder gar nicht existent, dann ist das die Gelegenheit, die Belegschaft zu organisieren und gewerkschaftliche Rechte einzufordern.<\/li>\n<li>Die notwendigen Ressourcen, um die Pandemie zu bek\u00e4mpfen, d\u00fcrfen nicht aus einem Haushaltsdefizit bzw. erh\u00f6hten Staatsschulden kommen, f\u00fcr die hinterher die Arbeiterklasse in Form von Sparma\u00dfnahmen bezahlen muss. Stattdessen brauchen wir eine sofortige Zusatzsteuer f\u00fcr Gro\u00dfunternehmen. Wir brauchen au\u00dferdem eine Verstaatlichung der Banken, um die Ressourcen dorthin zu leiten, wo sie ben\u00f6tigt werden: Haushalte, Kleinunternehmen und alle Sektoren, die von der Absperrung betroffen sind.<\/li>\n<li>Industrien, die Bankrott gehen, sollten verstaatlicht und unter Arbeiterkontrolle gestellt werden, um die Arbeitspl\u00e4tze und den Lebensunterhalt der Besch\u00e4ftigten zu erhalten. Jedes nicht-investierte Verm\u00f6gen soll enteignet werden, um die Notma\u00dfnahmen finanzieren zu k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Aufgabe der MarxistInnen ist es, die Aufmerksamkeit auf die Unf\u00e4higkeit der KapitalistInnen zu lenken, die Gesellschaft voran zu bringen. Wir m\u00fcssen geduldig erkl\u00e4ren, dass nur die Arbeiterklasse, wenn sie die Macht in ihre Hand nimmt, einen Ausweg aus dieser Sackgasse bieten kann.<\/p>\n<p><strong>Eine neue Etappe<\/strong><\/p>\n<p>Vor uns er\u00f6ffnet sich eine neue Etappe in der Weltgeschichte. Eine Periode der Krisen, der Kriege, Revolutionen und Konterrevolutionen. Wie ein Felsbrocken, der ins Wasser geworfen wird, wird die Krise Wellen ausl\u00f6sen, die vor keinem Winkel der Welt halt machen. Es wird die gr\u00f6\u00dfte Ersch\u00fctterung der Gesellschaft seit dem 2. Weltkrieg sein. Jedes Regime und jedes Land wird Unruhen erleben, und das gesellschaftliche, wirtschaftliche, diplomatische und milit\u00e4rische Gleichgewicht wird v\u00f6llig zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wie wir immer wieder betont haben, hat die herrschende Klasse nie die Widerspr\u00fcche gel\u00f6st, die zur Weltwirtschaftskrise f\u00fchrten. Sie haben nur die Blase wiederaufgepumpt, die jetzt wieder platzt. Gleichzeitig sorgt die Pandemie daf\u00fcr, dass der anf\u00e4ngliche Crash extrem steil sein und bis zu zwei Jahre lang eine d\u00e4mpfende Wirkung auf die Weltwirtschaft aus\u00fcben wird. Aber auch wenn die Pandemie vor\u00fcber ist, wird es keine R\u00fcckkehr zum \u201eNormalzustand\u201c geben. Das kommende Jahrzehnt wird viel turbulenter als das letzte werden.<\/p>\n<p>Am wichtigsten f\u00fcr MarxistInnen ist, dass das Bewusstsein der Massen dramatische Ver\u00e4nderungen erfahren wird. Es wird sich \u00e4hnlich wie zu Kriegszeiten abspielen. Krisen und Massenarbeitslosigkeiten werden auf der Tagesordnung stehen, drakonische Ma\u00dfnahmen werden gegen die Arbeiterklasse verh\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p>Zuerst wird die herrschende Klasse versuchen, die Situation durch einen Appell an die nationale Einheit zu stabilisieren. Die vergangene Periode hat die Autorit\u00e4t des Establishments und seiner PolitikerInnen ersch\u00fcttert. Trotzdem werden viele Menschen zun\u00e4chst die neuen Bedingungen akzeptieren, weil sie denken, dass sie nur vor\u00fcbergehend und notwendig seien. Manche werden der Meinung sein, dass der Staat die Interessen der Nation vertritt. Allm\u00e4hlich wird aber klar werden, wen man zur Kasse bittet und welche Interessen gesch\u00fctzt werden. Von den Massen werden immer mehr Opfer zugunsten der Kapitalisten abverlangt werden. Aber es gibt eine Grenze. Sobald diese erreicht ist, wird die scheinbare F\u00fcgsamkeit von Heute sich in riesigen Zorn verwandeln.<\/p>\n<p>Die Grundlage f\u00fcr diese Ver\u00e4nderung des Bewusstseins werden die gro\u00dfen Ereignisse der Zukunft legen. Ereignisse, die das Bewusstsein zutiefst ersch\u00fcttern und es dazu zwingen, alles zu \u00fcberdenken. Alles, was heute selbstverst\u00e4ndlich wirkt, wird sich ver\u00e4ndern \u2013 von den kleinsten Alltagsgewohnheiten bis zu nationalen Traditionen. Die Massen werden aus ihrer Tr\u00e4gheit gerissen werden und die B\u00fchne der Weltpolitik betreten. Der Status Quo wird zusammenbrechen und die Massen werden sich der nackten Barbarei des Kapitalismus entgegenstellen.<\/p>\n<p>1924 erkl\u00e4rte Trotzki diesen Prozess, als er anhand der Entwicklungen im 1. Weltkrieg \u00fcber Gro\u00dfbritannien schrieb:<\/p>\n<p><em>Wir d\u00fcrfen nicht vergessen, dass das menschliche Bewusstsein, auf gesellschaftlicher Ebene, \u00e4ngstlich und konservativ ist, und sich sehr langsam bewegt. Nur Idealisten glauben, dass die Welt sich durch die freie Initiative der menschlichen Gedanken fortbewegt. Tats\u00e4chlich bewegt sich das Bewusstsein der Gesellschaft oder einer Klasse keine einzigen Schritt nach vorne, au\u00dfer wenn es au\u00dferordentlich notwendig ist. Wo auch immer es m\u00f6glich ist, werden alte Ideen an neue Tatsachen angepasst. Wir sprechen es offen aus, wenn wir sagen, dass die Klassen und V\u00f6lker bislang keine entschlossene Initiative an den Tag gelegt haben, au\u00dfer wenn die Geschichte sie mit ihrem Kn\u00fcppel pr\u00fcgelte. W\u00e4ren die Dinge anders gewesen, h\u00e4tten die Menschen es dem imperialistischen Krieg erlaubt, auszubrechen? Schlie\u00dflich konnte jeder sehen, dass der Krieg immer n\u00e4herkam, wie zwei Z\u00fcge, die sich auf demselben Gleis entgegenfahren. Aber die V\u00f6lker blieben still, schauten zu, warteten ab und lebten ihr gewohntes, allt\u00e4gliches, konservatives Leben. Die Umw\u00e4lzung des imperialistischen Krieges war notwendig, um gewisse Ver\u00e4nderungen im Bewusstsein und im gesellschaftlichen Leben einzuleiten. Die ArbeiterInnen in Russland st\u00fcrzten Romanow, verjagten die Bourgeoisie und nahmen die Macht in die Hand. In Deutschland wurden sie die Hohenzollern los, aber sind auf halbem Weg stehen geblieben \u2026 Der Krieg war notwendig, damit diese Ver\u00e4nderungen passieren konnten, der Krieg, mit seinen Millionen Toten, Verwundeten und Verst\u00fcmmelten \u2026 Was f\u00fcr ein klarer Beweis daf\u00fcr, wie konservativ und schwerf\u00e4llig das menschliche Bewusstsein ist, wie hartn\u00e4ckig es sich an die Vergangenheit klammert, an alles, was bekannt, vertraut und angestammt ist \u2013 bis zum n\u00e4chsten Peitschenhieb.<\/em><\/p>\n<p><em>Leo Trotzki<\/em><\/p>\n<p>Schon jetzt sehen wir die ersten Phasen dieses Prozesses. Im Iran herrscht \u00fcberall revolution\u00e4rer Zorn. Ein Tweet dr\u00fcckt die Verzweiflung der Menschen aus: \u201eMein Gro\u00dfonkel starb vor zwei Tagen am Coronavirus. Seit er sieben Jahre alt war, als sein Vater starb, bis zum Alter von 77 war er ein Arbeiter. W\u00e4hrend der Krise, die sich in Ghom ausbreitete, konnte er nicht zuhause bleiben. Er musste sich entscheiden zwischen Brot und seinem Leben. Das ist der bitterste Gedanke in meinem Kopf.\u201c<\/p>\n<p>Es ist ein sehr bitterer Gedanke. \u00c4hnlich denken Millionen Menschen. Tausende sterben f\u00fcr nichts anderes als die Gier und die Unf\u00e4higkeit der herrschenden Klasse. Das Virus ist das einzige, was die Bewegung momentan zur\u00fcckh\u00e4lt. Aber es ist nur ein verz\u00f6gernder Faktor. Wenn sich der Staub legt, werden die Massen sich wieder bewegen.<\/p>\n<p>In Ecuador hat Lenin Moreno ein Sparpaket geschn\u00fcrt, um mit den Auswirkungen der Krise fertig zu werden. Das wird fast sicher zu neuen Aufst\u00e4nden f\u00fchren, nur ein Monat nachdem die Regierung fast von einer Massenbewegung gest\u00fcrzt worden w\u00e4re. Die Arabische Revolution konnte nur durch eine Erh\u00f6hung der Sozialausgaben aufgehalten werden. Aber mit dem Absturz des \u00d6lpreises ist das nicht mehr nachhaltig \u2013 und ein Sparregime wird auf dem Programm stehen. In China sagen die Experten seit Jahren, dass ein j\u00e4hrliches Wachstum von 6% notwendig sei, um gesellschaftliche Unruhen zu vermeiden. Nun, diese Zahlen wird es nicht mehr geben.<\/p>\n<p>In Italien entwickelt sich eine \u00e4hnliche Stimmung. Vor allem unter denen, die an der vordersten Front stehen \u2013 \u00c4rzte, KrankenpflegerInnen und anderes medizinisches Personal, die \u00fcberlastet sind und den Mangel an Ressourcen ausgleichen m\u00fcssen, f\u00fcr den die Regierung verantwortlich ist. Die immense Last auf ihren Schultern verhindert momentan, dass sie sich bewegen. Aber sie werden auch nicht vergessen, was sie sehen. Sobald sie eine Atempause bekommen, werden sie in die Offensive gehen.<\/p>\n<p>Die fortgeschrittensten kapitalistischen L\u00e4nder werden nicht verschont bleiben. Hier folgt die Krise nicht auf eine Periode des Wachstums und des Wohlstands, sondern auf mehr als zehn Jahre Sparprogramme und Angriffe auf den Lebensstandard seit der Krise von 2008. Das Vertrauen in die Herrschenden und das Establishment sind bereits auf dem niedrigsten Niveau aller Zeiten. Hamsterk\u00e4ufe und das Missachten von Sicherheitsma\u00dfnahmen in manchen Gegenden sind Anzeichen daf\u00fcr. Und statt einer R\u00fcckkehr zum Lebensstandard von vor 2008 werden sie Massenarbeitslosigkeit und bisher nicht gekannte Armut serviert bekommen. Das wird sie dazu zwingen, in den Kampf zu treten.<\/p>\n<p>Im Verlauf dieses Kampfes wird sich die Arbeiterklasse ver\u00e4ndern und mit ihr ihre Organisationen und ihre F\u00fchrung. In diesem Prozess wird es f\u00fcr die MarxistInnen viele Gelegenheiten geben, ein Publikum f\u00fcr unsere Ideen zu bekommen \u2013 zuerst unter den fortgeschrittenen Teilen und sp\u00e4ter unter der Masse der Arbeiterklasse. Unsere Ideen sind die einzigen, die die heutigen Ereignisse erkl\u00e4ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf jeder Ebene ist die zu erwartende Katastrophe das Produkt des kapitalistischen Systems. Von der Zerst\u00f6rung der Umwelt, die zu einem Anstieg von Epidemien f\u00fchrt, \u00fcber die Pharmaindustrie, die nur ein Interesse daran hat, neue Medikamente zu entwickeln, wenn sie damit Profit machen kann, bis hin zu einem Gesundheitssystem, das jahrzehntelang zusammengespart, privatisiert und ausgelagert wurde, so dass es nicht mehr auf pl\u00f6tzliche Situationen reagieren kann. Weiters hat sich die herrschende Klasse und ihre Agenten in den Regierungen weltweit unf\u00e4hig gezeigt, den Kampf gegen die Krankheit zu organisieren. Ihr Unwille, ihre Profite zu opfern, hat der Ausbreitung der Krankheit erheblich Vorschub geleistet. Und sie werden versuchen, alle Kosten der Pandemie und der Wirtschaftskrise in ihrem Schlepptau auf die Arbeiterklasse abzuw\u00e4lzen.<\/p>\n<p>Die Umwelt befindet sich in einer extrem prek\u00e4ren Lage, Flutkatastrophen und D\u00fcrren in bisher ungekanntem Ausma\u00df plagen Gebiete auf der ganzen Welt. Heuschreckenplagen bedrohen das \u00dcberleben von Millionen Menschen. In Afrika und dem Nahen Osten w\u00fcten (B\u00fcrger-)Kriege w\u00e4hrend eine Katastrophe nach der anderen auf den Planeten hereinbricht. Was droht ist jedoch nicht, wie manche Menschen es vermuten, die Wiederkunft Jesus Christus\u2018. Es ist der Todeskampf eines Systems, das zur Fessel der menschlichen Gesellschaft geworden ist \u2013 die Entscheidung zwischen Sozialismus oder Barbarei stellt sich uns heut deutlicher denn je. Kapitalismus bedeutet Schrecken ohne Ende, doch inmitten dieses Grauens schafft er seine eigenen Totengr\u00e4ber: Die Arbeiterklasse und in ihrem Gefolge die Massen der Armen und Unterdr\u00fcckten. Setzen sich die ArbeiterInnen erst einmal in Bewegung kann sie keine Macht der Welt aufhalten.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.derfunke.ch\/htm\/de\/deutsch\/international\/coronavirus-pandemie-auftakt-einer-neuen-etappe-der-weltgeschichte\/#more-12481\"><em>derfunke.ch&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. M\u00e4rz 2020 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weltweit \u00fcberschlagen sich die Ereignisse. Das neue Coronavirus (COVID-19) hat eine Kettenreaktion ausgel\u00f6st, die in einem Land nach dem anderen jeden Schein von Stabilit\u00e4t zusammenbrechen l\u00e4sst. 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