{"id":7293,"date":"2020-03-16T15:15:31","date_gmt":"2020-03-16T13:15:31","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7293"},"modified":"2020-03-16T15:15:32","modified_gmt":"2020-03-16T13:15:32","slug":"corona-ein-monster-der-neoliberalen-verwuestungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7293","title":{"rendered":"Corona &#8211; ein Monster der neoliberalen Verw\u00fcstungen"},"content":{"rendered":"<p>In den USA sind inzwischen 1920 infizierte Menschen registriert, 41 sind gestorben. Die Fallzahlen steigen rasant. Die Dunkelziffer d\u00fcrfte aber h\u00f6her liegen, denn bisher sind in den USA gerade mal rund 11\u00a0000 Menschen getestet worden, also so viele wie<!--more--> in S\u00fcdkorea an einem Tag. Mehr Kapazit\u00e4ten gibt es bisher nicht. \u00bbIch trage \u00fcberhaupt keine Verantwortung\u00ab antwortet Trump auf die Frage nach dem Mangel an Corona-Tests, als er am Freitag den Nationalen Notstand verk\u00fcndet.<\/p>\n<p>Der folgende Text von Mike Davis ist vor wenigen Tagen erschienen unter dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/links.org.au\/mike-davis-covid-19-monster-finally-at-the-door\">\u00bbMike Davis on COVID-19: The monster is finally at the door\u00ab<\/a>\u00a0in\u00a0<em>Links International Journal of Socialist Renewal<\/em>. Mike Davis hatte 2005 ein Buch \u00fcber die Vogelgrippe geschrieben.<a href=\"http:\/\/wildcat-www.de\/aktuell\/a113_monster.html#fn1\"><sup>*<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die kapitalistische Globalisierung l\u00e4sst sich biologisch nicht aufrechterhalten<\/p>\n<p>Mit COVID-19 steht das Monster nun vor der T\u00fcr. Die Forschung arbeitet Tag und Nacht an der Entschl\u00fcsselung der Epidemie, aber sie steht vor drei riesigen Herausforderungen:<\/p>\n<p><em>Erstens<\/em>\u00a0besteht wegen der immer noch knappen oder fehlenden Testsets keine Hoffnung mehr, die Epidemie einzud\u00e4mmen. Aus diesem Grund sind auch keine genauen Sch\u00e4tzungen der Reproduktionsrate, Zahl der Infizierten und Zahl der gutartigen Infektionen m\u00f6glich. Das f\u00fchrt zu einem Zahlenchaos.<\/p>\n<p>Belastbarere Daten gibt es allerdings \u00fcber die Auswirkungen des Virus auf bestimmte Gruppen in einigen L\u00e4ndern. Diese Daten machen wirklich Angst. Italien z.B. meldet bei den \u00dcber-65-J\u00e4hrigen eine Sterbequote von 23 Prozent, in Gro\u00dfbritannien sind es aktuell 18 Prozent. Was Trump als \u00bbCoronagrippe\u00ab abtut, ist eine beispiellose Gefahr f\u00fcr alte Menschen mit potenziell Millionen von Toten.<\/p>\n<p><em>Zweitens<\/em>\u00a0mutiert das Virus wie bei den allj\u00e4hrlichen Grippewellen auf seinem Weg durch Bev\u00f6lkerungen mit unterschiedlichem Altersaufbau und unterschiedlicher Immunabwehr. In Amerika verbreitet sich wahrscheinlich schon eine etwas andere Variante als in Wuhan zu Beginn der Epidemie. Weitere Mutationen k\u00f6nnten trivial sein, k\u00f6nnten aber auch dazu f\u00fchren, dass die Virulenz des Virus nicht mehr wie bisher mit dem Alter zunimmt (bisher zeigen Babies und Kleinkinder nur milde Symptome, w\u00e4hrend Achtzigj\u00e4hrige oft t\u00f6dliche Virus-Lungenentz\u00fcndungen bekommen).<\/p>\n<p><em>Drittens<\/em>\u00a0kann das Virus, selbst wenn es stabil bleibt und kaum mutiert, in armen L\u00e4ndern und unter stark von Armut betroffenen Bev\u00f6lkerungsgruppen ganz andere Auswirkungen auf unter 65-J\u00e4hrige haben. Der Spanischen Grippe 1918-19 z.B. sind gesch\u00e4tzt ein bis zwei Prozent der Menschheit zum Opfer gefallen. Anders als das Corona-Virus war sie am t\u00f6dlichsten f\u00fcr junge Erwachsene, was oft damit erkl\u00e4rt wird, dass diese ein st\u00e4rkeres Immunsystem besitzen, welches auf die Infektion \u00fcberreagierte und einen t\u00f6dlichen \u00bbZytokinensturm\u00ab auf ihre Lungenzellen loslie\u00df. Das urspr\u00fcngliche H1N1-Virus fand seine Nische in Armeelagern und Sch\u00fctzengr\u00e4ben, wo es zehntausende von jungen Soldaten niederm\u00e4hte. Die Niederlage der gro\u00dfen deutschen Fr\u00fchjahrsoffensive von 1918 und damit der Kriegsausgang werden auch darauf zur\u00fcckgef\u00fchrt, dass die Alliierten anders als ihr Feind ihre kranken Armeen mit frischen Truppen aus den USA auff\u00fcllen konnten.<\/p>\n<p>Meist wird dabei aber \u00fcbersehen, dass immerhin 60 Prozent der weltweiten Todesopfer in Indien zu beklagen waren, wo Getreideexporte nach Gro\u00dfbritannien und brutale Requirierungspraktiken mit einer gro\u00dfen D\u00fcrre zusammenfielen. Wegen der daraus resultierenden Lebensmittelknappheit standen Millionen von Armen kurz vor dem Verhungern. Die Armen wurden Opfer einer finsteren Synergie zwischen Mangelern\u00e4hrung, die ihre Immunabwehr gegen Infektionen schw\u00e4chte, und grassierenden bakteriellen und viralen Lungenentz\u00fcndungen. Auch im britisch besetzten Iran fielen nach jahrelanger D\u00fcrre, Cholera und Lebensmittelknappheit etwa 20 Prozent der Bev\u00f6lkerung einer Malaria-Epidemie zum Opfer.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"195\" height=\"108\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/corona.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7294\"\/><\/figure>\n<p>Diese Geschichte \u2013 besonders die unbekannten Folgen des Zusammenspiels mit Mangelern\u00e4hrung und vorhandenen Infektionen \u2013 l\u00e4sst bef\u00fcrchten, dass COVID-19 in den Slums von Afrika und S\u00fcdasien einen anderen und t\u00f6dlicheren Verlauf nehmen k\u00f6nnte. Die Gefahr f\u00fcr die Armen dieser Welt wird von den JournalistInnen und den westlichen Regierungen fast vollkommen ignoriert. In dem einzigen ver\u00f6ffentlichten Text, den ich gesehen habe, wird behauptet, die Pandemie in Westafrika w\u00fcrde einen milden Verlauf nehmen, weil die dortige Stadtbev\u00f6lkerung schlie\u00dflich die j\u00fcngste der Welt sei. Angesichts der Erfahrungen von 1918 ist so eine Hochrechnung dummes Zeug. Niemand wei\u00df, was in den n\u00e4chsten Wochen in Lagos, Nairobi, Karachi oder Kalkutta passieren wird. Sicher ist nur, dass die reichen L\u00e4nder und die reichen Klassen sich auf ihre eigene Rettung konzentrieren werden \u2013 auf Kosten von internationaler Solidarit\u00e4t und medizinischer Hilfe. Mauern statt Impfstoffe: l\u00e4sst sich ein b\u00f6seres Schema f\u00fcr die Zukunft denken?<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Heute in einem Jahr werden wir vielleicht mit Bewunderung auf Chinas Erfolg bei der Eind\u00e4mmung der Pandemie und mit Schrecken auf das Versagen der USA zur\u00fcckblicken. (Ich nehme hier einfach mal an, dass Chinas Behauptung \u00fcber schnell zur\u00fcckgehende Ansteckungen mehr oder weniger zutreffend ist.) Dass unsere Institutionen nicht in der Lage waren, die B\u00fcchse der Pandora geschlossen zu halten, kann nat\u00fcrlich nicht gerade \u00fcberraschen. Seit dem Jahr 2000 ist die medizinische Erstversorgung schon mehrmals zusammengebrochen.<\/p>\n<p>Unter der Grippewelle 2018 z.B. brachen in den ganzen USA die Krankenh\u00e4user zusammen. Damals wurde der schockierende Mangel an Krankenh\u00e4usern nach 20 Jahren profitgetriebener K\u00fcrzungen bei den station\u00e4ren Aufnahmekapazit\u00e4ten deutlich (die Just-in-time-Lagerhaltung im Gesundheitswesen). Die ebenfalls von der Marktlogik getriebenen Schlie\u00dfungen von Privat- und Stiftungskrankenh\u00e4usern und der Pflegekr\u00e4ftemangel hatten verheerende Auswirkungen auf das Gesundheitswesen in \u00e4rmeren und l\u00e4ndlichen Gegenden. Die Last wurde auf unterfinanzierte \u00f6ffentliche Krankenh\u00e4user und Versorgungseinrichtungen f\u00fcr Armeeveteranen abgew\u00e4lzt. Die Notaufnahmen dieser Einrichtungen sind jetzt schon \u00fcberfordert mit saisonalen Infektionen. Wie sollen sie mit der bevorstehenden \u00dcberlastung durch lebensbedrohliche F\u00e4lle fertig werden?<\/p>\n<p>Wie befinden uns in der Fr\u00fchphase eines medizinischen Wirbelsturms Katrina. Trotz jahrelanger Warnungen \u00fcber die Vogelgrippe und andere Pandemien gibt es nicht gen\u00fcgend medizinische Basisausr\u00fcstung wie Beatmungsger\u00e4te, um mit der erwarteten Flut von lebensbedrohlichen F\u00e4llen fertig zu werden. Die k\u00e4mpferischen Pflegegewerkschaften in Kalifornien und anderen Staaten machen uns sehr deutlich klar, welche Gefahr das Fehlen von grundlegenden Schutzvorrichtungen wie N95-Gesichtsmasken bedeutet. Noch st\u00e4rker gef\u00e4hrdet, weil unsichtbar, sind die Hunderttausenden von unterbezahlten und \u00fcberarbeiteten ArbeiterInnen in der ambulanten Pflege und den Pflegeheimen.<\/p>\n<p>Die Altenpflegebranche, die in den USA 2,5 Millionen alte Menschen verwahrt \u2013 die meisten davon Leistungsempf\u00e4nger von\u00a0<em>Medicare<\/em>\u00a0\u2013, ist schon lange ein nationaler Skandal. Laut\u00a0<em>New York Times<\/em>\u00a0sterben jedes Jahr 380\u00a0000 Heiminsassen, weil die Heime einfache Infektionen nicht richtig behandeln. Viele Heime \u2013 besonders in den S\u00fcdstaaten \u2013 halten es f\u00fcr billiger, Strafen f\u00fcr Vers\u00e4umnisse in der Pflege zu zahlen, als zus\u00e4tzliches Personal einzustellen und ausreichend zu schulen. Seattle, wo Pflegeheime Zentren des Ausbruches sind, zeigt, dass Dutzende oder vielleicht Hunderte von Pflegeheimen Corona-Virus-Hotspots werden k\u00f6nnten, deren f\u00fcr einen Mindestlohn schuftende Besch\u00e4ftigte die rationale Entscheidung f\u00e4llen werden, zu Hause zu bleiben, um ihre eigenen Familien zu sch\u00fctzen. In diesem Fall k\u00f6nnte das System zusammenbrechen, und wir sollten nicht erwarten, dass die Nationalgarde die Bettpfannen leert.<\/p>\n<p>Die Epidemie hat sofort die krasse Klassenspaltung im Gesundheitswesen offengelegt: Diejenigen mit einer guten Krankenversicherung, die auch von zu Hause arbeiten oder lehren k\u00f6nnen, sind bequem isoliert, so lange sie die Vorsichtsma\u00dfnahmen befolgen. Besch\u00e4ftigte im \u00f6ffentlichen Dienst oder andere Gruppen von gewerkschaftlich organisierten ArbeiterInnen mit anst\u00e4ndiger Krankenversicherung werden vor schwierige Entscheidungen zwischen Lohn und Schutz gestellt werden. Gleichzeitig werden Millionen von ArbeiterInnen in Niedriglohn-Dienstleistungen und Landwirtschaft, KontingentarbeiterInnen ohne Krankenversicherung, Arbeitslose und Obdachlose den W\u00f6lfen vorgeworfen. Selbst wenn Washington doch noch das Testfiasko in den Griff bekommt und gen\u00fcgend Testsets zur Verf\u00fcgung stellt, werden die nicht Versicherten immer noch f\u00fcr die Tests bezahlen m\u00fcssen. Die Arztrechnungen werden steigen, und gleichzeitig verlieren Millionen von ArbeiterInnen ihren Job und ihre daran gebundene Krankenversicherung. Kann es ein st\u00e4rkeres, dringenderes Argument f\u00fcr\u00a0<em>Medicare f\u00fcr Alle<\/em>\u00a0geben?<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Aber eine allgemeine Krankenversicherung w\u00e4re nur ein erster Schritt. Es ist gelinde gesagt entt\u00e4uschend, dass weder Sanders noch Warren in den Vorwahl-Debatten die Tatsache thematisiert haben, dass die gro\u00dfen Pharmaunternehmen die Erforschung und Entwicklung von neuen Antibiotika und Virostatika an den Nagel geh\u00e4ngt haben. Von den 18 gr\u00f6\u00dften Pharmafirmen haben 15 diesen Bereich v\u00f6llig aufgegeben. Herzmedikamente, abh\u00e4ngig machende Tranquilizer und Mittel gegen m\u00e4nnliche Impotenz bringen den meisten Profit, nicht aber Mittel gegen Krankenhauskeime, neue Krankheiten und traditionelle t\u00f6dliche Tropenkrankheiten. Ein universeller Grippe-Impfstoff, d.h. ein Impfstoff, der die unver\u00e4nderlichen Teile der Oberfl\u00e4chenproteine des Virus angreift, ist seit Jahrzehnten m\u00f6glich, aber verspricht keine Profite.<\/p>\n<p>Mit dem Rollback der Antibiotika-Revolution werden neben neuen Infektionen auch alte Krankheiten wieder auftauchen, und die Krankenh\u00e4user werden sich in Leichenh\u00e4user verwandeln. Selbst Trump kann jetzt opportunistisch \u00fcber absurde Arzneikosten schimpfen, aber wir brauchen mutigere Vorstellungen, wie die Zerschlagung der Pharmamonopole und die \u00f6ffentliche Produktion von lebensnotwendigen Medikamenten. (Fr\u00fcher war das der Fall: W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs beauftragte die Armee Jonas Salk und andere Forscher mit der Entwicklung des ersten Grippe-Impfstoffs.) Wie ich vor 15 Jahren in meinem Buch\u00a0<em>Vogelgrippe<\/em>\u00a0geschrieben habe: \u00bbZugang zu lebensnotwendigen Medikamenten einschlie\u00dflich Impfstoffen, Antibiotika und Virostatika sollte ein Menschenrecht sein, das universell kostenlos verf\u00fcgbar ist. Wenn die M\u00e4rkte keinen Anreiz zur billigen Produktion solcher Medikamente bieten, dann sollten Regierungen und Non-Profit-Organisationen die Verantwortung f\u00fcr ihre Herstellung und Verteilung \u00fcbernehmen. Das \u00dcberleben der \u00c4rmsten sollte immer eine h\u00f6here Priorit\u00e4t haben als die Profite der Pharmaindustrie.\u00ab<\/p>\n<p>Die jetzige Pandemie verl\u00e4ngert das Argument: Anscheinend l\u00e4sst sich die kapitalistische Globalisierung biologisch nicht durchhalten ohne eine wahrhaft internationale \u00f6ffentliche Gesundheitsinfrastruktur. Aber solch eine Infrastruktur wird es erst dann geben, wenn Bewegungen von unten die Macht der Pharmaindustrie und des profitorientierten Gesundheitswesens brechen.<\/p>\n<p><em>Mike Davis, urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht am 12.03.2020<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/wildcat-www.de\/aktuell\/a113_monster.html#fnref1\">[*]<\/a>\u00a0Original:\u00a0<em>The Monster at Our Door: The Global Threat of Avian Flu<\/em>, New York: New Press.<\/p>\n<p>Deutsch:\u00a0<em>Vogelgrippe. Zur Gesellschaftlichen Produktion von Epidemien<\/em>, Berlin Hamburg: Schwarze Risse 2005<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/wildcat-www.de\/aktuell\/a113_monster.html\"><em>wildcat.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. M\u00e4rz 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den USA sind inzwischen 1920 infizierte Menschen registriert, 41 sind gestorben. Die Fallzahlen steigen rasant. 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