{"id":7324,"date":"2020-03-19T10:03:58","date_gmt":"2020-03-19T08:03:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7324"},"modified":"2020-03-19T10:04:00","modified_gmt":"2020-03-19T08:04:00","slug":"corona-die-autoritaere-versuchung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7324","title":{"rendered":"Corona. Die autorit\u00e4re Versuchung"},"content":{"rendered":"<p><em>Mark Heywood, S\u00fcdafrika. <\/em><strong>Gut, dass Corona in China ausbrach, weil es dort effektiv einged\u00e4mmt werden konnte? Ein Einspruch.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Paradoxerweise haben die Technologiespr\u00fcnge der letzten 20 Jahre in Verbindung mit der fatalen Deregulierung und der Unterversorgung der \u00f6ffentlichen Gesundheitssysteme einen fruchtbaren Boden f\u00fcr das Entstehen und die rasche Verbreitung t\u00f6dlicher neuer Krankheitserreger geschaffen: Die Massenverst\u00e4dterung, der Luftverkehr, die globale Erderw\u00e4rmung und die \u00f6kologische Schw\u00e4chung stellen eine giftige Br\u00fche dar.<\/p>\n<p>Soweit wir wissen, ist COVID-19 noch nicht in S\u00fcdafrika angekommen. W\u00e4hrend wir also die Entwicklung der Reaktion in China und anderen haupts\u00e4chlich entwickelten L\u00e4ndern beobachten, k\u00f6nnen wir uns dar\u00fcber verst\u00e4ndigen, wie wir auf diese und andere \u00fcbertragbare Krankheiten so reagieren k\u00f6nnen, dass Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit, Gerechtigkeit, \u00f6ffentliche Gesundheit und Menschenrechte gew\u00e4hrleisten bleiben bzw. werden.<\/p>\n<p>Fangen wir mit den Menschenrechten an. Die Verletzung von Menschenrechten zieht sich wie ein roter Faden durch die \u00c4tiologie (Ursachenforschung von Krankheiten), die \u00dcbertragungsdeterminanten, die Anf\u00e4lligkeit, die Pr\u00e4vention und die Behandlungsstrategien bei COVID-19. Die Menschenrechte haben insofern mit der Entstehung von neuen Erregertypen zu tun, weil Staaten es vers\u00e4umen, die Rechte auf das zu sch\u00fctzen, was zum Beispiel Artikel 24 unserer Verfassung als \u201eeine Umwelt, die ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden nicht schadet\u201c bezeichnet. Umweltverschmutzung und -zerst\u00f6rung schaffen einen N\u00e4hrboden f\u00fcr neue Krankheiten.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"567\" height=\"378\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/csm_corona_china_afp_78e4adc1e2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7325\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/csm_corona_china_afp_78e4adc1e2.jpg 567w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/csm_corona_china_afp_78e4adc1e2-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 567px) 100vw, 567px\" \/><figcaption> Vor Arbeitsbeginn in einer chinesichen Fabrik: Desinfizieren und Fieber messen. (Foto: Noel Celis \/ AFP)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Krankheit und Demokratie<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Recherche zu diesem Artikel h\u00f6rte ich, wie eine Reihe von Wissenschaftler*innen die K\u00fchnheit der chinesischen Reaktion lobte. Diese Perspektive spiegelt jedoch ein tiefes Missverst\u00e4ndnis \u00fcber den Zusammenhang zwischen Krankheit und Demokratie wider \u2013 und auch \u00fcber das, was in China geschieht. Die Tatsache, dass dort in j\u00fcngster Zeit mehrere Virusausbr\u00fcche (Vogelgrippe H5N1 und SARS) ihren Anfang genommen haben, steht in direktem Zusammenhang mit der massiven Verst\u00e4dterung, der Umweltzerst\u00f6rung und den schwachen, manchmal nicht vorhandenen Systemen der \u00f6ffentlichen Gesundheit, des Umweltschutzes oder der Lebensmittelregulierung. Ebenso hat die rasche Ausbreitung der jeweiligen Erreger damit zu tun, dass China ein autorit\u00e4rer Einparteienstaat ist, in dem es keine Rede-, Medien- und Protestfreiheit gibt.<\/p>\n<p>Wie wir inzwischen wissen, wurde der Arzt Dr. Li Wenliang, der als erster versuchte \u00f6ffentlich Alarm zu schlagen, von den Beh\u00f6rden bestraft. Sein Tod, ausgel\u00f6st durch das Virus am 7. Februar 2020, soll enorme Anteilnahme, aber auch Wut ausgel\u00f6st haben. Seitdem haben weitere Medienberichte dokumentiert, dass Millionen von Menschen in St\u00e4dten wie Wuhan unter staatlichem Zwang gestanden haben \u2013 in einem Ausma\u00df, das kaum zu verbergen ist. Die New York Times berichtete zum Beispiel, wie Vizepremier Sun Chunlan bei seinem Besuch in Wuhan sagte, die Stadt sei mit \u201eKriegsbedingungen\u201c konfrontiert, und warnte davor: \u201eEs darf keine Deserteure geben, sonst werden sie f\u00fcr immer an die S\u00e4ule der historischen Schande genagelt.\u201c Laut Xiao Qiang, Gr\u00fcnder und Chefredakteur der China Digital Times, tr\u00e4gt die \u201eKontrollmacht\u201c Chinas die \u201edie Hauptverantwortung f\u00fcr die Coronavirus-Epidemie, die \u00fcber dieses Land und die Welt hinwegfegt\u201c. Um es klar zu sagen: Dies ist keine Stigmatisierung des chinesischen Volkes. Die Verantwortung tr\u00e4gt die chinesische Regierung auferlegt \u2013 S\u00fcdafrikas gr\u00f6\u00dftem Handelspartner, einem Freund des ANC und einem Land, dessen Menschenrechtsverletzungen wir opportunistisch verschweigen. Nebenbei: Man fragt sich, wo S\u00fcdafrika heute st\u00fcnde, w\u00e4re die Welt damals so mit dem Apartheidssystem umgegangen.<\/p>\n<p><strong>Die Lehren aus HIV wurden vergessen<\/strong><\/p>\n<p>Dabei scheinen die Regierungen in aller Welt s\u00e4mtliche Lehren aus der j\u00fcngsten Pandemie der Welt zu vergessen: HIV. Ein Virus, das \u2013 laut UNAids \u2013 immer noch 770.000 Todesf\u00e4lle pro Jahr verursacht, derzeit \u00fcber 37 Millionen Menschen betrifft (eine Zahl, die j\u00e4hrlich um 1,5 Millionen zunimmt) und weiterhin tiefgreifende Auswirkungen auf die \u00f6ffentlichen Gesundheitssysteme und die Wirtschaft hat. Leider scheint selbst die WHO diese Lehren vergessen zu haben. Ihr \u201eSituation Report25\u201c vom 14. Februar 2020 nennt sechs \u201estrategische Ziele der WHO f\u00fcr die Reaktion\u201c auf COVID-19. Der Schutz der Menschenrechte geh\u00f6rt nicht dazu. Auch ein Bericht des Global Preparedness Monitoring Board, ein von der WHO und der Weltbank gemeinsam einberufenes Gremium, erw\u00e4hnte die Menschenrechte in seinen sieben Ma\u00dfnahmen, die die Verantwortlichen ergreifen m\u00fcssten, nicht. H\u00e4tten die Machthabenden doch nur ihre Hausaufgaben gemacht und ihre Lektionen gelernt.<\/p>\n<p>Erinnern wir deshalb daran, was Aktivist*innen den Regierungen und der WHO in Bezug auf HIV beigebracht haben: Die Achtung der Menschenrechte ist nicht nur zum Schutz von Infizierten notwendig. Sie dient auch der Aufrechterhaltung eines gesellschaftlichen Klimas, das gef\u00e4hrdete Menschen dazu ermutigt, sich um Diagnose und Pflege zu bem\u00fchen, anstatt Gesundheitseinrichtungen zu meiden, weil sie Angst vor Stigmatisierung und Bestrafung haben. Infolge der Emp\u00f6rung \u00fcber die Menschenrechtsverletzungen an Menschen, die mit HIV leben, und dank eines breiten Aktivismus hat UNAids Pionierarbeit f\u00fcr einen menschenrechtlichen Ansatz bei der HIV-Pr\u00e4vention und -Behandlung geleistet, der viele Millionen Menschenleben gerettet hat. Heute k\u00f6nnte die HIV-\u00dcbertragung theoretisch eliminiert werden und niemand m\u00fcsste an einer Aids-Erkrankung sterben. Der einzige Grund daf\u00fcr, dass dies nicht geschieht, ist ein Mangel an politischem Willen und sinkenden Finanzmitteln \u2013 was angesichts der Ressourcen, die pl\u00f6tzlich f\u00fcr COVID-19 freigegeben werden, umso bemerkenswerter ist.<\/p>\n<p><strong>S\u00fcdafrikas Antwort<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir beim Schutz der Menschenrechte von Menschen, die mit HIV leben, weltweit f\u00fchrend wurden, sind wir mit unseren Reaktionen auf die XDR- und MDR-Tuberkulose (TB) gescheitert. Die Regierung setzte darauf, Menschen in \u201eIsolationskrankenh\u00e4user\u201c einzusperren und dabei eine Vielzahl von Rechten zu verletzen. Wie vorhergesagt, trug dies nicht dazu bei, die \u00dcbertragung von MDR\/XDR-Tuberkulose zu reduzieren. Angesichts einer Panik, die COVID-19 ausl\u00f6sen k\u00f6nnte, sollten wir diese Fehler nicht wiederholen. Was wir jetzt brauchen, sind genaue Informationen \u00fcber Risiko, \u00dcbertragung und Behandlung des Erregers \u2013 w\u00e4hrend wir gleichzeitig ungenaue oder falsche Informationen und Stigmatisierungen, die durch die Angst verbreitet werden, bek\u00e4mpfen m\u00fcssen. Mittelfristig ist COVID-19 (wie auch immer es aussehen mag) ein Argument f\u00fcr die St\u00e4rkung der prim\u00e4ren Gesundheitssysteme, f\u00fcr Investitionen in die Infektionskontrolle und f\u00fcr eine Ausstattung, die der ordnungsgem\u00e4\u00df budgetiert ist und auch \u00fcber die erforderlichen Fachkr\u00e4fte verf\u00fcgt. Momentan scheitern wir an jedem dieser Punkte.<\/p>\n<p><strong>Politik und Krankheit<\/strong><\/p>\n<p>COVID-19 verlangt von uns, dass wir unsere Seele ebenso wie unseren K\u00f6rper untersuchen. Irgendwann einmal wird man sich hoffentlich dar\u00fcber wundern, wie wenig Emp\u00f6rung die drastischen Quarant\u00e4nema\u00dfnahmen, die Durchsuchungen, Einsch\u00fcchterungen und Massen\u00fcberwachungen in China hervorgerufen haben und wie wenig Solidarit\u00e4t es mit den Millionen von betroffenen Menschen gegeben hat. Das scheint auf eine neue psychische Krankheit hinzuweisen: der weltweite Verlust von Mensch-zu-Mensch-Empathie und Solidarit\u00e4t. Paradoxerweise scheint der leichte Zugang zu und die F\u00fclle an Informationen \u00fcber Frontlinien grober Menschenrechtsverletzungen \u2013 sei es in Idlib oder in Wuhan \u2013 die Menschen daran gew\u00f6hnt zu haben, dass Menschenrechte grob verletzt werden. Das Grauen hat sich normalisiert. Donald Trump und Wladimir Putin m\u00fcssen das dystopische Spektakel in China mit Neid erf\u00fcllen: K\u00f6nnten sie doch auch nur so leicht k\u00fcnstliche Intelligenz einsetzen, ganze St\u00e4dte lahmlegen, Drohnen zur \u00dcberwachung der Bev\u00f6lkerung aussenden. Die Dystopie ist eingetroffen.<\/p>\n<p>In dieser Hinsicht ist COVID-19 eine Anklage gegen den gegenw\u00e4rtigen Zustand der Gesundheit, der Menschenrechte und der Ungleichheit gleicherma\u00dfen. Zwar k\u00f6nnte es China diesmal noch gelingen, die Schw\u00e4che seiner Gesundheitssysteme durch Zwangsma\u00dfnahmen \u201eerfolgreich\u201c auszugleichen. Aber anderswo in der Welt wird der Preis daf\u00fcr zu zahlen sein, dass die \u00f6ffentlichen Gesundheitssysteme derart ausgeh\u00f6hlt worden sind, dass die Erkl\u00e4rung von Alma-Ata zur prim\u00e4ren Gesundheitsversorgung ignoriert wird, dass es \u00fcberall an Personal mangelt &#8230; Die Reaktion auf COVID-19 zeigt, dass in der sp\u00e4ten neoliberalen Ordnung alle Krankheiten zwar gleich, einige Krankheiten jedoch gleicher sind.<\/p>\n<p><strong>Der Virus in der First Class<\/strong><\/p>\n<p>Dies beweist einmal mehr, dass es nicht eine Krankheitsbedrohung an sich ist, die Ressourcen und medizinische Mobilisierung mobilisiert. Es geschieht bei einer Krankheit, die die globale Wirtschaft und die Einnahmequellen der Elite bedroht. Viren in Flugzeugen oder auf Kreuzfahrtschiffen, die die Schlagadern des Welthandels \u00fcberqueren und aus der ersten Klasse nicht mehr herauszuhalten sind, sind etwas anderes als ein Virus, das durch marginalisierte und verletzliche Bev\u00f6lkerungsgruppen oder die Slums der Armen l\u00e4uft. Um dieses Virus einzud\u00e4mmen, geben Regierungen schnell Milliarden f\u00fcr die Abriegelung von St\u00e4dten, die Einschr\u00e4nkung des Luftverkehrs und der Reisem\u00f6glichkeiten sowie die Quarant\u00e4ne von B\u00fcrger*innen aus.<\/p>\n<p>COVID-19 und andere Krankheitsbedrohungen gehen alle auf eine \u00d6konomie der Ungleichheit zur\u00fcck, auf die anhaltende Periode der Sparma\u00dfnahmen, in der die Gesundheitssysteme grundlegend ausgeh\u00f6hlt wurden. Auch allgemeine Sanit\u00e4ranlagen, Ma\u00dfnahmen, dank derer Anfang des 20. Jahrhunderts sich die durchschnittliche Lebenserwartung stark erh\u00f6ht hat, sind l\u00e4ngst erodiert. Die COVID-19-Krise ist ein weiteres Argument daf\u00fcr, dass die Verwirklichung sozio\u00f6konomischer Rechte sichergestellt werden muss: Rechte wie das Recht eines jeden Menschen \u201eauf den h\u00f6chsten erreichbaren Standard k\u00f6rperlicher und geistiger Gesundheit\u201c. Wie auch immer es ausgehen mag: COVID-19 sollte ein Weckruf f\u00fcr die globale Menschenrechtsgemeinschaft sein.<\/p>\n<p><em>Mark Heywood ist Menschenrechtsaktivist und leitete viele Jahre die s\u00fcdafrikanische medico-Partnerorganisation section27, die sich f\u00fcr das Recht auf Gesundheit und die Verbesserung des Gesundheitswesens einsetzt.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.dailymaverick.co.za\/article\/2020-02-24-covid-19-why-protecting-human-rights-matters-in-epidemics\/\"><em>Dieser Beitrag erschien zuerst am 24. Februar 2020<\/em><\/a><em>\u00a0im s\u00fcdafrikanischen Daily Maverick.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle:\u00a0 <\/em><a href=\"https:\/\/www.medico.de\/die-autoritaere-versuchung-17665\/\"><em>medico.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 19. M\u00e4rz 2020 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mark Heywood, S\u00fcdafrika. Gut, dass Corona in China ausbrach, weil es dort effektiv einged\u00e4mmt werden konnte? 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