{"id":7346,"date":"2020-03-20T10:40:23","date_gmt":"2020-03-20T08:40:23","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7346"},"modified":"2020-03-20T10:40:24","modified_gmt":"2020-03-20T08:40:24","slug":"zuruf-aus-china-kaufte-china-dem-westen-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7346","title":{"rendered":"Zuruf aus China: Kaufte China dem Westen Zeit?"},"content":{"rendered":"<p><em>Gustav aus China.<\/em> <strong>Die Formel, China habe der Welt Zeit gekauft, wird mittlerweile immer st\u00e4rker von der hiesigen Parteipropaganda verbreitet.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Den\u00a0<a href=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7293\">Text von Mike Davis<\/a>\u00a0finde ich wichtig und gr\u00f6\u00dftenteils richtig \u2013 aber beim Lesen musste ich bei dieser Stelle schlucken: \u00bbHeute in einem Jahr werden wir vielleicht mit Bewunderung auf Chinas Erfolg bei der Eind\u00e4mmung der Pandemie und mit Schrecken auf das Versagen der USA zur\u00fcckblicken.\u00ab<\/p>\n<p>Warum kann man die Misere in den USA nicht kritisieren, ohne zugleich einen Kniefall vor der gigantomanischen Polizeioperation in China zu machen? Mit dem Lob f\u00fcr \u00bbChinas Erfolg\u00ab wird alles in eins geworfen: das Land, die KPCh, Polizei, Bev\u00f6lkerung und Klasse. Wie kann gerade Mike Davis so etwas schreiben? Niemand muss zwischen \u00bbdem Westen\u00ab und \u00bbChina\u00ab w\u00e4hlen, auch und erst recht nicht, wenn es um das Coronavirus geht!<\/p>\n<p>Am 13. M\u00e4rz erschien in der\u00a0<em>New York Times<\/em>\u00a0der Artikel eines Auslandskorrespondenten in Peking:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/03\/13\/opinion\/china-response-china.html\">\u00bbChina kaufte dem Westen Zeit. Der Westen hat sie verschwendet.\u00ab<\/a>\u00a0Der Autor will nat\u00fcrlich genauso wie Mike Davis die unzureichenden und falschen Ma\u00dfnahmen in den USA und Europa kritisieren. Die erste Frage ist dann aber, was sollte \u00bbder Westen\u00ab tun? Nachdem China vorgelegt hat mit Lockdown und drakonischen Ma\u00dfnahmen, erscheint alles andere lax und unentschlossen? Ist das Kriterium f\u00fcr Ma\u00dfnahmen, wie viele Opfer gefordert werden? Muss das Kriterium nicht sein, wie viel Leid durch sie vermieden oder zus\u00e4tzlich erzeugt wird? Wer ist denn hier das Subjekt?<\/p>\n<p>Die Beispiele, die der NYT-Artikel nennt, sind real und \u00fcberall in China zuhauf zu sehen: Megaphon im Park mit Warnhinweisen, doppelter (!) Temperaturcheck vor der Ausreise, Bombardierung mit Propaganda \u2026 Bei mir in der Stra\u00dfe dudeln allein f\u00fcnf Plastiklautsprecher von morgens bis abends Hinweise, man solle sich die H\u00e4nde waschen, selten rausgehen, soziale Kontakte meiden. Aber das ist l\u00e4cherlich und es h\u00f6rt eh niemand hin. Der Autor schreibt, es sei \u00bbnichts Autorit\u00e4res daran, am Flughafen die Temperatur zu messen,\u00a0<em>social distancing<\/em>\u00a0durchzusetzen und jedem Covid-19-Betroffenen freie medizinische Versorgung anzubieten.\u00ab Fiebermessen an Flugh\u00e4fen hat bei SARS nur etwa die H\u00e4lfte der ansteckenden Reisenden identifiziert, beim Coronavirus d\u00fcrften es deutlich weniger sein, weil Ansteckungsgefahr auch vor Symptomen auftritt. Aber es geht ja gar nicht ums Fieber messen! (s.u.)\u00a0<em>Social distancing<\/em>\u00a0durchzusetzen ist\u00a0<em>allerdings<\/em>\u00a0autorit\u00e4r, wenn z.B. Bullen mit dem Vorschlaghammer Mahjong-Tische zertr\u00fcmmern oder Wohnungst\u00fcren von au\u00dfen zugeschwei\u00dft werden. Und die kostenfreie medizinische Versorgung war in Wahrheit nicht so sch\u00f6n, wie es sich auf Papier liest.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"684\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/china-virus-wuhan-virus-coronavirus-ncov-uae-coronavirus-dubai-china-military-ordered-to-help-control-epidemic.jpgNCS_modif-1024x684.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7347\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/china-virus-wuhan-virus-coronavirus-ncov-uae-coronavirus-dubai-china-military-ordered-to-help-control-epidemic.jpgNCS_modif-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/china-virus-wuhan-virus-coronavirus-ncov-uae-coronavirus-dubai-china-military-ordered-to-help-control-epidemic.jpgNCS_modif-300x201.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/china-virus-wuhan-virus-coronavirus-ncov-uae-coronavirus-dubai-china-military-ordered-to-help-control-epidemic.jpgNCS_modif-768x513.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/china-virus-wuhan-virus-coronavirus-ncov-uae-coronavirus-dubai-china-military-ordered-to-help-control-epidemic.jpgNCS_modif.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p>Die staatlichen Ma\u00dfnahmen sollten Angst einjagen. Das Fiebermessen vor meinem Wohnkomplex und am Gem\u00fcsemarkt war Teil dieses Horrortheaters. Bei vielen Menschen wird ein vermeintliches, aber nicht vorhandenes Fieber erkannt, sie werden verd\u00e4chtigt, teils deswegen diskriminiert und vor allem ver\u00e4ngstigt. Man hat eh schon vor dem Virus Angst und lebt nun auch noch im Schrecken einer Zwangsisolierung. Schlimm fand ich, wie hilfsbed\u00fcrftige Kranke zu Gefahrenquellen gemacht wurden. Es gab zahlreiche Formeln, die das auf den Punkt brachten, z.B. \u00bbMenschen aus Hubei sind tickende Zeitbomben\u00ab, \u00bbWenn Dir dein Leben lieb sind, dann geh nicht unter Menschen\u00ab, \u00bbFremde sind verborgene Gefahren\u00ab&#8230; Die Ma\u00dfnahmen bauten nirgends auf Kooperation, sie wurden als Polizeioperationen durchgef\u00fchrt. Patienten und potentiell Erkrankte wurden nur als zu kontrollierende Objekte behandelt: Jemand misst dir Fieber, aber teilt dir nicht das Ergebnis mit, weil es gar nicht darum geht, ob du gesund bist, sondern nur darum, die Auflagen zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig werden durch solche Ma\u00dfnahmen kaum Kranke gefunden (und es w\u00e4re ein leichtes Spiel, die Kontrollen auszutricksen). Von einem rationalen Standpunkt aus betrachtet sind sie Hokuspokus, so als w\u00fcrde ich mir Holzkl\u00f6tze als Schutz vor dem Virus an die Stirn binden oder wie Mike Pence zu Gott beten (Holzkl\u00f6tze h\u00e4tten noch den Vorteil, mich st\u00e4ndig an das Virus zu erinnern und daran, mir nicht mit den Fingern ins Gesicht zu fassen \u2013 auf \u00e4hnliche Weise wirkt das Tragen von Masken als stete Ermahnung zur Vorsicht).<\/p>\n<p>Die Hinweise auf Ma\u00dfnahmen, die man von China lernen k\u00f6nnte, sind also ziemlich mau. Was der Autor empfiehlt, ist entweder Quarant\u00e4ne-Theater, Show oder tats\u00e4chlich autorit\u00e4r. Die \u00dcbernahme von Behandlungskosten ist der einzige sinnvolle Hinweis; zudem h\u00e4tte der Autor die Versch\u00e4rfung des K\u00fcndigungsschutzes und Mieterl\u00e4sse w\u00e4hrend der Epidemie aufz\u00e4hlen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Nur Ma\u00dfnahmen, die auf gegenseitigem Vertrauen aufbauen (darauf, dass es ein gemeinsames Interesse an Gesundheit gibt, dass Menschen Leid vermeiden, bei Krankheit medizinische Hilfe suchen etc.), k\u00f6nnen effektiv sein. Ich bin doch selber an Kooperation bei der Erkennung und Eind\u00e4mmung der Krankheit interessiert. Wenn ich mich eigenverantwortlich isoliere oder\u00a0<em>social distancing<\/em>\u00a0betreibe (was ich viel leichter finde als gedacht), reduziere ich die Ansteckungsgefahr genauso wie mit Zwangsisolation, kann aber immer noch selber entscheiden, ob ich mal kurz an die frische Luft gehe, meine Medikamente f\u00fcr chronische Erkrankungen von der Apotheke hole oder meiner Oma im Haushalt helfe. All solche unverzichtbaren Kleinigkeiten werden durch die Zwangsma\u00dfnahmen zu teilweise unl\u00f6sbaren Problemen, wovon die gar nicht so wenigen Selbstmorde in dem Zusammenhang Zeugnis ablegen.<\/p>\n<p>Hier noch ein\u00a0<a href=\"https:\/\/madeinchinajournal.com\/2020\/02\/22\/epidemic-control-in-china-a-conversation-with-liu-shao-hua\/\">interessanter Link<\/a>; ein Interview, in dem es unter anderem um den Gegensatz von staatlichem Lockdown und der Hilfsbereitschaft von Helferinnen und Helfer aus der Bev\u00f6lkerung geht.<\/p>\n<p><strong>Zeitlicher Hergang<\/strong><\/p>\n<p>Am 17. November wird der erste Fall bekannt; Ende Dezember gibt es klare Hinweise f\u00fcr \u00dcbertragbarkeit, insgesamt sind es wohl 266 F\u00e4lle, aber bei der WHO werden nur 27 gemeldet; am 7. Januar gibt Xi Anweisungen zur Virusbek\u00e4mpfung auf der internen Sitzung des St\u00e4ndigen Ausschusses des Politb\u00fcros; noch am 14. Januar meldet die WHO unter Berufung auf Untersuchungen aus China, dass es keine Beweise f\u00fcr die \u00dcbertragbarkeit g\u00e4be; obwohl es m\u00f6glicherweise schon ca. 500 infizierte \u00c4rzte und Pfleger gibt; am 18. Januar organisiert die Stadtregierung von Wuhan ein Neujahrsessen mit mehreren Zehntausend Teilnehmern \u2013 zwei Tage sp\u00e4ter wird bekannt gemacht, dass es \u00dcbertragungen von Mensch zu Mensch gibt; nun ist es erstmals erlaubt, \u00f6ffentlich dar\u00fcber zu sprechen. Trotzdem haben vor dem Lockdown von Wuhan ca. f\u00fcnf Millionen Menschen die Stadt verlassen. Mir geht es weniger um die Diskussion \u00bbfr\u00fcher oder sp\u00e4ter\u00ab, und mehr um die\u00a0<em>Art<\/em>\u00a0der Reaktion! Trotzdem: mehrere Studien haben festgestellt, dass 66 Prozent weniger Menschen infiziert worden w\u00e4ren, wenn \u00bbChina\u00ab nur eine Woche fr\u00fcher gehandelt h\u00e4tte. Und wenn sie die Informationen der \u00c4rzte im Dezember ernst genommen h\u00e4tten, anstatt diese zu disziplinieren, h\u00e4tte man das Virus wahrscheinlich auf Wuhan eind\u00e4mmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nachdem die KPCh also die Sache kolossal verkackt hat, haben unz\u00e4hlige Freiwillige unter Inkaufnahme m\u00f6glicher Infektion und Hunderte Millionen Chinesen entweder durch zwangsweise Freiheitsberaubung (verschlossene, verbarrikadierte oder zugeschwei\u00dfte Wohnungst\u00fcren) oder selbst auferlegtes\u00a0<em>Social distancing<\/em>\u00a0bzw. Zuhausebleiben, alles getan, was sie konnten und viel geopfert, um sich selbst und andere vor weiterer Erkrankung zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund kann man die Frage stellen, ob China oder die KPCh den Menschen in China und im Rest der Welt Zeit gekauft hat. F\u00fcr mich ist die Antwort klar: Nein, das hat die KPCh nicht. Die arbeitenden, einfachen Menschen in China, die haben sich sehr bem\u00fcht, die Ausbreitung zu verlangsamen. Aber auch sie haben nicht \u00bbdem Westen Zeit gekauft\u00ab. Was in China seit dem 20. Januar geschehen ist, ist nicht geschehen, um \u00bbdem Westen\u00ab mehr Zeit zu gew\u00e4hren, sondern als Selbstschutz. Selbstschutz der einfachen Bev\u00f6lkerung in Eigeninitiative \u2013 und Selbstschutz der herrschenden Klasse zur Verteidigung ihrer Privilegien.<\/p>\n<p>Wir sollten nicht von \u00bbChina\u00ab sprechen, sondern m\u00fcssen klipp und klar zwischen der KPCh und der Bev\u00f6lkerung unterscheiden. Und dann nochmal zwischen den Lohnabh\u00e4ngigen, Mittelschichten und Superreichen. Der Kommentar aus der NYT ist auch deswegen so abstrus, weil er nur von L\u00e4ndern bzw. Kultursph\u00e4ren spricht, nach dem Motto, im Epidemiefall g\u00e4be es keine Klassen mehr. Kein Wunder, dass der Autor ernsthaft behauptet, das \u00bb<em>enforced social distancing<\/em>\u00ab in China sei nicht autorit\u00e4r!<\/p>\n<p><strong>Die Katastrophe liegt nicht im Virus, sondern in der Gesamtheit der Ma\u00dfnahmen seiner Bek\u00e4mpfung.<\/strong><\/p>\n<p>Chinas Bilanz in Sachen fr\u00fchzeitiger Seuchenbek\u00e4mpfung und Pr\u00e4vention ist bekanntlich beschissen (SARS, Afrikanische Schweinepest). Und im Februar sind \u00bbim Westen\u00ab viele Artikel erschienen, die geradezu herablassend die Abwesenheit von parlamentarischer Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Mehrparteiensystem f\u00fcr die \u00bbchinesische Unf\u00e4higkeit\u00ab verantwortlich machten, Seuchen fr\u00fchzeitig und transparent zu bek\u00e4mpfen. Das diente der Verteidigung der (in Wirklichkeit immer eher ungleicher und repressiver werdenden) liberalen Demokratien. Daher kam der Impuls des NYT-Autors und von Mike Davis, darauf hinzuweisen, dass auch au\u00dferhalb von China jede Menge Schei\u00dfe, Schlamperei und Brutalit\u00e4t im Zusammenhang mit dem Virus stattfindet. Inzwischen hat sich der Wind gedreht und viele Massenmedien loben \u00bbChina\u00ab gerade wegen seines drakonischen Umgangs mit den Menschen \u2013 und an der Stelle werden solche Argumente nicht nur abstrus, sondern gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Die Staatsf\u00fchrung in China ist ja nicht deshalb so unf\u00e4hig (bzw. f\u00e4hig im Vertuschen, Zensieren, Unterdr\u00fccken und Ausbeuten), weil sie sich Kommunismus auf die roten Fahnen schreibt und keine freien Wahlen abh\u00e4lt, sondern weil die hierarchische Organisierung der Gesellschaft zum Zweck der Ausbeutung der Vielen zum Wohle von Wenigen h\u00f6chst irrational und unmenschlich ist und sich nicht ernsthaft um das menschliche Leid k\u00fcmmert, das sie anrichtet. Die KPCh hat von Mitte Dezember bis zum 20. Januar in Wuhan hunderte \u00c4rzte und Pfleger durch polizeiliche und disziplinarische Mittel davon abgehalten, sich gegenseitig \u00fcber die erh\u00f6hte Ansteckungsgefahr eines neuen Virus zu informieren. Ich stelle mir vor, dass es unter \u00c4rzten und Pflegern so normal und selbstverst\u00e4ndlich ist, sich \u00fcber eine neue Krankheit oder eine Viruswelle zu informieren, wie man sich auf dem Bau vor einer ausgeschlagenen S\u00e4ge oder einem allzu wackeligen Ger\u00fcst warnt.<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit der KPCh, in Wuhan und anderswo Zensur und Unterdr\u00fcckung in solchem Ausma\u00df zu organisieren, ist Ausdruck ihrer Machtkonzentration. Extreme materielle Ungleichheit, Gewalt gegen Untergebene und insbesondere Frauen, eine hohe Rate an Arbeitsunf\u00e4llen etc. sind die allt\u00e4glichen Konsequenzen. Dieses Machtmonopol sollte man mitnichten als\u00a0<a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/2020\/09\/coronavirus-covid-19-china-epidemie-ueberwachung\">\u00bbperfektesten \u00dcberwachungsstaat\u00ab<\/a>\u00a0halluzinieren. Im Gegenteil l\u00e4uft das chaotisch, selbstherrlich und \u00fcber informelle Beziehungen ab, jedes R\u00e4dchen im Getriebe macht seine eigenen Nebengesch\u00e4fte und niemand berichtet seinem Vorgesetzten die ganze Wahrheit. Weil die arbeitenden Menschen auch durch Zensur und Versammlungsverbote entmachtet sind und die Organisationseinheiten in China vergleichsweise gro\u00df sind, nehmen Unf\u00e4lle und Katastrophen entsprechend gro\u00dfe Ausma\u00dfe an.<\/p>\n<p>Das alles kommt in den \u00bbliberalen Demokratien\u00ab genauso vor; in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern w\u00e4re es den regierenden Parteien jedoch wahrscheinlich nicht m\u00f6glich gewesen, die Warnungen von \u00c4rzten und Pflegern so lange und effektiv wie in Wuhan zu unterdr\u00fccken. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Versagen bei Seuchenfr\u00fcherkennung und -bek\u00e4mpfung auch in der Vergangenheit und der krassen Ausnutzung von Macht- und Ausbeutungsinstrumenten.<\/p>\n<p>Die Herrschenden verteidigen ihr Klassenprivileg im Ausnahmezustand noch krasser. Die Seuche(nbek\u00e4mpfung) macht gerade nicht \u00bballe gleich\u00ab, sondern versch\u00e4rft die gesellschaftlichen Ungleichheiten. Arbeiter ohne formelles Arbeitsverh\u00e4ltnis werden viel h\u00e4rter getroffen als solche mit; Staatsangestellte oder gut ausgebildete Angestellte gro\u00dfer Konzerne k\u00f6nnen oft ohne gro\u00dfe Beeintr\u00e4chtigungen im Home Office weiterarbeiten und m\u00fcssen sich wenig Sorgen um ihr Monatsgehalt machen; Reiche verlieren vielleicht etwas Verm\u00f6gen, leben aber in ihren H\u00e4usern kaum beeintr\u00e4chtigt weiter, haben sehr privilegierten Zugang zu Informationen, Vorsorge und Behandlung \u2013 und k\u00f6nnen mit ihren Achtzylindern endlich auf leeren Stra\u00dfen richtig brettern (kein Witz!).<\/p>\n<p>Auch bei der Quarant\u00e4ne wird nach der R\u00fcckkehr in die K\u00fcstenst\u00e4dte zwischen Wohneigent\u00fcmer und Mieter unterschieden. Eigent\u00fcmer d\u00fcrfen sich in der eigenen Wohnung selbst isolieren, Mieter d\u00fcrfen nicht zur\u00fcck und m\u00fcssen zwei Wochen in Quarant\u00e4nehotels, f\u00fcr die sie auch noch selbst bezahlen m\u00fcssen. Diese Aufrechterhaltung bzw. Versch\u00e4rfung der Ungleichheit zur Sicherung der Herrschaft w\u00e4re nat\u00fcrlich Grund f\u00fcr Opposition, aber das war hier jenseits von Symbolik schwierig. Vielleicht klappt das ja in Europa besser!<\/p>\n<p><strong>Entfremdung vom \u00bbWesten\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Meine Freunde in Hongkong hielten das Containment in Hubei bereits zu Beginn f\u00fcr Theater und f\u00fcr zum Scheitern verurteilt. Meine Freunde in Festlandchina hingegen halten die Aufgabe strikter Containment-Politik in einigen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern f\u00fcr unverantwortlich und schockierend.<\/p>\n<p>Mein Eindruck ist, dass viele Chinesen die Parteipropaganda, das Selbstlob, die Kritik an anderen L\u00e4ndern als lasch und unentschlossen ganz gern schlucken, aber sie haben auch keine andere Wahl. Einerseits besteht zwar Misstrauen gegen\u00fcber der Regierung (was sich w\u00e4hrend des Lockdowns in selbstorganisierten Stra\u00dfensperren und der weiterhin misstrauischen, abwartenden Haltung im Hinblick auf die Wiederaufnahme der Arbeit ausdr\u00fcckt), andererseits besteht l\u00e4ngst Gew\u00f6hnung an die Ohnmacht.Viele akzeptieren die offiziellen Medien als Dreiviertelwahrheiten, denn so ganz falsch k\u00f6nnen sie ja auch nicht sein. Und dazu kommt bei nicht wenigen Stolz, Arroganz und Chauvinismus angesichts der Macht Chinas.<\/p>\n<p>Das alles wird die Entfremdung vom \u00bbWesten\u00ab oder von den Ausl\u00e4ndern st\u00e4rken. Sie wird \u2013 ich glaube gezielt und mehr oder weniger systematisch \u2013 auf vielf\u00e4ltige Weise durch gro\u00dfe Propaganda und kleine Geschichten gef\u00f6rdert und ist nicht zuletzt durch den sehr begrenzten direkten pers\u00f6nlichen Austausch zwischen Chinesen und Ausl\u00e4ndern bedingt.<\/p>\n<p>Der Nationalismus des Ausw\u00e4rtigen Amts peitscht das weiter an. Die Doktrin der jungen Generation von chinesischen Diplomaten scheint zweigleisig, das Recht des St\u00e4rkeren einfordern und andererseits den winselnden Hund spielen (\u00bbChina wird schikaniert, w\u00e4hrend es doch am Boden liegt\u00ab), wenn man f\u00fcrs Vertuschen der Epidemie kritisiert wird oder wenn die KPCh mal wieder ins Horn des Antiimperialismus blasen will.<\/p>\n<p>Wichtige Adressaten der Parteipropaganda d\u00fcrften Chinesen im Ausland sein. F\u00fcr sie w\u00e4chst damit sicherlich die Entfremdung und Schwierigkeit, sich lokal zu integrieren. Auf sozialen Medien habe ich etliche Postings gelesen, die die Virusbek\u00e4mpfung in Deutschland oder England diskutieren oder die Heimreise nach China beschreiben (z.B.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tianyufang.net\/2020\/03\/14\/covid19-day-1\/\">dieses<\/a>). Die interessanteren Beispiele sind keineswegs grober Nationalismus, sondern dr\u00fccken ein tiefes Gef\u00fchl der Fremdheit und Unverstandenheit aus. Die Autoren tolerieren andere Herangehensweisen zwar, sehen aber im Grunde doch nur Chinas Regierung in der Lage, entschlossen zu handeln.<\/p>\n<p><strong>Propagandistische Schlammschlacht hat begonnen<\/strong><\/p>\n<p>Seit einigen Tagen krakeelen \u00bbwestliche F\u00fchrer\u00ab wie Trump und Pompeo lauthals vom \u00bbWuhan-Virus\u00ab oder vom \u00bbChina-Virus\u00ab. Und in China verbreitet die KPCh Ger\u00fcchte, die US-Soldaten h\u00e4tten w\u00e4hrend der\u00a0<em>World Military Games<\/em>\u00a0im Oktober in Wuhan (man erinnere sich, das chinesische Team wurde wegen offensichtlichem Betrug disqualifiziert) das Virus verbreitet.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.marketwatch.com\/story\/inside-chinas-campaign-to-blame-the-us-for-the-coronavirus-pandemic-2020-03-15\">Hier eine Darstellung<\/a>\u00a0der Propaganda der KPCh.<\/p>\n<p>Die Partei prahlt, wie gut \u00bbsie\u00ab die Krise bew\u00e4ltigt habe, kopiert, klaut und verleibt sich kurzerhand die Leistungen aller Freiwilligen ein, und zensiert jede Kritik. Als Xi Wuhan besuchte, standen Bullen auf den Balkonen der Anwohner, um unliebsame Rufe wie eine Woche zuvor bei der Vizeministerpr\u00e4sidentin zu verhindern. Es ist v\u00f6llig egal, wie es gelaufen ist, die KPCh w\u00fcrde jeden noch so katastrophalen Verlauf als Sieg und Ausdruck ihrer \u00dcberlegenheit verkaufen. Sie macht das nat\u00fcrlich eiligst, bevor irgendwelche weiteren Details \u00fcber das Ausma\u00df der Katastrophe und die wirkliche Zahl der Toten durchsickern. Das ist alles nicht neu; aber durch die wirtschaftliche und politische Macht Chinas, die globale Epidemie und die sich zuspitzenden Blockkonflikte bekommt es f\u00fcr Menschen au\u00dferhalb von China eine neue Realit\u00e4t und l\u00e4sst auch \u00bbim Westen\u00ab die autorit\u00e4ren Tr\u00e4ume von einer \u00bbentschlossenen F\u00fchrung\u00ab aufleben.<\/p>\n<p>An der Medien- und Propagandafront werden die Spannungen im chinesisch-amerikanischen Verh\u00e4ltnis, die ihren deutlichsten Ausdruck im Handelskrieg fanden, quasi im Wochentakt versch\u00e4rft. Im Februar hatte China drei Reporter des\u00a0<em>Wall Street Journals<\/em>\u00a0ausgewiesen, offiziell wegen der \u00dcberschrift eines Artikels (\u00bbChina is the real sick man in Asia\u00ab), die Peking als \u00bbrassistisch\u00ab bezeichnete. Daraufhin hatten die USA Anfang M\u00e4rz die zul\u00e4ssige Zahl der im Land t\u00e4tigen Mitarbeiter pro chinesischem Medienunternehmen auf 100 begrenzt und damit im Ergebnis rund 60 chinesische Journalisten ausgewiesen. In der Nacht zum 18. M\u00e4rz gab das chinesische Au\u00dfenministerium bekannt, dass etwas mehr als ein Dutzend amerikanische JournalistInnen innerhalb von zehn Tagen ihre Pressekarten abgeben m\u00fcssen und nicht mehr als Journalisten in China arbeiten d\u00fcrfen. Der amerikanische China-Fachmann\u00a0<a href=\"https:\/\/sinocism.com\/p\/us-china-relations-near-breaking\">Bill Bishop schreibt dazu<\/a>, er k\u00f6nne sich \u00bbnicht an eine gef\u00e4hrlichere Zeit in den amerikanisch-chinesischen Beziehungen der vergangenen 40 Jahre erinnern\u00ab.<\/p>\n<p>Das Ausma\u00df der Ersch\u00fctterungen, die mit dem Virus, den Quarant\u00e4ne-Ma\u00dfnahmen, Grenzschlie\u00dfungen und der sich entfaltenden Weltwirtschaftskrise \u00fcber den gesamten Planeten rollen, ist noch nicht absch\u00e4tzbar. Wahrscheinlich werden sie die Krise 2008\/09 in den Schatten stellen, 20 Prozent Arbeitslosigkeit in den USA, in China mehr Jobverluste als 2008 &#8230; Angst und Wut \u00fcber politische Ma\u00dfnahmen, die noch st\u00fcmperhafter und brutaler als sonst sind. Weltweit werden gerade \u00e4hnliche \u00c4ngste ausgestanden und verbindende Erfahrungen gemacht, die dem in der Krise aufheulenden Nationalismus und Autoritarismus hoffentlich in K\u00e4mpfen entgegentreten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/www.wildcat-www.de\/aktuell\/a114_briefauschina.html\"><em>wildcat.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. M\u00e4rz 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gustav aus China. Die Formel, China habe der Welt Zeit gekauft, wird mittlerweile immer st\u00e4rker von der hiesigen Parteipropaganda verbreitet.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,7],"tags":[50,121,49,17],"class_list":["post-7346","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-international","tag-china","tag-covid-19","tag-repression","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7346","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7346"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7346\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7348,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7346\/revisions\/7348"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7346"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7346"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7346"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}