{"id":7361,"date":"2020-03-21T13:29:33","date_gmt":"2020-03-21T11:29:33","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7361"},"modified":"2020-03-21T13:29:34","modified_gmt":"2020-03-21T11:29:34","slug":"robert-koch-institut-warnt-vor-krise-von-unvorstellbarem-ausmass","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7361","title":{"rendered":"Robert-Koch-Institut warnt vor Krise von \u201eunvorstellbarem Ausma\u00df\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Gregor Link. <\/em>\u201eWir sind alle in einer Krise, die ein Ausma\u00df hat, das ich mir selbst nie h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen\u201c, erkl\u00e4rte Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts (RKI), gestern in einer Pressekonferenz. Das \u201eexponentielle Wachstum\u201c <!--more-->der Corona-Infizierten innerhalb und au\u00dferhalb Deutschlands markiere auch hierzulande den \u201eAnfang einer Epidemie\u201c.<\/p>\n<p>Mit Blick auf L\u00e4nder wie Italien und Spanien erkl\u00e4rte der Chef des f\u00fchrenden deutschen Seucheninstituts: \u201eWir stehen vor einer \u00e4hnlichen Entwicklung. (\u2026) Ich m\u00f6chte, dass Sie den Ernst der Lage alle begreifen.\u201c In Italien hatte die Regierung zuletzt die Streitkr\u00e4fte mobilisiert, um Leichen abzutransportieren, die das Krematorium von Bergamo trotz 24-st\u00fcndigen Betriebs nicht mehr beisetzen konnte. Insgesamt f\u00fcnfzehn Armeelastwagen kamen zum Einsatz, um die S\u00e4rge auf umliegende Regionen zu verteilen.<\/p>\n<p>In Deutschland stieg die Zahl der Infizierten am Freitag auf fast 20.000. Wie die US-amerikanische Johns-Hopkins-Universit\u00e4t berichtete, ist die Zahl der best\u00e4tigten Infektionen in Deutschland am Freitag um \u00fcber 4500 F\u00e4lle auf 19.848 angestiegen. Mit offiziell insgesamt 4971 Erkrankten bildet Nordrhein-Westfalen \u2013 gefolgt von Baden-W\u00fcrttemberg (2740) und Bayern (2282) \u2013 weiterhin das Epizentrum der Pandemie in Deutschland. In NRW und Bayern verdoppelte sich die Fallzahl damit innerhalb eines einzigen Tages nahezu. Das Land Hamburg wies indes mit knapp 28 Erkrankten pro 100.000 Einwohnern die h\u00f6chste Erkrankungsrate auf.<\/p>\n<p>Laut Johns-Hopkins-Universit\u00e4t lag die Zahl der Toten am Feitagabend bei 67. Der Virologe Martin St\u00fcrmer sprach gestern gegen\u00fcber der Hessenschau von einer Dunkelziffer an Infizierten, die das Zehnfache der offiziellen Zahlen betragen k\u00f6nne. Die Pandemie nehme in Deutschland nun \u201ean Fahrt auf\u201c \u2013 ein Ausbreitungsverlauf wie in Italien werde das deutsche Gesundheitssystem \u201e\u00fcberlasten\u201c, warnte der Mediziner. \u201eWir kommen jetzt mitten hinein in das ansteigende Geschehen. Verglichen mit Italien h\u00e4ngen wir ein bis zwei Wochen hinterher. Und dort flacht die Kurve auch noch nicht ab.\u201c Die \u201eDynamik\u201c werde in Deutschland jetzt \u201esehr stark\u201c.<\/p>\n<p>Die deutschen Krankenh\u00e4user sind auf eine solche Entwicklung nicht vorbereitet. Sie wurden in den vergangenen vier Jahrzehnten von aufeinanderfolgenden Bundesregierungen systematisch privatisiert, kaputtgespart und liquidiert. Allein zwischen 1990 und 2010 wurden ungef\u00e4hr 180.000 Krankenhausbetten (-26 Prozent) abgebaut, 360 Krankenh\u00e4user (-15 Prozent) abgewickelt und damit einhergehend auch die Anzahl der Krankenhausbetten f\u00fcr die akut-station\u00e4re Versorgung deutlich reduziert.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"357\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/co.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7362\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/co.png 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/co-300x167.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><strong>Fallzahlen weltweit \u2013 Quelle: Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at Johns Hopkins University (JHU)<\/strong> <\/figcaption><\/figure>\n<p>Die kriminelle Gleichg\u00fcltigkeit, die sich in dieser Politik \u00e4u\u00dfert, leitet auch s\u00e4mtliche \u00dcberlegungen der aktuellen Regierung. Sie nutzt die Krise als Gelegenheit f\u00fcr eine Klassenpolitik, die das Leben von Millionen Menschen aufs Spiel setzt. Das zeigt sich mittlerweile in allen Bereichen des \u00f6ffentlichen Lebens.<\/p>\n<p>So beschloss der Hamburger Senat am Freitag nicht etwa die Bereitstellung von Schutzausr\u00fcstung und Infektionstests f\u00fcr Mitarbeiter von Superm\u00e4rkten und Lebensmittell\u00e4den, sondern erkl\u00e4rte im Gegenteil, die \u201eErweiterung der \u00d6ffnungszeiten\u201c ins Auge fassen zu wollen. Dabei schweben Experten zufolge gerade diese Arbeiter \u2013 neben \u00c4rzten und Pflegern \u2013 derzeit in besonders gro\u00dfer Gefahr. Wie der NDR berichtet, setzen dar\u00fcber hinaus immer mehr Supermarktketten auch Mitarbeiter aus der Verwaltung ein, um zus\u00e4tzlich zu ihren anderen Aufgaben noch Regale aufzuf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu vielen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern lie\u00df die Bundesregierung auch am Freitag noch s\u00e4mtliche Restaurants ge\u00f6ffnet. Wenn sie k\u00fcnftig geschlossen sind, drohen den Inhabern existenzbedrohende Verluste. Die von der Regierung Merkel in Aussicht gestellten mickrigen Hilfsprogramme f\u00fcr Kleinunternehmer verblassen angesichts der Geldt\u00f6pfe, die sie Banken und Konzernen f\u00fcr die Aufrechterhaltung ihrer Kapitalrendite bereitstellt.<\/p>\n<p>Anw\u00e4rter auf staatliche Gelder stehen bereits in den Startl\u00f6chern. So k\u00fcndigte der Lufthansa-Konzern am Donnerstag an, 700 von 763 Maschinen des Konzerns stilllegen zu wollen und auf Kurzarbeit umzustellen. Wenn der Staat nicht einspringe, so Lufthansa-Chef Carsten Spohr gegen\u00fcber der Presse, sei \u201edie Zukunft der Luftfahrt gef\u00e4hrdet\u201c.<\/p>\n<p>Die Leidtragenden der Krise sind auch hier die Besch\u00e4ftigten. W\u00e4hrend die Lufthansa-Tochter Eurowings eigens Crewmitglieder aus dem Urlaub zur\u00fcckholte, um auf anderen Kontinenten gestrandete Urlauber nach Hause zu holen, berichteten andere Flugbegleiter der WSWS, dass die Kurzarbeitsma\u00dfnahmen sie zw\u00e4ngen, ihre Wohnungen zu k\u00fcndigen und wieder bei ihren Eltern einzuziehen. Auch der Hamburger Flughafen meldete am Freitag Kurzarbeit an.<\/p>\n<p>\u00dcber hundert Medizin-Studierende der Universit\u00e4t Hamburg haben sich unterdessen freiwillig gemeldet, um die Arbeit der Gesundheits\u00e4mter unentgeltlich zu unterst\u00fctzen. Wie die\u00a0<em>Welt<\/em>\u00a0berichtet, \u00fcbernehmen viele von ihnen bereits heute das Identifizieren von Kontaktpersonen sowie die Information, Betreuung und medizinische Kontrolle von Patienten in heimischer Isolation.<\/p>\n<p>In den sozialen Netzwerken sorgt die gleichg\u00fcltige und kriminelle Reaktion der deutschen Bourgeoisie auf die Corona-Krise f\u00fcr tiefes Unbehagen. \u201eIch arbeite im station\u00e4ren Wohnbereich f\u00fcr Menschen mit Behinderungen\u201c, berichtet Denise, eine Erzieherin aus Niedersachsen. \u201eWir arbeiten alle weiter \u2013 allerdings wurde bei mir erst vor einigen Monaten Asthma diagnostiziert und ich h\u00f6re immer wieder, dass man damit zu einer Risikogruppe geh\u00f6ren k\u00f6nnte. Wie das alles weiter gehen soll, macht mir echt Angst.\u201c<\/p>\n<p>Viele von Denises Kollegen \u00e4u\u00dfern zudem die Sorge, ihre Kinder und Eltern zu gef\u00e4hrden, wenn sie weiterhin zur Arbeit gezwungen werden. \u201eIch habe Angst, dass mein Sohn oder ich uns infizieren und wom\u00f6glich meine herzkranke Mama anstecken\u201c, sagt etwa Tine aus Hamburg. \u201eAngst davor, ob der Tr\u00e4ger [der Einrichtung] dauerhaft unsere Geh\u00e4lter weiterbezahlt, wenn dieser Zustand l\u00e4nger anh\u00e4lt. Im Moment wei\u00df ich gar nicht wohin mit der Angst. Wenn mein Sohn abends im Bett liegt, kommen mir unweigerlich die Tr\u00e4nen. Aber morgen muss und wird es weitergehen.\u201c<\/p>\n<p>Ihre Kollegin Caro muss nach der Arbeit bereits jetzt ihren kranken Sohn pflegen. Sein \u201epermanenter Husten\u201c \u00e4ngstige sie, schreibt sie auf Facebook. \u201eWahrscheinlich ist es nichts. Aber wer wei\u00df das schon? Wer testet das schon?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch habe Freundinnen, die als Erzieherinnen arbeiten, in meiner Familie sind Kranken- und Altenpflegerinnen\u201c, berichtet Jules, eine junge Sozialwissenschaftlerin aus Niedersachsen, der\u00a0<em>World Socialist Website<\/em>. \u201eDer Vater meines Partners ist Koch im Krankenhaus. Niemand ist in der Situation, auf Einkommen verzichten zu k\u00f6nnen, um laufende Kosten zu decken. Viele haben auch Angst, sich anzustecken. Eine alleinerziehende Bekannte wei\u00df nicht, wie sie Home-Office machen soll, w\u00e4hrend das Kind zu Hause ist.\u201c<\/p>\n<p>Jules betreibt einen sozialpolitischen Blog f\u00fcr Studierende und junge Eltern. \u201eCorona ist nicht der Grund f\u00fcr die brenzlige Situation, in der sich viele von uns momentan befinden\u201c, schreibt sie in einem viralen Beitrag bei Instagram, \u201eCorona ist der Ausl\u00f6ser.\u201c<\/p>\n<p>Der Ausbruch der Pandemie zeige, dass \u201edieses System [nicht] in Stein gemei\u00dfelt ist\u201c. Zugleich f\u00f6rdere die Krise die wahren Klassenverh\u00e4ltnisse offener zutage: \u201eWir sind\u00a0<em>nicht<\/em>\u00a0alle gleicherma\u00dfen betroffen. Nicht einmal rein inl\u00e4ndisch betrachtet.\u201c<\/p>\n<p>Massenarbeitslosigkeit, Lohnausf\u00e4lle und das Erstarren der Wirtschaft tr\u00e4fen \u201evor allem die Menschen, die durch das System bereits geschw\u00e4cht sind und \u00fcber wenig Ressourcen verf\u00fcgen. Es sind die kleinen Wohnungen ohne Garten oder Balkon, in denen man es aushalten muss \u2013 oder der Umstand, keinen festen Wohnsitz zu haben. Es sind die hohen Mieten (\u2026), die bezahlt werden m\u00fcssen. Es sind die nicht vorhandenen Ersparnisse, die einem zumindest finanzielle Sicherheit geben k\u00f6nnten und von denen sich Vorr\u00e4te kaufen lassen w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n<p>Jules lebt mit ihrem Partner und ihrem kleinen Sohn in Hannover. Ihr Studium finanzierte sie durchgehend mit zwei Jobs \u2013 als Servicekraft in der Gastronomie und im AStA ihrer Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>\u201eDie Ausbeutung von Arbeitnehmerinnen aus dem ohnehin schon schlecht bezahlten Care-Bereich wird mit endlosen Schichten auf die Spitze getrieben\u201c, sagt sie. Firmen wie Amazon etwa versuchten mit dem Ausbau prek\u00e4rer Arbeitsstellen \u201eProfit aus der ver\u00e4nderten Situation zu schlagen\u201c. Auf diese Weise, so Jules, \u201egewinnen wieder die, die ohnehin mehr als genug haben\u201c.<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte, dass wir erkennen, dass unser ausgeh\u00f6hltes Gesundheits- und Sozialsystem zusammenbricht, weil es so kostensparend organisiert wurde, wie der Kapitalismus es schlichtweg vorgesehen hat. Die leeren Regale sind Bildnisse f\u00fcr unsere \u00c4ngste, unsere Familien nicht ausreichend versorgen zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Dem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/02\/29\/pers-f29.html\"><strong>Aufruf<\/strong><\/a>\u00a0der WSWS zu einer internationalen Kampagne zur Bek\u00e4mpfung des Virus und der massiven Zuweisung von Ressourcen f\u00fcr die Gesundheitsversorgung stimmt Jules zu: \u201eBei der Behandlung von Erkrankten muss viel mehr Geld flie\u00dfen, vor allem in die L\u00e4nder, in denen die Gesundheitssysteme versagen, beziehungsweise nicht vorhanden sind. Auch die Situation der Gefl\u00fcchteten frisst mich innerlich auf. Die Lager m\u00fcssen schnellstm\u00f6glich evakuiert und die Menschen uneingeschr\u00e4nkt aufgenommen und versorgt werden. Vor allem Kinder und Jugendliche. Nat\u00fcrlich nicht nur wegen des Virus, sondern generell. Au\u00dferdem m\u00fcssen Abschiebungen sofort gestoppt werden. Die humanit\u00e4re Solidarit\u00e4t und Hilfe d\u00fcrfen nicht an Staatsb\u00fcrgerschaften gekn\u00fcpft sein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer Kapitalismus war noch nie f\u00fcr die Mehrheit der Menschen\u201c, schlie\u00dft Jules. \u201eSeine h\u00e4ssliche Fratze offenbart er nun f\u00fcr fast alle.\u201c Die ganze Welt m\u00fcsse \u201ezu Gunsten aller Menschen\u201c sozio\u00f6konomisch neu organisiert werden. \u201eWir m\u00fcssen anfangen, Leben zu retten und nicht die Wirtschaft!\u201c<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/03\/21\/code-m21.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 21. M\u00e4rz 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gregor Link. \u201eWir sind alle in einer Krise, die ein Ausma\u00df hat, das ich mir selbst nie h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen\u201c, erkl\u00e4rte Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts (RKI), gestern in einer Pressekonferenz. 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