{"id":7443,"date":"2020-03-27T10:20:53","date_gmt":"2020-03-27T08:20:53","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7443"},"modified":"2020-03-27T10:20:54","modified_gmt":"2020-03-27T08:20:54","slug":"streiks-gegen-die-reaktion-der-regierungen-auf-die-corona-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7443","title":{"rendered":"Streiks gegen die Reaktion der Regierungen auf die Corona-Pandemie"},"content":{"rendered":"<p><em>Allison Smith und Alex Lantier. <\/em><strong>In ganz Europa w\u00e4chst die soziale Wut der Arbeiter \u00fcber die Versuche der nationalen Regierungen, der Unternehmensverb\u00e4nde und der Gewerkschaftsb\u00fcrokratien, sie trotz der ausufernden Coronavirus-Pandemie<!--more--> zur Weiterarbeit in nicht lebensnotwendigen Branchen zu zwingen. Diese Wut \u00e4u\u00dfert sich auch in zunehmenden Streiks.<\/strong><\/p>\n<p>In Italien und Frankreich sind bereits seit \u00fcber einer Woche Ausgangssperren in Kraft. Auch in Gro\u00dfbritannien, Spanien und einem Gro\u00dfteil von Deutschland wurden weitreichende Beschr\u00e4nkungen eingef\u00fchrt. Die Zahl der Infizierten steigt jedoch weiter rapide an. Am Donnerstag wuchs die Zahl der weltweiten F\u00e4lle auf 529.137. Inzwischen sind rund 24.000 Menschen an den Folgen des Virus gestorben. In Europa verzeichnete Spanien 8.217 neue F\u00e4lle und 718 Tote; Italien 6.203 neue F\u00e4lle und 712 Tote; Deutschland 6.615 neue F\u00e4lle und 61 Tote; Frankreich 3.922 neue F\u00e4lle und 365 Tote; Gro\u00dfbritannien 2.129 neue F\u00e4lle und 115 Tote; die Schweiz 914 neue F\u00e4lle und 38 Tote.<\/p>\n<p>In ganz Europa hat die breite Masse der Arbeiter keinen Zugang zu Tests und \u00e4rztlicher Behandlung im Krankenhaus. Stattdessen wird ihnen empfohlen, Schmerzmittel zu nehmen und zu Hause abzuwarten, ob sie eine schwere Lungenentz\u00fcndung entwickeln. Das Ergebnis sind Trag\u00f6dien wie der Tod der 36-j\u00e4hrigen dreifachen Mutter Kayla Williams im S\u00fcden Londons. Letzte Woche, am 20. M\u00e4rz, erkl\u00e4rten ihr Rettungskr\u00e4fte, sie k\u00f6nne nicht ins Krankenhaus aufgenommen werden, da sie kein \u201ePriorit\u00e4tsfall\u201c sei. Einen Tag sp\u00e4ter starb sie zuhause an COVID-19.<\/p>\n<p>Die Arbeiter sind zutiefst emp\u00f6rt \u00fcber das Verhalten der Konzerne, die trotz milliardenschwerer staatlicher Rettungspakete fordern, dass die Besch\u00e4ftigten weiterhin Profite f\u00fcr die Investoren erarbeiten, deren aufgebl\u00e4hte Verm\u00f6gen von st\u00e4ndigen staatlichen Geldspritzen abh\u00e4ngig sind. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass so viele Arbeiter wie m\u00f6glich \u2013 bei vollem Lohn \u2013 zu Hause bleiben, um die Ausbreitung der Krankheit zu beschr\u00e4nken. Da vermehrte soziale Kontakte am Arbeitsplatz unweigerlich zu weiteren Toten durch COVID-19 f\u00fchren werden, stehen die Arbeiter vor der Frage: Wie viele von ihnen sind bereit, f\u00fcr die Profite der Superreichen zu sterben?<\/p>\n<p>Am Mittwoch gingen die Metallarbeiter in den Regionen Mailand und Rom in einen eint\u00e4gigen Streik, zu dem die Gewerkschaften aufgerufen hatten. Vor zwei Wochen hatten spontane Streiks in ganz Italien die Regierung von Ministerpr\u00e4sident Giuseppe Conte und die korrupten Gewerkschaften dazu gezwungen, eine landesweite Ausgangssperre zu vereinbaren. Im Vorfeld des Metallarbeiterstreiks war es wiederholt zu Streiks in Amazon-Betrieben gekommen, u.a. in dem riesigen Logistikzentrum in Torrazza Piemonte. Zudem hatten die Besch\u00e4ftigten und Besitzer von Tankstellen mit Arbeitsniederlegungen gedroht.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Unbenanntes-Bild-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7444\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Unbenanntes-Bild-1.jpg 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Unbenanntes-Bild-1-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><strong>Das Kolosseum in Rom spiegelt sich in einer Wasserpf\u00fctze mit einer weggeworfenen Gesichtsmaske. Am 8. M\u00e4rz wurde es im Rahmen der vorbeugenden Ma\u00dfnahmen gegen \u00f6ffentliche Versammlungen geschlossen. (Alfredo Falcone\/LaPresse via AP)<\/strong> <\/figcaption><\/figure>\n<p>Doch in Italien und ganz Europa sind gro\u00dfe Teile der Arbeiter noch immer zum Arbeiten gezwungen, u.a. bei der Post, in Lebensmittelgesch\u00e4ften und Banken. Auch sie diskutieren \u00fcber Streiks und sind w\u00fctend dar\u00fcber, dass sie oft nicht lebenswichtige Arbeiten leisten m\u00fcssen und keine Masken oder Schutzausr\u00fcstung gegen das Coronavirus bekommen.<\/p>\n<p>Ein Angestellter eines Lebensmittelgesch\u00e4fts, der in einem Arbeitervorort s\u00fcdlich von Madrid lebt, schilderte gegen\u00fcber der Presse seine Angst und Wut dar\u00fcber, dass er unter unsicheren Bedingungen weiterarbeiten muss, obwohl bereits 12.000 Einwohner der Stadt infiziert, 1.500 gestorben und mehr als 1.000 Menschen in Intensivbehandlung sind: \u201eWir sind wie die Zwischendeck-Passagiere auf der Titanic\u201c, sagte er. \u201eWir riskieren unser Leben f\u00fcr nichts. Man hat uns verraten.\u201c<\/p>\n<p>Im Amazon-Warenverteilzentrum im franz\u00f6sischen Saran hatte sich letzte Woche ein Gro\u00dfteil der Arbeiter krankgemeldet. Mehrere Hundert von ihnen forderten bei einem Treffen mit Vertretern der Gewerkschaften und des Managements das Recht auf bezahlte Freistellung, wenn am Arbeitsplatz eine unmittelbare Gefahr f\u00fcr ihr Leben herrscht \u2013 die franz\u00f6sischen Gesetze garantieren dieses Recht. Ein Arbeiter in Saran erkl\u00e4rte dazu: \u201eEin Paket wird oft zwanzigmal von verschiedenen Leuten angefasst. Wir kommen jeden Tag mit Angst in der Kehle zur Arbeit. So kann es nicht weitergehen.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie Gesichtsmasken, Desinfektionsmittel und andere wichtige Schutzausr\u00fcstung in die ganze Welt verschicken, erhalten die Arbeiter in Saran selbst keine Schutzausr\u00fcstung. Zudem m\u00fcssen sie oft so eng zusammenstehen, dass sie die vorgeschriebenen zwei Meter Sicherheitsabstand nicht einhalten k\u00f6nnen. Ein anderer Arbeiter kommentierte die Versuche des Managements, den Arbeitern diese lebensgef\u00e4hrlichen Zust\u00e4nde mit einer mickrigen Lohnerh\u00f6hung von zwei Euro brutto schmackhaft zu machen: \u201eDas ist einfach besch\u00e4mend.\u201c Er habe abgelehnt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig kam es zu Arbeitsniederlegungen in den PSA-Autowerken in Mulhouse und Tr\u00e9mery, dem Toyota-Werk in Onnaing, dem Renault-Werk in Sandouville, dem Bombardier-Werk in Crespin und der Schiffswerft\u00a0<em>Chantiers de l&#8217;Atlantique<\/em>\u00a0in Saint Nazaire. Die Besch\u00e4ftigten in diesen Werken beriefen sich dabei alle auf ihr Recht, unmittelbare Bedrohungen f\u00fcr ihr Leben am Arbeitsplatz zu meiden.<\/p>\n<p>Die Vertreter der herrschenden Klasse sind sich akut dar\u00fcber bewusst, dass sie in der Frage, wer die Kontrolle \u00fcber die Fabriken aus\u00fcbt, von den Arbeitern herausgefordert werden. Bei ihnen geht die Angst um. Der Vizepr\u00e4sident der franz\u00f6sischen Unternehmervereinigung MEDEF, Patrick Martin, warnte: \u201eIn allen Branchen, auch in vielen, deren Aktivit\u00e4t nicht durch Gesundheitsma\u00dfnahmen verboten wurde, gibt es einen extrem brutalen Umschwung in der Haltung der Arbeiter.\u201c Er tat die Reaktion der Arbeiter auf die t\u00f6dliche Bedrohung durch COVID-19 als \u201e\u00dcberreaktion\u201c ab und klagte, das Management k\u00f6nne \u201ewegen des Drucks der Arbeiter die Produktion nicht mehr fortsetzen.\u201c<\/p>\n<p>Am Mittwoch legten in Nordirland die Arbeiter der Lebensmittelbetriebe ABP Meats in Lurgan und Moy Park in Seagoe, Portadown und Co Armagh die Arbeit nieder. Die Besch\u00e4ftigten dort gelten als \u201eunentbehrliche Arbeiter\u201c, da ihre Arbeit eine gro\u00dfe Rolle dabei spielt, die Nahrungsmittelversorgung der Bev\u00f6lkerung zu gew\u00e4hrleisten. Doch trotz ihrer angeblich kritischen Bedeutung setzt man die Arbeiter dort entsetzlichen, sogar lebensgef\u00e4hrlichen Bedingungen aus.<\/p>\n<p>Die streikenden Arbeiter bei ABP, dessen Besitzer Larry Goodman laut Sch\u00e4tzungen ein Verm\u00f6gen von 2,45 Milliarden Euro besitzt, forderten Ma\u00dfnahmen zur sozialen Distanzierung am Arbeitsplatz und eine gr\u00fcndliche Reinigung der Arbeitspl\u00e4tze von Kollegen, die positiv auf COVID-19 getestet wurden. Besch\u00e4ftigte von Moy Park, einem britischen Unternehmen, das auch in Irland, Frankreich und den Niederlanden t\u00e4tig ist, twitterten\u00a0<a href=\"https:\/\/twitter.com\/SJAMcBride\/status\/1242835069703774208\"><strong>Bilder<\/strong><\/a>\u00a0von Arbeitern, die gezwungen waren, in einer \u00fcberf\u00fcllten Kantine zu essen und dabei gegen grundlegende Sicherheitsvorgaben zur Vermeidung von Infektionen zu versto\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn die Arbeiter erfolgreich gegen die Pandemie und die verantwortungslose Politik der Kapitalistenklasse k\u00e4mpfen wollen, m\u00fcssen sie ihre K\u00e4mpfe durch Aktionskomitees organisieren, die unabh\u00e4ngig von den Gewerkschaften agieren. Sie d\u00fcrfen den Gewerkschaftsb\u00fcrokratien keinerlei Vertrauen schenken, da diese von den gleichen Konzernen und Regierungen kontrolliert und finanziert werden, die versuchen, die Arbeiter wieder an ihre Arbeitspl\u00e4tze zu zwingen. Schon jetzt hat die Pandemie gezeigt, dass die Arbeiter selbst die Kontrolle \u00fcber Industriebetriebe \u00fcbernehmen m\u00fcssen, um die Gesundheit der Bev\u00f6lkerung zu sch\u00fctzen. Doch die Krise zeigt zudem immer deutlicher, dass die Arbeiter auch die politische Macht \u00fcbernehmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das ist die Lehre aus den Verhandlungen der Gewerkschaften mit Conte und dem italienischen Branchenverband Confindustria am Mittwoch w\u00e4hrend des eint\u00e4gigen Streiks. Confindustria forderte die Einstellung aller Streiks, w\u00e4hrend Conte behauptete, das Land k\u00f6nne sich Streiks \u201enicht leisten\u201c. Die Gewerkschaften gaben einem schmutzigen Deal ihren Segen, indem geregelt ist, dass die Unternehmen zusammen mit der Polizei Zertifkate ausstellen d\u00fcrfen, die den Unternehmen bescheinigen, dass ihr Betrieb \u201eunentbehrlich\u201c sei. Dadurch k\u00f6nnten sie die Arbeiter zur Weiterarbeit zwingen.<\/p>\n<p>Die wohlhabenden Funktion\u00e4re der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie haben einen Deal unterzeichnet, der sich in bewusster Feindschaft gegen die Forderungen der Arbeiter richtet, zu Hause zu bleiben. In einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung mit Confindustria erkl\u00e4rten die Gewerkschaften, Polizeipr\u00e4fekten w\u00fcrden \u201eterritoriale Organisationen einbinden, um die Selbst-Zertifizierung von Unternehmen zu unterst\u00fctzen. Dadurch kann bescheinigt werden, dass diese Unternehmen Aktivit\u00e4ten durchf\u00fchren, die entscheidend zur Aufrechterhaltung grundlegender Versorgungsketten beitragen.\u201c<\/p>\n<p>Die Behauptung, Italien oder Europa k\u00f6nnten sich keine Streiks leisten, ist eine politische L\u00fcge. In Wahrheit kann sich Europa nicht leisten, dass eine massive Zahl von Arbeitern aufgrund einer Politik zu Tode kommt, die darauf ausgerichtet ist, die Finanzaristokratie noch reicher zu machen.<\/p>\n<p>Die Konzerne und die milliardenschweren Investoren haben ein Hilfspaket in H\u00f6he von 750 Milliarden Euro von der Europ\u00e4ischen Zentralbank erhalten, ein Rettungspaket in H\u00f6he von 1,1 Billionen Euro in Deutschland, und Subventionen in dreistelliger Milliardenh\u00f6he von allen europ\u00e4ischen Staaten, deren Gro\u00dfteil an die gro\u00dfen Unternehmen flie\u00dft. Ein kleiner, aber nicht unbedeutender Teil dieser Gelder ist f\u00fcr die Gewerkschaftsb\u00fcrokratie vorgesehen. Und da die Superreichen die COVID-19-Pandemie ausnutzen, um Billionen Euro zu kassieren, treffen sie Ma\u00dfnahmen, die sicherstellen, dass die Pandemie weitergeht.<\/p>\n<p>Zwischen den Arbeitern und der Finanzaristokratie bahnt sich eine entscheidende Konfrontation an.<\/p>\n<p>Unter den Arbeitern in ganz Europa w\u00e4chst die Wut \u00fcber die Unf\u00e4higkeit der Regierungen, wirksam auf die Pandemie zu reagieren. In Frankreich glauben laut einer Umfrage von Odoxa 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung, dass ihnen die Regierung nicht die Wahrheit sagt. 79 Prozent glauben nicht, dass sie eine klare Politik hat, w\u00e4hrend 88 Prozent der Meinung sind, die Ausgangssperren h\u00e4tten fr\u00fcher in Kraft treten m\u00fcssen. Doch die zentrale Achse der franz\u00f6sischen Pandemiepolitik ist die gleiche wie in ganz Europa: gegen den R\u00fcckzug der Bev\u00f6lkerung nach Hause, Verachtung f\u00fcr Sicherheitsma\u00dfnahmen und die Weigerung, ausreichend Tests und medizinische Versorgung f\u00fcr Erkrankte zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p>Der Weg vorw\u00e4rts besteht in einem revolution\u00e4ren Kampf der Arbeiterklasse f\u00fcr die Beschlagnahmung der riesigen Summen von \u00f6ffentlichen Geldern, die an die Superreichen verteilt werden, und der Einsatz dieser Mittel f\u00fcr ein sozialistisches Programm. Ein international koordinierter Kampf gegen die COVID-19-Pandemie ist ein wichtiger Bestandteil dieses Programms.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/03\/27\/euro-m27.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 27. M\u00e4rz 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allison Smith und Alex Lantier. 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