{"id":7465,"date":"2020-03-30T09:16:58","date_gmt":"2020-03-30T07:16:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7465"},"modified":"2020-03-30T09:16:59","modified_gmt":"2020-03-30T07:16:59","slug":"europa-mehr-als-25-000-pandemie-tote-infolge-zerstoerter-gesundheitssysteme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7465","title":{"rendered":"Europa: Mehr als 25.000 Pandemie-Tote infolge zerst\u00f6rter Gesundheitssysteme"},"content":{"rendered":"<p><em>Thomas Scripps and Alice Summers. <\/em><strong>Am Sonntag schoss die Zahl der Todesf\u00e4lle durch das Coronavirus erneut in die H\u00f6he. Mehrere L\u00e4nder verzeichneten den bisher h\u00f6chsten Anstieg an einem Tag. Insgesamt meldeten die europ\u00e4ischen Staaten<!--more--> am Sonntagabend fast 400.000 Coronavirus-Infizierte. In nur sechs Wochen ist die Zahl der Todesf\u00e4lle von Null auf \u00fcber 25.000 angestiegen.<\/strong><\/p>\n<p>In Italien stieg die Zahl der Toten am Wochenende um \u00fcber 1.600 auf nahezu 11.000. Die Zahl der gemeldeten Infektionen n\u00e4hert sich der 100.000-Schwelle und ist bereits h\u00f6her als in China. Es wird bef\u00fcrchtet, dass die \u00e4rmeren Regionen im S\u00fcden des Landes bald genauso unter Druck geraten werden wie der reichere Norden.<\/p>\n<p>In Spanien kamen dieses Wochenende sogar noch mehr neue Todesf\u00e4lle (1672 F\u00e4lle) hinzu als in Italien. Das Land verzeichnete am Sonntagabend eine Gesamtzahl von 6606 Todesf\u00e4llen. Die Gesamtzahl der Infizierten stieg auf fast 80.000.<\/p>\n<p>Deutschland z\u00e4hlte am Sonntagabend fast 500 Tote und \u00fcber 60.000 Infizierte. In Frankreich stieg die Zahl der Toten um \u00fcber 600 auf 2.609. Die Gesamtzahl der Infizierten \u00fcberschritt dort die 38.000. Mittlerweile sind in Frankreich 4.000 Menschen auf lebenserhaltende Ma\u00dfnahmen angewiesen, und schon jedes zweite Bett mit Beatmungsger\u00e4t ist belegt. Die Regierung verl\u00e4ngerte die Ausgangssperre um zwei Wochen.<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien stieg die Zahl der Toten ebenfalls bedenklich an; seit Freitagabend stieg sie um fast 500 auf 1.231, und die Zahl der best\u00e4tigten Infektionen betrug fast 20.000. Wie in den meisten L\u00e4ndern, wird die Zahl der Infizierten durch den Mangel an Tests k\u00fcnstlich niedrig gehalten. Wie stark sich die Krankheit wirklich ausbreitet, verdeutlicht die Tatsache, dass Premierminister Boris Johnson, Gesundheitsminister Matt Hancock und der oberste medizinische Berater Chris Whitty allesamt positiv getestet wurden. Auch Prinz Charles hat sich bereits infiziert.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"556\" height=\"320\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/bert.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7466\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/bert.png 556w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/bert-300x173.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 556px) 100vw, 556px\" \/><figcaption>Cartoon von Harm Bengen (www.harmbengen.de)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nachdem die Regierungen in Europa die Gesundheitssysteme jahrelang dezimiert und der Auspl\u00fcnderung durch die Privatwirtschaft \u00fcberlassen haben, sind die mehr als 500 Millionen Einwohner des Kontinents leichte Beute f\u00fcr die COVID-19-Pandemie. Unmittelbar bevor Johnson positiv getestet wurde, war er vor seinem Amtssitz in der Downing Street noch an einer nationalen Demonstration zur Unterst\u00fctzung der \u00fcberlasteten \u00c4rzte, Pflegekr\u00e4fte und des Personals des National Health Service (NHS) aufgetreten. Um 20 Uhr kamen Millionen Menschen aus ihren H\u00e4usern, um ihnen zu applaudieren und auf T\u00f6pfe und Pfannen zu schlagen. Zuvor hatten die Nachrichten Berichte von \u00fcberlasteten Krankenh\u00e4usern und \u00fcberarbeitetem Personal gebracht, das ohne Schutzausr\u00fcstung arbeitet und sich deshalb ansteckt. Diese Szenen sind in Italien, Spanien und dem Rest Europas bereits allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p>Johnsons Teilnahme war ein Akt von ungeheurem Zynismus \u2013 nicht nur weil seine wochenlange Unt\u00e4tigkeit die Ausbreitung des Coronavirus erm\u00f6glicht hat, sondern weil der NHS w\u00e4hrend der letzten zehn Jahre von seiner Partei so kaputtgespart wurde, dass er der jetzigen Herausforderung nicht mehr gewachsen ist.<\/p>\n<p>Die Gesundheitsausgaben pro Kopf sind in den sieben Jahren von 2009\/2010 bis 2016\/2017 um nur 0,6 Prozent gestiegen; zwischen 1996\/1997 und 2009\/2010 betrug der Anstieg noch 5,4 Prozent. Im Jahr 2015 wurde der NHS angewiesen, bis 2020 seine \u201eEffizienz\u201c durch Einsparungen in H\u00f6he von zweiundzwanzig Milliarden Pfund zu steigern. Im Jahr 2018\/2019 waren 47 Prozent der NHS-Trusts und 67 Prozent der Trusts von Akutkrankenh\u00e4usern defizit\u00e4r. Das Gesamtdefizit wird auf f\u00fcnf Milliarden Pfund gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Unter den Industrienationen ist die Zahl der \u00c4rzte und Pflegekr\u00e4fte pro Kopf nur in Polen noch niedriger als in Gro\u00dfbritannien. Der Durchschnittswert der OECD liegt bei 3,6 \u00c4rzten und 10,1 Pflegekr\u00e4ften auf tausend Einwohner; in Gro\u00dfbritannien liegt er bei 2,8 bzw. 7,9. Es gibt derzeit 44.000 freie Stellen im Pflegebereich (zw\u00f6lf Prozent der notwendigen Arbeitskr\u00e4fte) und 10.000 freie Stellen f\u00fcr \u00c4rzte. Insgesamt gibt es beim NHS 100.000 freie Stellen, d.h. etwa eine freie Stelle auf zw\u00f6lf Arbeitspl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Die Zahl der Krankenhausbetten ist dramatisch gesunken \u2013 von 2010 bis 2019 hat sie um 17.230 auf insgesamt 127.225 Betten abgenommen. 1987 gab es noch 299.000 Betten. Dabei ist die Bev\u00f6lkerung seither um mehr als neun Millionen Menschen angewachsen und \u00e4lter geworden. Die Zahl der Betten auf tausend Einwohner ist von vier im Jahr 2000 auf 2,5 gesunken.<\/p>\n<p>Riesige Etatk\u00fcrzungen im Gesundheitswesen haben zu chronisch \u00fcberf\u00fcllten Krankenh\u00e4usern gef\u00fchrt, die Zahl der belegten Betten im station\u00e4ren und akuten Bereich liegt im Winter regelm\u00e4\u00dfig bei \u00fcber 95 Prozent. Mit Wartungen und Reparaturen ist der NHS im R\u00fcckstand, wobei allein die H\u00e4lfte davon sicherheitsrelevante Bereiche im Wert von sechs Milliarden Pfund betrifft.<\/p>\n<p>Auch in Frankreich wurde das Gesundheitswesen durch die K\u00fcrzungen und so genannte \u201eModernisierungsbestrebungen\u201c der letzten drei\u00dfig Jahre dezimiert. Zwischen 2000 und 2015 sank die Zahl der Krankenbetten um etwa f\u00fcnfzehn Prozent. Zwischen 2003 und 2016 gingen etwa 64.000 station\u00e4re Betten verloren.<\/p>\n<p>Nach jahrelangen Haushaltsk\u00fcrzungen verzeichneten 48 Prozent der franz\u00f6sischen Krankenh\u00e4user im Jahr 2016 ein Defizit. Zwischen 2002 und 2012 hat sich die Verschuldung im \u00f6ffentlichen Gesundheitswesen verdreifacht.<\/p>\n<p>Ein Gesetzesentwurf aus dem Jahr 2018 forderte Einsparungen im Gesundheitswesen in H\u00f6he von 960 Millionen Euro, gefolgt von weiteren 910 Millionen Euro im Jahr 2019. Im Juli 2019 verabschiedete der franz\u00f6sische Senat einen weiteren Gesetzesentwurf, der erneut Einsparungen im Gesundheitswesen in H\u00f6he von 3,8 Milliarden Euro bis 2022 vorsieht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des letzten Jahres streikte das medizinische Personal in Frankreich in \u00fcber 200 Einrichtungen. Immer wieder gingen die Pflegekr\u00e4fte gegen diesen verheerenden Angriff auf das Gesundheitswesen und die Angriffe auf ihre L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>In Italien hat die Regierung den Etat f\u00fcr das \u00f6ffentliche Gesundheitswesen im Jahr 2012 um 900 Millionen Euro gek\u00fcrzt, 2013 um weitere 1,8 Milliarden Euro, und im Jahr 2014 nochmals um zwei Milliarden Euro. Im Jahr 2016 haben achtzehn der zwanzig italienischen Regionen ihren j\u00e4hrlichen Gesundheitsetat innerhalb der ersten sechs Monate \u00fcberschritten.<\/p>\n<p>Im italienischen Gesundheitswesen sank die Zahl der Besch\u00e4ftigten zwischen 2009 und 2016 von 693.716 auf 648.663 Personen (um 6,5 Prozent). Die Zahl der Krankenbetten sank von 218.264 auf 192.548 (um elf Prozent). Die Wartezeit f\u00fcr einen Facharztbesuch hat sich von 2014 bis 2017 im Durchschnitt von 20 auf 27 Tage erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>Spanien gibt pro Kopf f\u00fcr das Gesundheitswesen etwa f\u00fcnfzehn Prozent weniger aus als die EU-L\u00e4nder im Durchschnitt. Im Jahr 2012 verabschiedete die konservative PP-Regierung unter Mariano Rajoy eine Gesundheitsreform, die K\u00fcrzungen in H\u00f6he von sieben Milliarden Euro \u00fcber zwei Jahre vorsah. Dutzende von \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern und andere Gesundheitseinrichtungen wurden privatisiert oder geschlossen, und fast 20.000 Stellen in der Pflege wurden abgebaut.<\/p>\n<p>Die Zahl der Krankenhausbetten ist zwischen 2010 und 2016 um 4,26 Prozent bzw. von 115.426 auf 110.509 gesunken. Das bedeutet, auf tausend Menschen kommen nur drei Betten, womit Spanien weltweit auf Platz 73 liegt. Schon vor der Pandemie sind die Wartezeiten f\u00fcr wichtige Operationen immer l\u00e4nger geworden, in einigen Landesteilen mussten Patienten bis zu 177 Tage auf eine Operation warten.<\/p>\n<p>Die Folgen f\u00fcr die europ\u00e4ische Arbeiterklasse sind brutal. In dem Bericht der Europ\u00e4ische Kommission, \u201eGesundheit auf einen Blick\u201c (2018), hei\u00dft es: \u201eDie Lebenserwartung hat sich in den zehn Jahren von 2001 bis 2011 zwar in allen EU-Staaten um mindestens zwei bis drei Jahre erh\u00f6ht, allerdings hat sich der Anstieg seit 2011 in vielen L\u00e4ndern verlangsamt, vor allem in Westeuropa. Zwischen 2011 und 2016 betrug er nur weniger als ein halbes Jahr.\u201c<\/p>\n<p>Die schrecklichen Folgen der K\u00fcrzungen im \u00f6ffentlichen Gesundheitswesen durch Regierungen aller politischen Richtungen fasst die Studie wie folgt zusammen: \u201eIm Jahr 2015 starben in den EU-Staaten mehr als 1,2 Millionen Menschen an Krankheiten und Verletzungen, die durch eine st\u00e4rkere \u00f6ffentliche Gesundheitspolitik entweder vermieden oder rechtzeitig h\u00e4tten behandelt werden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Angesichts der Coronavirus-Pandemie ist eine Feststellung der Studie bemerkenswert: \u201eDieser R\u00fcckgang scheint in Zusammenhang zu stehen mit einer Verlangsamung in der Rate der Verringerung von Todesf\u00e4llen durch Kreislaufkrankheiten und\u00a0<em>periodische Erh\u00f6hungen der Sterblichkeitsraten unter \u00c4lteren, besonders in\u00a0einer schweren Grippesaison, wie es sie\u00a0in\u00a0mehreren\u00a0Jahren\u00a0gab<\/em>\u201c (Hervorhebung hinzugef\u00fcgt).<\/p>\n<p>Am st\u00e4rksten sind von diesem Trend die unterdr\u00fccktesten Teile der Arbeiterklasse betroffen. In der Studie hei\u00dft es dazu: \u201eIm EU-weiten Durchschnitt liegt die Lebenserwartung eines Drei\u00dfigj\u00e4hrigen mit geringer Bildung acht Jahre niedriger als bei einer Person mit Universit\u00e4tsabschluss.\u201c Bei Frauen betr\u00e4gt dieser Abstand vier Jahre. \u201eDiese Unterschiede gehen haupts\u00e4chlich auf eine unterschiedliche Belastung durch Risikofaktoren zur\u00fcck, aber auch auf Disparit\u00e4ten beim Zugang zu gesundheitlicher Versorgung.\u201c<\/p>\n<p>Die COVID-19-Pandemie bringt die Folgen der jahrzehntelangen Sparorgie im Gesundheitswesen klar sichtbar zum Ausdruck. Der Austerit\u00e4tskurs wurde mit der Behauptung gerechtfertigt, f\u00fcr dringende soziale Bed\u00fcrfnisse sei kein Geld vorhanden. Allerdings stellen die Regierungen in ganz Europa den Konzernen heute hunderte Milliarden zur Verf\u00fcgung. Der Austerit\u00e4tskurs war also reine Klassenpolitik: eine soziale Verw\u00fcstung zugunsten der Bereicherung einer winzigen Elite.<\/p>\n<p>Die Arbeiterklasse muss darauf mit ihrem eigenen Klassenprogramm des sozialistischen Internationalismus reagieren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/03\/30\/euro-m30.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 30. M\u00e4rz 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Scripps and Alice Summers. Am Sonntag schoss die Zahl der Todesf\u00e4lle durch das Coronavirus erneut in die H\u00f6he. Mehrere L\u00e4nder verzeichneten den bisher h\u00f6chsten Anstieg an einem Tag. 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