{"id":7484,"date":"2020-04-01T08:57:03","date_gmt":"2020-04-01T06:57:03","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7484"},"modified":"2020-04-01T08:57:04","modified_gmt":"2020-04-01T06:57:04","slug":"covid-19-das-gespenst-der-depression-und-die-grenzen-des-kapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7484","title":{"rendered":"Covid-19, das Gespenst der Depression und die Grenzen des Kapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Pablo Anino. <\/em><strong>Um die Krise einzud\u00e4mmen, forderte Mario Draghi, ehemaliger Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Zentralbank, eine Mobilisierung aller Ressourcen, als ob es sich um einen Krieg handeln w\u00fcrde. Die eigentliche Frage lautet:<!--more--> Die Verluste vergesellschaften oder die Gesellschaft umstrukturieren?<\/strong><\/p>\n<p>Die unmittelbaren Folgen des Covid-19 sind offensichtlich: wirtschaftlicher R\u00fcckgang, steigende Arbeitslosigkeit, Lohnk\u00fcrzungen und eine drohende Unterbrechung der globalen Zahlungskette, die m\u00f6glicherweise zu Konkursen bei Unternehmen und Banken f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber im durch das Virus errichteten Reich der Unsicherheit zeichnen sich mit wachsender Deutlichkeit einige weitergehende Trends ab. W\u00e4hrend noch vor wenigen Tagen eine Rezession nur f\u00fcr die erste Jahresh\u00e4lfte vorhergesagt wurde, lautet die wahrscheinlichste Diagnose nun, dass der Wirtschaftsabschwung das gesamte Jahr anstecken wird. Das bedeutet, dass die Weltproduktion im Jahr 2020 niedriger sein wird als 2019. Das Ph\u00e4nomen einer ganzj\u00e4hrigen Rezession, die den ganzen Planeten umfasst, ist ein \u201eseltsames\u201c Ereignis in den letzten Jahrzehnten: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat das nur 2009 stattgefunden, aufgrund der internationalen Finanzkrise.<\/p>\n<p>Kristalina Georgieva, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Internationalen W\u00e4hrungsfonds, nutzte haarstr\u00e4ubende Vergleichsparameter: \u201eWir erwarten eine mindestens ebenso schwere oder noch schlimmere Rezession wie w\u00e4hrend der globalen Finanzkrise, aber wir erhoffen uns eine Erholung im Jahr 2021.\u201c Kristalinas \u201eWir erhoffen uns\u201c beschreitet die Wege des Glaubens, des Begehrens, aber zur Zeit gibt es keinen sichtbaren Ausweg aus der Katastrophe, die die Lebensbedingungen der Menschen auf dem ganzen Planeten bedroht und zu Ver\u00e4nderungen (die Zukunft wird zeigen, wie tief) in der Denkweise f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin warnte vor dem Ernst der Weltlage, fokussierte den Blick jedoch auf den Kapitalabzug aus den abh\u00e4ngigen, r\u00fcckst\u00e4ndigen, halbkolonialen \u00d6konomien in die imperialistischen Finanzzentren: \u201eSeit Beginn der Krise haben die Investoren bereits 83 Milliarden US-Dollar aus den Schwellenl\u00e4ndern abgezogen, der gr\u00f6\u00dfte Kapitalabfluss, der je verzeichnet wurde\u201c. Hinzu kommt der R\u00fcckgang der Rohstoffpreise, der viele dieser L\u00e4nder in den Bankrott f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Kristalina behauptete, der IWF bereite sich darauf vor, seine gesamte Kreditvergabekapazit\u00e4t einzusetzen: eine Billion US-Dollar, eine riesige Zahl, die im Vergleich das Doppelte der argentinischen Produktion in einem Jahr ausmacht. Wie der gr\u00f6\u00dfte Kredit in seiner Geschichte, der der Regierung von Macri gew\u00e4hrt wurde, eklatant gezeigt hat, ist der IWF ein Retter der letzten Instanz, der hilft, die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung zu Grabe zu tragen und die Wenigen, die bereits gerettet sind, f\u00fcr immer zu retten.<\/p>\n<p><strong>Marx und die tiefgr\u00fcndigen Tendenzen des Kapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Karl Marx analysierte nicht nur die Widerspr\u00fcche, die zu kapitalistischen Krisen f\u00fchren (die sich beispielsweise unter bestimmten Umst\u00e4nden in einem R\u00fcckgang der Profitrate, einem Parameter f\u00fcr den \u201eGesundheitszustand\u201c des Kapitalismus, \u00e4u\u00dfern), sondern ebenso die Gegentendenzen, die eine (wenn auch nur teilweise) Erneuerung des kapitalistischen Konjunkturzyklus erm\u00f6glichen. Kurz gesagt: Zunahme des relativen Mehrwertes; Abnahme des Wertes des festen und zirkulierenden konstanten Kapitals; \u00d6ffnung neuer Grenzen f\u00fcr den Au\u00dfenhandel; Lohnsenkung unter ihren Wert (oder absoluter Mehrwert); Ausschaltung von Konkurrenten durch Marktmechanismen oder durch Krieg.<\/p>\n<p>Die realen Investitionen (nicht die spekulativen, die in den letzten Jahrzehnten zugenommen haben) erm\u00f6glichen die Einbeziehung neuer Technologien oder Innovationen in die Organisation des Produktionsprozesses, die die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit verk\u00fcrzen, welche f\u00fcr die G\u00fcterproduktion erforderlich ist, d.h. sie erh\u00f6hen die Produktivit\u00e4t und beg\u00fcnstigen die Erneuerung der Gewinne: die Erh\u00f6hung des relativen Mehrwerts, wie Marx es nannte. Dasselbe tr\u00e4gt zur Gesundheit des Kapitals bei, indem es Maschinen und alle von der Produktion verbrauchten G\u00fcter billiger macht (Wertminderung des festen und zirkulierenden konstanten Kapitals).<\/p>\n<p>Die Steigerung des relativen Mehrwerts kann man vielleicht als den Mechanismus bezeichnen, der im heutigen Kapitalismus am wenigsten wirkt. Oder zumindest ist es das, was seit der Krise von 2008 passiert. Es sind die geringen Investitionen und der langsame Produktivit\u00e4tsfortschritt, welche \u2013 wie die marxistische Wirtschaftswissenschaftlerin Paula Bach erkl\u00e4rt \u2013 in gewisser Weise \u201eThermometer\u201c f\u00fcr die Anwendung neuer Technologien sind. Damit einhergehend, so k\u00f6nnte man hinzuf\u00fcgen, ist es auch schwierig, eine Verbilligung der von den Unternehmen verbrauchten Maschinen, G\u00fcter und Rohstoffe festzustellen. Vielleicht k\u00f6nnte das Kapital einen Anreiz in dem j\u00fcngsten R\u00fcckgang der Rohstoffpreise finden, der jedoch widerspr\u00fcchlicherweise nicht auf eine Senkung der Produktionskosten, sondern auf einen krisenbedingten Nachfrager\u00fcckgang zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<\/p>\n<p>Die Ausweitung des Au\u00dfenhandels oder der Kapitalexport sind weitere von Marx aufgezeigte Gegentendenzen: Die Eroberung neuer M\u00e4rkte befl\u00fcgelt die kapitalistische Wertsch\u00f6pfung. Dies ist w\u00e4hrend der so genannten neoliberalen \u201eGlobalisierung\u201c geschehen. Aber gerade ein weiteres relevantes Ph\u00e4nomen nach der Krise von 2008 ist der Verlust der Expansionsdynamik des Au\u00dfenhandels: Die \u201eGlobalisierung\u201c ist nicht mehr das, was sie einmal war. Die von Kristalina Georgieva hervorgehobene heftige Bewegung des Kapitals in Richtung der imperialistischen Zentren, die durch das Coronavirus ausgel\u00f6st wurde, ist auch symptomatisch f\u00fcr die Merkmale, die der vorwiegend spekulative Kapitalexport in den letzten Jahren erworben hat.<\/p>\n<p>Freilich weist Marx auch darauf hin, dass ein Mechanismus, der den Kapitalist*innen zu Gute kommt, die Senkung der L\u00f6hne unter das Niveau ist, das die Arbeiter*innenfamilien ben\u00f6tigen, um \u00fcber die Runden zu kommen. Lohnk\u00fcrzungen auf globaler Ebene waren ein wesentlicher Mechanismus w\u00e4hrend des Neoliberalismus: Die Verlagerung der Produktion aus den Vereinigten Staaten und aus den europ\u00e4ischen M\u00e4chten nach Ostasien und Osteuropa dehnte die internationale Arbeitskraft aus, die f\u00fcr die kapitalistische Ausbeutung zur Verf\u00fcgung stand \u2013 eine Verf\u00fcgbarkeit, die die Arbeiter*innen auf der ganzen Welt in Konkurrenz zueinander setzte, indem die L\u00f6hne nach unten gedr\u00fcckt wurden.<\/p>\n<p>Wie lange noch werden die arbeitenden Massen die zunehmende Not aushalten? Die R\u00fcckkehr des Klassenkampfes auf der Weltb\u00fchne vor dem Coronavirus \u2013 mit der chilenischen Rebellion, einer breiten Herausforderung an den Neoliberalismus oder den Streiks in Frankreich gegen die Rentenreform \u2013 sind neben anderen \u00c4u\u00dferungen auf dem ganzen Planeten ein Zeichen des \u00dcberdrusses, dass es nicht viel Raum gibt, um die Arbeit anderer weiter auszubeuten. Die Beschleunigung der Krise wird jedoch als ehernes Gesetz des Kapitalismus die Notwendigkeit auferlegen, die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung in wachsendes Elend zu st\u00fcrzen. Gerade auf der B\u00fchne des Klassenkampfes werden die M\u00f6glichkeiten definiert, ob sich das Kapital erneuern kann oder ob die Arbeiter*innenklasse neuen Alternativen Bahn brechen kann.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die Realit\u00e4t \u00e4u\u00dferst komplex, die Abgrenzung ist bis zu einem gewissen Grad analytisch, und die antizyklischen Mechanismen, die eine Wiederbelebung des Kapitals erm\u00f6glichen, wirken nicht einzeln, sondern mehr oder weniger ineinander verwoben, gleichzeitig und in instabilen Kombinationen. Obwohl manche in bestimmten historischen Perioden \u00fcber die anderen \u00fcberwiegen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese kurze Rekapitulation der wichtigen Bremsen f\u00fcr die Gegentendenzen, die es dem Kapital erlauben w\u00fcrden, seine Perspektiven zu verbessern, bedeutet nat\u00fcrlich nicht, dass dem Kapitalismus absolute Grenzen gesetzt sind: Irgendjemand wird immer in der Lage sein, hier und dort auf ein gegenteiliges Beispiel hinzuweisen. Die grunds\u00e4tzliche Frage ist, ob das Ph\u00e4nomen allgemein oder nur teilweise auftritt. Und an diesem Punkt wird ganz offensichtlich, dass die Kapitalakkumulation in jeder Hinsicht an ihre Grenzen st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/arg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7485\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/arg.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/arg-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/arg-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Als ob es ein Krieg w\u00e4re<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiterer von Marx aufgezeigter Mechanismus zur Wiederbelebung der Wirtschaft wurde absichtlich ausgelassen. Es ist die Ausschaltung von Konkurrenten: durch den Markt, wenn gro\u00dfe Unternehmen gegen das weniger effiziente kleine und mittlere Kapital vorsto\u00dfen, oder, fatalerweise, durch Krieg \u2013 nicht durch Handelskrieg, sondern durch tats\u00e4chlichen Krieg wie den, aus dem das amerikanische Kapital am Ende des Zweiten Weltkriegs als herrschende Macht hervorging.<\/p>\n<p>Im wirtschaftlichen Establishment ist die Sorge gro\u00df. Dies \u00e4u\u00dferte der ehemalige Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, in einem Interview in der\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/c6d2de3a-6ec5-11ea-89df-41bea055720b\"><strong>Financial Times<\/strong><\/a>\u00a0mit dem suggestiven Titel \u201eWir stehen vor einem Krieg gegen das Coronavirus und m\u00fcssen uns entsprechend mobilisieren\u201c. F\u00fcr den ehemaligen EZB-Pr\u00e4sidenten besteht \u201edie Herausforderung, vor der wir stehen, darin, mit gen\u00fcgend Kraft und Geschwindigkeit zu handeln, um zu verhindern, dass die Rezession in eine lang anhaltende Depression umschl\u00e4gt, die sich durch eine gro\u00dfe Zahl von Ausf\u00e4llen, die irreversible Sch\u00e4den hinterlassen, noch vertieft\u201c.<\/p>\n<p>Draghis Vorschlag, Ressourcen wie in einem Krieg zu mobilisieren, weist zu Recht darauf hin, dass damit ein unmittelbares Liquidit\u00e4tsproblem der Unternehmen angegangen werden soll: die Blutung stoppen, um eine Verschlechterung der kapitalistischen Gesundheit zu verhindern. Mit anderen Worten, ein pragmatischer Vorschlag f\u00fcr ein historisches Problem. Die von Draghi vorgeschlagene gro\u00dfe \u201eMobilisierung\u201c von Ressourcen orientiert auf die Schaffung von Geld durch die Banken, um \u201e\u00dcberziehungskredite oder offene Kreditlinien\u201c zum Nullzinssatz f\u00fcr Unternehmen zu erm\u00f6glichen. Und zwar selbstverst\u00e4ndlich \u201eunabh\u00e4ngig von den Finanzierungskosten der Regierung, die sie ausstellt\u201c. Nat\u00fcrlich hat all dies einen vermeintlich \u201eedlen\u201c Zweck: vor allem, die Unternehmen zu retten, damit sie schlie\u00dflich keine Entlassungen vornehmen und die Arbeitspl\u00e4tze erhalten bleiben.<\/p>\n<p>Ansonsten sei die Alternative \u201eeine dauerhafte Zerst\u00f6rung der Produktionskapazit\u00e4t und damit der fiskalischen Grundlage\u201c, ein wirklich sehr schwerwiegendes Ergebnis f\u00fcr die Staaten, warnt Draghi. Das stimmt. Aber in diesem Sinne w\u00fcrde die Rettung des Kapitals mit einer \u201eMobilisierung\u201c wie im Krieg die letzte der von Marx aufgezeigten Gegentendenzen verhindern: die Ausschaltung der Konkurrenten. Vorl\u00e4ufig soll eine S\u00e4uberung vermieden werden, die das Kapital im Allgemeinen \u201eam Leben\u201c halten w\u00fcrde, um den Preis, dass einige bestimmte Kapitalist*innen, die nicht sehr wettbewerbsf\u00e4hig sind, geopfert werden. Obwohl es in der Entwicklung der Krise sicherlich unvermeidlich Pleiten geben wird.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten, die von Draghi vorgeschlagene Rettung scheint vorerst darauf abzuzielen, die Zerst\u00f6rung der Produktivkr\u00e4fte in einem solchen Ausma\u00df zu verhindern, dass die \u201efittesten\u201c Kapitalist*innen gegen\u00fcber den \u201eweniger fitten\u201c sich emporheben, Marktanteile gewinnen und ihren Verwertungsbereich erweitern. Auf einer anderen Ebene ist der Wettbewerb jedoch ein unerbittliches, zerst\u00f6rerisches Monster, das irgendwann seine Arbeit verrichten wird: Er ist das, was sich beispielsweise in Form des Handelskrieges zwischen den Vereinigten Staaten und China ausdr\u00fcckt, in Wirklichkeit ein krasser Wettbewerb um die technologische und produktive Vorherrschaft.<\/p>\n<p>Doch in der Berechnung des globalen Establishments wird unter den gegenw\u00e4rtigen Umst\u00e4nden ein tief greifendes Ma\u00df an Kapitalvernichtung \u2013 eine dringende Notwendigkeit zur Wiederbelebung des Systems \u2013 als eine Bedrohung empfunden, die die kapitalistische Herrschaft in Frage stellen kann: Wer will schon die Verantwortung f\u00fcr Massenarbeitslosigkeit, f\u00fcr weit verbreitete Unternehmensbankrotte \u00fcbernehmen? Diese komplexe Realit\u00e4t zeigt eine sehr scharfe, historische Grenze der kapitalistischen Aufwertung: Das System kann nicht seine eigenen internen Mechanismen nutzen, um sich zu reinigen und eine neue Vitalit\u00e4t zu erreichen.<\/p>\n<p>Der \u00d6konom\u00a0<a href=\"https:\/\/www.infobae.com\/economia\/2020\/03\/25\/coronocrash-predicen-una-ola-mundial-de-defaults-soberanos-y-corporativos-en-medio-de-la-pandemia\/?utm_medium=Echobox&amp;utm_source=Twitter\"><strong>Jerome Ross<\/strong><\/a>\u00a0von der\u00a0<em>London School of Economics<\/em>\u00a0warnt davor, dass die Welt auf einem Berg von Staats- und Unternehmensschulden sitzt. Eine beispiellose Verschuldung, die \u201eeine gro\u00dfe internationale Schuldenkrise ausl\u00f6sen k\u00f6nnte, die den Crash und die globale Rezession von 2008\/2009 wie ein Kinderspiel erscheinen lassen wird\u201c.<\/p>\n<p>Es ist klar, dass dieser Schuldenberg schon vor dem Coronavirus existierte und auf eine ganz besondere Art und Weise entstanden ist: Wie ist es dazu gekommen? Die Staatsverschuldung erkl\u00e4rt sich weitgehend aus den Mitteln, die w\u00e4hrend der vor einem Jahrzehnt ausgebrochenen globalen Krise zur Rettung der Banken bereitgestellt wurden. Mehr als zehn Jahre sind vergangen, und die kapitalistische \u201eIntelligenz\u201c greift auf dasselbe Rezept zur\u00fcck, das die aktuelle Katastrophe verursacht hat, nur dass sie jetzt neben den monet\u00e4ren Anreizen der Steuerpolitik mehr Raum gibt.<\/p>\n<p>Es gibt noch mehr. Die Verschuldung der Unternehmen konstituierte sich auf eine ganz besondere Art und Weise, die die irrationale (oder rationale im Hinblick auf die Aufrechterhaltung von Profiten) Art und Weise zeigt, in der der Kapitalismus in den letzten Jahrzehnten gehandelt hat: Sie ist gr\u00f6\u00dftenteils auf Geld zur\u00fcckzuf\u00fchren, das aus billigen Krediten stammt, die von Unternehmen zum Kauf ihrer eigenen Aktien aufgenommen wurden.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.cadtm.org\/Para-afrontar-esta-crisis-multidimensional-hay-que-expropiar-a-los-banqueros-y\"><strong>Eric Toussaint<\/strong><\/a>\u00a0weist darauf hin, dass an der Spitze dieses Ph\u00e4nomens Google, Apple, Amazon und Facebook stehen, dann die US-Banken, die Industrie\u2011, Energie- und Rohstoffsektoren: \u201eDie gesamten R\u00fcckk\u00e4ufe in allen Sektoren in den Vereinigten Staaten erreichten zwischen 2009 und 2019 \u00fcber 5,25 Billionen Dollar\u201c, was einem Viertel der US-Jahresproduktion entspricht.<\/p>\n<p>Diese Aktienr\u00fcckkaufpolitik wurde auch durch die von Donald Trump genehmigte Steuerverg\u00fcnstigung f\u00fcr die Kapitalr\u00fcckf\u00fchrung vorangetrieben. Toussaint erkl\u00e4rt, dass es die US-amerikanischen Steuerzahler*innen sind, die die Unternehmen finanziert haben, w\u00e4hrend das Eigentum in den H\u00e4nden einiger weniger bleibt. Die R\u00fcckkaufmechanismen bildeten in den letzten Jahren eine ph\u00e4nomenale Aktienmarktblase, die im letzten Monat zusammenbrach.<\/p>\n<p>Die neue Rettungsrunde, die durch die Auswirkungen des Coronavirus ausgel\u00f6st wurde \u2013 sei es in den Vereinigten Staaten, in Frankreich oder in Argentinien (wenn auch in viel geringerem Umfang) \u2013 folgt einem unumst\u00f6\u00dflichen Kriterium: Der Anteil der Mittel, die f\u00fcr die Einbringung von Geld in die Taschen der Arbeiter*innen aufgewendet werden, ist viel geringer als der, der auf die Bankkonten der Unternehmen flie\u00dft. Dadurch wird die Verschuldung der Staaten auf ein Niveau steigen, das wahrscheinlich keinen historischen Pr\u00e4zedenzfall kennt. Nicht nur das. Wenn das Geld, das auf den Bankkonten der Unternehmen angelegt wird, nicht ausreicht, um die Vitalit\u00e4t des Unternehmens aufrechtzuerhalten, wird die Ressource der Verstaatlichung von Unternehmen auftauchen, bei der nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie wellenartig voranschreitet. Das ist es, was in Frankreich auf dem Spiel steht, wo Air France aufgrund der Tourismuskrise vom Bankrott bedroht ist.<\/p>\n<p>Die Verstaatlichung des Gesundheitssystems in Spanien oder Irland w\u00e4hrend der gesamten Dauer der Coronavirus-Krise sowie die pl\u00f6tzliche Aufwertung des \u00f6ffentlichen Gesundheitswesens in der ganzen Welt \u2013 selbst durch diejenigen, die vor Jahren ohne R\u00fccksichtnahme den Rasenm\u00e4her der fiskalischen Anpassungen angewandt haben \u2013 zeigen zumindest in diesem Aspekt des Lebens, dass die menschlichen Bed\u00fcrfnisse ohne einen Prozess des Kaufens und Verkaufens erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen. Und dass dies sogar auf eine viel rationalere Art und Weise geschieht, als wenn das Dogma vorherrscht, dass der Profit, die Rationalit\u00e4t des Marktes, die effizientesten Organisatoren der Gesellschaft seien. Der gesellschaftliche Charakter der Produktion wird offensichtlich. Die kapitalistischen Staaten befinden sich auf einem kritischen Kreuzzug, um ihre Dominanz zu erhalten. Aber der Verlauf der Krise macht allen klar, dass die wesentlichen Hebel der Organisation des Lebens ohne Gesundheitspersonal, Lebensmittelarbeiter*innen, Transportarbeiter*innen, Logistiker*innen nicht funktionieren. Im Gegenteil kann auf die Kapitalist*innen absolut verzichtet werden. Die durch die Krise angesto\u00dfene breite Reflexion erm\u00f6glicht es der Arbeiter*innenklasse, mit einem antikapitalistischen Programm zu intervenieren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/covid-19-das-gespenst-der-depression-und-die-grenzen-des-kapitalismus\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 1. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pablo Anino. Um die Krise einzud\u00e4mmen, forderte Mario Draghi, ehemaliger Pr\u00e4sident der Europ\u00e4ischen Zentralbank, eine Mobilisierung aller Ressourcen, als ob es sich um einen Krieg handeln w\u00fcrde. 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