{"id":7495,"date":"2020-04-02T08:50:22","date_gmt":"2020-04-02T06:50:22","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7495"},"modified":"2020-04-02T08:50:24","modified_gmt":"2020-04-02T06:50:24","slug":"corona-krise-hunger-und-unterernaehrung-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7495","title":{"rendered":"Corona-Krise: Hunger und Unterern\u00e4hrung in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><em>Carola Kleinert und Andy Niklaus. <\/em><strong>In Deutschland drohen den rund 13 Millionen Armen wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie Hunger, Unterern\u00e4hrung und blankes Elend. Hiervon sind circa drei Millionen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/02\/10\/arm-f10.html\">Kinder<\/a>\u00a0betroffen, die wegen<!--more--> der Politik der Gro\u00dfen Koalition aus CDU und SPD in bitterer Armut leben m\u00fcssen.<\/strong><\/p>\n<p>Seit \u00fcber zwei Wochen haben Kinderg\u00e4rten und Schulen bundesweit wegen der Ausbreitung des gef\u00e4hrlichen Covid-19-Virus geschlossen. Damit f\u00e4llt die kostenlose Versorgung mit warmem Mittagessen f\u00fcr die von Hartz-IV betroffenen Kinder ersatzlos weg. F\u00fcr die Kinder und deren Eltern ist das oftmals eine Katastrophe.<\/p>\n<p>Die Hartz-IV-Regels\u00e4tze \u2013 zum Beispiel f\u00fcnf Euro pro Tag f\u00fcr die Verpflegung eines 15-J\u00e4hrigen \u2013 reichen vorn und hinten nicht. Dies wissen auch die Mitarbeiter der Jobcenter, weshalb Hartz-IV-Empf\u00e4ngern nicht selten geraten wird, sich mit Hilfe des bundesweiten Netzes von Essenstafeln notd\u00fcrftig zu versorgen. Sogar die SPD-Zeitung\u00a0<em>Vorw\u00e4rts<\/em>\u00a0musste letzte Woche zugeben, dass den armen Familien rund 200 bis 250 Euro im Monat f\u00fcr Essen fehlen.<\/p>\n<p>In Deutschland wurde mit den von SPD und Gr\u00fcnen eingef\u00fchrten Hartz-Gesetzen der gr\u00f6\u00dfte\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/07\/15\/iwfa-j15.html\"><strong>Niedriglohnsektor<\/strong><\/a>\u00a0Europas geschaffen und gro\u00dfe Teile der Arbeiterklasse, darunter insbesondere Familien und Rentner, in Armut gest\u00fcrzt. In Berlin h\u00e4ngt jedes dritte Kind von den kargen Sozialleistungen ab. Im Ruhrgebiet leben ebenfalls mehr als 30 Prozent der Kinder in Hartz-IV-Familien. \u00c4hnlich sieht es in Hamburg, K\u00f6ln, D\u00fcsseldorf und anderen Gro\u00dfst\u00e4dten aus.<\/p>\n<p>Bis zu zwei Millionen Bed\u00fcrftige waren im vergangenen Jahr auf die gespendeten Lebensmittel der gemeinn\u00fctzigen Tafeln angewiesen. Unter den Tafelnutzern waren besonders Kinder und Jugendliche (mit 30 Prozent) sowie Rentner (mit 20 Prozent) vertreten.<\/p>\n<p>Doch nun ist auch diese Notversorgung wegen der Corona-Krise zusammengebrochen.<\/p>\n<p>Von den bundesweit 950 Tafeln mit \u00fcber 2000 Ausgabestellen mussten bereits 400\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2019\/09\/24\/tafe-s24.html\"><strong>Tafeln<\/strong><\/a>\u00a0schlie\u00dfen. Alle 150 Standorte des Kinderprojekts \u201eDie Arche\u201c, wo Kinder und Jugendliche mit Nahrung, aber auch mit spielerischen und schulischen Angeboten unterst\u00fctzt wurden, haben geschlossen.<\/p>\n<p>Die Auswirkungen sind verheerend. T\u00e4glich erreichen Hilferufe von Bed\u00fcrftigen den Dachverband der Tafeln, wie dieser berichtet. Familien k\u00f6nnen ihre Kinder nicht mehr ausreichend verk\u00f6stigen. \u201eKinder haben nichts mehr zu essen\u201c, warnt Wolfgang B\u00fcscher, Pressesprecher der Berliner Arche.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"426\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Berlin.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7496\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Berlin.jpg 640w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Berlin-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><strong>Obdachlose in Berlin<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<p>Hunger und Unterern\u00e4hrung kehren als Bestandteil des kapitalistischen Systems auch in den reichen L\u00e4ndern zur\u00fcck. Es ist absehbar, dass die massenhafte Vernichtung von Arbeitspl\u00e4tzen in Folge der Corona-Pandemie sowie die Einf\u00fchrung von Kurzarbeit f\u00fcr Millionen von Arbeitern mit einer weiteren Verarmung einhergehen werden. Schon jetzt wissen prek\u00e4r besch\u00e4ftigte Arbeiter, etwa die acht Millionen Mini-Jobber und Solo-Selbstst\u00e4ndigen, wegen des ersatzlosen Wegfalls ihrer schmalen Einkommen nicht, wie sie Miete und Nahrung bezahlen sollen.<\/p>\n<p>Doch nicht Gesundheit und Wohlbefinden der Bev\u00f6lkerung, sondern ma\u00dflose Bereicherung und Erhalt des obsz\u00f6nen Reichtums einiger Weniger bestimmen auch w\u00e4hrend der Corona-Krise die Politik der Bundesregierung. Das zeigt die eilfertige Bereitschaft der Regierung und die partei\u00fcbergreifende Zustimmung im Bundestag, 600 Milliarden Euro f\u00fcr die Gro\u00dfunternehmen und die Finanzelite zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p>Die Ma\u00dfnahmen der Gro\u00dfen Koalition im sogenannten \u201eSozialschutzpaket\u201c mildern hingegen kaum die gr\u00f6\u00dften N\u00f6te. Mini-Jobber und Solo-Selbstst\u00e4ndige haben weiterhin keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. F\u00e4llige Mietzahlungen und Kreditraten werden lediglich ausgesetzt. Zwar werden alle Hartz-IV-Leistungen ohne gesonderte Pr\u00fcfung weiter bewilligt, die Verm\u00f6genspr\u00fcfung bei Hartz-IV-Antr\u00e4gen auf ein halbes Jahr ausgesetzt und die Erlangung des Kindergeldzuschlags von bis zu 185 Euro monatlich erleichtert.<\/p>\n<p>Doch gerade die \u00c4rmsten der Armen werden von der Regierung bisher ignoriert. So erhalten beispielsweise den Kindergeldzuschlag nur arbeitende Eltern oder Aufstocker, wie der\u00a0<em>Spiegel<\/em>\u00a0berichtet. Arbeitslose Eltern sind hiervon ausgeschlossen. Brachten schon vor der Pandemie die beengten Wohnverh\u00e4ltnisse, die finanzielle Not und der soziale Druck der Ausgrenzung und Stigmatisierung erhebliche Schwierigkeiten mit sich, so sei jetzt \u201edie Not deutlich sp\u00fcrbar\u201c, so B\u00fcscher von der Berliner Arche.<\/p>\n<p>Besonders dramatisch wirken sich die Einschr\u00e4nkungen des \u00f6ffentlichen Lebens auch auf Wohnungs- und Obdachlose sowie Fl\u00fcchtlinge aus.<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr lebten rund 1,2 Millionen wohnungslose Menschen, davon etwa 50.000 Obdachlose, in Deutschland. Unterschiedliche Hilfsorganisationen gehen von einer weit h\u00f6heren Dunkelziffer aus. Die wegen der Pandemie geschlossenen Notunterk\u00fcnfte f\u00fcr Obdachlose, die extreme Einschr\u00e4nkung der medizinischen Versorgung und der fast vollst\u00e4ndige Wegfall von Almosen oder Hinzuverdiensten (Flaschensammeln, Zeitungsverkauf) sowie die fehlenden Essenstafeln machen ein \u00dcberleben quasi unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Die Landesregierungen sehen sich angesichts der rasanten Ausbreitung des Corona-Virus gezwungen, die Obdachlosen \u201evon der Stra\u00dfe zu bekommen\u201c und gleichzeitig den gegenw\u00e4rtigen hygienischen wie \u201esocial-distance\u201c-Vorschriften Rechnung zu tragen, doch sie tun das v\u00f6llig unzureichend.<\/p>\n<p>In der Bundeshauptstadt beispielsweise hat die seit Anfang 2017 regierende SPD-Linkspartei-Gr\u00fcnen-Koalition lediglich gestattet, dass Notunterk\u00fcnfte von den Obdachlosen rund um die Uhr genutzt werden d\u00fcrfen. Die massenhaft leerstehenden Hotelzimmer sowie die laut Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linkspartei) derzeit etwa 2000\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/03\/06\/rass-m06.html\"><strong>freien<\/strong><\/a>\u00a0Pl\u00e4tze in den Einrichtungen des Landesamtes f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsangelegenheiten werden als Unterbringungsm\u00f6glichkeit vom Berliner Senat hingegen nicht in Erw\u00e4gung gezogen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die in der Hauptstadt offiziell gez\u00e4hlten 2000 und gesch\u00e4tzt bis zu 10.000 Obdachlosen sollen mit 200 angemieteten Betten in einer Jugendherberge sowie 150 noch herzurichtenden Pl\u00e4tzen in einer K\u00e4lte-Hilfe-Notunterkunft insgesamt nur 350 Unterk\u00fcnfte geschaffen werden.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr die sogenannten \u201eWohnungslosen\u201c (ohne eigenen festen Wohnraum), unter ihnen hunderttausende Fl\u00fcchtlinge, ist die Situation katastrophal. Wegen der strengen Pandemie-Ma\u00dfnahmen sind sie auf unbestimmte Zeit in den vielfach zu engen Unterk\u00fcnften und Heimen eingepfercht und d\u00fcrfen \u2013 wie alle anderen \u2013 nur zu Zwecken der Grundversorgung oder f\u00fcr einen kleinen Spaziergang die Unterkunft verlassen.<\/p>\n<p>Asylsuchende sind in besonderem Ma\u00dfe den Ma\u00dfnahmen der Landesregierungen ausgeliefert. So lie\u00df die Th\u00fcringer Landesregierung in\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/03\/25\/link-m25.html\"><strong>Suhl<\/strong><\/a>\u00a0die Fl\u00fcchtlinge wegen eines auf den Corona-Virus positiv getesteten Asylbewerbers in einer Unterkunft mit Hilfe von Polizeikr\u00e4ften vollst\u00e4ndig einsperren. Es wurde weder umfassend getestet, um die Quarant\u00e4ne zu verk\u00fcrzen, noch wurden menschenw\u00fcrdige Unterk\u00fcnfte gesucht, um weitere Infektionen zu verhindern.<\/p>\n<p>Mit gr\u00f6\u00dfter Deutlichkeit treten mit der Krise die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich und die gnadenlosen Klassenpolitik der Bourgeoisie und ihren Handlangern in allen politischen Lagern zu Tage.<\/p>\n<p>Wenn nun der Staatsapparat ger\u00fcstet und die Bundeswehr im Inland eingesetzt wird, geht es nicht darum, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen, sondern diese Klassenpolitik mit Gewalt durchzusetzen. In Neapel und Palermo hat der Hunger Arbeiter schon dazu gezwungen, sich in den Superm\u00e4rkten Nudeln, Tomatenso\u00dfe und andere f\u00fcr die Versorgung ihrer hungernden Familien notwendigen Lebensmittel zu besorgen, ohne daf\u00fcr zu bezahlen. Die Regierung reagierte mit einem brutalen Polizeieinsatz und l\u00e4sst die Polizei jetzt vor den L\u00e4den patrouillieren.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/04\/02\/hung-a02.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 2. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Carola Kleinert und Andy Niklaus. In Deutschland drohen den rund 13 Millionen Armen wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie Hunger, Unterern\u00e4hrung und blankes Elend. 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