{"id":7520,"date":"2020-04-04T11:15:42","date_gmt":"2020-04-04T09:15:42","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7520"},"modified":"2020-04-04T11:15:43","modified_gmt":"2020-04-04T09:15:43","slug":"weltwirtschaftskrise-und-covid-19-die-herrschaft-der-unsicherheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7520","title":{"rendered":"Weltwirtschaftskrise und Covid-19: die Herrschaft der Unsicherheit"},"content":{"rendered":"<p><em>Paula Bach. <\/em><strong>Die Coronavirus-Pandemie zwingt den Kapitalismus weltweit in eine ziemlich ernste Lage. Das k\u00f6nnte uns nicht nur in eine globale Depression rei\u00dfen, sondern auch die M\u00f6glichkeit eines Krieges in sich bergen.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Ereignisse \u00fcberschlagen sich, und sie verbinden sich mit beispielloser Geschwindigkeit. Es ist extrem kompliziert, eine Realit\u00e4t zu \u201cordnen\u201d, die sich einmal mehr chaotisch geb\u00e4rdet. Einzig sicher scheint, was David Harvey\u00a0<a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/antikapitalistische-politik-in-der-epoche-des-covid-19\/\"><strong>\u201cdie Rache der Natur\u201d<\/strong><\/a>\u00a0nennt, wie ein Eisberg, mit dem die Bedingungen der globalen Wirtschaft nun zusammen sto\u00dfen, politisch und geopolitisch. Es ist eine Folge der Schw\u00e4che der Nachkrisenzeit von 2008\/09, der Konsequenzen der globalisierten Produktion und dem Erbe von vier Jahrzehnten Neoliberalismus. Um auf Marx\u2019 Metapher aus grauer Vorzeit zur\u00fcck zu greifen, scheint es, dass\u00a0<a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me04\/me04_459.htm\"><strong>\u201calle festen eingerosteten Verh\u00e4ltnisse (\u2026) aufgel\u00f6st\u201d<\/strong><\/a>\u00a0werden.<\/p>\n<p>Wenn die Kraft der Pandemie zunimmt, f\u00fchren die Versuche der Regierungen, die epidemiologische Kurve abzuflachen (\u201cflatten the curve\u201d) zu einem steilen Anstieg der rezessiven Kurve (1). Dieser Widerspruch, der sich sprunghaft bemerkbar macht, erfordert Definitionen der besonderen Eigenschaften der aktuellen Krise, der Rolle der von den Staaten durchgef\u00fchrten geld- und finanzpolitischen Ma\u00dfnahmen, und letztendlich, Elemente der strukturellen Analyse und den Versuch einer Art Vorhersage. Die Leser*innen sollten sich dar\u00fcber bewusst sein, dass die heute Unruhe stiftenden Elemente es n\u00f6tig machen, sich auf ausgesprochen wechselhafte und unerforschte Szenarien vorzubereiten.<\/p>\n<p><strong>Die Natur der Krise: ernsthafter als Lehman?<\/strong><\/p>\n<p>In einem k\u00fcrzlich erschienen\u00a0<a href=\"https:\/\/www.economist.com\/finance-and-economics\/2020\/03\/19\/economies-can-rebound-quickly-from-massive-gdp-slumps-but-not-always\"><strong>Artikel<\/strong><\/a>\u00a0bemerkte die britische Wochenzeitung\u00a0<em>The Economist<\/em>\u00a0den Absturz der Wirtschaft in einen lang anhaltenden Blackout. Manche Analyst*innen nehmen eine steigende wirtschaftliche Unruhe und Marktpanik wahr, die ersten Regungen eines Kollapses, der ernsthafter werden wird als die weltweite Finanzkrise von 2007\/08. In diesem Kontext k\u00f6nnten \u2014 ohne ausreichend aggressives staatliches Handeln \u2014 der Zusammenbruch des Marktes und eine darauf folgende Depression bevorstehen, f\u00fcgt der Artikel hinzu,.<\/p>\n<p>Offensichtlich ist diese Perspektive auch den Regierungen und Zentralbanken nicht fremd, die recht schnell eine Reihe geldpolitischer Ma\u00dfnahmen einleiteten. Nachdem die ohnehin schon niedrigen Kreditraten weiter gesenkt wurden (auf eine Spanne von 0 bis 0,25 Prozent), startete die U.S. Federal Reserve (Zentralbanksystem der USA, A.d.\u00dc.) einen Plan, um Finanzanlagen wie Staatsanleihen und Pfandbriefe f\u00fcr mindestens 700 Milliarden US-Dollar zur\u00fcck zu kaufen. In anderen Worten, die Federal Reserve \u00fcbt wieder eine Politik der quantitativen Lockerung (\u201cquantitative easing\u201d (2) ) aus. Sie tat dies bereits nach der Wirtschaftskrise von 2008 und koordinierte ihr Handeln mit den Zentralbanken von Kanada, England, Japan, der Schweiz und der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB), um durch gegenseitige Kredite in Dollar mehr Liquidit\u00e4t in die M\u00e4rkte zu leiten. Die Bank of England senkte ebenfalls die Kreditraten, die Zentralbank Japans, sowie die EZB starteten Programme zum R\u00fcckkauf von Staatsanleihen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich reagierten Banken und Regierungen zun\u00e4chst \u00e4hnlich wie auf die Weltwirtschaftskrise um den Untergang von Lehman Brothers 2008 (3). Zu diesem Zeitpunkt schwor sich ein gro\u00dfer Teil des politischen Establishments und der Zentralbanker*innen, die Tatenlosigkeit von 1929 nicht zu wiederholen (4). In der Post-Lehman-\u00c4ra konzentrierte sich die Politik auf massive geldpolitische Ma\u00dfnahmen zur Rettung der Banken \u2014 nicht nur der US-amerikanischen \u2014 und des Gro\u00dfkapitals, w\u00e4hrend Millionen von Menschen in Arbeitslosigkeit und Elend fielen und weitere Millionen obdachlos wurden. Dieses Ma\u00dfnahmenpaket auf internationaler Ebene, das ich in einem\u00a0<a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/will-coronavirus-unleash-a-new-great-recession\"><strong>fr\u00fcheren Artikel<\/strong><\/a>\u00a0besprochen habe, kombinierte sich mit dem Auftauchen Chinas als Schl\u00fcsselfaktor zur Unterst\u00fctzung der Realwirtschaft. Aber dieses Mal zeigt die erste Reaktion des Markts, dass es offensichtlich Unterschiede gibt.<\/p>\n<p>Die rezessiven Tendenzen l\u00f6sen nicht unmittelbar Bankenzusammenbr\u00fcche aus \u2014 bis jetzt gab es keine \u2014 oder wiederholte R\u00fcckg\u00e4nge an der B\u00f6rse, auch wenn die Wall Street bis jetzt alle Gewinne der Trump-\u00c4ra verloren hat. Stattdessen ist die Situation umgekehrt: Das Bankenrisiko und der Einbruch der Aktienm\u00e4rkte haben ihren Ursprung in der durch die Quarant\u00e4nen und Grenzschlie\u00dfungen verursachten kontraktiven L\u00e4hmung. Ma\u00dfnahmen, mit denen viele Regierungen versuchen, die Pandemie zu stoppen \u2014 oft zu sp\u00e4t und in den meisten F\u00e4llen mit Gesundheitssystemen, die bereits durch Jahre des Neoliberalismus zerst\u00f6rt wurden. Tats\u00e4chlich werden wir gerade Zeug*innen eines Bruchs in der Zahlungs- und Vertriebskette, mit besonderen Auswirkungen auf den Dienstleistungssektor, der in der aktuellen Phase der Globalisierung aufgebl\u00fcht war. Dieser Bruch resultierte bereits in massiver Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit. Versch\u00e4rft wird die Situation durch den den hohen Anteil prek\u00e4rer Arbeit im Neoliberalismus, was in der Zeit nach der Lehman-Krise noch verst\u00e4rkt wurde. Das US-Arbeitsministerium berichtete letzte Woche von einem der gr\u00f6\u00dften Anstiege der Anspr\u00fcche an Arbeitslosengeldantr\u00e4gen seit September 2017.<\/p>\n<p>Neu ist und bleibt, dass sowohl eine Verl\u00e4ngerung und Verschlimmerung der Pandemie als auch eine neue gro\u00dfe Rezession, oder sogar eine Depression, zu \u00e4u\u00dferst instabilen Verh\u00e4ltnissen f\u00fcr die wirtschaftlichen und politischen Eliten f\u00fchren k\u00f6nnten. Dies schlie\u00dft rechte Figuren, wie Donald Trump oder Boris Johnson ein, und sogar Mitte-Links-Koalitionen, wie im Spanischen Staat zwischen Pedro S\u00e1nchez (PSOE) und Podemos. Solche Situationen werden das System zur Sanierung der Wirtschaft nach der Lehman-Pleite in Frage stellen. In diesem Zusammenhang erscheinen die umfangreichen geldpolitischen Ma\u00dfnahmen notwendig, um den Geldkreislauf anzukurbeln, inmitten eines Sturms, der in seinen oberfl\u00e4chlichsten Aspekten eine Liquidit\u00e4tskrise zu sein scheint. Doch sie erweisen sich als v\u00f6llig unzureichend, um die Verwerfungen zu beseitigen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/economyok-1-890x550-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7521\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/economyok-1-890x550-1.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/economyok-1-890x550-1-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/economyok-1-890x550-1-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p><strong>Panik und \u201cKeynesianismus\u201d (oder selbstverliebte Monetarist*innen)<\/strong><\/p>\n<p>Diese Situation erkl\u00e4rt die Forderung diverser internationaler Organisationen, unter Anderem des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF), der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Weltbank, Regierungen m\u00f6gen augenblicklich umfangreiche und aggressive finanzpolitische Ma\u00dfnahmen ergreifen. Finanzpolitik ist, wie der \u00d6konom Michael Roberts\u00a0<a href=\"https:\/\/thenextrecession.wordpress.com\/2020\/03\/09\/lets-get-fiscal\/\"><strong>vor ein paar Tagen feststellte<\/strong><\/a>, der allgegenw\u00e4rtige Schlachtruf von \u00d6konom*innen und politischen Entscheidungstr\u00e4ger*innen gleicherma\u00dfen. Martin Wolf, Kolumnist der\u00a0<em>Financial Times<\/em>\u00a0warnte beispielsweise, dass wir einer gr\u00f6\u00dferen wirtschaftlichen Bedrohung als 2008\/09 gegen\u00fcber st\u00fcnden. Er weist darauf hin, dass es ausgesprochen schwierig werden wird, die Ausbreitung der Krankheit in L\u00e4nder mit schwachem sozialen Netz, wie den USA, einzud\u00e4mmen. Dass die Gefahr eines Einbruchs der Nachfrage und der Wirtschaftsaktivit\u00e4ten besteht, die weit \u00fcber die direkten Auswirkungen des Gesundheitsnotstands hinausgehen. In diesem Zusammenhang spricht Wolf von der dringenden Notwendigkeit f\u00fcr die Zentralbanken, nicht nur die Liquidit\u00e4t zu garantieren, sondern auch eine Reihe von Ma\u00dfnahmen, wie eine gro\u00dfz\u00fcgige Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, und eine Arbeitslosenversicherung in der Krisenzeit auch f\u00fcr Selbst\u00e4ndige. Er f\u00fcgt hinzu:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/348e05e4-6778-11ea-800d-da70cff6e4d3\"><strong>\u201cSollte dies zu schwierig sein, k\u00f6nnen die Regierungen auch einfach jedem einen Scheck schicken.\u201d<\/strong><\/a>\u00a0Dar\u00fcber hinaus wird es, so Wolf, notwendig sein, die Einnahmen zu erhalten und die langfristigen Kosten f\u00fcr die Unternehmen zu minimieren, w\u00e4hrend die Regierungen sp\u00e4ter zus\u00e4tzliche Steuern erheben k\u00f6nnten, um die Ausgaben zu decken.<\/p>\n<p>Olivier Gourinchas, VWL-Professor in Berkeley,\u00a0<a href=\"http:\/\/econfip.org\/policy-brief\/flattening-the-pandemic-and-recession-curves\/\"><strong>berechnete seinerseits\u00a0<\/strong><\/a>f\u00fcr einen einmonatigen Produktionsr\u00fcckgang um 50 Prozent und nochmal einen zweimonatigen 25 Prozent, einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um zehn Prozent. Weitere zwei Monate mit einem R\u00fcckgang von 25 Prozent w\u00fcrden weitere f\u00fcnf Prozent Einbruch des BIP bedeuten. Gourinchas weist darauf hin, dass die Regierungen m\u00f6glicherweise finanzpolitische Mittel einsetzen m\u00fcssen, proportional zu den Produktionsr\u00fcckg\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Beide \u00d6konom*innen sind sich einig, dass der Fiskalpolitik dadurch geholfen wird, dass die Zinsraten f\u00fcr die USA und die Staaten der Eurozone auf historischen Tiefstst\u00e4nden sind \u2014 eine Situation, die weit entfernt ist von derjenigen abh\u00e4ngiger L\u00e4nder, wie Argentinien, f\u00fcr die diese Zinss\u00e4tze unerschwinglich sind. Gourinchas stellt fest, dass die Rendite f\u00fcr zehnj\u00e4hrige US-Staatsanleihen 0,88 Prozent betr\u00e4gt, w\u00e4hrend die Zinsen in der Eurozone ebenso niedrig sind. Selbst eine Erh\u00f6hung der Staatsschulden um zehn Prozent des BIP w\u00fcrde die j\u00e4hrlichen Zinsen nur um 0,1 Prozent des BIP erh\u00f6hen. Eine koordinierte Ausgabe von \u201cJumbo\u201d-Staatsschulden zwischen zehn und 20 Prozent des BIP, koordiniert mit einer Ausweitung des \u201cquantitative easing\u201d durch die EZB, w\u00fcrde den dringend ben\u00f6tigten finanzpolitischen Spielraum schaffen (5).<\/p>\n<p>Es ist klar, dass eher Panik und bevorstehende Wahlen, insbesondere in den Vereinigten Staaten, einige europ\u00e4ische Regierungen und sogar Trump selbst auf den Pfad finanzpolitischer Ma\u00dfnahmen au\u00dferhalb der \u00fcblichen \u201cSteuersenkungen f\u00fcr Reiche\u201d f\u00fchren, als eine tats\u00e4chliche Affinit\u00e4t zu dieser Politik. Nachdem die EZB die Regierungen dazu aufrief, starke finanzpolitische Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, erkl\u00e4rte der Spanische Staat, 20 Prozent seines BIPs zur Generierung von Darlehen, Kreditb\u00fcrgschaften, Beihilfen und Sozialleistungen zu verwenden. Das Vereinigte K\u00f6nigreich wird 15 Prozent seines BIP f\u00fcr Kreditb\u00fcrgschaften und andere Ma\u00dfnahmen zur Unterst\u00fctzung von Unternehmen in Not verwenden, w\u00e4hrend Rishi Sunar, der britische Chancellor of the exchequer (das \u00c4quivalent zur Finanzminister*in) seine Bereitschaft erkl\u00e4rte,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2020\/mar\/17\/coronavirus-rishi-sunak-promises-to-guarantee-330bn-loans-to-business\"><strong>den Umfang der B\u00fcrgschaften f\u00fcr Kredite zu erh\u00f6hen<\/strong><\/a>. So erreiche das Geld alle Unternehmen, die es brauchen, wenn ihre Gesch\u00e4fte zusammenbrechen. W\u00e4hrend dieser Artikel geschrieben wurde, gab Boris Johnson bekannt, seine Regierung w\u00fcrde Firmen f\u00fcr drei Monate subventionieren, indem sie bis zu 80 Prozent der L\u00f6hne, der Arbeiter*innen, die auf ihr Zuhause beschr\u00e4nkt werden, \u00fcbernimmt, um sie vor Entlassungen zu bewahren.<\/p>\n<p>Im Laufe der letzten Woche gab die EZB eine au\u00dfergew\u00f6hnliche monet\u00e4re Ma\u00dfnahme\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ecb.europa.eu\/press\/pr\/date\/2020\/html\/ecb.pr200318_1~3949d6f266.en.html\"><strong>bekannt<\/strong><\/a>, die einen Plan, privates und \u00f6ffentliches Anlageverm\u00f6gen f\u00fcr 750 Milliarden Euro zu kaufen, beinhaltet. Trump plant seinerseits eine Reihe von Ma\u00dfnahmen in H\u00f6he von insgesamt etwa 1 Billion Dollar, darunter Steuerstundungen, Unterst\u00fctzung f\u00fcr Unternehmen aus besonders betroffene Sektoren, wie Fluggesellschaften und Hotels, sowie die direkte \u00dcberweisung von Geld an die B\u00fcrger*innen. Der Vorschlag des Finanzministeriums, der zum Zeitpunkt dieses Artikels noch im Kongress verabschiedet werden muss, w\u00fcrde den gr\u00f6\u00dften Teil des Pakets, insgesamt 500 Milliarden Dollar, in zwei Raten gezahlt, diesen Barzahlungen zukommen lassen (6). Au\u00dferdem gab Trump bekannt, er k\u00f6nne in den \u00d6lpreiskrieg zwischen Russland und Saudi-Arabien intervenieren.<\/p>\n<p>Den Ank\u00fcndigungen von Ma\u00dfnahmen folgend, erholten sich die europ\u00e4ischen und asiatischen Aktienm\u00e4rkte, ebenso wie die der USA. Trotzdem konnte die Wall Street an keinen zwei aufeinander folgenden Tagen Gewinne verzeichnen. Eine Warnung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor dem \u201cKollaps\u201d des globalen Gesundheitssystems, sowie die partielle Quarant\u00e4ne, die durch den Gouverneur des Bundesstaates New York verordnet wurde, f\u00fchrten dazu, dass die Wall Street ihre schlechteste Woche seit Oktober 2008 verzeichnete. Egal wie realistisch die von den L\u00e4ndern versprochenen Stimuli sind, es ist klar, dass die Coronavirus-Pandemie aktuell das Rennen gegen die monet\u00e4ren und finanzpolitischen Notfallpaketen gewinnt.<\/p>\n<p><strong>Wie ein Krieg\u2026 aber ohne Krieg<\/strong><\/p>\n<p>Es ist recht schwer, alle m\u00f6glichen Versionen dieses Rennens und der Szenarien, die folgen k\u00f6nnten, heraus zu finden. Sollte die Pandemie in absehbarer Zeit abflauen, was unwahrscheinlich erscheint, m\u00fcssten die monet\u00e4ren und finanzpolitischen Stimuli auf dem sumpfigen Terrain einer Wirtschaft wirken, die diese Ersch\u00fctterungen zu ihrer bereits existierenden Grundschw\u00e4che hinzuf\u00fcgen w\u00fcrde. Falls aber, wie es gerade am wahrscheinlichsten erscheint, die Pandemie nicht in einem angemessenen Zeitraum einged\u00e4mmt werden kann, werden die Szenarien, die wir in Betracht ziehen m\u00fcssen, deutlich erschreckender.<\/p>\n<p>In einer aktuellen Sch\u00e4tzung verzeichneten die Vereinten Nationen einen Anstieg der Anzahl der Menschen, die in Lateinamerika unter der Armutsgrenze leben, um 35 Prozent \u2014 von 67 auf 90 Millionen. Verursacht ist dieser Anstieg durch die Auswirkungen der Pandemie auf den Tourismussektor, in dem die Aktivit\u00e4ten um 25 Prozent abnehmen k\u00f6nnten. Des weiteren weist der weiter\u00a0<a href=\"https:\/\/www.economist.com\/finance-and-economics\/2020\/03\/19\/economies-can-rebound-quickly-from-massive-gdp-slumps-but-not-always\"><strong>oben zitierte<\/strong><\/a>\u00a0Artikel aus dem\u00a0<em>Economist<\/em>, in \u00dcbereinstimmung mit Gourinchas, darauf hin, dass verschiedene \u201czentrale L\u00e4nder\u201d einen Einbruch ihrer Wirtschaft von etwa zehn Prozent ihre BIP erleben k\u00f6nnten. Das komme in den Wirtschaften \u201csich entwickelnder L\u00e4nder\u201d recht h\u00e4ufig vor, allerdings nicht in industrialisierten L\u00e4ndern. In den \u201czentralen L\u00e4ndern\u201d st\u00fcnden die meisten Einbr\u00fcche dieses Ausma\u00dfes mit Weltkriegen oder der Gro\u00dfen Depression ab 1929 in Verbindung.<\/p>\n<p>Es ist spannend, an diesem letzten Punkt einen Moment inne zu halten. Der britische \u00d6konom John Maynard Keynes verbrachte einen Gro\u00dfteil seines Lebens damit, \u00fcber die M\u00f6glichkeit zu spekulieren, die Wirtschaft k\u00f6nne einen m\u00e4chtigen Aufschwung erhalten, wie er von Kriegen ausgeht, aber ohne tats\u00e4chlichen Krieg. Er scheiterte und nahm letztendlich \u2014 nicht ohne Bedauern \u2014 an, dass vielleicht nur ein Krieg die Wirtschaft aus der Krise der 1930er bringen kann. Damit hatte er Recht. Doch anstatt in Friedenszeiten den Impuls zu erreichen, den Kriege der Wirtschaft geben, hat der Kapitalismus historisch seine au\u00dfergew\u00f6hnliche F\u00e4higkeit bewiesen, Verwerfungen \u00e4hnlich zu denen w\u00e4hrend Kriegen zu verursachen, aber \u201cohne Krieg\u201d. Das passiert in au\u00dfergew\u00f6hnlichen Situationen, und es besteht kein Zweifel, dass wir uns gerade in einer solchen befinden.<\/p>\n<p>Eine Pandemie flie\u00dft mit gro\u00dfer Geschwindigkeit durch die Venen der Globalisierung und schafft es dabei irgendwie, die r\u00e4umlichen und zeitlichen Einschr\u00e4nkungen auszunutzen. Es handelt sich um ein Ereignis, das au\u00dferdem nicht unter relativ \u201cnormalen\u201d Bedingungen stattfindet, sondern auf einem besonders seltenen Terrain, das mindestens zwei Ebenen miteinander verbindet. Auf der einen Seite f\u00fchrte ein Jahrzehnt der wirtschaftlichen Schw\u00e4che zu diversen sozialen und politischen Krisen, die zu geopolitischen Spannungen f\u00fchrten, wie ich es in\u00a0<a href=\"https:\/\/www.leftvoice.org\/will-coronavirus-unleash-a-new-great-recession\"><strong>\u201cWird der Corona-Virus die n\u00e4chste Rezession entfesseln?\u201d<\/strong><\/a>\u00a0ausf\u00fchrte. Auf der anderen Seite sind, wie Harvey betont, die l\u00e4hmenden Folgen der Globalisierung offensichtlich. Sie vermischen das Primat der Dienstleistungen (Fluggesellschaften, Hotels, Restaurants usw.), das insbesondere durch die Stilllegung des Verkehrs auf weltweiter Ebene beeintr\u00e4chtigt wurde, mit dem katastrophalen Zustand, in dem sich die Gesundheitssysteme in den meisten L\u00e4ndern nach Jahrzehnten des Neoliberalismus befinden.<\/p>\n<p>Doch hat die Abwesenheit von \u201cKrieg\u201d w\u00e4hrend \u00e4hnlicher Ersch\u00fctterungen eine tiefe Bedeutung; es gibt gro\u00dfe Unterschiede zwischen Krieg und Pandemie. Der wirtschaftliche Impuls, den Kriege in der kapitalistischen Wirtschaft erzeugen, ist mit zwei grundlegenden Elementen verbunden. Erstens: die zentralisierte Nachfrage des Staates im Krieg, die grundlegende Elemente der Planung aufweist, und die den Umbau und die Beschleunigung eines gro\u00dfen Teils der Industrie n\u00f6tig macht, setzt Investitionen f\u00fcr die Entwicklung der Industrie und Dienstleistungen frei (7). Zweitens: Die materielle Zerst\u00f6rung von Produktivkr\u00e4ften durch den Krieg selbst er\u00f6ffnet gro\u00dfe Chancen f\u00fcr den Wiederaufbau. Diese Impulse setzen gro\u00dfe Kapitalausgaben f\u00fcr neue Investitionen frei, die wiederum die Entwicklung neuer Industrien und neuer Technologien unter der Bedingung hoher Rentabilit\u00e4t erfordern, worauf sich Alvin Hansen bezieht (8). Bei der Einsch\u00e4tzung der aktuellen Situation und der Entwicklung von Worst-Case-Szenarien k\u00f6nnten wir also mit wirtschaftlichen R\u00fcckg\u00e4ngen in der Gr\u00f6\u00dfenordnung, wie sie typischerweise durch Kriege verursacht werden, konfrontiert werden. Allerdings ohne die reaktivierenden Elemente der Gesamtwirtschaft, die das destruktiv-regenerative Verh\u00e4ltnis zwischen Kapitalismus und Krieg kennzeichnen.<\/p>\n<p>In diesem Kontext \u2014 fehlende Zukunftsperspektiven, der Rahmen einer vorl\u00e4ufig zusammengebrochenen Globalisierung, und ohne neue \u201cgro\u00dfe Unternehmung\u201d als Ersatz f\u00fcr den krisengesch\u00fcttelten Neoliberalismus \u2014 versch\u00e4rfen sich die Widerspr\u00fcche und Spannungen zwischen den kapitalistischen M\u00e4chten. Dies ist besonders deutlich in der Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und China zu erkennen, auch wenn ihr Verlauf auch Deutschland und Europa als Ganzes involviert. Es ist ziemlich bemerkenswert, wie auch die Pandemie immer deutlicher ein Schauplatz solche Feindseligkeiten wird. Ein Schauplatz, auf dem die Eind\u00e4mmung des Coronavirus und die Rettung von Menschenleben in die Waagschale f\u00fcr die Machtproben zwischen den L\u00e4nder geworfen werden. Der Kampf um den \u201cUrsprung\u201d des Virus und die Machtdemonstration Chinas nach dem scheinbarem Unter-Kontrolle-bringen der Pandemie (auch wenn der Ausgang noch abzuwarten bleibt und die Pandemie der chinesischen Wirtschaft einen gro\u00dfen Schlag versetzte), ebenso wie die Entwicklung Westeuropas zum neuen Epizentrum der Krankheit mit den USA als potenzielles n\u00e4chstes Opfers, sind verschiedene Ausdr\u00fccke dieses Umstands. Der Kampf dar\u00fcber wer zuerst einen Impfstoff herstellen wird, in erster Linie zwischen den USA, China und Deutschland ausgetragen, ist in diesem Kontext eine Neudefinition des Kampfes um modernste Technologien, der zun\u00e4chst in der verzerrten Form von \u201cHandelskriegen\u201d stattfand.<\/p>\n<p>Wie die New York Times es ausdr\u00fcckt,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/03\/19\/us\/politics\/coronavirus-vaccine-competition.html\"><strong>\u201cist ein globales Wettr\u00fcsten um einen Coronavirus-Impfstoff im Gange\u201d<\/strong><\/a>. Die Zeitung schreibt:\u00a0<em>\u201cWas als eine Frage dar\u00fcber, wer die wissenschaftliche Auszeichnung, die Patente, und letztendlich die Einnahmen durch einen erfolgreichen Impfstoff begann, ist nun eine breitere Angelegenheit, oder sogar eine Angelegenheit nationaler Sicherheit. (\u2026) W\u00e4hrend auf vielen Ebenen kooperiert wird \u2014 auch zwischen Firmen, die normalerweise erbitterte Gegner sind \u2014 h\u00e4ngt \u00fcber den Bem\u00fchungen der Schatten eines nationalistischen Ansatzes, der dem Gewinner die Chance geben k\u00f6nnte, seiner eigenen Bev\u00f6lkerung einen Vorteil zu verschaffen, und m\u00f6glicherweise die Oberhand im Umgang mit den wirtschaftlichen und geostrategischen Auswirkungen der Krise zu gewinnen\u201d.<\/em>\u00a0Es ist also kein Zufall, dass der Wettlauf schon jetzt militarisiert wird. In China arbeiten tausende Wissenschaftler*innen an einer Impfung, Forscher*innen von der Akademie der milit\u00e4rischen Medizintechnik rekrutieren Freiwillige f\u00fcr klinische Studien. W\u00e4hrenddessen versuchte Trump erfolglos die deutsche Firma CureVac zu kaufen, damit diese ihre Forschung und Produktion in den USA durchf\u00fchrt. Der deutschen Firma BioNTech \u00fcbertrug China im Kampf um den Impfstoff Aktienbesitz und Verg\u00fcnstigungen.<\/p>\n<p>Unter den \u00e4u\u00dferst schlimmen Umst\u00e4nden, die die Entwicklung der Pandemie den bereits stagnierenden Bedingungen des tiefgreifend globalisierten Kapitals auferlegt, wird die Rolle des Staates verst\u00e4rkt. Ebenso verst\u00e4rken sich die bereits existierenden Elemente des Nationalismus. Das sehr wahrscheinlichen Szenario einer l\u00e4ngeren Dauer der COVID-19-Pandemie, mit der eine gro\u00df angelegte Depression einhergehen wird, versch\u00e4rft das Aufeinanderprallen dieser Tendenzen noch, was eine globale Neuordnung notwendig machen wird. Diese Neuordnung wird im Laufe ihrer Entwicklung neue Zuspitzungen des bereits aufkommenden Klassenkampfes mit sich bringen, ebenso wie die Versch\u00e4rfung der Auseinandersetzungen zwischen den Weltm\u00e4chten im wirtschaftlichen, politischen und milit\u00e4rischen Bereich. Die M\u00f6glichkeit bewaffneter Konflikte in gro\u00dfem Ma\u00dfstab kann nicht ausgeschlossen werden.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Gourinchas, Pierre-Olivier:\u00a0<a href=\"http:\/\/econfip.org\/policy-brief\/flattening-the-pandemic-and-recession-curves\/\"><strong>Flattening the Pandemic and Recession Curves<\/strong><\/a>, M\u00e4rz 2020<\/li>\n<li>Tats\u00e4chlich stellte die Krise von 2008 die gro\u00dfe Niederlage des \u201cfreien Marktes\u201d dar, eine Art \u201cnarzisstische Wunde\u201d des Neoliberalismus. Die von der Obama-Regierung und einem Gro\u00dfteil der Bankiers des republikanischen Establishments gef\u00f6rderten gro\u00df angelegten Rettungsaktionen sind der Ursprung der Krise der \u201cGrand Old Party\u201d und der Konsolidierung einer rechten Massenbasis, die teilweise zur Entstehung des Ph\u00e4nomens Trump f\u00fchrte. Siehe Toozer, Adam: Crashed. How a Decade of Financial Crises Change the World, Viking, 2018.<\/li>\n<li>Siehe u.a. Wolf, Martin,\u00a0<a href=\"http:\/\/www.ft.com\/content\/348e05e4-6778-11ea-800d-da70cff6e4d3\"><strong>The Virus is an Economic Emergency too<\/strong><\/a>\u201d, 17.3.2020 auf Financial Times<\/li>\n<li>Gourinchas, Pierre-Olivier, a.a.O.<\/li>\n<li>Siehe \u201cPara evitar el caumbe las potencias anuncian hist\u00f3ricas inyecciones presupuestarias\u201d, \u00c1mbito Financiero, 18.3.2020<\/li>\n<li>Die Verteilung von Geld unter den Menschen durch den Staat wird als \u201cHubschraubergeld\u201d (\u201chelicopter money\u201d) bezeichnet und wurde von Milton Friedman, dem Urvater des Monetarismus, vorgeschlagen.<\/li>\n<li>Siehe Gordon, Robert, The Rise and Fall of American Growth, Princeton University Press, 2016<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/weltwirtschaftskrise-und-covid-19-die-herrschaft-der-unsicherheit\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 4. April 2020 <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Paula Bach. Die Coronavirus-Pandemie zwingt den Kapitalismus weltweit in eine ziemlich ernste Lage. Das k\u00f6nnte uns nicht nur in eine globale Depression rei\u00dfen, sondern auch die M\u00f6glichkeit eines Krieges in sich bergen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2,6,7],"tags":[121,13,22],"class_list":["post-7520","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-debatte","category-geschichte-und-theorie","category-international","tag-covid-19","tag-marx","tag-politische-oekonomie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7520","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7520"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7520\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7522,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7520\/revisions\/7522"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7520"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7520"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7520"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}