{"id":7581,"date":"2020-04-14T09:10:31","date_gmt":"2020-04-14T07:10:31","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7581"},"modified":"2020-04-14T09:10:33","modified_gmt":"2020-04-14T07:10:33","slug":"ecuador-das-koloniale-virus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7581","title":{"rendered":"Ecuador: Das \u201ekoloniale\u201c Virus"},"content":{"rendered":"<p><em>Mafe Moscoso Rosero.<\/em> <strong>Leichen liegen \u00fcberall auf den Stra\u00dfen verstreut, Menschen ringen mit dem Tod und werden zum Sterben zur\u00fcckgelassen. Das sind nur einige der Folge der Ausbreitung des Coronavirus, das inzwischen auch Guayaquil erreicht hat.<!--more--> Wir beleuchten die kolonialen Hintergr\u00fcnde, die sich hinter der humanit\u00e4ren Katastrophe in der ecuadorianischen Stadt verbergen.<\/strong><\/p>\n<p>Alarmstufe 14. Urspr\u00fcnglich komme ich aus Quito, aber meine Gro\u00dfeltern Ra\u00fal und Eugenia lebten in Guayaquil. Als Kind verbrachte ich viele Sommer dort, bin Hand in Hand mit ihnen durch diese chaotische Stadt gelaufen, in der es immer feucht und warm ist. Dort habe ich gelernt, Reis mit Linsen, Spiegeleiern und Patacones zu essen. Gemeinsam mit Ra\u00fal habe ich im Fernsehen <em>Tres Patines y el tremendo juez en la tremenda corte<\/em> angeschaut. Aus schmerzhafter Ferne stelle ich mir nun vor, wie die Stra\u00dfen, durch die wir so viele Male gelaufen sind, jetzt aussehen. Heute liegen dort \u00fcberall Menschen, die aufgrund der COVID-19-Pandemie ohne medizinische Versorgung dem Tode geweiht sind. Dutzende Leichen ruhen f\u00fcr jeden sichtbar auf diesen Stra\u00dfen, zur\u00fcckgelassen, aber nicht vergessen. Niemals werden wir das vergessen.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/slums_of_ecuador_guayaquil-300x200-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7582\" width=\"554\" height=\"369\"\/><figcaption><strong>Armenviertel in Guayaquil, Ecuador. Quelle: <a href=\"https:\/\/www.anred.org\/2020\/04\/05\/guayaquil-colonial-virus\/\">ANRed<\/a><\/strong><\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Ecuador hat nach Brasilien die h\u00f6chsten Fallzahlen S\u00fcdamerikas \u2013 ist aber deutlich kleiner<\/strong><\/p>\n<p>Im Januar landete ein Flugzeug aus Madrid in Guayaquil. In diesem Flugzeug reiste die Patientin 0, eine 71-j\u00e4hrige Frau, die in der Stadt Torrej\u00f3n de Ardoz in der Region Madrid wohnt. Gemeinsam mit ihren zwei Kindern lebt sie in Spanien. Am 13. M\u00e4rz verstarb die Frau, zwei Tage sp\u00e4ter starb auch ihre Schwester. Kurz drauf wurde in der Stadt der Ausnahmezustand ausgerufen, da mehr Infizierte und Todesf\u00e4lle durch COVID-19 verzeichnet wurden als in den meisten anderen lateinamerikanischen L\u00e4ndern wie Peru, Argentinien, Kolumbien, Uruguay, Venezuela, Bolivien oder Paraguay.<\/p>\n<p>Ecuador ist das drittkleinste Land S\u00fcdamerikas. Betrachtet man jedoch die Anzahl der mit dem Coronavirus infizierten Menschen und die so verursachten Todesf\u00e4lle, so steht das kleine Land hinter Brasilien bereits an zweiter Stelle. Dies ist keineswegs ein Zufall. Verschiedene Faktoren stehen im Zusammenhang mit der rasanten Ausbreitung des Virus. Einer der wichtigsten ist der mangelhafte Umgang der Regierung mit der Pandemie, sowohl auf nationaler als auch auf lokaler Ebene.<\/p>\n<p><strong>Die Folgen kolonialistischer Politik<\/strong><\/p>\n<p>Ende der 90er Jahre, als Spanien in einer tiefen Wirtschaftskrise steckte, wurden auf dem Arbeitsmarkt Frauen aus dem Globalen S\u00fcden gebraucht, die bereit waren, f\u00fcr niedrige L\u00f6hne zu arbeiten. Damit die spanischen Frauen tags\u00fcber arbeiten und das Haus verlassen konnten, brauchten sie Haushaltshilfen. Zahlreiche Frauen, vor allem aus Lateinamerika, haben f\u00fcr sie das Putzen und die Hausarbeiten \u00fcbernommen. Die kolonialistische Politik, auferlegt durch die L\u00e4nder des Globalen Nordens (USA und Europa), ver\u00e4nderte unsere L\u00e4nder durch industriellen Rohstoffabbau, <a href=\"https:\/\/www.npla.de\/lexikon\/freihandelsabkommen\/\">Freihandelsabkommen<\/a>, die Dominanz internationaler Unternehmen auf dem Markt, Entwicklungszusammenarbeit, Lehrst\u00fchle an den Universit\u00e4ten usw..<\/p>\n<p>Diese gezielte Ausbeutung wird von der kreolischen Elite auf lokale Ebene fortgef\u00fchrt. Seit Jahrzehnten vertreiben sie die Menschen aus ihren D\u00f6rfern, von ihrem Land und von ihren Familien. Ende der 1990er Jahre haben sie sich neu organisiert und eine Art globale Versorgungskette geschaffen, indem tausende ecuadorianische Frauen nach Spanien reisten, um dort zu arbeiten. Dort wurden wir zu einer der gr\u00f6\u00dften Gemeinschaft von Migrantinnen des Landes. Damals, als es noch Arbeit in Spanien gab, war der Markt jedoch durch eine starke ethnische und geschlechterspezifische Segregation gepr\u00e4gt: Frauen, die nach Spanien kamen, arbeiteten in der Regel in Jobs, die schlecht angesehen waren und nicht ihren Qualifikationen, ihrem Studium oder ihren bisherigen beruflichen Erfahrungen entsprachen. Ihre Arbeit war unsichtbar und wenig gesch\u00e4tzt. Dennoch haben sie jahrelang die spanische Wirtschaft am Leben gehalten und genauso die ecuadorianische Wirtschaft unterst\u00fctzt. Im Verlauf der Krise zu Beginn des neuen Jahrtausends kehrten viele Migrantinnen zur\u00fcck, zahlreiche blieben jedoch in Spanien.<\/p>\n<p><strong>Ecuadorianerinnen brachten m\u00f6glicherweise, ohne es zu wissen, auch das Virus aus Spanien nach Ecuador<\/strong><\/p>\n<p>Der Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Virus und der Zahl derer, die abgeschoben wurden und in ihre Heimat zur\u00fcckkehrten, ist offensichtlich. Ursache davon waren unter anderem die Expansion und Verfestigung der kolonialen Politik des Nordens im Globalen S\u00fcden.<\/p>\n<p>Ich kenne die Patientin 0 nicht und wei\u00df auch ihren Namen nicht. Aber ich wei\u00df, dass sie Teil unserer Gemeinschaft in der Diaspora war und sie wahrscheinlich zu den Migrantinnen geh\u00f6rte, die das spanische Wirtschaftssystem w\u00e4hrend der letzten Jahrzehnte am Laufen hielten. Doch inmitten der verheerenden Krise, die sich in Spanien abzeichnet, wurde die Diaspora, wieder einmal, von den Hilfen der spanischen Regierung ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Im Januar 2020 reiste die Patientin 0 nach Ecuador, so wie auch ich es tat, denn dies ist ein guter Zeitpunkt: So kann man die Feiertage nutzen und dem kalten europ\u00e4ischen Winter entfliehen. \u201eSie ging, um zur\u00fcckzugehen\u201c (ein Ausdruck, den wir in der Andenregion Ecuadors benutzen). Ungl\u00fccklicherweise konnte sie nicht mehr zur\u00fcckkehren. Genauso wie sie reisten hunderte Ecuadorianerinnen, die in Spanien leben, hier her und brachten m\u00f6glicherweise, ohne es zu wissen, auch das Virus nach Ecuador.<\/p>\n<p><strong>Die Oberschicht feiert und macht Witze<\/strong><\/p>\n<p>Einige Tage nachdem der Notstand ausgerufen wurde, fand in Guayaquil eine gro\u00dfe Hochzeit statt. Die Quarant\u00e4nevorschriften wurden dabei v\u00f6llig au\u00dfer Acht gelassen, da sich die gesellschaftliche Oberschicht scheinbar nicht an die Regeln halten muss und auch keine R\u00fccksicht auf das Leben \u201eanderer\u201c nimmt. Stattdessen machen sie dar\u00fcber Witze. Die Oberschicht hat sich schon immer gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber dem Leid anderer gezeigt. Und so ist dieses Leid zur grausamen Normalit\u00e4t geworden. Das Land ist ihr Grundbesitz, denn seit Jahrhunderten geh\u00f6ren ihnen die landwirtschaftlichen Betrieben und Kakao-Plantagen.<\/p>\n<p>Die erw\u00e4hnte Hochzeit wurde in gro\u00dfem Stil gefeiert und von den Medien wesentlich weniger thematisiert als die Flugbahn der Patientin 0. Angeblichen nahmen der B\u00fcrgermeister von Guayaquil, Miss Ecuador (so etwas gibt es noch?) und weitere Pers\u00f6nlichkeiten der Stadt an der Hochzeit teil. Auch aus Italien reisten G\u00e4ste an, obwohl man wusste, dass dort bereits tausende Menschen an COVID-19 erkrankt waren. Doch das war scheinbar egal. Viel wichtiger waren das pomp\u00f6se Fest der Eheschlie\u00dfung, die Ringe, das private Verm\u00f6gen, das Abendessen, das wei\u00dfe Brautkleid, die Braut und der Br\u00e4utigam, der Luxus, der Whiskey und das Essen. Alles war sch\u00f6n, wei\u00df und romantisch, teuer, modern und makellos. Und damit alles so sch\u00f6n und makellos war, brauchte es Menschen, die die unsichtbaren Arbeiten leisteten. Ohne diese Menschen h\u00e4tte, wie so oft, das Fest nicht stattfinden k\u00f6nnen. Augenscheinlich waren viele der G\u00e4ste und auch des Personals bereits mit dem Virus infiziert. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass die Hochzeit der zweiter Infektionsherd in Guayaquil war.<\/p>\n<p><strong>Die Stadt hat sich in ein Leichenfeld verwandelt<\/strong><\/p>\n<p>Der Zusammenhang zwischen der Ausbreitung des Virus und der Zahl der Abgeschobenen, die nach Hause zur\u00fcckkehrten, um sich zu erholen und ihre Familien zu besuchen, die sie in Ecuador zur\u00fccklassen mussten, l\u00e4sst sich auch auf die Expansion der Kolonialpolitik des Nordens im Globalen S\u00fcden zur\u00fcckf\u00fchren. Diese koloniale Struktur und Denkweise werden noch heute weitergef\u00fchrt und aufrechterhalten und die Folgen sind deutlich sichtbar. Das Ergebnis ist eine Stadt, die sich inzwischen in ein Feld aus Leichen verwandelt hat. Schon bald werden es Tausende sein, doch begraben werden k\u00f6nnen sie nicht.<\/p>\n<p>Vielleicht braucht es eine Katastrophe inmitten dieser kolonialen Zerst\u00f6rung. Vielleicht kann man dadurch lernen, dem Tod zu begegnen und das Recht auf einen w\u00fcrdevollen Tod einzufordern, den Tod und den Verlust zu akzeptieren und mit den Verbliebenen weiterzuleben.<\/p>\n<p>Die Trauer ist ein geteilter Schmerz, der es den Angeh\u00f6rigen erlaubt, gemeinsam damit umzugehen. Das gemeinsame Trauern \u00f6ffnet einen Weg, die Ver\u00e4nderung anzunehmen. Doch wenn der Leichnam nicht Teil der Trauerfeier sein kann, ist es schwer f\u00fcr die Familien damit abzuschlie\u00dfen. Leider ist dies jedoch immer h\u00e4ufiger der Fall, denn seit Jahren ertrinken Fl\u00fcchtlinge wegen der europ\u00e4ischen Migrationspolitik im Mittelmeer. So gibt es keinen Raum f\u00fcr Trauer und ohne Trauer k\u00f6nnen weder die Toten noch die Lebenden ihren Frieden finden. Jedes Wesen, das lebendig ist und eine Seele hat, ob menschlich oder nicht, verdient ein Leben in W\u00fcrde, einen Tod in W\u00fcrde und verdient es auch in W\u00fcrde zu trauern. In Guayaquil gibt es bereits hunderte von Toten und es werden noch hunderte folgen. Und dennoch kann keine Trauerfeier f\u00fcr sie stattfinden, da die leblosen K\u00f6rper auf den Stra\u00dfen liegen bleiben und es keine M\u00f6glichkeit gibt, sie zu begraben. Schuld daran sind das Versagen des Staates und das koloniale System, dass auch dann noch seine soziale Hierarchie aufrechterh\u00e4lt, wenn die Menschen bereits aufgeh\u00f6rt haben zu atmen.<\/p>\n<p><strong>Vielleicht braucht es eine Katastrophe<\/strong><\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser Situation fordern verschiedene Organisationen, trotz der Ausgangssperre, eine w\u00fcrdevolle Beisetzung f\u00fcr alle Verstorbenen. Sie fordern, dass die ecuadorianische Regierung auch im Rahmen der Bestattung an gewissen Mindeststandards festh\u00e4lt, trotz der aktuellen Notlage aufgrund der Corona-Pandemie. Wenn der Staat schon nicht in der Lage ist das Leben der B\u00fcrger*innen zu sch\u00fctzen, so muss er sich zumindest um die Toten k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Vielleicht braucht es im Angesicht dieser kolonialen Zerst\u00f6rung eine Katastrophe, damit wir uns nicht nur auf geistiger, politischer und epistemischer Ebene fragen, was f\u00fcr ein Leben wir in Zukunft wollen. Genauso m\u00fcssen wir lernen, jeder f\u00fcr sich selbst und auch zusammen als Gemeinschaft, mit dem Verlust umzugehen und das Recht auf einen w\u00fcrdevollen Tod einzufordern. Wir m\u00fcssen weiterleben, mit den Lebenden und mit den Toten. Jeder Mensch bekommt Rechte zu Beginn seines Lebens und beh\u00e4lt diese bis zum Ende seines Lebens. Wir haben ein Recht, die Toten zu verabschieden und uns auch selbst von ihnen zu verabschieden. Wir haben das Recht, uns zu erinnern.<\/p>\n<p>Wenn unsere Trauerrituale Erinnerungen wachrufen, schenkt das Hoffnung, dass dort wo Erinnerungen sind auch neues Leben entstehen und bl\u00fchen kann. Erinnerungen an die Migration, an die F\u00fcrsorge, an das Leben und an den Tod. Sie sind wie Blumen, die eines Tages vielleicht zu wilden G\u00e4rten werden. G\u00e4rten, in denen die Lebenden zu Hause sind und auch die Toten ihren Platz haben.<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung: Claudia Bothe aus <\/em><a href=\"https:\/\/www.elsaltodiario.com\/el-rumor-de-las-multitudes\/guayaquil-colonial-virus\">El Salto<\/a><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.npla.de\/thema\/arbeit-gesundheit\/das-koloniale-virus\/\"><em>npla.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 14. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mafe Moscoso Rosero. Leichen liegen \u00fcberall auf den Stra\u00dfen verstreut, Menschen ringen mit dem Tod und werden zum Sterben zur\u00fcckgelassen. 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