{"id":7588,"date":"2020-04-15T09:09:58","date_gmt":"2020-04-15T07:09:58","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7588"},"modified":"2020-04-15T09:10:00","modified_gmt":"2020-04-15T07:10:00","slug":"arbeiterinnen-verteilen-lebensmittelpakete-an-leidtragende-der-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7588","title":{"rendered":"Arbeiter*innen verteilen Lebensmittelpakete an Leidtragende der Krise"},"content":{"rendered":"<p><em>Mateo Falcone.<\/em> <strong>Seit Beginn der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen lebt die Bev\u00f6lkerung in den n\u00f6rdlichen Bezirken Marseilles in zunehmendem Elend. Die Mitarbeiter*innen der McDonald\u2018s-Filiale in Saint-Barth\u00e9lemy, einem proletarisch gepr\u00e4gten<!--more--> Stadtteil Marseilles, verteilen von der Filiale aus Lebensmittelpakete an die Betroffenen. Das Management von McDonald\u2019s France wehrt sich gegen die Aktion \u2013 und belebt gleichzeitig das Gesch\u00e4ft auf Kosten der Gesundheit seiner Angestellten.<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem Ausbruch der Corona-Krise haben sich die Verh\u00e4ltnisse in den ohnehin \u00e4u\u00dferst prek\u00e4ren Stadtteilen Marseilles verschlimmert. Die n\u00f6rdlichen Bezirke (3, 13, 14, 15, 16) hatten bereits eine Arbeitslosenquote von 25,5% (zum Vergleich: der nationale Durchschnitt betr\u00e4gt 8,5%). 39% der Bev\u00f6lkerung lebte schon vor Corona unterhalb der Armutsgrenze.<\/p>\n<p>Durch die Einf\u00fchrung der Ausgangssperre und die mit ihr verbundenen Entlassungen und Lohnausf\u00e4lle hat sich diese Situation verschlechtert. Mittlerweile kann ein immer gr\u00f6\u00dfer werdender Teil der dortigen Bev\u00f6lkerung ihre Grundbed\u00fcrfnisse, wie etwa Lebensmittel, nicht mehr decken. Nair Abdallah, Mitglied des Kollektivs \u201eMaison Blanche\u201d, berichtet: \u201eZu Beginn haben wir uns an die Ausgangsbeschr\u00e4nkung gehalten, aber nach 4, 5 Tagen haben wir entschieden, in die Nachbarschaft zur\u00fcckzukehren. Da haben die ersten Familien beklagt, dass es bei ihnen nichts mehr zu essen gibt. Eine Mutter hat zum Beispiel erz\u00e4hlt, dass sie mit ihren drei Kindern seit \u00fcber drei Tagen nur noch Zwiebelsuppe isst.\u201c<\/p>\n<p>Viele Verb\u00e4nde und Kollektive haben daher die Verteilung von Lebensmittelpaketen f\u00fcr die am st\u00e4rksten Benachteiligten organisiert. Doch t\u00e4glich bitten mehr um Hilfe: Das Kollektiv \u201eMaison Blanche\u201c hat letzte Woche 50 Pakete verteilt, diese Woche fast 400. Sogar die sozialen Dienste anderer Stadtteile haben begonnen, die Menschen zu diesen Kollektiven zu schicken, da sie dank ihren Mobilisierungen den Bedarf an Lebensmittelpaketen vorerst decken konnten.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"890\" height=\"550\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/arton20172-890x550-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7589\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/arton20172-890x550-1.jpg 890w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/arton20172-890x550-1-300x185.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/arton20172-890x550-1-768x475.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 890px) 100vw, 890px\" \/><\/figure>\n<p>Angesichts dieses Zustroms beschlossen die Mitarbeiter*innen von McDonald\u2018s Saint-Barth\u00e9lemy, die Infrastruktur ihrer Filiale im Kampf gegen die Krise zu nutzen. Unterst\u00fctzt werden sie dabei von einer Vielzahl von Kollektiven und Verb\u00e4nden, insbesondere dem Syndikat der Arbeiter*innenviertel von Marseille.<\/p>\n<p>Von H\u00e4ndler*innen, Anwohner*innen oder den Tafeln gelieferte Lebensmittel werden im K\u00fchlraum aufbewahrt. Lebensmittelpakete werden in der Filiale vorbereitet, verpackt und von dort aus verteilt. Die Pakete werden in Erdgeschossen von Wohnh\u00e4usern oder vor den Wohnungen abgestellt \u2013 alles unter Beachtung der hygienischen Schutzma\u00dfnahmen: Masken und Handschuhe werden genutzt, die Produkte desinfiziert. Kamel Gu\u00e9mari, Mitglied der Gewerkschaft Force Ouvri\u00e8re und Akteur im Kampf gegen das McDonald\u2018s\u2011Management, fragt: \u201eWenn wir in diesem Ausnahmezustand unsere Nachbarn nicht unterst\u00fctzen, wer dann?\u201c<\/p>\n<p>Der McDonald\u2018s\u2011Konzern lehnt die Aktion ab, verurteilt sie sogar. Ralph Blindauer, Anwalt der Angestellten der Filiale Saint-Barth\u00e9lemy, sagte im Gespr\u00e4ch mit der Zeitung La Marseillaise: \u201cWir h\u00e4tten es gerne mit Zustimmung von McDonald\u2019s France getan, aber sie lehnen es ab. Als Gr\u00fcnde werden Haftungsfragen genannt\u201d. Er f\u00fcgte hinzu: \u201cSie haben keinen Funken Menschlichkeit, deshalb haben die Arbeiter*innen beschlossen, sie zu ignorieren.\u201d<\/p>\n<p>Das McDonald\u2018s\u2011Management positioniert sich als Hindernis im Kampf gegen die Corona-Krise. Es lehnt ab, den am st\u00e4rksten unter ihr leidenden Menschen zu helfen. Die Arbeiter*innen der Filiale k\u00f6nnen sich auf niemanden au\u00dfer sich selbst verlassen, wenn sie die Einwohner*innen Marseilles in dieser dramatischen Situation unterst\u00fctzen wollen.<\/p>\n<p>In der Tat ist der Konzern nicht f\u00fcr menschenfreundliche Entscheidungen bekannt. Vor einer Woche wurde verk\u00fcndet, dass die Drive-In-Restaurants wieder \u00f6ffnen und die Lieferungen wieder stattfinden sollen \u2013 auf Kosten der Gesundheit der Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>Zwar hei\u00dft es, die Arbeit solle auf freiwilliger Basis aufgenommen werden. Massamba Dram\u00e1, Gewerkschafter der SUD H\u00f4tellerie-Restauration Paris, f\u00fchrt jedoch aus, dass \u201cMitarbeiter*innen, die sich weigern zur Arbeit zu gehen, zu Feind*innen des Managements deklariert werden und Repressalien riskieren\u201d.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist das Unternehmen bekannt f\u00fcr die Unterdr\u00fcckung \u201caufm\u00fcpfiger\u201d Mitarbeiter*innen. Im vergangenen Jahr enth\u00fcllte Marsactu, eine Tageszeitung aus Marseille, dass McDonald\u2019s 25.000 Euro f\u00fcr falsche Zeugenaussagen gegen Kamel Gu\u00e9mari gezahlt hat \u2013 um eine Grundlage f\u00fcr seine Entlassung zu schaffen.<\/p>\n<p>Was die Wiederaufnahme des Tagesgesch\u00e4fts im Eilmarsch angeht, erkl\u00e4rt Massamba Dram\u00e9: \u201cDie K\u00fcchen sind sehr klein. Es wird schwierig, einen Mindestabstand zueinander einzuhalten. Au\u00dferdem gibt es die Frage nach den Masken: Sollten sie nicht lieber dem Pflegepersonal \u00fcberlassen werden, da diese sie dringender ben\u00f6tigen?\u201d<\/p>\n<p>Zudem betont der Gewerkschafter, dass das Liefergesch\u00e4ft von McDonald\u2019s nicht zur Grundversorgung z\u00e4hlt. Der Verkauf von Burgern, der die Taschen des Konzerns f\u00fcllt, ist keine gesellschaftlich essenzielle Aufgabe \u2013 im Gegensatz zur Verantwortung des Gastst\u00e4ttensektors, den \u00c4rmsten zu helfen. Was die Arbeiter*innen aus Saint-Barthelemy tun, ist ein Beitrag zur Bew\u00e4ltigung der medizinischen und wirtschaftlichen Krise.<\/p>\n<p>Die Marseiller McDonald\u2019s\u2011Arbeiter*innen haben ihre Produktionsmittel in die eigenen H\u00e4nde genommen, um sie in den Dienst der Krisenbek\u00e4mpfung zu stellen \u2013 w\u00e4hrend der Staat mit seiner katastrophalen Bew\u00e4ltigungsstrategie die Krise verschlimmert und die Konzerne auf Kosten tausender Arbeiter*innen die Gesch\u00e4fte \u00f6ffnen und die nicht-essenzielle Produktion wiederaufnehmen wollen.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigten sind in der besten Position, um die Verteilung aller G\u00fcter neu zu organisieren \u2013 nicht zum Nutzen der Bourgeoisie, sondern zum Kampf gegen die Krise.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel erschien zuerst am 9. April bei\u00a0<\/em><a href=\"https:\/\/www.revolutionpermanente.fr\/Un-McDo-marseillais-requisitionne-par-les-travailleurs-pour-donner-de-la-nourriture-dans-les\"><strong>R\u00e9volution Permanente<\/strong><\/a>.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.klassegegenklasse.org\/mcdonalds-filiale-besetzt-arbeiterinnen-verteilen-lebensmittelpakete-an-leidtragende-der-krise\/\"><em>klassegegenklasse.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 15. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mateo Falcone. Seit Beginn der Ausgangsbeschr\u00e4nkungen lebt die Bev\u00f6lkerung in den n\u00f6rdlichen Bezirken Marseilles in zunehmendem Elend. 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