{"id":7595,"date":"2020-04-16T07:57:01","date_gmt":"2020-04-16T05:57:01","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7595"},"modified":"2020-04-16T07:57:02","modified_gmt":"2020-04-16T05:57:02","slug":"die-wall-street-maestet-sich-am-tod","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7595","title":{"rendered":"Die Wall Street m\u00e4stet sich am Tod"},"content":{"rendered":"<p><em>David North.<\/em> Gestern, am 15. April, stieg die Zahl der Todesf\u00e4lle infolge der Corona-Pandemie weltweit auf \u00fcber 130.000. In den Vereinigten Staaten starben allein am Dienstag mehr als 2.400 und am Mittwoch \u00fcber 2.300 Menschen, womit die<!--more--> landesweite Gesamtzahl der Opfer auf \u00fcber 28.000 kletterte. Diese offiziellen Angaben sind zweifellos wesentlich niedriger als die tats\u00e4chliche Zahl der Menschen, die bislang dem Virus erlagen.<\/p>\n<p>Seit den 1930er Jahren haben die Vereinigten Staaten im eigenen Land keine Krise mehr erlebt, die so verheerende Auswirkungen auf die soziale Lage der Bev\u00f6lkerung hatte. Massengr\u00e4ber, die in New York ausgehoben werden, Leichens\u00e4cke, die sich in Detroiter Krankenh\u00e4usern stapeln, und endlose Autoschlangen, in denen Menschen stundenlang warten, um Lebensmittel f\u00fcr ihre Familien zu ergattern \u2013 diese Bilder werden in Erinnerung bleiben wie die Fotografien von Dorothea Lange aus den Jahren der Gro\u00dfen Depression. Dutzende Millionen Amerikaner sind ohne Einkommen und verf\u00fcgen \u00fcber keine ausreichenden Ersparnisse, um ihre Hypotheken oder Mieten, Versicherungsbeitr\u00e4ge, Ratenzahlungen und andere Ausgaben zu decken, die jeden Tag, jede Woche, jeden Monat unvermeidlich anfallen. Mehr als 16 Millionen Menschen haben Arbeitslosengeld beantragt. Es wird Wochen, wenn nicht Monate dauern, bis sie eine Zahlung erhalten. Die 1.200 Dollar, die im Rahmen des neuen CARES-Gesetzes vom vergangenen Monat versprochen wurden, sind nur auf sehr wenigen Bankkonten eingegangen.<\/p>\n<p>Hier entwickelt sich eine soziale Katastrophe. Der Jubel der Medien \u00fcber angebliche \u201eHoffnungsschimmer\u201c ist fern jeder Realit\u00e4t, wie sie die gro\u00dfe Mehrheit der Bev\u00f6lkerung erlebt. Die Verweise auf \u201ePeaks\u201c und \u201ePlateaus\u201c sind weitgehend hypothetischer Natur. Die Pandemie w\u00fctet im ganzen Land. Millionen Menschen, die noch zur Arbeit m\u00fcssen, gehen ein hohes Risiko ein, dem Coronavirus ausgesetzt zu werden.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/usa.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7596\" width=\"542\" height=\"361\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/usa.jpg 320w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/usa-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 542px) 100vw, 542px\" \/><\/figure>\n<p>Und doch, inmitten dieser dramatischen Krise, gibt es einen kleinen Teil der Gesellschaft, der seinen Reichtum zu vermehren wusste.<\/p>\n<p>Vor etwas mehr als drei Wochen, am 23. M\u00e4rz 2020, schloss der Dow Jones mit 18.591 Punkten. W\u00e4hrend der vorangegangenen f\u00fcnf Wochen, als die Schwere der Pandemie allm\u00e4hlich und widerwillig anerkannt wurde, war der Dow Jones von seinem Hoch am 13. Februar mit 29.551 um fast 35 Prozent gefallen.<\/p>\n<p>Seit dem 23. M\u00e4rz sind zwei Werte gleichzeitig gestiegen: die Corona-Todesf\u00e4lle und der Dow Jones (zusammen mit anderen wichtigen Aktienindizes wie S&amp;P 500 und Nasdaq).<\/p>\n<p>Am 23. M\u00e4rz hatte die Zahl der Pandemieopfer in den USA 556 erreicht. In den n\u00e4chsten vier Tagen beschloss der Kongress in aller Eile seine mehrere Billionen Dollar schwere Rettungsaktion f\u00fcr Banken, Unternehmen und Investoren. Das \u201eCARES-Gesetz\u201c trat am 27. M\u00e4rz in Kraft. An diesem Tag schloss der Dow Jones mit 21.636 Punkten. In Erwartung auf die bevorstehende Verabschiedung des Rettungspakets waren die Kurse in nur vier Tagen um fast 3.000 Punkte nach oben geschnellt. Die Zahl der Corona-Toten in den Vereinigten Staaten hatte sich im selben Zeitraum, zwischen dem 23. und 27. M\u00e4rz, fast verdreifacht und stieg auf 1.697.<\/p>\n<p>In der Woche vom Montag, 30. M\u00e4rz, bis Freitag, 3. April, stiegen die Opferzahlen erneut sprunghaft an und erreichten den H\u00f6chststand von 7.139. W\u00e4hrend des Wochenendes versuchten die Medien, die \u00d6ffentlichkeit auf einen weiteren raschen Anstieg der Todesopfer vorzubereiten. Aber zugleich ver\u00e4nderte sich der Ton der Berichterstattung merklich. Phrasen \u00fcber \u201ehoffnungsvolle Anzeichen\u201c, \u201eman werde bald \u00fcber den Berg sein\u201c und die unvermeidlichen \u201eHoffnungsschimmer\u201c wurden fester Bestandteil des Propaganda-Repertoires. Dies ging einher mit einer zunehmend aggressiven Kampagne f\u00fcr eine mehr oder weniger rasche R\u00fcckkehr an den Arbeitsplatz.<\/p>\n<p>Im Laufe der vergangenen Woche offenbarte der rapide Anstieg der Todeszahlen das riesige Ausma\u00df der sozialen Trag\u00f6die. Der H\u00f6henflug an der B\u00f6rse spiegelte die Stimmung der Finanzelite wider, die \u2013 soeben von der Regierung mit Billionen beschenkt \u2013 darauf setzte, von dieser Krise zu profitieren und noch reicher und m\u00e4chtiger daraus hervorzugehen.<\/p>\n<p>Bis Montag, den 6. April, erreichte die Todeszahl 10.895 \u2013 der Dow Jones schloss mit 22.679 Punkten. Bis zum 9. April stiegen die Todesopfer auf 16.712 \u2013 der Dow Jones schloss mit 23.319 Punkten. Und am Dienstag, als die Zahl der Toten die schwindelerregende Marke von 26.000 \u00fcberschritt, verfolgten die Investoren und Spekulanten mit Freude, wie der Dow Jones um weitere 569 Punkte zulegte und bei 23.950 schloss.<\/p>\n<p>Verweilen wir kurz bei diesen Zahlen. Seit dem 23. M\u00e4rz hat die Corona-Pandemie laut offiziellen Statistiken mehr als 25.000 Menschenleben in den Vereinigten Staaten gefordert. Im gleichen Zeitraum ist der Dow Jones um mehr als 30 Prozent gestiegen.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick gibt es in den Wirtschaftsnachrichten nichts, was den au\u00dfergew\u00f6hnlich schnellen Anstieg der M\u00e4rkte rechtfertigt. Vielmehr deuten alle verf\u00fcgbaren Informationen darauf hin, dass sich die globalen Auswirkungen der Pandemie als ebenso schwerwiegend und lang anhaltend erweisen k\u00f6nnten wie die Gro\u00dfe Depression in den 1930er Jahren.<\/p>\n<p>Am Dienstagmorgen ver\u00f6ffentlichte der Internationale W\u00e4hrungsfonds einen Bericht unter der \u00dcberschrift \u201eDer Gro\u00dfe Lockdown: Die schlimmste wirtschaftliche Depression seit der Gro\u00dfen Depression\u201c. Der Bericht, der von der IWF-Chef\u00f6konomin Gita Gopinath verfasst wurde, beschreibt die derzeitige Situation als \u201eeine Krise wie keine zuvor\u201c und prognostiziert einen anhaltenden R\u00fcckgang des globalen Wirtschaftswachstums. \u201eDamit ist der Gro\u00dfe Lockdown die schlimmste Rezession seit der Gro\u00dfen Depression und weitaus schlimmer als die globale Finanzkrise [von 2008\u20132009].\u201c Weiter hei\u00dft es:<\/p>\n<p>Der kumulierte Verlust des globalen BIP in den Jahren 2020 und 2021 durch die Pandemiekrise k\u00f6nnte rund 9 Billionen Dollar betragen und damit gr\u00f6\u00dfer sein als die Volkswirtschaften von Japan und Deutschland zusammen.<\/p>\n<p>Offensichtlich sind es nicht die aktuellen Wirtschaftsprognosen, die die Euphorie an der Wall Street befeuert haben, und es ist angesichts des beschleunigten globalen Abschwungs h\u00f6chst unwahrscheinlich, dass der gegenw\u00e4rtige Boom aufrechterhalten werden kann. Aber vorerst wird der Rausch an der B\u00f6rse von zwei Faktoren getrieben: einerseits dem Geldsegen in Billionenh\u00f6he, den die Federal Reserve ohne Kosten und Auflagen zur Verf\u00fcgung gestellt hat; und andererseits der Erwartung der Unternehmens- und Finanzoligarchie in den USA und Europa, dass diese Krise ihnen die Gelegenheit bietet, die kapitalistische Wirtschaft und die Klassenbeziehungen so umzustrukturieren, dass noch mehr Geld in die Kassen der Kapitalistenklasse gesp\u00fclt wird.<\/p>\n<p>Es gibt allerdings noch einen anderen Faktor, der dieser Euphorie entgegenwirken wird, und das ist der wachsende soziale Widerstand der Arbeiterklasse, die ihre eigenen Vorstellungen dar\u00fcber entwickelt, wie die amerikanische und die Weltwirtschaft umgestaltet und der Reichtum neu verteilt werden soll.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.wsws.org\/de\/articles\/2020\/04\/16\/pers-a16.html\"><em>wsws.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>David North. Gestern, am 15. April, stieg die Zahl der Todesf\u00e4lle infolge der Corona-Pandemie weltweit auf \u00fcber 130.000. 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