{"id":7603,"date":"2020-04-16T11:24:14","date_gmt":"2020-04-16T09:24:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7603"},"modified":"2020-04-16T11:24:15","modified_gmt":"2020-04-16T09:24:15","slug":"corona-und-die-unterversorgung-mit-medikamenten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7603","title":{"rendered":"Corona und die Unterversorgung mit Medikamenten"},"content":{"rendered":"<p><em>Katharina Wagner. <\/em>In der im Moment herrschenden Pandemie richtet sich der Blick der gesamten Gesellschaft nat\u00fcrlich verst\u00e4rkt in Richtung Gesundheitswesen. Vor allem in den Krankenh\u00e4usern und\u00a0 Pflegeeinrichtungen herrschen<!--more--> derzeit gravierende M\u00e4ngel in Bezug auf Schutzausr\u00fcstung, Desinfektionsmittel und vor allem Personal. Aber auch in anderen Bereichen des Gesundheitswesens ist die derzeitige Situation sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>So wird das Apothekenpersonal jeden Tag mit den auftretenden Problemen der herrschenden Pandemie konfrontiert. Das erlebe ich als angestellte PTA (Pharmazeutisch-technische Assistentin) in einer Apotheke in Baden-W\u00fcrttemberg hautnah. Waren es zun\u00e4chst Probleme bei der Beschaffung von Desinfektionsmitteln und Mundschutz, weitet sich die Problematik nun aus. Die Lieferf\u00e4higkeit vieler Medikamente kann derzeit nicht gew\u00e4hrleistet werden, was vor allem f\u00fcr chronisch Kranke zus\u00e4tzliche Probleme mit sich bringt. F\u00fcr viele PatientInnen wie beispielsweise Empf\u00e4ngerInnen eines SpenderInnenorgans oder Personen, welche unter Autoimmunerkrankungen oder HIV leiden, ist die t\u00e4gliche Medikamenteneinnahme \u00fcberlebenswichtig.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Sensorial_Roche_Aufnahmen-Drohne_Basel-ganz-nah_151008_02_klein-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7604\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Sensorial_Roche_Aufnahmen-Drohne_Basel-ganz-nah_151008_02_klein-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Sensorial_Roche_Aufnahmen-Drohne_Basel-ganz-nah_151008_02_klein-300x169.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Sensorial_Roche_Aufnahmen-Drohne_Basel-ganz-nah_151008_02_klein-768x432.jpg 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Sensorial_Roche_Aufnahmen-Drohne_Basel-ganz-nah_151008_02_klein.jpg 1181w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Hauptsitz von Hoffmann-La-Roche AG in Basel, dem weltweit zweitgr\u00f6ssten und  gr\u00f6ssten Schweizer Pharmakonzern.<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Ursachen von Lieferengp\u00e4ssen<\/strong><\/p>\n<p>Ein Grund f\u00fcr die fehlende Lieferf\u00e4higkeit ist sicher in Hamsterk\u00e4ufen zu suchen, da aufgrund der zunehmenden Unsicherheit viele \u00c4rzte auf Bitte der PatientInnen hin fr\u00fcher als bisher neue Verordnungen f\u00fcr Medikamente ausstellen. Das Bundesinstitut f\u00fcr Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat darauf bereits reagiert und die pharmazeutischen UnternehmerInnen und Gro\u00dfh\u00e4ndlerInnen aufgefordert, \u201eArzneimittel nicht \u00fcber den normalen Bedarf hinaus\u201c an die Apotheken zu liefern (Frankfurter Rundschau, 07.04.2020).<\/p>\n<p>Die verst\u00e4rkte Nachfrage kann von der Pharmaindustrie nicht sofort durch h\u00f6here Produktionsmengen gestillt werden, auch weil die Pr\u00fcfung und Freigabe der einzelnen Produktionschargen aufgrund notwendiger regulatorischer Vorgaben einige Zeit in Anspruch nehmen. So betr\u00e4gt beispielsweise die Produktionszeit eines Impfstoffes vom ersten Produktionstag bis zur endg\u00fcltigen Auslieferung und Abgabe an den Kunden \u00fcblicherweise rund 24 Monate. Das liegt zum einen an den zahlreichen Qualit\u00e4tspr\u00fcfungen (QC), welche der Impfstoff durchlaufen muss.<\/p>\n<p>Ein weiterer wichtiger Grund ist aber die Dezentralisation der Impfstoff- beziehungsweise Arzneimittelherstellung. Kaum ein Medikament wird heutzutage noch an einem einzigen Standort hergestellt. Aufgrund der Globalisierung kam es auch zu einer Dezentralisation der Produktion, so dass bei einem einzigen Medikament mehrere Produktionsst\u00e4tten weltweit beteiligt sind. Vor allem die so genannten Rohstoffe, damit sind zum einen die Wirkstoffe des Medikaments und zus\u00e4tzlich ben\u00f6tigte Hilfsstoffe gemeint, werden haupts\u00e4chlich in den Billiglohnl\u00e4ndern China und Indien produziert (<a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/verbraucher\/gesundheit\/medikament-knappheit-100.html\">https:\/\/www1.wdr.de\/verbraucher\/gesundheit\/medikament-knappheit-100.html<\/a>)<\/p>\n<p>Der Hauptgrund f\u00fcr die Verlagerung der Produktion ist in der Senkung der Produktionskosten aufgrund eines steigenden Preisdrucks zu suchen. Dieser wird zum einen durch die wechselnden Rabattvertr\u00e4ge zwischen Krankenkassen und Pharmaunternehmen verursacht, welche bei der Verordnung und Abgabe von Medikamenten ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen. Auch die Zunahme der Marktanteile von sogenannten Generika, also preisg\u00fcnstigen Medikamenten, deren Patentschutz abgelaufen ist, verst\u00e4rkt den\u00a0<a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/verbraucher\/gesundheit\/medikament-knappheit-100.html\">herrschenden Preisdruck<\/a>\u00a0zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p>Die damit einhergehenden l\u00e4ngeren Lieferzeiten k\u00f6nnen gerade in der jetzigen Situation mit im Prinzip geschlossenen Grenzen schnell zu Lieferengp\u00e4ssen f\u00fchren. Auch wurden seitens einiger L\u00e4nder, wie zum Beispiel Indien, bereits Listen mit Medikamenten erstellt, welche derzeit nicht exportiert und an andere L\u00e4nder versendet werden d\u00fcrfen, um den eigenen nationalen Bedarf zu decken (Frankfurter Rundschau, 07.04.2020). Erschwerend kommt hinzu, dass f\u00fcr manche Wirkstoffe teilweise global nur noch wenige ProduzentInnen existieren. Als Beispiel sei Ibuprofen genannt, eines der weltweit am h\u00e4ufigsten eingesetzten Medikamente zur Behandlung von Schmerzen und Entz\u00fcndungen. Dieses wird derzeit nur noch von sechs ProduzentInnen hergestellt, neben der deutschen BASF und der US-amerikanischen SI Group jeweils zwei weitere ProduzentInnen aus Indien (Solara, IOLPC) und China (Hubei Granules-Biocause, Shandong Xinhua). Der deutsche Chemieriese BASF wird ab 2021 der einzige Hersteller mit zwei Produktionsstandorten sein. N\u00e4chstes Jahr soll an seinem Stammsitz Ludwigshafen eine Anlage in Betrieb gehen. Bis dahin steigert BASF die Produktion am Standort Bishop (Texas). Alle genannten HerstellerInnen besitzen dabei einen Marktanteil zwischen 10\u201320\u00a0% und st\u00f6\u00dft j\u00e4hrliche Produktionsmengen von 3.000\u20136.200 t (Stand 2018,\u00a0<a href=\"https:\/\/m.apotheke-adhoc.de\/nachrichten\/detail\/pharmazie\/sechs-fabriken-fuer-ibuprofen\/\">https:\/\/m.apotheke-adhoc.de\/nachrichten\/detail\/pharmazie\/sechs-fabriken-fuer-ibuprofen\/<\/a>) aus. Kommt es bei einem\/r der genannten HerstellerInnen zu Qualit\u00e4ts- oder technischen Problemen, sind Lieferengp\u00e4sse unausweichlich.<\/p>\n<p><strong>Schon vor Corona<\/strong><\/p>\n<p>Bereits lange vor dem Einsetzen der Corona-Gefahr kam es aus verschiedenen Ursachen zu einem stetigen Anstieg an Lieferengp\u00e4ssen verschiedener Medikamente.<\/p>\n<p>Besonders problematisch ist in der nun herrschenden Pandemie die Tatsache, dass viele der ben\u00f6tigten Wirkstoffe, wie bereits angesprochen, in Asien produziert werden. Aufgrund der hohen Infektionszahlen und der damit verbundenen Drosselung oder gar des Stopps der Produktion sind daher\u00a0<a href=\"https:\/\/www1.wdr.de\/verbraucher\/gesundheit\/medikament-knappheit-100.html\">globale Lieferengp\u00e4sse<\/a>\u00a0an dringend ben\u00f6tigten Medikamenten die Folge.<\/p>\n<p>Dies wird mittlerweile auch in den Apotheken deutlich sp\u00fcrbar. Mehrmals am Tag m\u00fcssen PatientInnen vertr\u00f6stet oder zur\u00fcck an den Arzt verwiesen werden, da das f\u00fcr sie ben\u00f6tigte Medikament derzeit nicht lieferbar ist und keine Alternative zur Verf\u00fcgung steht. Bei einigen Erkrankungen, wie beispielsweise Bluthochdruck, stehen gl\u00fccklicherweise andere Wirkstoffe als Alternative zur Verf\u00fcgung, welche durch die jeweiligen \u00c4rtztInnen verordnet werden k\u00f6nnen. Anders sieht es dagegen bei HIV oder psychischen Erkrankungen aus. Hier fehlen schlichtweg Alternativen zum bestehenden Medikament.<\/p>\n<p>Ist das ben\u00f6tigte Medikament l\u00e4ngere Zeit nicht lieferbar, leidet der\/die PatientIn sehr schnell an gravierenden k\u00f6rperlichen oder psychischen Beeintr\u00e4chtigungen, welche sogar lebensbedrohlich werden k\u00f6nnen. Das Apothekenpersonal steht innerhalb der Medikamentenverordnung an letzter Stelle und ist mit den \u00c4ngsten und der berechtigten Ver\u00e4rgerung der PatientInnen konfrontiert. In den meisten F\u00e4llen k\u00f6nnen wir die PatientInnen leider nur vertr\u00f6sten und zur Not an ihre\/n \u00c4rztIn verweisen, um Alternativen zum bisherigen Medikament zu besprechen. Schnell f\u00fchlt man sich dann im Stich gelassen.<\/p>\n<p><strong>Forderungen<\/strong><\/p>\n<p>Zur L\u00f6sung dieser Probleme m\u00fcsste eine entsch\u00e4digungslose (Wieder-)Verstaatlichung der pharmazeutischen Industrie durchgef\u00fchrt und die Produktion von Rohstoffen und Medikamenten unter Kontrolle der Besch\u00e4ftigten und ihrer Gewerkschaften gestellt werden. Um eine hohe Qualit\u00e4t an Rohstoffen und Medikamenten sicherzustellen, sollten zudem Laborkontrollen an allen Produktionsst\u00e4tten und innerhalb jedes Produktionsschrittes erh\u00f6ht werden, ebenfalls kontrolliert von den Besch\u00e4ftigten und PatientInnen bzw. ihren Verb\u00e4nden.<\/p>\n<p>Um den herrschenden Preisdruck und daraus resultierende Qualit\u00e4tseinbu\u00dfen zu beseitigen, sollten sofort alle Rabattvertr\u00e4ge zwischen Krankenkassen und Pharmaunternehmen aufgehoben werden. Zur Erh\u00f6hung der Produktionskapazit\u00e4ten m\u00fcssen sofort alle Forschungsergebnisse ver\u00f6ffentlicht und das Patentrecht aufgehoben werden, so dass lebensnotwendige Medikamente f\u00fcr die Masse der Bev\u00f6lkerung, auch in der L\u00e4ndern der sog. Dritten Welt, zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden. Die Medikamentenpreise sollten von Verb\u00e4nden der PatientInnen und den Besch\u00e4ftigten festgelegt und die jeweiligen Kosten vollst\u00e4ndig von den Krankenkassen \u00fcbernommen werden.<\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"http:\/\/arbeiterinnenmacht.de\/2020\/04\/15\/corona-unterversorgung-an-medikamenten\/\"><em>arbeiterinnenmacht.de&#8230;<\/em><\/a><em> vom 16. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Katharina Wagner. In der im Moment herrschenden Pandemie richtet sich der Blick der gesamten Gesellschaft nat\u00fcrlich verst\u00e4rkt in Richtung Gesundheitswesen. Vor allem in den Krankenh\u00e4usern und\u00a0 Pflegeeinrichtungen herrschen<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,5,3],"tags":[121,44,22,17],"class_list":["post-7603","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-international","category-kampagnen","category-schweiz","tag-covid-19","tag-gesundheitswesen","tag-politische-oekonomie","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7603","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=7603"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7603\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":7605,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/7603\/revisions\/7605"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=7603"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=7603"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=7603"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}