{"id":761,"date":"2015-10-19T11:53:08","date_gmt":"2015-10-19T09:53:08","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=761"},"modified":"2015-10-19T11:53:08","modified_gmt":"2015-10-19T09:53:08","slug":"101015-ankara-das-groesste-massaker-der-juengeren-tuerkischen-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=761","title":{"rendered":"10\/10\/15 Ankara: Das gr\u00f6\u00dfte Massaker der j\u00fcngeren t\u00fcrkischen Geschichte"},"content":{"rendered":"<p><em>Svenja Spunck.<\/em>Was eine gro\u00dfe Demonstration f\u00fcr Frieden und gegen den Staatsterror der AKP werden sollte, endete im blutigsten Massaker der j\u00fcngsten Geschichte der t\u00fcrkischen Republik. \u00dcber 10.000 junge Menschen aus dem ganzen Land waren \u00fcber Nacht <!--more-->angereist, um sich vor dem Hauptbahnhof in Ankara zum sogenannten \u201eMiting\u201c zu versammeln. Haupts\u00e4chlich hatten die Gewerkschaften DISK, KESK, TMMOB und TTB mobilisiert, sowie nat\u00fcrlich auch die HDP und viele weitere linke Gruppierungen. Alle sch\u00e4tzten die Demo im Vorhinein als einen gem\u00e4chlichen Marsch ein, bei dem vielleicht h\u00f6chstens am sp\u00e4ten Nachmittag Ausschreitungen der Polizei gegen\u00fcber den Jugendlichen zu erwarten seien. Als wir uns vor dem Bahnhof trafen, herrschte ausgelassene Stimmung, lange nicht gesehene GenossInnen wurden begr\u00fc\u00dft, Halay getanzt und kurdische Lieder f\u00fcr Rojava gesungen.<\/p>\n<p>Die Menschen trugen Schilder und Plakate, auf denen stand \u201eWie haben wir es vermisst, einen Himmel ohne Blut zu sehen\u201c.<\/p>\n<p><strong><em>Schock, Trauer, Wut<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Um 10:04 Uhr detonierten dann inmitten des HDP-Blocks direkt hintereinander zwei Bomben, wovon mindestens eine von einem Selbstmordattent\u00e4ter gez\u00fcndet wurde. Fahnen und K\u00f6rperteile wurden durch die Luft geschleudert, sofort verbreitete sich der Geruch von verbranntem Fleisch und Blut. Die Menschen gerieten in Panik, begannen zu schreien und zu rennen. In den ersten Minuten begriff niemand, was geschehen war. Das menschliche Gehirn reagiert im Schutzmodus: man versucht das Gesehene mit Bekanntem zu verkn\u00fcpfen. Kam der Knall von einem schweren Gegenstand, der heruntergefallen war? Hatte die Polizei vermutlich in die Menge geschossen? War das Fleisch auf dem Boden vielleicht nur vom K\u00f6fte-Stand heruntergefallen? War das dort wirklich ein Herz und daneben eine Leber? Noch w\u00e4hrend wir rannten und versuchten, unsere GenossInnen zu finden, griff die Polizei die Menschenmenge mit Tr\u00e4nengas an. Dies versperrte den ohnehin ungen\u00fcgenden Krankenwagen (2!!) den Weg, was sicherlich dazu beitrug, dass im Laufe der n\u00e4chsten Stunden \u00fcber 100 Menschen ihr Leben verloren und mehr als 500 verletzt ins Krankenhaus kamen. Ein Video zeigte uns sp\u00e4ter, dass einige GewerkschafterInnen sich mit Holzlatten gegen die Angriffe der Polizei wehrten \u2013 wenigstens eine kleine M\u00f6glichkeit, den Gef\u00fchlen Ausdruck zu verleihen.<\/p>\n<p>Nachdem wir uns auf einer nahen Wiese gesammelt hatten, teilten wir uns selbst die gl\u00fccklichste Nachricht des Tages mit: alle unsere GenossInnen waren gesund, keiner verschwunden oder verletzt. Im Schockzustand, viele in Tr\u00e4nen aufgel\u00f6st, liefen wir los, um uns in der Innenstadt im Parteib\u00fcro zu versammeln. Als wir am Krankenhaus vorbeikamen, standen Menschen vor der T\u00fcr, die jeden nach seiner Blutgruppe fragten und um Spenden baten. Noch die ganze Nacht \u00fcber gingen Leute in die Krankenh\u00e4user, um zu helfen, sei es nur mit warmen Decken oder Schokolade.<\/p>\n<p>Im B\u00fcro angekommen, setzte Stille ein, Totenstille, wie auf einem Friedhof. Die platonische Frage an neu dazukommende Leute \u201ewie geht\u2019s\u201c wurde mit einem platonischen \u201egut\u201c beantwortet. Jedes Telefonat begann mit \u201eIch lebe\u201c. Im Laufe der n\u00e4chsten Stunden stieg nicht nur die Zahl der Toten, sondern auch die Zahl der absolut hirnlosen Pressemitteilungen und Interviews von AKP-Politikern im Fernsehen.<\/p>\n<p>Hinter dem Attentat w\u00fcrden vermutlich Terroristen stecken, entweder von der PKK, zwei anderen linken Gruppen, oder auch vom IS. Da sei man sich noch nicht sicher, aber alles sei m\u00f6glich. Angeblich sei das Motiv der PKK, Mitleid zu erregen und dadurch mehr Stimmen f\u00fcr die HDP bei den kommenden Wahlen am 01. November zu erpressen. Im Grunde zeigen diese zynischen Unterstellungen und L\u00fcgen nur, wie die AKP-F\u00fchrung denkt. Sie unterschiebt der kurdischen Befreiungsbewegung, eine Politik, die sie selbst gegen\u00fcber den unterdr\u00fcckten Massen seit Jahren betreibt.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich zutreffend ist auch daher, was der HDP-Vorsitzende Demirtas der Regierung vorwirft, n\u00e4mlich dass die Anschl\u00e4ge unter Billigung durch die staatlichen Dienste, vielleicht durch deren (Mit-)Organisation stattfanden. Das Attentat von Ankara ist seit dem Verlust der AKP-Mehrheit der dritte Anschlag in Folge auf linke Versammlungen. Kurz vor den Wahlen starben dabei mehrere Menschen in Diyarbakir, danach in Suruc. Erdogan selbst hatte vor kurzem erst deklariert, wenn das Volk ihm und seiner Partei die 400 Sitze im Parlament gegeben h\u00e4tte, w\u00fcrde das Land nicht im Chaos versinken. Es scheint, als ob dieser Drohung nun Taten folgen, um die gew\u00fcnschten Tatsachen zu schaffen.<\/p>\n<p>Erst am 09. Oktober hatte die PKK bekannt gegeben, dass sie einen Waffenstillstand ausrufe, einen einseitigen, solange ihre Stellungen nicht angegriffen werden. In Zeiten eines sich anbahnenden B\u00fcrgerkrieges und massiver Repressionen gegen die kurdische Bev\u00f6lkerung im Land ist dies wirklich ein bemerkenswertes Angebot. Die nach wie vor auf die Wahlen konzentrierte HDP k\u00f6nnte auch Anfang November wieder \u00fcber die 10-Prozent-H\u00fcrde kommen. Ihre Hauptforderung, die sie von anderen Parteien unterscheidet, ist der Ruf nach Frieden im Land.<\/p>\n<p>Dass die Spaltung in der Bev\u00f6lkerung\u00a0 zunahm, zeigten die k\u00fcrzlich ver\u00fcbten faschistischen Angriffe auf 400 B\u00fcros der HDP im ganzen Land. Um ihre Unterst\u00fctzung zu halten, vielleicht sogar noch zu verst\u00e4rken, macht die HDP deshalb deutlich, dass sie die Partei sei, die als einzige ernsthaft um Frieden und um das\u00a0 gleichberechtige Zusammenleben der V\u00f6lker im Land bem\u00fcht ist.<\/p>\n<p><strong><em>Wie weiter?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Doch wie weit kommt man mit einer stetig pazifistischen, \u201ereformistischen\u201c Politik, in einem Land, das von der eigenen Mitgliedschaft als faschistisch bezeichnet wird, in dem die Pressefreiheit ausgesetzt wird und in dem Attentate ver\u00fcbt werden, ohne dass ein Verantwortlicher daf\u00fcr zur Rechenschaft gezogen wird?<\/p>\n<p>Diese Frage besch\u00e4ftigt nun viele in der Linken hier. Die Diskussionen \u00fcber das \u201eWie weiter?\u201c finden statt in einer Zeit, in der Blut und Tod auf den Stra\u00dfen klebt, in der dennoch viele Menschen Hoffnungen auf eine Besserung und auf mehr Demokratie durch die kommenden Wahlen haben und in der alle einer neuen Qualit\u00e4t der Gewalt gegen\u00fcberstehen, die auf jeder kommenden Demonstration wiederkehren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Kann man weitermachen wie bisher? An den Unis kleine Demonstrationen abhalten, zu Generalstreiks aufrufen, an denen sich dann doch nur wenige Betriebe beteiligen und auf facebook Bilder der Verstorbenen teilen, die mit Phrasen unterschrieben sind, die Gerechtigkeit fordern? Oder ist nicht langsam der Punkt erreicht, an dem andere Mittel notwendig sind?<\/p>\n<p>Das Massaker von Ankara zeigt, dass wir es in der T\u00fcrkei mit einer zunehmenden Tendenz zur nur noch notd\u00fcrftig verh\u00fcllten diktatorischen Herrschaft zu tun haben, dass das AKP-Regime alles andere als ein \u201enormales\u201c parlamentarisches Regime darstellt. Allein die Existenz einer legalen Massenpartei, die die kurdische Befreiungsbewegung mit gro\u00dfen Teilen der t\u00fcrkischen Linken verbindet, ist trotz ihrer reformerischen Ausrichtung und ihrer oft kleinb\u00fcrgerlichen sozialen Basis und Programmatik zu viel f\u00fcr den t\u00fcrkischen Staat.<\/p>\n<p>Gegen die zunehmende Repression und die Provokationen des Staates ist es notwendig, eine Einheitsfront aller Organisationen der Linken und ArbeiterInnenbewegung aufzubauen \u2013 nur so kann auch die Basis f\u00fcr politische Massenstreiks gelegt werden, die das Regime in die Defensive zwingen k\u00f6nnen und die ihrerseits gegen Angriffe von faschistischen und halb-faschistischen Kr\u00e4ften sowie gegen staatliche Repression verteidigt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.arbeitermacht.de\/\">www.arbeitermacht.de<\/a> vom 12. Oktober 2015\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Svenja Spunck.Was eine gro\u00dfe Demonstration f\u00fcr Frieden und gegen den Staatsterror der AKP werden sollte, endete im blutigsten Massaker der j\u00fcngsten Geschichte der t\u00fcrkischen Republik. \u00dcber 10.000 junge Menschen aus dem ganzen Land waren \u00fcber &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7,5],"tags":[34,54,17],"class_list":["post-761","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-international","category-kampagnen","tag-faschismus","tag-tuerkei","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/761","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=761"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/761\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":762,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/761\/revisions\/762"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=761"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=761"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=761"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}