{"id":7616,"date":"2020-04-19T15:00:14","date_gmt":"2020-04-19T13:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7616"},"modified":"2020-04-19T15:00:15","modified_gmt":"2020-04-19T13:00:15","slug":"gesundheitswesen-ich-fuerchte-mich-vor-der-zeit-danach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7616","title":{"rendered":"Gesundheitswesen: &#8222;Ich f\u00fcrchte mich vor der Zeit danach&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schon vor der Corona-Krise arbeitete das Gesundheitspersonal unter schlechten Bedingungen und war chronisch \u00fcberlastet. Um mehr \u00fcber die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals vor, w\u00e4hrend und nach der Corona-Krise zu erfahren, haben wir<!--more--> mit Roberta* gesprochen. Sie arbeitet auf einer Notfallstation im Raum Basel. Ihre Schilderungen zeigen eindr\u00fccklich, wie die vergangenen Sparmassnahmen die Arbeitsbedingungen systematisch verschlechtert haben. (Red.)<\/strong><\/p>\n<p><strong>Sozialismus.ch: Wie nimmst du momentan die Stimmung an deinem Arbeitsplatz oder in anderen Abteilungen wahr?<\/strong><\/p>\n<p>Roberta: Meine Stimmung ist momentan eher gelassen. Ich arbeite aber auch auf dem Notfall, da ist die Situation anders als auf den Intensivstationen. Bei uns und auf anderen Notfallstationen sind die sogenannten \u00abFallzahlen\u00bb eher gesunken. Wir haben es deshalb eher ruhig. Die Zahlen sind jedoch derart stark gesunken, dass es uns Sorgen bereitet. Es kann eigentlich nicht sein, dass es weniger Schlaganf\u00e4lle und Herzinfarkte gibt. Wir bef\u00fcrchten, dass diese Menschen einfach nicht mehr auf den Notfall gehen.<\/p>\n<p>Zu Beginn der Corona-Krise war es sehr unruhig und chaotisch. Es gab viele Unsicherheiten und \u00c4nderungen. Wir wussten zu Beginn auch nicht, ob wir eingezogen werden k\u00f6nnten. Doch seit drei Wochen ist die Lage eher stabil. Mein Eindruck ist, dass die Situation bei uns momentan nicht ausserordentlich belastend ist, mit Ausnahme f\u00fcr die Grenzg\u00e4nger*innen. W\u00e4hrend einer gewissen Zeit haben einigen von ihnen in Hotels \u00fcbernachtet, weil es unklar war, ob die Grenzen f\u00fcr die Grenzg\u00e4nger*innen ge\u00f6ffnet bleiben. Das war sehr belastend. Inzwischen hat sich aber gezeigt, dass die Grenzen f\u00fcr sie offenbleiben.<\/p>\n<p>In anderen Abteilungen ist es aber sicher anders. In der Intensivpflege haben die Pfleger*innen mehr zu tun als auf dem Notfall. Auch die IMC \u2013 das ist eine Mischstation zwischen der medizinischen Abteilung und der Intensivstation \u2013 ist st\u00e4rker belegt. Denn man versucht, Patient*innen von der Intensivstation in die IMC-Abteilung zu verschieben, um Beatmungsger\u00e4te freizuhalten.<\/p>\n<p>Im Bruderholzspital ist die Situation gravierender. Dort wurde ein Ferienstopp verh\u00e4ngt und es wurden 12,5-Stunden-Schichten eingef\u00fchrt. Die Pfleger*innen werden auch innerhalb der Spitalgruppe des Kantonsspitals Baselland (diese beinhaltet die Spit\u00e4ler Liestal, Laufen und Bruderholz) hin und her geschickt. Es herrscht Unsicherheit in Bezug auf die Arbeitspl\u00e4ne. Manchmal wissen die Pfleger*innen nicht einmal, wann sie in der darauffolgenden Woche arbeiten m\u00fcssen. Gerade f\u00fcr jene, die Kinder betreuen m\u00fcssen, ist das eine grosse Belastung. Auf dem Bruderholz ist die Station zwar noch nicht komplett \u00fcberf\u00fcllt. Doch die Behandlung von Corona-Patient*innen ist ganz generell sehr belastend, weil sich die Situation der Patient*innen sehr schnell verschlechtern kann und sie pl\u00f6tzlich intensivpflegebed\u00fcrftig werden. Die Angst der Pflegenden ist, dass dieser Moment verpasst wird, weil die Patient*innen nicht rund um die Uhr \u00fcberwacht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>S: Wie sieht die Materialausstattung aus?<\/strong><\/p>\n<p>R: Letzte Woche gab es im Bruderholzspital zu wenig Schutzmaterial. Das ist sehr belastend. Die Angestellten mussten mit Regenm\u00e4nteln statt Schutzkitteln arbeiten. Dieser Mangel wurde unterdessen aber behoben.<\/p>\n<p>Bei uns wurden die Schutzmasken ebenfalls reduziert. Fr\u00fcher konnten wir zwischen den Patient*innen auch die Schutzmaske wechseln. Jetzt haben wir eine Maske pro Schicht. Das ist sehr unangenehm und ich musste mich zuerst daran gew\u00f6hnen. Denn man hatte jahrelang die Gewohnheit, die Masken innerhalb eines Tages mehrmals zu wechseln.<\/p>\n<p>Desinfektionsmittel wurden auch reduziert. Mittlerweile gibt es in der Umziehkabine keine Desinfektionsmittel mehr. So kann man sich nicht mehr vor dem Austritt aus dem Spital nochmals die H\u00e4nde desinfizieren.<\/p>\n<p><strong>S: Wie wird das Personal getestet?<\/strong><\/p>\n<p>R: Wir werden nur bei Symptomen getestet. Wir m\u00fcssen sogar weiterarbeiten, wenn wir positiv sind, ausser wir haben Fieber. Diese Weisung finde ich nicht akzeptabel. Denn man ist immer mit Menschen in Kontakt, auch wenn man eine Maske tr\u00e4gt und die H\u00e4nde desinfiziert.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"397\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/drg-1024x397.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7617\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/drg-1024x397.png 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/drg-300x116.png 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/drg-768x297.png 768w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/drg.png 1330w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p><strong>F: Mit der Verordnung des Bundesrates wurden die Anforderungen an das Gesundheitspersonal erh\u00f6ht. Wie erlebst du das?<\/strong><\/p>\n<p>R: Insgesamt habe ich das Gef\u00fchl, dass viel applaudiert wird und man sich beim Pflegepersonal bedankt, dass aber gleichzeitig in vielen Spit\u00e4lern sehr schwierige Arbeitsbedingungen herrschen. Pfleger*innen wissen nicht, wann sie n\u00e4chste Woche arbeiten. Einige k\u00f6nnen auch keine Ferien nehmen.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte mich vor allem vor der Zeit danach. Denn jetzt wurden viele Behandlungen verschoben. So akkumuliert sich enorm viel Arbeit, die irgendwann erledigt werden muss. Eine offene Frage ist auch, wann wir jene Urlaubstage nehmen k\u00f6nnen, die wir jetzt nicht nehmen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite werden Milliarden in Firmen gesteckt, damit sie nicht pleite gehen. Auf der anderen Seite wird die Arbeit auf immer dieselben Personen abgew\u00e4lzt. Man zeigt sich zwar dankbar, doch eine Lohnzulage oder bessere Arbeitsbedingungen haben wir nicht erhalten. Im Gegenteil: Wir haben sogar zu wenig Schutzkleidung.<\/p>\n<p>Ich sehe auch keine Einsicht vonseiten der Politik. Die jahrelange Sparpolitik im Gesundheitswesen \u2013 die Privatisierungen usw. \u2013 wird nicht infrage gestellt. Es zeichnet sich also momentan kein Kurswechsel in der Gesundheitspolitik ab.<\/p>\n<p><strong>S: Wie haben sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren entwickelt?<\/strong><\/p>\n<p>R: Ich habe lange auf einer Medizinabteilung gearbeitet. Die Arbeitsbedingungen waren sehr belastend. Als Neuanf\u00e4ngerin hat man mir nahegelegt, ich solle doch eine Fortbildung zur Burnout-Prophylaxe machen. So wird Erm\u00fcdung und Stress beim Personal als individuelles Problem abgetan. Es heisst dann immer, man sei zu wenig \u00abbelastbar\u00bb.<\/p>\n<p>Nach einigen Jahren habe ich auf die Notfallstation gewechselt. Der Grund war die Arbeitsbelastung. Wir mussten sehr viele Entscheidungen treffen, die eigentlich ethisch nicht vertretbar waren. Wir mussten Patient*innen vernachl\u00e4ssigen. Wir konnten keine Beziehung zu den Patient*innen aufbauen, was allerdings zentral w\u00e4re, und mussten uns auf die medizinisch dringlichste Behandlung beschr\u00e4nken. Kurzum: Man konnte nicht das machen, wof\u00fcr man eigentlich als Pflegekraft ausgebildet wurde. Dementsprechend f\u00fchlte man sich st\u00e4ndig schlecht, weil man eigentlich mehr machen m\u00fcsste. Damals fiel mir auf dem Nachhauseweg regelm\u00e4ssig ein, was ich eigentlich noch h\u00e4tte tun m\u00fcssen. Es war sehr schwierig abzuschalten.<\/p>\n<p>Nachdem ich diese Abteilung verlassen habe, haben auch alle meine fr\u00fcheren Kolleg*innen gek\u00fcndigt oder auf eine anderen Station gewechselt. Die Spitalleitung nimmt die Bed\u00fcrfnisse des Pflegepersonals \u00fcberhaupt nicht ernst. W\u00e4hrend man f\u00fcrs Management sch\u00f6ne neue Geb\u00e4ude baut, wird das Pflegepersonal \u00fcberhaupt nicht in die Entscheidungen eingebunden.<\/p>\n<p><strong>S: Wir w\u00fcrdest du deine aktuelle Arbeitssituation beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>R: Auf dem Notfall ist die Situation sehr unterschiedlich. Es gibt Schichten, in denen wir st\u00e4ndig zu tun haben. Wir sind dann 8,5 Stunden auf den Beinen, kommen fast nicht dazu, auf die Toilette zu gehen oder etwas zu trinken. An ganz schlimmen Tagen machen wir auch nur 15 Minuten Pause, damit die Kolleg*innen nicht allzu stark ins Rotieren kommen. Gleichzeitig gibt es auch in ruhigeren Zeiten fast nie Momente, in denen wir nichts zu tun haben.<\/p>\n<p>Im vorletzten Winter gab es eine sehr grosse und anstrengende Influenzawelle. Danach hat man in unserer Abteilung kurzerhand einige Stellen gestrichen. In der Folge haben dann nochmals mehrere Leute gek\u00fcndigt, weil sie das nicht vertretbar fanden. Das waren alles Pfleger*innen mit langj\u00e4hriger Erfahrung. Daraufhin hat die Spitalleitung verstanden, dass es keine gute Idee war und die Entscheidung r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht. Das Personal musste sich aber zuerst wehren, indem viele Pfleger*innen die Stelle verlassen haben.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr diese Stellenk\u00fcrzungen sind die Fallpauschalen, die das Spital zu st\u00e4ndigen Sparmassnahmen zwingen. Vor allem die Notfallstation hat ein st\u00e4ndiges Defizit. Hinzu kam, dass auch der Kanton die Ausgaben gek\u00fcrzt hatte und das Spital f\u00fcr die Notfallstation deshalb eine doppelte Sparrunde vornehmen musste.<\/p>\n<p><strong>S: Welche Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen werden aktuell gestellt?<\/strong><\/p>\n<p>R: Momentan gibt es Forderungen zur aktuellen Situation: gen\u00fcgend Schutzausr\u00fcstung, keine 12,5 Stunden Schichten, keine Ferienstopps, Gefahrenzulagen usw.<\/p>\n<p>Langfristige Forderungen w\u00e4ren ein Stopp der Sparmassnahmen, Stopp von Privatisierungen, keine Fallpauschalen, keine Ausgliederungen von Spit\u00e4lern, mehr Pflegepersonal sowie mehr Lohn f\u00fcr Pflegende \u2013 also ganz grunds\u00e4tzlich ein Stopp der \u00d6konomisierungstendenzen.<\/p>\n<p><em>*Name von der Redaktion ge\u00e4ndert.<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><em><a href=\"https:\/\/sozialismus.ch\/artikel\/2020\/gesundheit-ich-fuerchte-mich-vor-allem-vor-der-zeit-danach\/\">sozialismus.ch&#8230;<\/a> vom 19. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon vor der Corona-Krise arbeitete das Gesundheitspersonal unter schlechten Bedingungen und war chronisch \u00fcberlastet. 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