{"id":7619,"date":"2020-04-20T12:11:48","date_gmt":"2020-04-20T10:11:48","guid":{"rendered":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7619"},"modified":"2020-04-20T12:11:50","modified_gmt":"2020-04-20T10:11:50","slug":"die-wahren-seuchen-sind-soziale-ungleichheit-kapitalismus-und-imperialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=7619","title":{"rendered":"Die wahren Seuchen sind soziale Ungleichheit, Kapitalismus und Imperialismus"},"content":{"rendered":"<p><em>Klaus Engert.<\/em> <em>Im \u201eDecamerone\u201c, dem ber\u00fchmtesten Werk Giovanni Boccaccios bildet die Pestepidemie von 1348 die Rahmenhandlung. In der Vorredet zu dem Buch schreibt der Autor:\u00a0\u201eIch sage also, da\u00df seit der heilbringenden Menschwerdung<!--more--> des Gottessohnes eintausenddreihundertachtundvierzig Jahre vergangen waren, als in die herrliche Stadt Florenz, die vor allen andern in Italien sch\u00f6n ist, das t\u00f6dliche Pest\u00fcbel gelangte, welches \u2013 entweder durch Einwirkung der Himmelsk\u00f6rper entstanden oder im gerechten Zorn \u00fcber unseren s\u00fcndlichen Wandel von Gott als Strafe \u00fcber den Menschen verh\u00e4ngt \u2013 einige Jahre fr\u00fcher in den Morgenlanden begonnen, dort eine unz\u00e4hlbare Menge von Menschen get\u00f6tet hatte und dann, ohne anzuhalten, von Ort zu Ort sich verbreitend, jammerbringend nach dem Abendlande vorgedrungen war.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Seit dem ist die Wissenschaft in der Ursachenforschung zwar deutlich weitergekommen, stoppen konnte sie jedoch bisher das periodische Auftreten von Epidemien und Pandemien nicht. Die derzeitige SARS COVID19-Pandemie war ebenso wenig zu verhindern wie seinerzeit die Pest oder die Pocken, auch wenn vor dem Auftreten derartiger Ausbr\u00fcche bereits vor Jahren gewarnt wurde (s. unten).<\/p>\n<p><strong>Warum ist die (medizinische) Bek\u00e4mpfung des Coronavirus so schwierig?<\/strong><\/p>\n<p>Das hat nicht nur einen einzigen Grund:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Erstens<\/strong>handelt es sich um eine neuartige Viruserkrankung, die nach allen bisher verf\u00fcgbaren Erkenntnissen als Zoonose (Erkrankung von Tieren) begann und dann auf den Menschen \u201e\u00fcbersprang\u201c. Deshalb gibt es keine nat\u00fcrliche Immunit\u00e4t \u2013 sie muss erst erworben werden.<\/li>\n<li><strong>Zweitens<\/strong>weist das Virus einen \u2013 soweit wir derzeit wissen \u2013 eher niedrigen Manifestationsindex auf. Das ist der Index, der beschreibt, wie viele der mit dem Virus infizierten Personen auch tats\u00e4chlich erkranken. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass die derzeitigen Zahlen an positiv getesteten Personen mit zehn bis zwanzig multipliziert werden m\u00fcssen, um die reale Zahl an Virustr\u00e4gern zu erhalten. Ca. 80\u00a0% der Infizierten weisen keine oder allenfalls leichte Symptome auf \u2013 sind aber nat\u00fcrlich trotzdem ansteckend. (Zum Vergleich: Das Pockenvirus, das bis zu seiner Ausrottung in der Geschichte f\u00fcr zahlreiche verheerende Epidemien weltweit verantwortlich war, hatte einen Manifestationsindex von ann\u00e4hernd 100\u00a0%, so dass klar war, wer infiziert war, und wer nicht.)<\/li>\n<li><strong>Drittens<\/strong>sind die Erkrankungssymptome, insbesondere bei den nur leicht Erkrankten, sehr unspezifisch und \u00e4hneln denen anderer Erk\u00e4ltungskrankheiten wie der Grippe, eines banalen Reizhustens (oder auch den Symptomen einer Malaria, was die L\u00e4nder des globalen S\u00fcdens betrifft). Auch hier gibt es einen entscheidenden Unterschied zu Pest oder Pocken: Hier waren die Symptome eindeutig und auch sichtbar, die Diagnosestellung entsprechend einfach.<\/li>\n<li><strong>Viertens\u00a0<\/strong>gibt es bisher weder einen wirksamen Impfstoff, noch eine wirkliche Behandlung \u2013 letzteres trifft \u00fcbrigens auf die meisten Viruserkrankungen zu. Die Behandlung besteht derzeit im Prinzip in Symptomkuriererei, auch bei der k\u00fcnstlichen Beatmung wird nur versucht, das Lungenversagen zu verhindern, bis das Immunsystem mit dem Virus selber fertiggeworden ist.<\/li>\n<li><strong>F\u00fcnftens<\/strong>konnten aus den oben genannten Gr\u00fcnden die Betroffenen erst nach Entwicklung eines zuverl\u00e4ssigen Testverfahrens zweifelsfrei identifiziert werden, wobei die Testkapazit\u00e4ten immer noch bei weitem nicht ausreichen.<\/li>\n<li><strong>Und, last but not least, hat sechstens<\/strong>die Verfasstheit einer Gesellschaft entscheidenden Einfluss auf die Bek\u00e4mpfungsm\u00f6glichkeiten und die Ausbreitung \u2013 doch dazu weiter unten mehr.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Aus epidemiologischer Sicht bleiben in einer solchen Situation nur zwei Optionen, die derzeit sozusagen kombiniert angewendet werden: Die Identifizierung und Isolierung der potentiell Infizierten, um die Ansteckungskette zu unterbrechen einerseits, also Quarant\u00e4ne, und das Hoffen auf die Entwicklung einer sogenannten Herdenimmunit\u00e4t andererseits, bis ein wirksamer Impfstoff und\/oder ein wirksames Medikament auf dem Markt ist\/sind. Herdenimmunit\u00e4t bedeutet, grob gesagt, eine Verteilung von Immunit\u00e4t, die eine Population vor neuen Infektionen sch\u00fctzt. Man geht davon aus, dass zum Erreichen dieses Punktes etwa 60 bis 70\u00a0Prozent der Bev\u00f6lkerung immun, also mit dem Virus in Kontakt gekommen sein m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die erstere Option (die der Quarant\u00e4ne) wird derzeit in mehr oder weniger gro\u00dfem Umfang wahrgenommen: Selbstisolierung, Ausgangssperren usw. usf. Wirklich beenden kann man aber die Pandemie damit nicht, das gelang bisher nur bei Erkrankungen, bei denen (siehe oben) aufgrund der eindeutigen Erkennbarkeit so gut wie alle Betroffenen identifiziert und isoliert werden konnten.<\/p>\n<p>Der inh\u00e4rente Widerspruch zur zweiten Option besteht darin, dass sich eine schnelle Herdenimmunit\u00e4t (immer vorausgesetzt, dass die Infektion eine mehr oder weniger lange Immunit\u00e4t hinterl\u00e4sst, was man derzeit noch nicht wei\u00df, was aber nach Erfahrungen mit \u00e4hnlichen Viren wahrscheinlich ist) nur erreichen l\u00e4sst, wenn man der Pandemie ihren Lauf l\u00e4sst, das hei\u00dft, eben nicht isoliert. Das ist dann allerdings naturgem\u00e4\u00df mit einer hohen Zahl an Toten verbunden, auch wenn bei genauer Analyse der entsprechenden Daten (und unter Ber\u00fccksichtigung der weiter oben erw\u00e4hnten Dunkelziffer) die Sterblichkeit im Vergleich zu anderen Viruserkrankungen wie etwa Ebola eher niedrig ist und (nach pers\u00f6nlicher Meinung des Autors) prozentual nicht sehr viel h\u00f6her als die der j\u00e4hrlich auftretenden Influenza sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Diese Ansicht wird dadurch gest\u00fctzt, dass die Sterblichkeitsrate in den verschiedenen L\u00e4ndern stark schwankt und dies mit der Anzahl an durchgef\u00fchrten Tests korreliert: In Deutschland werden derzeit weltweit die meisten Tests durchgef\u00fchrt (wenn auch l\u00e4ngst nicht genug, um genauere Zahlen betreffend Infektiosit\u00e4t, Morbidit\u00e4t und Mortalit\u00e4t zu bekommen, bessere Daten sind erst nach Abschluss der derzeit laufenden Stichprobenuntersuchungen, u.\u00a0a. in M\u00fcnchen, zu erwarten), und gleichzeitig ist die Sterblichkeitsrate deutlich niedriger als anderswo. Aber da im Gegensatz zur Influenza in der Bev\u00f6lkerung keinerlei Immunit\u00e4t gegen COVID19 besteht, w\u00e4ren die absoluten Zahlen tats\u00e4chlich sehr hoch. Nehmen wir einmal an, 60\u00a0% der Deutschen w\u00fcrden sich infizieren und die derzeitige Mortalit\u00e4tsrate von ca. 1,5\u00a0% (in Deutschland) w\u00fcrde sich best\u00e4tigen, so h\u00e4tten wir es mit 720\u00a0000 Opfern zu tun. Bei einer Mortalit\u00e4tsrate von 0,1\u00a0% bis 0,2\u00a0%, wie sie bei den Influenzaf\u00e4llen angenommen wird, w\u00e4ren es immerhin noch 48\u00a0000 bis 96\u00a0000 Sterbef\u00e4lle.<\/p>\n<p>\u00dcber die allgemeine Maskenpflicht wird \u00fcbrigens unter Epidemiologen aufgrund des eben angesprochenen Widerspruchs auch heftig gestritten. Unter dem Gesichtspunkt der Herdenimmunit\u00e4t und unter Ber\u00fccksichtigung des sehr unterschiedlichen Erkrankungsrisikos der verschiedenen Altersgruppen w\u00e4re ein gezielter Schutz nur der entsprechenden Risikogruppen unter Umst\u00e4nden zielf\u00fchrender.<\/p>\n<p>Aber die derzeitige Strategie ist eine andere: Es handelt sich um den Versuch, die Ausbreitung des Virus, die man aus den genannten Gr\u00fcnden nicht verhindern kann, so zu verlangsamen, dass man einerseits Zeit f\u00fcr die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gewinnt (daran und auch an Schnelltestverfahren wird heftig gearbeitet, garantieren sie doch hohe Profite) und andererseits die Belastung des in einigen Regionen bereits kollabierenden Gesundheitssystems, das in den letzten Jahren kaputtgespart wurde, m\u00f6glichst in Grenzen h\u00e4lt.<\/p>\n<p><strong>Kapitalismus und Pandemie<\/strong><\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df des bisher Erl\u00e4uterten k\u00f6nnte man zu dem Schluss kommen, dass es sich bei der innerhalb weniger Wochen den gesamten Globus betreffenden Seuche um ein schicksalhaftes Geschehen handele. Das ist nur teilweise richtig. Sieht man einmal von den in derartigen F\u00e4llen regelhaft grassierenden Verschw\u00f6rungstheorien ab, die ja auch schon zu Zeiten der HIV- und Ebolaepidemie verbreitet wurden (bei Boccaccio war es der Zorn Gottes, heute sind es in geheimen Labors \u2013 wahlweise der CIA oder Israels \u2013 gez\u00fcchtete Viren, neuestens die Strahlung des neuen Mobilfunkstandards\u00a0\u2026), so bleibt dennoch festzustellen, dass die Entstehung der Pandemie, die Probleme bei der Bek\u00e4mpfung und insbesondere die exorbitante Geschwindigkeit, in der das Virus sich ausbreitet, nicht ohne einen Rekurs auf die aktuelle Verfasstheit der globalen \u00d6konomie \u2013 vulgo: den Kapitalismus \u2013 zu verstehen sind.<\/p>\n<p>Was die\u00a0<strong>Entstehung<\/strong>\u00a0betrifft, so hat in der\u00a0<em>TAZ<\/em>\u00a0vom 31.3. die Biologin Simone Sommer von der Universit\u00e4t Ulm, die sich dort schwerpunktm\u00e4\u00dfig seit 2014 mit \u201eEcohealth\u201c besch\u00e4ftigt, zu Recht darauf hingewiesen, dass in stark gest\u00f6rten \u00d6kosystemen mit geringer Biodiversit\u00e4t Epidemien wahrscheinlicher werden \u2013 und damit auch eine Mutation, also ein genetischer Wandel eines Erregers, durch den er von einem Wildtier, z.\u00a0B. der Fledermaus, die an ihn angepasst ist, \u00fcber die Artgrenze auf den Menschen \u00fcberspringen kann. Auf dieser Beobachtung beruht auch die Warnung von Leuten wie Bill Gates, der bereits 2015 warnte, dass neue Pandemien unmittelbar bevorst\u00fcnden. Die fortschreitende Umweltzerst\u00f6rung durch die Zurichtung des Globus unter dem Gesichtspunkt der Kapitalverwertung mit der Folge des Artensterbens ist eine der Ursachen f\u00fcr die Entstehung von Seuchen wie der derzeitigen.<\/p>\n<p>Aber auch die Massentierhaltung beg\u00fcnstigt derartige Ph\u00e4nomene, wie wir es seinerzeit bei der sog. Schweinegrippe erlebt haben, denn die \u00dcberschreitung von Artengrenzen findet nicht nur zwischen Tier und Mensch, sondern auch zwischen verschiedenen Tierspezies statt (einmal abgesehen davon, dass es sich beim Menschen letztendlich auch nur um eine Wirbeltierspezies handelt\u00a0\u2026). Die einzelnen Bestandteile des Schweinegrippevirus beispielsweise stammten von einem nordamerikanischen Schweine-Influenzavirus, dem Virus einer nordamerikanischen Vogel-Influenza, einem menschlichen Influenzavirus und einem Schweine-Influenzavirus aus Eurasien, das bis dahin in den USA nicht aufgetreten war. Ernstzunehmende Hinweise deuteten darauf hin, dass das Virus in einem Gebiet in Mexiko entstanden war, in dem nicht nur riesige Schweine-, sondern gleichzeitig auch Gefl\u00fcgelfarmen beheimatet sind.<\/p>\n<p>Was nun die Probleme bei der\u00a0<strong>Bek\u00e4mpfung<\/strong>\u00a0angeht, so d\u00e4mmert es inzwischen selbst den gl\u00fchendsten Verfechtern einer globalisierten kapitalistischen \u00d6konomie, dass die zentralisierte Produktion von medizinischem Material in Billiglohnl\u00e4ndern wie Indien und China \u2013 sei es Verbrauchsmaterial wie Masken und Schutzkleidung oder seien es Medikamente und Impfstoffe \u2013 zwar hervorragend zur Profitmaximierung geeignet ist, aber in Zeiten einer Pandemie ein hohes Risiko darstellt: 80\u00a0% der Produktion von diesem Material fand bisher in China statt und jede zweite Impfdosis weltweit kommt aus Indien. Der r\u00fchrende Versuch, mit der Ver\u00f6ffentlichung von Bastelanleitungen f\u00fcr Masken in allen Boulevardmedien Abhilfe zu schaffen, illustriert die Hilflosigkeit der nationalstaatlichen Beh\u00f6rden gegen\u00fcber den ganz normalen Mechanismen der internationalen Kapitalverwertung und ihren Konsequenzen. Nebeneffekte im Rahmen der laufenden Pandemie waren, nebenbei gesagt, auch bei Medikamenten zu verzeichnen, die nichts mit der Bek\u00e4mpfung des Coronavirus zu tun haben, da in dem hauptbetroffenen Gebiet Wuhan auch einige der gr\u00f6\u00dften Pharmafabriken angesiedelt sind, die einen erheblichen Teil der Grundstoffproduktion f\u00fcr die ganze Welt durchf\u00fchren. (Ob allerdings aus den aktuellen Ank\u00fcndigungen, die Produktion wieder zu dezentralisieren, etwas wird, sobald der Pulverdampf verflogen sein wird, darf bezweifelt werden.)<\/p>\n<p>Die\u00a0<strong>Ausbreitungsgeschwindigkeit<\/strong>\u00a0einer Epidemie oder Pandemie ist von mehreren Faktoren abh\u00e4ngig, im Wesentlichen von folgenden: Zum einen nat\u00fcrlich von der Kontagiosit\u00e4t eines Erregers, d.\u00a0h. davon, wie leicht oder schwer ein Erreger auf den verschiedenen, jeweils erregertypischen Infektionswegen \u00fcbertragen werden kann. Nicht alle Bakterien oder Viren sind gleich ansteckend, nicht alle werden direkt von Mensch zu Mensch weitergegeben. Einige Erreger werden nur durch intensiven Kontakt \u00fcbertragen, wieder andere sind dagegen so hochansteckend, dass schon ein Aufenthalt im selben Zimmer f\u00fcr eine Infektion ausreicht. Das Pockenvirus beispielsweise konnte bis zu einer Distanz von 20 Metern auf dem Luftweg eine Infektion ausl\u00f6sen. Zum zweiten spielt allerdings eine Rolle, wie wahrscheinlich es ist, dass eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Menschen mit dem Erreger in Kontakt kommt. Und da w\u00e4ren wir beim Problem der Mobilit\u00e4t. Die globale Ausbreitung der kapitalistischen Produktionsweise ist nicht nur mit einem rasanten Wachstum der Bev\u00f6lkerung und einer Verdichtung derselben in st\u00e4dtischen Zentren (was f\u00fcr die \u00dcbertragung von Krankheiten auch eine gro\u00dfe Rolle spielt), sondern mit einer ebenso exorbitant zunehmenden Mobilit\u00e4t verbunden. Dabei gibt es zum einen die zwangsweise Mobilit\u00e4t (Landflucht, Migration, Vertreibung, Wanderarbeit etc.), und zum anderen die sozusagen freiwillige in Form des Massentourismus. Hinzukommt die Mobilit\u00e4t des Warenverkehrs. (Mit den \u00f6kologischen Folgen dieses Prozesses soll sich an dieser Stelle nicht befasst werden, aber hinzuweisen ist darauf insofern, als die Umweltzerst\u00f6rung durch Ausbau der entsprechenden Verkehrsinfrastruktur zu dem rasanten Artensterben erheblich beitr\u00e4gt und damit, wie weiter oben erw\u00e4hnt, das Auftreten von Pandemien wie der derzeitigen beg\u00fcnstigt.) Pandemien, auch wenn sie es schon in vergangenen Jahrhunderten gab, breiteten sich damals im Vergleich zu heute eher langsam aus, h\u00e4ufig blieb eine Epidemie \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum auf ein bestimmtes Gebiet begrenzt, wenn nicht zus\u00e4tzliche Faktoren zu einer abrupt erh\u00f6hten Mobilit\u00e4t f\u00fchrten \u2013 das waren in der Regel Kriege.<\/p>\n<p>Um zusammenfassend einen ber\u00fchmten Satz von Max Horkheimer zu paraphrasieren: Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch von Pandemien schweigen.<\/p>\n<p><strong>Pandemie, Rassismus und der globale S\u00fcden<\/strong><\/p>\n<p>Der Hype um die Coronapandemie ist nicht durch die absoluten Zahlen an Erkrankten und Verstorbenen zu erkl\u00e4ren. Machen wir einmal eine fiktive Rechnung auf: Vorausgesetzt, das Virus breitet sich ohne jegliche Ma\u00dfnahmen zur Eind\u00e4mmung global ungehindert bis zum Erreichen der sogenannten Herdenimmunit\u00e4t (<a href=\"https:\/\/intersoz.org\/die-wahren-seuchen-sind-soziale-ungleichheit-kapitalismus-und-globalisierung\/#herdenimmunitaet\">s.\u00a0o<\/a>.) aus, dann m\u00fcssten sich bei einer derzeitigen Weltbev\u00f6lkerung von 7,75 Milliarden Menschen mindestens 4,65 Milliarden infizieren. Geht man von einer Sterblichkeit von 2\u00a0% aus, w\u00fcrden 93 Millionen weltweit versterben, bis die Pandemie sozusagen \u201eausgetrocknet\u201c w\u00e4re. Bei einer Sterblichkeit wie bei der der Influenza (0,2\u00a0%) w\u00e4ren es immerhin noch 18,6 Millionen. Das w\u00e4re, wohlgemerkt, der worst case, der nur dann eintreten w\u00fcrde, wenn zum einen keinerlei Ma\u00dfnahmen ergriffen und zum anderen in absehbarer Zeit weder Impfstoffe noch Medikamente entwickelt w\u00fcrden \u2013 also eher unwahrscheinlich, denn es werden derzeit weltweit Billionen von Dollar in die Bek\u00e4mpfung der Pandemie samt deren wirtschaftlicher Folgen gepumpt.<\/p>\n<p>Derzeit (Stand: 7.4.2020) haben wir es demgegen\u00fcber seit Ausbruch der Pandemie innerhalb von 4\u00a0Monaten mit ca. 1,4 Millionen Infizierten und 82\u00a0000 Todesf\u00e4llen zu tun. Auch wenn diese Zahlen, insbesondere was das subsaharische Afrika betrifft, bezweifelt werden m\u00fcssen (es gibt z.\u00a0B. kaum Testkapazit\u00e4ten, in Nigeria z.\u00a0B. derzeit neun Labore f\u00fcr 200 Millionen Einwohner), sollte man \u2013 ein Schelm, wer B\u00f6ses dabei denkt \u2013 einmal die Anstrengungen und den Mitteleinsatz, die gegenw\u00e4rtig betrieben werden, mit denen betreffend andere globale Massenerkrankungen vergleichen.<\/p>\n<p>Die Infektionskrankheit mit der weltweit h\u00f6chsten Sterblichkeit ist nach wie vor die Tuberkulose. Laut dem WHO-Tbc-Bericht von 2020 starben im Jahr 2018 1,2 Millionen Menschen an der TBC, die HIV-negativ waren, und zus\u00e4tzlich 251\u00a0000 HIV-positive Personen.<\/p>\n<p>An der Malaria starben zwischen 2010 und 2018 weltweit 4,26 Millionen Menschen, also im Schnitt 500\u00a0000 im Jahr \u2013 24\u00a0% davon allein in Nigeria (und davon waren 67\u00a0% Kinder im Alter von unter 5 Jahren). Infiziert hatten sich laut WHO 2018 ca. 228 Millionen Menschen, damit lag (und liegt) die Sterblichkeit bei knapp \u00fcber 0,2\u00a0%.<\/p>\n<p>Die beiden genannten Erkrankungen haben drei Dinge gemein: Erstens sind sie eigentlich gut behandelbar, zweitens treffen die Todesf\u00e4lle in erster Linie die arme Bev\u00f6lkerung und drittens sind sie vorwiegend im globalen S\u00fcden beheimatet. Die Malaria ist seit etwa 1950 in Europa ausgerottet, die TBC betrifft, von Russland abgesehen, wo sie wieder zunimmt, ebenfalls vorwiegend den S\u00fcden; weit \u00fcberwiegend Afrika.<\/p>\n<p><strong>Beispiel Malaria:<\/strong><\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"453\" src=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/malaria.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7620\" srcset=\"https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/malaria.jpg 1024w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/malaria-300x133.jpg 300w, https:\/\/maulwuerfe.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/malaria-768x340.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n<p>Der Grund, warum die Coronapandemie eine solche Aufregung verursacht, liegt schlicht darin, dass die industrialisierten Staaten des Nordens von ihr betroffen sind. Solange Erkrankungen auf die armen Staaten des S\u00fcdens beschr\u00e4nkt bleiben, werden nicht ann\u00e4hernd vergleichbare Anstrengungen unternommen, um sie unter Kontrolle zu bringen. Die globale Solidarit\u00e4t und das \u201ewir sind eine Welt\u201c wird erst dann beschworen, wenn es denen, die an der Armut der anderen profitieren, an den Kragen zu gehen droht. Die Weltgesundheitsorganisation WHO muss jedes Jahr um das Geld betteln, das f\u00fcr den Kampf gegen Malaria, TBC und andere eigentlich behandel- und verhinderbare Erkrankungen in den Regionen des S\u00fcdens gebraucht wird \u2013 vergleicht man das mit den Summen, die jetzt gegen die Folgen der Pandemie eingesetzt werden, sind das tats\u00e4chlich Peanuts. Und gleichzeitig drohen Leute wie Trump dann noch mit der Einstellung der Zahlungen an die WHO. Darin liegt die rassistische Komponente der derzeitigen Seuchenbek\u00e4mpfungsstrategie.<\/p>\n<p>Und es kommt noch etwas hinzu: Der eingangs angesprochene eingeschlagene Weg der Eind\u00e4mmung hat f\u00fcr unterschiedliche Regionen und auch konkret f\u00fcr die betroffenen Individuen ganz unterschiedliche Auswirkungen. In den L\u00e4ndern des S\u00fcdens versucht man derzeit, die Rezepte, die im Norden angewendet werden, zu kopieren, d.\u00a0h. Grenzschlie\u00dfungen, Ausgangssperren und Schlie\u00dfung von Gesch\u00e4ften. Der Unterschied ist, dass kein Geld f\u00fcr flankierende Ma\u00dfnahmen da ist (oder, wenn es da ist, nicht ausgegeben wird). In L\u00e4ndern, in denen es bei der \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit der Bev\u00f6lkerung keine Absicherung gegen Arbeitslosigkeit gibt, ein gro\u00dfer Teil im informellen Sektor arbeitet und praktisch keine finanziellen R\u00fccklagen bilden konnte, f\u00fchrt eine solche Strategie ins (noch gr\u00f6\u00dfere) Elend. Allein in Lagos\/Nigeria arbeiten von 20 Millionen Einwohnern 5 Millionen Menschen als Tagel\u00f6hner, und all die im informellen Bereich t\u00e4tigen Stra\u00dfenh\u00e4ndler, Taxifahrer usw. leben mit ihren Familien ebenfalls von der Hand in den Mund. Die aktuelle Ausgangssperre beraubt sie jeglichen Einkommens. Das wird unweigerlich nicht nur zu Hunger f\u00fchren, sondern auch zu vermehrter Kriminalit\u00e4t und vermutlich zu (stellenweise bereits zu beobachtenden) sozialen Unruhen. Die un\u00fcbersehbare Pr\u00e4senz des Milit\u00e4rs auf den Stra\u00dfen von Lagos und in L\u00e4ndern wie S\u00fcdafrika, Uganda oder Kenia, wo es im Rahmen der Durchsetzung der Ausgangssperre bereits mehrere Todesopfer gab, zeigt, dass die Regierungen sich der Gefahr durchaus bewusst sind.<\/p>\n<p>Angesichts dieser Sachlage ist die Frage nicht unberechtigt, ob nicht im Endeffekt in solchen L\u00e4ndern mehr Menschen an den Risiken und Nebenwirkungen der Bek\u00e4mpfungsma\u00dfnahmen sterben werden, als an der Pandemie selbst. Dazu wird es aber mit Sicherheit keine vom Robert Koch Institut oder der Johns Hopkins University t\u00e4glich upgedateten Zahlen mit h\u00fcbschen Tabellen geben.<\/p>\n<p>Damit will ich es genug sein lassen und als Schlusssatz den des Giovanni Boccaccio aus seiner Vorrede zum \u201eDecamerone\u201c zitieren:<\/p>\n<p><em>\u201eEs schmerzt mich, so lange bei solch gro\u00dfem Elend zu verweilen.\u201c<\/em><\/p>\n<p><em>Quelle: <\/em><a href=\"https:\/\/intersoz.org\/die-wahren-seuchen-sind-soziale-ungleichheit-kapitalismus-und-globalisierung\/\"><em>intersoz.org&#8230;<\/em><\/a><em> vom 20. April 2020<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Klaus Engert. Im \u201eDecamerone\u201c, dem ber\u00fchmtesten Werk Giovanni Boccaccios bildet die Pestepidemie von 1348 die Rahmenhandlung. 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