{"id":763,"date":"2015-10-22T09:55:26","date_gmt":"2015-10-22T07:55:26","guid":{"rendered":"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=763"},"modified":"2015-10-22T11:22:21","modified_gmt":"2015-10-22T09:22:21","slug":"althusser-und-die-lektion-des-staates","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=763","title":{"rendered":"Louis Althusser und die Lektion des Staates"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor 25 Jahren starb der franz\u00f6sische Philosoph Louis Althusser 72 j\u00e4hrig. Sein Beitrag zur marxistischen Theoriebildung ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie man es nicht machen sollte. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><strong>Ideologie konstituiert nach Althusser Individuen zu politischen Subjekten per Aufforderung, zielgerichtete Handlungen im Leben zu tun. Seine Schrift \u00bbIdeologie und ideologische Staatsapparate\u00ab ist vermutlich die einzige von einiger Bedeutung. Er bereitete eher der Postmoderne den Weg, als dass er den Marxismus voranbrachte.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ab den 1970er Jahren entstanden neue Theoriebildungen im Umfeld des Marxismus, die die neuen Formen\u00a0 der Eingliederung der linken Protestpotentiale in die Konsensmechanik des b\u00fcrgerlichen Staates tr\u00f6stend begleiten sollten \u2013 mit einer ver\u00e4chtlichen Geste gegen\u00fcber der Arbeiterklasse. Diese hatte die Klassenk\u00e4mpfe in den 1960er und 1970er Jahren getragen und befand sich fortan wieder in einem R\u00fcckzug &#8211; \u00fcberw\u00e4ltig von den neuen Formen der Offensive des internationalisierten\u00a0 Kapitals zur Vertiefung der Warenform im Arbeits- und Lebensprozess der breiten Massen. Auf dieser Grundlage der neuen Bedingungen suchten die Apparate der Sozialdemokratie und der Kommunistischen Parteien nach M\u00f6glichkeiten einer Fortsetzung der Politik der Klassenzusammenarbeit. F\u00fcr die Kommunistischen Parteien wurde die entsprechende theoretische Arbeit insbesondere durch Louis Althusser, f\u00fcr die Sozialdemokratie durch J\u00fcrgen Habermas geleistet. Beiden Konzeptionen ist gemeinsam, dass der Staat gegen\u00fcber den Klassenk\u00e4mpfen eine Autonomie besitzt. Diese kann durch linke politische Kr\u00e4fte genutzt werden, um diesen durch eine innere Kolonialisierung zu erobern und dann die gew\u00fcnschten Ver\u00e4nderung \u2013 z.B. eben die Brechung der Austerit\u00e4tspolitik \u2013 einzuleiten. Das <\/strong><strong><a href=\"http:\/\/maulwuerfe.ch\/?p=709\">griechische\u00a0 Syriza-Debakel <\/a><\/strong> <strong>\u00a0hat &#8211; nebst tausenden von anderen und \u00e4lteren Beispielen \u2013 erneut aufgezeigt, wie gef\u00e4hrlich diese Illusion ist.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Detlef Kannapin ist Filmhistoriker und lebt in Berlin. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter f\u00fcr Medienbildung im Bundestag. Dieser Beitrag wurde in der Jungen Welt vom 22. Oktober 2015 ver\u00f6ffentlicht. [<em>Redaktion maulwuerfe.ch<\/em>]<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/strong><\/p>\n<p><em>Detlef Kannapin. <\/em>Als der franz\u00f6sische Strukturalist Louis Althusser am 22. Oktober 1990 72j\u00e4hrig in Paris starb, war auch die Selbstabschaffung des Sozialismus beinahe schon vollst\u00e4ndig vollzogen. Sein Tod ging mehr oder weniger ger\u00e4uschlos im allgemeinen Taumel beginnender \u00bbTransformation\u00ab des Fortschrittszeitalters in der \u00c4ra des anhebenden \u00bbEndes der Geschichte\u00ab unter. Die unfreiwillige Mitarbeit an jenem \u00bbEnde\u00ab mit Hilfe seiner theoretischen Konstruktionen d\u00fcrfte Althusser jedoch kaum bewusst gewesen sein. Auch als 1992 posthum noch zwei autobiographische Texte von ihm erschienen, waren Bekanntheit und fr\u00fcherer Ruhm h\u00f6chstens noch einigen verstockten Restlinken, wenigen euphorisierten Studentenzirkeln und den professionellen Frankreich-Kennern der Philosophiegeschichte gegenw\u00e4rtig. Allenfalls die von ihm begangene omin\u00f6se Tat des Erdrosselns seiner Ehefrau am 16. November 1980, die sp\u00e4tere Behauptung Althussers, er k\u00f6nne sich an dieses Ereignis \u00fcberhaupt nicht mehr erinnern, sowie das Wissen um langj\u00e4hrige psychische St\u00f6rungen waren immer mal wieder eine Schlagzeile wert.<\/p>\n<p>Inzwischen hat, auch unter dem Eindruck vermehrter Anstrengungen zur ad\u00e4quaten theoretischen Erfassung der Gegenwart, eine eigent\u00fcmliche und durchaus \u00fcberraschende Wiedererschlie\u00dfung (Renaissance w\u00e4re sicher zu viel) des Werks von Louis Althusser im deutschen Sprachraum stattgefunden. Seit 2010 werden in der Herausgeberschaft von Frieder Otto Wolf sukzessive die Gesammelten Schriften Althussers, neu \u00fcbersetzt und zum Teil erweitert, neuver\u00f6ffentlicht. Erschienen sind bislang die drei \u00bbKlassiker\u00ab von Althusser, \u00bbF\u00fcr Marx\u00ab und \u00bbDas Kapital lesen\u00ab (beide 1965) sowie in zwei Halbb\u00e4nden \u00bbIdeologie und ideologische Staatsapparate\u00ab (1969\/70) und \u00bbDer \u00dcberbau\u00ab (1969). Folgen sollen noch die philosophiehistorischen Portr\u00e4ts, verteilte Schriften zur Psychoanalyse, der Komplex zur Krise des Marxismus aus den 1970er Jahren und gegebenenfalls eine Reihe von Sp\u00e4tschriften. Au\u00dferhalb dieser Edition gibt es noch einen Band mit Aufs\u00e4tzen aus den 1980er Jahren unter dem Titel \u00bbMaterialismus der Begegnung\u00ab, die deutlich Althussers Abkehr von fr\u00fcheren Positionen markieren und gleichzeitig die vollst\u00e4ndige Isolation seiner Theorie von der urspr\u00fcnglichen politischen Praxis bezeugen. Dass die Einsamkeit des Philosophen gegen Ende seines Lebens auch das Eingest\u00e4ndnis des Scheiterns seiner Theorie war, lag gewisserma\u00dfen bereits in der strukturalistischen Lesart bestimmter Texte und der strukturalistischen Interpretation der Wirklichkeit begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Trotzdem kommt der slowenische Philosoph Slavoj \u017di\u017eek zu folgender aktueller Einsch\u00e4tzung (als Klappentext der Neuauflage von \u00bbF\u00fcr Marx\u00ab): \u00bbLouis Althusser ist der gro\u00dfe Abwesende der gegenw\u00e4rtigen linken Theorie: Obwohl sein Name nur selten erw\u00e4hnt wird, sind die von ihm gepr\u00e4gten Begriffe \u00fcberall zu finden \u2013 von der \u00dcberdetermination bis zu den ideologischen Staatsapparaten. Es ist an der Zeit, ihn dorthin zur\u00fcckzuholen, wo er hingeh\u00f6rt: in den Mittelpunkt unserer theoretischen K\u00e4mpfe.\u00ab Dass es sich hierbei um eine ma\u00dflose \u00dcbertreibung handelt, l\u00e4sst sich an fast allen Beitr\u00e4gen von Althusser studieren.<\/p>\n<p><strong>Marx-Lekt\u00fcren <\/strong><\/p>\n<p>Althussers Eintritt in das marxistische Theoriegeb\u00e4ude war mit der Aufsatzsammlung \u00bbF\u00fcr Marx\u00ab verbunden, einer relativ losen Zusammenstellung verschiedener Texte aus den Jahren 1960 bis 1964 \u00fcber philologische Einzelprobleme der Werke von Karl Marx. Aufsehen erregte dabei vor allem sein Vorwort, das suggerierte, er, Althusser, habe nunmehr den authentischen Marx gefunden, da dieser ja vorher infolge der \u00dcberformung durch Leninismus und Stalinismus unkenntlich gewesen sei. Au\u00dferdem habe es bislang in Frankreich (bis 1965) \u00fcberhaupt keine seri\u00f6se Auseinandersetzung mit Marx und dem Marxismus gegeben, weshalb jetzt anhand der Begriffe Struktur, \u00dcberdeterminierung und Humanismus die eigentliche wissenschaftliche Arbeit erst beginne. Das war schlichtes Handwerksklappern f\u00fcr die eigene Exklusivit\u00e4t, denn man konnte solcherlei nur behaupten, wenn man unterschlug, was bis dahin von Henri Lefebvre, Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty, Raymond Aron, Lucien S\u00e8ve sowie (\u00fcber die Kontextroute Hegel) von Alexandre Koj\u00e8ve zum Thema Marx gesagt und geschrieben worden war.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wartete Althusser mit der \u00bbEntdeckung\u00ab auf, wonach es zwischen den Jugendschriften von Marx (bis 1845) und den reiferen Werken (ab 1845) einen erkenntnistheoretischen (\u00bbepistemologischen\u00ab) Einschnitt gegeben habe, der die Schriften in eine ideologische und eine streng wissenschaftliche Phase teile und man eigentlich nur im \u00bbreifen\u00ab Marx den wahren, also den des \u00bbKapitals\u00ab, entschl\u00fcsseln k\u00f6nne. Auch hier wurde die \u00bbErkenntnis\u00ab mit einer Irref\u00fchrung erkauft, n\u00e4mlich der, Marx h\u00e4tte sich, je \u00e4lter er wurde, immer weiter von Hegel entfernt. Das Gegenteil war nat\u00fcrlich der Fall: Das Gesamtwerk von Marx besa\u00df und besitzt in seiner absoluten Konsequenz und in seiner Kontinuit\u00e4t die unwiderlegbare Tendenz, die Widerspr\u00fcchlichkeit zwischen den Behauptungen der Vertreter des Kapitals und den objektiven Tatsachen des Kapitalprozesses insgesamt blo\u00dfzulegen. Hegelsche Dialektik und Hegelsche Logik durchziehen die Kritik der politischen \u00d6konomie bei Marx in jeglicher Hinsicht, was nat\u00fcrlich dem Anti-Dialektiker Althusser, trotz seiner h\u00e4ufigen Benutzung der Vokabel \u00bbDialektik\u00ab, ein Dorn im Auge sein musste.<\/p>\n<p>Schon 1963 war bei Althusser der Strukturalismus vor die Analyse der realen Zusammenh\u00e4nge getreten, wie nachstehende Definition von der \u00bbUngleichheit der Urspr\u00fcnge\u00ab im Verh\u00e4ltnis zum \u00bbmarxistischen Widerspruch\u00ab zeigt: \u00bbDie spezifische Differenz des marxistischen Widerspruchs liegt in seiner \u203aUngleichm\u00e4\u00dfigkeit\u2039 oder \u203a\u00dcberdetermination\u2039, die in sich ihre eigenen Existenzbedingungen reflektiert, n\u00e4mlich als die spezifische Struktur der Ungleichm\u00e4\u00dfigkeit (mit Dominante) des immer-schon-gegebenen komplexen Ganzen, die dessen Existenz ausmacht.\u00ab Entkleidet vom strukturalistischen Vokabular w\u00fcrde das hei\u00dfen: Widerspr\u00fcche wirken ungleichm\u00e4\u00dfig, m\u00fcssen auf ihre Ursachen zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, und diese Ursachen strukturieren die Widerspr\u00fcche. Eigentlich also ein Hohlspiegel ohne Marx, in der Absicht, Hegel und Luk\u00e1cs zu entsorgen, und mit wieder erinnertem Heidegger (Existenz) und vorweggenommenem Derrida (Differenz). Nichts \u00fcbrigens ist so \u00fcberfl\u00fcssig wie die Aufforderung, eine realistische Analyse der gesellschaftlichen Grundlagen an die \u00bbReflexion\u00ab ihrer eigenen Voraussetzungen zu binden. Man w\u00fcrde dann nie fertig und auch gar nicht zum Witz der Sache vordringen.<\/p>\n<p>Das war, auf Basis derart angelegter falscher Pr\u00e4missen, auch der Grundfehler der unter Althussers Leitung konstruierten Abstraktionsspirale mit dem Titel \u00bbDas Kapital lesen\u00ab. F\u00fcr das in der vollst\u00e4ndigen \u00dcbersetzung 750 Seiten starke Konvolut wurde zwar in Anspruch genommen, dass es eine Lekt\u00fcreanleitung des Marxschen Hauptwerkes abgebe, im Resultat stellte es sich aber eher als eine Hervorbringung strukturalistischer Spekulation heraus. Speziell Althussers Oszillationen um einen erst herauszuarbeitenden \u00bbErkenntniseffekt\u00ab im \u00bbKapital\u00ab verhindern einen direkten Zugriff auf die an sich schon nicht wenig abstrakte Argumentation von Marx und verf\u00fchren kaum dazu, \u00bbDas Kapital\u00ab auch wirklich anzufassen. Das alles mutet statt dessen wie eine Vorstudie zu den sp\u00e4teren Diskursanalysen \u00e1 la Foucault an. Die Bedeutung von \u00bbDas Kapital lesen\u00ab entspricht deshalb bei Marx in etwa den nicht zur Ver\u00f6ffentlichung bestimmten \u00bbTheorien \u00fcber den Mehrwert\u00ab (1861\u201363), die Marx lediglich als Systematisierung seines Studienmaterials betrachtete. Sofern man diesen Stellenwert missachtete und zugleich Stationen des Forschungsprozesses als das Ergebnis ausg\u00e4be, tr\u00e4fe f\u00fcr \u00bbDas Kapital lesen\u00ab das zu, was der US-amerikansiche Historiker Howard Zinn von den \u00bbTheorien \u00fcber den Mehrwert\u00ab sagte: Es sind drei B\u00e4nde, \u00bbdie Sie wahrscheinlich umbringen werden\u00ab. Es ist also mitnichten so, wie der Herausgeber Frieder Otto Wolf glaubt, dass Althussers Marx-Lekt\u00fcren auf eine \u00bbgrunds\u00e4tzliche Herrschafts\u00fcberwindung\u00ab abzielen, sondern durch ihren Modus der Ablenkung vielmehr der strukturalistischen Zementierung von Herrschaft dienen.<\/p>\n<p><strong>Lenin und die Philosophie <\/strong><\/p>\n<p>Ungleich spannender wurde Althussers Ausflug zu Lenin in einem 1968 gehaltenen Vortrag vor der \u00bbFranz\u00f6sischen Gesellschaft f\u00fcr Philosophie\u00ab. In der Diskussion \u00fcber Lenins Intervention auf philosophischem Gebiet konnte er, ohne sein theoretisches Modell als solches in Frage stellen zu m\u00fcssen, zumindest zwei wesentliche Aspekte herausarbeiten, die auch heute noch einige Bedeutung besitzen:<\/p>\n<p>Erstens begriff Lenin als erster, dass philosophische Fragestellungen eine bestimmte Erscheinungsform, Fortsetzung und Wiederholung der Politik sind. F\u00fcr sogenannte Fachphilosophen wirkte und wirkt diese objektive Erkenntnis nat\u00fcrlich unertr\u00e4glich, was sich \u00fcber ein Jahrhundert hin an der akademischen H\u00e4me gegen\u00fcber Lenins \u00bbMaterialismus und Empiriokritizismus\u00ab (1908) nachzeichnen lie\u00dfe.<\/p>\n<p>Zweitens wurde durch Lenin bewusst gemacht, dass die Philosophie die Politik im theoretischen Bereich repr\u00e4sentiert, und dass umgekehrt die Philosophie auch die Wissenschaftlichkeit (oder deren Notwendigkeit \u2013 D.K.) in der Politik repr\u00e4sentiert. Die Beziehungen dieser Repr\u00e4sentationen h\u00e4tten durchaus das Potential gehabt, in einer dialektischen Synthese weiterentwickelt zu werden. Das theoretische Fundament lag bei Lenin selbst, und die Heranziehung seiner \u00bbPhilosophischen Hefte\u00ab (insbesondere dort seine Rezeption von Hegel) w\u00e4re f\u00fcr eine Theorie des Verh\u00e4ltnisses von Marxismus und Philosophie \u00e4u\u00dferst erhellend gewesen.<\/p>\n<p>Es ist aber bezeichnend, dass Althusser trotz seiner Beteuerungen, gerade diesem Verh\u00e4ltnis theoretisch auf die Spur kommen zu wollen, nie den Weg weiter verfolgt hat. An Lenin interessierte ihn der Materialismus, den er auch noch mechanisch als Wesen und Grundlage aller Denkprozesse (bzw. gegen Endes seines Lebens als aleatorischen, in der Symptomatik vom Zufall abh\u00e4ngenden) interpretierte und nicht die Dialektik, die ihm und seinem Publikum \u00fcberdies zu einer praxisn\u00e4heren \u00bbKapital\u00ab-Lekt\u00fcre verholfen h\u00e4tte. Immerhin erweist sich der Zusammenhang von Philosophie und Politik weiterhin als genuin, was den Blick frei macht f\u00fcr die Gr\u00fcnde, warum in der geistigen Arena des gegenw\u00e4rtigen Sp\u00e4timperialismus Konzepte der Totalit\u00e4t ein Schattendasein fristen, w\u00e4hrend analytische Philosophie und ph\u00e4nomenologischer Relativismus institutionelle Dankbarkeit erfahren.<\/p>\n<p><strong>Ideologische Staatsapparate <\/strong><\/p>\n<p>Der mit Abstand bekannteste Text von Althusser ist \u00bbIdeologie und ideologische Staatsapparate\u00ab. In der Zeit seines Erscheinens 1969\/70 galt er als Offenbarung der franz\u00f6sischen Linken zu Fragen von Staat und Ideologie. Allerdings enth\u00e4lt er neben recht simplen Herleitungen wie der, wonach die Reproduktion der Arbeitskraft au\u00dferhalb der Produktionssph\u00e4re stattfindet, einen v\u00f6llig unpr\u00e4zisen Ideologiebegriff, der zwischen einer wissenssoziologischen Neutralisierung und Lenins \u00bbsozialistischer Ideologie\u00ab oszilliert. Die implizite Ablehnung des so aufgefassten Ideologiebegriffs als gesellschaftlich notwendig falsches Bewusstsein, der aus den Resultaten von Verdinglichung und Entfremdung (Marx, Luk\u00e1cs) hervorgegangen ist, verstellt dabei den Blick auf die Tatsache, dass Ideologie immer im Verh\u00e4ltnis zu Wahrheit, Realit\u00e4t und Vernunft definiert werden muss. Anders k\u00f6nnte man ansonsten keine Entscheidung dar\u00fcber treffen, was aus gesellschaftlicher Perspektive als gesichertes Wissen gelten kann. Auch wenn Althusser zurecht auf die materielle Existenz der Ideologie insistiert, so darf man auf keinen Fall vergessen, dass ihre Artikulationsformen den geistigen Bereich betreffen und das Bewusstsein beeinflussen sollen. Dar\u00fcber hinaus war diese These zum Zeitpunkt ihrer franz\u00f6sischen Ver\u00f6ffentlichung beileibe nicht neu, denn schon zwei Jahre vorher hatte der Situationist Guy Debord in seiner \u00bbGesellschaft des Spektakels\u00ab von der \u00bbmaterialisierten Ideologie\u00ab der totalen Warenwirtschaft gesprochen, die ein \u00bbfalsches antidialektisches Bewusstsein\u00ab hervorrufen und zur Ausschaltung jedweder ver\u00e4ndernden politischen Praxis f\u00fchren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Verweis Althussers auf die materielle Existenz der Ideologie leitet dann aber zu der wirklich wesentlichen Erkenntnis \u00fcber, dass sich die materielle Basis der Ideologie im Staat befindet, sie also sozusagen als \u00bboberste Reproduktionsinstanz\u00ab in den Staat eingepflanzt ist. Die Apparateform etabliert sich als institutioneller Rahmen (\u00bbRealit\u00e4ten spezialisierter Institutionen\u00ab) und wird damit zum komplexen Ausdruck der geistigen Herrschaft einer Klassengesellschaft. Ideologische Staatsapparate sind Kirche, Schule, Familie, Rechtsprechung, Parteien und Interessenverb\u00e4nde, Medien und Kultur, die im Unterschied zum repressiven Staatsapparat (Armee, Polizei), der vorwiegend auf Gewalt basiert, \u00bbdurch den R\u00fcckgriff auf Ideologie funktionieren\u00ab. Die richtige Lokalisierung der Ideologie im Staat zwingt nun unweigerlich zur theoretischen Durchdringung des Staates in allen seinen Herrschafts- und Regierungsformen. Das ist die eigentliche Lektion des Staates: Er erf\u00fcllt in der kapitalistischen Gesellschaft die wichtigsten allgemeinen Steuerungsfunktionen und wird somit zum Hauptort aller gesellschaftlichen K\u00e4mpfe. Es handelt sich daher beim Staat um die \u00bbmaterielle Verdichtung eines gesellschaftlichen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses\u00ab, wie der griechisch-franz\u00f6sische Marxist Nicos Poulantzas in Anlehnung an und in Abgrenzung von Althusser festhielt.<\/p>\n<p>Ideologie konstituiert Individuen zu politischen Subjekten \u00fcber das Verfahren der \u00bbAnrufung\u00ab. Das muss man sich einerseits recht prosaisch vorstellen, wie im Sinne eines Befehls zum Stehenbleiben auf der Stra\u00dfe durch eine Autorit\u00e4tsperson, andererseits jedoch als bewusstseinsleitende Aufforderung, zielgerichtete Handlungen im gesellschaftlichen Leben zu tun, zu lassen, einzu\u00fcben oder sich abzugew\u00f6hnen, wobei die Bandbreite der Lenkungsinstanzen von der Tradition (dem Todfeind jeder revolution\u00e4ren Umw\u00e4lzung) bis hin zur k\u00fcnstlichen Leitbild- und Bed\u00fcrfniserzeugung reicht. Althusser beschreibt den Vorgang als solchen zutreffend, l\u00e4sst die Urheber und Akteure der \u00bbAnrufung\u00ab aber merkw\u00fcrdig im dunkeln, womit die Handelnden hinter der f\u00fcr ihn typisch abstrakten Fassade der Terminologie verschwinden. Sicherlich sind die Apparatehaftigkeit der Ideologie und die Metapher von der Anrufung von elementarer Stichhaltigkeit f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis institutionalisierter ideologischer Mechanismen, eine empirisch-praktische Erkl\u00e4rung des Verfahrens und der Wirkungsweise von Ideologie findet indes nicht statt.<\/p>\n<p><strong>Ungeschichtlicher Unsinn <\/strong><\/p>\n<p>Die Angriffsfl\u00e4chen, die Althussers Auslegung des Marxismus f\u00fcr die realit\u00e4tsgerechte Weiterentwicklung einer emanzipatorischen Gesellschaftstheorie anbot, waren von Anfang gegeben. Am meisten irritierte sofort die alles durchdringende strukturale Methode, die der Modewelle von damals geschuldet war und in grunds\u00e4tzlicher Art und Weise Teile der Geistes- und Sozialwissenschaften aus Gr\u00fcnden des verfehlten Ansatzes schon rein theorieimmanent zum Widerstreit animierte. Die meisten der fr\u00fchen Kritiken enthielten daher bereits viele gravierende und g\u00fcltige Einw\u00e4nde gegen Althusser.<\/p>\n<p>Der sp\u00e4tere Wissenschaftshistoriker Hans-J\u00f6rg Rheinberger identifizierte zum Beispiel in seiner Magisterarbeit von 1973 \u00fcber Althussers Auffassung der marxistischen Erkenntnistheorie, dass die Begrifflichkeit in dessen Universum unsauber ist und insbesondere der Begriff des Widerspruchs in den Untersuchungen zum \u00bbKapital\u00ab \u00fcberhaupt nicht vorkommt. Vielmehr scheint laut Rheinberger \u00bbWiderspruch\u00ab bei Althusser ein \u00bbblo\u00dfer Name f\u00fcr gegliederte Struktur zu sein\u00ab. Tats\u00e4chlich ist Widerspr\u00fcchlichkeit die entscheidende wissenschaftliche Kategorie zur Erfassung antagonistischer Klassenkonstellationen, egal wie versch\u00fcttet ihre Artikulationsformen erscheinen. Alles andere liefe auf die Akzeptanz einer pr\u00e4stabilierten Harmonie oder auf einen systemtheoretischen Gleichgewichtszustand hinaus. Insofern war Althussers Modell offenkundig noch nie dialektisch, was Rheinberger in einem Interview von 2011 schlie\u00dflich noch einmal best\u00e4tigte.<\/p>\n<p>Zu einer Generalabrechnung mit Althusser setzte 1974 sein ehemaliger Sch\u00fcler und Mitautor von \u00bbDas Kapital lesen\u00ab, Jacques Ranci\u00e8re, an, als er in einer Monographie dessen s\u00e4mtliche Theoriebausteine (Orthodoxie, Politik, Philosophie, Geschichte) analysierte und zu dem Schluss kam, dass keiner der Grunds\u00e4tze von Althusser einer theoretischen und praktischen Pr\u00fcfung standhalten w\u00fcrde. Weil sich die politische Gro\u00dfwetterlage nicht den \u00dcberzeugungen der westlichen kommunistischen Parteien entsprechend entwickelt hatte, musste man (und so vollzog es Althusser) \u00bbdie Rationalit\u00e4t der politischen Praxis au\u00dferhalb dieser Praxis wiederfinden, theoretische L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme <em>erfinden<\/em>, f\u00fcr die die politische Praxis keinen Ausweg zeigte: Die R\u00fcckkehr zu Marx, die Autonomie der theoretischen Praxis, die Theorie der Autonomie der Instanzen, all dies war die Suche nach einer L\u00f6sung \u2013 <em>von oben<\/em> \u2013 f\u00fcr die revisionistische Krise.\u00ab Nur wenige Zeilen weiter hei\u00dft es bei Ranci\u00e8re, dass die Althussersche Theorie m\u00f6glicherweise als moderne Form der Utopie beschrieben werden kann, \u00bbals Substitut f\u00fcr die Selbstbefreiung, an die man nicht mehr glaubt. Was vielleicht erkl\u00e4ren w\u00fcrde, warum dieses anspruchsvolle Forschungsprogramm im wesentlichen nur zu scholastischen Kompilationen gef\u00fchrt hat. Seine wichtigste Wirkung bestand sicherlich in seiner eigenen Verk\u00fcndung. Es handelte sich weiterhin nicht um eine Waffe zur Ver\u00e4nderung der Welt, sondern um ein Rezept, um sie zu nterpretieren.\u00ab H\u00e4tte dieses Buch nicht vierzig Jahre auf seine \u00dcbersetzung ins Deutsche warten m\u00fcssen (auch eine englische gab es erst 2011), w\u00e4re ohne Umschweife eine Reihe von Mythen \u00fcber Althussers strukturalistische Intervention schon l\u00e4ngst Gegenstand der Historisierung.<\/p>\n<p>Die moderne Form der Utopie war bei Althusser eine geschichtsvergessene. Das erkl\u00e4rte die ver\u00e4chtliche Heftigkeit, mit der der britische Sozialhistoriker Edward P. Thompson 1978 diese theoretischen Anwandlungen bedachte. Es ging ihm um die Position der einzigen Wissenschaft, die Marx und Engels akzeptierten, die der Geschichte. Thompson erinnerte daran, dass es einem Verrat am Marxschen Impetus gleichkam, wenn man wie Althusser \u00bbunhistorische Schei\u00dfe\u00ab in deren Namen auch noch als deren eigene urspr\u00fcngliche \u00dcberzeugung verkaufte. Althusser beschrieb nach Thompson \u00bbelaborierte Differentialumlaufbahnen im in sich geschlossenen Planetarium: die sich selbst entfaltende vorprogrammierte Entwicklungsfolge; die leicht ungleichgewichtigen Gleichgewichtsmodelle, in denen der Dissens ungl\u00fccklich durch fremde Korridore streift auf der Suche nach einer Auss\u00f6hnung mit dem Konsensus; die Systemanalysen und Strukturalismen mit ihren Drehmomenten und Zusammensetzungen; die anti-realen Fiktionen; die \u00f6konometrischen und cleometrischen Gleissysteme\u00ab. All diese Theorien folgten \u00bbvorprogrammierten Routen (\u2026) von einer statischen Kategorie zur n\u00e4chsten\u00ab, und seien damit ungeschichtlicher Unsinn. Vieles davon, was Rheinberger, Ranci\u00e8re und Thompson schon fr\u00fch kritisiert haben, ist heute gleichwohl unreflektierter Standard der sogenannten Gesellschaftswissenschaften.<\/p>\n<p>Der Hauptverdienst von Althussers Theorie liegt in der Konzentration auf den Staat in seiner Abhandlung \u00fcber die ideologischen Staatsapparate. Sofern dar\u00fcber hinausgehend in der politischen Theorie dar\u00fcber geredet worden ist, dass der Strukturalismus (und auch Althussers Anteil daran) zu theoretischen Erweiterungen im Marxismus gef\u00fchrt haben k\u00f6nnte, so ist dieser Auffassung eine klare Abfuhr zu erteilen. Louis Althusser ist eher einer der Ahnherren von Michel Foucaults Diskurstheorie und der dekonstruktivistischen Sinnzerst\u00f6rung der Theorie durch Jacques Derrida. Sein Beitrag zur marxistischen Theoriebildung wird jedenfalls als begrenzt eingesch\u00e4tzt werden m\u00fcssen und f\u00e4llt weitaus geringer aus, als die J\u00fcnger eines erhofften zeitgen\u00f6ssisch irrelevanten \u00bbEmergenzmaterialismus\u00ab zur Selbstregulation des sich leider doch als widerspr\u00fcchlich erweisenden sozialen Systems erahnen. \u00bbIn den Mittelpunkt unserer theoretischen K\u00e4mpfe\u00ab (\u017di\u017eek) geh\u00f6rt Althusser h\u00f6chstens als warnendes Beispiel, wie man es nicht machen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 25 Jahren starb der franz\u00f6sische Philosoph Louis Althusser 72 j\u00e4hrig. 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